Komm zurück zu mir!

von Amarice
GeschichteDrama / P12
Gabrielle Xena
28.12.2010
28.12.2010
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Komm zurück zu mir!


Ich mache einen Schritt auf das Licht zu.
Es ist silbern.
Grün.
Pink.
Ein Nebeneinander an Farben.
Es sieht schön aus.
Es fühlt sich gut an.
Ich fühle mich gut an.
Eine seltsame Leichtigkeit, Schwerelosigkeit umhüllt mich. Obwohl ich noch nie geflogen bin, bin ich mir sicher, dass es sich so anfühlen muss. Dass es sich so anfühlen muss, ein Vogel zu sein. Ein Adler, der königlich durch die Lüfte segelt.
Ich genieße es.
Nein, ich genieße es nicht nur, ich will es.
Ich will, dass es so bleibt.
Dass es für immer so bleiben wird.
Meine Beine bewegen sich wie von selbst auf das Licht zu.
Auf den Ausgang zu.
Den Ausgang des Tunnels, in dem ich mich befinde.
„Gabrielle!“
Ich erstarre.
Das bin ich.
Jemand ruft mich.
Einen Augenblick lang bin ich versucht, mich umzusehen.
Doch ich lasse es.
Das Licht verlangt nach mir.
Es zieht mich an und vielleicht sollte mir das Angst machen. Immerhin weiß ich nicht, wohin es mich führen wird.
Doch ich ahne, ich fühle, dass es ein guter Ort sein wird.
Ich muss nicht wirklich darüber nachdenken und mache einen weiteren Schritt auf das Ende des Tunnels zu.
„Bitte! Wach auf!“
Ich zucke zusammen.
Aufwachen?
Wovon?
Ich schlafe doch nicht.
Ich träume doch nicht.
Ich gehe.
Ich schwebe.
Ich bin ich und ich bin ganz.
Ich fühle mich gut.
„Wach auf und atme!“
Atmen?
Atme ich denn nicht?
Ich bin mir nicht sicher.
Doch es ist mir egal.
Ich fühle mich gut, so wie ich bin.
Ich brauche nicht zu amten.
Ich will weiter und ich gehe weiter.
„Du bist noch nie in deinem Leben vor etwas davongelaufen!“
Jetzt verharre ich.
Tue den Schritt nicht, den ich soeben gehen wollte.
Laufe ich davon?
Und falls ja –
Vor was?
Vor wem?
Etwas drängt mich dazu, mich umzusehen.
Etwas.
Ich kann dieses Etwas nicht definieren.
Vielleicht ist es bloße Neugierde.
Ich wende meinen Kopf.
Nur ein Stück.
Nur ganz leicht.
Doch es genügt.
Der Schmerz, der in all meine Glieder fährt, ist unerträglich.
Meine Hände fahren nach oben. Finger krallen sich in mein Haar.
Meine Beine verlieren ihr Gleichgewicht.
Ich schwanke.
Ich falle.
Aufhören!
Ich will wieder fliegen.
Bitte! Aufhören!
Ich robbe über den harten Boden, krieche ächzend in Richtung des Lichtes.
Bitte! Bitte, lass es auf…
Oh ja.
Sanft.
Ganz sanft.
Ganz sanft umhüllt es mich.
Das Licht.
Umfasst mich, berührt mich, liebkost mich.
Nimmt mir die Pein.
Hebt mich in die Lüfte.
Lässt mich schweben.
„Kämpfe!!!“
Ich tendiere nicht dazu, denselben Fehler zweimal zu machen.
Ich bin nicht dumm.
Doch die Worte lassen mich zu Stein werden.
Sind es die Worte?
Oder ist es nicht viel eher die Stimme?
Etwas an dieser Stimme ergreift mich.
Etwas an dieser Stimme sagt mir, dass nicht alles, das hinter mir liegt, Schmerz bedeutet.
Ich zögere.
Mein Fuß hängt schon in der Luft, bereit den nächsten Schritt zu tun.
Ich ringe mit mir selbst.
Kämpfe mit mir.
Treibe mich an.
Aber ich kann nicht.
Ich kann es einfach nicht.
Ich wende meinen Kopf.
Dieses Mal bin ich darauf vorbereitet.
Bin gefasst auf den Schmerz, der sich meiner bewältigt.
Ich beiße die Zähne zusammen und starre in die Dunkelheit.
Nichts.
Nichts als Schwärze.
Nichts als kalter Schmerz.
Nichts.
Ich habe mich wohl getäuscht.
Niemand wartet dort hinten auf mich.
Niemand außer der Pein.
Der Qual.
Die Stimme ist nichts als Illusion.
Ich wende mich ab.
Spüre, wie der Schmerz von mir abfällt, sobald ich das Licht fokussiere.
Hoffnungsvoll gehe ich voran.
Ich komme näher.
Näher und näher.
Der Lichtkegel öffnet sich für mich.
Friede umfängt mich.
Glück.
Ein Gefühl absoluter Zufriedenheit.
Ein Gefühl der Vollkommenheit.
Fast bin ich da.
Fast.
Nur noch wenige Schritte.
Vor mir mache ich eine Wiese aus.
Eine friedliche grüne Wiese mit wunderschönen Bäumen.
Und…
Ich lache freudig auf.
Dort stehen meine Großmutter, mein Onkel und… Telos.
Ich lächele und winke und gehe schneller.
Gleich bin ich bei ihnen.
Gleich.
Nur noch ein winziger Schritt.
Nur ein Katzensprung.
Nur noch…
„Wach auf, Gabrielle! Bitte wach auf! Wach auf!“
Ich halte inne.
Kurz bevor ich den schmalen Grad zwischen ihnen und mir überschreite, halte ich an.
Ich weiß nicht, warum ich das tue.
Habe ich mich nicht bereits davon überzeugt, dass hinter mir nur Schmerz liegt?
Schmerz und Dunkelheit und schwarze Kälte?
Ja, das habe ich.
Doch die Stimme berührt mich.
Wieder.
Wieder und wieder.
Irgendwo tief in mir drin berührt sie mich.
So sehr. So stark.
Und irgendwo tief in mir drin erwacht ein Wunsch.
Ein leiser Funken Wille.
Der Wille umzukehren.
Umzukehren?
Ich schüttele meinen Kopf.
Was soll das?
Vor mir liegt so viel Schönes.
So viel!
Nur noch ein Schritt und ich werde eintauchen in ein Paradies.
Ich bewege mein Bein.
Meine Zehen schweben bereits über dem Grad.
Ich recke mich hinein in das paradiesische Grün.
Gleich bin ich dort.
„Verlass mich nicht!“
Etwas schlägt gegen meine Brust.
Erschrocken schreie ich auf.
Wanke zurück.
„Du darfst mich nicht verlassen!“
Der zweite Schlag wirft mich zu Boden.
Wie ein Käfer liege ich auf dem Rücken unfähig mich aufzurichten.
Entsetzt starre in das Paradies vor mir.
Starre auf die bewegungslosen Gestalten meiner Großmutter, meines Onkels.
Warum regen sie sich nicht?
Warum reichen sie mir nicht die Hand?
Warum holen sie mich nicht zu sich?
Geh, Gabrielle. Geh!
Ich will doch gehen.
Ich will es doch.
Will zu ihnen gehen.
Geh fort von hier, Gabrielle.
Was?!
Was soll das?
Warum wollt ihr mich nicht?
Warum stoßt ihr mich von euch?
„Hörst du? Verlass mich nicht!“
Panik bewältigt sich meiner.
Meine Großmutter.
Mein Onkel.
Die Stimme.
Telos, der stumm lächelt.
Ein Chaos der Gefühle.
Ein Chaos der Gedanken.
Wohin?
Wohin mit mir?
Wohin?
Ich will hoch.
Will laufen.
Einfach nur laufen.
Doch die Schläge, die immer wieder auf mich einprasseln, lähmen mich.
Nein.
Das ist nicht wahr.
Es sind nicht die Schläge, die mich lähmen.
Ich weiß, dass ich einfach gehen könnte.
Ich müsste mich nur auf das Licht konzentrieren und könnte gehen.
Könnte fliegen.
Könnte hineinschweben in das Paradies.
Nicht die Schläge machen dies unmöglich.
Es ist die Stimme.
Mehr noch.
Heiß und kalt durchflutet es mich.
Ich fröstele.
Ich schwitze.
Ich kann etwas sehen.
Kann hinter mir etwas sehen.
Etwas anderes als Kälte.
Als Dunkelheit.
Ich kann sehen.
Ich sehe und begreife und werde gehalten.
Es sind Augen, die mich halten.
Eisblaue Augen.
Sanfte Augen.
Tiefe Augen.
„Aufwachen!“
Es sind Bilder, die mich halten.
Bilder von ihr.
Bilder einer Freundin.
Bilder einer Liebe.
„Aufwachen!“
Es ist eine Frau, die mich hält.
Die Frau, die mein Leben von Grund auf verändert hat.
Die Frau, für die ich bereit war und es immer sein werde zu sterben.
Die Frau, die mir alles gegeben hat und immer wieder geben wird.
„Wach auf!“
Eine Hand streckt sich nach mir aus.
Sie kommt nicht aus dem Licht.
Sie kommt aus der Schwärze.
Aus der Dunkelheit.
Aus dem Nichts.
Und mit einem Mal vergesse ich den Schmerz, der mich dort erwarten wird.
Ich vergesse die Qual. Die Pein.
Und ich hebe meinen Arm.
Ich ergreife die Hand.
Schließe meine Finger fest um sie.
Grüß Xena von mir, Gabrielle.
Ein Strudel des Lichts erfasst mich.
Stechender Schmerz durchfährt meine Glieder.
Keuchend bäumt sich mein Körper auf und dann….
Dann sehe ich sie.
Fühle sie.
Fühle, wie sie mich in ihren Armen einschließt.
Fühle eine Träne auf meiner Haut.
Fühle Schutz.
Geborgenheit.
Liebe.

Ich bin zu Hause.
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