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Sunset Over Imdahl

von Sharaku
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
24.12.2010
17.04.2011
8
18.990
 
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24.12.2010 1.018
 
Kapitel 1: Letzter von Tausend
Jahreszeit: Winter


Der Wind heulte um die steinernen Häuser, doch ich spürte die Kälte schon nicht mehr, die er mit sich trug. Stoßweise ging mein Atem und verursachte kleine Wölkchen. Dahinter war alles verlassen, egal, wie viel ich gerufen hatte, wie verzweifelt ich durch die Gassen gelaufen war. Keine Menschenseele befand sich mehr in der wie leergefegten Stadt, die langsam in einen strahlend hellen Mantel aus Schnee gehüllt wurde. Ich hatte es nicht gewagt, die Häuser zu betreten, aus Angst vor dem Bild, das sich mir bieten würde. Unheilvolle Luft wabberte durch die Straßen und raubte mir den Atem.
Ich sank auf die Knie. Der unberührte Schnee unter mir sank ein und bereitete mir ein wohliges Bett, in dem ich mich verkriechen wollte.
Einschlafen. Das war alles, was ich jetzt noch wollte. Einschlafen und nie mehr erwachen.

„Hey du! Was tust du hier?“, riss mich eine raue Stimme unsanft aus dem Halbschlaf, in den ich langsam dämmerte. Ich nahm meine letzten Kräfte zusammen und hob meinen Kopf, um zu sehen, wer da war.
Ein Mann mittleren Alters war durch das weit geöffneteTor der unbesiegbaren Festung geschritten und hatte sich einige Schritte vor mir aufgebaut. Er wirkte überrascht, mich zu sehen und ich hätte vermutet, dass er mir feindlich gesinnt wäre, wäre da nicht der besorgte Unterton seiner Stimme gewesen. Sein kurzes Haar war zerzaust und auf seinen Wangen spross ein Dreitagebart. Er sah aus, als wäre er in Eile, doch seine Zeit genügte scheinbar, um sich mit mir zu beschäftigen.

„Ich … wohne hier“, erwiderte ich kraftlos. „Oder eher wohnte. Die Pest … Ich habe … wollte … meine Mutter suchen …“ Ich schloss kurz die Augen. Meine Mutter. Sie hatte mich mit dem letzten Nacht-und-Nebel-Trupp aus der belagerten Stadt geschickt, damit sie mich in Sicherheit wähnen konnte. Doch als sich die Kunde der ausgebrochenen Pest herumgesprochen hatte, verbreitet von betrunkenen imperialen Soldaten, die es fröhlich in den Tavernen grölten, hatte es mich nicht mehr in der Ferne gehalten. Imdahl … Mein Imdahl. Schon als ich den Überrest des Zeltlagers gesehen hatte, waren mir Bedenken gekommen. Warum sollten die imperialen Truppen so einfach aufgeben? Aber nun wusste ich den Grund. Sie hatten wohl Angst vor der Krankheit, die die Stadt wie ein schrecklicher Fluch heimgesucht hatte.
Ein mitfühlender Ausdruck trat auf seine Züge. Was mochte er wohl sehen? Einen erschöpften, verzweifelten jungen Mann, der sich nichts mehr wünschte, als sich hier zwischen den Mauern seiner geliebten Heimat zu seinen dahingerafften Lieben zu gesellen? „Das tut mir leid. Aber du musst hier verschwinden. Die Krankheit schleicht noch durch die Luft wie ein tödlicher Schleier und wird dich töten, wenn du nicht bald gehst.“ Er ging zu mir und zog mich wieder auf die Beine. Als meine Knie wieder nachzugeben drohten, stützte er mich.
Doch ich schüttelte lediglich den Kopf, als er mir seinen dicken Mantel umlegen wollte. „Die anderen … Wo sind die, die noch leben? Bitte sagen Sie mir, dass diese Bastarde, die uns belagert haben, sie gehen ließen … Dass sie Erbarmen mit den Menschen dieser unglücklichen Stadt hatten …“

Der Mann zögerte, schüttelte dann aber langsam den Kopf. „Ich … denke nicht, dass jemand überlebt hat.“
Ich stöhnte leise und wand mich aus seinem helfenden Griff. „Nein … Das ist nicht wahr! Ich darf einfach nicht der letzte sein. Ich bin nicht der letzte!“
„Es tut mir leid.“ Seine Stimme klang aufrichtig, doch ich sträubte mich gegen die Vorstellung, die sie mir aufzwingen wollte.
„Warum bin ich nicht mit ihnen gestorben?“, schluchzte ich verzweifelt.
„Du musst hier verschwinden. Sonst ergeht es dir wie ihnen.“ Er versuchte wieder, mich festzuhalten, doch ich wich weiter zurück.
„Nein. Welchen Sinn hat es für mich noch, zu leben? Der letzte zu sein?“ Tränen traten mir in die Augen. „Sie sagen, meine Familie ist tot, meine Freunde sind tot, die Stadt, die mir mein ganzes Leben lang Heimat war, ist wie leer gefegt … Sparen Sie sich Ihre Kraft, um selbst von diesem verfluchten Ort zu verschwinden. Ich sehe keinen Grund mehr für mein Leben.“

Als ich in die verwinkelten Gassen der Stadt zurückwanken wollte, hielt mich der Mann zurück. „Warte, Junge!“
Ich hielt inne. „Was wollen Sie noch von mir? Ich werde nicht mit Ihnen kommen.“
Er zögerte kurz, schien mit sich selbst zu ringen. „Was wäre, wenn es einen Weg gäbe, dies alles hier ungeschehen zu machen?“
„Was soll das heißen?“, erwiderte ich misstrauisch. Ich bemerkte, dass sich der Ausdruck in seinen Augen verändert hatte. Mitleid war einem anderen Gefühl gewichen, doch ich konnte es nicht deuten.
„Wie heißt du, Bursche?“, fragte er mich statt einer Antwort.
„Lohn.“ Lass mich in Frieden!, schrie alles in mir, doch seine Worte hatten etwas in meinem Innersten berührt, ein Wunsch, der stärker war als alles andere, was ich gerade fühlte. Es ungeschehen machen … Aus diesem einzigen, verfluchten Alptraum zu erwachen.
Er nickte. „Also gut, Lohn. Ich gebe dir eine zweite Chance. Für dich sollte es leichter sein, als für mich. Gehe zur Statue, die hinter der Taverne steht. Du kennst sie sicherlich?“ Als ich mich nicht rührte, fuhr er fort: „Dort sollte das Tor offen stehen. Geh jetzt, Lohn. Geh und rette diese unselige Stadt vor ihrem sicheren Verderben.“

Der Mann wandte sich um und stapfte durch den Schnee davon. Ich blieb ratlos zurück. Tor? Welches Tor? In der Gasse hinter der Taverne befand sich kein Tor, lediglich die alte Statue einer einsamen Jungfrau, die mit steinernen Augen den Himmel absuchte.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Um genau zu sein hatte ich überhaupt keine Ahnung, wovon er überhaupt sprach. Aber was hatte ich zu verlieren? Wohin sollte ich gehen? Ich wusste es nicht. Die Worte des fremden Mannes hatten mich nachdenklich werden lassen. Ich glaubte nicht daran, aber ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht zumindest nachsehen würde, was genau er meinte. Und vielleicht … Ja, vielleicht gab es doch noch so etwas wie Hoffnung für mein geliebtes Imdahl.
Vielleicht geschah ja doch noch ein Wunder.

Auch wenn ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, machte ich mich mit einem neuen Funken Leben im Herzen auf den Weg.
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