Menschenkind

von Lilly
GeschichteMystery, Übernatürlich / P12
Bartimäus
23.12.2010
04.05.2012
11
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Ich hatte alles zigmal überprüft. Es war alles perfekt; das Pentagramm war ordentlich gezogen, ich passte gut in den Kreis ohne, dass ich bei einer überraschten Bewegung mein Leben riskieren würde und die Runen waren auch alle richtig.
Noch mal tief durchatmen, dachte ich und schaute auf die Zeilen der Beschwörungsformeln, die ich inzwischen eigentlich auswendig im schlaf vorwärts und rückwärts singen konnte. Trotzdem - es war meine erste Beschwörung und ich war aufgeregt wie ein kleines Mädchen vor ihrem ersten Date.
Nervös streichte ich mir eine Strähne meines dunkelbraunen Haares aus dem Gesicht.
"Reiß dich zusammen Ly!", murmelte ich schnaubend vor mich hin und schaute mich im Raum noch mal um.
Die schweren, grünen Vorhänge waren vor die verdreckten, alten Fenster gezogen, die auch sorgfältig geschlossen waren.
An der Wand links von mir stand ein Kleiderschrank, der wie ein staubiges Monstrum, das aus seinem ewigen Schlaf geweckt wurde, drohend bis zur Decke ragte und von dem muffig, süßen Duft von Mottenkugeln umgeben war.
Hinter mir stand ein Sessel, dessen abgeblichener Stoff nur mit Mühe die spitzen, rostigen Federn im Zaum hielt.
Hier saß ich nun; auf dem knirschenden Parkettboden, atmete die dichte, staubige Luft ein, die in diesem Zimmer gefangen war und fragte mich zum abertausendsten Male, ob das tatsächlich eine gute Idee währe den allmächtigen Dschinn, Bartimäus zu beschwören.
"Nein, Ly...das war von Anfang an keine gute Idee gewesen aber jetzt musst du da durch!", redete ich mir selbst in einem strengen Ton zu.
Meine Stimme klang stumpf und einsam hier, als währe ich ein Geist, der ewig hier gefangen war und schon mit sich selbst redete.
Ich schnaubte wieder.
Handeln! Nicht zu viel nachdenken, dachte ich und schaute entschlossen auf die erste Zeile im modrigen Buch, das ich auf dem Schoß hatte. Die Seiten waren dünn und gelb, die Buchstaben verblasst und von einer genervten, groben, aber doch Respekt erregender Handschrift.
Die unruhigen Flammen der Kerzen, die ich im Raum verteilt hatte ließen überall Schatten entstehen, die gehässig und launisch in das dumpfe Licht hineintanzten.
Der ganz Raum wirkte verblasst und vergessen, doch genau das beruhigte mich, denn er war nicht von den übertriebenen Kontrasten der Stadt geprägt, sondern viel eher wie eine verschwommene Schliere der Vergangenheit.
Ich konzentrierte mich und fing zögernd an laut zu lesen. Erst mit zitternder, dann mit immer fester werdender Stimme. Jedes Wort, auch wenn es noch so schwach in diesem Raum klang, war mir bekannt - ich hatte nichts zu befürchten.
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