Fahrkarte in die Hölle

von Robidu
GeschichteAbenteuer / P16
22.12.2010
29.09.2015
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Prolog I: Rückkehr nach Pandora

Anm. d. Verf.: Diese Geschichte berücksichtigt die Ereignisse aus den beiden One-shots „Abgestürzt!“ und „Im Auge Eywas“.



Faysawtute! Es gibt wohl kein Volk, das widersprüchlicher ist.
Sie halten sich selbst für die Krone der Schöpfung und bezeichnen uns als primitive Wilde, doch wenn man einmal genauer hinschaut, dann entpuppen sie sich selbst als unzivilisierte Barbaren, als Raubtiere, wie sie schlimmer nicht sein können. Von daher ist ihr Verhalten bis auf wenige Ausnahmen sehr bezeichnend: Wenn sie irgendetwas haben wollen, dann setzen sie alles daran, dieses Ziel zu erreichen, und alles, was ihnen dabei im Weg steht, wird entweder verjagt oder ausgelöscht. Mit Grausen erinnere ich mich noch an den Vorfall an unserem ursprünglichen
Kelutral, bei dem zahlreiche Omatikaya ihr Leben ließen, unter ihnen auch Eytukan, und der Rest des Clans seine Heimat verlor, und das nur, weil einige sawtute zu gierig waren. Aber letztlich hatte eben diese Gier ihre eigene Niederlage eingeleitet.

Als dann einige Jahre später erneut
sawtute hierher kamen, hatten wir schon das Schlimmste befürchtet, doch verlief die Begegnung vollkommen anders. So erfuhren wir erstmals von dem tatsächlichen Ausmaß der Probleme, die die sawtute auf ihrer Welt hatten, was wiederum unsere erste Vermutung bestätigte, daß sie selbst ihre Probleme erst heraufbeschworen hatten.
Von daher hatte ich zwar eine gewisse Ahnung, doch als ich vor etwa dreißig Jahren mit einigen weiteren Na'vi nach
'Rrta aufgebrochen bin, konnte ich noch nicht einmal ansatzweise erahnen, was mich dort tatsächlich erwartete...

–– Tsu'tey te Rongloa Atey'itan

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Verwirrt schlug Tsu'tey die Augen auf, als er erwachte, und desorientiert schaute er sich um. Wo bei Eywa befand er sich hier bloß?
Noch etwas schwerfällig bewegte er seinen Kopf hin und her, nur konnte er noch nichts erkennen. Dazu war seine Sicht noch viel zu verschwommen. Zudem konnte er Eywas Nähe nirgends spüren.
Auf jeden Fall wußte Tsu'tey schon mal soviel, daß dies hier weder seine Heimatwelt noch 'Rrta sein konnte. Auf der einen Seite fehlten die ausgedehnten Wälder seiner Heimat sowie der angenehme Geruch nach frischer Luft, Pflanzen und Erde, und auf der anderen Seite war der Gestank, der auf der Welt der sawtute allgegenwärtig zu sein schien, verschwunden. Überhaupt war die Luft vollkommen geruchlos.
Zudem schien ihn irgendetwas auf seiner Unterlage festzuhalten, was seinen Schwanz jedoch nicht daran hinderte, ein Eigenleben zu entwickeln, um das leichte Pendeln auszugleichen, in dem er sich wegen der Schwerelosigkeit und trotz der Fixierung befand.
Wieder schaute der Na'vi sich um, und dieses Mal hatte sich seine Sicht wenigstens so weit geklärt, daß er Konturen und Helligkeitsunterschiede erkennen konnte.
Von über ihm – so man denn in Schwerelosigkeit überhaupt von „oben“ und „unten“ reden konnte, aber der Einfachheit halber orientierte er sich an seiner eigenen Lage – fiel ein Lichtschein in den kleinen Raum, in dem Tsu'tey sich befand, und tauchte ihn in ein unwirkliches, bläuliches Licht.
Ein monotones, regelmäßiges, leises Piepsen drang an seine Ohren, welche sich zunächst aufstellten und dann hin und her schwenkten, als suchten sie die Quelle des Geräuschs, und wieder schaute der Na'vi sich um.
Schließlich erkannte er Kabel und Schläuche, die an verschiedenen Stellen seines Körpers befestigt waren, deren Zweck er jedoch bestenfalls erahnen konnte. Doch das klärte immer noch nicht die Frage, wie er hier hineingeraten war.
Als Tsu'teys Verstand jedoch langsam an Fahrt gewann, entsann er sich eines Gesprächs, das er mit Jake Sully geführt hatte, als es um eine Reisemöglichkeit nach 'Rrta ging, die ihn über drei Jahrzehnte von zu Hause fort führen sollte. Also mußte ihn irgendwer hier hineingeschoben... Und in diesem Augenblick entsann er sich wieder eines Gesichtes, das über ihm geschwebt hatte, kurz bevor sich die Kammer geschlossen hatte. Waren sie etwa nach Hause zurückgekehrt?
Just in dem Moment ging ein Ruck durch die Unterlage, als sich die Kryostasekammer mit einem Zischen öffnete.
Gleich darauf kniff Tsu'tey seine Augen zusammen, als er in die Lampe, die sich über der Kammer befand, blickte. Dieses kalte, blaustichige Licht war wirklich unangenehm! Warum konnten die sawtute hier kein angenehmeres Licht einsetzen? Schließlich hatten sie doch ungeahnte Möglichkeiten, da hätte sich eine solche Kleinigkeit doch mit Sicherheit bewerkstelligen lassen!
Als er seinen Kopf zur Seite drehte, erkannte er, daß einige weitere Kammern bereits geöffnet waren, aus denen weitere Na'vi herausschwebten, und so nach und nach öffnete sich der Rest ebenfalls, und Tsu'tey bemerkte noch mehr Na'vi, aber auch einige Menschen.
Das ließ nur den Schluß zu, daß er sich in der Tat in einem dieser riesigen Flugobjekte befand, mit denen das Himmelsvolk zwischen den Sternen reiste.

Dann kam auch schon ein komplett in Weiß gekleideter tawtute herangeschwebt und machte sich an den Gurten zu schaffen, die Tsu'tey auf der Unterlage festhielten. Im Vergleich zu dem Na'vi nahm sich der Mensch klein aus, und hätte er sich neben Tsu'tey gelegt, so hätte er ihm höchstens bis zur Taille gereicht.
„Sind wir zurückgekehrt,“ wollte der Na'vi wissen, woraufhin der tawtute nickte.
„Sind wir. Wir haben Pandora soeben erreicht.“
Pandora. Der Name, den die sawtute Eywas Welt gegeben hatten...
Unwillkürlich wurden Erinnerungen in dem Na'vi wach, die ihn kurzfristig das Gesicht verziehen ließen. Fünfundvierzig Jahre war es jetzt her, daß sie die sawtute von ihrer Welt vertrieben hatten, nachdem sie deren Vorhaben, den Baum der Seelen zu vernichten, vereitelt hatten. Daß es einmal passierte, daß die Himmelsmenschen die Na'vi, auf die viele von ihnen verächtlich herabgesehen hatten, um Hilfe baten, hatte kein einziger Na'vi jemals zu träumen gewagt, und wenn irgendwer etwas Gegenteiliges behauptet hätte, Tsu'tey hätte die Person schlichtweg für verrückt erklärt.
Und jetzt befand er sich hier an Bord eines Raumschiffes und näherte sich dem Ende seiner Reise, und er hatte eine Menge zu erzählen.
Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Die anderen Na'vi dürften garantiert große Augen machen...

Vorsichtig, um nach der fast sechsjährigen Kryostase wieder ein Gefühl für seinen Körper zu bekommen, stieß Tsu'tey sich von der Unterlage ab und schwebte in Richtung einer der Verstrebungen, an denen man entlanghangeln konnte. Nur hatte sein tswin dabei die äußerst unangenehme Eigenart, sich garantiert in alle möglichen und unmöglichen Richtungen zu bewegen, anstatt dort zu bleiben, wo er nicht störte, und nachdem er zum vierten Mal erfolglos versucht hatte das widerspenstige Organ zu bändigen, gab er frustriert auf.
Nach einem wenig begeisterten Blick auf den Block mit den Schränken wandte er sich ab und machte sich daran, sich zu den anderen Na'vi hinüberzuhangeln. Zwar hätte er jetzt etwas essen sollen, denn sein Magen knurrte wie ein ausgehungerter Palulukan, nur erinnerte er sich noch mit Grausen daran, was er weiland am Ende des Hinflugs in seinem Schrank vorgefunden hatte, und ihm verging der Appetit.
Essen in Tüten – widerlich! Und das bezeichnen die sawtute als Fortschritt! Unwillkürlich mußte Tsu'tey sich schütteln.
Dann mußte es eben so gehen. Abhilfe fände sich noch früh genug, sowie sie erst einmal wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Kameie ayngat,“ sagte Tsu'tey zu den übrigen Na'vi, die zwischenzeitlich ebenfalls ihre Kryostasekammern verlassen hatten und sich jetzt an einem Ende dieses Raumes – Tsu'tey fiel einfach kein passenderes Wort dafür ein – versammelten. Er mochte zwar mittlerweile mit einer ganzen Reihe Begriffe, die die sawtute verwendeten, etwas anfangen können, doch hier mußte er passen.
Die übrigen Na'vi erwiderten den Gruß und wandten sich wieder ihren jeweiligen Gesprächspartnern zu, mit denen sie sich zuvor schon unterhalten hatten.
Dabei entdeckte er Ninat unter den versammelten Na'vi. Rasch brachte er sich in Position, stieß sich von der Verstrebung ab und katapultierte sich so zu seiner Gefährtin hinüber, die sich gerade reckte und streckte.
„Ich hasse das,“ murmelte die Na'vi. „Ich fühle mich, als hätte mich eine Herde Talioang überrannt! Warum mußten die sawtute sich bloß eine solch umständliche Methode ausdenken, um uns mitzunehmen?“
„Das Problem ist, daß sie hier nicht genügend Raum für Vorräte hätten,“ erklärte Tsu'tey. „Wenn die das hätten erreichen wollen, dann wäre dieses Ding hier um ein Vielfaches größer, da sie ja genügend Vorräte hätten mitnehmen müssen. Wenn ich das noch richtig im Kopf habe, bedeutet mehr Gewicht zwangsläufig einen höheren Energieaufwand, um diesen Kasten in Bewegung zu versetzen, und dann wären wir höchstwahrscheinlich nirgendwohin geflogen. Und übrigens nehmen sie ihresgleichen auch auf die gleiche Art und Weise mit.“
Ninat brummte kurz. Zugegeben, ihr Gefährte hatte recht damit, doch deshalb mußte ihr das noch lange nicht gefallen.
„Und außerdem muß ich nicht mehr als unbedingt notwendig von deren Fraß zu mir nehmen,“ fuhr Tsu'tey fort und verzog das Gesicht. „Ich kann das Zeug einfach nicht mehr sehen!“
Alleine bei dem Gedanken an das, was die Himmelsmenschen so leichtfertig als Nahrung bezeichneten, wurde ihm ganz anders. Da konnte man doch bestenfalls raten, woher das Zeug kam und was sich alles darin befand. Mehr als nur ein Na'vi hatte sich daran den Magen verdorben, und Tsu'tey hätte sich nicht gewundert, wenn ihm der Fraß irgendwann wieder zu den Ohren herausgekommen wäre.
Nein, mit dem Zeug konnte er sich beim besten Willen nicht anfreunden, auch wenn man ihm wiederholt versichert hatte, daß es alle Nährstoffe enthielt, die ein Körper brauchte.
Das mag schon sein, aber wenn der Fraß einfach nur nach nichts schmeckt und zudem noch von solch talgiger Konsistenz ist, daß es einem den Magen umdreht, dann ist damit auch niemandem geholfen!
Yerik... Was gäbe er jetzt für ein schönes, saftiges, gut durchgebratenes Stück Yerikfleisch!
„Das ändert jedoch nichts daran, daß ich mich fühle wie eines der Fluggeräte der sawtute, um das sich zu lange niemand gekümmert hat,“ meckerte Ninat weiter. „Ich glaube, ich habe einen Krampf in meinen Beinen!“ Als die Sängerin versuchte ihre Beine zu bewegen, verzog sie das Gesicht.
Tsu'tey zog sich weiter zu seiner Gefährtin heran, hakte sich an einer der Verstrebungen fest und bedeutete Ninat anschließend, sich an einer der anderen Verstrebungen festzuhalten.
Dann machte sich Tsu'tey daran, vorsichtig den Fuß seiner Gefährtin vor- und zurückzubewegen, um anschließend mit ihren Beinen fortzufahren.
Langsam verlor sich ihr angespannter Gesichtsausdruck, und sie beruhigte sich wieder.

„Tsu'tey?“ Die Frage ließ den Na'vi aufhorchen, und suchend blickte er sich um.
Soeben kam ein anderer tawtute herangeschwebt und hielt kurz vor Tsu'tey und Ninat an. „Der Captain möchte Euch sprechen.“
Tasyätxaw ye'rìn,“ sagte der Na'vi zu seiner Gefährtin und nickte anschließend kurz. Diese wiederum schloß einmal kurz die Augen und wandte sich den übrigen Na'vi zu, während Tsu'tey hinter dem tawtute zu einer der Seitenwände des Raumes hinterherschwebte, in der sich in regelmäßigen Abständen Löcher befanden. Dahinter waren in regelmäßigen Abständen Sprossen zu sehen, die in beide Richtungen parallel zur Wand in eine Art Tunnel hineinführten. Der Himmelsmensch kroch soeben in eines der Löcher und kletterte nach links in den Tunnel hinein.
„Folgt mir,“ forderte der Mensch den Na'vi auf und zog sich weiter in die Röhre hinein.
Tsu'tey hingegen beäugte die Röhre mit einem gewissen Maß an Mißtrauen, doch dann zwängte er sich ebenfalls hinein, wobei ihm weitere Löcher auffielen, die offenbar in zwei weitere Passagiermodule führten, in denen sich weitere Na'vi versammelten.
Hoffentlich bleibe ich hier drin nicht noch stecken, dachte Tsu'tey mißmutig. Schließlich waren diese Gänge nicht wirklich für Na'vi ausgelegt, sondern eher für Menschen.
Zwar waren Na'vi nicht unbedingt dafür bekannt, unter Klaustrophobie zu leiden, dennoch fühlte er sich ziemlich unwohl und beengt in dem Gang. Wenigstens trug er keine Kleidung, mit der er sich hier irgendwo hätte verfangen können, insofern ließ sich das durchaus noch einigermaßen ertragen.
Schließlich weitete sich die Röhre zu einem zylindrischen Raum, und erleichtert atmete Tsu'tey auf. Wenigstens hatte er hier genügend Raum, um sich ohne Probleme bewegen zu können. Ein leises Rumpeln erfüllte den Raum, so als bewegte sich hier irgendetwas.
„Hier entlang,“ hörte er die Stimme des tawtute von der Wand des Raumes, doch aus irgendeinem Grund änderte sich langsam die Richtung, aus der sie zu hören war.
Verwundert schaute er in die Richtung, aus der er die Stimme zuletzt gehört hatte und bemerkte den Himmelsmenschen, dessen Kopf aus einem Loch in der Wand ragte, die sich langsam drehte. Sehr zu Tsu'teys Verwunderung befand sich auf der gegenüberliegenden Seite ein weiteres Loch.
Außerdem war eine recht umfangreiche Verstrebung zu erkennen, die sich von einem Ende des Raumes zum anderen fortsetzte, offenbar die Struktur, die das Segment mit dem Spiegelschild am Rest des Raumschiffs hielt und so für genügend Halt für die drehbar gelagerte Wand sorgte.
Rasch hangelte Tsu'tey sich zwischen den Verstrebungen hindurch, und hätte er sich ausgestreckt, so hätte er ohne Probleme die sich bewegende Wand berühren können, doch er wartete ab, bis das Loch, in das der tawtute verschwunden war, sich wieder näherte, drückte sich im passenden Moment von der Verstrebung ab und langte nach einem der Griffe in der Nähe des Lochs. Ein leichter Ruck ging durch Tsu'teys Körper, als der Griff ihn mitzog, und sogleich fühlte er, wie er leicht an die Wand gedrückt wurde. Rasch stieg er in das Loch hinein und folgte dem Himmelsmenschen, und je weiter er sich der Kapsel am Ende der Röhre näherte, umso schwerer fühlte er sich, und außerdem flog sein tswin nicht mehr wie wild in der Gegend herum, sondern baumelte wieder wie gewohnt hinter seinem Rücken herunter.

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Captain Jonathan Gates starrte auf den Monitor vor sich. Klar und deutlich hob sich der Mond Pandora von der in blauen bis violetten Tönen schimmernden Scheibe des Planeten Polyphemus, den er umkreiste, ab.
Dagegen wirkte das ISV Venture Star wie ein Staubkorn.
Noch hatten sie den Mond nicht erreicht, aber dennoch war die Besatzung bereits vollauf damit beschäftigt, die Reisenden aus der Kryostase zu holen und alles für den Transfer zur Oberfläche Pandoras vorzubereiten. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, da es sich hierbei um eine Standardprozedur für den Transfer von Passagieren und Material zwischen den ISVs und der Oberfläche der Erde respektive Pandoras handelte. Ungewöhnlich waren jedoch die Reisenden, die sie transportierten, und wenn früher irgendwer Jonathan gesagt hätte, daß er einmal Na'vi an Bord hätte, er hätte denjenigen einfach ausgelacht. Und jetzt waren sie hier, mit Na'vi und ihren fliegenden Reittieren an Bord.

Die Atmosphäre des Mondes war vollkommen klar, so daß man einen guten Blick auf dessen Oberfläche hatte, es sei denn, irgendwelche Wolkenformationen versperrten die Sicht. Die Meere erschienen in den verschiedensten Farbtönen von Blau, teilweise auch leicht grünstichig, und an den Polen waren mächtige Eiskappen zu sehen. Zudem waren die Landmassen über und über von Grün bedeckt, bis auf verschiedene besonders hohe Gebirgszüge, deren höhere Gipfel ebenfalls mit Eis und Schnee bedeckt waren.
So ähnlich muß die Erde auch mal ausgesehen haben, dachte der Captain. Dunkel erinnerte er sich an eine der Dokumentarsendungen, in denen lang und ausgiebig über die Zeit vor dem Klimakollaps berichtet wurde.
Damals mußte es auch auf der Erde ausgedehnte Eiskappen an den Polen gegeben haben, nur waren diese schon lange verschwunden, was wiederum die kleinen Inselstaaten im Pazifik, die sich nur ein bis zwei Meter über den Meeresspiegel erhoben, sowie diverse andere niedrige Inseln hatte untergehen lassen. Als Ausgleich dafür hatte sich die Intensität der Tropenstürme drastisch erhöht, so daß in diesen Breiten das Leben deutlich erschwert wurde. Dazu dann noch gut und gerne fünfunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde... Damit war der Planet doch hoffnungslos überfordert, aber noch immer war kein Ende des Bevölkerungswachstums in Sicht!
Und auch die einstmals ausgedehnten Wälder waren nicht mehr, da sie in größeren Teilen weiteren Städten und Feldern hatten weichen müssen, was wiederum zur Folge hatte, daß die Luft zusehends mit Schmutz und Schadstoffen belastet war, und im Gegensatz zu der absolut klaren Atmosphäre Pandoras wies sie an einigen Stellen, insbesondere über den großen städtischen Ballungen, regelrechte Grauschleier auf.
Captain Gates schüttelte den Kopf. Einerseits waren diverse Leute am Herumfluchen, daß Pandora doch ein einziges Höllenloch wäre und die Atmosphäre äußerst giftig, doch was war denn mit der Erde? Die Luft dort als gesund zu bezeichnen war genauso hanebüchen, und man konnte ohne geeignete Filtermaske längere Zeit nicht draußen bleiben – zu hohe Feinstaubbelastung – von dem ganzen Müll, der an den verschiedensten Stellen herumlag und die Gegend verpestete, ganz zu schweigen!
Verdrießlich verzog er das Gesicht. Da hatten einige findige Köpfe doch glatt einen Weg gefunden, um aus der Not der Leute ordentlich Kapital zu schlagen, indem sie sogenannte Designer-Filtermasken verkauften, die nicht mehr ganz so steril wirkten wie die ursprünglichen.
Und dann der ständig steigende Energiebedarf! Ständig kamen immer neue elektronische Gerätschaften in Umlauf, die ihren Teil dazu beitrugen, und obwohl jedes Gerät für sich immer weniger Strom verbrauchte, sorgte die unglaubliche Menge an Geräten letztlich dafür, daß der Strombedarf höher statt niedriger wurde. Und dann auch noch die allgegenwärtigen Leuchtreklamen! In den Städten wurde es auch während der Nachtstunden nicht mehr dunkel, und selbst außerhalb konnte man die Leuchthalos der großen Städte sehen, die von den ganzen Abgasen und dem Staub in der Luft schön in alle Richtungen gestreut wurden, so daß es höchstens noch an den entlegensten Orten der Erde nachts richtig dunkel wurde und man als einziges dort noch die Sterne beobachten konnte...
Und nachdem die Ressourcen der Erde, insbesondere was Erdöl, Kohle und dergleichen betraf, weitestgehend aufgebraucht waren und eine Ausbeute der verbleibenden Lagerstätten immer kostenintensiver wurde – was wiederum den Energiepreis explodieren ließ – wurden wieder verstärkt Kernkraftwerke gebaut, um den Energiebedarf zu decken, aber auch die Uranvorkommen waren begrenzt. Von daher war damit zu rechnen, daß über kurz oder lang auf der Erde die Lichter an vielen Stellen ausgingen, denn die Energiegewinnung aus dem Wind oder dem Sonnenlicht lieferte bei Weitem nicht genug Strom, um den gesamten Energiebedarf zu decken, zumal die Staubschleier in der Atmosphäre den Energiegewinn durch terrestrische Solarkollektoren schmälerte. Der einzige Ausweg bestand letztlich in der Verbringung von Solarkollektoren in einen Erdorbit, aber diese Technologie steckte noch in den Kinderschuhen, und es war mehr als fraglich, ob sie überhaupt noch rechtzeitig serienreif wurde.
Von daher kam die Entdeckung des Unobtaniums vor über siebzig Jahren wie gerufen, ergab sich so endlich ein wirksamer Lösungsansatz für die häufiger werdenden Probleme mit der Energieversorgung, doch die Freude darüber währte nur kurz. Nach noch nicht einmal dreißig Jahren wurde die RDA von Pandora vertrieben, und auch dieser Traum war ausgeträumt.

Wie dem auch sei, die Erde lag weit über vier Lichtjahre von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt, und vor Ablauf von sieben Jahren brauchten sie sich darum auch keinen Kopf zu machen. Stattdessen konzentrierte der Captain sich auf die vor ihm liegende Aufgabe, die Passagiere der Venture Star wohlbehalten nach Pandora zu bringen. Er hatte sehr wohl verschiedene Berichte von der Hinreise gelesen, um zu wissen, daß es ohne Vorbereitung schnell im Desaster enden kann. Dazu mußten jedoch noch ein paar Dinge geklärt werden, nur dafür brauchten sie einen der Na'vi hier im Steuerstand. Die Frage war nur, wie sie solch einen langen Lulatsch in dem kleinen Raum unterbringen sollten. Schließlich war er für Menschen ausgelegt und nicht für einen mehr als drei Meter großen Riesen von Na'vi...
„Und, Jim,“ wollte Jonathan Gates wissen, als einer der Sanitäter auf der Brücke auftauchte.
„Kommt gleich,“ meinte der Angesprochene und ließ sich von der Einstiegsluke auf den Boden fallen. Gleich darauf schob sich ein blaugestreiftes Beinpaar aus der Luke heraus, dem der restliche Na'vi folgte, nur steckte dessen Kopf noch in der Verbindungsröhre, während die Füße bereits den Boden berührten.
Captain Gates hörte eine Reihe Flüche, die aus dem Verbindungsgang ertönten, von denen er jedoch kein einziges Wort verstand – er meinte jedoch, daß er irgendetwas von wegen „skxawng“, also Trottel, vernommen hatte – und nur mit Mühen gelang es dem Na'vi, sich so auf der Brücke hinzuhocken, daß sie allesamt noch genügend Raum hatten, um sich ohne allzu starke Einschränkungen bewegen zu können.
Eine Augenbraue des Captains wanderte nach oben, als er den Na'vi genauer betrachtete. Von der Statur her war er humanoid, und auf größere Entfernung konnte man ihn sehr wohl für einen Menschen halten, wenn auch mit blauer Haut, doch bei genauerem Hinsehen ergaben sich einige deutliche Unterschiede.
Am markantesten waren dabei die flache Nase, die großen, gelben Augen, die denen einer Großkatze ähnelten, sowie die beweglichen Ohren. Weiterhin war auffällig, daß die Na'vi nur vier statt fünf Fingern und Zehen an Händen und Füßen aufwiesen, und zu guter Letzt war auch noch der lange, höchst bewegliche Schwanz zu nennen.
Einzig die als spärlich zu bezeichnende Kleidung des Na'vi wirkte befremdlich auf den Captain, und hätte er es hier jetzt mit einem Menschen statt eines Na'vi zu tun gehabt, hätte es wohl eine deutliche Ermahnung seinerseits gegeben. So ließ er es bei einem sparsamen Blick bewenden.
„Tsu'tey,“ fragte der Mensch, woraufhin der Na'vi nickte.
„Ihr wolltet mich sprechen,“ hakte Tsu'tey nach.
„Wir erreichen in Kürze die Umlaufbahn, und jetzt wollte ich mit Euch klären, wie wir jetzt am besten vorgehen,“ erklärte der Mensch.
Der Na'vi zuckte mit den Schultern. „Ihr seid hier der Verantwortliche.“
„Das mag schon sein, aber für das Be- und Entladen sowie das Ein- und Ausschiffen von Passagieren gibt es andere Leute, die das übernehmen. Allerdings hatten wir es bisher immer mit Menschen als Passagiere zu tun und nicht mit Na'vi.“
Tsu'teys Mundwinkel zuckten kurz. „Ich sehe nicht, inwieweit da ein Unterschied zu euch Himmelsmenschen bestehen sollte.“
„Wie schaut es denn mit euren Reittieren aus?“ Gates kramte in einer Schublade herum und zog ein Buch heraus, auf dessen Umschlag der Körper eines Na'vi zu sehen war und das den Titel „The Na'vi“ trug. „Hier stand nämlich irgendetwas zum Thema Ikran drin...“
Tsu'tey mußte bei diesem Anblick schmunzeln. Es war immer wieder erstaunlich, über welches Wissen die Himmelsmenschen verfügten, doch fragte er sich zum wiederholten Male, weshalb sie damit nichts anzufangen wußten. Dabei wußte doch jedes Kind, daß jedes Wissen immer nur so gut war wie diejenigen, die es verstehen oder anwenden sollten.
„Das Einzige, worauf Ihr vielleicht achten solltet, ist, daß Ihr die Na'vi, die ihre Ayikran mitgenommen hatten, zusammen mit diesen runterschicken solltet. Ein gebundener Ikran reagiert normalerweise aggressiv auf die Personen, die er nicht kennt.“
„Genau so etwas meinte ich. Um in diesem Punkt Probleme zu vermeiden, möchte ich Euch bitten, das genauere Vorgehen mit dem Rest Eures Volkes abzuklären und dem Zuständigen dann genauere Informationen zu geben.“
„Gerne,“ meinte Tsu'tey, „aber vorher möchte ich da unten noch mit einigen Leuten sprechen, bevor wir losfliegen.“
„Kein Problem. Mike? Sind wir schon in Reichweite?“
„Sind wir,“ bestätigte der Bordingenieur, Michael Brown.
„Dann öffne Kanal nach Hell's Gate. Schließlich sollen die da unten wissen, wer hier gerade anklopft!“
„Kein Problem,“ sagte der Ingenieur und tastete einige Befehle in seine Konsole. „Verbindung wird aufgebaut!“
„In Ordnung. Dann wollen wir mal sehen, daß wir den Kahn sauber in einer Umlaufbahn parken. Wir sind nämlich gleich da!“

Mit zunehmender Verwunderung war Tsu'tey dem Wortwechsel der beiden Männer gefolgt. Wie jetzt ‚anklopfen‘? Es hatte doch niemand irgendwo gegen geklopft! Oder was wollten die Beiden damit bloß sagen?
Tsu'tey schüttelte den Kopf mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck. Manchmal konnte man die sawtute wirklich nicht vernünftig verstehen!