Leseprobe - Das Amulett der Elben

von SilviaK
LeseprobeAbenteuer, Fantasy / P12
Elben & Elfen Zauberer & Hexen
19.12.2010
19.12.2010
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„Das Amulett der Elben“ war von 12/2010 bis 01/2015 unter dem Titel "Das Amulett" vollständig auf fanfiktion.de veröffentlicht. Im Frühjahr 2015  ist es im Verlag „In Farbe und Bunt“ als eBook (Mai) und Taschenbuch (Juni) erschienen.

Verlagshomepage:
http://www.ifub-verlag.de

Bestellmöglichkeit z.B. hier:
http://www.amazon.de/Das-Amulett-Elben-Silvia-Krautz-ebook/dp/B00VEBNLSC/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1427827866&sr=8-1&keywords=silvia+krautz


Leseprobe - Kapitel 1

Nalika konnte es kaum erwarten, dass ihre Mutter endlich das Haus verließ. Als sich die Tür hinter ihr schloss, kletterte Nalika vorsichtig auf die Bank unter dem Fenster. Sie blickte hinaus zu ihrem Vater, der auf dem Hof Holz hackte und sich mit dem Handrücken über die Stirn wischte. Dann sah sie zum Ziegenstall, in dem ihre Mutter gerade verschwand. Niemand achtete auf sie.
Ein zufriedenes Lächeln huschte über Nalikas Gesicht. Sie legte den Kopf auf die Arme und betrachtete den Schmetterling, der immer noch auf dem hölzernen Rahmen saß. Wie herrlich seine rotbraunen Flügel in der Sonne glänzten! Und wie dünn seine Fühler waren! Vorsichtig streckte sie eine Hand nach ihm aus. Aber noch ehe sie ihn berühren konnte, flog er davon.
Enttäuscht setzte Nalika sich auf. Ohne noch einmal darüber nachzudenken hob sie eine Hand, schloss die Augen und flüsterte: »Komm!«
Nalika hörte die Axtschläge nicht mehr, die über den Hof hallten. Nur der Schmetterling tanzte vor ihren geschlossenen Lidern, so nah und echt, als wäre er Wirklichkeit.
Erwartungsvoll öffnete Nalika die Augen und blickte auf ihre Hand. Dort, wo eben noch nichts als Luft gewesen war, schwebte ein fuchsbrauner Falter. Er ließ sich auf Nalikas Zeigefinger nieder und tastete mit den Fühlern nach ihrer warmen Haut.
Nalika strahlte vor Freude. Sie hatte es wieder geschafft! Fasziniert betrachtete sie ihren Schmetterling und musste lachen, als sein echter Zwilling neugierig herangeflattert kam. Er umkreiste den Neuen und glaubte wohl, in ihm einen Spielgefährten zu finden. Nalika ließ ihren Schmetterling ein Weilchen mit ihm tanzen. Dann rief sie ihn zurück auf ihre Hand.
Die Haustür knarrte.
Nalika zuckte zusammen, als ihre Mutter wieder in die Stube trat. Der echte Schmetterling flatterte erschrocken auf den Hof hinaus. Nalika schüttelte hastig ihre Hand, aber der andere saß auf ihrem Finger, als hielte ihn etwas dort fest.
Die blonde Frau blickte ihre kleine Tochter lächelnd an. Doch als sie den Schmetterling sah, stockte ihr der Atem. Sie stellte die Milchkanne ab und schloss mit dem Ellbogen die Tür. Hastig schlug sie nach dem Falter. Als ihre Finger seine Flügel berührten, löste er sich in Luft auf.
»Aber Mutter! Warum machst du das?«, protestierte Nalika und sprang von der Bank.
Ihre Mutter ging in die Hocke, nahm Nalikas Hände und sah ihr fest in die Augen. Ihre Finger waren kalt. »Tu das nie wieder, Nalika! Nie wieder, hörst du! Wie oft soll ich dir das denn noch sagen?«
Nalika zog die Brauen zusammen. Natürlich wusste sie, dass sie den Schmetterling nicht rufen sollte. Aber es machte ihr Spaß! Sie verstand einfach nicht, was ihre Mutter daran so störte. »Warum denn nicht? Es ist doch nur ein Spiel.«
»Ach, Kind, versteh mich doch. Es ist gefährlich!« Ihre Mutter nahm sie fest in die Arme. Nalika spürte, dass ihre Hände zitterten und ihr Herz schneller schlug. Wovor hatte sie nur solche Angst?
»Er wird dich holen, wenn du nicht aufhörst, Dinge erscheinen zu lassen. Er wird dich uns wegnehmen, Nalika! Genauso wie …« Ihre Mutter biss sich auf die Lippen, als hätte sie etwas gesagt, das sie lieber verschweigen wollte. Nalika sah eine bittere Traurigkeit in ihren Augen, als sie zu ihr aufblickte. »Und deshalb musst du vorsichtig sein. Verstehst du das?«
Nalika schüttelte stumm den Kopf. Beunruhigt von den bedrohlich klingenden Worten schmiegte sie sich enger an die Mutter.
Draußen schlug warnend der Hofhund an. Einen Moment später brach das heisere Bellen jäh ab. Der Klang der Axt, mit der Nalikas Vater vor dem Haus Holz spaltete, verstummte.
Eine unheilvolle Stille legte sich über den Hof.

Ihre Mutter hatte den Kopf gehoben, als der Hund zu bellen begann. Nun löste sie sich aus Nalikas Umarmung und schaute aus dem Fenster.
Nalika folgte ihrem Blick. Eben noch war es ein strahlender Sommermorgen gewesen. Aber von einer Sekunde zur anderen wogten Nebelschwaden auf der Wiese. Ungläubig starrten Mutter und Tochter auf die fahlen weißen Schleier. Plötzlich erklang eine Männerstimme, harsch und kalt wie splitterndes Eis:
»Gebt uns das Kind!«
Nalika riss verdutzt die Augen auf. Das Kind? Meinte er sie? Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Was war das für eine seltsame Stimme, die ihr durch Mark und Bein drang?
Nalika sah, wie ihre Mutter die Hand auf den Mund presste, um einen Schreckenslaut zu ersticken. Ihre Stimme verwandelte sich in ein heiseres Flüstern: »Er ist hier! Er hat uns gefunden!«
Von wem sprach sie denn nur? Nalika verstand nicht, was hier geschah. Sie kletterte auf die Fensterbank, um nach dem Rufer Ausschau zu halten. Aber bevor sie mehr als ein paar weiße Schemen im Nebel erkennen konnte, zog ihre Mutter sie hastig zurück.
»Kein Wort jetzt«, flüsterte sie. »Du musst dich verstecken. Aber wo? Wo?«
Hektisch glitt ihr suchender Blick durch die Stube. Doch ihr blieb keine Zeit zum Nachdenken.
»Schweig, Mensch! Gib uns das Kind!«, erklang die harsche Stimme erneut und ließ beide zusammenzucken. Sie hörten, dass Nalikas Vater auf dem Hof etwas antwortete, aber sie verstanden seine Worte nicht.
Die Angst griff nach Nalika. Ihr Herz schlug schneller. Was wollten diese Leute aus den Nebeln von ihr? Wer waren sie? Warum wollten sie sie mitnehmen? Und wohin?
»Ich bin deine Ausflüchte leid!«
Nalika und ihre Mutter vernahmen die Antwort von Nalikas Vater nicht, wohl aber ein feines Zischen und dann einen Schrei. Seinen Schrei.
Das Lachen des Unbekannten drang durch das Fenster in die Stube. Nalikas Mutter schlug die Hände vor das Gesicht. »Jan«, flüsterte sie hilflos. »Oh nein. Nein!«
Entsetzen packte Nalika. »Mutter, was war das? Sag doch! Was ist mit Vater?« Ihre Stimme überschlug sich vor Sorge.
Sie wollte zur Tür laufen, sie aufreißen und auf den Hof hinausstürmen, aber ihre Mutter hielt sie an den Schultern fest. Mit einer hastigen Bewegung schob sie Nalika zu der großen Truhe hinüber, die in der Ecke des Zimmers stand, und hob den Deckel an.
»Hier hinein, schnell! Kriech unter die Kleider und warte, bis ich dich holen komme! Bleib drin und sei still, egal was geschieht!«
Mit klopfendem Herzen kletterte Nalika in die Truhe und kauerte sich zusammen. Die Mutter zog eilig Schürzen und Winterkleider über ihren Kopf. Dann schloss sie den Deckel.
Nalika umklammerte ihre Knie mit den Armen und versuchte, über dem Hämmern ihres Herzens etwas durch die hölzernen Wände zu hören. Aber alles blieb still. Eine Stille, die in Nalikas Ohren dröhnte. Sie roch den Duft von Kräutern, die in Säckchen zwischen den Kleidern lagen. Der Saum einer Schürze kitzelte ihre Nase. Die Dunkelheit umschlang sie.
Wieder vernahm sie diese furchtbare Stimme, als stünde sie immer noch neben dem Fenster: »Ich weiß, dass du im Haus bist, Weib! Komm heraus – aber mit dem Kind!«
Nalika stockte der Atem. Sie meinte, das Klappen der Tür zu hören. War ihre Mutter aus dem Haus gegangen, um nach ihrem Vater zu sehen? Sein Schrei klang immer noch in Nalikas Ohren.
Was hatte der Fremde mit ihm getan? Und was würde er noch mit ihrer Mutter tun?
Geschah das hier wirklich alles nur ihretwegen?
»Wo ist das Kind, Weib?«
Die Stimme dröhnte in Nalikas Kopf. Sie presste die Lippen fest aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben. Die Furcht und die dunkle Enge in der Truhe nahmen ihr beinahe die Luft.
»An einem Fieber gestorben? Mach dich nicht lächerlich! Ich weiß, dass dein Kind noch lebt! Sag mir, wo es sich versteckt – oder du wirst so enden wie der da!«
Vater! Nein! Nalika biss sich auf die Fingerknöchel. Der Fremde durfte ihrer Mutter nichts antun! Sie allein – Nalika – hatte doch Schuld an allem. Ohne ihre Schmetterlinge wären diese Leute sicher nie hierhergekommen! Sie konnte doch nicht in dieser Truhe sitzen bleiben, wenn jemand ihren Eltern wehtat! Sie musste ihnen irgendwie helfen!
Nalika erhob sich auf die Knie und stemmte den Deckel hoch. Beinahe wäre er ihr aus den zitternden Händen gerutscht. Sie stieg aus der Truhe, schlich zum Fenster hinüber und spähte vorsichtig auf den Hof hinaus.
Nebel verhüllte Scheune und Stall. Hinter dem Zaun wallte er wie eine weiße Mauer und schloss den Hof von der Außenwelt ab. Selbst die Sonne war nicht mehr als eine fahle Scheibe am Himmel. Aber kein Mensch weit und breit – außer dem kräftigen schwarzhaarigen Mann, der reglos und mit dem Gesicht nach unten auf der Erde lag. Und der blonden Frau, die an seiner Seite kniete und angstvoll nach einem Lebenszeichen suchte.
Nalika biss die Zähne zusammen. Ihr Blick glitt suchend über die Nebelschwaden, hinter denen sich schemenhafte Gestalten zeigten – Reiter von hohem Wuchs, welche auf weißen Pferden saßen.
»Sein Schicksal geht dich nichts mehr an!«
Da war sie wieder, die schreckliche Stimme, die jetzt zu ihrer Mutter sprach. Nalika wusste nicht, welchem der schemenhaften Reiter sie gehörte. Sie konnte auch keine Gesichter erkennen. »Und ihres liegt auch nicht mehr in deinen Händen! – Rühr sie nicht an!«
Einer der vordersten Reiter hob den Arm. Ein greller Blitz fuhr neben den Fingerspitzen von Nalikas Mutter in den Boden. Stumm vor Schreck zog sie die Hand von der Axt ihres Mannes zurück und duckte sich zitternd.
Nalika am Fenster hielt erschrocken den Atem an.
»Was wollt Ihr von meiner Tochter?«, stieß ihre Mutter verzweifelt hervor. »Sie ist noch ein Kind. Sie kann Euch nichts nützen!«
»Oh doch, das kann sie. Du weißt genau, was ich meine.«
»Ja, ich weiß es. Und deshalb werde ich sie Euch niemals überlassen!«
Erneut griff sie nach der Axt ihres Mannes. Aus der Hand des Reiters löste sich wieder ein gleißend heller Blitz. Als dieser Nalikas Mutter in die Brust traf, taumelte sie, als hätte sie einen heftigen Schlag erhalten. Dann stürzte sie zu Boden und regte sich nicht mehr.
»Mutter!«, wollte Nalika schreien.
Aber kein Wort drang aus ihrer Kehle.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Nalika aus dem Fenster. Dann rutschte sie von der Bank, kroch in die Ecke hinter der Wäschetruhe und machte sich ganz klein.
»Er wird dich holen«, hörte Nalika noch die bebende Stimme ihrer Mutter. Sie vergrub den Kopf in den Armen. Gleich würde sich knarrend die Tür öffnen, und jemand würde Nalika packen, um sie nach draußen zu zerren.
Doch nichts geschah. Kein noch so leiser Schritt war zu hören, obwohl Nalika trotz ihrer Angst angestrengt lauschte. Schon hob sie aufatmend den Kopf, als vor dem Haus ein Krachen ertönte, das die Teller und Becher auf dem Wandbrett erzittern ließ.
Nalika fuhr zusammen und kniff die Augen zu. Vor ihren Lidern flackerte es hell wie der Widerschein von Feuer. Es zischte laut, ein zweiter Donner grollte – dann war es still. Nalika spürte die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht und blinzelte überrascht. Der Nebel hatte sich so schnell verzogen, wie er gekommen war. Aber sie konnte sich nicht darüber freuen. Was war mit ihrer Mutter geschehen? Und mit ihrem Vater?
Nalika hielt die Ungewissheit nicht mehr aus. »Nein, ich habe keine Angst!«, redete sie sich ein, obwohl ihre Stimme dabei ganz zittrig klang. Sie rappelte sich auf, schlich zur Tür und öffnete sie einen Spaltbreit.
In den Zweigen der Kastanie am Scheunentor flüsterte der Wind, und die Berggipfel in der Ferne erhoben sich dunkelgrün vor dem Horizont. Alles sah aus, als hätte es Nebel, Reiter und todbringende Blitze nie gegeben. Aber im Gras lagen noch immer Nalikas Eltern – regungslos und stumm.
Nalika rannte auf die Wiese und rüttelte erst ihre Mutter, dann ihren Vater an der Schulter.
»Mutter! Vater! Wacht doch auf! Warum hört ihr denn nicht, was ich sage?«
Die Hand ihrer Mutter war noch warm, aber ihre Augen blickten leblos und starr. Auch der Vater, der seltsam verkrümmt neben ihr lag, regte sich nicht. Nalikas Blick wanderte fassungslos von einem Gesicht zum anderen.
»Ihr schlaft doch nur, oder?«, fragte sie flehend. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie sich niederkauerte. Der Schmerz saß wie ein dunkler, schwerer Klumpen in ihrer Brust, der sie fast zu ersticken drohte. »Ich bin schuld«, schluchzte sie auf. »Du hast gesagt, ich darf nichts erscheinen lassen. Aber ich hab es trotzdem getan. Und deshalb … Deshalb werdet ihr jetzt nie mehr aufwachen!«

»Nein, Kleine. Es war nicht deine Schuld«, widersprach eine Männerstimme hinter Nalika.
Sie erstarrte vor Schreck. War einer der Nebelreiter zurückgekommen, um sie doch noch zu holen? Als Nalika allen Mut zusammennahm und sich umdrehte, sah sie, dass sie sich geirrt hatte.
Die Reiter waren weiß gekleidet gewesen, dieser Fremde aber trug ein dunkelgrünes, mit verschlungenen goldenen Nähten verziertes Gewand und einen schwarzen Umhang. Obwohl er nicht besonders groß war, ging etwas Einschüchterndes von ihm aus, das Nalika ängstigte. Was wollte er hier? Sie hatte ihn noch nie auf dem Hof ihrer Eltern gesehen.
»Habe ich dich erschreckt? Das war nicht meine Absicht.«
Der dunkelhaarige Mann ging in die Hocke und schaute Nalika aufmerksam an. Er schien ihr etwas älter als ihr Vater zu sein, und obwohl sein scharf geschnittenes Gesicht streng wirkte, blickten die schmalen, dunklen Augen freundlich.
Nalika erwiderte sein aufmunterndes Lächeln nicht. Sie schaute auf ihre Eltern hinab und rüttelte noch einmal vergeblich ihres Vaters Schulter. Hilflosigkeit und Trauer schnürten ihr die Kehle zu.
»Das hat keinen Sinn«, sagte der Dunkelhaarige. »Deine Eltern kann niemand mehr wecken. Sie sind tot.«
»Wie kannst du so was sagen?«, schrie Nalika ihn an. »Ich kenn’ dich nicht! Geh weg!«
Der Fremde seufzte. »Weil ich weiß, was hier geschehen ist«, antwortete er. Ein verbissener Zug legte sich um seinen Mund. »Schau mich nicht so erstaunt an, Mädchen. Ich habe sie verfolgt, diese heimtückische spitzohrige Brut, aber sie führten mich in die Irre. So kam ich nicht rechtzeitig, um zu verhindern, was sie deinen Eltern antaten.«
Nalikas Schluchzen verwandelte sich in einem Schluckauf. Noch immer liefen ihr Tränen über die Wangen, aber die Worte des Mannes erzwangen ihre Aufmerksamkeit.
»Du – du hast sie verfolgt? Die weißen Leute auf den weißen Pferden?«
»Oh ja«, grollte der Mann, »das tue ich seit Langem. Aber sie wissen sich gut zu verbergen.«
»Sie kamen aus dem Nebel. Und – und sie schießen mit Blitzen!«
»Zuweilen auch das. Sie dulden es nicht, dass sich jemand ihren Vorhaben in den Weg stellt. Denn sie stehlen Kinder. Kinder mit besonderen Fähigkeiten.«
Nalika starrte den ernst dreinblickenden Fremden mit offenem Mund an. Sie konnte sich nicht erklären, woher er wusste, dass sie anders war als andere Kinder. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an die harsche Stimme, die ihre Mutter so erschreckt hatte, und senkte den Kopf.
»Sie wollten mich stehlen, weil ich Schmetterlinge gezaubert habe!«, flüsterte sie.
»Oh, du wirst bald mehr als nur Schmetterlinge zaubern können«, versicherte der Fremde mit einem winzigen Lächeln. »Und glaube mir – sie hätten dich auch geholt, wenn du deine Kräfte bis jetzt noch nie eingesetzt hättest. Jemanden wie dich finden sie immer. Es war ganz sicher nicht deine Schuld.«
Das undeutbare Lächeln kräuselte noch immer seine Lippen, als er tröstend über Nalikas Wange strich. Ihre Verzweiflung zerrann während der kurzen Berührung zu einer dumpfen Traurigkeit, und die Furcht vor dem Fremden verflog.
»Warum haben sie mich dann nicht mitgenommen?«
»Sie hätten es bestimmt getan, wenn ich etwas später eingetroffen wäre.«
Nalika schaute den Dunkelhaarigen mit ehrfürchtigem Staunen an. »Dann hast du sie verjagt? Mit dem Donner und dem Feuer? Bist du ein Zauberer?«
»Ich bin ein Magier, Kleine. Zauberer taugen nur für Taschenspielertricks.« Der Mann erhob sich und deutete eine Verbeugung an. »Rimar ist mein Name.«
»Ich heiße Nalika«, sagte sie und stand ebenfalls auf. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen von den Wangen.
Plötzlich hob Rimar den Kopf, als wittere er Gefahr. Mit einem schnellen, aber sehr wachsamen Blick streifte er den Hof, die leicht abfallende Wiese und den nahen Waldessaum. Dann nahm er Nalika, die beunruhigt zu ihm aufschaute, fest bei den Schultern.
»Du kannst nicht hierbleiben, Mädchen. Weder hier auf dem Hof noch im Dorf, selbst wenn es dort jemanden gibt, der dich aufnimmt. Sie werden wiederkommen, und niemand wird sie davon abhalten können, dich mit sich zu nehmen.«
Nalika schluckte, als sie an die leblosen Gesichter ihrer Eltern dachte. »Ich will aber nicht weggehen.« Sie sah zwar ein, dass der Magier recht hatte. Aber eigentlich war ihr alles egal, seit sie wusste, dass Mutter und Vater sie nie mehr umarmen oder mit ihr sprechen würden. Sie fühlte sich immer noch wie betäubt.
Rimar ging wieder vor ihr in die Hocke und sprach in beschwörendem Ton: »Früher oder später finden sie dich, Nalika. Hier kann dich niemand schützen. Aber in meiner Burg wärest du sicher. Die Elben haben sich noch nie in ihre Nähe gewagt.«
»Die Elben?«, wiederholte Nalika stirnrunzelnd.
»Ja, so nennen sie sich.« Rimar machte eine ungeduldige Handbewegung, als sie zu einer weiteren Frage ansetzte. »Frage, aber nicht hier. Ich kann dich vieles lehren, Kleine.«
»Auch das Zaubern?«
»Ja, auch das. Aber jetzt lass uns eilen. Mag sein, dass die Elben in ihrer Heimtücke etwas erdacht haben, das uns schaden könnte, wenn wir noch länger bleiben.«
Nalika sah zu Boden und kaute auf ihrer Unterlippe. Sie verstand nicht alles, was der Magier zu ihr gesagt hatte. Aber sie hatte die Wesen gesehen, die Rimar »Elben« nannte, und dass sie ihnen nicht in die Hände fallen wollte, dessen war sich Nalika sicher. Und trotzdem ... Ach, würden doch Mutter und Vater wieder aufstehen, sie in die Arme nehmen und ihr versichern, dass alles nur ein böser Traum gewesen war!
»Komm mit mir, Nalika. Deine Eltern würden es auch nicht gutheißen, wenn ich dich hier allein zurückließe.«
In der Stimme des Magiers lag eine so merkwürdige Mischung aus Bitte und Befehl, dass Nalika verwundert den Kopf hob. Sie spürte die Anspannung Rimars, der den Blick seiner brennenden Augen nicht von ihr wandte, als er auf ihre Antwort wartete. Es schien für ihn von ungeheurer Wichtigkeit zu sein, ob Nalika zustimmen oder erneut ablehnen würde.
Noch seltsamer aber war das Gefühl, das plötzlich in Nalika erwachte und sie am ganzen Körper zittern ließ. Von einem Moment zum anderen verwandelten sich ihre Trauer und ihre Verwirrung in Hass – Hass auf die Elben, wer immer sie auch waren, die ihr die liebsten Menschen auf der Welt genommen hatten.
Nalika stieß eine Fußspitze heftig in die festgetretene Erde. >Oh, wartet nur<, dachte sie grimmig. >Ich werde das lernen, was er getan hat, um euch zu verjagen! Und dann ... dann …<
»Ich komme mit.«
Der Magier nickte und lächelte ihr zu. Die sonderbare Spannung war von ihm gewichen. Er erhob sich und starrte zum Weg hinunter. Wie auf einen unhörbaren Ruf hin erschien ein Reiter am Tor, der ein zweites Pferd am Zügel führte; ein hoch aufgeschossener dunkelblonder Junge, nicht älter als sechzehn Jahre. Er brachte die Pferde vor Rimar zum Stehen, saß aber nicht ab, sondern schien auf einen Befehl des Magiers zu warten. Er musterte Nalika mit einem Ausdruck von Ablehnung in den Augen. Den beiden Toten auf der Wiese gönnte er nur einen kurzen, gleichgültigen Blick.
Nalika begann sich unbehaglich zu fühlen. Hilfe suchend blickte sie zu Rimar auf, der das zweite Pferd am Halfter gefasst hatte.
»Komm jetzt, Kleine«, forderte er sie ungeduldig auf.
Nalika schluckte. Die Endgültigkeit des Abschieds lag ihr wie ein Stein in der Brust. Nach einem unsicheren Blick zu Rimar und seinem Begleiter drehte sie sich noch einmal um und kniete neben ihren Eltern nieder. Mit zitternden Fingern pflückte sie Gänseblümchen, legte ein paar in die Hand ihrer Mutter, ein paar in die Hand ihres Vaters. Beim Anblick der starren Gesichter und der leblosen Kälte, die Nalika fühlte, liefen ihr wieder die Tränen über die Wangen. Nie, nie würde sie vergessen!
Auf einmal wurde sie von kräftigen Händen emporgehoben. Rimar drückte sie an sich, und einen Moment lang fühlte Nalika sich geborgen wie in den Armen ihres Vaters. Aber sie vermisste das Kitzeln seines Bartes. Ehe sie sich versah, hatte Rimar sie schon auf das Pferd gesetzt und sich hinter ihr hinaufgeschwungen.
»Schlaf«, sagte er leise, legte ihr eine Hand über die Augen und flüsterte ein paar unverständliche Worte. Eine bleierne Müdigkeit erfasste Nalika. Als Rimar die Hand wieder hob, war sie in einen traumlosen Schlaf gesunken.

»Darren, wir haben es geschafft.«
In der Stimme des Magiers schwang eine winzige Spur Erleichterung mit. Er holte tief Atem und reckte sich ein wenig, als wollte er eine zu eng gewordene Hülle abstreifen. Als Rimar wieder auf das Kind sah, das an seine Brust gelehnt schlief, war der mitfühlende Ausdruck von seinem Gesicht verschwunden. Er musterte das Mädchen nun mit einer berechnenden Zufriedenheit.
»Ich bewundere Euch, Meister«, ließ sich Darren amüsiert vernehmen. »Es muss doch ziemlich anstrengend sein, so eine gütige Miene aufzusetzen.«
»Das war es auch. Aber es hat sich gelohnt.«
»Wenn sie wüsste, wer ihre Eltern wirklich ins Jenseits befördert hat ...« Darren grinste boshaft. Der Gedanke, dass das Mädchen es nie erfahren würde, gefiel ihm wohl außerordentlich.
Rimar bedachte ihn mit einem frostigen Blick. »Sie weiß es nicht. Und dabei wird es bleiben.«
»Ja, Meister.« Darren presste die Lippen aufeinander und zupfte an der Mähne seines Pferdes. Schließlich sagte er, ohne aufzublicken aber mit einem trotzigen Unterton: »Eins verstehe ich nicht. Das alles nur für so ein kleines Gör, von dem wir nicht einmal genau wissen, ob es genug Macht besitzt, um ...«
»Dummkopf!«, zischte der Magier ungehalten. Darren zog den Kopf ein. »Die Kleine ist wertvoller als du!«
Rimar legte dem Mädchen eine Hand auf die Stirn. >Ich brauche nicht einmal die Augen zu schließen, um die Kräfte zu fühlen, die in dir schlummern>, dachte er. >Du könntest mir ebenbürtig sein, mich sogar an Macht übertreffen, wenn du älter und in meinen Künsten ausgebildet bist. Gegen dich ist Darren nicht mehr als ein mittelmäßiger Jahrmarktzauberer.<
Der Magier fixierte seinen Schüler mit prüfendem Blick. »Du bist wohl eifersüchtig?«
Darren errötete und wollte widersprechen, aber Rimar winkte gelangweilt ab.
»Ich weiß, dass es so ist. Und du hast Grund dazu. Das, was du in den fünf Jahren gelernt hast, seit du bei mir bist, wird sie«, er deutete mit dem Kinn auf das Mädchen, »in drei Jahren lernen. Vielleicht sogar noch eher. Und wenn du auch nur halb so begabt wärst wie sie, dann würdest du selbst erkennen, welche Kräfte sie besitzt. Man muss sie nur wecken und in die richtige Richtung lenken.«
Er wandte seine Aufmerksamkeit von Darren ab, ließ gedankenverloren eine Haarsträhne des Mädchens durch seine Finger gleiten. »Meine kleine Kämpferin ... Deine Eltern hätten deine Fähigkeiten verkümmern lassen. Aber ich werde eine großartige Magierin aus dir machen. Oh ja, das werde ich!«
Der Magier wusste genau wie Darren, dass Nalika ihm nur dann gehören würde, wenn sie ihm aus freiem Willen folgte. Und beiden war die Veränderung in der Miene des Kindes nicht entgangen, als es sich entschlossen hatte, mit ihnen zu gehen. Nalika würde Rimars Erwartungen nicht enttäuschen.
Darrens Hände krallten sich so fest um die Zügel, dass sich die Fingernägel in seine Haut bohren mussten. Natürlich konnte er die Kräfte des Mädchens fühlen. Wäre er dazu nicht imstande, dann hätte Rimar ihn niemals als Schüler angenommen. Aber dieses Wissen musste ihm auch klarmachen, dass er seinen Platz in den Plänen seines Meisters an ein achtjähriges Kind verloren hatte.
Der Junge riskierte einen feindseligen Blick auf das Gesicht des schlafenden Mädchens, schwieg aber.
Nach einem kaum hörbaren Seufzer wandte er sich schließlich an Rimar: »Sollten wir nicht aufbrechen, Meister?«
Jäh aus den Gedanken gerissen sah der Magier auf. Er nickte, überflog den Bauernhof mit einem raschen Blick und hob eine Hand.
»Darf ich das übernehmen?«
Mit schmalen Augen musterte Rimar seinen erwartungsvollen Schüler. »Nun – ich denke, du weißt, worauf es ankommt«, antwortete er zustimmend. Er legte seine Hand über die Augen des Mädchens und flüsterte: »Noch bevor wir Burg Graufels erreichen, wirst du mein sein.«

Ein leichter Schenkeldruck ließ das Pferd des Magiers in Trab fallen. Während hinter ihnen der Hof in Flammen aufging, legte sich ein Schleier des Vergessens über einige von Nalikas Erinnerungen.
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