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Ding an sich.

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
12.12.2010
12.12.2010
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„Warum sollen unsere Körper an der Haut enden?“
Xavier Le Roy


Die Hütte war klein, wie sie da verlassen inmitten des dichten Waldes stand. Womöglich war sie vor einigen Jahren noch recht bewohnbar, wenn nicht gar für solch eine Einrichtung luxuriös gewesen, doch bis hierher hatte der Zahn der Zeit an dem Gehäuse genagt, das Holz zerfressen und weich werden lassen.
Jedoch sagte keiner der Vier ein Wort, besser das hier, als überhaupt nichts. Die Tür war mehr oder weniger ein loses Brett, das man einfach hatte herausnehmen können – die Angeln waren schon längst verrostet und porös.
Das kleine Häuschen bestand aus einem einzigen Raum, der mit abgewetzten – wohl vor einiger Zeit noch königsblauen – Teppichen ausgelegt war, es gab nur ein Bett, welches riesenhaft dastand und von welchem ebenfalls ein leicht modriger Geruch ausging.
Ein kleiner Schrank stand daneben. Die Decke war von Wasserflecken durchsetzt.
„In unserer Kindheit …“, sprach Lucille leise, „War das ein Versteck von Morion, Cordie und mir.“ Seine Stimme war traurig, und so still tragend, dass sogar der Wind aufhörte, mit den Blättern zu spielen. Celes sah ihn aus großen, blauen Augen an, kein Wort des Trosts suchte sich den Weg über ihre Lippen – vielleicht, weil es nichts zu sagen gab, was all dies hätte besser machen können. Sprich in der Dunkelheit von Licht und öffne die Augen.
Nur Kohaku war vollkommen unbehelligt von dieser drückenden Leere, so meinte er, ob es denn nicht logisch sei, suche die Königin sie hier und dass es wohl besser sei, einen anderen Unterschlupf zu finden.
„Nein.“ Lucilles Stimme war wieder fester: „Sie hat so viel vergessen, ich glaube nicht, dass sie uns findet.“
Womöglich, dachte Celes still für sich, wollte er nicht wahrhaben, dass sie einfach so ihre Kindheit zerstören würde. Dass sie einfach über sie niedergehen würde, ohne ein Staubkorn zurückzulassen.
„Was sollen wir jetzt tun?“ Gwindel meldete sich zum ersten Male zu Wort.
„Warten …“
Entrüstet schnaubte Kohaku, es passte ihm ganz und gar nicht, tatenlos der Dinge zu harren: „Wir sollen uns für den Rest unseres Lebens hier verkriechen?“  
Lucille antwortete nicht. Ob ihm dies etwas nutzte? Gewiss nicht.
Sich auf die Lippen beißend, begann der Violinist, mit seinem Revolver zu spielen: „Da erschieß' ich mich doch lieber!“
Lauter als nötig trampelte er aus dem kleinen Innenraum … ins Freie.  
Langsam ließ er sich auf das Gras sinken, das Leder seiner Hose knirschte ein wenig, und er sah sich um, der Leichenwagen stand da, so lächerlich auffällig, dass er dafür nur ein ironisches Grinsen übrig hatte. Fände man sie, könnte er wenigstens etwas tun. War also besser, das Fahrgestell einfach brach stehen zu lassen.
Schwere Schritte. Gwindel. Kohaku drehte sich nicht um.
„Du willst Dich doch nicht wirklich umbringen?!“ Seine Stimme war tief und ausdruckslos, sie lag in der Stille seiner Hoffnung, da, wo Tellur begraben war.
„Sorgst Du Dich etwa?“ Kohaku schaute ihn nicht an, starrte einfach nur in das dunkelgrüne Blätterwerk und ein schal schmeckendes Grienen schlich sich in seine Mundwinkel.
Schwerfällig ließ Gwindel sich neben Kohaku nieder, sie berührten sich nicht. Und wenn sie es täten, hätten sie wahrscheinlich nicht mehr die Kraft gehabt, aufzustehen, zu gehen, zu bleiben, zu … wussten sie das?
„Es wäre tragisch …“
Erst jetzt wandte sich der Violinist ihm zu, den Kopf ein wenig schief gelegt, sah er ihn direkt aus von dunklen Schatten unterlegten Augen an, der metallene Lauf seines Revolvers kratzte an der blassen Schläfe und er lächelte so unpassend sanft, dass es ihm wohl wehtat: „Memento mori.“ Gedenke, zu sterben.
Dieser Tage herrschte eine merkwürdige Ruhe.

Sie hatten die Instrumente in die Hütte geräumt – komme, was wolle, aber zerstörte irgendwer Cello, Violine oder Klavier, wussten sie, dass sie keine … Existenzberechtigung mehr hatten.
Wer waren sie denn schon? Das einzige Argument, was sie hatten, war die Musik. Ich. Da. Nicht Du.
Sie waren Geister … nur sichtbar für alle, die hören konnten. Für die Toten, die Guignol? Es war eigentlich niederschmetternd.
Das Sonne hatte den Zenit schon längst hinter sich gelassen und malte Blatt und Stumpf orangefarben. Manchmal verirrte sich ein Hase vor die Hütte, knabberte an den spärlichen Grashalmen und hoppelte dann wieder von dannen.
Lucille saß seit einigen Stunden auf dem Fensterbrett starrte nach draußen und die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten seinen Kopf wie einen Heiligenschein. Seine grazilen Finger spielten mit der Stimmgabel, die auf seinem Schoß lag. Das blonde, feine Haar war zu einem straffen Zopf zurückgebunden und einige Strähnen kräuselten sich in dem zarten Nacken. Wären da nicht die wachsamen Augen, die stets umherwanderten, der volle Mund, der verbissen zusammengepresst war und feingliedrigen, nackten Füßen, die sich an – und entspannten, als wollten sie gleich davonlaufen, könnte man doch tatsächlich sagen, man habe es mit der personifizierten Seelenruhe zu tun.
Ab und an war ein fedriges Trippeln zu hören, Celes lief hierhin und dorthin, fuhr sich öfter denn je durch das fuchsbraune Haar und ihr ernstes Gesicht mit dem runden Kinn und der milchweißen Haut verzog sich oft und nachdenklich. Wenn sie irgendetwas ausrichten könnte, aber … aber … was?! Sie konnte es nicht leugnen, sie war ein Kind, ein Mädchen, nicht sonderlich groß … und manchmal … da hörte man ihr einfach nicht zu. Wenn sie etwas ausrichten könnte, dann würde sie es tun. Viel zu viel Konjunktiv. Warten, ja … Wenn sie doch … die Kerzen finden würde. Wenn sie sie nur erreichen könnte.
Von all dem war der Violinist nicht wirklich beeindruckt, er saß auf dem harten Teppich, die Beine vor sich ausgestreckt, leicht gespreizt und die Waffen säuberlich vor sich hingelegt, wie ein kleines Kind, das spielt. Ein Spiel, ein niedlicher Gedanke, Blut roch süß. Lanzettnadeln, drei verschiedene Pistolen, mehrere Dolche, eine Gift gefüllte Phiole, ein Fleischerhaken, kleine, scharfe Messerchen, eine Gabel und ein komisches Geflecht aus Drähten. Die großen Waffen befanden sich weiterhin im Kofferraum des Wagens. Vielleicht sollten sie ihn doch hinter die Hütte fahren? Gwindel würde das sicherlich machen.
Nachdenklich nahm er eine der Schusswaffen in die Hand, sie war aus leichtem Metall, derartige nutzten die meisten Huren, um sich gegen irgendwelche Irren verteidigen zu können. Sie waren klein, handlich und tödlich.
„Oi, Eles!“[*] Das Mädchen drehte sich zu ihn.
„Hm?“
„Hier.“ Er hielt ihr die leichte Pistole hin, ihr Blick war entsetzt.
„Was?“ Fragte er, „Man kann nicht alles mit Musik gewinnen.“
„Äh, … ich …“
Lucille war aus seiner geistigen Absenz aufgewacht und blickte nun von Kohaku zu der Waffe und dann auf Celes' zögerlich ausgestreckte Hand.
Er brauchte nicht lange darüber nachzudenken.
„Nein, Kohaku, nein.“
„Hä?“
„Ich will das nicht.“
„Und wie soll sie sich dann wehren?“
„Gar nicht. Sie soll sich verstecken.“
„Aber … sag mal, was denkst Du gerade?“
„Ich habe schon so dermaßen viele Fehler gemacht …“ er brauch kurzzeitig ab, „Aber wenn ich Dir jetzt erlaube, Eles die Waffe zu geben, dann wäre das wohl mein größter.“
„Also lässt Du sie lieber sterben, als …“
„ … dass sie tötet.“
Die ganze Zeit über hatte die junge Pianistin kein Wort gesagt, gänzlich verstummt lauschte sie den hitzigen Worten. Sie hatte keine Meinung, es war sowieso alles zu spät. Sie war an dem Tod ihres Bruders Schuld, an dem vieler anderer Kinder, alle, die sie kannte, und so … womöglich war es der einfachste Weg, den sie ging, wenn sie nicht das kalte Metall der Waffe auf einen … Feind richtete.
Steif sammelte Kohaku seine Waffen wieder ein, verstaute sie in den Taschen und Gürteln und dem Paar Stiefeln und den eingenähten Geheimfächern.  
„Wir werden nicht verenden, Kohaku, nicht hier.“
„Du phantasierst, Lucille.“
Du phantasierst, Lucille. Das hatte schon Gwindel gesagt. Dass er phantasiere. Er liebte doch nur seine Schwester.

Irgendwie war es Nacht geworden – dunkler als zuvor.
Auch wenn das Bett in der Hütte enorm viel Raum einnahm, bedeutete dies nicht, dass vier Leute, von denen einer größentechnisch eine extreme Ausnahme war, Platz in eben jenem fanden.
Und doch … in einer anderen Situation hätte wohl einer von ihnen auf dem Boden geschlafen – wahlweise Kohaku, der der Meinung war, dass er ums Verrecken nicht mit einem Typen ins Bett ging, der gerne Frauenkleider anzog – aber jetzt, da es doch wahrhaftig ums Verrecken ging, da sie nichts anderes hatten, als sich selbst und die Hand des jeweils anderen, war es doch egal. War es doch nichtig, wenn man ein wenig Wärme bekäme. Wenn … die Nacht war ja so kalt.
Sie froren schon so lange, was machte es da noch für einen Unterschied?
Das Bett hielt.
Gwindels Rücken fungierte als fleischlicher Schutzschild, er war zur Tür ausgerichtet. Er würde nicht schlafen. Seine Augen flatterten hin und her und sahen doch nichts. Igelchen lag zu seinem Kopf.
Kohaku lag daneben, sein Atem war bemerkenswert leise, der Puls so still – er hatte die Knie bis zur Brust gezogen und die hageren, langfingrigen Hände krallten sich in irgendein Stück Stoff, das sie zu fassen bekamen. Seine Stirn ruhte an Gwindels Schulter, er fühlte dessen Atem über sich hinwegwehen. Ab und an spürte er, wie sich etwas Spitziges ein wenig in die Haut bohrte.
Celes' Rückseite lehnte an der des Violinisten, die Fuchsbrünette hatte die Hände offen vor das Gesicht gelegt, zwischenzeitlich raste ein Zucken durch ihren zierlichen Leib, sodass sie entweder nach vorn oder nach hinter ruckte, dies wiederum wurde von einem unwilligen Murren quittiert.
Manchmal fühlte sie, wie Lucilles warme Hände ihr Gesicht berührten. Jener schlief ganz am Rand, sein blondes Haar fiel ihm in sanften Wellen über die Stirn, floss über das Laken wie flüssiges Gold. Auch er schien annähernd entspannt. Der Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig.[*]
Vier Lungen pumpten Luft, vier Herzen schlugen, vier … so eine vernichtend kleine Zahl.

Als sie erwachten, dachten sie, es sei die Dämmerung die alles in sattem Licht schimmern ließ – doch nach dem die Hitze unerträglicher und Luft immer stickiger geworden war, wussten sie, dass sie sich in einem Inferno befanden. Kugeln zerschlugen die Fenstergläser, eine verfehlte sie so knapp, dass ein jeder der kleinen Truppe das Zischen hören konnte. Binnen eines Lidschlages waren sie auf den Beinen, warfen sich aber fast zeitgleich wieder auf den Boden, um einem neuerlichen Kugelhagel zu entgehen, Kohaku feuerte wütend zurück.
„Eles!“ Lucilles Stimme war merkwürdig rau, vielleicht erstickt, als er zu ihr sprach.
„Hm?“
„Lauf nach Nordwesten, irgendwann dürfte eine Brücke kommen, lauf und drehe Dich bloß nicht um!“
„Was? Aber, Lucille, ich kann …-“
„Doch kannst Du, bitte …“
Kohaku knurrte dazwischen: „Du wärst eh eine zu große Belastung.“
Celes' Augen füllten sich mit Tränen, ihr Puppengesicht schien zu zerfließen, ihr Herz schlug wild und unregelmäßig, sie drohte zu ersticken.
„Ich will nicht noch mehr Menschen verlieren, die mir … die mir wichtig sind. Nicht mehr.“
„Himmel! Es ist doch nicht so schwer, verdammt. Ein Schritt, noch ein Schritt.“ Nervös wanderten Kohakus Augen zu der … nun ja, recht durchlöcherten Tür, rasch drückte er ihr die leichte Pistole doch noch in die Hand, Lucilles Protest nicht beachtend, Gwindel nahm Igelchen von der Schulter und setzte sie auf die von Celes'. Lucilles Lippen legten sich hauchzart auf ihre Wangen, die sich augenblicklich und trotz der Situation rot färbten.
Es war ein Abschied.
Schneller als sie denken konnte, bewegten sich ihre Beine und sie stürmte zum Hintereingang. Die Waffe eng an die Brust gepresst, das kleine Tier krallte sich in den Stoff ihres dünnen Oberteils. Da verschwand sie in der Nacht.
„Wir kommen zurück, Celes“, wisperte der Chanteur.
Es war ein Abschied.

Nun war es vorbei, ehe es angefangen hatte. Schwer bewaffnet, ein jeder irgendein Mordinstrument in der Hand, traten sie vor das kleine Holzgebilde. Gefühlte eintausend Gesichter starrten sie annähernd mordlüstern an.
„Wo ist das Kind?“ Fragte einer, wahrscheinlich der General, seine Weste war mit Orden reichlich bestückt und sein Gesicht hart und kantig.
„Welches Kind?“ Lucilles Stimme war resigniert … spöttisch.
Irgendwo war ein Donnern zu hören, die Luft war fast … elektrisiert. Ein Windhauch streichelte mit zynischer Sanftheit ihre Gesichter. Ein sauberes Loch zierte die Stirn des Generals, sein Ausdruck war  lächerlich überrascht. Danach kippt er nach hinten. Von Kohakus Pistolenlauf steigt ein wenig Rauch auf. Die Pupillen des Violinisten waren erschreckend geweitet und sein Puls blieb für einige Sekundenbruchteile stehen.
Und dann war alles Blut und Wahnsinn und licht.[*]

Gegen tausend desorientierte und ziellose Guignol zu kämpfen, war ein leichtes Unterfangen, aber gegen genauso viele straff ausgebildete Soldaten, denen der Kampf, die allzeitige Bereitschaft ins Blut gepumpt wurde, war eine Sieg ein utopisches Gut. In der Ferne schallte als perverse Untermalung die Nationalhymne, das Offizielle Orchester war da, um die Guignol aufzuhalten. Schau dem Gegner in die Augen, das geht nur, wenn er noch lebt.
Jede Kugel suchte das heiße Fleisch. Fand es. War so hungrig.





Man befand es als unnötig, ihre zerrissenen Körper mitzunehmen. Ließe man sie doch einfach hier sterben, fräßen sie die Raben, sagte man sich. Abgesehen davon … in diesem Kadaverhaufen diejenigen zu finden, die man auch suchte, war zu … zeitaufwendig. Das Kind war sowieso weg. Vielleicht verhungerte sie, vielleicht verdurstete sie, vielleicht … auf jeden Fall war sie ebenfalls tot. Käme sie zurück, dann erst recht.

Flatternd und zitternd atmete Lucille ein – die blau angelaufenen Lippen murmelten etwas, vielleicht vielleicht vielleicht vielleicht … war das Leben so unsicher? War der Tod dann so absolut?
Er war so weiß, sein Gesicht … so leer. In den einstig schönen, ausdrucksstarken Augen lag nun Blei – tief und tief und giftig. Ihm war so furchtbar schwindelig. Die Löcher in seinen Handgelenken waren schon längst schwarz und trocken.
Er war der Letzte gewesen.

Rasselnd kroch er über den blutigen Boden, das dunkle Haar verdeckte die Augen, die blauen Schatten an seinem Hals juckten. Dieser Berg von einem Mann, gar größer als Gwindel, hatte seine massigen Hände um seinen dürren Hals gelegt, als sei er ein Ast gewesen – so fest, bis ihm roter Speichel aus dem halb geöffneten Mund tropfte.
(Wo kam der verdammte Hammer her?)
Dieser Riese schlug so fest zu, immer und immer wieder auf seine Kniescheiben, bis sie nur noch breiige Knochensplitter waren. Nun hingen seine Unterschenkel wie bewegungslose Fremdkörper an den schmerzenden Gliedmaßen. Verbluten würde er – sich das Herz aus dem Rachen kotzen.
Er hatte noch nie geweint.
Er hatte ihn nicht töten können.

Gwindel lag in seinen eigenen Gedärmen. Es war lediglich eine Zeitfrage, bis er Tellur wiedersehen konnte. Ein tröstlicher Gedanke – würde sie ihn noch hassen, wenn er sie wissen ließe, dass er immer auf Igelchen aufgepasst hatte? Würde sie das? Ja?
Die ersten Kugeln hatte er beinahe spielerisch abgefangen. Trafen sie Arm oder Bein war es kein Problem, aber irgendwann waren sie wie die Ameisen, löcherten ihn. Irgendwann hielt seine zerfetzte Bauchdecke den drückenden Innereien nicht mehr stand und riss.
Da war es zu spät gewesen.

Das Wasser tröpfelte vom Himmel, als Celes zurückkam. Sie stolperte blindlings über das Massengrab, zuerst hastete sie in die demolierte Hütte. Alles, was zuvor noch einigermaßen gerade stand, war nun nur noch ein Haufen Müll, ein Haufen Vergessen. Sie war doch nie weg gewesen, sie … konnte doch nur nicht … verzieh man ihr?
Gwindels Cello lag gesplittert auf dem Boden, vollkommen unbrauchbar, daneben Kohakus Geige, deren Saiten gerissen waren, auf deren Holzkörper feine Linien ihre Bahnen zogen. Das Klavier war schon längst nicht mehr als solches zu erkennen. Die Tasten waren munter über dem Boden gestreut, einige rauchten noch. Es war seitlich eingefallen, trotzdem tippte das junge Mädchen eine der noch verbliebenen Tasten an – ein furchtbar disharmonischer Klang war zu hören.
Es war ein trauriger Anblick, mit gesenktem Kopf verließ sie das kleine Häuschen.
Ihr Blick wanderte umher, suchten und fanden Lucilles goldenen Schopf, der trotz Schlamm und Rost noch immer sagenhaft schön schimmerte. Sein Gesicht war entgegen allem, was sie über Tote gehört hatte, nicht entspannt, nicht erlöst – ruhig ja, aber nur insoweit, dass es nicht glaubte, er finge im nächsten Moment an, zu schreien. Es war ein stummes Leiden – ein wortloses, ohne Ton.
Als Nächstes sah sie Gwindel und im Zuge der aufkommenden Übelkeit presste sie die schmalen Hände auf den Mund, beugte sich vornüber und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Igelchen war von ihrer Schulter gerollt und schnüffelte nun an etwas, das sie nach grober und sehr kurzer Betrachtung als Dünndarm einschätzte. Die kleinen rosigen Füßchen tippelten umher, bis sie die Lust verloren und wieder auf Celes' Schulter kletterten. Einige Meter entfernt von dem Cellisten lag Kohaku, sein Gesicht war nicht zu sehen, da es auf dem Boden lag, eine Hand war so von sich ausgestreckt, als wolle sie noch ein paar Meter weiterkommen. Aber sie bewegte sich nicht mehr. In einem Anflug von kindlichem Wahn drehte sie den schmalen Körper um. Seine Augen waren offen, die Pupillen merkwürdig weit. Zittrig schloss das Mädchen die Lider.
Es wurde merklich kälter, ein wenig abseits setzte sie sich auf eine der wenigen freien Flächen, die es noch gab.
Kurz ließ sie noch den Blick über die anderen Leichen schweifen, danach zog sie die Pistole aus ihrem Hosenbund. Ein Klicken, das kalte Metall schob sich in ihren rosigen Kindermund.
Irgendwo donnerte es.
Letztendlich hatte sie das Bedürfnis, zu weinen.

Ihr offener Schädel wurde vom Sturm ausgewaschen.






[*]Celes wird ja im Manga selbst noch als Eles angeredet - von daher.
[*]Ich wollte da so ein ... familiäres Bild zeichnen. Interpretationsoffen. xD
[*] Vielleicht wäre es gut, wenn ich den Kampf insgesamt beschrieben hätte, aber ich wollte nicht, dass jemand auf die Idee kommt, ich könne denselben als Fokus ansehen.
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