Aufgegeben

von Amadi
GeschichteDrama / P6
Arthur Underwood Nathanael alias John Mandrake
07.12.2010
07.12.2010
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07.12.2010 844
 
Hallo,
Ich habe nur zwei Dinge zu sagen:
Endlich habe ich es geschafft, etwas hoch zuladen.
Danke an General Stricher fürs „in den Hintern treten“, fürs korrigieren, fürs supporten und fürs Anregen mystischer Metaphern. Möge die Macht mit dir sein!


Lots of Love
AMADI

Aufgegeben


Sie hat aufgeben. Erst sich selbst, dann das Kind.


Ihre Beine sind schwer wie die Betonklötze der Modernen Architektur, die London seit ein paar Jahren verunstalten und die Übelkeit, die ihr schon lange nicht mehr fremd ist, droht sie zu übermannen.
Der Boden hat eh die Farbe von Erbrochenen, niemand würde es merken, wenn sie sich übergeben würde.
Erst wenn jemand in ihrer Kotze ausrutschen und sich den Schädel, das Schlüsselbein oder sonst etwas brechen würde, würde jemand sich dafür interessieren.
Derjenige, der haften würde müssen.

Obwohl sie die Galle fast schon schmecken kann, beschließt sie, ihren Mageninhalt da zu lassen, wo er ist und geht einfach weiter den Gang entlang.
Sie ist sich nicht mehr sicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat, als sie mit ihm die Aufgaben verteilt hat. Er die Formulare und sie das Kind.


Ihr Sohn hält ihre Hand, so fest er kann. Er vertraut ihr so leicht, so unbeschwert, dass ihr von dem Gefühl der kleinen, zierlichen Fingern in ihrer noch übler wird, sodass sie nun tatsächlich Galle schmeckt.  

Sie schluckt sie herunter und würgt ganz leise. Das Kind hat trotzdem etwas bemerkt. Seine Finger zucken.

Sie sieht die Tür und fragt sich, welcher sadistische Architekt hier so treffend konstruiert hat.
Am Ende eines langen Ganges, eines schweren Ganges.  
Wusste der Erbauer, was für ein Gebäude er entwarf?
Vermutlich nicht. Er hat wahrscheinlich nur daran gedacht, ein praktisches Gebäude für Verwaltungsapparate zu bauen.
Du hättest vorher darüber nachdenken sollen, hört sie sich selbst flüstern, ihrer Schwester zuflüstern, mit dieser abfälligen Stimme.


Ihre Schwester ist schon immer stärker gewesen als sie. Ihre Schwester wird es schaffen, zwei uneheliche Kinder aufzuziehen, nachdem ihr Kerl sie sitzengelassen hat.
Und sie selbst? Sie selbst hat es noch nicht mal mit ihrem Freund geschafft, schafft es nicht, sich von der Familie abzunabeln, die erwartet, dass sie zurückkommt, und so verkauft sie ihr eigenes Kind den Zauberern, gibt es fort. Gibt es auf.

Die Heuchelei liegt ihr schwer im Magen; sie ist wohl das Einzige, was noch wirklich schwer darin liegt und nicht auf halben weg wieder hinaus ist.
Ihre Heuchelei.

Wieder hört sie sich selber abfällig flüstern, hättest du doch erst geheiratet bevor du dich hast von diesem Taugenichts hast schwängern lassen.
Sie weiß nicht, ob das ihre genauen Worte waren, als sie vor ihrer Tür stand und ihr sagte, dass sie immer gewusst hat, dass sie am Ende allein dastehen würde.


Und nun würde ihr Sohn allein dastehen.
Von Mutter und Vater verlassen.

Die Tür des Raumes, indem sie ihn lassen soll, ist nur einen weiteren Schritt entfernt, und der Beamte, der an einem Schreibtisch neben dieser Tür sitzt blickt nicht von seiner Zeitschrift auf, als sie den letzten Schritt tut und die Hand auf die Klinke legt.


Sie ist angenehm kühl, und beruhigt erst ihren Magen und dann sie, bevor sie es sich noch einmal anders überlegen kann.
Sie öffnet die Tür.

Die Tür zu öffnen ist nicht endgültig, redet sie sich ein, obwohl sie weiß, dass sie jetzt nicht mehr zurück kann.
Der Raum ist voll von Spielzeug und hell gestrichen, und obwohl er wohl Trost spenden soll ist er schrecklich grell und überzogen.
Er ist das genaue Gegenteil zu dem dunklen, kotzefarbenen Gang.
Und er ist genauso widerwärtig.

Das Kind greift die Hand fester, als würde es spüren, dass sie es weggeben wird, und mit einem Mal wird ihr klar, dass sie der Junge bedingungslos liebt, obwohl sie ihre Schwester für etwas anprangerte, was sie selbst getan hatte; obwohl sie ihre Familie aufhetzte, weil ihre Schwester ihren Kindern eine gute Mutter war, und sie nicht verließ.
Obwohl sie selbst ihn verlassen, ihn weggeben wird.


Sie will es zwar nicht, aber sie beginnt zu weinen.
Das Kind sieht sie aus großen dunklen Augen an, und plötzlich bemerkt sie, dass sie das Kind ebenso liebt, wie es sie.
Sie würde den Jungen gern umarmen und küssen, doch lässt sie nur die Hand los, die er weiterhin umklammert.
Sie versucht ihm nicht weh zu tun, während sie seine Finger von ihren zwängt.
Er streckt die kleinen Finger nach ihr aus, und sie weiß, dass er es weiß.

Sie dreht sich um, und beginnt zu rennen, während sie schluchzt, und schlägt die offene Tür hinter sich zu. Der Knall verfolgt sie, läuft mit ihr und überholt sie schließlich.
Der Beamte sieht nur kurz auf, als sie den Gang entlang zur Damentoilette rennt, um ein wenig Galle zu erbrechen. Sich mit einem Papiertuch den Mund abwischend, denkt sie darüber nach, dass nun endgültig nichts mehr in ihr ist.

.

Er erwartet sie vor der Tür, eine Zigarette rauchend.
Wortlos geht er los, sein gerader, stolzer Gang hat die Bestimmtheit verloren.
Sie folgt ihm, ohne einen Blick zurück.

Nur ein Wort tropft von ihren gallebitteren Lippen.
„Nathanael.“



*Feb +Dez
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