Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wechselnde Wetter

von jandrina
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Aragorn
02.12.2010
02.12.2010
1
7.909
7
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 
 
02.12.2010 7.909
 
Bemerkungen: Fortsetzung von 'Ein Fremder', aber es ist nicht nötig das zu kennen, um dies hier zu verstehen (denke ich jedenfalls). Die Geschichte liegt seit letztem Frühjahr/Sommer auf meiner Festplatte, und beim momentanen Wetter habe ich mich daran erinnert und sie wieder ausgegraben... :-).

* * * * *

Kapitel 1 – Eine kalte Winternacht

Im Jahre 2985 des Dritten Zeitalters, Dezember

Aragorn hatte schon vor einiger Zeit aufgehört zu zittern, aber er wusste, dass es in diesem Fall ein schlechtes Zeichen war. Noch immer wirbelte der Schnee, dem schon vor Stunden der strömende Regen gewichen war, wild um ihn herum, und der Wind nahm an Schärfe noch zu. Er war bis auf die Knochen durchnässt, und schon seit vor dem Morgengrauen auf den Beinen.

Sein Ziel war Bree. Genauer gesagt, das Gasthaus zum Tänzelnden Pony. Nur die Vorstellung, einen Krug mit warmem Bier in der Hand zu halten, an einem wärmenden Feuer zu sitzen, hielt ihn noch auf den Beinen. Seine Finger und Füße spürte er schon seit einer Weile nicht mehr, und als Folge war er bereits mehrfach gestolpert und sogar gefallen.

Selbst für seine wenig anspruchsvollen Verhältnisse musste er sich eingestehen, dass er wie ein Vagabund aussah. Mit Matsch bespritzt bis zur obersten Spitze der inzwischen nutzlosen Kapuze, die Stiefel zentnerschwer von all dem Schlamm, der an ihnen klebte. Seit Wochen hatte er kein Bad genommen, und seine Kleider waren schon länger ungewaschen, von den vielen Rissen und Blutflecken ganz abgesehen. Er stank wie eine ganze Horde Wargs. Auch der endlose Regen konnte daran wenig ändern.

Er verbat sich, weiter über die vergangenen Tage nachzugrübeln. Eine besondere Pechsträhne schien sich seiner bemächtigt zu haben. Sein Bündel mit Ersatzkleidung und Decken war verloren nach einem kurzen aber sehr harten Kampf mit einem Duzend Orks. Er hatte nur sein Leben und die Waffen retten können. Einen Tag später hatte der Regen eingesetzt, und die Temperaturen waren dramatisch gefallen. Das erste Geheimlager, wo er Vorräte, Winterkleidung und trockenes Holz zu finden erwartete, war geplündert. Das zweite hatten offenbar Waldläufer in Not vor ihm genutzt, ohne das Verbrauchte zu ersetzen.

Bree war seine letzte Hoffnung.

* * * * *

Wie betäubt starrte Aragorn auf das schwere Holztor. Der Weg zum Tänzelnden Pony war ihm verschlossen. Der Wachmann am Tor ließ ihn nicht ein. Keiner, der nicht in Bree lebte oder ausdrücklich eingeladen war, durfte in dieser Nacht den Ort betreten, wie es schien.

Der Wachmann, ein junger kräftiger Bursche, hatte ihm nicht einmal Zeit gegeben, seine verzweifelte Lage zu schildern. Er hatte schlicht erklärt, dass er auf Order des Ortsvorstehers handelte, bevor er die kleine Luke im Tor wieder verschloss. Eine spezielle Feierlichkeit. Fremde waren nicht willkommen. Er könne es gerne in ein paar Tagen erneut versuchen.

Aragorn musste weiter. Aber wohin konnte er sich jetzt noch wenden?

Er war auf dem Weg zu einem kleinen Außenposten an der Grenze zum Auenland, aber bis dorthin waren es noch mehrere Tagesmärsche. So lange konnte er nicht ohne Pause wandern. Und von einem Schlaf, dem er sich bei dieser Kälte ungeschützt hingab, würde er nicht mehr erwachen.

Eine Höhle fiel ihm ein, fernab von der Straße und mehr als sechs Wegstunden entfernt. Zumindest wäre es dort trocken, wenn auch nicht warm. Wenn er es bis dorthin schaffte... Er wendete sich ab, und tat ein paar Schritte. Gegen die Verzweiflung ankämpfend, die in ihm wuchs, stemmte er sich gegen den Wind, der mit zäher Kraft an ihm zerrte. Das Schneetreiben wurde noch stärker und raubte ihm die Sicht. Die Temperaturen fielen weiter, er spürte es.

Er würde es nicht bis zu der Höhle schaffen. Er brauchte jetzt Schutz vor dem Wetter, oder er war verloren.

Und dann erinnerte er sich an Korlosh, den Mann, dessen Fuß er vor einigen Jahren hatte amputieren müssen, um dessen Leben zu retten. Seine Hütte war außerhalb Brees. Aragorn verdrängte jeden Gedanken daran, wie sehr der Invalide ihn hasste, wie oft der verbitterte Mann ihn beschimpft und weggejagt hatte, wenn er versuchte zu helfen. Selbst als er seine Frau vor wenigen Monaten retten wollte, als eine Welle der Lungenkrankheit Bree heimgesucht hatte, hatte der Mann ihn vertrieben.

Zumindest Korlosh's Tochter, das Mädchen Miryam, würde sich vermutlich freuen, ihn zu sehen. Was Korlosh selbst tun würde, blieb abzuwarten. Aragorn sammelte die verbliebenen Kräfte und änderte die Richtung. Mit dem Wind im Rücken kam er besser voran, aber inzwischen waren seine Füße komplett gefühllos, immer wieder stolperte er über Hindernisse, die er im wild herumwirbelnden Schnee kaum zu erkennen vermochte. Seine Ellenbogen und Knie lagen bloß, die schützende Kleidung war von den mehrfachen Stürzen zerfetzt, aber die Wunden bluteten nicht, und Schmerz fühlte er auch keinen – noch nicht. Sollte er je wieder ins Warme gelangen, würde sich das ändern.

Immer weiter kämpfte er sich, zeitweise ohne zu bemerken wohin seine Füße ihn trugen, denn sein Geist verdunkelte sich zusehends, ein weiteres Zeichen, dass er dringend Wärme und Ruhe brauchte, sonst war er verloren. Aber schließlich sah er die Hütte vor sich. Er stolperte zur Tür, während er besorgt feststellte, dass weder aus dem Spalt unter der Tür noch aus den kleinen Fenstern Licht nach draußen drang. Waren Vater und Tochter auch in Bree? Oder hatten sie sich schon zu Bett gelegt? Er hoffte letzteres, und schlug mit dem gesamten Unterarm gegen die Tür.

Geräusche und hektisches Geflüster sagten ihm, dass jemand in der Hütte war, und er schickte einen stillen Dank zu den Valar.

„Wer ist da?“, rief eine raue Männerstimme durch die geschlossene Tür.

Aragorn wusste: sein Name galt in dieser Hütte als Schimpfwort. Aber Lügen kam nicht in Frage. So zwang er seine frostkalten Lippen auseinander und rief, um gegen das Heulen des Sturmes gehört zu werden: „Ein Waldläufer. Streicher werde ich genannt.“

Die Stille, die aus der Hütte zu ihm drang, schien den Lärm, den die Natur um ihn herum machte, noch zu übertönen. Verzweifelt hämmerte Aragorn ein weiteres Mal gegen die Tür.

„Was willst du?“

Aragorn zögerte, unsicher welche Worte am ehesten zu Korlosh durchdringen mochten. Obwohl er Korloshs Leben gerettet hatte, wusste er, dass der Mann ihm nicht dankbar war, sondern ihn im Gegenteil verantwortlich machte für sein Los. Er hatte zwar auch Miryam vor den Wölfen gerettet, aber dafür hatte das Mädchen ihn vor dem Verbluten bewahrt. Und er war sich nicht einmal sicher, dass der Vater von diesem Abenteuer der Tochter wusste.

Ihm blieb nur eins. Er schluckte seinen Stolz hinunter, und sagte gerade laut genug um über dem Tosen des Sturms gehört zu werden: „Ich brauche Obdach, Schutz vor dem Wetter.“

Wieder verstrich eine Zeitspanne, die der erschöpfte Waldläufer nicht mehr bemessen konnte. Sein Fokus kam und verließ ihn, und er meinte Stimmen zu hören, die es hier nicht geben konnte. Arwen. Adar. Seine Mutter... Noch einmal hob er den Arm, aber seine Schläge gegen die schwere Tür waren nur schwach.

Er würde hier sterben, nur durch eine Holztür getrennt von der rettenden Wärme eines Feuers, eines trockenen Nachtlagers. In stiller Verzweiflung schloss er die Augen, und wollte sich gerade abwenden, um wenigstens den mageren Schutz eines Busches oder Baumstammes zu finden, wo er sich ein letztes Mal zusammenrollen würde, als plötzlich die Tür einen winzigen Spalt geöffnet wurde.

„Bist du allein?“

„Ja.“, brachte er durch aufgesprungene blutleere Lippen hervor, und er wischte sich mit einem Arm die Kapuze vom Kopf, damit Korlosh sein Gesicht sehen konnte.

„Leg Deine Waffen ab.“

Aragorn wankte, seine Beine drohten vor Erleichterung einzuknicken. Noch war nicht alles verloren. Mit tauben Fingern tastete er nach der Schnalle seines Schwertgurts, konnte sie aber nicht öffnen. Seine Augen suchten die des Mannes, der hinter der schweren Tür stand. „Ich bin keine Bedrohung für euch. Ich schwöre es.“, brachte er heiser hervor.

„Dein Schwur ist mir egal. Ich will deine Waffen am Boden sehen, auf der Stelle, oder du bleibst draußen.“

Verzweifelt nestelte Aragorn ein weiteres Mal mit kältestarren Fingern an dem Gürtel. Die Idee, Schwert und Dolch zu ziehen und auf den Boden zu legen, kam ihm nicht, genauso wenig, wie zu erklären, warum er dem Befehl keine Folge leistete. Sein Denkvermögen war bereits durch die Unterkühlung zu stark beeinträchtigt. Aber er nahm wahr, dass die Tür sich langsam wieder schloss, und er torkelte einen Schritt näher zur rettenden Hütte, zur so dringend benötigten Wärme.

Plötzlich zwängte sich eine kleine Gestalt an der Korloshs vorbei, hinaus zur Tür, und Miryam huschte an Aragorns Seite. Ihr Vater riss die Tür auf und schrie: „Miryam, komm sofort ins Haus.“

Aber sie warf sich gegen Aragorn, der einen halben Schritt zurück taumelte, und es kaum schaffte, sich auf den Beinen zu halten. Automatisch schlang er beide Arme um das Mädchen, während sie ihre Finger in seinen klatschnassen Sommermantel grub.

Korlosh riss die Tür auf, lehnte dagegen um das Gleichgewicht auf seinem einen Fuß zu wahren, dann griff er nach einer Mistgabel, und hielt sie halb erhoben als Waffe. Drohend sagte er: „Lass deine schmutzigen Finger von ihr!“

Miryam bebte in Aragorns Armen, und für einen Moment drückte er ihren warmen kleinen Körper an sich, bevor er sie sanft von sich schob, und rau murmelte: „Hör auf deinen Vater. Geh wieder ins Warme.“

Sie sah scheu zu ihm auf, und er versuchte sein gefühlloses Gesicht zu einem Lächeln zu verziehen, vermutete aber, dass er eher eine Grimasse schnitt. Sie wich vor ihm zurück und kam damit in Korloshs Reichweite, der die Mistgabel fahren lies und sie hinter sich zerrte.

Aber bevor der Invalide die Tür schließen konnte, trat Aragorn weit genug vor, dass er die Tür offen halten konnte. Er hatte nicht die Absicht, sich mit Gewalt Zutritt zu verschaffen, aber dies war seine allerletzte Hoffnung.

„Ich bitte Dich. Wenn ich nicht-“

Seine Knie gaben endgültig nach, und er fiel kraftlos gegen die Tür, bevor er den Satz beenden konnte. Korlosh stemmte sich mit aller Gewalt dagegen, kam aber nicht gegen das beinahe leblose Gewicht Aragorns an. Die Tür flog auf, Korlosh wich zurück und schaffte es nur gerade, sich auf den Beinen zu halten. Auch Aragorn blieb nur dank einiger rascher torkelnder Schritte aufrecht. Schwer lehnte er gegen die nun offene Tür. Korlosh bewegte sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit in Anbetracht seines Handicaps, und hielt bereits die Mistgabel auf Aragorns Gesicht gerichtet, bevor dieser auch nur ein Wort hervorbrachte.

Jemand keuchte auf, und Aragorn drehte den Kopf zu Miryam, die an der Feuerstelle stand. Sie hatte die Hand vor den Mund geschlagen, und starrte ihn fassungslos an. Aragorns Blick suchte den Korloshs, und auch der Mann wirkte entsetzt, aber nicht aus Furcht um das eigene Leben oder das seiner Tochter, wie es Aragorn schien. Korlosh senkte die Mistgabel etwas, und fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen.

Verwirrt über diese beinahe besorgten Reaktionen sah Aragorn an sich hinunter. Wasser tropfte aus seiner Kleidung, die sich im erbärmlichen Zustand befand. Zerrissen und ganz offensichtlich nicht für Wetter wie dieses geeignet, verbarg sie seine aufgeschrammten schneeweißen Gelenke nicht, und jetzt, im Schein des Feuers, waren all diese Dinge gut sichtbar. Er musste ein wirklich elendiges Bild abgeben. Erneut sah er Korlosh an: „Erlaube mir, mich aufzuwärmen... nur für eine Weile..., einige Stunden..., ich bitte dich...“

„Die Waffen.“ Korlosh sagte es weniger scharf als zuvor, und als er Aragorns erneut vergeblichen Versuch sah, den Waffengürtel zu lösen, schien der das Problem zu erfassen. „Nimm die Hände über den Kopf, lass sie dort. Meine Tochter wird dich entwaffnen.“

Aragorn, der noch immer schwer gegen die Tür lehnte, tat wie ihm geheißen. Seine Sicht verschwamm, er war nicht sicher, wie lange er sich noch aufrecht halten konnte. Miryam zog ungeschickt sein Schwert aus der Scheide, und wich dann wieder ängstlich zurück.

„Hast du noch mehr Waffen?“

„Ein Dolch im Gürtel... Messer im rechten Stiefel.“ brachte Aragorn mühsam hervor. Sie würden die Waffen sowieso finden, wenn ihm erlaubt wurde zu bleiben, denn er musste die nassen Kleider vom Leib bekommen, oder alle Wärme dieser Hütte konnte ihn nicht retten.

Wieder trat Miryam näher, und nahm ihm auch diese Waffen ab. Dann trat sie damit neben ihren Vater. Beide blickten unsicher auf den Waldläufer, der die Arme wieder sinken ließ. Aragorn verstand plötzlich, dass sie nicht wussten, was sie mit ihm machen sollten. Ihnen mochte nicht klar sein, wie bedrohlich sein Zustand war, und dass er dringend ihrer Hilfe bedurfte.

Normalerweise verschwieg er Verletzungen und Krankheiten, aber er kannte auch seine Grenzen. Das zunehmende Rauschen in seinen Ohren, die Lethargie, die von ihm Besitz ergriff, waren Alarmzeichen. Und im Gegensatz zu den zwei Menschen vor ihm wusste er, was zu tun war.

Er blickte Miryam an, meinte in seinem Kopf eine von Elronds Lektionen über das Heilen zu vernehmen. Er war sich nicht sicher, ob Elrond sprach, oder er selbst. Tonlos sagte eine Stimme, die fremd in seinen Ohren klang: „Bei Unterkühlung nicht die Gliedmaßen, sondern zunächst den Körper langsam aufwärmen, sonst...“

Die Hütte kippte zur Seite, und er wusste nichts mehr von sich.

* * * * *

Er erwachte von einem merkwürdigen Geräusch. Jeder Knochen, jeder Muskel tat ihm weh, Finger und Füße brannten als wenn jemand sie in glühende Kohlen halten würde, und seine Brust schmerzte bei jedem Atemzug. Er fror noch immer erbärmlich, zitterte am ganzen Körper, und plötzlich wurde ihm klar, dass das Geräusch, das ihn geweckt hatte, seine heftig aufeinanderschlagenden Zähne waren.

Aragorn erkannte, dass er vor einem Feuer in einer Hütte lag, auf einer alten Decke über einer Lage Stroh, und auf ihn gehäuft war ein wirres Durcheinander an Kleidungsstücken und weiteren Decken. An seinem Bauch und Rücken spürte er Steine, die etwas Wärme abgaben. Im Raum verteilt konnte er seine eigenen nassen und verdreckten Kleider sehen, über einen Stuhl drapiert und an Haken aufgehängt. Hastig fuhr er mit den brennend-schmerzenden Fingern über seine Brust und Oberschenkel. Seine Unterwäsche trug er noch. Sie war klamm und feucht, aber zumindest war er nicht nackt.

Und plötzlich erinnerte er sich wieder wo er war. Ein weiteres Mal sah er sich um, und diesmal entdeckte er Korlosch, der in einer dunklen Ecke saß, und ihn nicht aus den Augen ließ. Neben ihm lehnte die Mistgabel griffbereit an der Wand. Im Bett am Fenster lag eine kleine Gestalt. Miryam, realisierte Aragorn. Wieder suchten seine Augen die Korloshs, und der Mann stand auf, humpelte mit Hilfe einer grob gearbeiteten Krücke zu ihm, und hockte sich neben ihm nieder. Dann griff er nach einem Becher, der nahe des Feuers stand, und hielt ihn Aragorn hin.

„Miryam sagt, du sollst das trinken. Das soll die Kälte vertreiben und Husten verhindern.“

Aragorn roch einen Hauch Thymian, und das vage Aroma von Lindenblüten. Eine gute Wahl, musste er zugeben. Überrascht, aber dankbar, stemmte er sich auf die Ellenbogen, und griff mit bebender Hand nach dem Becher. Dieser war noch warm, und Aragorn trank einige Schluck, und hielt dann den Becher so fest er es vermochte, um jeden Funken Wärme in sich aufzusaugen.

Dann sah er Korlosh an und brachte durch noch immer heftig klappernde Zähne hervor: „Ich verdanke dir mein Leben. Wenn du mich nicht eingelassen hättest, wäre ich jetzt tot.“

„Ich habe dich nicht eingelassen.“

Stirnrunzelnd versuchte Aragorn sich ins Gedächtnis zu rufen was passiert war, aber die letzten Minuten, bevor er das Bewusstsein verlor, waren nur eine Abfolge vager bruchstückhafter Bilder.

Zögernd fragte er: „Ich kann mich nicht erinnern. Habe ich dich bedroht?“

Korlosh starrte ihn an, dann senkte er den Kopf, und murmelte: „Nein.“ Als er den Kopf wieder hob, war sein Blick feindselig. „Aber du bist hier nicht willkommen, vergiss das nicht.“

Aragorn nickte, leerte mit zittrigen Bewegungen den Becher und legte sich wieder hin. Er war noch immer sehr erschöpft, selbst dies kurze Gespräch ging fast über seine Kraft. Er schloss die Augen. Wenn Korlosh ihn im Schlaf töten wollte, konnte er es nicht verhindern. Aber andererseits, wenn der Mann dies plante, hätte er es bereits getan. Mit einem leisen Seufzer fiel Aragorn wieder in tiefen Schlaf.

* * * * *

Als er das nächste Mal erwachte, kam schwaches, milchiges Licht durch die Fenster. Miryam kauerte auf dem Bett, in dem vermutlich normalerweise der Vater schlief. Korlosh hatte wieder seinen Posten bezogen, von dem aus er Aragorn bereits während der Nacht bewacht hatte.

Aragorn stemmte sich hoch, und unterdrückte einen Schmerzlaut, als dabei jeder Muskel und jedes Gelenk protestierten. Aber wenigstens war der brennende Schmerz in Händen und Füßen vergangen, und mit großer Erleichterung bemerkte Aragorn, dass er alle Gliedmaßen zumindest ein wenig bewegen konnte, auch wenn die Feinmotorik noch sehr zu wünschen übrig ließ. Er hatte Glück, er würde keines seiner Gliedmaßen verlieren.

Fast schuldbewusst schweifte sein Blick zu Korlosh. Er hatte getan was nötig war, dessen war er gewiss, dennoch konnte er gut verstehen, dass der Mann mit seinem Schicksal haderte. Er hatte in Gondor einige Soldaten in den Häusern der Heilung gesehen, die Amputationen hinter sich hatten, und wusste, dass es fast immer deutlich länger dauerte bis die Seele den Verlust verkraftet hatte, als der Körper brauchte, die Wunden zu schließen. Manche Männer überwanden den Verlust nie, und starben obwohl sie hätten leben können.

Um wie viel schwerer musste es für Korlosh sein, der der Einzige weit und breit war, der einen solchen Verlust hinnehmen musste. Aragorn wusste, dass die kleine Familie als Außenseiter galt. Dies war teilweise dem abweisenden Verhalten des Mannes zuzuschreiben, aber Aragorn war sich sicher, hätte Korlosh noch alle Glieder, wäre er gewiss zugewandter und freundlicher. Und erst vor etwas mehr als zwei Monaten war auch noch die Frau und Mutter seiner Tochter gestorben.

Während er einen neuerlichen Seufzer unterdrückte, glitt Aragorns Blick zu Miryam. Das schüchterne Mädchen getraute sich nicht, unter des Vaters strengen Augen mit ihm zu sprechen oder zu ihm zu kommen. Er schenkte ihr ein kleines Lächeln, dass sie nicht erwiderte. Tiefe Trauer erfüllte Aragorn. Aber er konnte nichts tun. Er hatte versucht zu helfen, soweit es in seiner Macht stand, und damit die Sache vermutlich nur schlimmer gemacht.

„Kannst du reisen?“, fragte Korlosh ihn rau, und riss ihn damit aus seinen düsteren Gedanken.

Ein weiteres Mal prüfte Aragorn die Funktionalität seiner Glieder, dabei suchten seine Augen den Raum nach seinen Kleidern und Waffen ab. Die Stiefel standen nahe des Feuers, aber die Farbe des Leders sagte ihm, dass sie noch nass waren. Dasselbe galt für seinen Sommermantel, der ihm im momentan zerrissenen Zustand sowieso nur unzureichend Schutz bieten würde. Einzig seine Hose und die Tunika wirkten trocken, wenn auch noch immer verdreckt und mit mehr Rissen, als er sich je erinnern konnte, an seinen Kleidern gehabt zu haben. Die Waffen konnte er nicht entdecken.

„Wenn ich muss.“, antwortete er, obwohl er insgeheim bezweifelte, dass er weit kommen würde.

Korlosh sah ihn lange an. Aragorn wich seinem Blick nicht aus. Schließlich war es Korlosh, der sich abwandte, und murmelte: „Es hat ununterbrochen geschneit. Du kannst eine weitere Nacht bleiben. Aber mach eine falsche Bewegung, und du gehst auf der Stelle. Ist das klar?“

Aragorn nickte, und sagte erleichtert: „Ich danke dir.“

Es war ein ungemütlicher Morgen. Draußen tobte der Sturm mit unverminderter Kraft. In der Hütte war die Stimmung kaum weniger eisig. Miryam sprach kein einziges Wort, und Aragorn wagte nicht, sie anzusprechen. Er war sich bewusst, dass er noch immer kaum ohne Hilfe draußen überleben konnte, solange das Unwetter wütete. Und er wollte auch das Mädchen nicht in Schwierigkeiten bringen. Korlosh beobachtete ihn weiter, während er einige Körbe flocht. Miryam tischte schließlich gegen Mittag eine einfache Suppe auf, noch einfacher als selbst die Waldläufer im härtesten Winter zu sich nahmen.

Aragorn aß nur wenig. Er wollte der Familie nicht die geringen Vorräte nehmen. Hunger war nicht seine Sorge, solange er im Warmen war, konnte er problemlos einige Tage mit karger Kost oder gar ohne Essen auskommen. Es wäre nicht das erste Mal. Korlosh runzelte die Stirn, als Aragorn einen Nachschlag ablehnte, sagte aber nichts. Miryam sprach ihn das erste Mal an: „Hast du keinen Hunger?“

„Nein, Miryam.“ Er lächelte sie ein weiteres mal an, und diesmal lächelte sie zögernd zurück, und verteilte den kläglichen Rest auf die Schüssel des Vaters und die eigene.

Während der Nachmittag quälend langsam vorüberkroch, machte Aragorn einige leichte Fingerübungen und massierte seine Füße, dann fragte er Miryam, ob sie Nadel und Faden für ihn hätte. Verblüfft starrten Tochter und Vater ihn an.

Verlegen murmelte Aragorn: „Meine Kleidung ist zerrissen und so von wenig Nutzen. Ich will sie flicken.“

„Du kannst nähen? Aber das ist Frauenarbeit!“, platzte Miryam heraus.

Aragorn lachte leise. „In der Wildnis lernen die Waldläufer schnell die Künste, die in den Dörfern von den Frauen tagtäglich erledigt werden. Und ebenso erlernen unsere Frauen und Töchter, sich mit Messer und Bogen zu verteidigen, falls es einen Angriff gibt, während die Männer auf Patrouille sind. Es hat sich oft bewährt.“

„Wirklich? Bei euch lernen die Frauen zu kämpfen?“

Mit einem raschen Blick zu Korlosh, der wieder einmal die Stirn verärgert runzelte, beantwortete Aragorn die eifrige Frage des Mädchens: „Sie lernen nicht den Kampf, sondern die Verteidigung. Das ist ein Unterschied. Nie würden wir unsere Frauen in den Krieg ziehen lassen, aber sie müssen sich schützen können in den Zeiten, wenn wir es nicht vermögen.“

Miryam fragte: „Warum können die Männer sie denn nicht schützen?“

Was sollte er darauf antworten. Er wollte und konnte nicht von der fast täglich schwindenden Zahl seines Volkes reden, und von den Pflichten, die die Waldläufer ständig von ihrer Familien Seite fern hielt. Er senkte den Kopf, dachte an Halbarad, der seinen erstgeborenen Sohn erst Monate nach der Geburt das erste Mal im Arm halten konnte.

„Hör auf, ihn mit Fragen zu belästigen, Kind. Gib ihm Nadel und Faden. Mit geflickten Kleidern kann er schneller wieder reisen.“, knurrte Korlosh, und Aragorn war nicht ganz sicher ob seine Erleichterung, nicht antworten zu müssen überwog, oder sein Ärger, wie brüsk der Mann mit seiner Tochter sprach.

Als Miryam ihm dunklen Faden und eine grobe Nadel gab, dankte er ihr leise, aber sie sah ihn nicht einmal an.

Schweigend flickte Aragorn seine Hose und danach seine Tunika, biss die Schmerzen zurück, die ihm selbst diese einfachen Bewegungen bereiteten, und dachte über diese kleine vom Schicksal so hart heimgesuchte Familie nach.

* * * * *

Kapitel 2 – Von Körben und Fellen

Korlosh starrte verärgert auf den schiefen Korb in seinen Händen. Dieser Waldläufer irritierte ihn. So konnte er nicht arbeiten. Eine Nacht noch, schwor er sich, dann würde dieser Streicher wieder verschwinden, egal wie viel es schneite, und wie kalt es draußen war.

Entschlossen, auch in dieser Nacht den Fremden keine Sekunde aus den Augen zu lassen, richtete sich Korlosh in seiner Ecke am Feuer ein, ein langes Messer in der Hand, und in der anderen ein Stück Holz, an dem er gedankenlos herumschnitzte.

Auch Streicher schien nicht müde zu sein, er saß auf dem Strohlager, das normalerweise Miryam als Nachtlager diente, und untersuchte die Nähte seiner noch immer feuchten Stiefel auf reparaturbedürftige Stellen.

Miryam hatte sich vor einer Weile bereits hingelegt, und ihr Atemrhythmus deutete an, dass sie tief schlief.

„Du hast geschickte Hände, Korlosh.“

Überrascht sah Korlosh auf. Streicher betrachtete ihn ruhig. Nicht ganz sicher, was er von der Bemerkung halten sollte, grummelte er: „Wie die einer Frau, meinst du? Zu mehr tauge ich ja auch nicht mehr.“

„Deine Hände haben mehr Kraft als die einer Frau. Sie könnten Dinge tun, die eine Frau nicht kann.“

„So? Was denn zum Beispiel?“

„Diese Stiefel hier flicken. Meine Finger gehorchen mir noch nicht gut. Ich wäre dir dankbar, wenn du mir helfen würdest.“

Misstrauisch blickte Korlosh den Waldläufer an. Machte dieser sich über ihn lustig? Streicher blickte ihn noch immer ruhig an, die Stiefel in seinem Schoß, die geschwollenen blaurot verfärbten Hände daneben auf den Oberschenkeln ruhend.

Mit einem Knurrlaut streckte Korlosh die Hand aus, und Streicher beugte sich vor und reichte ihm einen der Stiefel. Korlosh untersuchte ihn. Er benötigte tatsächlich dringend einiger Reparaturen. Mit einem verärgerten Grunzen kam er auf die Füße, um nach der  Ahle zu suchen. Es war ihm unangenehm, dass Streicher ihn dabei beobachtete, sah, wie ungeschickt er voran kam, wie lang er brauchte, um sich mit der Krücke in der kleinen Hütte zu bewegen.

Aber ein Seitenblick zeigte ihm zu seiner Verblüffung, dass Streicher ihn gar nicht beachtete. Statt dessen hatte der Mann sich den Mantel herangezogen, und bemühte sich, einen langen Riss darin zu nähen. Korlosh beobachtete, wie der Waldläufer wieder und wieder versuchte, die Nadel durch das dicke Leder zu treiben, aber es nicht schaffte. Mit einem leisen Seufzer ließ er schließlich Mantel und Nadel sinken, dann blickte er auf. Ihre Augen trafen sich.

Streichers Blick war offen und ohne Häme oder Falsch. Korlosh brach den Blickkontakt, kramte die Ahle hervor und humpelte zurück zu seinem Platz. Dort begann er damit, Streichers Stiefel notdürftig zu flicken. Als er damit fertig war, streckte er wortlos seine Hand aus, und Streicher reichte ihm auch den anderen Stiefel.

Als Korlosh auch mit diesem fertig war, sah er zu Streicher, der seine fingerlosen Handschuhe in den Händen hielt. Es war kaum genug Leder übrig, das geflickt werden konnte, und auch Streicher schien dies einzusehen, denn er unternahm keinen Versuch, die Risse in dem dünnen Leder zu nähen. Aber er strich fast liebevoll über die zerstörten Handschuhe, und bewegte die Lippen, fast wie im stummen Gebet.

Dann schien er zu bemerken, dass er beobachtet wurde, und hob den Kopf.

„Die sind nicht mehr zu retten.“, brummte Korlosh.

„Ich weiß,“, sagte Streicher leise. Nach einem Moment des Zögerns fuhr er fort: „Sie waren das Geschenk eines guten Freundes und haben mich lange begleitet.“

„Du bräuchtest sowieso Fäustlinge, als Schutz gegen die Kälte.“

„Ja. Du hast nicht zufällig ein Stück Fell, das ich als Ersatz benutzen kann? Ich bezahle dich selbstverständlich dafür.“

„Ich habe kein Fell übrig.“ Korlosh sagte es harscher als beabsichtigt. Er hatte in Ithilien nicht nur den kleinen Hof bewirtschaftet, sondern auch Pelztiere gefangen und die Felle verkauft. Aber seit dem Verlust seines Fußes war er dazu nicht mehr in der Lage. Seither war er dazu verdammt, Frauenarbeit zu verrichten. Und das Flechten gelang ihm nicht gut, wie er selbst wusste, auch wenn er es nicht offen eingestand.

Streicher nickte leicht, sah ihn einen Moment abschätzend an, und sagte dann leise: „Mein Mantel... ich bin nicht in der Lage die Risse zu nähen. Das Leder ist zu dick.“

Korlosh kniff verärgert die Augen zusammen. Erwartete dieser dahergelaufene Waldläufer etwa, dass er ihm seine gesamte Ausrüstung wiederherstellte? Für wen hielt der sich eigentlich?

Dann fiel sein Blick auf die noch immer geschwollenen und bläulich-rot verfärbten Finger des Mannes. Streicher folgte seinem Blick, und hob dann wieder die Augen, sah ihn einen Moment lang an, dann legte er die kläglichen Überreste der Handschuhe neben den Mantel. Mit einem leisen 'Gute Nachtruhe' ließ sich der Waldläufer langsam, mit ungeschickten Bewegungen, auf das Lager gleiten, zog die Decke über sich, und schloss die Augen. Sicherlich hatte er noch immer Schmerzen, und ihm fehlte die volle Beweglichkeit der Glieder, aber kein Laut der Klage kam über seine Lippen.

Geschieht ihm recht, dachte Korlosh, und dachte an seinen linken Fuß, der unwiederbringlich verloren war. Er griff nach dem Stück Holz, an dem er zuvor geschnitzt hatte, und auch nach dem Messer, aber schon nach wenigen Minuten warf er beides mit einer ärgerlichen Bewegung wieder zu Boden und starrte auf den langen Riss in Streichers Mantel. So bot dieses Teil keinen ausreichenden Schutz vor dem Wetter. Er mochte ungehobelt sein, und verbittert, aber er war nicht grausam.

Sobald er sicher war, dass Streicher schlief, angelte er sich den Mantel, und flickte die vielen großen und kleinen Risse sorgfältig. Dazu brauchte er fast die ganze Nacht, aber das störte ihn nicht, er hatte sowieso nichts besseres zu tun, und es machte ihm Spaß, wieder einmal mit Leder umzugehen.

Früher, als er noch jagen konnte, hatte er oft Dinge aus dem Fell oder Leder der erbeuteten Tiere hergestellt. Tatsächlich wäre es ihm damals ein leichtes gewesen, dem Waldläufer ein Paar neue Handschuhe in solcher Qualität herzustellen, die ihn den Verlust der alten hätten schnell vergessen lassen.

Fast bedauerte er, keine Felle mehr zu haben.

* * * * *

Am frühen Morgen, Korlosh war erst vor wenigen Minuten mit dem Flicken des Mantels fertig geworden, und hatte sich einige Weidenzweige geholt, um weitere Körbe zu flechten, begann der Waldläufer sich unruhig auf seinem Lager hin- und her zu werfen und lauter, fast keuchend, zu atmen. Dann richtete er sich plötzlich auf, und seine Hand suchte hektisch an seiner Seite, und neben sich, vermutlich nach dem langen Dolch, den Korlosh vorsichtshalber beim Feuerholz außerhalb der Hütte zusammen mit dem Schwert versteckt hatte.

Dann, schlagartig, war Streicher still, sein Körper bewegungslos, nur sein Blick wanderte rasch einmal durch die Hütte. Mit einem langen Ausatmen schien er sich etwas zu entspannen. Als er Korloshs Aufmerksamkeit auf sich spürte, verzog er einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln.

„Alptraum?“, fragte Korlosh.

„Aye.“ Mehr sagte der Mann nicht dazu, aber dann erblickte er den Mantel, den Korlosh sorgfältig gefaltet neben ihn gelegt hatte. Streichers Finger tasteten über eine der frischen Nähte, dann sah er Korlosh fragend an.

„Ich kann dich ja kaum nur mit Fetzen hinausjagen.“

„Ich danke dir.“, erwiderte Streicher mit aufrichtiger Wärme in der Stimme, aber Korlosh wehrte die freundlichen Worte mit einer Geste ab. Dieser Mann sollte bloß nicht denken, dass er dies womöglich aus freundschaftlichen Gefühlen getan haben könnte. Alles, was er wollte, war dass dieser räudige Waldläufer so schnell wie möglich verschwand.

„Dies ist eine sehr feine Arbeit. Es sieht so aus, als ob du gewohnt wärest, mit Leder zu arbeiten.“

Korlosh hob kurz eine Schulter, dann knurrte er: „Früher. Bevor du mein Leben ruiniert hast.“

Mit Befriedigung sah Korlosh, dass Streicher kaum sichtbar zusammenzuckte. Aber der Waldläufer erwiderte nichts, obwohl ihm offensichtlich eine Bemerkung auf der Zunge lag. Statt dessen kam er lautlos auf die Füße, und ging, fast ohne zu hinken, zu einem der Fenster und sah hinaus.

Erst nach langen Minuten kehrte Streicher zu seinem Lager zurück, aber er legte sich nicht wieder hin, sondern hockte sich neben den Kleiderhaufen, und begann, sich anzuziehen. Wieder war jede seiner Bewegungen nahezu ohne Geräusch, wie Korlosh beeindruckt feststellte.

„Ist das Wetter gut genug zum Reisen?“, fragte er schließlich.

Streicher, der bereits Tunika und Hose trug, und gerade dabei war, die leichten Stiefel anzuziehen, antwortete leise: „Es schneit noch immer.“

Korlosh brummte etwas unverständliches, und wendete sich wieder seinem Weidenkorb zu. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, dass Streicher offenbar tatsächlich beabsichtigte, trotz des Schnees aufzubrechen. Mit ruhigen Bewegungen zog dieser den Mantel über, aber es war offensichtlich, dass ihm die Finger noch nicht vollständig gehorchten, er brauchte lange, um ihn ordentlich zuzuschnüren.

Und er hatte keine Handschuhe mehr.

Korlosh wollte diesen Gedanken vertreiben. Was ging es ihn an, ob der Waldläufer kalte Finger hatte oder nicht. Aber dann blickte er zum Bett, und sah, dass Miryam sich aufgerichtet hatte, und mit angstvoll aufgerissenen Augen jeder von Streichers Bewegungen folgte.

Sie hatte ihm nie genau erzählt, was zwischen ihr und dem Waldläufer vorgefallen war, aber er wusste, dass sie ihn einige Male im Tänzelnden Pony getroffen hatte, und freundlich mit ihm war, ebenso wie sie seit einigen Monaten nicht mehr feindselig auf die anderen Waldläufer reagierte. Butterblüm hatte es ihm eines Abends freudig erzählt, kannte aber den Grund für das veränderte Verhalten des Mädchens nicht – oder wollte ihn nicht verraten.

Korlosh hatte es damals als Launenhaftigkeit eines kleinen Mädchens abgetan, es war ihm nicht wirklich wichtig, ob seine Tochter die Waldläufer nun mochte oder nicht. Sein eigener Groll gegen Streicher, das wusste er wohl, war teilweise darauf zurückzuführen, dass er sich hilflos fühlte, und er einen Fokus für seinen Ärger brauchte. Keiner in Bree mochte die geheimnisvollen Männer in den dunklen Mänteln, und so hatte er nie einen Grund gehabt, sein Verhalten zu überdenken.

Bis jetzt.

Sicher, Streicher hatte ihm den Fuß genommen. Und damit seine Unabhängigkeit, und seine Frau Geana, die seit jenen Tagen nicht mehr die Person war, die er einst geliebt und geheiratet hatte.

Aber Streicher hatte damit auch sein Leben gerettet. Und eine leise Stimme in Korlosh fragte wieder und wieder, ob der Waldläufer nicht auch Geanas Leben hätte retten können, wenn er es nur erlaubt hätte.

Er blickte zu dem Mann, der nun hoch aufgerichtet vor ihm stand, jeder Zoll der erfahrene, allen Gefahren trotzende Waldläufer. Ruhig fragte Streicher: „Meine Waffen?“

„Du willst wirklich bei dem Wetter hinaus?“

Streicher blickte ihn verblüfft an, und erst nach einigen Herzschlägen fragte er: „Habe ich eine Wahl?“

Miryam war aufgestanden, und stand nun eng an Streichers Seite. Er sah zu ihr hinunter, legte mit einem kurzen Seitenblick zu Korlosh seinen Arm um ihre Schulter, drückte sie für einen Moment an sich und lächelte ihr aufmunternd zu, bevor er die Hand wieder an seine Seite sinken ließ.

Korlosh erhob sich nun auch, und humpelte seinerseits zum Fenster. Es schneite fast noch stärker als am Tag zuvor, und die dunklen Wolken, die jeden Blick auf die Sterne verwehrten, ließen vermuten, dass es so schnell nicht aufhören würde zu schneien. Außerdem musste es weit unter Null Grad draußen haben, frostige Eisblumen schmückten die Fensterscheiben, trotz des Feuers.

„Es ist kalt. Du kannst bleiben, bis das Wetter Reisen zulässt, wenn du willst.“

Streicher sah ihn für mehrere Sekunden bewegungslos an. Keine Regung zeigte, was er dachte. Aber schließlich legte er sich die rechte Hand auf das Herz und verbeugte sich. Dabei sagte er leise: „Ich danke dir für deine Hilfsbereitschaft. Möge sie dir und den deinen eines Tages doppelt und dreifach vergolten werden.“

Korlosh war so höflichen Umgang nicht gewohnt, und unsicher, wie er reagieren sollte, also knurrte er: „Sieh nur zu, dass du uns nicht störst, sonst schmeiße ich dich doch noch raus, verstanden?“ Aber er wusste plötzlich selbst, dass er diese Drohung nicht wahr machen würde, solange Streicher nicht das Leben seiner Tochter oder sein eigenes bedrohte.

* * * * *

Aragorn war sehr viel erleichterter als er sich anmerken ließ, dass Korlosh ihm erlaubte, vorläufig bei ihnen Schutz vor dem Wetter zu suchen. Er wäre kaum weiter als bis nach Bree gekommen, und die paar Münzen die er bei sich trug, würde ihm nicht länger als für ein, maximal zwei Nächte weit reichen, selbst wenn ihm diesmal Eintritt in den Ort gewährt würde. An eine Weiterreise war noch nicht zu denken, noch immer schmerzten Füße und Hände ihn fast beständig, vor allem wenn sie kalt wurden.

Dennoch machte er sich am zweiten Tag, trotz des Schnees, gegen Abend auf, um zu jagen. Die einzige Mahlzeit, die Miryam am zweiten Tag auftischte, war ähnlich mager wie der kärgliche Eintopf, den sie am ersten Tag gegessen hatten. Altes Kohlgemüse, angereichert mit ein paar Körnern Getreide und einigen Bucheckern. Aragorn nahm wieder nur wenig zu sich, bis Korlosh ihn fast zornig anstarrte, als wenn er wüsste, was in Aragorns Kopf vor sich ging, und beleidigt war, dass der Waldläufer ihre Gastfreundschaft nicht in Gänze annahm.

Da er selbst ein stolzer Mann war, konnte Aragorn nachvollziehen, wie Korlosh sich fühlen mochte, und so aß er etwas mehr als am Vortag, auch wenn ihm jeder Bissen – trotz seines eigenen Hungers – fast im Halse stecken blieb, während er auf die mageren Hände seiner Gastgeber starrte.

Ein Stück Wildbrett wäre für sie alle eine willkommene Abwechslung. Und er brauchte Felle. Für die nächsten Wochen würden seine Hände besonders kälteempfindlich bleiben, er musste sie schützen.

Für die Jagd hatte er sich einige Stofffetzen von Miryam geben lassen, die er so um die Finger wickelte, dass er sie noch immer einigermaßen bewegen konnte. Er suchte sich einen geeigneten Baum, kletterte auf einen der breiten tiefen Äste, und verharrte reglos, bis endlich, nach über einer Stunde, ein Hase aus einem fast im Wurzelwerk des Baumes verborgenen Erdloch schlüpfte. Mit einer lautlosen Bitte um Vergebung für das Leben, dass er vernichtete, schleuderte er mit routiniertem Griff sein Wurfmesser, das Korlosh ihm auf seine Bitte hin ausgehändigt hatte. Der Hase war sofort tot.

Für den heutigen Abend musste diese Beute genügen. Aragorn spürte schon wieder, wie die Kälte in seine noch immer überempfindlichen Glieder kroch. Er nahm sich nur noch rasch die Zeit, genug Rinde vom Burres-Strauch zu lösen und einzustecken. Damit konnte er das Hasenfell im Laufe der Nacht gerben, um es sogleich nutzen zu können. Dann kehrte er eilig in die Hütte zurück, übergab Miryam den Hasen, und hockte sich dann vor das Feuer, um seine klammen, rotverfärbten Finger aufzuwärmen.

Miryam, die während der letzten Tage sichtbar aufgetaut war, und ihn endlos mit Fragen über alles mögliche löcherte, setzte sich neben ihm auf den Boden, sobald sie den Hasen ausgenommen hatte und er über dem Feuer schmorte.

„Werden deine Hände wieder gut?“

„Ja. Aber es dauert eine Weile, bis sie nicht mehr so empfindlich auf Temperaturveränderung reagieren.“

„Tut es sehr weh?“

Ausweichend sagte er: „Ich vergesse den Schmerz, wenn ich mich beschäftige.“

„Nelena wüsste sicher ein Kraut, dass dir helfen würde.“

Aragorn wusste, dass Nelena die alte Hebamme des Dorfes war, die allerdings in den letzten Jahren eher die Rolle einer Heilerin annahm, die vor allem von den Hobbits gern um Rat gefragt wurde. Sie hatte ihm und den Seinen mehrfach geholfen, und er hatte ihr als Dank gelegentlich Kräuter zukommen lassen, an die sie selbst nicht gelangen konnte, was ihm auch die Möglichkeit gab, die Bewohner von Bree zu unterstützen ohne direkt mit ihnen in Kontakt zu treten. Er sah Miryam fragend an.

„Sie kennt sich gut mit Kräutern aus und hat mir gesagt, welchen Tee man bei Husten macht, und was für Samen bei Bauchweh und Krämpfen helfen, und womit man die Ausschläge heilt, die von den Insektenstichen kommen. Und noch viele andere Dinge. Sie sagt, Weidenrinde hilft bei Schmerzen, aber sie hat Halsweh gemeint. Aber wenn deine Hände dich sehr schmerzen, dann kann ich dir einen Tee aus Weidenrinde machen.“

„Das ist eine gute Idee, zumal Weidenrinde auch hilft, damit die lokalen Entzündungen in den Gelenken zurückgehen.“

Sie fachsimpelten noch eine Weile über den Nutzen einiger Pflanzen, während Miryam ihm eifrig einen Weidenrindentrank bereitete, als Korlosh sich plötzlich einmischte. „Wie kommt es überhaupt, dass ein Waldläufer so schlecht ausgerüstet im Winter unterwegs ist?“

Korlosh hatte barsch wie immer gesprochen, aber seine Züge zeigten mehr Sorge als Ärger. Aragorn antwortete nach kurzer Überlegung: „Mein ganzes Gepäck ging in einem Kampf verloren, wenige Stunden bevor das Wetter umschlug.“

„Ein Kampf? Mit wem?“

„Mit einigen Orks.“ Es waren mehr als nur einige Orks gewesen, aber das musste er ja nicht unbedingt erzählen.

„Orks?“, fragte Korlosh ungläubig. „Hier, so weit von den Nebelgebirgen entfernt?“

Aragorn blickte rasch zu Miryam, die ihn mit ängstlich aufgerissenen Augen anstarrte. Dann sah er wieder Korlosh an und sagte: „Es war mehr als eine Wochenreise von hier entfernt.“

Korlsoh zögerte einen Moment, aber dann überwogen Zweifel oder Neugier seine Vorsicht: „Und warum hast du mit ihnen gekämpft?“

Aragorn zögerte. Das Land diesseits der Berge so frei wie möglich von den dunklen Kreaturen zu halten war eine der Hauptaufgaben der Waldläufer. Hier war eine Möglichkeit, sein Dasein zu rechtfertigen. Zu zeigen, was er und die Seinen Wert waren, was sie alles in Kauf nahmen, um die Unschuldigen zu schützen. Aber wären sie noch unschuldig, wenn sie es wüssten? War es nicht nur sein eigener Wunsch nach Anerkennung, hier, wo er sich hilflos und ausgeliefert fühlte, der ihm eine entsprechende Antwort ein flüstern wollte?

Er senkte den Kopf, als er statt dessen antwortete: „Sie hatten mich entdeckt. Es hieß kämpfen oder sterben.“

„Kommen die Orks hierher?“, fragte Miryam besorgt.

Aragorn lächelte ihr beruhigend zu. „Sie sind tot, Miryam. Du musst dich nicht fürchten.“

Korlosh beobachtete ihn aufmerksam, eine steile Falte auf der Stirn. Schließlich sagte er kurz angebunden: „Deshalb sind wir aus Ithilien weg. Die Dunkelheit und ihre bösartigen Helfer haben uns vertrieben. Ich dachte, hier sind wir sicher.“

Die beiden Männer sahen sich wortlos an. Aragorn, der das Mädchen nicht noch weiter verunsichern wollte, enthielt sich jeder Bemerkung, aber Korlosh schien in seinem Gesicht mehr lesen zu können als ihm lieb war, weil er plötzlich selbst einen raschen Blick zu seiner Tochter warf, um dann das Thema zu wechseln.

* * * * *

Aragorn blieb noch einige Tage bei Vater und Tochter, und in dieser Zeit erlegte er einen weiteren Hasen und ein Reh. Aus den zwei Hasenfellen fertigte sich Aragorn zwei grob gearbeitete Fäustlinge. Was aus dem Rehfell werden würde, wusste er nicht, und er fragte Korlosh, der es wortlos und mürrisch zusammen mit dem Fleisch als Dank für Obdach und Hilfe entgegengenommen hatte, auch nicht danach.

Als es eines Abends endlich aufklarte, verkündete Aragorn, dass er früh am nächsten Morgen aufbrechen würde. Miryam sah ihn traurig an, und fragte: „Kannst du nicht länger bleiben?“

„Leider nicht. Ich habe Aufgaben, die ich nicht in Bree erledigen kann. Aber wann immer ich kann, komme ich vorbei, wenn dein Vater es erlaubt.“ Aragorn blickte zu Korlosh, der erst zögerte, aber dann übelgelaunt nickte.

„Aber das ist so selten. Ich habe auch Halbarad und Halbond schon länger nicht mehr gesehen. Was tut ihr denn da draußen in der Wildnis so wichtiges?“

Aragorn sah von ihr zu Korlosh, dachte an die langen und gefährlichen Wachdienste, auf die er die Dunedain regelmäßig schickte, und daran, was ihm bestimmt war zu tun, falls der Tag dafür je kam. Leise sagte er: „Ich kann darüber nicht sprechen, aber was wir tun, muss getan werden, und es fällt uns zu, diese Dinge zu erledigen.“

„Aber wieso kann das nicht jemand anders tun?“, fragte Miryam, und in diesem Moment war sie ganz das Kind, dass zu sein sie so wenig Gelegenheit hatte. Einmal ihren Wünschen und Sehnsüchten keinen Einhalt gebietend. Hilflos sah Aragorn wieder zu Korlosh, der ihn überraschend aufmerksam musterte, aber noch immer nichts sagte.

„Es tut mir leid, Miryam.“, war alles was er sagen konnte, und er wusste, es war nicht genug. Miryam drehte sich schmollend um, zog die Decke über den Kopf und rollte sich auf dem Bett zusammen.

Korloshs Miene verriet nicht, was der finstere Mann dachte, und Aragorn senkte den Kopf unter seinem durchdringendem Blick. Er brachte diesen Leuten nur Unheil und Leid. Es wurde höchste Zeit, dass er weiter zog.

Es war noch früh am Abend, aber er wickelte sich in die geliehene Decke und legte sich hin, um zu ruhen, und auch um dem unangenehmen Schweigen zu entgehen. Zu seiner Überraschung hörte er, wie Korlosh, der die letzten Nächte immer am Feuer Wache gehalten hatte und dafür tagsüber einige Stunden schlief während Aragorn auf der Jagd war, sich das erste Mal, seit Aragorn bei ihnen war, auch zur Nachtruhe niederlegte. Er flüsterte leise mit seiner Tochter, und nach einer Weile erklang plötzlich eine vertraute Melodie.

Atemlos lauschte er, wie die Kinderstimme die elbischen Worte des Wiegenliedes formte, dessen erste Strophen einst Halbond sie gelehrt hatte. Sie betonte einige der Worte falsch, und Aragorn unterdrückte ein Lachen, als einmal die Bedeutung eines Reims dadurch auf eine fast anrüchige Weise verändert wurde. Er würde wohl ein Wörtchen mit Halbond reden müssen, wenn er ihn das nächste mal sah.

Und über diesem Gedanken schlief er ein.

* * * * *

Als er früh am nächsten Morgen erwachte, war das Feuer beinahe herabgebrannt. Der schwache Schein der Flammen reichte gerade, damit er ein Bündel Kleider neben sich entdecken konnte. Er richtete sich lautlos auf, und begann sich anzukleiden, aber dann hielt er staunend inne. Eine sorgfältig verarbeitete schlichte Weste aus Rehfell lag zwischen seinen Kleidern. Die Fellseite war nach innen gekehrt, damit sie bei beißender Kälte mehr Wärme bot, und die Nähte waren so fein verzwirnt, dass kein Wind hindurchzudringen vermochte.

Lächelnd strich er über die erstklassige Handarbeit und blickte zum Bett hinüber, in dem Vater und Tochter schliefen. Oder so taten als ob sie schliefen, zumindest Korloshs Atem schien zu gleichmäßig, als dass der Mann wirklich im Reich der Träume weilen könnte.

Lautlos legte Aragorn die neue Weste und seinen geflickten Mantel an, und nahm seine Waffen an sich, die neben dem Kleiderbündel lagen. Auch ein Beutel mit getrocknetem Fleisch fand er vor, und seine kleine Gürteltasche, in der er normalerweise Feuerstein und einige Münzen bei sich trug.

Er tastete nach den Münzen, als er die Tasche anlegte, aber dann schüttelte er leicht den Kopf, als ihm ein besserer Gedanke kam, wie er sich bei Korlosh für die erwiesene Hilfe erkenntlich zeigen konnte. Mit einer letzten Verbeugung und geflüsterten Worten des Dankes in Richtung seiner Retter wendete er sich der Tür zu und verließ lautlos die Hütte, um hinaus in den hohen Schnee zu treten und die Weiterreise zu dem Außenposten der Waldläufer aufzunehmen.

* * * * *

Drei Wochen waren vergangen, seit Streicher sie verlassen hatte. Miryam, die nun das elbische Lied jeden Abend sang, war noch immer still und in sich gekehrt, und auch Korlosh konnte nicht umhin, zuzugeben, dass er die ruhige Gesellschaft des Waldläufers vermisste. Verdrießlich flocht er an einem Korb, aber er wusste selbst, dass seine Arbeit noch schlampiger war als sonst. Diesen Korb würde Miryam nicht verkauft bekommen – sie hatte diese Aufgabe nach der Mutter Tod übernommen – dessen war er sich gewiss.

Also legte er den fast fertigen Weidenkorb beiseite und angelte sich statt dessen die Reste des Rehfells, und seine Ahle. Er wollte gerade beginnen, an seiner halbfertigen Arbeit weiterzunähen, als es plötzlich leise klopfte.

Miryam, die bereits auf ihrem Lager am Feuer lag, setzte sich senkrecht im Bett auf. Vater und Tochter blickten sich an, und Korlosh sah die Hoffnung in ihren Augen. Konnte es Streicher sein? Wer sonst würde sie besuchen?

Korlosh humpelte zur Tür und legte die Hand an den schweren Holzriegel, schob ihn aber noch nicht zurück, sondern fragte rau: „Wer ist da?“

„Mein Name ist Halbond, und ich bin einer der Waldläufer.“

Hinter ihm quitschte Miryam erfreut auf, war in Sekundenschnelle auf den Beinen und an seiner Seite, und blickte ihn mit hoffnungsvollen Augen an. Korlosh jedoch runzelte die Stirn. Dass er Streicher nun bis zu einem gewissen Grad traute, bedeutete nicht, dass er jedem dahergelaufenen Waldläufer freundlich gesonnen war.

„Was willst du?“

„Streicher sagt, du kannst gut mit Leder umgehen. Ich habe hier ein paar Stücke, die dringend der Reparatur bedürfen.“

Korlosh erstarrte. Wut und Sehnsucht zugleich schwappten über ihn hinweg. Wie konnte Streicher es wagen! Hatte der Mann nicht gemerkt, wie widerwillig er ihm seine Ausrüstung zusammengeflickt hatte?

Aber dann fiel sein Blick auf die halbfertige Mütze aus Rehfell, und vor seinem inneren Auge sah er die feine Weste, die er in nächtelanger Arbeit für Streicher angefertigt hatte.

Als hätte Halbond seine Gedanken gelesen, sagte er leise: „Und ich habe einige Hasenfelle bei mir, vielleicht könntest du mir helfen, eine Winterjacke für meine Nichte herzustellen. Ich beherrsche die Kunst des Nähens nicht so besonders gut.“

Miryam schien noch vor Korlosh zu spüren, wie der Vater sich entschieden hatte, denn sie strahlte, schlüpfte unter seinem Arm hindurch, hob den Riegel, öffnete die Tür und begrüßte Halbond: „Wir freuen uns über deinen Besuch, und mein Vater wird dir gern helfen, eine Jacke zu nähen, das kann er nämlich ausgezeichnet.“

Und von dem Tag an kam mindestens einmal im Monat ein Waldläufer vorbei, mit Fellen oder zerrissenen Kleidern, und einer Bitte um Hilfe. Fast immer brachten sie mehr Felle als sie selbst brauchten, und oft auch das Fleisch der erlegten Tiere, und bald schon verkaufte Miryam kaum noch Körbe auf dem Markt, sondern Fäustlinge und Mützen aus Fell oder Leder, und später auch fein gearbeitete Stofftiere, die vor allem bei den Hobbits reißenden Absatz fanden.

Ende

---

Bemerkung: Den Burres-Strauch, mit dessen Rinde Aragorn die Felle im Schnellverfahren gerben will, gibt es nur in Mittelerde, und ich verdanke ihn sozusagen Ravenna, die meinte, es könne doch einfach ein Kraut oder so geben, was die mobile rasche Gerbung ermöglicht – die Waldläufer hatten sicher Bedarf an dieser Möglichkeit. Lieben Dank nochmal an Ravenna für die Rettung aus diesem Plot-Loch :-).
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast