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El Afecto

von 13Steps
GeschichteMystery / P12
Dr. Walter Bishop
01.12.2010
19.11.2012
8
12.388
 
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01.12.2010 1.406
 
„Noch Einen.“, mit einem etwas zu lauten Krachen stellte sie ihr Glas zurück auf die Theke. Die Bar um sie herum nahm langsam die watteweichen Farben an, die sie so liebte. Alles wurde wärmer, gemütlicher, intensiver und gleichzeitig unschärfer. Sie mochte dieses Gefühl. Zumindest solange ihre Augen geöffnet waren. Schloss sie sie, verschwamm die Welt, alles wurde wackelig und unberechenbar. Ein Gefühl, das sie wiederum nicht mochte. Also hielt sie die Augen offen, simpel, leicht zu bewerkstelligen. Sie musste lachen, warf den Kopf zurück und lachte aus tiefstem Herzen. Es war egal, ob die Leute nach ihr schauten. Es gab keine bessere Methode als alle Sorgen in Alkohol zu ertränken, sie einzulegen, zu konservieren bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie bereit wäre ihnen zu begegnen.
„Möge es noch lange dauern.“, sie hob ihr Glas zu einem imaginären Gegenüber, prostete der Luft um sich herum zu und leerte ihr Glas in einem Zug. Heiß rann der Whisky ihre Speiseröhre hinab, verbreitete ein warmes Gefühl in ihrem Magen. Und die Welt war in Ordnung.
Plötzlich fand sie sich auf dem Boden wieder. Ein fremder Mann auf ihr, Blitze durchrissen die Dunkelheit der Bar, sie duckte sich automatisch tiefer, riss die Hände über ihren Kopf und fragte sich nebenbei, was dies denn nun bedeuten sollte.
Hart zerrten Arme an ihr, rissen sie in die Höhe, trugen sie hinfort. Sie schien nicht mehr ihres eigenen Körpers Herr zu sein, jemand anderes hatte sich seiner bemächtigt. Sie spürte noch den harten Schlag auf ihrem Kopf, sah noch das herabstürzende Holz und dann war alles schwarz.

Als sie erwachte bemerkte sie als Erstes ihre Kopfschmerzen. Vorsichtig betastete sie ihren Haaransatz, befühlte die Erhebung darunter. Schmerzhaft. Ein leiser Fluch entwich ihren Lippen. Mit einem Kater hätte sie gerechnet, aber nicht damit, entführt zu werden, an einem fremden Ort aufzuwachen. Stöhnend setzte sie sich auf, bemerkte, dass sie nicht mehr die Kleidung trug, die sie letzte Nacht noch angehabt hatte. Ihre Hose und ihre Bluse waren fort. Ausgetauscht. Stattdessen trug sie einen Pyjama, dessen Farben eine Reaktion in ihr auslösten, auch wenn sie nicht festlegen konnte, welche es war. Positiv oder negativ. Zumindest war sie stark.
Ihr Kopf drohte zu platzen. Tief atmete sie ein, kämpfte gegen den Schmerz an und plötzlich war jemand bei ihr. Sie blickte in ein fremdes Gesicht. Er verabreichte ihr ein Medikament und schon verschwamm der Schmerz in weißen Schäfchenwolken, sie glitt fort, herausgerissen aus der Welt, aber noch immer sehend. Frieden, tiefer Frieden in ihr, um sie herum. Sie schloss die Augen, genoss dieses absolute Gefühl von Freude und Sorglosigkeit.

„Mein Liebling.“
Als sie die Augen öffnete sah sie ihn vor sich. Ein Lächeln drang aus ihrem Innersten, sie wollte es unterdrücken, aber es schwamm nach oben, durchbrach die Oberfläche und zeigte sich ihm. Zärtlich berührte er ihr Gesicht, schob seine Hand unter ihr Kinn und hob es in seine Richtung. Mit seinem Daumen zeichnete er die Kontur ihrer verletzten Unterlippe nach, und obwohl sie es nicht wollte, versanken ihre Augen in seinen. Sie versuchte sich zu sträuben, aber eigentlich dachte sie nicht einmal ernsthaft daran. Jeder Widerspruch wäre doch nur eine Maske gewesen, eine Farce, die sie nicht mehr zu spielen bereit war. Matt streckte sie ihm ihr Kinn entgegen. So sehr sie sich nach seiner Berührung sehnte, so sehr wollte sie sie nicht, nicht in ihrem Innersten. Aber seine Augen. Dieser Teich in den sie hinein tauchen wollte, erforschen, ergründen, dessen Kern sie ertasten musste. Da musste einfach mehr sein, mehr als sie jetzt sehen konnte, als alle anderen sahen. In ihrem Kopf wurde es wieder schwummerig. Sie öffnete sie Lippen, doch konnte nichts sagen. Ihr ganzer Körper bäumte sich jeder seiner Berührungen entgegen, sog ihn auf, atmete ihn, lebte ihn. Noch immer spürte sie seine Hand auf ihrem Gesicht, versuchte dem Drang zu widerstehen, sich darin völlig zu vergraben. Er war Jazz, er war Blues. Er tat etwas mit ihr und es mochte am Alkohol liegen oder an den Drogen, die sie ihr gegeben hatten, aber sie war nicht bereit zu widerstehen. Nicht jetzt. Er fühlte sich warm an, weich, aber mit der nötigen Rauheit.
„Mein Liebling.“
Sie versank in seinen Worten, sträubte sich nur kurz, mehr aus Anstand als aus freien Stücken, und ließ sich von ihm an seine Schulter ziehen. Unwillkürlich vergrub sie ihren Kopf in seinem Hemd, seinem Jackett. Seufzte ob der Nähe. Atmete ihn ein. Spürte seine Hand auf ihrem Kopf, die andere in ihrem Rücken. Nichts mehr. All ihre Konzentration richtete sich auf diesen Punkt. Den Druck den er auf sie ausübte, diese gleichzeitige Zärtlichkeit. Eine Forderung ohne zu bitten, ohne zu fragen. Ein Befehl, ohne ein Wort. Woran auch immer es liegen würde, sie war bereit alles zu tun. Solange er sie nur in seinen Armen hielt, würde sie tun, was auch immer er verlangte. Und er würde etwas verlangen.
Wieder hob er ihren Kopf in die Höhe, zwang sie, seinen Augen zu begegnen. Die rasche Bewegung entriss ihr ein Stöhnen, welches er mit Genugtuung quittierte.
„Du wirst ein gutes Mädchen sein.“, sagte er zu ihr. Die Stimme kalt, ohne Gefühl. Doch das wollte sie, sie wollte Gefühl. Das war es, was sie in ihm wecken wollte. Mühsam hob sie ihre Linke. Nichts gab es, was sie mehr begehrte, als sein Haar zu berühren. Was auch immer sie ihr an Drogen gegeben hatten, sie mochte es. Sie wollte mehr, weichere Wolken, tiefere Vibrationen, Vibrationen die seine Stimme in ihr auslösten. Mehr, nur mehr. Ihre Finger verfingen sich kraftlos in seinem Haar. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Aber Wellen eines nicht vorhandenen Glücks trugen sie fort, in eine Welt voller Zuckerwatte und nur aus ihm bestehend. Sie wusste, dass er sie nicht wollte, nur benutzte, aber es war ihr egal, solange sie sich einreden konnte, dass er wenigstens in diesem Moment ganz der ihre war. Verzweifelt versuchte sie ihn zu fokussieren, aber es gelang ihr nicht. Wieder und wieder verschwamm sein Bild vor ihren Augen. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Sie wusste wie er aussah. Oft hatte sie ihn angestarrt. Heimlich. Oder nicht so heimlich, wer wusste das schon. Wen kümmerte es. Wieder seine Hand. Sie glaubte Zärtlichkeit zu fühlen, aber das unbestimmte Gefühl der Berechnung blieb in ihr. Auch egal. Ob echt oder nicht. Er berührte sie, griff nach ihr. Hielt sie, als ihr Körper nach hinten sackte. Er war über ihr. Neigte sich zu ihr hinab, flüsterte unverständliche Worte. Sie sah seine Lippen. Verfolgte jede Bewegung. Sehnend. Sich fragend, wie sie sich wohl anfühlen würden. Auf ihrem Mund, ihrem Körper. Sie erschauerte und ließ sich tiefer in seine Arme gleiten, wurde weich. Noch immer sprach er auf sie ein, aber sie hörte kein Wort. Sah nur seinen Mund, den Schlag seiner Zunge. Wieder hob sie eine Hand, legte sie auf seine Lippen. Erbebte. Ein Kuss, prickelnd in ihren Fingerspitzen. Alles in ihr sehnte sich danach, etwas zu ihm zu sagen, doch sie blieb stumm. Als hätte sie nicht die Kraft, doch tief in ihrem Inneren war ihr klar, dass dies nicht der Grund sein konnte. Er beugte sich näher, seine Lippen berührten ihr Ohr, sein Atem streichelte ihre Wange. Unwillkürlich schloss sie die Augen, sog dieses Gefühl in sich auf. Wieder und wieder spürte sie die Bewegung seiner Lippen an ihrem Ohr, die Worte hörte sie nicht, verstand sie nicht. Sie waren egal. Nichts zählte, außer dem leisen streicheln seines Atmens. Langsam wandte sie ihm ihren Kopf zu. Er lächelte, strich ihr über das Haar, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Du wirst ein braves Mädchen sein, mein Liebling.“
Und sie nickte. Sie hätte alles getan um ihn zu erfreuen und ihr Nicken, er belohnte sie dafür. Hastig schloss sie die Augen. Kostete den Moment aus. Seine Lippen fühlten sich hart auf den ihren an, schmeckten nach Bitterkeit und Argwohn. Es kümmerte sie nicht. Nicht jetzt. Erneut strich er ihr über den Kopf. Sie öffnete die Augen, sah in seine. So blau, so verführerisch. So kalt.
„Du bist bald wieder bei mir, mein Liebling.“, er log.
Erneut zuckte sie unter der Bewegung seiner Hand, als er sie hoch hob, sie aufrichtete. Da war wieder dieser Mann, der Fremde. Sie spürte einen leichten Druck an ihrem linken Arm, dann wurde die Welt erneut etwas wattiger.
„Du bist bald wieder bei mir.“, hörte sie seine Stimme sagen und sah seine Augen lügen. Ihre eigenen Stimme war nur ein Hauch, nicht mehr: „Ja, Minister...“
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