Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Eidechse

GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
30.11.2010
27.02.2011
41
264.423
39
Alle Kapitel
351 Reviews
Dieses Kapitel
23 Reviews
 
 
30.11.2010 3.470
 
Die Eidechse

@2005

Originalstory  in Englisch von Shutterfly, übersetzt von Shutterfly.


Florenz. Auf dem Friedhof von San Miniato trifft der junge Luca Montori Alessandro aus der berühmten adligen Familie der Gondi-Lucertola. Obwohl beide aus unterschiedlichen Kreisen stammen, finden sie eine gemeinsame Basis - bis Alessandro mit einer drastischen Entscheidung konfrontiert wird, die ihr Leben für immer verändert.





---------------
Prolog
---------------



San Miniato. Der Friedhof der Heiligen Tore.

Die milde Brise eines freundlichen Maitages streift sanft über meinen Körper, während ich an meinem Lieblingsort stehe.

Zu meinen Füßen liegt die lebensgroße Statue des Todesgottes – oder einer seiner Wächter – verzweifelt hingegossen  über eine Grabplatte; sein Gesicht halb vergraben in Erde, der nackte Hintern entblößt, eine Hand zur Faust geballt, als könne er sich nicht damit abfinden, welchen Weg alles Lebendige nehmen wird. Die andere Hand trägt eine entzündete Fackel, die den Weg ins Dunkel beleuchtet.

Alles hatte hier begonnen. Ganz am Anfang stand der Todesengel. Nur wenige Zeit später lernten wir, dass es noch andere Götter mit Fackeln gibt – dort, in einer düsteren Kapelle, tief unter einer römischen Kirche. Wir waren zu jung gewesen, um den Ernst der Lage zu erkennen. Es trennte uns und das einzige, was ich von ihm hatte, waren seine Briefe. Liebesbriefe – so, wie ich sie interpretierte.

Und nun ist er hier. Sandro. Der Fürst der Lilien. Er ist hier, obwohl ich ihn nicht kommen hörte. Noch immer geht er mit leichtem Tritt.

  „Luca.“ Seine Hand auf meiner Schulter dreht mich zu sich um. Die fünf Jahre haben ihn kaum verändert. Die Mahagonifarbenen Locken umrahmen sein aristokratisches Gesicht in dem die blauen Augen vor Aufregung fieberhaft glänzen. Seine Lippen verziehen sich zu einem herzzerreißenden Lächeln.

Und ich bin glücklich.





TEIL 1 - PRIMAVERA -

_________________

Primavera 1
_________________


Luca beschattete seine Augen. Eine gleißende Sonne brannte auf den blendendweißen Marmor der Gräber. Über ihm wölbte sich ein violett-blauer Himmel wie eine durchsichtige Kuppel aus Glas; hoch und weit, so dass er einen ungehinderten Blick über die Hügel von Fiesole hatte, ohne den leichten Nebel, der die Aussicht üblicherweise in der Ferne brach und verwischte: Lo Sfumato, wie Leonardo da Vinci es genannt hatte.

Luca lächelte in sich hinein. Seine Heimatstadt Florenz war voll von wunderschönen Dingen. Eine Stadt gemacht aus grauem Stein – pietra serena – abweisend, widerspenstig, unerreichbar.

Firenze.... ihre Einwohner waren genauso heißblütig, hochmütig und aufrührerisch wie der Stein, aus dem sie gemacht war, aber es war seine Heimat und er liebte sie.

Er sah nieder auf die Stadt zu seinen Füßen. Eine rot-graue, steinerne Wüste mit der größten, selbsttragenden Kuppel der Welt, die sich über sie erhob. Nicht einen einzigen Tag seiner fast siebzehn Jahre hatte Luca ohne ihren Anblick verbracht. So oft er nur konnte kam er hier herauf, um zwischen den Gräbern und Urnen herumzustreifen, zwischen den Stelen, Marmorengeln und –Skulpturen. Seine sensiblen Finger berührten den weißen, glattpolierten Carraramarmor der Türen, die die Schubläden abschlossen, hinter denen die Särge lagen. Dutzende von Grabhäusern standen in Reihen nebeneinander. Jedes von ihnen beherbergte sein eigenes Dutzend von Särgen, dekoriert mit goldenen Lettern, roten Blumen, kleinen Fotos und Kerzenhaltern.

Ein Feld von gewöhnlichen Gräbern umgab die Grabhäuser. Gelegentlich besuchte Luca das Grab von Il Collodi, um die Pinocchio-Figur zu studieren, die auf dem Grabstein eingraviert war.

Er kannte sie alle. Der Friedhof der Heiligen Tore hoch über Florenz war voll von Marmorgeistern wie die Stadt selbst; tote Götter und Stadtheilige. Wächter standen wartend, bereit, den täglichen Mob der Barbaren aus dem Norden zu empfangen, diese Schwadronen von Touristen in ihren kurzen Hosen, Sandalen und Stiefeln, mit Marschverpflegung und Kameras, unablässig von ihren Führern in Museen gescheucht, um Alessandro Botticellis „Geburt der Venus“ anzustarren und doch nicht zu begreifen.

Perlendes Gelächter entfleuchte Lucas Kehle und erstarb so schnell, wie es erklungen war. Seine Stadt war die ultimative Verkörperung von frostigem Sex. Nackte Statuen besetzten alle Ecken und jedes Museum, aber was es wirklich bedeutete, denselben Boden zu berühren, den all die Künstler vergangener Jahrhunderte berührt hatten, das konnte niemand wirklich verstehen.

Florenz war eine männliche Stadt. Gerade, aufrecht und direkt stand sie da, ohne einen Schimmer von mysteriösen Geheimnissen, ohne Liebenswürdigkeit, ohne Schmuck und Garnitur. Ganz unten in seinem Blickfeld funkelte das grüne Band des Arno und Luca nahm die Senf- und Lederfarben der Stadt in sich auf, nur leicht farbig getupft durch das schwarz-weiß der Taufkapelle, zum dunkelgrün, weiß und gold von San Miniato hinter ihm. Er fing einen Hauch von rosé an der Kathedrale und Giottos Glockenturm ein, aber die Stadt war so streng und ernst wie die großen Bildhauer und Architekten, die diesen Anblick über die Jahrhunderte geformt hatten. Sie waren Junggesellen gewesen, Mönche, heilige Männer und Soldaten, Propheten und Eremiten... stets nur Männer. Frauen spielten niemals eine Rolle.

Firenze war die perfekte Stadt für Luca.

Er drehte sich um und konzentrierte sich auf den Friedhof vor ihm. Dann setzte er einfach einen Fuß vor den anderen und folgte ihnen, wohin sie ihn führten. Dort, geradewegs neben dem Weg, lag er, der lebensgroße Gott des Todes, gemacht aus Stein. Teilweise Moosbedeckt, streckte er sich verzweifelt über die Grabplatte, die Fackel noch brennend, das Gesicht begraben in Erde, und entblößte seinen nackten Hintern für Luca.

Er hockte sich hin. Seine Finger zogen den starken Rücken nach und fielen dann hinunter über die Kurve des Hinterns, wo sie verharrten. Seine Augen blieben unfokussiert, während sie ins Nichts starrten. Wie würde es sich anfühlen, warme, lebendige Haut zu berühren statt kalten, moosigen Stein? Zu sehen, wie er sich ihm zuwand, sich drehend, um die Vorderseite zu entblößen, die nur auf ihn wartete? Wie müsste es sich anfühlen wenn sein Mund sein geheimes Verlangen umschloss, um den Geruch und Geschmack aufzunehmen? Besonders, wenn diese Haut männlich war?

Er fühlte den rauen Stein. Es war nicht leicht, sich damit abzufinden, dass er ein Außenseiter war, ausgeschlossen von seinen Freunden, die den Mädchen in ihren kurzen Röcken nachpfiffen. Um Misstrauen zu vermeiden, imitierte Luca seine Freunde, flirtete und lachte mit ihnen, aber sein Herz blieb kalt dabei und seine Augen wandten sich ab.

Florenz war ein harter Test für jemanden wie ihn, weil die Stadt gesegnet schien mit Dutzenden von hübschen jungen Männern, die auch um ihre Schönheit wussten. Luca war zu jung um den Mut aufzubringen, die Orte aufzusuchen, die für Männer wie ihn reserviert waren. Florenz war kein homophober Ort, im Gegenteil. Hier schien Homosexualität in Vergangenheit und Gegenwart zu Hause.

Unter dem steinernen Hintern erschien eine Eidechse, um sich in der warmen Sonne auf dem erhitzten Stein den Bauch zu wärmen. Ihr hellgrüner Rücken fing die Sonnenstrahlen ein und betonte das blasse Muster der juwelengleichen Schuppen.

Ein Geräusch drang vom Eingang des Friedhofs zu ihm herüber und die Eidechse verschwand mit ein paar raschen Bewegungen. Die Prozession hatte begonnen und Luca erhob sich.

Er glaubte ein paar blauer Augen zu sehen, das ihn hinter einer Säule zu beobachten schien, aber in der nächsten Sekunde war es verschwunden. Eine Gruppe von Trompetenspielern spielte eine feierliche Melodie während sie einer Gruppe Trauernder voranschritt, die einen Sarg trug, der mit einem weißen, seidenen Tuch und einem Bouquet von Blumen bedeckt war.

Ein Schatten schlüpfte in den Zug der Leute, der Luca passierte, der respektvoll, mit gesenktem Kopf dastand. Er kannte den Mann, der hier zu seiner letzten Ruhe getragen wurde. Es war Matteo di Ser Federico di Gondi-Lucertola, Bruder des Bürgermeisters und Patriarch der adeligen Familie der Gondi, der unerwartet einem Herzinfarkt erlegen war.

Luca zuckte unter dem scharfen Blick aus einem Paar blauer Augen und wurde sich plötzlich und schamvoll seiner unpassenden, lockeren Kleidung gewahr. Die Augen gehörten zu einem jungen, hochmütigen Gesicht, das fein und nobel in seiner Knochenstruktur war und eine scharfe, Florentiner Nase besaß, umrahmt von einer Flut mahagonibrauner Locken. Es lächelte nicht, da war nur ein gefährliches Glitzern in den blauen Augen; eine Warnung, sich fernzuhalten und zurückzukehren an den Platz, der Luca zustand  - den der Arbeiterklasse, die keinen Anteil hatte am Adelsstand und altmodischer Tradition.

Luca wich einen Schritt zurück und beobachtete den Zug bis er vor der Familienkapelle zum Stehen kam. In goldenen Lettern prangte der Familienname über der schweren Bronzetür. Der Sarg samt den engsten Familienmitgliedern und dem jungen Mann verschwand im Inneren, während der Rest wartend draußen blieb.

Er wusste nicht, warum auch er wartete. Allein und abseits. Aber etwas hielt ihn am Ort. Er lauschte unterdrückten Schluchzern, sah, wie winzige, spitzenbesetzte Taschentücher an Nasen gepresst wurden, die zu schwarzverschleierten Gesichtern gehörten. Luca wartete bis der junge Mann wieder erschien, blass uns schweigend. Er wartete, bis die letzte Blume abgelegt worden war und die Musik verstummte. Er presste seinen Rücken gegen die sonnenerwärmte Wand eines anderen Grabmals und absorbierte die Gestalt des jungen Mannes mit seinen Augen. Der schwarze Cut, die Handschuhe und schimmernden Schuhe... viel zu warm für diesen Maitag... die gerade Linie seines Rückens. Er beobachtete, wie seine Hand durch die Locken fuhr und spürte einen Stich Erregung in seinem Magen brennen.

Leute gingen an ihm vorüber ohne Notiz von ihm zu nehmen. Schließlich erschien auch das Objekt seiner Faszination und zögerte, als er auf selber Höhe mit Luca war. Er wandte den Kopf und traf Luca mit offenem Blick. Dann machte er eine rasche Kopfbewegung und verschwand abrupt zwischen zwei Grabhäusern. Ohne nachzudenken raffte Luca sich auf und folgte ihm.

Der junge Mann stand lässig da, einen Fuß an der Mauer lehnend, sich die Handschuhe abstreifend und seinen Cut öffnend. Als Luca schweratmend den Mund öffnete, um etwas zu sagen, machte der Junge eine schnelle Bewegung auf ihn zu und presste seine Lippen auf Lucas. Hitze und eine Flut von Hormonen jagten durch den jungen Körper als er die Zunge spürte und den fremden Körper, der sich flüchtig gegen seinen presste – und dann war es schon vorüber. Harsch geflüsterte Worte waren zu hören, „Morgen, selbe Zeit“, dann war er verschwunden.

Luca taumelte gegen die nächstbeste Wand und berührte seine Lippen. Betäubt starrte er zur Ecke, wo der junge Mann verschwunden war. Dann begann er zu laufen, verzweifelt einen letzten Blick auf ihn zu erhaschen, und sah die schwarze Gestalt in der Ferne. Sie drehte sich nicht um.


                                                                                                                             * * *

     
Seine Finger glitten durch mahagonibraune Locken, die in seinen Nacken fielen, und spielte mit ihnen. Der junge Mann drehte seinen Kopf zu ihm und bedeckte Lucas Lippen mit fiebrigen Küssen, verschmolz ihre Unterleiber miteinander bis sie wie ein einziger wirkten. Bläuliche, zarte Lider schlossen sich über erstaunlich blaue Augen; die Wimpern flatterten aufregend... und dann... mit einem Ruck ... wachte Luca auf.

Er hatte sich selbst bespritzt, seine Hand umklammerte noch immer seinen Penis. Verlegen, obwohl niemand dessen Zeuge geworden war, sprang er aus dem Bett und fischte ein Taschentuch aus der Packung. Die Dielen knackten unter seinen nackten Sohlen. Er lauschte, aber alles blieb still.

Es war Sonntag und die Erinnerung kehrte zurück. Gestern hatte er den Typ mit dem hochmütigen Gesicht wiedergesehen, der seinen Körper entflammt und sein Interesse geweckt hatte. Alessandro - der Sohn einer adligen Familie, der Neffe des Bürgermeisters und nur zu bekannt in dieser Stadt. Mit neunzehn war er berüchtigt für seine Abenteuer – und ein richtiger Weiberheld. Pah. Luca wusste es besser.

Er schlüpfte durch die Tür, überquerte den schmalen Korridor und betrat das Badezimmer. Sein Großvater hatte dieses alte Haus komplett renoviert, aber ohne moderne Fliesen und Armaturen. Es gab noch immer den alten Badeofen, der mit Holz und Papier angeheizt werden musste, aber endlich floss warmes Wasser aus der Röhre und Luca kletterte in die Badewanne. Er wusch die weißen Flecke und den Schweiß der erotischen Träume mit dem Duschschlauch fort.

Als das Wasser kalt wurde beendete er seine Morgentoilette und stieg hinab in die Küche und zu seiner Mutter, die schon das Frühstück vorbereitete. Sein Vater war auch da, über eines seiner dicken Bücher gebeugt, die Fotos und Zeichnungen zeigten von Mustern und Steinen.

  „Buon giorno“, sagte Luca und gab sich Mühe fröhlich zu klingen. Sein Vater sah auf, ohne ihn wirklich zu sehen und antwortete leise. Der Duft von frischen Waffeln wehte durch den Raum. Seine Mutter gab ihm einen liebevollen Blick, zog dann Honig und Marmelade aus der Vorratskammer und stellte alles auf den frisch geschrubbten Holztisch, der in der Mitte des großen, verdunkelten Raumes stand.

Die Fenster waren schmal, lang und mit Eisenstäben vergittert, so, wie das Haus vor vierhundert Jahren erbaut worden war. Es war nicht immer im Besitz der Familie Montori gewesen, aber es war ihnen vom letzten Nachfahren der Medici-Familie übergeben worden, als Geschenk für ihre Ergebenheit und Treue. Die Fensterbänke waren mit Kräutertöpfen übersät, deren Duft das gesamte Erdgeschoss durchwehte, und wann immer Luca an sein Heim dachte, dann verband er dies mit diesem Geruch.

Das Mobiliar hatte bessere Zeiten gesehen, aber Lucas Mutter regierte über den Haushalt mit einer liebevollen, doch strengen Hand. Sie regierte unwidersprochen, weil ihr Ehemann keinen großen Wert darauf legte, seinen Platz zu verteidigen. Er war einfach zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt.

  „Erster Tag deiner Ferien, Sohn“, sagte er nun, sein Buch sorgfältig schließend. Luca hatte ihn nur selten ohne eines seiner Bücher unter dem Arm geklemmt gesehen.

  „Ja.“ Luca setzte sich und goss sich und seinem Vater von dem dünnen Kaffee ein, der mit Zichorie verstärkt war. Seine Mutter platzierte einen Teller mit frischen Waffeln auf den Tisch und wühlte ihm liebevoll im Haar. Er hasste das, sagte aber nichts. Er war nicht ihr kleiner Junge mehr. Nächste Woche würde er siebzehn werden und damit alt genug, um als Mann zu gelten.

Seine Brüder schliefen noch. Giano, der zweitjüngste Bruder, konnte den ganzen Tag lang schlafen wenn er es wollte, weil er auf den Start seines ersten Semesters an der Pisaner Universität wartete. Aber, wie auf ein stilles Stichwort hin, öffnete sich die Tür und ein zerzauster Giano betrat die Küche, die Augen dick vom Schlaf und sein Hemd falsch zugeknöpft. „Buon giorno“, murmelte er schläfrig, nahm Platz am Tisch und goss sich Kaffee ein.

  „Hast du gestern Abend zu lange gelesen?“, fragte Clarissa ihn. „Oder warst du aus?“

 „War aus“, antwortete Giano reserviert, aber Luca sah eine flüchtige Röte über sein Gesicht huschen. Wie auch Luca, hatte er Clarissas blondes Haar geerbt und ihre ephebische Gestalt. Vom Vater hatten beide die großen, braunen Augen – ein netter Kontrast, der die Aufmerksamkeit der Leute erregte.

Lucas Gedanken schwammen davon. Er dachte, dass es lustig war, dass Alessandros braunes Haar und blaue Augen die Umkehr zu seinem eigenen Aussehen war. Der Gedanke an den jungen, adligen Mann, zusammen mit seinen schmutzigen Träumen der letzten Nacht, rötete seine Wangen ebenfalls. Verstohlen betrachtete er seinen Bruder, der ein Jahr älter war als er selbst.

  „Treffen mit Freunden?“ fragte Clarissa unschuldig, sich selbst Kaffee eingießend, während sie sich niedersetzte, um zu essen.

  „Ja.“ Giano beugte seinen Kopf über den Teller und begann, schweigend zu essen. Üblicherweise war er nicht sehr gesprächig, aber Luca hatte eine engere Bindung zu ihm als zu den anderen, älteren Brüdern. Die lebten ihr eigenes Leben mit anderen Aktivitäten und ständig wechselnden Mädchen. Nur ein wesentliches Merkmal verband sie alle: sie arbeiteten am Opificio delle pietre dure, der berühmten, nationalen Werkstätte für Mosaike, Intarsien und Restauration von Kunstwerken. Die Familie der Montori arbeitete dort schon seit Generationen und Lucas Weg war somit vorgezeichnet. Nicht, dass er diese Arbeit verachtete; eigentlich freute er sich darauf, diesen ehrenwerten, weltweit hochangesehenen Beruf zu ergreifen. Er war sich nur nicht so sicher, ob er jemals so gut werden würde wie sein Vater.

  „Wie sehen deine Pläne aus, bevor du zur Uni gehst?“, wandte sich sein Vater nun Giano, an einer Waffel kauend und Honig von den Lippen leckend. Sein buschiges, graues Haar sah ewig ungekämmt aus und gab ihm die Aura eines zerstreuten Professors. „Du wirst sicher nicht herumlungern wollen und uns auf der Tasche liegen, richtig?“

Es war ein scharfzüngiges Statement und keine Frage. Niccolò Montori gehörte zu der alten Florentiner Generation; äußerlich hart wie eine Nussschale und innerlich sah es genauso aus. Trotz allem hatte er eine einzige, wirkliche Leidenschaft: die Liebe und Hingabe für seine Arbeit.

  „Oder willst du im Hospital von Santo Spirito rumlungern“, fuhr er fort, „so wie dieser Nichtsnutz Michelangelo einst, der die Innereien der Leichen studierte?“

Luca verkniff sich ein Grinsen. Das war seines Vaters Lieblingseinspruch zum Wunsch seines Sohnes, Chirurg zu werden. Für seinen religiösen Vater schien die Öffnung von Leichen ein Verbrechen, jedenfalls behauptete das die Kirche. Zugegeben, Niccolò war nicht ganz ernsthaft bei der Sache, das verriet das Glitzern in seinen dunklen Augen, aber Giano hob den Kopf und zischte hitzig, „und wenn?“

Vater und Sohn starrten einander an während Clarissa auf ihrem Stuhl herumrutschte. „Basta cosi“, sagte sie schließlich. „Giano hat sich dafür entschieden und ich bin auch froh, mal über was anderes zu erfahren als Steine, Staub und geklemmte Finger. Sieh dir bloß mal deine Augen an!“

Sie meinte den Fakt, dass Niccolòs Augen ständig entzündet waren wegen des Staubes, den die Steinschleiferei verursachte.

Niccolò zermalmte einen Fluch zwischen seinen Zähnen. Er konnte nicht mit Clarissas Argumenten konkurrieren, also war es besser, er sagte gar nichts mehr.

  „Du warst auf dem Friedhof gestern?“, wandte sich Giano nun an seinen Bruder. „Hast du die Beerdigung gesehen?“

Luca konnte nichts dagegen machen, dass er rot wurde. „Ja“, antwortete er leise.

  „Wie war´s?“, frage Clarissa interessiert. „Was haben sie angehabt? Schwarze Spitze und Schleier? Gab es viel Musik und Blumen?“

  „Hast du den Prinzen der Lilien gesehen?“, unterbrach Giano sie.

  „Den Prinzen?“, krächzte Luca. „Alessandro, ja.“

  „Dieser Taugenichts!“, knurrte Niccolò. „Gut, dass er bald verschwindet. Er hat seinen Vater ins frühe Grab gebracht.“

  „Niccolò!“, keuchte Clarissa und bekreuzigte sich. „Sprich nicht so.“

  „Ich habe recht!“, erwiderte ihr Ehemann. „Er ist ein Faulenzer und bringt Schande über seine Familie. Die Mädchen sind verrückt nach ihm. Er verdreht ihnen die Köpfe und ich frage mich, wie er es geschafft hat, nicht schon die ganze Stadt zu schwängern.“

Giano verschluckte sich an einem Stück Waffel und hustete. „Und was, wenn du Unrecht hast? Es sind nicht nur die Mädchen.“

  „Genau, Sohn. Er lärmt herum wenn er mit seiner Bande des Nachts auf ihren Motorrädern durch die Stadt knattert wenn ein ehrlicher Mann seinen Schlaf braucht. Er brüllt betrunken unter den Fenstern und Gott allein weiß, was er für Drogen nimmt.“ Er senkte seine Stimme. „Sie sagen sogar, dass er mit Männern geht, und sich dafür bezahlen lässt, dass sie ihn im Adamskostüm ansehen dürfen, so nackt, wie Gott ihn erschaffen hat.“ Auch er bekreuzigte sich nun.

Luca wurde schon wieder rot und Giano lachte abfällig. „Und wo hast du das gehört? Erzählen sie sich das auf Arbeit? Oder in den Bars?“

  „Es ist stadtbekannt, Sohn.“

  „Was ist stadtbekannt?“ Die Tür hatte sich geöffnet und Lucas älteste Brüder, Dante und Marcello, traten ein. Beide waren angebracht bekleidet. Es war ein ungeschriebenes Gesetz im Hause Montori, dass man anständig gekleidet sein musste, wollte man sich an den Tisch setzen.

  „Dieser Gondi-Lucertola Junge.“

  “Klar ist er uns allen gut bekannt. Nicht wahr?“ Dante warf einen bedeutungsvollen Blick auf seinen jüngeren Bruder Giano. „Diese Schwuchtel. Gestern habe ich ihn unten an den Flussbänken der Villa Kazar gesehen. Hat sich von den dreckigen Fingern der Tunte Luciano betatschen lassen. Schien ihm auch noch zu gefallen.“

Luca wusste nicht, was er von Dantes Worten halten sollte. Entweder war er abgestoßen oder er hatte es gemocht, die anstößige und ruchlose Aktion zu beobachten.

  „Basta“, sagte Clarissa noch einmal. „Ich möchte so ein Gerede nicht an meinem Frühstückstisch haben. Was dieser Junge tut, interessiert uns nicht, capisce? Er ist jung.“

  „Und das ist eine Entschuldigung für diese Schwuchteleien?“

Giano knallte seine Tasse auf den Tisch. „Und das gibt dir das Recht deine Nase hoch in den Wind zu hängen und dich so viel sauberer zu fühlen wie diese sogenannte dreckige Schwuchtel? Eh? Was suchst du denn unter den Röcken der Hühner? Fisch?“

  „Giano! Raus mit dir. Geh!” Eine steile Falte war auf Clarissas Stirn erschienen, die nichts Gutes verhieß. Giano schob seinen Stuhl zurück und stampfte aus der Küche. „In zehn Minuten bist du fertig für die Kirche!“, rief sie ihm nach.

Luca saß ein wenig betäubt da. Alessandro, der böse Bube der Stadt, war niemals ein Thema in seinem Heim gewesen, noch die offensichtlich homophobe Meinung seiner Brüder. Dante und Marcello grinsten hämisch und der Rest des Mahles erfolgte in Schweigen.


Wieder in seinem Raum kämpfte Luca mit sich selbst, ob er zum Treffen mit Alessandro gehen sollte. Der war in der Villa Kazar gestern gewesen? In diesem schicken Restaurant für die Reichen und Schönen, und die Anhängsel, die sich selbst als solche fühlten? Er war von einer Tunte begrapscht worden? Und heute wollte er von Luca begrapscht werden?

Seine Gedanken drehten sich unkontrolliert. `Und wie viele Tunten kennst du, Luca Montori? Vielleicht ist dies dein Eintritt in die schwule Welt? Und wenn du es doch nicht magst, dann kannst du immer noch zurück zu den Unterhosen der Hühner zurückkehren`, sagte er, halblachend, zu sich selbst.  

tbc
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast