#4 - Tief unten

von Vistin
GeschichteDrama / P12
Methos
29.11.2010
29.11.2010
1
778
 
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
29.11.2010 778
 
Diese Geschichte gehört zu meinem Versuch das 120er Projekt zu schaffen.
http://forum.fanfiktion.de/t/7084/1
Sie wurde zum vierten Begriff geschrieben: Deep – Tief

Eine Liste aller Beiträge findest du in meinem Profil.

***


Methos wachte zum 4583. Mal auf. Es war nur ein kurzer Moment, in dem sein Bewusstsein zurückkehrte, bevor sich seine Lungen erneut mit Wasser füllten und die wenige Luft, die die unbekannte Kraft, die ihn am Leben hielt, offenbar aus dem Wasser selbst zu ziehen schien, in kleinen, unscheinbaren Bläschen an seinem Gesicht vorbei aufstieg und in der blauen Dunkelheit des Meeres verschwand. Seine Gedanken waren wirr, undeutlich und irgendwie auch weit weg. Das einzige was er ganz sicher wusste, war, dass er die Ketten loswerden musste.

Er war abgemagert, nur noch Haut und Knochen, umhüllt von nassem Leinen, das von Fischen angeknabbert und von Algen bewachsen war. Die meisten der Ketten waren schon von seinen Schultern gerutscht, hatten ihm minimale Bewegungsfreiheit wiedergegeben und ihn Hoffnung schöpfen lassen.

Er würde nicht bis ans Ende der Welt hier unten bleiben!

Panik erfasste ihn und er zerrte an seinen Fesseln, doch er spürte, dass der Tod schon ganz nah war. Das drückende, beklemmende Gefühl, atmen zu wollen und doch nicht zu können, der Schmerz in der Brust, wenn das Zwerchfell versucht, die Lungen zu spannen, aber nicht gegen den Wasserdruck ankommt. Angst und der Wunsch, immer wieder zu schreien!

4584. Das rostige Metall schnitt seine Haut auf, als die Kette zu Boden sank. Feines Sediment wirbelte auf, vermischte sich mit dem Blut, das aus den Wunden um seine Handgelenke floss. Es würde Tiere anlocken. Zwar beherbergte das Mittelmeer keine Haie, aber das hieß nicht, dass es gesund war, darin zu bluten. Das Salzwasser brannte in den Wunden und der neue Schmerz hielt ihn einen Sekundenbruchteil länger am Leben. Er nutze diesen Sekundenbruchteil, um zu lächeln.

4585. 4586. 4587. Er war ziemlich angekaut worden, doch er hatte noch seinen Kopf, obwohl er sich bei den Schmerzen nicht sicher war, ob ihn das freute. Ihm war so unendlich kalt. Er wusste nicht mehr, wie lange ihm kalt war, wie lange er schon in dieser blaugrünen Kälte gefangen war. Er versuchte, sich an Wärme zu erinnern, doch da war nichts. Er wusste, dass es die Sonne gab, dass es Feuer gab und Trockenheit, aber er wusste nicht mehr wo.

Wieder wachte er auf, schnappte nach Luft, die es nicht gab, und versuchte zu schreien, obwohl ihn nur unendliche Stille umgab. Cassandra. Ihre Stimme echote durch seinen wunden Geist: „Ich habe Duncan versprochen, dich nicht zu köpfen.“

4589. Er zählte nicht, doch er wusste es. Seine Arme schwebten wie Seetang in der unruhigen Strömung. Sein Haar raubte ihm die Sicht, in seinem Bart bewegten sich kleine Krebse und Schnecken. Er verfluchte das Leben. Verfluchte die Macht, die ihn seit über 5000 Jahren an das Leben fesselte, wie die schweren Ketten ihn an den Grund des Meeres fesselten. Das Leben war nur Dunkelheit, es war nur Kälte.

Er wollte nicht aufwachen, und doch schlug er die Augen auf. Ein Fisch schreckte vor seinem Gesicht zurück. Er versuchte, sich zu bewegen, fort zu kommen, doch seine Beine steckten in Schlick und Sand fest. Bis zu den Unterschenkeln reichte das Sediment. Wieso konnte er nicht sterben? Wieso lebte er immer noch? Hier unten in der Dunkelheit, ganz tief im Meer, fragte er sich, was für einen Sinn es hatte überhaupt zu leben, geschweige denn ewig zu leben.

4597. Sein linker Fuß löste sich aus der Fessel und er zog das Bein hoch. Sand raubte ihm die wenige Sicht. Er hatte so viel noch nicht gesehen! Er kam nie nach. Nie hatte er es geschafft, der Welt nachzukommen. Egal wieviel er gereist war, egal wie schnell er war, immer hatte er so viel verpasst! Und mit jeder Sekunde, die er hier unten war, die er die Dunkelheit anschwieg und in sie hineinstarrte, verpasste er mehr!

4612. Sein rechter Fuß kam mit einem schmerzhaften Knacken frei und als die wenigen Blasen aus seinem Mund entwichen, stieg er langsam auf. Wie ein Blatt getragen von der Strömung. Er wusste nicht, wo oben und wo unten war, er hatte keine Kraft, um die Bewegung zu lenken. Doch die hatte er noch nie gehabt, es war immer die Welt gewesen, die ihn gelenkt hatte. Egal welche Entscheidungen er in seinem Leben getroffen hatte, er war trotzdem immer ein Spielball des Schicksals gewesen. Es war eine Illusion der Menschen und eine Illusion der Unsterblichen, dass sie Spieler in dem Spiel, das sie umgab, wären. Sie waren nur Figuren, die von höheren Mächten bewegt wurden, und das einzige, was zählte, war zu erfahren, wer am Ende gewinnen würde.
Review schreiben