Das Geschenk

von kath
GeschichteRomanze / P16 Slash
28.11.2010
03.01.2011
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Dieses Kapitel
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Im gleichmäßigen Rhythmus bewegt sich der Sekundenzeiger der großen Uhr an der Wand. Er treibt den Minutenzeiger voran, immer und unablässig,  Minute für Minute. Ich starre seit einer gefühlten Ewigkeit darauf. Warte gebannt, dass die Zeit vergeht, dass es an der Tür klingelt und ich meinem persönlichen Alptraum entgegentrete…

Nun ja, vielleicht kein Alptraum, denn ich weiß ohnehin nicht genau, was passieren wird, aber gerade das macht mich auch so fertig. Ich bin da eher rational, ich habe alles gern im Griff. Mein Leben verläuft meistens recht geplant, auch die Feiertage. Wobei, hier muss ich eigentlich nicht wirklich planen. Schon seit Jahren verläuft es immer nach dem gleichen Schema. Heilig Abend verbringe ich mit meinen Freunden, am ersten Weihnachtstag trifft sich die ganze Familie bei meiner Schwester und den zweiten Feiertag verbringe ich in aller Ruhe zu Hause. Eine kleine Verschnaufpause… im Grunde die einzige, die ich mir im Jahr gönne. Manchmal kommt auch Falk zu mir. Wir sind schon seit Jahren gut befreundet. Ich verbringe gern Zeit mit ihm. Meistens sehen wir einen Film an, trinken Unmengen an Glühwein, spielen Schach. Ruhig und gemütlich! Bereits am nächsten Tag bin ich wieder im Büro und arbeite bis Silvester.
Alles läuft also geplant ab. Wie immer! Und mir gefällt das, ich mag keine unerwarteten Überraschungen, keinen unangemeldeten Besuch und auch keine unvorhersehbaren Ereignisse. Und dann kreuzt meine Schwester hier auf. Sabine, das Chaos persönlich und unterbreitet mir diesen lächerlichen Vorschlag. Und sie weiß genau, wie sie es anstellen muss und schon habe ich zugesagt…und nun sitze ich hier und warte… sehe wie die Zeit verrinnt und wünschte, die Uhr würde stehen bleiben!

„Komm schon, Thomas!“, hat sie vor drei Wochen gesagt, „Es geht doch um die Kinder!“
„Was hab ich damit zu tun?“
„Es ist doch Weihnachten und es ist so eine schöne Idee und nur noch einer ist übrig, bitte tu es für mich!“
„Wie stellst du dir das denn vor? Ich bin Single und mit Sicherheit nicht derjenige, der einem Heimkind ein schönes Weihnachtsfest bieten kann!“
Sie hat gelacht. „Natürlich kannst Du das! Dein Haus ist doch schon seit November geschmückt, du stellst dir eine zwei Meter große Tanne ins Wohnzimmer…“
„Es ist eine Fichte“, brumme ich vor mich hin.
„Ist doch egal… Deine Freunde kommen dich besuchen und du hast für jeden ein Geschenk und die anderen Feiertage verbringst du mit uns. Also, du wirst ihn doch gar nicht bemerken!“
„Natürlich werde ich  ihn bemerken. Es ist ein Unterschied, ob man allein oder zu zweit in einem Haus wohnt und all die anderen Sachen, die du angesprochen hast… Ich mache es schon so seit Jahren, ich will da keine Veränderung! Und schon gar nicht so kurzfristig! Drei Wochen! Wie  soll ich mich in drei Wochen auf ein fremdes Kind einstellen?“
„Im Grunde ist es kein Kind mehr!“, antwortete sie und wurde noch etwas kleiner auf dem Sofa. Anscheinend sah ich sie völlig ahnungslos an. Ihre Worte konnte ich gerade nicht begreifen.
„Also, na ja… er ist schon siebzehn.“, stammelte sie.
Ich sprang vom Sofa hoch und funkelte sie wütend an: „Siebzehn? Das ist doch ein Scherz, oder? Du willst dass ich mit einem 17-jährigen, mir völlig unbekannten Jungen Weihnachten feiere? Was noch? Soll ich vielleicht Silvester im See Eisbaden?“  Ich konnte es nicht fassen! Wie kommt sie nur auf die Idee, mir einen 17-jährigen anzudrehen. Ich liebe meine Schwester, Wirklich! Aber in diesem Moment kam sie mir wie eine Aussätzige, wir eine völlig zugedröhnte Irre vor.

„Beruhige dich doch, Thomas! Ich würde dich doch nicht fragen, wenn es mir nicht wirklich ernst wäre und ich nicht das Gefühl hätte, dass es auch gelingen kann! Die Erzieher und ich hatten diese Idee, dass wir versuchen, alle Kinder dieses Jahr zu Weihnachten in Familien zu integrieren. Wir sind ja nur ein kleines Heim, es war nicht wirklich schwierig die Kinder unterzubringen, alle, bis auf  Jeremy. Er ist eben der Älteste und…“
„Und du denkst, er wäre hier gut auf gehoben? Weil du keinen anderen Platz für ihn findest? Da mach ich nicht mit. Weiß er denn, dass ihn keiner haben will?“
„Natürlich nicht. Wir haben überhaupt nichts gesagt, sondern uns erst um die Unterbringung gekümmert. Nur, wenn alle unter sind, sagen wir es den Kindern!“
Ich lief im Wohnzimmer hin und her, blieb am Fenster stehen und starrte hinaus in den Garten. Sie redete und redete, aber ich hörte ihr überhaupt  nicht mehr zu. Drei Wochen, ich soll in drei Wochen einen Jungen zu mir nehmen, mit ihm Weihnachten feiern. Einen Jungen, den keiner haben will und nun lag es an mir, ob die anderen Kinder Weihnachten in einer Familie feiern konnten oder nicht. Oh verdammt, sie ist so ein Biest! Sie wusste genau, wie sich mich kriegt. Wie sollte ich denn  mit diesem Wissen fröhlich feiern können?

„Glaubst du, dass das klappt? Was, wenn nicht? Wenn er sich hier nicht wohl fühlt? Was soll ich dann machen?“ Ich bin wirklich nicht überzeugt von dieser Idee. Eine Schnapsidee, vollkommen bescheuert!
Sie kam auf mich zu, legte ihren Arm um meine Hüfte: „Natürlich klappt das. Wenn es einer kann, dann du!“
Erstaunt sah ich sie an. „Wie kommst du denn da drauf?“
Aber sie zuckte nur mit den Schultern und sagte nichts dazu. Und ich… ich willigte ein. Die paar Tage… vier Tage würde ich es wohl schaffen und wir würden ohnehin viel unterwegs sein.
„Was erwartest du also?“, fragte ich abschließend.
„Er soll eben ein schönes Fest haben. Ein bisschen familiäre Stimmung. Sehen, dass er es auch allein schaffen kann!“
Na, ganz wunderbar. Die Ziele waren ja überhaupt nicht hoch gesteckt! Ein 17- jähriger, dem Weihnachten wahrscheinlich am Arsch vorbei ging, der sich weder für Weihnachtsbäume, noch fürs Plätzchenbacken interessieren würde, der wahrscheinlich die ganze Zeit nur mit seinem MP3 –Player in den Ohren rumsitzen würde und mir das Weihnachtsfest so richtig vermiesen würde! Ganz super und ich hab dem Ganzen auch noch zugestimmt!

Auf der anderen Seite war ich aber auch ziemlich gespannt. Siebzehn… er war damit knapp 10 Jahre jünger als ich. Wer weiß, vielleicht würden wir uns ja doch irgendwie gut verstehen…  Eigentlich war ich sogar neugierig darauf, wie es sein würde, nicht allein in diesem Haus zu sein. Okay, ich liebe das Haus. Als ich es sah, da wusste ich sofort, dass ich nur dieses Haus haben will. Ich will ja nicht sagen, dass der Preis keine Rolle gespielt hätte, aber ich hätte wahrscheinlich auch mehr dafür bezahlt. Ein Stadthaus, mit kleinem Garten, großzügige Räume, Wohnzimmer mit Kamin und Wintergarten und drei Badezimmer… Ein Nest, nein mein Nest. Aber eben für mich allein. Ich bin 27, schwul und an der Stufe zum Workaholic, wer sollte also hier mit mir leben wollen? Familie? Nicht für mich. Ich hatte genau eine Beziehung und Mark hätte niemals mit  mir ein Haus kaufen wollen, Mark wollte Party, was erleben, unterwegs sein und ich, ich wollte arbeiten, Karriere machen und erfolgreich sein. Wir trennten uns relativ schmerzlos, mehr als Sex hat uns wohl auch nicht verbunden. Seitdem lebe ich allein und mache Karriere und wenn mir danach ist, dann findet sich schon mal jemand für guten Sex. Wie um alles in der Welt komme ich denn jetzt auf Sex? In ein paar Minuten kommt gleich so ein Jugendlicher in mein Haus, möglicherweise auch noch vollkommen homophob, denn das sind sie doch alle in diesem Alter und ich denke an Sex. Na ganz großartig!

Immer noch schaue ich dem Sekundenzeiger zu. Immer noch dreht er unaufhaltsam seine Kreise, treibt die anderen unermüdlich voran. Dieses Gespräch ist nun drei Wochen her. Drei Wochen, in denen ich alles auf diesen unbekannten Jungen ausgerichtet hatte. Heute ist der 23. Dezember und ich hab noch keinen Weihnachtsbaum. Warum? Ich würde ihn zusammen mit Jeremy aussuchen gehen. Noch nie hatte ich am 23. Dezember keinen Weihnachtsbaum. Das macht mich nervös. Ebenso die Tatsache, dass die Zutaten für die Plätzchen noch fein säuberlich im Küchenschrank aufgestapelt sind. Wahrscheinlich wird er keine Plätzchen mit mir backen und ich werde das erste komplett plätzchenfreie Weihnachten erleben… Ganz großartig, Thomas!

Ich habe auch über ein Geschenk nachgedacht. Aber was schenkt man denn jemanden, den man überhaupt nicht kennt, mal abgesehen vom Namen und dem Alter. Mehr war ja aus meiner Schwester nicht rauszubekommen. Er ist ziemlich ruhig und liest viel, hat sie gesagt und das waren komplett alle Informationen, die ich ihr entlocken konnte. Das schrie ja geradezu nach einem Büchergutschein! Ich stand ewig lange im Bücherladen, hab mich beraten lassen, aber was hätte ich denn nehmen sollen? Keine Ahnung was er liest und die Auswahl ist da einfach viel zu groß! Also einen Gutschein und na ja, wenn er noch Lust hat, würde ich auch ein paar Klamotten oder so mit ihm einkaufen gehen… Jugendliche können immer Klamotten gebrauchen… Und all das, das macht mich nervös. All diese Unsicherheiten, diese unkontrollierbaren Ereignisse. Das schlägt mir auf den Magen. Ich hasse es! Mein schönes, geplantes Weihnachtsfest, mein kalkulierte Freude, alles hinüber… und nur wegen so einem Jungen!

Es klingelt! Obwohl ich die ganze Zeit auf das Klingeln warte, erschreckt es mich doch. Ich  springe vom Sofa  hoch. Okay, Thomas, es geht los! Der Zeitpunkt der Wahrheit ist gekommen! Schwerfällig gehe ich  zur Tür, schaue noch einmal in den Spiegel im Flur. Man kann mir meine Nervosität ansehen, ich bin blass und angespannt. Nichts da! Blass und angespannt? Nicht mit mir. Ich straffe mich vor dem Spiegel, streiche mir noch einmal über meine Haare. Nicht, dass es da was zu richten gäbe. Sie sind kurz, einfach nur kurz und es ist wohl eher ein Reflex. Dann versuche ich zu lächeln. Es wird schon alles gut gehen. Ich atme tief durch und öffne die Tür. Ein eisiger Windzug kommt mir entgegen. Es schneit schon seit zwei Tagen. Na, wenigsten das Wetter sorgt für weihnachtliche Stimmung…

Vor mir steht ein Junge und schaut mich mit großen blauen Augen an. Nicht gerade sehr groß gewachsen, wahrscheinlich höchstens 1,70m, unglaublich blasse Haut. Nervös kaut er auf seiner Unterlippe herum. Seine Haare stehen wild zerzaust in alle Richtung und haben anscheinend schon alles gesehen, was man an Haarfärbemittel käuflich erwerben kann. Der Ansatz scheint rötlich zu sein, darüber ist es schwarz, mit einem Hauch grün oder blau und auch ein paar blonde Strähnen heben sich deutlich ab. Fasziniert starre ich ihn an, habe noch immer kein Wort gesagt und auch er steht nur da und schweigt.

Auf der Strasse steht ein Kleinbus und ein Mann kramt darin herum. Auf der Beifahrertür stehe der Name des Kinderheims. Jetzt schließt der Mann die Türen und kommt mit einer kleinen Tasche den Weg  zur Tür hinauf.
„So, hier sind seine Sachen. Ich hole ihn am 27. gegen Mittag wieder ab. Schöne Weihnachten“, ruft er, dreht sich um und geht wieder zum Auto. Noch ehe ich überhaupt was sagen kann, sitzt er wieder im Auto und verschwindet. Wir starren ihm beide einen Weile hinterher. Als das Auto um die nächste Kurve fährt, löse ich mich aus meiner Starre.
„Na, dann komm doch rein!“, versuche ich so locker wie möglich zu klingen. Er nimmt seine Tasche und folgt mir in den Flur. Drinnen bleibt er wieder stehen, sieht sich unsicher um. Ich kann meine Augen gar nicht von ihm abwenden und ein merkwürdiges Kribbeln macht sich in mir breit. Das fängt ja ganz großartig an. Dieses Schweigen ist ziemlich anstrengend und er macht nicht den Anschein, als wenn er es zuerst brechen würde.
Na, los komm schon, Thomas! Wo sind deine guten Manieren!

„Hallo ich bin Thomas!“, sage ich wenig eloquent und halte ihm meine Hand hin.
Eine Weile schaut er sie an, dann ergreift er sie zögernd. Diese erste Berührung jagt mir eine Gänsehaut über den Körper. Am liebsten würde ich meine Hand wieder wegziehen und auch ihm scheint  es so zu ergehen.
„Jeremy“, sagt er nur und lässt meine Hand auch schon los.
„Okay, Jeremy! Zieh erst mal deine Sachen aus, dann zeige ich dir dein Zimmer.“
Er nickt und zieht seine Jacke aus, hängt sie an einen der Haken. Die Schuhe stellt er ordentlich neben meine. Ich bin beeindruckt, er scheint auf den ersten Blick zumindest auch recht ordentlich zu sein. Ich nehme seine Tasche und gehe nach oben. Er folgt mir kurze Zeit später.
„Ich hab hier oben zwei Gästezimmer. Du kannst dir einfach eins aussuchen.“
Noch immer hat er kein Wort dazu gesagt. Ich hoffe, er ist nicht die ganzen Tage so still… Wahrscheinlich meinte meine Schwester das wohl, als sie sagte, dass ich ihn gar nicht bemerken würde. Er steht unschlüssig im Flur. Zeit, das Ganze abzukürzen, also mache ich die erste Tür auf.
„Ich würde das Zimmer nehmen. Es hat gleich daneben das Bad.“  Ich gehe hinein und er kommt hinterher.
„Okay“, sagt er und zuckt mit den Schultern.
„Na gut, dann kannst du deine Sachen auspacken, wenn du willst. Hast du Hunger oder Durst?“
„Nein“
„Dann lass ich dich hier erst mal allein und wenn du ausgepackt hast, dann komm einfach runter und wir besprechen, was wir heute noch machen“
Er nickt und ich gehe hinaus. Ehrlich gesagt, ich fliehe. Ich fliehe vor diesem merkwürdigen Jungen, der mich von der ersten Sekunde an berührt. Ich fliehe aber auch vor dieser Stille, die ihn umgibt und die mir irgendwie unheimlich ist.

Unten im Wohnzimmer atme ich erstmal tief durch. Ich gehe zur Terrasse und öffne eine Tür. Sofort umfängt mich die Kälte und beruhigt mein erhitztes Gemüt. Ein Blick in den schneebedeckten Garten hilft mir endgültig, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Eine Weile sehe ich den Schneeflocken zu. „Schneeflocken sind kleine Geschenke des Himmels“ stand mal irgendwo und dieser Spruch hat mir wirklich gut gefallen. Ja, kleine Geschenke, die meinen Garten so wunderbar verzaubern. Als ich anfange zu zittern, schließe ich doch lieber wieder die Terrassentür und lege gleich noch etwas Holz im Kamin nach. Ich liebe dieses prasselnde Geräusch des Feuers und gleich umgibt mich diese herrliche Wärme.

Noch immer kommt von oben kein einziges Geräusch. Wie kann man nur so dermaßen still sein? Hmm, eine halbe Stunde ist er nun schon dort allein und ich finde, er hätte schon längst runter kommen können. Es gibt schließlich noch so viel zu organisieren und ich will es doch gern mit ihm zusammen machen. Ich gebe mir einen Ruck und gehe nach oben. Mal sehen, wie weit er ist und vielleicht kann ich ihm auch irgendwie helfen.

Die Zimmertür steht offen, aber von Jeremy ist nichts zu sehen oder zu hören. Langsam betrete ich das Zimmer und erstarre. Er sitzt auf dem Bett und liest. Der Anblick verwirrt mich total. Er sieht so niedlich aus, so… mein Herz schlägt gleich ein paar Takte schneller und ich kann mich einfach nicht von diesem Anblick losreißen. Sein Mund ist leicht geöffnet, als wenn er leise mitlesen würde. Die Lippen schimmern in einem dunklen Rot, sind voll und so schön geschwungen. Hin und wieder befeuchtet er sie mit seiner Zunge und dieser Anblick…Dazu die blasse Haut und die dunklen Haare, die ihm wild ins Gesicht hängen. Immer wieder versucht er einzelne Strähnen hinters Ohr zu stecken, immer wieder lösen sie sich.

Oh man, wie soll ich bloß diese Tage durchstehen? Zum hundertsten Male verfluche ich meine Schwester und diese blöde Idee. Aber wer hätte auch ahnen können, dass so jemand an meiner Tür steht. So ein… ein Junge! Es ist nur ein Junge, ermahne ich mich immer wieder. Ein Junge und bald ist er wieder weg! Und mit ihm auch dieses merkwürdige Kribbeln, diese unglaubliche Faszination. Widerwillig verlasse ich meinen Beobachtungsposten und klopfe leicht an die Tür. Sofort hebt er den Kopf und sieht mich an. Hätte er doch nur weiter gelesen! Seine Augen leuchten so blau, scheinen geradezu in mich hineinsehen zu können. Mühevoll schaue ich woanders hin, räuspere mich kurz, denn ich glaub, meine Stimme habe ich inzwischen auch verloren.
„Ich dachte, du würdest runter kommen!“, bringe ich gerade so hervor. Er sieht mich einfach nur wieder an, sagt nichts. Ich gehe weiter in den Raum, direkt auf das Bett zu.
„Kann ich mich setzen?“, frage ich vorsichtshalber.
Er nickt und zieht die Beine ein. Ich setze mich auf die Kante und schaue ihn an.
„Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung, was du von dieser Weihnachtsfeieridee hältst, aber irgendwie sollten wir die nächsten Tage durchstehen. Und dazu gehört auch, dass wir miteinander reden. Das würde zumindest einiges leichter machen!“ Ich sehe ihn herausfordernd an und er  hält meinem Blick eine Weile stand, dann schaut er nach unten, knetet seine Hände.
„Bist du schwul?“, fragt er ganz leise.
Mein Herz setzt für ungefähr zwei Sekunden aus, nur um dann in ein rasendes Tempo zu verfallen. „Spielt das irgendeine Rolle für deinen Aufenthalt hier?“
Wieder treffen sich unsere Blicke, wieder ziehen mich diese blauen Augen in ihren Bann. Jetzt lächelt er: „Ich wollte es nur eben wissen!“
„Wenn ich dir eine Antwort darauf gebe, redest du dann mit mir?“, frage ich ebenso lächelnd.
„Ich rede eigentlich nicht besonders viel!“
„Okay, dann anders, wenn ich dir eine Antwort darauf gebe, wirst du dann mit mir Weihnachten feiern und dich nicht die ganze Zeit hier oben verkriechen?“
Wieder durchdringen mich seine Augen, nehmen mich gefangen und ich kann gar nicht anders, als ihn anzuschauen.
„Du willst wirklich mit mir Weihnachten feiern, warum?“
„Keine Ahnung! Meine Schwester meinte, es wäre gut für mich. Es wäre gut, wenn nicht immer alles nach meinem Plan laufen würde. Das ist natürlich Quatsch, denn nur mit einem guten Plan kann es auch gut laufen!“
Er lacht leise auf und dieses Lachen geht mir durch Mark und Bein. Ich schließe kurz die Augen und hole tief Luft.
„Und was sieht dein Plan so vor?“
Eine großartige Frage! Die Beantwortung fällt mir wirklich leicht und sie bringt mich wieder in Bereiche, in denen ich mich wirklich viel wohler fühle.
„Also erstens: Wir brauchen noch einen Weihnachtsbaum. Ich dachte, wir könnten ihn zusammen aussuchen. Und wenn wir schon mal unterwegs sind, dann würde ich dir auch noch gern was zu Weihnachten schenken. Ich konnte ja nichts so richtig vorher besorgen. Dann würde ich gern Plätzchen backen, den Baum stellen wir erst morgen auf…“
„Du willst mir was schenken?“, fragt er und sieht mich verwundert an.
„Na ja, an den Weihnachtsmann wirst du wohl nicht mehr glauben, oder? Und es ist Weihnachten, ich schenke eben sehr gern!“
Wieder huscht da dieses sinnliche Lächeln über sein Gesicht.
„Wir wollen also zusammen einen Baum aussuchen?“, hakt er noch mal nach.
„So war der Plan!“, antworte ich grinsend.
„Dann sollten wir uns wohl bald mal losmachen!“
„Nur, wenn du dich von deinem Buch losreißen kannst. Was liest du da eigentlich?“
Er klappt es zu und hält es mir hin. Ein düsterer Einband mit Totenköpfen… Genau das Richtige für Weihnachten… Ich grinse ihn an.
„Was ist das? Fantasy oder Krimi?“
„Krimi!“
„Okay, du stehst also auf Krimis?“
Er nickt, dann erhebt er sich vom Bett und geht zur Tür. Ich bleibe sitzen und schaue ihm hinterher. Ich werde nicht erwähnen, wo mein Blick haften bleibt, aber was ich da sehe… verdammt, Thomas! Er ist 17 und du weißt überhaupt nichts von ihm. Also vergrab deine Gedanken ganz schnell, ganz tief!
„Was ist, wollen wir nicht los?“

Seufzend erhebe ich mich und gehe ihm nach. Ganz versunken in seinem Anblick, merke ich erst zu spät, dass er stehen geblieben ist und laufe direkt in ihn rein. Nun nehme ich auch noch seinen Geruch war. Er steigt mir direkt ins Gehirn und wird dort als der atemberaubenste Duft aller Zeiten verankert. Diese Junge ist einfach unglaublich gefährlich für mich! Ich murmle ein „Tut mir leid!“, drehe mich um und verschwinde im Bad. Kaum ist die Badtür hinter mir zu, setze ich mich aufs Klo und atme erst mal tief durch. Verdammt, Thomas! Wieso muss ausgerechnet dir so was passieren… Ein Junge! Ein mit Sicherheit heterosexueller Junge und du benimmst dich wie ein Testosteronjunkie! Ich gehe zum Waschbecken und spritze mir ein paar Ladungen kaltes Wasser ins Gesicht. In den Spiegel schaue ich lieber erst gar nicht. Ich trockne mich ab und gehe wieder nach draußen. Jeremy hat sich bereits seine Jacke und Schuhe angezogen und wartet auf mich. Schnell ziehe ich mich ebenfalls an und wir gehen nach draußen.

Ich liebe den Winter! Denn die eiskalte Luft bringt meinem erhitzten Gemüt abermals die notwendige Abkühlung. Und auch das Autofahren bei solch einem Wetter fordert so viel Aufmerksamkeit, dass ich den Jungen neben mir einfach vergesse.
„Kann ich den Baum aussuchen?“, fragt er plötzlich in die Stille.
„Na klar!“, antworte ich spontan, überlege dann kurz, „Krieg ich ein Vetorecht?“
Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er mich angrinst. „Aber nur eins, keinen Telefonjoker und auch keine Publikumsfrage!“
Einen Moment bin ich verdutzt, er kann ja richtig witzig sein! Dann lache ich aber doch los.
„Okay! Ich hoffe, du hast einen guten Geschmack. Er sollte auf jeden Fall nicht größer als 2 Meter sein, sonst kriegen wir ihn nicht ins Auto!“

Ich steuere den Weihnachtsbaumverkauf direkt neben dem Weihnachtsmarkt an. Da können wir ja noch mal drüber laufen, wenn er will. Um diese Zeit ist es nicht besonders einfach einen Parkplatz zu erwischen. Die ganze Stadt wimmelt nur so von Menschen und wieder verfluche ich diesen blöden Plan. Ich musste noch nie am 23. Dezember in die Stadt fahren. Da sind meine Weihnachtsvorbereitungen längst abgeschlossen! Die dritte Runde über den Parkplatz bringt endlich den gewünschten Erfolg. Wir steigen aus und gehen auf den Verkaufsstand zu. Na, zumindest stehen noch recht viele Bäume hier, aber wahrscheinlich sind es nur noch die letzten verkrüppelten Bäume, die sich kein vernünftiger Mensch mehr ins Wohnzimmer stellt. Ich bin da echt wählerisch, was einen Baum angeht. Er muss die perfekte Zuckerhutform haben, eine schöne Spitze, nicht zu ausladend aber auch nicht zu schmal sein. Der perfekte Baum eben! Aber wird Jeremy das auch so sehen? Vorsichtig schaue ich ihm zu, wie er zwischen den Bäumen entlang geht. Nur ein Vetorecht! Verdammt! Ich bleibe lieber am Eingang stehen und warte auf seine Wahl. Und wieder fange ich an, ihn anzustarren. Wie er so durch die Reihen geht, mit seiner dicken Jacke, die Schultern hochgezogen. Er sieht so zerbrechlich aus.

Eine Weile läuft er zwischen all den Bäumen herum und dann bleibt er stehen, dreht sich zu  mir um und grinst. Ich gehe langsam auf ihn zu und bleibe entsetzt stehen. Das hier sind doch keine Weihnachtsbäume, sie haben nicht mal annähernd den Namen verdient, vielleicht als Besen würden sie noch durchgehen. Aber Jeremy grinst mich an, zeigt auf einen dieser Besen. „Wie wäre es mit dem?“
Ich keuche entsetzt auf: „Ist nicht dein Ernst, oder?“
„Benutzt du gerade dein Vetorecht?“, fragt er herausfordernd.
„Nein, den Telefonjoker?“, murmle ich immer noch geschockt vor mich hin.
Er lacht leise auf. „War nur ein Scherz!“, sagt er immer noch grinsend und schüttelt den Kopf, „der ist wirklich ausgesprochen hässlich!“
Erleichtert lasse ich die Luft wieder aus meinen Lungen. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich sie angehalten hatte. Jeremy geht schon längst wieder weiter und ich stehe immer noch da und schaue auf diesen hässlichen Baum. Gut, das Vetorecht hatte ich gerettet!

Wieder winkt er mich zu sich heran und ich folge ihm schnell. Für eine Sekunde halte ich die Luft an… dieser Baum ist wirklich… genau… in der richtigen Zuckerhutform. Die richtige Größe, die richtige Form… er ist perfekt. Anscheinend starre ich den Baum ganz verliebt an, denn Jeremy fängt neben mir an zu lachen. „Der scheint dir besser zu gefallen!“
„Ja, viel besser! Er ist perfekt!“
Sein Lachen dringt wieder in mein Ohr und ich kann mich von dieser Stimme einfach nicht losreißen. Jeremy neben mir und der Baum vor mir… ich kann meine Gefühle überhaupt nicht beschreiben.
„Dann sollten wir ihn wohl nehmen oder starren wir ihn hier nur an?“, reißt er mich aus meinen Träumen.
„Ähmm, ja“, krächze ich etwas, „lass uns diesen Baum nehmen.“ Wir tragen ihn zusammen zur Kasse, ich bezahle, der Verkäufer stopft ihn in so ein Netz und wir verfrachten den Baum vorsichtig ins Auto. Passt ja gerade so!

„Wie wäre es mit einem Glühwein gegen die Kälte?“, frage ich ihn. Er nickt und wir gehen wieder Richtung Markt. Im Grunde mag ich so viel Trubel nicht und ich mag es auch nicht, wenn die Menschen nahezu kopflos in der Gegend rumlaufen, nur weil ihnen am 23. Dezember eingefallen ist, dass morgen Weihnachten ist und man noch ein paar Geschenke braucht. Einfach widerlich! Und trotzdem laufen wir nun auch hier über den Weihnachtsmarkt, schauen uns die Buden an und immer wieder fällt mein Blick auf Jeremy in der Hoffnung, ich könnte erkennen, ob ihm hier irgendwas gefällt.

Der Glühweinstand ist natürlich auch überfüllt, aber wir stellen uns an und warten geduldig bis wir dran sind. Mit einem extrem heißen Becher in der Hand laufen wir weiter, die meiste Zeit schweigen wir. Ich wünschte, es wäre wirklich anders.
„Bist du wirklich immer so still oder langweilt dich das hier extrem?“
„Wohl beides!“
„Okay, dann lass uns wieder nach Hause fahren. Ich dachte, ich würde noch ein Geschenk für dich finden, aber es sieht nicht so aus, als wenn dich hier irgendwas interessieren würde.“ Ich glaub, ich klinge gerade ziemlich frustriert und so fühle ich mich auch. Keine Ahnung, wieso, aber irgendwie habe ich mir das alles etwas fröhlicher vorgestellt.
„Da vorn ist ein Buchladen.“, sagt er nach einer Weile und zeigt auf einen kleinen Laden, „schenk mir ein Buch!“
Zuerst will ich protestieren, ich hab schließlich schon diesen Büchergutschein, aber auf der anderen Seite… „Warum nicht, dann nichts wir rein in den Laden.“
Drinnen umgibt uns eine wohlige Wärme, die noch durch den Glühwein verstärkt wird. Zielgerichtet geht er auf eins der Regale zu und bleibt davor stehen. Ich schaue mich auch etwas um. Leider habe ich nicht so viel Zeit zum lesen, wie ich gern hätte. Mein letztes Buch liegt schon seit einem halben Jahr neben meinem Bett. Ich glaub, ich hab 50 Seiten gelesen, aber ich kann mich gar nicht mehr erinnern, worum es eigentlich ging. Nicht, dass es nicht spannend ist, nein, ich hab einfach keine Zeit dafür und abends bin ich einfach zu müde zum Lesen.

Nach einer Weile schlendere ich zu ihm hin: „Und hast du was gefunden?“
„Krieg ich das hier?“
Ein halbnackter Mann schaut mich auf dem Cover an. `Der Köder’  steht darüber. Noch nie was von gehört. Felice Picano kenne ich auch nicht. Ich nehme es in die Hand und drehe es um, lese mir die Kurzbeschreibung durch. Mehrmals taucht das Wort schwul darin auf und ich schaue ihn aufmerksam an. Er hält meinem Blick stand, sagt aber wie immer nichts.
„Klingt spannend“, sage ich tonlos.
„Hmm, ist eben ein Krimi!“
„Na dann! Und dass du es ja wieder bis morgen vergessen hast. Ich will echtes Erstaunen sehen!“, sage ich grinsend und gehe mit dem Buch  zur Kasse.
„Kann ich dir auch was schenken?“, fragt er dicht neben mir. Viel zu dicht. Seine Stimme verursacht sofort eine Gänsehaut. Ich schlucke heftig.
„Ich habe eigentlich keine Zeit zum lesen!“, antworte ich wenig eloquent.
„Wer redet denn von einem Buch?“
„Oh… gut. Ich freu mich immer über Geschenke!“ Das ist natürlich gelogen. Ich freue mich selten über Geschenke, denn meistens kriege ich irgendwelche Dinge, die so abwegig sind, dass ich mich frage, wie die Leute nur auf solche Ideen kommen. Ich brauch im Grunde keine Geschenke, was ich haben will, dass kaufe ich mir einfach. Ich bin da auf niemanden angewiesen. Aber trotzdem, wenn er schon so fragt…und ich bin auch wirklich neugierig, was das wohl sein könnte.

Mittlerweile habe ich das Buch bezahlt und wir sind wieder draußen in der Kälte.
„Warte hier kurz!“, sagt er und verschwindet in einem Schreibwarenladen. Oh bitte, keinen Füller oder so was… Ich glaub, ich habe so viele Füller, dass ich eine Schule damit ausstatten könnte. Mit einer kleinen Tüte in der Hand und grinsend kommt er wieder heraus.
„Hast du alles?“, frage ich ihn und er lächelt und nickt. Nicht gut! Gar nicht gut! Hör bloß auf zu lächeln. Meine Knie werden nahezu automatisch weich, nur von diesem Lächeln.

„Und mal abgesehen von dem Buch hast du auch wirklich keinen weiteren Wunsch?“ Ich will hier ja nicht gerade als der großzügige Wohltäter auftreten, aber mal ehrlich, das Buch hat keine 10 Euro gekostet und das kann ich ja fast gar nicht als Geschenk betrachten. Ich sehe seinen unsicheren Blick und grinse. „Ich meine es ernst. Ich schenke gerne und über Geld mache ich  mir schon lange keine Sorgen mehr, also wenn es da irgendwas gibt, was du wirklich brauchst… hmm keine Ahnung, Klamotten, eine neue Packung Haarfärbemittel oder was auch immer, jetzt ist der Augenblick es zu sagen… denn morgen kriegt mich niemand mehr zum Einkaufen nach draußen!“ Ich schaue ihn ernst an und er scheint einen Moment zu überlegen. „Ein Handy“, sagt er leise. Und zwar so leise, das ich das Wort wohl eher von seinen Lippen abgelesen habe.
„Ein Handy?“, frage ich deshalb noch mal nach. Ich bin nämlich nicht besonders gut im Lippenlesen. Er sagt nichts dazu, kaut nur auf seiner Unterlippe rum. Ich zucke mit den Schultern. Warum nicht! Nicht weit von hier ist mein Lieblingshandyladen, denn ich bin ein Handyjunkie. Gibt es ein neues Modell, muss ich es haben… verrückt, ich weiß, aber ich liebe diese kleinen Dinger, mit denen man so tolle Sachen machen kann.
„Dann los, kaufen wir ein Handy!“

Selbst dort ist es ziemlich voll, doch als der Besitzer des Ladens, Mark, ein guter Freund von mir, mich sieht, kommt er gleich auf mich zu. „Thomas!“, ruft er überrascht, umarmt mich und drückt mir einen Kuss auf, „ich hab dir doch gesagt, dass es erst im neuen Jahr kommt!“
„Ich weiß und deshalb bin ich auch nicht hier. Ich brauche noch ein Geschenk!“, dabei deute ich auf den Kleinen neben mir. Erstaunt begutachtet Mark Jeremy von oben bis unten, dann schaut er mich fragend an. „Wir verbringen Weihnachten zusammen.“, sage ich nur, „und er wünscht sich ein Telefon. Also, was kannst du uns anbieten?“
„Hast du etwas besonders im Blick?“, fragt er nun Jeremy. Doch der knabbert immer noch auf seiner Unterlippe rum und schaut sich nur um.
Ich gehe einen Schritt auf ihn zu, stehe jetzt ganz dicht vor ihm und als unsere Blicke sich treffen… nicht darüber nachdenken!
„Kann ich dich damit überraschen?“, frage ich vorsichtig nach.
„Okay, aber ich muss es mir auch weiter leisten können!“, sagt er vorsichtig. Ich lächle ihn an und dann schicke ich ihn raus. Wenn schon überraschen, dann auch richtig.
Ich brauch nicht lange überlegen, welches ich nehme, Mark hat einen passenden Tarif dazu und der Vertrag läuft natürlich auf meinen Namen.

Wieder vor dem Geschäft frage ich: „Haben wir jetzt alles?“
„Ich glaub schon!“
„Na dann, nichts wie nach Hause!“
Die Fahrt verläuft auch wieder so still und langsam scheine ich mich daran zu gewöhnen. Vor dem Haus laden wir den Baum aus und stellen ihn neben die Tür. Er wird natürlich erst morgen aufgestellt. Die Wärme im Haus tut wirklich gut, ich bin durchgefroren und nass und auch Jeremy zittert leicht.
„Wir sollten uns wohl erst mal umziehen und wie wäre es mit einem Kakao“
„Ich kann mich nicht umziehen“, flüstert er fast schon.
Verwirrt starre ich ihn an: „Wieso nicht?“
„Na ja“, er windet sich unter meinem Blick, „Ich dachte, für die paar Tage komme ich schon mit der Hose aus, hab nur Unterwäsche und Shirts mit!“ Er wird beim Sprechen rot und mein Bauch kribbelt wie verrückt.
„Deine Hose ist nass und du kannst so nicht rumlaufen, wenn du nicht krank werden willst. Also zieh sie aus und wir schauen  mal nach einer Jogginghose. Die kannst du zumindest hier drinnen anziehen. Bis morgen ist deine Hose dann auch wieder trocken!“

Wir gehen beide nach oben und während Jeremy in sein Zimmer geht, gehe ich ins Schlafzimmer und suche nach einer Hose für ihn. Ich bin zwar bestimmt einen guten Kopf größer als er und auch etwas breiter, aber ist ja nur für zu Hause. Ich ziehe mir auch gleich was anderes an und bringe ihm dann die Hose.
„Ich mach uns einen Kakao!“

Er kommt tatsächlich einige Minuten später runter in die Küche, nimmt seinen Kakao entgegen und wir setzen uns an den Tisch.
„Was sieht dein Plan denn als nächstes vor?“, fragt er leise.
Ich grinse, dann antworte ich: „Plätzchen backen!“
„Wir backen jetzt  Plätzchen? Ist nicht dein ernst, oder?“
„Hmmm, eigentlich schon, aber wenn du  nicht willst, dann backe ich auch allein.“
„Ich hab wahrscheinlich mit sieben das letzte Mal gebacken!“
„Na, dann wird es ja Zeit, dass du damit mal wieder anfängst“, sage ich grinsend und fange an das Rezept und die Zutaten auf den Tisch zu stellen.

Ich bin ordentlich und so verhalte ich mich auch in der Küche. Niemals herrscht Chaos hier. Niemals! Außer heute… obwohl er am Anfang nicht besonders begeistert war, macht es ihm nun wohl Spaß und das Chaos, was er dabei anrichtet, stört ihn anscheinend auch nicht. Auf seinem Shirt sind überall Mehlfinger zu sehen und überhaupt scheint sich das Mehl in der ganzen Küche zu verteilen. Aber irgendwie stört es mich gar nicht. Ganz im Gegenteil! Ihn so zu sehen, ist einfach nur richtig niedlich. Und obwohl ich mich am Anfang ganz schön zusammenreißen musste, lachen wir jetzt total viel, bewerfen uns mit kleinen Teigkugeln und prusten das Mehl nur so rum…

„Wie lange bist du schon in dem Heim?“, frage ich nach einer Weile.
„Seit etwa einem Jahr“, antwortet er knapp
„Was ist mit deinen Eltern?“
Er schweigt eine Weile, schaut mich nur an: „Sie haben mich rausgeschmissen!“
„Echt, warum denn?“
„Unüberbrückbare Differenzen!“, antwortet er ausweichend.
„Tut mir leid, ich wollte nicht so neugierig sein!“, sage ich schnell. Na super, ich hab mit meiner blöden Neugier die Stimmung verdorben. Jetzt ist er wieder still und formt die Vanille Kipfel mit ernstem Gesicht. Das erste Blech landet im Backofen und noch immer sagt er nichts. Ich räume die Küche auf.
„Sie haben mich knutschend mit einem Jungen erwischt!“
Er sieht mich forschend an und ich schlucke nur.
„Mein Vater hat sich nicht wieder eingekriegt, hat mich angebrüllt, auf mich eingeschlagen und meine Mutter… die wollte auch nichts mehr mit mir zu tun haben! Eine Weile habe ich es noch zu Hause ausgehalten, aber mein Vater wurde immer aggressiver, beschimpfte mich und irgendwann hab ich es nicht mehr ausgehalten und bin abgehauen. Ich hab ein halbes Jahr auf der Straße gelebt, mich in irgendwelchen Abbruchhäusern rumgetrieben… aber dann wurde es kälter und ich hatte kein Geld und Angst und dann hat mich ein Streetworker angesprochen. Er hat alles für mich geklärt und ich bin in dieses Heim gekommen. Alles war einfach besser, als das was ich vorher hatte. Ich kann wieder zur Schule gehen und im Januar werde ich 18 und krieg eine eigene Wohnung!“

Ich sehe ihn die ganze Zeit nur an, höre genau zu und weiß ehrlich nicht, was ich darauf antworten soll. Ein ‚es tut mir leid’ kommt mir nicht besonders angebracht vor. Aber das macht es wirklich. Er sieht so traurig aus, dass ich ihn am liebsten auf der Stelle in den Arm nehmen würde. Warum eigentlich nicht? Langsam gehe ich auf ihn zu, strecke meine Hand nach ihm aus. Wir sehen uns an und dieser verletzte Blick… ich kann gar nicht anders. Ich ziehe ihn in meine Arme, drücke ihn fest an mich. Er hält ganz still, lässt es sich einfach gefallen. Der Küchenwecker mit seinem schrecklichen Lärm lässt uns auseinander fahren. Die ersten Plätzchen sind fertig. Wir holen sie heraus, bestreuen sie mit Puderzucker und naschen gleich welche vom Blech herunter.
„Du hast meine Frage von vorhin noch gar nicht beantwortet!“
Ich weiß welche er meint, also grinse ich und sage schlicht „Ja“ Er grinst auch.  
„War das dein Freund in dem Handyladen?“
„Mark? Oh Gott nein, wie kommst du denn da drauf!“
„Na, er hat dich geküsst!“
„Er küsst jeden, der sich nicht ausdrücklich dagegen wehrt!“, antworte ich lachend, „nein, Mark ist einfach nur ein guter Freund und mein Handydealer!“

Wir räumen noch gemeinsam die Küche auf, dann gehen wir ins Wohnzimmer. Es ist schon ziemlich spät. „Hast du Hunger?“
„Nein, ich habe so viel Teig genascht, dass ich wahrscheinlich nie wieder Hunger haben werde!“
„Hmm, okay, wollen wir uns noch einen Film ansehen?“
Er nickt und ich zeige ihm den Schrank mit den DVDs. Er braucht gar nicht lange und hält mir einen Film hin. Ich nicke zustimmend und lege ihn ein. Wir sitzen beide auf dem Sofa und schauen den Film. Am Ende kann ich meine Augen kaum noch aufhalten. Dieser Tag war irgendwie anstrengender als eine Woche ununterbrochen zu arbeiten. Ich bin so müde…
„Ich geh ins Bett!“, bringe ich laut gähnend hervor, „was ist mit dir?“
„Ja, ich auch, werde noch ein wenig lesen!“

Wir machen unten alles aus und gehen nach oben. Ich wünsche ihm eine gute Nacht und verziehe mich in mein Schlafzimmer. Ich bin so müde, dass es nur noch für schnell Zähneputzen reicht, dann krieche ich auch schon in mein Bett. Ich lausche in die Stille hinein, ob ich noch irgendwas von ihm hören kann. Aber da ist nichts, alles leise. Und obwohl ich eben noch so müde war, fahren meine Gedanken jetzt wirr in meinem Kopf herum. Immer wieder taucht er vor meinen Augen auf und ich kann mich nicht dagegen wehren. Alles woran ich denken kann ist ihn zu fühlen, zu schmecken, zu riechen. Ich möchte von ihm kosten, seine Lippen berühren und mit sanftem Druck verwöhnen. Er ist siebzehn ermahne ich mich, aber mein Herz lacht nur laut über dieses dumme Argument. In einem Monat ist er achtzehn! Er ist trotzdem viel  zu jung für dich! Mein Schwanz pocht heftig und ich kann nicht anders. Genüsslich fahre ich mit meiner Hand in die Shorts, streichle mich und immer wieder sehe ich seine Augen, höre sein Lachen, kann ich fast körperlich fühlen. Mit einem leisen Aufstöhnen komme ich in meiner Hand, schnappe mir ein Taschentuch, säubere mich und schlafe dann entspannt ein.