Brennende Begierde

von Faible82
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Hawk Judd Lauren Lucas Hunter Riley Kincaid Sascha Duncan Tamsyn
26.11.2010
08.07.2014
53
212.375
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Dieses Kapitel
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26.11.2010 4.819
 
Guten Abend alle zusammen,

ich hab mir die Idee mit dem Bruder einfallen lassen, da Hawke eine meiner Lieblingsfiguren in den Büchern ist. Doch wollte ich nicht in die Storyline von Nalini Singh (welche Hawke und Sienna vorsieht) eindringen und baute mir einen eigenen Charakter, der mit meiner weiblichen Hauptfigur besser harmonieren wird. Auch wegen der Hintergrundgeschichte, die ich mir zurecht geschustert habe.

Freut mich, dass es einigen von euch gefällt und wollte mich hier auch für die Klicks und auch die schönen Reviews bedanken.

Hoffe ihr bleibt am Ball. Ich hab noch so einiges eingebaut.

Damit will ich euch nicht weiter aufhalten und wünsche viel Spaß beim Lesen.

lg Faible

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„Wir haben eure Tigerin gefunden.“ Ein blassblauer Blick folgte der tiefer fliegenden Raubkatze. Ein paar Blutstropfen tröpfelten den Hang hinunter.

Am anderen Ende der Leitung wurde es sehr still. Im Hintergrund war leises Gemurmel zu verstehen. Der Schock über diese Nachricht war zum Greifen nah und legte eine Schwere auf die nächsten Worte, wie man sie selten zu hören bekam. „Sind unterwegs“, ertönte die dunkle Stimme des DarkRiver Leoparden Alphas und legte auf.

Hawke verstand Lucas Beweggründe und wusste wie schnell die Leoparden loslegen würden. „Die Katzen sind unterwegs. Wir kümmern uns derweil um sie. Lara?“ Achtlos verschwand das Handy in seiner Hosentasche, seine ganze Aufmerksamkeit galt der Verletzten. Lange Zeit war vergangen seit diese spezielle Raubkatze auf ihrem Land gesehen worden war. Neugierig nahm er alle Eindrücke, die sich ihm aus ihrem erbärmlichen Zustand ergaben in sich auf. Was war hier nur passiert?

„Bin soweit.“ Lara machte sich bereit und wartete, bis Beast sie ablegte. Ungemein langsam und bedächtig schwebte die Tigerin vor Laras Füßen herab. Der Wolf wollte keine weiteren Quetschungen verursachen und streckte den Körper, bog ihn ein wenig nach oben, damit sie gut zum Liegen kam. „Das wird ziemlich schmutzig. Ich bin keine Katzenheilerin. Bis Tamsyn kommt, kann ich nur das Nötigste machen.“ Wo, zum Teufel, sollte sie bloß anfangen? Ihr geschultes Auge entdeckte unzählige Verletzungen und auch das Ausmaß dessen, was an Kraft nötig sein würde um die junge Frau zu retten.

„Das wird reichen“, bekräftigte Hawke und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Er gab ihr Kraft für die bevorstehende Arbeit und öffnete seine Kräfte für die Heilerin. „Tu was du kannst. So wie ich Lucas einschätzte, wird er bald da sein.“ Sehr bald. Lucas Stimmlage war um etliche Etagen tiefer gefallen, als es normal der Fall war. Der Panther würde gefährlich werden und das war dann sein Part. Wenn es um seine Leute ging, kannte Lucas keine Freunde mehr. Sie waren ein eingeschworenes Rudel, das Loyalität sehr hoch einschätzte. Auch ein Grund warum er schließlich doch noch in ein Bündnis mit den Leoparden eingewilligt hatte. Mit diesem Wissen, dass er noch Feuerwehr spielen musste, ließ Hawke Lara arbeiten und sah sich nach Beast um.

Der stand noch immer im Abhang und blickte der Tigerin fest hinterher. Behielt sie im Auge, bewachte sie mit seinem Blick. Es lag eine Intensität in ihnen, als wolle er sie nie wieder aus den Augen lassen. Er durfte sie nicht aus den Augen lassen.

„Beast, komm runter“, befahl Hawke schließlich, nachdem sein Halbbruder keine Anstalten machte sich in diesem Jahrtausend noch zu bewegen und seinen Wächterposten zu verlassen. Lara machte sich mittlerweile an die Arbeit und nahm die Erstversorgung vor. Abwartend verschränkte er die Arme vor der Brust.

Ein kurzes Jaulen war die Antwort und Beast begann den gefährlichen Abstieg. Mehrmals kam sein Körper ins Rutschen, fing sich wieder und sprang dann seinem Leitwolf vor die Füße.

„Was ist passiert?“ fragte Hawke und sah seinem Soldaten direkt in die Augen. Sein eigener Wolf, der Leitwolf, bemerkte eine Veränderung in seinem Bruder.

Widerwillig hob Beast den Kopf und wandte sich von der zerschundenen Tigerin ab. Es lief ihm gegen den Strich sie nicht zu beschützen, sie nicht im Auge zu behalten, nachdem was ihr widerfahren war. Doch er hatte sich zu einem Leben als Soldat in einem Wolfsrudel entschieden und sein Leittier verlangte Gehorsam. Nun gut. Beast kramte seine Erinnerungen hervor und sendete Hawke den Ablauf seit dem Auffinden der Tigerin.

„Sehr interessant“, schloss Hawke die letzten Bilder ab. Er musste zugeben, dass solch eine Art der Kommunikation Vorteile barg. „Du hast sie also zufällig gefunden?“

Beast nickte. „Ja.“

„Gute Arbeit“, lobte Hawke ohne jegliche Betonung. Ein Lob aus seinem Mund war selten und auch wenn es ohne warme oder sonstige anerkennende Betonung erklang, war es Beast genug. Das Leittier begriff langsam die Vorzüge, die Beasts Mitgliedschaft bei seinen Soldaten bedeutete. Innerhalb weniger Minuten gab Beast mit seiner telepathischen Verbindung Hawke genauere Informationen, als ein mündlicher Bericht eines Spähers es vermochte. Nun wusste Hawke alles, was Beast entdeckte, als wenn er es selbst herausgefunden hätte. Die Spuren im Gras, der Weg durch den Wald und seine Einschätzung ihrer Verletzungen.

Ein Aufschrei ließ beide Männer herumfahren. Die Tonlage alarmierte sie.

Lara hielt sich die blutverschmierte Hand mit dem Rücken vors Gesicht. Abscheu stand in ihrem Gesicht und grenzenlose Wut brachte die Wölfin in ihren Augen hervor.

„Was ist?“ Aufgeschreckt durch den Aufschrei, kam Hawke sofort näher. Beast folgte lautlos in einigem Abstand.

Lara war aufgebracht, verwandelte ihren Schock in Wut. „Sieh dir das an“, forderte sie ihren Leitwolf auf und hob zaghaft die blutigen Lefzen am Maul hoch.

Hawke entglitten die Gesichtszüge als er entdeckte, was seine Heilerin auf die Palme gebracht hatte. Das geschah selten bei dem starken Anführer der Wölfe. „Das darf nicht wahr sein.“

„Doch“, spie Lara aus. Die Heilerin war fuchsteufelswild und die Wut sprang ihr förmlich aus den Augen. „Man hat ihr alle Zähne ausgerissen und die Krallen auch. Es ist nichts mehr da.“

Beast stand still daneben und musterte Kayla aus verhangenen Augen. Er wusste es schon und war zum Zeitpunkt seiner Entdeckung genauso aufgebracht gewesen wie die anderen nun. Allerdings nur innerlich, zwar spannten sich alle seine Muskeln an. Äußerlich blieb er völlig ruhig und zwang sich auch seinen Körper zu entspannen.

Es gab nichts Schlimmeres für ein Raubtier als seiner Waffen beraubt zu werden. Ohne Reißzähne und Krallen waren Katzen und Wölfe nur noch einen Bruchteil so stark wie mit. Auch waren die tierischen Waffen der Stolz eines jeden Gestaltwandlers. Ein Zeugnis seiner Stärke und Kraft, um sich und die Seinen gegen alles und jeden zu verteidigen.

„Das ist Verstümmelung“, murmelte Riley, ein weiterer Soldat, der bei Laras Aufschrei herbeigeeilt war. Er war der Dienstälteste von Hawkes Offizieren und dessen Stellvertreter.

„Das wird jemand bitter büßen.“ Blass graublaue Augen musterten den Soldaten neben sich. „Bis Lucas hier ist, können wir schon mal anfangen. Riley, nimm die anderen und sucht die Gegend ab. Beast zeigt euch, wo ihr anfangen könnt.“ Hawke erkannte den leichten Widerwillen in Rileys Gesicht. Sein Offizier vertraute Beast nicht und machte daraus auch keinen Hehl. Einerseits mochte Hawke es, wenn ihm seine Männer nicht wie eine Herde dummer Schafe hinterher hechelten, aber er war der Boss und Riley würde sich mit seiner Entscheidung Beast eine Chance zu geben, abfinden müssen. Der Alphawolf in ihm war von dem schweigsamen Soldaten überzeugt. Aus.

Aber auch Beast schien von dieser Idee nicht so begeistert zu sein. Wieder ruhte sein Blick auf der Tigerin, wollte sie nicht verlassen. Unablässig kontrollierte er ihre Vitalparameter um jedwede Abweichung in einen kritischen Zustand erkennen zu können.

Das veränderte Verhalten konnte Hawke deutlich in den Augen seines Bruders erkennen. Was war denn mit dem los? So hatte Hawke Beast noch nie erlebt. In der Kürze der Zeit auch nicht weiter verwunderlich. Ein weiterer ernster Blick Hawkes und Riley und die anderen Wölfe setzten sich in Bewegung, wandelten ihre Wut über die Verstümmelung der Raubkatze in Tatendrang um.

Riley blieb in Menschengestalt und umrundete den Abhang.

Beast riss sich schließlich auch los und lief Riley hinterher.

Nicht gerade eilig, wie Hawke mit einer hochgezogenen Augenbraue interessiert feststellte. Das musste er genauer beobachten. Vielleicht fand er hierüber einen Weg zu seinem Halbbruder. Der so mir nichts, dir nichts auf ihrem Territorium aufgekreuzt und ihn um Aufnahme gebeten hatte. Ein Bruder, von dem er nichts gewusst, geschweige denn auf die Idee gekommen war, das es möglich wäre.

Doch kaum hatte er Beast damals in Menschengestalt gesehen, konnte Hawke eine Verwandtschaft nicht mehr leugnen. Beast sah ihm zum Verwechseln ähnlich, eben eine jüngere Ausgabe von ihm selbst. Sein Halbbruder hatte das gleiche goldsilbrige Haar wie er, durchsetzt mit pechschwarzen Strähnen, nur dass es bei Beast wilder und ohne einen bestimmten Schnitt herab hing. Er sah wie ein wilder Pirat nach monatelanger Fahrt auf hoher See aus. Auch die blass graublauen Augen und die harten kantigen Gesichtszüge waren den Brüdern zu Eigen. Beast war ein wenig größer und nicht ganz so muskulös wie Hawke. Aber alles in allem waren sie sich äußerlich ziemlich ähnlich, fast derselbe Gestaltwandler in zwei verschiedenen Lebensspannen. Beast war knapp fünfzehn Jahre jünger als Hawke und ziemlich verschlossen, hatte nur mit dem Nötigsten rausgerückt. Seine Fähigkeiten im telepathischen und telekinetischen Bereich zum Beispiel gehörten zu dem kleinen Paket an Informationen, die er aus seinem Halbbruder herausgekitzelt hatte. Sofort nach seiner ersten Begegnung mit Beast hatte Hawke Judd auf Recherchesuche angesetzt. Der ehemalige mediale Auftragskiller besaß immer noch Kontakte zum Medialnet und war auch ein Gradmesser für die Stärke der medialen Fähigkeiten seines Bruders. Ein Erbe seiner medialen Mutter und seine Fertigkeiten im Kampf als Tier und Mensch waren ebenso wichtig für das Rudel. Alles was er über einen Soldaten wissen musste und doch zu wenig für seinen Bruder. Seine Familie. Wenn auch unfreiwillig ein Teil davon, doch war er alles was ihm noch geblieben war. Das hier war die erste ungewöhnliche Reaktion von Beast und Hawke nahm sich vor mal ein ernstes Gespräch mit seinem Halbbruder zu führen. Vielleicht brachte die Sache mit Kaylas rätselhaftem Auftauchen auch mehr Licht in das Leben seines Bruders.

Lara tat ihr Möglichstes, um Kayla zu stabilisieren, bis die Leoparden auftauchten. Mehrmals fluchte sie über Kaylas schwere Misshandlungen und verwünschte die Übeltäter aufs Letzte, wünschte ihnen die Pest an den Hals. Solche Worte hatte sie schon lange nicht mehr ausgesprochen, doch es half ihr die Fassung zu bewahren und ihre Arbeit zu machen.

Gestaltwandler waren sehr gefühlsbetonte Wesen. Brauchten Ansprache und Berührungen zum Überleben und sie kümmerten sich um ihre Familien. Besonders um die Kinder und Jugendlichen. Der Schutz des wehrlosen Nachwuchses genoss oberste Priorität in den Rudeln. Auch wurden die Gestaltwandler ihre überschüssige Energie im Kontakt mit ihren Rudelgefährten los. Berührung war ein Bedürfnis und ohne Berührung konnten Gestaltwandler zugrunde gehen. Nur auch in diesem Bereich galten Regeln. Nicht jeder durfte jeden ohne weiteres anfassen. Es galten Körperprivilegien und die Hierarchie in der Befehlskette musste eingehalten werden. Ohne Rangordnung und genau festgelegte Regeln würde bei den aggressiven Raubtieren das absolute Quaos ausbrechen. Die SnowDancer Wölfe waren mit dem benachbarten DarkRiver Leoparden verbündet und machten in vielen Beziehungen gemeinsame Sache. Eine vorteilhafte Beziehung für beide Seiten und die Raubtiergestaltwandler standen an der Spitze der Nahrungskette, kümmerten sich um die Belange der ihnen Anvertrauten und der friedliebenderen Pflanzenfresser, die sich unter ihrem Schutz niedergelassen hatten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das war die Lebensart der Raubtiergestaltwandler. Ein Vergehen forderte Strafe, ein Verbrechen forderte Vergeltung mit gleicher Münze.

Punkt. Aus.

So funktionierte das Gerechtigkeitsempfinden der Raubtierwandler und nur so konnten die verschiedenen Gattungen friedlich miteinander leben und sich vor Angriffen von außen schützen. Das Wissen über die Konsequenzen bei Grenzverletzungen war meist ausreichend, um selbige gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dieser Zusammenhalt und Vertrauen in das Rudel gaben den Raubtieren ihren Rückhalt und Kraft zum Kämpfen. Familie war ein hohes Gut und wurde mit Zähnen und Klauen verteidigt, bis aufs letzte.

Hawke verstand Lara vollauf und pflichtete ihr in ihrer Wortwahl bei. Nur riss er sich mehr am Riemen und zeigte seine aufwallenden Gefühle nicht so offen wie die anderen Rudelmitglieder. Er war der Anführer und musste mit kühlem Kopf agieren und durfte nicht unüberlegt handeln. Nur hier brauchte auch er noch Zeit, um wieder runterzukommen. Je mehr er bei Lara blieb und ihr mit Kayla half, desto wütender wurde er.

Man hatte ihr alle Zähne, auch die Backenzähne und jede einzelne Kralle ausgerissen. Den ausgefransten Rändern nach zu urteilen, waren die Waffen tatsächlich ausgerissen und nicht chirurgisch entfernt worden. Wohl auch ohne Betäubung und bei vollem Bewusstsein. Das Zahnfleisch war eine einzige Kraterlandschaft und die einst stolze starke Kriegerin, die Hawke kannte, war nur noch Haut und Knochen, abgemagert und eingefallen. Dass sie in dem Zustand überhaupt noch vorwärts gekommen war, grenzte an ein Wunder und rang Hawke Respekt ab. Kayla war eine willensstarke, zähe und unbeugsame Tigerin gewesen und hatte sich als Findelkind im Leopardenrudel eine gute Position erkämpft, genauso wie der Jaguar Vaughn zum Wächter der DarkRiver aufgestiegen war. Eine starke Raubkatze.

Bis Kayla verschwunden war.

Von einer Nacht zum nächsten Tag war sie von ihrem Unicampus verschwunden und bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgetaucht. Bis jetzt.

Hier und heute war sie zurückgekommen. Nah am Rande des Todes und in einem katastrophalen körperlichen Zustand. Von ihrer geistigen Verfassung wollte niemand spekulieren. Doch ihren Verletzungen nach zu urteilen, war sie die letzten Jahre an einem wahrlich unschönen Ort gewesen.

In Hawke rumorte es. Es stand außer Frage, dass sie damals unfreiwillig abgetaucht und ihr Rudel verlassen hatte. Hawke wusste nicht alle Einzelheiten über Kaylas Leben bei den Leoparden. Er konnte sich noch gut erinnern, wie überrascht er gewesen war, als er die Tigerin im Leopardenrudel entdeckte. Lucas wollte damals nicht so gern mit der Sprache rausrücken und ihre Beziehungen waren noch nicht so vertrauensvoll und gefestigt wie heute. Zu Anfangs tauschten sie nur Informationen bezüglich der ranghöchsten Soldaten und Ansprechpartner für die verschiedenen Bereiche aus. Von den Nachwuchssoldaten war damals noch keine Rede gewesen. Kayla war eine Jugendliche mit viel Potential, aber eben erst im Aufstieg begriffen. Er musste mit Lucas reden. Später. Jetzt stand Kaylas Überleben auf dem Spielplan und das andere konnte warten.

Lara kümmerte sich gerade um Kaylas Hinterbein und fixierte den Knochenbruch, um das Bein nicht endgültig zu verlieren.

Hawke nahm als erster die Witterung der Katzen auf.

Sekunden später brachen mehrere Männer und eine Frau durch das Buschwerk.

Ein großer schwarzhaariger, extrem wütend aussehender Mann kam direkt auf Hawke und Lara zu. Auf seiner rechten Wange färbten sich die Krallenspuren einer großen Pranke dunkelrot. Seine ganze Haltung drückte Rage und Anspannung aus. „Was ist passiert?“ Lucas sah auf den übel zugerichteten Tigerkörper hinab und seine Wut steigerte sich noch.

Hawke stand schnell auf und stellte sich Lucas in den Weg. In der Stimmung konnte er den Leopardenalpha unmöglich weiterlassen. Lara war noch in der Schusslinie und er war sich nicht sicher ob Lucas da einen Unterschied auf dem Weg zu seiner Rudelgefährtin machte.

Fast wäre Lucas durch den Leitwolf hindurch gestürmt, aber er riss sich im letzten Moment zusammen.

Hawke begann sofort die Umstände kurz zu umreißen und Lucas in ein Gespräch zu verwickeln. „Einer meiner Soldaten hat sie auf seiner Patrouille im Abhang gefunden. Er hat sie befreit und mich informiert. Als ich hier ankam und ihren Geruch in die Nase bekam, wusste ich wer sie war. Dann hab ich dich angerufen. Lara hat sich gekümmert so gut sie konnte.“ Seine Hände verharrten Zentimeter vor Lucas bebenden Armen.

„Tamsyn.“ Lucas wandte seine Augen nicht von Kayla ab, die immer noch bewusstlos im Gras lag und rasselnd atmete. Verdammt flach. Seine Schultern bebten vor unterdrückter Energie. Mühsam beherrschte er sich. Seine Nase verriet ihm, dass kein Zweifel an Hawkes Einschätzung bestand und beruhigte sich langsam. Sie war hier, vor ihm, lebendig, noch und schon war die Beruhigung vorbei.

Hinter Lucas kam eine braunhaarige Frau hervor und ging Lara zur Hand.

Lucas Körper begann zu zittern, bald würde er platzen. Auf den ersten Blick erkannte er die Folterspuren auf Kaylas zerschundener Gestalt und trieb seinen Hass in höhere Dimension. Seine Erfahrung in diesem Bereich verriet ihm sofort, was Kayla alles widerfahren sein musste. Der Panther in ihm schimmerte durch. Er klang fast nicht mehr menschlich, als er sprach. „Im Abhang habt ihr sie gefunden? Wie lange ist das her?“

Hawke ließ sich nicht einschüchtern. Er verstand sehr wohl die Aufgebrachtheit des anderen Alphas, doch dies hier war sein Revier und er würde sich nicht zurücknehmen. Hier hatte er das Sagen und nicht Lucas, auch wenn es um eine Katze ging. „Zwei Stunden bevor ich dich angerufen habe, hat mein Soldat sie gefunden.

„Ich will mit ihm reden.“ Lucas war nicht zum Verhandeln hier. Sein Blick deutete an, dass über diesen Punkt nicht verhandelt wurde.

„Er ist gerade mit meinen Leuten unterwegs, um Spuren zu suchen. Sie kam aus der Wüste in unser Revier“, erklärte Hawke nüchtern. Er ließ sich nicht beirren.

 „Woher weißt du das? Deine Leute suchen noch.“ Zum ersten Mal sah Lucas Hawke ins Gesicht. Trotz seiner Wut konnte er noch zu hören.

 Hawkes Ausdruck wurde kalt. „Beleidige mich nicht, Kater.“

 Lucas ließ sich nicht beeindrucken. „Woher hast du die Infos?“

„Die Spur von der Grenze hierher, hat ihn hergeführt. Sie lag so weit unter dem Vorsprung, dass man sie von oben gar nicht gesehen hat. Sie muss über die Kante in die Tiefe gestürzt sein.“ Hawke deutete mit dem Kopf den Abhang hinauf.

„Wie habt ihr sie aus diesem Geröll heraus bekommen?“ wollte ein blonder Mann mit blauen Augen hinter Lucas wissen. Er musterte die Wand kritisch.

„Wir erklären euch alles, wenn Riley zurück ist“, schloss Hawke die Diskussion.

Lucas bekam sich wieder in den Griff. Seine Stimme klang schon wieder menschlicher, aber der drohende Unterton war noch da. „Können wir uns auch umsehen?“

Hawke ging einen Schritt zur Seite. „Bitte tut euch keinen Zwang an. Wenn es anders herum wäre, würde ich es genauso handhaben. Seht, was ihr findet.“

Lucas neigte leicht den Kopf. Ein Zeichen seines Einverständnisses und das nicht mehr nur sein Tier die Oberhand innehatte. „Andersherum genauso. Dorian, Clay, seht nach, ob ihr den Wölfen helfen könnt.“

„Treib es nicht zu weit, Kater.“ In Hawkes Augen blitzte es auf.

Lucas Mundwinkel zog sich einen Millimeter nach oben. „Aber nie doch.“ Das Geplänkel mit Hawke beruhigte ihn ein bisschen und half ihm sich wieder einzukriegen.

Der blonde Surfertyp und ein anderer schwarzhaariger Mann mit dunkelbrauner Haut, ein Erbe seiner ägyptischen Mutter, verließen ihren Platz hinter Lucas und schwärmten mit den anderen aus.

Tamsyn fluchte laut und für eine Frau ziemlich unflätig noch dazu. „Verfickte Scheiße.“

„Was ist?“ fragte Lucas, der seine Heilerin selten so wütend erlebt hatte und trat neben sie.

Hawke blieb neben Lucas, als der näher kam.

In Tamsyn Augen standen Tränen. Aber nicht vor Trauer, sondern vor Wut. So aggressiv war Tamsyn, die normalerweise die Ruhe in Person war, schon lange nicht mehr gewesen. „Man hat ihr alles ausgerissen. Zähne und jede Kralle. Nichts ist übrig. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Mit weniger Kampfgeist wäre sie schon längst tot.“

Lucas klappte die Kinnlade nach unten und schlug am Boden auf. „Was?“

Hawke legte dem Anführer der Katzen die Hand auf die Schulter. „Wir finden die Schuldigen und sie werden ihre Strafe bekommen. Wir werden euch bei allem unterstützen, wenn du willst.“

Lucas nickte nur. Zu mehr war er nicht mehr fähig, er traute seiner Stimme nicht. Seine Schultern bebten vor Zorn und aufsteigender Energie. Tamsyn hatte Recht. Mit einem zweiten genaueren Blick erkannte Lucas wie mager Kayla war. Ein mit haut- und fellüberzogener Kleiderständer. Woher hatte sie nur die Kraft genommen?

Die Heilerinnen machten ihre Arbeit und die Alphas besprachen ihr weiteres Vorgehen, als die anderen zurückkamen. Auf Dorians und Clays Gesicht konnte Lucas einen grimmigen Ausdruck erkennen. Als hätten sie einen Geist bei lebendigen Leib gesehen. Dem musste er auf den Grund gehen. Aber später. Hinter Dorian und Clay kam Riley aus dem Wald. Dahinter liefen die Wolfssoldaten heran.

„Was habt ihr gefunden?“ Lucas trat einen Schritt vor, konnte den zerschundenen Anblick Kaylas nicht mehr ertragen, ohne in rasende Wut zu verfallen.

„Wir haben die Spur bis zur Grenze verfolgt. Hier war sie allein unterwegs. Wir sind in die Sierra vor, haben aber nichts gefunden. Die Spur, wenn denn eine da war, ist zu alt und hat sich aufgelöst“, berichtete Dorian knapp die wichtigsten Details.

„Wo ist dein Soldat, der sie gefunden hat?“, richtete Lucas seine Aufmerksamkeit auf Hawke.

„Riley, wo ist Beast?“, wandte sich Hawke um, der seinen Bruder nirgends entdecken konnte.

Der zuckte mit den Schultern. „Als wir der Spur folgten, ging er weiter in die Sierra hinein. Als wir umkehrten, kam er nicht mit.“

Hawke schien ziemlich verärgert, als er die Augen schloss. „Beast“, rief er im Geist nach seinem Bruder, hoffte das dieser eine Verbindung im Standby zu ihm hatte.

Nach einigen Sekunden kam auch schon die prompte die Antwort. „Ja?“

Komm sofort zurück.“ Hawke bemerkte, dass Beast lief.

Bin gleich da. Hab einen Hinweis gefunden.“ Beast huschte gerade über die Grenze des Reviers.

„Wo ist er?“, wollte Lucas, mit einem ungeduldigen Unterton erfahren.

„Er kommt gleich“, meldete Hawke kalt, als er die Augen wieder öffnete. Ungläubige, teils verdutzte, teils abwartende Gesichter, vor allem die der Katzen, musterten ihn.

„Woher weißt du das?“ Lucas stellte die entscheidende Frage. Seine Nackenhaare legten sich wieder. Für ein paar Sekunden hatte er das Gefühl, dass mediale Kräfte am Werk waren. Er war sich nicht sicher gewesen, doch der Ausdruck auf Hawkes Gesicht bestätigte ihm seine Vermutung.

„Telepathie.“ Hawke sah Lucas freiheraus an. Spürte keine Gewissensbisse, Lucas nichts von Beast erzählt zu haben. Sie waren zwei eigenständige Rudel mit guten Beziehungen zueinander. Aber in seine Personalentscheidungen ließ er sich nicht reinreden.

„Du hast noch einen Medialen aufgenommen?“ Lucas war fassungslos. Der Leitwolf verabscheute Mediale. Wie konnte er nach den Laurens noch einen aufnehmen?

Hawke schüttelte den Kopf. „Nein. Er ist kein reiner Medialer, nur zur Hälfte.“ Und gehört zur Familie.

In den Gesichtern von Dorian und Clay stand es deutlich. Sie hatten den Kerl schon gesehen und irgendwas stimmte nicht. Bevor jedoch jemand noch weiter bohren konnte, erregte ein Geräusch die Aufmerksamkeit der Anwesenden.

Oben am Abgrund erschien ein riesiger silbrig goldener Wolf und sah zu ihnen herunter. Rührte sich nicht. Nun war er gekommen, der Tag der Offenbarung. Beasts Versteckspiel war vorbei. Nun hieß es Farbe bekennen.

Vor allen. Na toll.

Warum musste ausgerechnet er die Tigerdame finden? In diesem Augenblick erschien ihm die Begegnung nicht mehr so verheißungsvoll wie noch zuvor, als er die Augen nicht von ihr lassen konnte. Doch dieser Moment war so schnell verflogen wie sein Auftauchen vor versammelter Mannschaft.

„Beast, komm runter.“ Hawkes Gesichtsausdruck war undeutbar.

Beast schnaufte nochmal tief durch und entschied sich mit der Tür ins Haus zu fallen. Hawke hatte ihnen bestimmt schon gesagt, wie er die Katze gerettet und aus der Nische befreit hatte. Beast sprang hinab und konzentrierte sich auf seine Telekinese. In einem leichten Flug schwebte der Wolf zu den anderen hinunter, landete sanft vor den Füßen der beiden Alphas. Hoffentlich bohrte der Leopardenalpha nicht allzu viel nach und ließ auch seine Herkunft unter den Teppich fallen. Hoffentlich.

„Das ist Beast. Er hat Kayla gefunden“, stellte Hawke seinen Bruder vor. Die Familienzugehörigkeit ließ er erstmal weg. Es wurde auch so schon schwierig genug und Lucas war leider auch nicht dumm.

Lucas schien überrascht, verbarg seine Gefühle hinter seiner Anführermaske. „Er sieht aus wie du, bis auf die Narbe im Gesicht.“ Naja, nicht völlig so wie Hawke. Der Wolf vor ihm hatte zwar das gleiche Fell, aber dazu noch eine pechschwarze Schnauze, Ohren und in der Mitte des Rückens zeichnete sich ein schwarzer Strich ab, der in einer schwarzen Rute endete. Auch war der Soldat in seiner Tiergestalt ein wahrer Hüne. Riley und auch Hawke waren schon imposante Wölfe, was Riley auch den Spitznamen „die Mauer“ einbrachte. Aber Beast war noch wuchtiger, kompakter und ausdauernder. Wo der hintrat, wuchs kein Halm mehr. Ein über hüfthohes Riesenvieh. Lucas schwebte das Bild eines rollenden Panzers vor, wenn Beast sich bewegte.

Der Panzer saß vor den Alphas und sah den Panther direkt an. Beast hatte eine Narbe, die von seiner Stirn, mitten durch sein rechtes Auge über die Wange zum Kinn verlief. Die Augenverletzung fiel nicht so stark auf, weil das weiße Auge eine ähnliche Farbe aufwies, wie das blass graublaue andere und das Fell ebenfalls sehr hell war. Aufgrund seiner medialen Sinne behinderte Beast die Narbe und der Verlust des Augenlichts nicht im Geringsten. „Ich bin sein Halbbruder“, sendete Beast in den Kopf des Panthers.

Lucas Nackenhaare stellten sich sofort auf und er schmiss Beast instinktiv aus seinem Geist. Mediale konnten nicht in Gehirne der Wandler eindringen. Ihre natürliche Abwehr war recht stark. Mediale mussten unverhältnismäßig viel Energie aufwenden, um in die Gehirne der Gestaltwandler eindringen zu können. Da Lucas Beasts Initiative abblockte, verstand er nicht, was dieser sagte.

„Verwandle dich und sag es so. Sie lassen dich nicht rein.“ Hawkes Miene blieb ausdruckslos. Dies war Beasts Kampf. Er musste sich gegen die Katzen durchsetzen, sonst war er als Wolfssoldat nicht geeignet. Seine Männer brauchten Mut und Durchsetzungsvermögen, durften sich von niemand ins Boxhorn jagen lassen.

Ein Regen bunter Funken hüllte Beast ein, als er sich in einen Menschen verwandelte.

Dorian schnappte nach Luft, Clay erstarrte zu Stein und Lucas zog seine Augenbrauen hoch.

Vor den Katzen kniete ein nackter Mann, der bis auf sein jüngeres Alter und seine Narbe wie Hawke aussah. „Ich bin Hawkes Halbbruder und erst seit ein paar Wochen Mitglied des Rudels. Man nennt mich Beast.“

„Das musst du mir erklären“, forderte Lucas an Hawke gewandt.

„Das muss warten“, rief Tamsyn dazwischen, die Heilerinnen waren soweit fertig. „Wir müssen erst Kayla nach Hause bringen. Hier kann ich nichts weiter tun und sie ist zu schwach, um noch länger hier zu bleiben.“

Lucas wandte sich nur widerwillig von Beast ab. „Wir sprechen uns noch“, richtete Lucas seine Stimme an Hawke.

„Kümmert euch erst mal um Kayla, dann sehen wir weiter.“ Damit war für Hawke die Sache erledigt.

Für Lucas war es nicht genug, aber jetzt musste erst Kayla versorgt werden. Am liebsten hätte er gleich mehr über Beast erfahren, aber sein Impuls sein Rudelmitglied zu beschützen, gewann die Oberhand. „Wir tragen sie.“

Tamsyn verzog den Mund. Sie hatte sich schon seit ein paar Minuten Gedanken gemacht, war aber auch keine praktikable Lösung gekommen. „Das ist nicht so gut. Ihre Knochen sind zu instabil, voller Haarrisse. Ihr könntet ihr die Rippen und die Halswirbel brechen. Sie ist ziemlich am Ende.“

„Ich kann sie gefahrlos tragen“, meldete sich Beast zu Wort, kniete noch immer auf dem Boden. Nackt zu sein war ihm noch nie schwer gefallen, da Mediale über kein Schamgefühl verfügten oder die Emotionen, die damit einhergingen. Somit scherte es ihn nicht, was und wie viel die anderen von seinem Körper sahen. Er war nicht makellos, doch die Narben behinderten ihn nicht in seinem Tun. Auch bei Gestaltwandler gehörte zeitweise Nacktheit zum normalen Leben. Nach einer Verwandlung besaß man eben keine Kleider mehr am Leib und wenn man nicht gerade an einem Kleiderversteck vorbeilief, blieb man meistens in Tiergestalt, bis man eigene Kleider organisieren konnte.

„Telekinese?“ Dorian bleib auf der Hut, ließ den unbekannten Wolf nicht aus den Augen.

Beast sah weiter zu Lucas hoch, rührte sich nicht. „Ich habe sie schon aus der Wand geholt. Es ist kein Problem sie erschütterungsfrei zu transportieren.“

„Versprich nichts, was du nicht halten kannst“, knurrte Clay hinter Beast. Sein Ton war scharf. Keine weiteren Verletzungen, keine weitere Gefahr mehr.

Beast kümmerte sich nicht um den Einwurf, beachtete den Wächter kaum. „Wenn ich es nicht sicher könnte, würde ich es nicht anbieten.“

Lucas Augen wurden schmal. Es würde ihnen nichts anderes übrigbleiben. Kaylas Zustand war unbeständiger, als Lucas je vermutet hätte. Ihr durfte nicht noch mehr passieren. Sie hatte genug durchgemacht. Schließlich hob er den Kopf. „Nun gut. Wir nehmen euch in die Mitte. Dorian, du gehst voraus. Tamsyn, bleib bei Kayla. Clay und ich bilden die Nachhut.“

Alle Anwesenden nickten.

„Riley, kehrt zur Höhle zurück. Ich komm nach.“ Hawke schloss sich den Katzen an. Auch wenn sie sich noch nicht grün waren, würde er Beast nicht allein ins Katzenrevier lassen.

Ein Schein bunter Funken hüllte Beast ein, als er sich in einen Wolf verwandelte und sich kurz schüttelte. Silbrig golden schwarzes Fell schimmerte seidig glänzend im Licht. Bevor noch jemand etwas sagen konnte, richtete er seine Aufmerksamkeit auf Kaylas Körper und hob die Tigerin so sacht und erschütterungsfrei wie möglich hoch. Hielt sie etwa einen Meter über den Boden und setzte sich in Bewegung.

Dorian ging voraus und sah öfters über die Schulter zurück. Immer noch war es ihm ein Rätsel, woher dieser Soldat kam, welche Ähnlichkeit er mit Hawke hatte und über welche Fähigkeiten er genau verfügte.

Beast wurde ungeduldig. Wie bohrende Messer spürte er die Blicke der anderen auf sich ruhen und das war kaum auszuhalten. Wenn der Tigerin was passieren sollte, war er Katzenfutter, das wusste er genau. Dafür brauchte er noch nicht mal Lucas Gesichtsausdruck zu sehen. Dessen Misstrauen strahlte in Wellen aus. Beast wurde fast übel vor unterdrückter Energie um sich herum. Das konnte ja ein langer Weg werden.

Spitze.




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Wünsche schönes Wochenende

lg Faible
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