Brennende Begierde

von Faible82
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Hawk Judd Lauren Lucas Hunter Riley Kincaid Sascha Duncan Tamsyn
26.11.2010
08.07.2014
53
245107
9
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Dieses Kapitel
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Hallo alle zusammen,

vorab die obligatorischen Informationen zum Disclaimer.
Alle Figuren aus Nalini Singhs Psy/Changeling-Serie sind Eigentum der Autorin und ihres Verlags.
Mir gehören nur die eigen entwickelten Charaktere.
Diese Serie soll andere Leser unterhalten und ich verdiene kein Geld damit.

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Nun zum Inhalt der Story. Die Grundidee dazu kam mir zwischen dem 4. und 5. Buch und hatte sie schon vor Sengende Nähe im Grundriss fertig. Werde versuchen mich zu beeilen. Nachdem die neuen Bücher über die Menschen Dev Santos und den Polizisten Max gehen, hab ich meine Geschichte in den Rudeln angesiedelt.

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Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen.

lg aus Iglubayern
Faible

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Die Baumwipfel wiegten sich im leichten Wind hin und her. Hie und da schwebte ein Blatt zu Boden. Teils hüfthohe Gräser behinderten die Sicht in die Tiefen des Waldes. Nur eine kleine schwarze pelzbesetzte Schwanzspitze lugte über die Gräsergrenze hinaus. Fast war es als tanzte sie in einem ganz eigenen Rhythmus mit dem Wind und den Gräsern um die Oberhand.  Gleichzeitig schob sich eine pechschwarze Nase durch das Dickicht und hob sich stetig in den Wind um jede Spur sofort aufnehmen zu können. Große schwere Pfoten teilten die Pflanzen. Wie durch Wasser ließen die Gräser den mächtigen Wolfskörper passieren und schlossen sich geräuschlos hinter ihm wieder. Es war als wäre hier nie ein Lebewesen durchgekommen. Unberührt und still.

Der weiße Wolf schlich durch sein Revier, Ohren wachsam gespitzt, horchte auf jegliches Geräusch, das dort nicht hingehörte. Dies war sein Quadrant, den er zu bewachen hatte. Hier war allein er für Ordnung verantwortlich und dass niemand, egal welcher Spezies derjenige auch angehören mochte, die Grenzen des Rudels verletzte. Sein Bruder würde Gulasch aus ihm machen, wenn er versagte.

Deswegen hatte der Wolf auch den entlegensten Bereich des Rudelgebietes zugeteilt bekommen. Damit er niemandem in die Quere kam und keinen allzu großen Ärger verursachen konnte. Es war noch nicht lange her, dass er im Rudel seines Bruders aufgenommen wurde und das auch nur unter Vorbehalt und auf Probe. Er musste sich bewähren und Vertrauen verdienen, eine elendig lange Prozedur. Gar nicht so leicht, schon gar wenn man solch eine Herkunft und Ausbildung vorzuweisen hatte wie er.

Doch wie sollte die Alternative aussehen? Zurück etwa?

Zurück?

Niemals.

Er hatte nicht solche Mühen und Opfer gebracht, nur um dorthin zurückzukehren, wo er herkam. Die Hölle war endgültig geschlossen. Kein Weltuntergang würde ihn dazu kriegen von seinem jetzigen Weg abzuweichen. Keiner.

Rückzug ausgeschlossen.

Seine Gedanken schweiften ab. Nur durch Zufall hatte er von seinem Bruder, besser gesagt, Halbbruder, sie hatten den gleichen Vater, erfahren und sich ihm offenbart und um eine Chance in seinem Rudel gebeten. Zuerst war der, verständlicherweise, völlig von den Socken und überhaupt nicht daran interessiert mit ihm auch nur zu reden geschweige denn die gleiche Luft wie er zu atmen. Doch er blieb hartnäckig, schlich an den Reviergrenzen auf und ab, geriet manchmal in Streit mit den Grenzposten seines Bruders und Gott sei Dank verlor er nicht. Seine Zähigkeit zahlte sich schlussendlich aus. Sein Bruder kam zurück.

Dies war dann endlich ein Grund für seinen Bruder gewesen, sich mit ihm zu treffen und ein ausführliches Gespräch zu führen. Nun ja, mehr oder weniger ausführlich. Soviel wie es für die Aufnahme nötig war, doch alles hatte er wahrlich nicht auf dem Einsatztisch geworfen. Zum Glück war das Alphatier an ihm interessiert und wollte ihn weiter beobachten. Der Mensch und das Alphatier in seinem Bruder kämpften lange miteinander. Am Schluss setzte sich das Tier zum Wohle des Rudels durch. Naja, fast, nicht ganz.

Das Ende vom Lied war nun sein einsamer Weg durch die verlassene Gegend der Sierra Nevada, dem Territorium der SnowDancer Wölfe, dessen Anführer sein Bruder war. Er musste sich im normalen Dienst der Wolfsoldaten beweisen. Nur in diesem Bereich, militärisch, konnte er seine speziellen Fähigkeiten benutzen und zeigen, wie nützlich er für das gesamte Rudel sein konnte. Wenn man ihn ließ, was sich noch beweisen musste. Er war für den Kampf und den Tod ausgebildet worden. Diese Sparte des Rudels war seine einzige Chance Aufnahme und vielleicht zum Schluss auch Akzeptanz zu finden. Ein Zurück kam unter keinen Umständen in Frage, wahrscheinlich würde man ihn sowieso sofort töten, wenn er auch nur einen Fuß rückwärts setzte. Seine Ausbilder verstanden unter Desertieren und Kollaborieren mit dem Feind nur eine Auslegungsrichtung der Vorschriften. Rübe ab, ohne Wenn und Aber. Und das war noch die humanste Methode ihn zum Schweigen zu bringen. Wahrscheinlich würden sie ihn erst noch auf jede erdenkliche Art sezieren, bevor sie seiner Existenz ein endgültiges Ende bereiteten. Er war zwar ein sauteures Experiment gewesen, aber bei den Medialen gab es nur Kosten-Nutzen-Analysen und sein Nutzen war schon vorher ins Bodenlose gesunken und hatte die Kosten bei Weitem nicht mehr gerechtfertigt. Nachdem er aber partout nicht so funktionieren konnte, ohne sein Tier überschnappen zu lassen und damit sich selbst auch, wie es sich seine Lehrherren vorstellten, blieb ihm nur die Flucht. Unter schweren Verletzungen war es ihm, Gott sei Dank, gelungen lebend aus dieser Hölle zu entkommen.

Wenigstens hatte er sich schon vorher einen Plan ausgedacht, wie es danach weitergehen sollte und das es sicher schwer werden würde, im Rudel seines Bruders unterzukommen. Zu fliehen ohne ein Ziel vor Augen zu haben, ein Ziel für das sich das Überleben lohnte, wäre eine aussichtslose Sache gewesen. Nur sein Wille zu überleben und seine Gedanken an eine andere Zukunft, als diese, der er so verzweifelt zu entkommen versuchte, ließen ihn durchhalten. Ohne diese innere Stütze, an der er sich festklammern konnte, wäre er im Quaos des Kampfes untergegangen. Der erste Punkt seines Planes war erledigt. Er musste gestehen, dass es sein Hauptpunkt gewesen war und er sich über das nachfolgende noch keine handfesten Gedanken gemacht hatte. Dies musste er nun nachholen und hier ging das sehr gut. Hier draußen in der Wildnis, entfernt vom Rudel. Ein Segen und Fluch zugleich.

Entgegen seiner äußeren Zurschaustellung völliger Gelassenheit nagten die unverhohlenen Zweifel seiner Rudelgefährten an seinem Tier. Der Wolf war isoliert aufgewachsen und sehnte sich nun nach Anschluss.

Das würde noch einige Zeit warten müssen, entschied er für sich, als er über eine Baumwurzel sprang.  

Selbst wenn ihn die anderen noch skeptisch und mit Misstrauen betrachteten, wenn er durch die Höhle der Wölfe in sein Zimmer kam, war es ihm egal. Hier wollte er bleiben und eine Familie gründen, die er bis jetzt so schmerzlich vermisst und nie gefunden hatte.

Nicht hatte finden dürfen.

Nur dauerte es noch eine Weile, eine ziemlich lange, wenn er sich einige Offiziere so anschaute, bis es dazu kommen würde. Vor allem seines Bruders Stellvertreter macht aus seiner Abneigung keinen Hehl. Doch es lohnte sich zu warten. Auch war das SnowDancerRudel eines der wenigen, die den Medialen Paroli bieten konnten. Was sie auch schon öfters, unter gewissen Umständen auch sehr blutig, bewiesen haben. Hier war eine der wenigen Gegenden, wo er sich vor seinen Häschern einigermaßen sicher fühlen konnte. Kein Medialer konnte in das Revier eindringen, ohne dass irgendeiner der vielen Späher sie entdeckte. Es passte ihm zwar überhaupt nicht auf Schutz anderer angewiesen zu sein, aber er war allein und einer Übermacht aus Geistsoldaten ausgeliefert, wenn sie ihn erwischten. Im Moment blieb ihm kaum eine andere Möglichkeit, als die Füße still zu halten und abzuwarten, bis recht viel Gras über die Sache gewachsen war. Hoffentlich kam kein Kamel vorbei und fraß das Gras wieder ab.

Verärgert über seine absurden Gedankenspiele schüttelte der silbriggoldene Wolf seinen Kopf und strich weiter lautlos durchs Gestrüpp des Waldes. Seine Sinne nach außen gerichtet, sondierte er die Umgebung.

Nach einer Weile blieb er vor einem Abgrund stehen und sah hinunter. Ein Erdrutsch hatte diesen Teil des Waldes abgetragen, als ein Windsturm zahlreiche Bäume entwurzelte und mitsamt Wurzeln in die Tiefe riss. Dadurch hatte der Waldboden keinen Halt mehr gefunden und war bei einem nachfolgenden großen Unwetter weggespült worden. Nun erstreckte sich zu seinen Pfoten eine tiefe baum- und strauchlose Schneise, übersät mit Gestrüpp und Erdbrocken. Als er die unebene schmutzige Wand unter seinen Pfoten genauer betrachtete, erkannte er kleine Vorsprünge, vor neugierigen Blicken durch den überstehenden Waldboden geschützt. Der Regen hatte den Untergrund stellenweise ausgespült. Bis ganz an den Rand durfte er nicht treten, sonst würde es ihn in den 100m tiefen Abgrund reißen. Eine leichte Brise kam von unten herauf und förderte interessante Gerüche zutage.

Schon wollte er sich abwenden und seine Patrouille wieder aufnehmen, nachdem er nichts Interessantes entdecken konnte, als seine medialen Sinne etwas Ungewöhnliches wahrnahmen. Sein Kopf fuhr herum, erneut hielt er prüfend seine Nase in den Wind und suchte nach dem Grund für die kleine Warnung, die in seinem Hinterkopf zu schrillen angefangen hatte, die aber unzweifelhaft vorhanden war. Er hatte es sich nicht eingebildet und streckte nur die Vorderpfoten vor um sein Hauptgewicht auf den Hinterpfoten zu halten, durfte nicht so viel Gewicht nach vorne kriegen, wenn er gefahrlos über die Grenze spähen wollte. Als er doch Übergewicht zu bekommen drohte, aktivierte er seine Medialensinne und verlagerte das Gewicht künstlich nach hinten. Nun schwebte er vorne fast und konnte seinen Kopf weit genug vordrücken.

Äste, Blätter, Gestrüpp, lauter pflanzlicher Unrat lag unter ihm. Nichts Gefährliches oder Ungewöhnliches.

Was war es dann gewesen?

Er sah nochmal nach, genauer.

Da musste etwas sein. Sein Blick glitt über jeden Millimeter Sand und Unrat, der sich unter ihm erstreckte.

Fast hätte er es übersehen.

Da.

Da lag es.

Weit unter dem Abgrund, verborgen unter der überstehenden Bodengrenze. So etwas hatte er noch nie gesehen.

Unter einem toten verrottenden fast blattlosen Buschstrauch lugte eine fellbesetzte Schwanzspitze hervor. Weiß-schwarz-rotbraun gemustert. Sah wie eine Katze aus.

Seltsam, was suchte eine Raubkatze auf dem Territorium der Wölfe. Er musste seinen Bruder informieren und sich dann weiter umsehen. Schnell zog er sich zurück und suchte telepathisch nach seinem Bruder.

Hawke?“ Er musste ein wenig warten, bis sein Bruder reagierte.

Ich sagte dir doch, du sollst das lassen“, kam die verärgerte Stimme seines Bruders zurück in seinen Kopf. Die Entfernung war weit. Viele Kilometer, doch für seine telepathischen Fähigkeiten war es kein Problem.

Es geht nicht anders. Bin ohne Ausrüstung unterwegs.“ Weiterhin sondierte er die Umgebung um den Abgrund und suchte Möglichkeiten zu agieren.

Was gibt’s? Bin grad in einer Besprechung. Fass dich kurz.“ Brummlig hallte Hawkes Stimme wider. Er konnte seine schlechte Laune nicht verbergen. Oder wollte es nicht.

Er zog eine Lefze hoch. Kühl und knapp. Typisch sein Bruder. Er hätte der Mediale werden sollen, nicht er. „Hab grad eine Raubkatze auf dem Territorium gefunden.“

Kurz herrschte Stille in den Gedanken der beiden Brüder. „Im Moment hat keine fremde Katze eine Durchgangserlaubnis. Töte sie.“ Hawke verschloss seinen Geist wieder. Für ihn war das Thema durch.

In den Raubtiergestaltwandlerrudeln herrschten strenge, teils sehr harte Regeln. Doch diese waren nötig und auf deren Einhaltung legte man überall viel Wert. Nur so waren die gefährlichen Raubtiere zu bändigen und ein zivilisierter Kontakt mit anderen möglich. Jeglicher unerlaubte Eindringling in das Revier wurde gestellt und getötet. Mit Raubtieren legte man sich nicht an.

Aus und vorbei.

Das wusste er, doch irgendwas hielt ihn zurück dem Befehl Folge zu leisten. Es würde Ärger bedeuten, aber er kontaktierte Hawke erneut. Ein Seufzer entglitt ihm.

„Welcher Teil ist nicht verständlich?“ knurrte Hawke zurück. Nun mehr als verstimmt. Unangemeldete Störungen verabscheute er.

Ich bin am Cheneia Abhang. Der Tiger liegt in einer Nische in der Wand. Sie scheint mir verletzt zu sein. Ich rieche eine Menge Blut.“ Seine Brust wurde plötzlich eng, als er sich seiner Erkenntnisse bewusst wurde. Eine Frau?

Eine Schockwelle ging von seinem Bruder zu ihm aus und es wurde für Sekunden still in der Leitung. „Eine Tigerin? Bist du sicher?“, versicherte sich Hawke noch einmal der Information.

Er schob sich nochmal vor. Seine Nase schnüffelte intensiv, um ja keinen Fehler zu begehen. „Eindeutig weiblich und schwer verletzt. Sie stinkt nach getrockneten und frischen Blut. Selbst wenn sie jetzt noch am Leben ist, wird sie es nicht mehr lange sein.“ Sein Instinkt entschlüsselte die Gerüche und Geräusche, die zu ihm heraufdrangen und sein Tier wusste es ebenso, setzte die Puzzleteile zu dieser düsteren Prognose zusammen.

Hawke geriet leicht in Aufruhr. „Bleib da und versuch sie heil rauszuholen. Wenns nicht geht, warte auf uns. Wir sind unterwegs.“ Damit brach er die telepathische Verbindung ab und schmiss ihn hinaus.

Na toll. Wie sollte er das denn anstellen? Er war kein Mediziner, geschweige denn wusste er wie er jemanden so schwer Verletzten versorgen sollte. Normalerweise war es sein Job genau solche Verletzten und Toten zu hinterlassen. Dies hier war die falsche Seite der Medaille.

Außerdem schien sein Bruder plötzlich ziemlich geschäftig zu werden. Kannte er den Tiger, der unter ihm lag? Von einem Tiger in dieser Gegend war ihm nichts bekannt. Weder Feind noch Freund gehörten dieser Gattung an. Tiger waren eher in Asien zu Hause. Dort lebten verschiedene Rudel. Innerlich zuckte er mit den Schultern. Was ging es ihn an? Richtig, nichts. Also ran ans Werk.

Er sah sie noch nicht mal richtig. Egal wie er es drehte und wendete. So konnte er nicht arbeiten. Eine Idee musste her. Fieberhaft suchte er einen Weg, um sich an die Arbeit machen zu können. Um seine telekinetischen Fähigkeiten zu nutzen, brauchte er ein vollständiges Bild vom Liegeplatz der Tigerin. Wo und wie sie lag und wie übel sie zugerichtet war. Wenn sie an der Wirbelsäule verletzt war, konnte er ihr eine Querschnittslähmung zufügen, wenn er sie falsch bewegte. Alles Überlegen half nichts, er musste um den Abhang herumlaufen und von unten nach oben klettern. Sich an sie heranpirschen und persönlich in Augenschein nehmen. Ein Sprung in die Tiefe würde ihn den Abhang hinunterreißen, wie es der Tigerin ohne Zweifel selbst passiert war. Der Untergrund war lose und würde ihm keinen Millimeter Halt bieten.

Ihr weiblicher Duft hing ihm immer noch in der Nase. Erst beim zweiten Mal war es ihm aufgefallen, verdeckt und überlagert von ihrem auslaufenden Blut. Es lief ihm innerlich zuwider, sie zu töten. Nur weil sie auf dem falschen Gebiet umgekippt war. Vielleicht war sie einem anderen Rudel in die Quere gekommen und schon verjagt worden. Suchte Schutz in den unzugänglichen Nischen des Abhangs oder es war ein Unfall, dass sie da runter gefallen war?

Er hielt seine Nase auf den Boden und suchte den Rand ab. Lange brauchte er nicht zu suchen, da hatte er etwas gefunden. Eine verschmierte getrocknete Blutspur führte aus dem Wald über den Rand nach unten. Die Grashalme waren niedergedrückt und mit mittlerweile rostroten Flecken besudelt. Die Tigerin musste über den Boden gekrochen sein und hatte eine wahrnehmbare Spur hinterlassen. Er folgte dem Blutweg zurück in den Wald. Fand zügig heraus, woher sie ursprünglich kam. Der Cheneia Abhang lag an der Grenze des SnowDancer Gebietes und bildete eine zusätzliche natürliche Grenze zur auf der Landkarte gezogenen Rudelgrenze. Ihre Spur führte direkt an die Reviergrenze und ging weiter in andere Gefilde. So ohne weiteres konnte er das Rudelgebiet nicht verlassen und brach die Suche schließlich ab. Er kümmerte sich nicht weiter darum und kehrte um. Das konnten sie später immer noch verfolgen.

Diesmal nahm er gleich einen anderen Weg, der ihn weiter hinunter führte und Zeit ersparte. Über Büsche und Baumstämme sprang der Wolf auf seinem Lauf zur Rettung der verletzten Gestaltwandlerin. Es dauerte eine Weile, bis er am Fuße des Abhangs ankam und seine Sinne beschrieben ihm, wohin er schauen musste. Überall lagen verrottende Baumstämme, Sträucher und anderes Buschwerk herum. Er brauchte nur einen bestimmten Strauch, unter dem die Schwanzspitze hervor sah.

Sein Herz krampfte sich zusammen. Wo, zum Teufel, war sie? Ihm lief die Zeit davon. Endlich fand er den besagten Strauch und sprang unverzüglich los.

Der Boden war porös, sandig und rutschig. Seine Pfoten weit gespreizt, um sich mehr Auftrieb zu verschaffen und schnellen kleinen Sprüngen arbeitete er sich vor. Kiesel und Erdbrocken rutschten ihm unter den Krallen davon und erschwerten ihm das Klettern ungemein. So ein Mist. Als er den Kopf hob, um sich wieder zu orientieren, wurde ihm leichter um die Brust.

Knapp 10 Meter oberhalb seiner jetzigen Position lag die große Katze, verborgen teilweise unter dem Schutt der Erde. Sie war abgestürzt und hart aufgeschlagen. Zu allem Überfluss war eine Drecklawine über sie hinweg gezogen. Er verdoppelte seine Anstrengungen, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Sie durfte nicht sterben. Alles in ihm rebellierte gegen diese Vorstellung.

Doch er kannte sie überhaupt nicht.

Warum reagierte er so auf ihren weiblichen Duft?

Sie war eine Raubkatze und er ein Wolf. Noch nicht mal gesehen hatte er sie. Er musste sich am Riemen reißen und seine absurden Gedanken abschießen. Durfte sich nicht so aus dem Konzept bringen lassen, er musste sich unbedingt weiter konzentrieren. Er war schon in der Höhle Frauen jeglichen Alters begegnet und nie rührte sich in ihm etwas von Bedeutung. Dafür hatte er auch gar keine Zeit. Seine Aufgabe war klar und eindeutig. Sein Rudel beschützen und sich einfügen. Sein Leben galt seinem Rudel und sonst niemanden. Er hatte nicht so viel riskiert, um es wieder zu verlieren. Mit Müh und Not nahm Hawke ihn unter Probe auf und sein Status war immer noch wacklig. Es durfte nichts schiefgehen.

Nichts.

Also Tiger aus dem Kopf streichen und als Rettungsaktion verbuchen. Er musste sie nur heil bergen und dem Rudel übergeben. Danach weiterarbeiten. Stur nach Schema.

Trotzdem konnte er seine Erleichterung nicht verstecken, als er sie endlich erreichte. Nur mit den Vorderpfoten stellte er sich auf den wackligen Boden neben ihr. Seine Hinterbeine grub er in die lose Erde, um Halt zu finden. Kaum stand er einigermaßen stabil, hob er den Kopf und erschrak fürchterlich.

Ach, du heilige Scheiße. Was war denn mit ihr passiert?

Zum ersten Mal spürte er sowas wie leichtes Unwohlsein, was bei anderen schon eine haushohe Würgeattacke zur Folge hatte. Er hatte schon viel Blutiges und Schreckliches gesehen und dies hier spielte in der höchsten Kategorie mit.

Sie hatte unglaubliches Glück gehabt noch am Leben zu sein. Oder wie man diesen Zustand auch immer nennen mochte. Den Großteil der kleinen Erdlawine, die sie bis hier runter rutschen ließ, war an den astreichen Sträuchern hängen geblieben. Nur ihr hinterer Rücken und die Hinterbeine lagen unter einer leichten Erdschicht. Ihr Körper hatte nicht so viel abbekommen, wie er zuerst befürchtete. Zumindest was den Sturz anbelangte, doch das Bild, welches sich ihm nun bot, war entsetzlich.

Das ganze Fell war blutverschmiert und verklebt, überall Schnitte und Kratzspuren anderer Raubtiere. Unter so viel Blut konnte er nichts Genaueres erkennen. Ob Organe beschädigt waren oder lebenswichtige Adern Schnitte aufwiesen.

Ihr Atem ging schwer, flach und rasselnd. Das Blut lief ihr überall hin und weg von ihr. Sie war ziemlich übel verprügelt und gejagt worden. Armes Ding. Er verspürte Mitgefühl mit ihr und ein Rachebedürfnis wuchs in ihm heran, wie er es noch nie kannte. Jemand würde dafür büßen, was mit ihr geschehen war und wenn es das letzte war, was er tat. Still und heimlich leistete er seinen Schwur die Verursacher zu finden und sie auszuschalten.

Jeden einzelnen von ihnen.

Einer nach dem anderen.

Ohne Ausnahme.

Hinter seinen blass graublauen Augen arbeitete es auf Hochtouren. Sein Racheplan musste warten und verschob ihn auf später. Erst mal musste er sie lebend hier wegbekommen, ohne sie umzubringen. Wenn sie bis jetzt überlebt hatte, wollte er nicht der Grund sein, dass sie bei einer vermasselten Rettungsaktion drauf ging. Seine medialen Sinne waren ausnahmsweise mal zu etwas nutze. Zügig durchsuchte er ihr Knochenskelett nach Verletzungen, die einen telekinetischen Transport unmöglich machten.

Gott sei Dank lag nichts dergleichen vor. Ihre Wirbelsäule und Nacken waren soweit stabil, dass sie Bewegung aushalten würden. Seine Erleichterung über diesen Umstand währte jedoch nur Sekundenbruchteile, seine Wut stieg proportional wieder an. Zahlreiche andere Knochen waren angebrochen, einige auch gebrochen. Fast gewaltsam riss er sich von ihr los und holte seine Sinne zu sich zurück. Sonst würde er hier auf der Stelle ausrasten und rumknurren. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Wie viel konnte ein Lebewesen denn noch aushalten?

Das war unmöglich, absolut indiskutabel, was ihr passiert war. Seine Augen wurden für eine Sekunde pechschwarz, bis er sich in den Griff bekam. Die Verursacher waren schon so gut wie tot. Sobald sie versorgt war, würde er die Suche aufnehmen. Das versprach er ihr heimlich. Hütete sich aber davor laut zu knurren. Fürsorglich und beschützerisch sah er nun auf sie hinunter. Verwandelte seine irrationale Wut in Energie, die er dringend brauchte, um ihr helfen zu können. Bis jetzt sah er nur ihre rüde demolierte Tiergestalt. Wieso war er innerlich überzeugt, dass sie auch als Mensch eine Schönheit sein musste. Er hatte noch nichts dergleichen gesehen. Wärme breitete sich in seinem Magen aus. Seine weiteren schwärmerischen, total schwachsinnigen Überlegungen wurden jäh unterbrochen. Seine Rudelgefährten kamen näher. Mit großer Geschwindigkeit, wie er feststellen konnte. Anscheinend war die Dame hier bekannt.

„Beast“, rief Hawke von unten herauf. Er hatte die Hände um seinen Mund geformt.

Bleibt unten. Der Boden ist sehr unsicher. Ich bring sie runter.“ Beast drehte sich nicht um und konzentrierte sich. Hinter sich vernahm er Gemurmel, als Hawke für seine Männer übersetzte, die ihre telepathische Verbindung nicht verstehen konnten.

Noch immer rief Beast unterschiedliche Reaktionen bei den Männern und Frauen hervor. Je nachdem wie viel die anderen Soldaten sahen und wussten. Mehr oder weniger ablehnend. Aber immer noch deutlich negativer als positiver. „Habt ihr Lara mitgebracht? Sie ist schwer zerlegt worden.“

Hawke antwortete augenblicklich. „Ja, sie steht neben mir.“ Seine Verbindung zu Beast war nur einseitig vorhanden. Hawke selbst besaß keine telepathischen Fähigkeiten, doch der Leitwolf konnte seine geistige Stärke bündeln und Beast antworten, wenn dieser telepathisch mit ihm reden wollte.

Mit den anderen war das genauso möglich, aber Beast weigerte sich, es zu tun. Ein weiterer Aspekt, warum er anders wahrgenommen wurde. Er war kein reiner Gestaltwandler, er war eine Kreatur, im Labor gezüchtet und zum Killer ausgebildet worden. Ein Monster, dass ausgebrochen und sich ein neues Leben, ein eigenbestimmtes Leben aufbauen wollte.

Frei sein. Einfach frei sein, ohne Kontrolle und Zwang zu töten, wenn es befohlen wurde.

Bei den SnowDancer Wölfen konnte er sich bewähren und leben.

Gut.

Beast hob sie vorsichtig an, befreite ihren Körper von der Erde, versuchte so viel Schmutz und Brösel wegzuwerfen und abzuschütteln, wie er konnte. „Verdammte Scheiße“, fluchte er innerlich. Erst als die Hinterbeine aus dem Schutt hervorragten, erkannte er es. Ihr linker Hinterlauf hing nur noch am Knochen, der selbst einen riesigen Riss aufwies.

Wie, zum Teufel, hatte sie damit kriechen, geschweige denn laufen können? Das muss unsägliche Schmerzen verursacht haben.

„Was ist?“ fragte Hawke schnell nach. Er hatte den Ausruf seines Bruders sehr wohl gehört, sah aber nicht was los war.

Das wirst du gleich sehen“, antwortete Beast ruhig. Er war zu erschrocken gewesen, um die Verbindung zu seinem Bruder für seinen Ausruf zu blockieren. Seiner Stimmlage war kaum noch anzuhören, wie sehr es ihn erschreckte, wie sie zusammengeschossen worden war. Es deutete nichts mehr auf einen emotionalen Ausbruch hin. Hätte Hawke es nicht gehört, hätte er es abgestritten diesen Ausbruch je gehabt zu haben.

Unbewusst regte sich Stolz in ihm über ihre Ausdauer und Hartnäckigkeit. Sie wollte nicht sterben und quälte sich durch den unwirtlichen Wald weiter. Bis sie leider abgestürzt war. Die Stelle, an der sie über den Rand gerutscht war, war bewachsen mit Sträuchern und unübersichtlich. In ihrem schmerzbetäubten Zustand wird sie das übersehen haben. Zum Glück war sie nun bewusstlos und bekam nichts mit. Auch verschonten sie die Schmerzen, die sie unweigerlich empfinden musste. Wenigstens ein Trost, wenn auch nur ein schwacher.

Langsam und äußerst vorsichtig hob Beast sie weiter an und ließ sie in einem hohen Bogen nach unten schweben. Er versuchte sie gerade zu halten und so wie sie gelegen hatte zu bewegen. Sein Blick folgte ihr. Es war leichter die Konzentration zu halten, wenn er sein Objekt im Auge behielt. Gespannt beobachteten die untenstehenden Wölfe das Schauspiel und musterten die bluttriefende Tigerin scharf. Wie tot hing sie im unsichtbaren Griff der Telekinese.

Hawke zog zischend die Luft ein und fuhr sich hart durch die Haare. „Ich glaubs ja nicht.“

Lara schlug die Hände vor den Mund. „Das darf nicht wahr sein. Oh mein Gott. Hawke, du hattest Recht. Ich wollte es zuerst nicht glauben, doch ich rieche es deutlich.“

„Kayla“, flüsterte Hawke ungläubig und fischte nach seinem Handy. Schnell drückte er die Kurzwahltaste und wartete auf das Signal. „Lucas. Hawke hier. Komm sofort zum Cheneia-Abhang. Bring Tamsyn mit. Wir haben eure Tigerin gefunden.“




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Wünsche schöne (bei uns weiße) Tage

lg Faible
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