Das Kartenspiel

von Earthling
GeschichteKrimi, Mystery / P16
Dr. John H. Watson Sherlock Holmes
20.11.2010
23.12.2013
12
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Seit ich nun an der dringend notwendigen Überarbeitung dieser Geschichte sitze, ist dies nun das fertige, neue alte Kapitel. Dank der freundlichen Hinweise von ThomasMorus1487 konnte ich auch ein paar unschöne Stellen ausbessern, die mir so wahrscheinlich kaum aufgefallen wären.



Ich weiß, dass diese Fanfiktion immer noch nicht perfekt ist, aber sie begleitet mich nun schon sehr lange und ich freue mich, sie nach und nach doch noch zu beenden.

Außerdem kann ich mit Freuden verkünden, dass Culpeo-Fox mir die offizielle Erlaubnis erteilt hat, ihre Figuren zu verwenden. Ich werde allerdings bei den von mir einmal eingeführten Namen bleiben.









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Die Beckenham Road lag recht abgelegen vom Trubel und dem Gedränge der City. Anstatt von Geschäftsgebäuden und Verkehrslärm fand man hier gepflegte Wohnhäuser, von denen einige schon in der Kolonialzeit Großbritanniens gebaut wurden, und vor denen winzige Gärten das Auge zum Verweilen auf in Form geschnittenen Buchsbaumhecken und Rhododendronbüschen einluden. Ließ man den Pub an der Kreuzung links hinter sich, so näherte man sich dem wahrscheinlich ältesten Haus der Straße, welches seine Nachbarhäuser um ein ganzes Stockwerk überragte. Das etwas wuchtige Backsteingebäude grenzte direkt an den Bürgersteig; lediglich eine Sandsteintreppe mit fünf Stufen verhinderte, dass ein Besucher direkt von der Straße hinein gelangen konnte.

Im Erdgeschoß dieses Hauses befand sich ein Geschäft, das anhand der Dekoration des Schaufensters und der mit altmodischen, aufgepinselten Lettern versehenen Tür eindeutig als Bücherantiquariat zu erkennen war.

Hinter dieser Tür konnte man eine junge Frau mit langen, sehr hellen Haaren sehen, die mit einem Klemmbrett in der Hand an den Regalen stand und die Einbände mit den Fingerspitzen entlangfuhr. Der Name dieser Frau war Rubia Reeves, sie war achtundzwanzig und arbeitete jetzt seit fast einem Jahr in Mr Anders kleinem Bücherantiquariat. Während der Arbeit hatte sie selten viel zu tun, denn die Kundschaft des älteren Herrn bestand größtenteils aus Sammlern, die mit ihm in der Regel eine freundschaftliche Beziehung pflegten und deren regelmäßige Besuche eher aus Freundschaftsgründen, denn aus Kaufinteresse geschahen.

So vergingen die Tage recht gemächlich, aber auch sehr abgeschottet vom hektischen Londoner Treiben außerhalb der Mauern des kleinen Hauses, welches noch aus der Kolonialzeit Großbritanniens stammte.  Rubia verbrachte ihre Zeit hauptsächlich damit, verschiedenste Bücher nach Erscheinungsjahren oder Autoren zu ordnen, neue Exemplare zu katalogisieren und einmal in der Woche das Schaufenster und die Tür zu putzen, die den Namen des Inhabers und die Art seines Geschäfts bezeichneten:



Albert Alan Anders, Bücherantiquariat



Das Antiquariat selbst war eingerichtet wie eine Mischung aus Bücherei und Wohnzimmer: Die deckenhohen Regale waren über und über vollgestopft mit Büchern aller Größen, Farben und Altersklassen. Es durften allein im Vorraum mindestens eintausend Stück sein, die auf die Hände eines Sammlers oder eines interessierten Lesers warteten, der sie vorsichtig aus dem Regal zog, um sich dann zuhause oder hier in einem der gemütlichen Ohrenbackensessel niederzulassen und in den alten Folianten zu blättern. 

Des Weiteren befanden sich im Verkaufsraum mehrere quasi antike Stehlampen, die besonders an kalten Winterabenden für eine ausgesprochen nostalgische Stimmung sorgten. 

Hinter einem Vorhang war die Tür zu Mr Anders Wohnzimmer verborgen. Er hatte eine solch beachtliche Liebe zu Büchern, dass er ihnen auch im Schlaf immer nahe sein musste. Selbst in seiner Wohnung war man überall von ihnen umgeben und in früheren Zeiten hätten die Leute ihn einen Büchernarren genannt. Heute bezeichneten ihn Rubias Bekannte als „verrückten Alten“ und sie selbst nannte ihn im Stillen manchmal „etwas sonderbar". Aber ihn verrückt zu nennen wäre ihr nicht im Traum eingefallen. Dafür bewunderte sie ihn viel zu sehr.

Er hatte ihr den Job angeboten, als sie ihr Literatur- und Kunstgeschichtsstudium im vorletzten Semester aus finanziellen Gründen fast hatte abbrechen müssen. Sie war damals eigentlich nur in seinen Laden gekommen, weil sie nach einer nicht modernisierten Ausgabe der Canterbury Tales gesucht hatte und beinahe so etwas wie Luftsprünge vor Freude gemacht hatte, als sie fündig wurde. 

Ihre Begeisterung mit Wohlwollen sehend, hatte er sich ein wenig mit ihr unterhalten, viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen festgestellt und nachdem sie von ihrer kleinen Notlage berichtet hatte, bot er ihr ohne lange Umschweife die Stelle an. 

„Ich bin alt, Miss Reeves. Da wäre eine Hilfe manchmal ziemlich nützlich, wenn meine Knochen, mein Gedächtnis oder meine Augen nicht mehr ganz so wollen wie ich selbst. Wenn Sie möchten, können Sie für mich arbeiten und die Wohnung im Obergeschoß beziehen. Ihr Gehalt wird zwar nicht gerade königlich sein, aber ich denke, Ihr Studium werden Sie damit zu Ende bringen können.“

Das war jetzt ziemlich genau elf Monate her. Sie hatte im Dezember angefangen; kurz vor Weihnachten. Jetzt hatte der November seinen stürmischen Einzug gehalten und sie war froh, dass sie fertig war und nicht mehr bis zur U-Bahnstation laufen musste, um pünktlich zu den Vorlesungen zu kommen. Sie konnte einfach hier bleiben, beim Schein der Lampen den angenehmen Duft von Leder, Druckerschwärze und Papier einatmen und Karteikärtchen mit Autor, Titel und Jahr der Ausgabe alphabetisch in kleine Schubladen einsortieren.



Mr Anders war gerade hinten in seinem Wohnzimmer, welches momentan mit lauter Kisten voller Bücher gefüllt war und eher an ein Lager denn an eine Heimstatt erinnerte. Der alte Herr suchte nach einem ganz besonderen Buch, einer Originalausgabe von Jane Austens Emma, welche er für die befreundete Tochter eines ebenfalls befreundeten Sammlers bestellt hatte und das als Hochzeitsgeschenk für die junge Frau bestimmt war. Katy Adams war als Kind oft mit ihrem Vater in das Antiquariat gekommen und hatte in den alten Büchern gestöbert. 

Mr Anders erinnerte sich noch, wie sie mit zwölf Jahren in einem Winkel hinter den Regalen versteckt gesessen hatte und mit glänzenden Augen und geröteten Wangen der Rettung von Miss Harriet Smith beigewohnt hatte. Sie hatte sich das Buch damals zum Geburtstag gewünscht, aber ein anderer Kunde kam ihr leider zuvor und seitdem weigerte sie sich standhaft, eine andere als eben jene fast zweihundert Jahre alte Ausgabe auch nur in die Hand zu nehmen. Jetzt, da ihr der wohl wichtigste Tag in ihrem Leben bevorstand, wollte Mr Anders endlich ihren Wunsch erfüllen.

Aber das Buch war nirgendwo zu finden. Es war nicht in der Kiste mit den Büchern der kürzlich verstorbenen Mrs Knightley, einer alten Schulfreundin, die all ihre Bücher ihm vermacht hatte. Und in den Kisten verschiedener Haushaltsauflösungen und Flohmärkte war es auch nicht.

Ein wenig verzweifelt kratzte Mr Anders sich am Kopf. 

Jetzt konnte ihm nur Rubia mit ihrem einwandfreien Ordnungssystem und ihrem guten Gedächtnis helfen. 

Er rückte sich die runde Brille gerade und rief sie zu sich.

„Rubia, würden Sie bitte mal kurz her kommen? Ich brauche Ihre Hilfe!“ 

Man konnte hören, wie sie einige Kisten auf dem schmalen Korridor zwischen den Regalen und dann den schweren roten Samtvorhang vor seiner Wohnungstür beiseiteschob.

Mit dem Klemmbrett in der Hand stakste sie über zwei der Kisten und blieb vor ihm stehen.

„Was ist denn los, Mr Anders?“

Der Mann nickte vor sich hin.

„Haben Sie zufälligerweise irgendwo Emma von 1815 gesehen? Sehen Sie, ich wollte das Exemplar Miss Adams zur Hochzeit schenken, sie hat es sich doch schon so lange gewünscht. Aber ich kann es nicht finden. Nicht einmal die gute Elinor hatte es in ihrer Sammlung. Dabei ist die Hochzeit doch schon in einer Woche!“ 

Rubia dachte kurz nach und schnippte dann einer Gewohnheit wegen mit dem Finger. 

„Aber natürlich! Wenn Sie die Emma mit dem bebilderten Pappeinband meinen, die habe ich vorne auf dem Regal zwischen Mansfield Park und Nothanger Abbey eingeordnet.“ 

Ihre Miene blieb dabei ganz sachlich und sie sah für Mr Anders einen Moment lang aus wie seine alte Literaturlehrerin in der Schule. Diese Dame hatte auch eine eigene, unbestechliche Logik gehabt und ihr war wohl das eigentliche Erblühen seiner Bücherleidenschaft zu verdanken gewesen.

Sich mit einem Kopfschütteln von seiner Erinnerung trennend, drückte er ihr kurz die Hand und ging das Buch holen. 

An der Tür stehend bat er sie darum, so bald wie möglich die Kisten auszuräumen und den Inhalt zu sortieren, dann widmete er sich wieder dem geplanten Geschenk.

Rubia kniete sich auf den Boden und begann, Mrs Elinor Knightleys Vermächtnis zu katalogisieren. Dabei nahm sie ein Buch nach dem anderen heraus, ordnete sie auf verschiedenen Stapeln nach Autor und Alter an und notierte alles. Sie brachte die Bücher in den Verkaufsraum und stellte sie auf einem Lesetischchen ab. In die Regale würde sie die Wälzer wohl erst in ein, zwei Tagen einordnen. Dann ging sie zurück und öffnete eine der Kisten vom Flohmarkt.

Diese waren jedes Mal wie kleine Wundertüten für Rubia: Sie wusste nie, welche Bücher Mr Anders da mitgebracht hatte oder in welchem Zustand sie waren. Manchmal fand sich in diesen Kisten auch ein kleiner Schatz. So hatten sie zum Beispiel schon mehrere Schallplatten oder sehr alte Photographien zwischen dem eigentlichen Kaufgut gefunden und die smaragdbesetzte Kette um Rubias Hals, sowie einige ihrer Ohrringe entstammten ebenfalls solchen Fundgruben.

Jene Kiste, an die Rubia heute geraten war, schien aber wirklich nur Bücher zu enthalten. Hauptsächlich kleine Heftchen mit Gedichten heute unbekannter Künstler, ein Lexikon der Adelsfamilien Großbritanniens, verschiedene zu Stapeln gebundene Zeitungen, die so stark vergilbt waren, dass sie aussahen als hätte man sie mit Kaffee oder Schwarztee gefärbt und ein schlichtes schwarzes Taschenbuch, welches seinem Besitzer wohl einst als Tagebuch oder Poesiealbum gedient hatte. Rubia legte die Zeitungen und die Gedichte auf einen Stapel und schaute noch mal in die Kiste, ob sie vielleicht etwas übersehen hatte.

Nein, da war nur noch ein großes Blatt Pergamentpapier, welches genau auf den Boden passte. Sie nahm das Blatt beiseite und griff erstaunt nach der flachen Holzkassette, die darunter zum Vorschein kam. 

Das Holz war ein wenig angelaufen und an den Ecken etwas abgestoßen. Außerdem waren auf der Rückseite zwei Brandflecken. Genau da, wo der Name des Besitzers gestanden hatte.

Rubia konnte nur noch die Initialen, L.H. entziffern. Neugierig öffnete sie die Kassette und staunte nicht schlecht, als ihr ein Satz stark vergilbter und teilweise fleckiger Karten in den Schoß fiel. Aber warum hatte jemand den Namen des Besitzers unkenntlich gemacht?
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