Ein Mädchen von edlem Geblüt

GeschichteDrama / P18
Janette Lacroix
07.11.2010
12.04.2013
31
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Ein Mädchen von edlem Geblüt




Die menschliche Vergangenheit von Janette, Nicks langjähriger Gefährtin, ist überaus traurig:

Ihr Vater, Marquis du Charmeaux, der sich nicht zu ihrer Mutter und ihr bekennen will, fädelt eine Ehe zwischen seiner Geliebten und einem seiner Vasallen ein. So wächst Janette als Tochter des Monsieur Gaston de Brullac auf. Und so lange ihr leiblicher Vater am Leben ist, geht das auch gut, denn er hält seine schützende Hand über sie. Doch nach dem Tod des Marquis beginnt der gesellschaftliche Abstieg Janette’s



Disclaimer: Alle Personen aus „Nick Knight“ gehören den Machern dieser Serie.

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Kapitel 1




Frankreich, Anno Domini 1088:



„Bastien! Ich verlange, dass diese Person auf der Stelle vom Schloss verschwindet!“

Marquise Adéle, eine große, hagere Frau mit spitz hervorstehenden Wangenknochen, einem ebensolchen Kinn und einer langen Nase, deutete mit vor Wut verzerrtem Gesicht auf ihre Zofe, die ihr zu Füßen kniete und das Gesicht in den Händen verbarg, den Kopf weinend zu Boden gesenkt. Adéle‘s Mann, Marquis du Charmeaux, blickte betreten auf die 18-jährige Odette, die unverkennbar guter Hoffnung war, und wünschte sich, zusammen mit dem jungen Ding vor seiner Furie von Gattin zu fliehen. Da das jedoch unmöglich war, ohne dass es sich nachteilig für ihn auswirkte, musste er sich nun mit den Konsequenzen seiner Handlungen auseinandersetzen.

„Ich bitte Euch, meine Liebe, wohin soll das Mädchen denn gehen?“ versuchte er mit sanfter Stimme seine aufgebrachte Frau zu beruhigen.

„Das ist mir gleich!“ brüllte Adéle. „Der Anblick ihres aufgeschwellten Körpers, der Eure Frucht trägt, ist mir zuwider! Ich will sie nicht mehr sehen, Bastien, schafft sie mir aus den Augen!“

Getroffen schaute der Marquis einen Moment zu Boden, dann wandte er sich der jungen Zofe zu und sagte leise, indem er eine Hand nach ihr ausstreckte: „Kommt, mein Kind. Es ist besser, wenn Ihr geht.“

Immer noch schluchzend erhob sich Odette langsam und ging auf den Marquis zu. Jenen Mann, der immer so freundlich zu ihr war. Vor ein paar Monaten hatte er sie eines Abends in ihrer Kammer besucht und ihr erzählt, wie einsam er sich fühle. Mit seiner Frau Adéle, einer Dame aus königlichem Geschlecht, verband ihn lediglich das Interesse, ihre beiden Familien miteinander zu verbinden, sowie die Liebe zu ihrem gemeinsamen Sohn Guisbert. Und dann hatte Marquis du Charmeaux ihr gestanden, wie sehr sie ihm gefalle… nun ja, sie fand ihren Herrn auch sehr hübsch. Sein schwarzes Haar, seine vollen Lippen und die wasserblauen Augen in dem sanften, ovalen Gesicht im Zusammenspiel mit seiner liebenswerten Art verzauberten sie derart, dass sie sich ihm immer wieder hingab. Sie genoss die Zärtlichkeiten, mit denen Bastien, so durfte sie ihn in den heimlichen Stunden ihres intimen Zusammenseins nennen, sie verwöhnte und hatte geglaubt, es würde immer so weitergehen. Doch dann merkte sie, dass sie ein Kind erwartete. Zwar versuchte sie, dies zu verbergen, aber Marquise Adéle bedachte sie bereits seit einiger Zeit mit misstrauischen Blicken. Heute endlich hatte Odette es nicht länger ausgehalten und ihrer Herrin gestanden, dass sie ein Kind unter ihrem Herzen trug. Wohlweislich verschwieg sie jedoch, wer der Vater des Ungeborenen war. Aber das schien die Marquise ohnehin nicht zu interessieren. Vielmehr begann Adéle, sie lautstark zu beschimpfen, hatte sie mit den Worten „falsche Schlange“ und „Hure“ bedacht und ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie von ihrem Verhältnis mit Bastien wisse. Durch das Geschrei seiner Frau angelockt, erschien Marquis de Charmeaux wenig später in deren Gemach. Aber das war Odette auch kein Trost, wusste sie doch, dass dieser sanfte Mann sich gegen seine hochmütige Frau nicht durchsetzen konnte. Deshalb war die junge Zofe beinah dankbar, als er mit ihr jetzt das Zimmer seiner Gattin verließ und in den großen Saal hinunterging.

„Meine kleine Odette, hab keine Angst“, flüsterte Bastien ihr zu und legte ihr väterlich einen Arm um die Schultern. „Wir finden schon eine Lösung für das Malheur.“

„Woher wusste Eure Gattin nur, dass ich Euer Kind in meinem Leib trage?“ schluchzte die junge Zofe leise.

„Dieses Schloss hier hat Augen und Ohren – und ein Maul, das zu viel plappert“, murrte der Marquis ärgerlich. „Mach dir keine Sorgen, kleine Odette. Meiner Frau Gemahlin ist unser Verhältnis gleichgültig. Sie fürchtet nur, dass dein Kind…“

Bastien hielt inne und sah einen Moment lang auf den Bauch seiner Geliebten, den er unwillkürlich behutsam streichelte. Sanft und leise fuhr er fort: „Sie sieht  unser  Kind als Bedrohung für den Erbanspruch ihres Sohnes, Liebste. Nur deshalb will sie, dass du vom Schloss verschwindest. Sie verlangt, dass niemand etwas davon erfährt, dass du mein Kind bekommst.“

„Dann… dann wusste sie schon länger davon?!“ entfuhr es Odette erschrocken und sie starrte ihren Geliebten ängstlich an.

„Ja, sie sprach mich vor einigen Tagen darauf an“, antwortete Bastien und nickte. „Und sie gab mir recht deutlich zu verstehen, dass ich dafür sorgen solle, dich möglichst weit aus ihrem Gesichtskreis zu entfernen. Ansonsten werde sie Maßnahmen ergreifen müssen…“

„Will sie mich am Ende gar umbringen lassen?“ fragte Odette von Furcht erfüllt und begann leicht zu zittern. Bastien zog sie an sich und streichelte sie behutsam.

„Nein, so weit würde Adéle nicht gehen“, flüsterte der Marquis beruhigend auf die junge Frau ein, die ihn fest umklammerte, dabei ihr Gesicht weinend an seiner Brust barg und immer noch zitterte. „Sobald du an einem anderen Ort bist, besteht keine Gefahr mehr für dich.“

„Aber wo soll ich denn hin, Herr? Meine Eltern sind tot und ich habe keine anderen Verwandten mehr!“

Von draußen kommend näherten sich eilige Schritte und die fröhliche Stimmes eines Knaben rief: „Vater! Wo bleibst du denn? Du hast versprochen, mir zu zeigen, wie man mit dem Schwert kämpft!“

Ehe Odette sich aus den Armen ihres Geliebten lösen konnte, stand der siebenjährige Guisbert vor ihnen und starrte sie zuerst überrascht und dann mit bösem Blick an.

„Was hast du mit Mutters Zofe zu schaffen?“ fragte der Junge ärgerlich und bohrte jetzt seine Augen in diejenigen seines Vaters. Bastien bemerkte zum ersten Mal, wie ähnlich sein Sohn Adéle war. Dasselbe spitze Kinn, die lange Nase und der kalte Blick, der nun hochmütig seinen Vater und dessen Geliebte musterte. „Die Dienstmagd sollte ihrer Pflicht nachkommen und du solltest dein Versprechen mir gegenüber halten!“

„Es tut mir leid, Guisbert, aber deine Mutter verlangt, dass die arme Odette das Schloss verlässt. Du siehst, mein Sohn, dass das Mädchen meiner Hilfe bedarf“, antwortete Bastien.

„Warum denn? Sie kann doch allein gehen!“ gab der Knabe mitleidlos zurück. „Und wenn sie Mutter verärgert hat, dann sollte sie keine Zeit verlieren, um zu verschwinden.“

„Schluss damit, Guisbert!“ fuhr Bastien den Siebenjährigen an. „Als Herr hat man gewisse Pflichten gegenüber Untergebenen! Dazu gehört auch, sich in einer Notlage um sie zu kümmern. Und das tue ich jetzt! Odette bedarf meiner Hilfe und die bekommt sie auch. Wir werden unseren Unterricht auf einen anderen Tag verschieben müssen, bis ich für Odette eine neue Bleibe gefunden habe.“

Der Knabe schob seine Unterlippe trotzig vor, während seine Augenbrauen sich noch mehr zusammenzogen und sein Gesicht rötlich anlief. Dann setzte er sich plötzlich in Bewegung und eilte, ohne seinen Vater oder Odette noch eines Blickes zu würdigen, die Treppe hinauf. Bastien sah ihm einen Moment hinterher und murmelte: „Hm, vermutlich glaubt er, seiner Mutter beistehen zu müssen.“

„Das könnt Ihr Eurem Sohn doch nicht vorwerfen“, gab Odette leise zurück. „Es spricht für ihn, wenn er seine Mutter beschützen will.“

„Vermutlich hast du recht“, meinte Bastien, doch im Inneren zweifelte er daran. Aber nun war nicht die Zeit, sich mit Guisbert auseinanderzusetzen. Vielmehr galt es, Odette in Sicherheit zu bringen. Und er wusste auch schon, bei wem…







Gaston de Brullac, von niedrigem Adel und Vasall des großen Landbesitzes, das sein Lehnsherr Bastien du Charmeaux ihm übertragen hatte, wunderte sich nicht wenig, als einer seiner Diener ihm meldete, dass die Kutsche des Marquis gerade in den Burghof eingefahren war. Sofort eilte er persönlich heraus, um seinen Lehnsherrn zu begrüßen.

„Herzlich willkommen!“ sagte Gaston und verneigte sich leicht. Dabei musterte er die kleine Schönheit mit dem dunkelblonden Haar und den sanften, haselnussbraunen Augen überaus neugierig. Das junge Mädchen, welches in einen weiten Mantel gehüllt war, gefiel ihm ausnehmend gut.

„Vielen Dank, mein lieber Brullac“, erwiderte der Marquis und lächelte, als er bemerkte, mit welch wohlgefälligen Blicken der Vasall seine Begleiterin bedachte. „Darf ich Euch mit Odette Deloirs bekannt machen? Sie stand bis vor kurzem in den Diensten meiner Gemahlin, bedarf jetzt jedoch einer neuen Bleibe. Vielleicht könntet Ihr uns dabei behilflich sein?“

„Sehr gern“, versprach Gaston, verneigte sich erneut vor Bastien und machte dann eine Geste mit der Hand, die die beiden Ankömmlinge einlud, in sein Haus zu kommen.

Brullac führte sie in den Speisesaal, setzte sich dann mit ihnen gemeinsam an den großen Tisch und befahl seinen Dienern, eine Mahlzeit für die Gäste und ihn aufzutragen. Danach wandte er sich in freundlichem Ton an Odette und fragte: „Ihr sucht also eine Unterkunft? Darf ich erfahren, warum Ihr nicht länger in den Diensten von Marquise du Charmeaux bleiben wollt?“

„Sie wünscht es nicht“, gab das Mädchen wahrheitsgemäß zu und lief rot an.

„Meine Gattin war ungerecht zu Odette“, fühlte Bastien sich jetzt verpflichtet zu erklären.

Gaston warf ihm einen verwunderten Blick zu, worauf Charmeaux seiner Begleiterin stumm aus ihrem Mantel half und somit klar zu erkennen war, in welchem Zustand sie sich befand.

„Oh, ich verstehe…“, murmelte Brullac. „Vermutlich lässt es sich mit den strengen Moralvorstellungen der Marquise nicht vereinbaren, weiterhin ein Mädchen in ihren Diensten zu behalten, das den Freuden der Liebe nicht abgeneigt war.“

Der Hausherr lächelte nun breit, als er fortfuhr: „Nun, meine liebe Odette, mir ist nichts Menschliches fremd und in meinem Hause ist genügend Platz für Euch und Euer Kind, wenn Ihr wollt.“

Das junge Mädchen, das seine Lider niedergeschlagen hielt, wagte kaum, Brullac anzusehen. Doch es flüsterte kaum hörbar: „Ich danke Euch, mein Herr.“

Gaston lächelte sie an, dann wandte er sich wieder an Charmeaux: „Das ist doch sicherlich in Eurem Sinne, Herr?“

„Ja, natürlich“, beeilte der Marquis sich zu sagen. „Aber ich möchte Euch nach dem Essen noch einmal unter vier Augen sprechen, Brullac. Die ganze Angelegenheit ist… nun ja… ziemlich delikat… Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen…“







15. August, Anno Domini 1088:



Die Kirche war berstend voll, als Gaston de Brullac die bürgerliche Odette Deloirs zur Frau nahm. Obwohl man ihren vollen Leib in dem weiten Brautkleid nicht erkennen konnte, wusste jedermann, dass das hübsche Mädchen ein Kind erwartete. Natürlich hatte Gaston das Gerücht zu verbreiten versucht, dass er für diese Schwangerschaft verantwortlich war und einige der Leute waren nur allzu bereit, das zu glauben. Andere hingegen äußerten hinter vorgehaltener Hand, dass der wahre Vater von Odette’s Kind niemand anderer als Marquis du Charmeaux war. Doch kein Mensch wagte es, dies laut auszusprechen. Zu groß war die Angst vor der hartherzigen Marquise Adéle, die nicht zögerte, auch den kleinsten Fehler ihrer Bediensteten mit Stockschlägen oder Peitschenhieben zu bestrafen. Und jeder bedauerte den armen Bastien Charmeaux, der unter der Knute seines Eheweibes stand.

Natürlich waren diese Gerüchte auch Gaston zu Ohren gekommen, doch er störte sich nicht daran. Vielmehr ließ ihn dies wie den Retter der armen Odette und wie einen hilfreichen Freund des Marquis du Charmeaux aussehen, was sein Ansehen unter der Bevölkerung erheblich steigerte. Eine unvermutete, erfreuliche Zugabe zu der großzügigen Geldspende und der zu erwartenden monatlichen Apanage, die ihm die Heirat mit der hübschen Odette sowie seine Zusicherung, den Bastard seines Lehnsherrn als sein eigenes Kind anzuerkennen, einbrachte. So lange Charmeaux für seinen Fehltritt bezahlte, sollte es ihm recht sein.

Voller Stolz betrachtete Gaston die hübsche, junge Odette, die in ihrer Naivität einfach entzückend war. Dieses reizende Wesen hätte er sogar ohne das Geld ihres Liebhabers zum Weib genommen. Sie war freundlich und fügsam und verstand es, einen großen Haushalt umsichtig zu führen. Eine bessere Gattin hätte er kaum bekommen können. Und wenn er Glück hatte, würde der Bastard des Marquis, den sie unter ihrem Herzen trug, das erste halbe Jahr nicht überleben...







Festung Brullac, 12. November Anno Domini 1088:



In den späten Abendstunden erfüllte das Geschrei eines Säuglings die Kemenate Odette de Brullac’s und wenig später teilte man Gaston mit, dass seine Frau einem kleinen Mädchen das Leben geschenkt hatte. Der Herr des Hauses verzog seine Lippen zu einem leicht verächtlichen Lächeln, als er das hörte, und dachte abschätzig: „Nicht einmal einen zweiten Sohn hast du zustande gebracht, Charmeaux!“

Andererseits fühlte er sich etwas erleichtert, denn der Umstand, dass Odette nur ein Mädchen geboren hatte, würde Adéle du Charmeaux überaus beruhigen, so dass von ihrer Seite keine Gefahr mehr ausging. Töchter besaßen keine Erbansprüche und waren einem Vater auch nie so wichtig wie ein Sohn. Man konnte also mit Gewissheit davon ausgehen, dass der Marquis sich nicht weiter um Odette und seinen Bastard kümmern würde.

Doch in diesem Punkt sollte sich Gaston de Brullac irren.

Bereits einen Tag nach der Geburt seines illegitimen Kindes stattete Marquis du Charmeaux seinem Vasallen einen Besuch ab und erkundigte sich, wie es Odette und ihrer Tochter ginge.

„Beide sind außer Lebensgefahr“, antwortete Gaston wahrheitsgemäß. „Ihr müsst Euch keine Sorgen machen.“

„Ich würde meine Tochter gerne sehen“, bat Bastien den Hausherrn. Dieser verneigte sich leicht und führte ihn dann in das Gemach seiner Frau. Odette lächelte ihren Geliebten freudig an und reichte ihm beide Hände, die dieser rasch ergriff und an seine Lippen drückte.

„Meine kleine Odette“, murmelte Bastien gerührt und setzte sich auf den Rand ihres Bettes. „Als ich hörte, dass  unser  Kind auf der Welt ist, drängte es mich, so schnell es mir möglich war, zu dir zu eilen.“

„Es ist leider nur ein Mädchen“, erwiderte die junge Frau leise und wies dann auf die neben ihrem Bett stehende Wiege, in der das Neugeborene friedlich schlummerte. Bastien besah sich den Säugling genau, streckte seine Hand nach ihm aus und streichelte sanft mit seinem Zeigefinger über die zu Fäustchen geballten Hände. Dann wandte er sich wieder Odette zu.

„Unsere Tochter ist wunderschön“, meinte der Marquis. „Wie heißt sie?“

„Die Wahl des Namens Eurer Tochter überlasse ich gern Euch“, mischte sich nun Gaston ein, dem das zärtliche Gehabe seines Lehnsherrn um das neugeborene Mädchen höchst zuwider war. Da Brullac glaubte, das Kind würde ohnehin nicht lange leben, hatte er sich keinerlei Gedanken um einen Namen für den kleinen Bastard gemacht. Und ihm war unverständlich, weshalb Charmeaux so ein Aufhebens darum machte.

Der Marquis, der nicht ahnte, wie desinteressiert sein Vasall an seiner Tochter war, nickte gerührt, während er die Kleine liebevoll betrachtete. Dann wandte Bastien sich wieder an die Mutter des Kindes: „Nun, Odette, welchen Namen soll sie erhalten?“

„Ich weiß es nicht!“ sagte die junge Frau und schüttelte leicht den Kopf. „Gaston hat recht: Gebt Ihr Eurer Tochter einen schönen Namen.“

„Na schön, wenn du darauf bestehst, Liebste“, murmelte Bastien und sah wieder seine kleine Tochter an, welche sich nun leicht bewegte. Erneut strich er mit seinem Zeigefinger über die Händchen und erlebte, wie das neugeborene Kind unvermittelt mit den winzigen Fingern seinen Zeigefinger umschlang. Dabei begann es leicht zu weinen.

„Nicht doch, meine süße Kleine“, wisperte Bastien dem Säugling zu. „Sei nicht traurig, du bekommst einen Namen. Wie würde es dir gefallen, wenn wir dich Janette Francoise nennen?“

Das Kind weinte lauter.

„Offensichtlich gefällt es ihr nicht“, stellte Bastien fest und schüttelte betrübt den Kopf.

„Sie versteht es noch nicht, Herr“, meinte Odette lächelnd. „Die Kleine weint, weil sie Hunger hat, und nicht, weil ihr die Namen nicht gefallen.“

„Bist du denn damit einverstanden, wenn wir unsere Tochter auf diese beiden Namen taufen lassen?“ fragte der Marquis sie.

„Aber ja, es klingt schön: Janette Francoise de Brullac“, antwortete die Wöchnerin lächelnd. „Und nun, mein lieber Herr, seid so gut und geht. Ich möchte mich ausruhen.“

„Willst du unsere Tochter denn nicht stillen, Odette?“

„Ihre Bediensteten werden gleich da sein und ihr helfen“, meinte daraufhin Gaston. „Wir sollten jetzt wirklich besser gehen.“

Nur schweren Herzens fügte sich der Marquis, strich noch einmal seiner neugeborenen Tochter und seiner hübschen Geliebten zärtlich über die Wange, erhob sich dann und folgte Gaston aus der Kemenate Odette’s.  Es beruhigte ihn etwas, als er sah, dass bereits zwei Mägde draußen warteten und nun rasch hineingingen, um Madame de Brullac beizustehen. Kurz darauf verstummte das Geschrei des Säuglings.

„Seht Ihr“, meinte Gaston daraufhin. „Für Euer Kind und Eure Geliebte wird bestens gesorgt. Außerdem habe ich Odette sehr gern. Ich hoffe, Ihr nehmt mir das nicht übel?“

„Keineswegs, Brullac“, versicherte Bastien ihm schnell. „Im Gegenteil: Ich bin Euch zu großem Dank verpflichtet, dass Ihr Odette zur Frau nahmt, um ihr die Schande zu ersparen, ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen. Und wie ich sehe, wird meine Tochter auch gut umsorgt. Dafür danke ich Euch, Gaston. Bitte, kümmert Euch um Janette, als wäre sie Euer eigenes Fleisch und Blut, und lasst Ihr eine gute Erziehung angedeihen, so wie wir es vereinbart hatten.“

„Aber natürlich, Herr“, versprach Gaston. „Allerdings mache ich mir schon Gedanken darum, wie Eure Gemahlin es auffassen wird, dass Ihr mir eine monatliche Apanage zukommen lasst.“

„Sie ist damit einverstanden, sofern kein Mensch davon erfährt, dass Janette meine Tochter ist“, erklärte Bastien seinem Vasallen im Flüsterton. „Deshalb habe ich beschlossen, der Pate für die Kleine zu sein. Auf diese Weise wird niemand sich darüber wundern, dass Euch für Janette regelmäßig eine Geldsumme zukommen lasse.“

„Eine gute Idee“, stimmte Gaston ihm zu und nickte.

„Und nun, mein lieber Brullac, werde ich Euch ein Geheimnis verraten, das Ihr unter keinen Umständen jemandem verraten dürft, wenn Ihr Euch nicht selbst schaden wollt“, begann der Marquis mit leiser Stimme. Gaston neigte sich etwas zu seinem Lehnsherrn heran, so dass dieser ihm bequem ins Ohr flüstern konnte: „Da Janette mein Fleisch und Blut ist, wird ihr nach meinem Tod ein großzügiges Erbe zufallen. Dafür habe ich schon gesorgt, ohne dass meine Frau etwas davon weiß. Deshalb bitte ich Euch, meine Tochter zu einer jungen Dame zu erziehen, denn ich gedenke, Janette mit einem Edelmann zu verheiraten, sobald sie das richtige Alter dazu hat. Die Kleine soll nicht darunter leiden, dass ich mich nicht zu ihrer Mutter bekennen kann.“

Gaston, den die Aussicht, eines Tages Vater einer reichen Erbin zu sein, das Herz höher schlagen ließ, grinste breit.

„Das kleine Mädchen kann sich überaus glücklich schätzen, die Tochter eines so großzügigen Mannes wie Euch zu sein, Herr. Ich verspreche Euch, ich werde Janette wie meinen Augapfel hüten und mich in jeder Hinsicht wie ein Vater um das Mädchen kümmern.“







Zusammen mit seiner Mutter saß Giusbert am Esstisch und starrte böse vor sich hin.

„Was ist, mein Sohn?“ fragte Adéle. „Hast du keinen Hunger?“

„Doch, aber ich warte auf Vater“, erwiderte der Siebenjährige und sah nun seine Mutter an, die er über alles liebte. „Weißt du denn nicht, wohin er gefahren ist?“

„Nun, er teilte mir mit, dass er Monsieur de Brullac besucht, um ihm zur Geburt seiner Tochter zu gratulieren“, erklärte die Marquise gelangweilt. „Wahrscheinlich nimmt er dort eine Mahlzeit mit seinem Vasallen ein. Wir brauchen nicht auf ihn zu warten. Iss ruhig, Guisbert.“

„Ist es denn wirklich notwendig, dass Vater so oft zu diesem Monsieur de Brullac fährt?“ ließ der Knabe nicht locker und musterte seine Mutter erwartungsvoll.

„Monsieur de Brullac ist sein Freund“, antwortete Adéle mit kühlem Lächeln. „Er hat deinem Vater einen großen Gefallen erwiesen… und uns auch, wenn ich es recht bedenke.“

„Welchen Gefallen denn, Mutter?“

„Der gute Gaston de Brullac ersparte uns eine Menge Unannehmlichkeiten, indem er Odette zu seiner Frau machte. Zugleich sorgte er so dafür, dass deine Interessen gewahrt bleiben, mein Sohn.“

„Dann ist er also auch mein Freund?“ wollte Guisbert wissen.

„Oh ja, das will ich meinen.“

„Sollten wir ihm dann nicht auch ein Geschenk für seine Tochter machen, Mutter?“

„Ich bin überzeugt, dass sich dein Vater gerade darum kümmert. Du schuldest dem Kind von Odette de Brullac nicht das Geringste, mein Sohn.“

„Du bist ziemlich böse auf Odette, nicht wahr?“ bohrte der Junge neugierig weiter.

„Das ist wahr“, gab Adéle missmutig zu. „Sie hat mir etwas gestohlen.“

„Sie ist eine Diebin?“ entfuhr es Guisbert überrascht. „Aber warum bestehst du dann nicht darauf, dass sie bestraft wird?“

„Sie hat ihre Strafe bereits erhalten“, behauptete die Marquise in festem Ton. „Dein Vater brachte sie aus dem Schloss, das ist Strafe genug für Odette.“

„Nein, das finde ich nicht“, widersprach der Knabe heftig. „Monsieur de Brullac nahm sie zur Ehefrau. Hätte man ihm nicht vorher sagen können, dass sie eine Diebin ist?“

„Nun, mein Kind, Odette hat ihren Fehler eingesehen und Gaston de Brullac, dem sie es eingestand, hat ihr verziehen. Um seinetwillen sollten wir den Fehler meiner einstigen Zofe vergessen, da sie sich bisher nichts mehr hat zuschulden kommen lassen“, meinte Adéle in ernstem Ton. „Allerdings sollten wir den Kontakt zu den Brullac’s  soweit wie möglich meiden, wenngleich es mir um Gaston’s Willen leid tut. Er ist ein Ehrenmann und wir werden ihn auch so behandeln, hörst du, Guisbert?“

„Natürlich, Mutter. Da er unser Freund ist, wird er mir stets willkommen sein.“