Animus

von Noxia
GeschichteDrama / P16
03.11.2010
23.04.2011
3
5426
 
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Sie beobachtete ihre eigene Form im Spiegel. Die blonden Locken waren nach oben gesteckt. Einige Strähnen hatten sich jedoch den Weg nach unten frei gekämpft und streiften zart ihren freien Rücken. Das Kleid war ein einziger Rausch an einem gediegenen Türkis. Das Mieder, was sich eng um ihren Körper spannte, war mit Gold versetzt. Zarte keltische Muster, die am Rand entlang fuhren und in der Mitte sich nach oben drehten. Die Ärmel waren oben eng geschnitten, fielen dann aber weit bis auf den Boden. Am Rand die gleiche Verzierung. So wie am Rand des Rockes. Hinter ihr lag eine kleine Schleppe. Dort waren sie noch mehr ausgeprägt und wagten sich in runden floralen Mustern zu treffen.

Immer wieder drehte sie sich, es war das erste Mal, dass sie so ein Kleid trug. Normaler Weise würde sie so etwas nicht tragen. Aber der Anlass war zu festlich, um dass sie in simplen Mieder und Hosen dort die anderen zu Rederein anregte. Es war für sie schon längst zu einem Spiel geworden. Jegliche kindlichen Züge waren nur noch in einem leichten Hauch in ihrem Gesicht zu erkennen. Längst konnte man an ihren Wangen die hohen Knochen erkennen. Die blonden Augenbrauen waren schmal geschwungen. Man hätte meinen können sie sehe aus wie ihre Tante, würde in ihren Adern das gleiche Blut fließen. Doch jene war schon etwas von der Zeit mitgenommen. Aber niemand übersteht 8 Geburten mit einem Grinsen und einer schmalen Hüfte. Genau auf jene legte die junge Frau nun ihre Hände. Sie fuhr über sie, um das Kleid zu glätten. Es war so aufregend, sie hätte niemals gedacht, dass sich so benehmen würde. Früher träumte sie davon mit Piraten davon zu segeln. Mit ihrer Mutter auf Abenteuerreise zu gehen und alles zu besiegen, was sich ihnen in den Weg stellte. Aber ihre Mutter war nie zurückgekehrt. Ein wenig brannte der Gedanke in ihren Augen. Die himmelblauen Augen glänzten silbern. Aber sie wiegelte es ab. Heute würde sie sich nicht damit verschwenden. Damals war lange her.

Sie wusste noch ganz genau, wie sich alle in Trauer wanden, als ihre Mutter nicht zurückkam. Sie ritt aus, wie immer, um anderen zu helfen. Die junge Frau ballte die Fäuste. Wer sie hier geblieben und hätte sich um ihre Tochter gekümmert, hätte die nicht ohne Mutter aufwachsen müssen. Natürlich hatte sie ihre Tanten, aber sie waren nur blasse Kopien. Keine von ihnen den Verstand oder den Mut. Die eine gebar als würde es die Welt retten. Und die andere versank zunehmend in Büchern. Nachdem sie sich das Lesen angelernt hatte.
Alles hatte sich verloren. Ihr Vater hatte sich weggesperrt. Er hatte sie verlassen, ohne dass er es jemals wusste. Sie war alleine, manchmal kamen ihre Neffen und Nichten, sie spielten mit ihr. Stellten Fragen und ließen sich von ihr heimlich Lesen und Kämpfen lehren. Zumindest wenn sie Lust dazu hatte. Denn meistens wollte sie sich selbst in etwas verkriechen.

Eigentlich wollte sie das Kämpfen aus erster Hand lernen. Im fünfzehnten Lebensjahr suchte sie die weiße Hexe auf. Aber keine Spur. Sie traf einer der Laubelfen, der ihr sagte, dass die weiße Hexe zurück in ihre Welt gegangen sei. Sie war nicht von hier und das Böse, was wie ein schlechter Gedanke in den Köpfen der Menschen lag, hätte sie beinah um den Verstand gebracht. Sie hatte genickt, tapfer, auch wenn in ihr eine Welt zerbrochen war. Wieder einmal. Die vollen Lippen, die die Farbe einer frischen hellen Frühlingsrose trugen, öffneten sich leicht. Sie ließen ein Seufzen entweichen. Die junge Frau musste daran denken, wie sie alles versucht hatte um ihre Mutter wiederzubekommen. Jeden Zauberer, jede Hexe, hatte sie zu aufgesucht. Ohne das Wissen ihrer Familie. Aber sie hätte alles getan, sich selbst mit der Hölle verschworen. Aber nichts hatte eine Antwort. Auch als sie sich mit Siebzehn Jahren flehend an die Füße ihres geliebten Tarabas warf. Nicht mal er vermochte es. Vielleicht wollte er es auch nicht. Im Nachhinein.. sein größtes Laster war in den Nebeln einer anderen Welt verschwunden. Sie war fort, ohne einen Schatten. Er genoss es vielleicht. Die Freiheit.
Sie erinnerte sich, wie sie schrie. Wie sie heulte und schluchzte. Wie sie sich auf den Boden vor ihn warf, in Mieder und Stiefeln. Nicht einmal gekleidet wie eine Frau. Der Staub flog um sie herum. Legte sich auf ihre Tränen verschmierten Wangen.

Sie atmete zu schnell, ihr wurde schwindelig. Als sie aufschaute, blickte sie in den anteilnehmenden Blick des Zauberers. Er kniete sich zu ihr nieder und legte seine Hände zart auf ihre Oberarme. Ihre blauen Augen verfolgten die seinen. Immer wenn sie ihn sah, war es als würde ein Sturm in ihnen wüten. Wissend schaute er ihr entgegen. Er wollte sie nicht verletzen, aber er musste es sagen. Sie war kein Kind mehr, das ihrer verlorenen Mutter nachlaufen sollte. Sie war erwachsen. Aus dem verzogenen Kind war eine verzweifelte Frau geworden. Ihr Blick bohrte sich in seine Augen. Wenn sie es gekonnt hätte, hätte sie ihn verflucht. Sie hätte ihn in den tiefsten Schlund des Meeres herab geworfen. Er raubte ihr den Traum, der das einzige war, was ihr geblieben war.

Er spürte wie ihrer Körper unter seiner Berührung bebte. Er redete weiter, in der Hoffnung, dass sie sich diesmal beruhigen würde. Sie hatte doch auch noch einen Vater, der sie ebenso brauchte. Das blau in ihren Augen erfror fast zu Eis. Und wie Gift sprang es ihr von der Zunge. Leise raunte sie den Zauberer an, dass der König tot sei.
Erschrocken von ihren Worten kniff er die Augen zusammen. Am Ende, war er genauso davon gelaufen. Er hatte alles verlassen und hatte sich selbst verbannt. Und jetzt sah er die Früchte. Das einst so strahlende junge Mädchen lag zerbrochen vor ihm. Er hörte wie sie etwas vor sich hin fauchte. Höhnisch spielte sie mit seinen Worten. Erwachsen, sagtest du?
Er antwortete abwesend mit einem fast nicht hörbaren ja.

Und das war der Moment, in dem etwas passierte. Die junge Frau vor ihm zerschlug wie eine Glasscheibe, ihrer beider Existenzen. Sie war nach vorne geprescht. Wild schnaufend hatte sie die Distanz zwischen den beiden überwunden. Ihr Körper war an seinen gedrückt. Und ihre vollen Lippen hatte sie brennend auf seinen Mund gepresst. Es loderte wie eine endlose Flamme auf, wie ein heißer Wüstenwind war die Luft entzündet worden.
Er drückte sie von sich weg. Kein Wort wurde gesprochen, als er sich erhob und sie auf den Boden liegen ließ. Sie warf sich in den Staub und weinte um alles was je passiert war. Um ihre Einsamkeit und um dieses brennende Gefühl in ihr, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Es war ihr schon vorher bewusst geworden, aber jetzt stach es ihr förmlich in den Magen. Irgendwann, als er vor zwei Jahren wiederkam, hatte sie sich in ihn vernarrt. Er war der einzige Mann in ihrem Leben, der ihr geblieben war und als sie begann erwachsen zu werden, war er etwas anderes geworden.
Die junge Frau schrie, bis sie das Bewusstsein verlor.

Jetzt stand sie vor de Spiegel. Zum ersten Mal fühlte sie sich schön. Ihre Tanten sagten es so oft. Und auch ihre Onkel. Aber es war etwas anderes, wenn man die Erkenntnis vor sich sah. Sie lächelte etwas. Der Moment war zu faszinierend um ihn vorbei laufen zu lassen, für ein paar schmerzende Erinnerungen. Sie brauchte auch keine Liebe, alles was sie brauchte war sie selbst. Und ihren Willen. Es hatte bereits angefangen sich wie Eis anzufühlen. Warum es nicht umarmen, als wäre es ein alter Freund. Ihr Leben war einfacher, wenn sie diese Gefühle verbannt. Es war niemand da, der ihr sagte, dass es falsch war. Sie hatten alle nur wissen genickt, als sie völlig zerstört wieder kam und sich Tage in ihrem Zimmer einschloss. Wer es war, wussten sie nicht. Aber es genügte, dass es jemand war. Sie verbannte all das. Sie verbannte es in diesem Moment. Sie ließ das Eis zu, die Kälte, die sich um sie gelegt hatte, wie ein sich zu ziehender Schal. Jetzt überfuhr ihren Mund ein hämisches Grinsen. Leben war ein Eisklumpen, der sich in das Fleisch schnitt, wenn man nicht aufpasste. Sie schwor sich, nie wieder etwas zu fühlen. Nie wieder einen Mann auch nur in ihre Nähe zu lassen. Es war vorbei und sie wollte sich nur die Ruhe gönnen. Aber sie konnte nicht aufhören zu fühlen. Etwas war tief in ihr. Etwas was an ihr nagte. Eine unausgesprochene Wut. Tiefe Verzweiflung daran, dass sie allein gelassen wurde, nachdem ihr der Himmel versprochen war. Sie wusste wer die Schuld trug. Wer sie zurück gelassen hatte, als wäre sie nichts wert. Und sie wusste, dass sie etwas fühlte wofür jeder sie verdammen würde. Der pure Gedanke hätte Entsetzen in den Augen der anderen geweckt.
Denn tief in ihr, tief in ihr, hasste Smeralda Fantaghiro für das, was sie getan hatte.
Review schreiben
 
'