Scandalous.

von Ava
GeschichteDrama / P16
03.11.2010
28.04.2012
15
190468
3
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
+

S C A N D A L O U S !

+

Chapter One.
I want to reconcile the violence in your heart.

+

gossipgirl.net


themen | ◄ zurück | weiter ► | eure fragen | antworten


Erklärung: Sämtliche Namen und Bezeichnungen von Personen, Orten und Veranstaltungen wurden geändert bzw. abgekürzt, um Unschuldige zu schützen. Mit anderen Worten: mich.


Ihr Lieben!

Es ist so weit, der August neigt sich bereits wieder seinem Ende zu, und für uns, die wir noch im schulpflichtigen Alter sind oder das wilde Studentenleben in vollen Zügen auskosten, gilt somit: Bye, bye ihr heissen Partys und Martinis im Embrace Beach Club, und willkommen zurück tristes UK Wetter und heimlich gekürzte Schulröcke! Ihr kennt das Prozedere, am 1. September wird Hogwarts nach der wohl verdienten und zu kurzen Sommerpause wieder seine Tore öffnen, wo stocksteife Lehrer uns bereits mit gewohnter bitchy-bossy Miene und Peitsche erwarten und sich einbilden, uns etwas zu sagen zu haben – als ob! Aber hey, gönnen wir ihnen ihre Illusionen. Erstens wissen sie insgeheim selber, dass sie uns nichts zu sagen haben, zweitens muss es wirklich unglaublich deprimierend sein, uns – unser umwerfendes Aussehen, unser Geld, unsere glorreiche Zukunft – tagtäglich um sich zu haben, wo sie selber es doch nur zu unbedeutenden Lehrer und Professoren gebracht haben. Lasst uns für diese traurigen Gestalten unser bisschen Mitgefühl zusammenkratzen – bevor sie ab Mittwoch wieder als unser Fussvolk herhalten. Wo wir gerade bei den Lehrer sind…


einst des Massenmordes beschuldigt, heute in Vorbildfunktion

Mädels, ihr werdet nicht glauben, was mir zu Ohren gekommen ist! Ihr erinnert euch sicher noch an das Schuljahr 07/08, als der gefürchtete SB aus Askaban ausbrach und das ganze magische UK vor Furcht zitterte, wir beim Essen aber über dem Tagespropheten grübelten und verliebt seufzten? Gekonnt haben wir das offizielle Sträflingsfoto ignoriert und stattdessen das daneben betrachtet, auf dem SB uns rasiert und gewaschen sexy entgegengrinste, und uns dabei ausgemalt, er würde uns aus unseren Betten entführen. Dass er angeblich einen Haufen Menschen in Stücke gerissen hat und als extrem gefährlich galt, machte ihn für uns nur umso interessanter. Niemand von uns kann leugnen, unzüchtige Träume mit ihm in der Hauptrolle gehabt zu haben, und – Überraschung! – jetzt könnten diese für einige von uns tatsächlich in Erfüllung gehen! Aus verlässlicher Quelle weiss ich, dass SB unser diesjähriger Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste ist, der Vater einer gewissen uns allen bestens bekannten GPF hat dafür gesorgt. Moment, soll das etwa bedeuten, GPF beansprucht SB – Verzeihung, ich meine natürlich Prof. SB – für sich?!  Das werden wir ja noch sehen!


gesichtet

EJM in einem dunkelviolettem Vera Wang an der Seite eines gutaussehenden Unbekannten aus dem VIP Eingang des Split kommend, beide verdächtig vertraut miteinander wirkend. Heisst das, CD ist endlich wieder zu haben? SEC wie üblich mit Ratte auf der Schulter in der Winkelgasse, wo sie sich haufenweise Kräuter & Co. besorgte – natürlich alles für ihr Zaubertränkestudium, aber sicher doch. CC und DP beide mit Regenwettermiene beim Familienessen im Nobelrestaurant Hilly, wo die Verlobung von CCs Vater und DPs Mutter gefeiert wurde. Ob die beiden als Stiefgeschwister endlich mal lieb und nett zueinander sind? OW weit, weit weg vom riesigen Familienanwesen in einem schäbigen Hotel. CAM bei der Maniküre darum bemüht, GPF und DG in ihrer hitzigen ›Gryffindor vs. Slytherin‹ Diskussion zu unterbrechen. Tja, auch unter Freundinnen gibt es zuweilen Zoff.


Nur noch eine Sache, bevor ich mich im Spa zur Entspannung durchkneten lasse. Vielleicht habt ihr euch ja einen Drink zu viel gegönnt oder eine rauschende Party zu viel gefeiert (okay, ein ›Zu viel‹ kennt Unsereins ohnehin nicht), deshalb erinnern wir uns an dieser Stelle sicherheitshalber an die grundliegenden Regeln innerhalb der Mauern Hogwarts’:

1) Der Hogwarts Express ist ein grosses, fettes TABU! Ernsthaft, Leute, wenn ihr euch ins gesellschaftliche Aus befördern wollt, gibt es weit einfachere Wege, als sich in diese schmierige Lok voller Bakterien und Keime zu setzen. Wer auch nur das kleinste bisschen was von sich hält, lässt sich, sein Gepäck, und wenn es unbedingt sein muss auch seine Eltern, in einem stilvollen Wagen chauffieren. Um ganz sicher zu gehen

2) meidet besser auch gleich alle, die Regel 1 ignorieren und trotzdem öffentliche Verkehrsmittel benutzen – sprich: jeden, der nicht zur Elite gehört. Was man euren Freunden Schlechtes nachsagt, kann nur zu leicht auch auf euch abfärben. Um euch stets auf dem Laufenden zu halten, empfehle ich den Blog eines gewissen Gossip Girl, zwinker.

3) Macht einen grossen Bogen um die Rückseite des Hexenwohnheims 3. Wenn ihr euch dort auch nur einmal blicken lasst, wird man euch als versifften Junkie verschreien und euer Ruf ist erst mal gründlich ruiniert.

4) Ich will ja keine Namen nennen – VN, hust, räusper – aber schlanke, makellose Beine in Billigstrumpfhosen aus einer Kaufhauskette zu zwängen, ist indiskutabel. Nur weil wir Schüler während der Unterrichtszeiten einer Schuluniformpflicht unterlegen sind, bedeutet das noch lange nicht, wir dürfen nachlässig mit unserem Aussehen umgehen. Denkt daran, jedes Detail zählt und wird gesehen.

5) Egal was ihr tut, sagt, anzieht und mit in euer Bett nehmt – wirklich jeder wird davon wissen. Ihr seid die exklusive Crème de la Crème des Vereinigten Königreiches, also lebt gefälligst auch entsprechend. Beweist Stil, setzt Trends, seid stets besser als gut, und sorgt dafür, dass auch der letzte Trottel euren Namen nicht wieder vergessen wird.


Wir sehen uns dann nächsten Mittwoch, Küsschen!

Gossip Girl

+

grüner Nagellack ist in, Prinzesschen

Elle tupfte sich mit der Fingerspitze den neuen Lipgloss im angesagten Beerenton mit Rosastich auf den Lippen nach und lächelte dabei keck die Reflektion ihres Gesichts im vergoldeten Taschenspiegel an. Himmel, sie sah heute wieder fantastisch aus! Nicht, dass Elle nach ihrem siebten Lebensjahr jemals nicht fantastisch ausgesehen hätte (einzige Ausnahme war der Sommerurlaub 07 mit Gwen in Kuba, als sie sich Salmonellen eingefangen und daraufhin für Tage nicht mehr das Badezimmer verlassen hatte). Für den ersten Tag zurück in Hogwarts hatte sie sich von ihrem Lieblingsfriseur in London – Paul, natürlich stockschwul aber so süss – die tiefdunkelroten Haare in weiche, regelmässige Wellen legen lassen und trug dazu das seitlich im Nacken verknotete Seidenband, das exakt die selbe Farbe wie ihr Nagellack besass. 505 von Chanel – très exklusiv und très ausverkauft. Selbstverständlich nicht für Eleonore Jocelyn Mayfair. Was man brauchte, um wirklich der Elite anzugehören, waren nun mal die richtigen Kontakte; und was das anging, konnte Elle nicht klagen.

»Wir fahren gleich in Hogwarts ein, Miss Mayfair.« Toby, ihr Fahrer, suchte im Rückspiegel kurz ihren Blick und nickte ihr respektvoll zu. Ein ausserordentlich wohl erzogener, loyaler Mann; bei Toby brauchte sich Elle nie zu sorgen, auch nach einer durchfeierten Nacht mit zu vielen Cosmopolitans sicher, wohlbehütet und vor allem vollständig bekleidet nach Hause zu kommen.

»Ich werde Sie wirklich vermissen, Toby», säuselte Elle. Sie verstaute Lipgloss und Spiegel in ihrer Christian Dior Handtasche  und strich den Saum ihres Kleides glatt. »Sie achten doch immer darauf, dass Ihr Handy Empfang hat und ich Sie erreichen kann? So ein bisschen Unterricht wird mich nicht davon abhalten, ab und an trotzdem die Welt ausserhalb der Schulmauern erkunden zu wollen. Sie kennen mich ja, Toby.«

»Immer ein Vergnügen«, versicherte er ihr ernst. Gutes Personal war ein Muss. Und so schwer zu finden! Elle schätzte sich wirklich glücklich, hatte sie Toby – schliesslich war sie eine wohlerzogene junge Frau, die durchaus dankbar war für dieses privilegierte, perfekte Leben.

Toby steuerte die Limousine in Richtung der Einfahrt Hogwarts’ und die hohen, eisernen Tore öffneten sich durch den Zauber, der auf ihnen lag, automatisch. Auf den Parkplätzen links vom Schloss standen bereits einige Wagen, darum herum verteilt Eltern, die ihren Kindern feuchte Abschiedsküsschen auf die Wange drückten oder sich mit Gepäck abplagten. Für jemanden wie Elle kam es gar nicht erst in Frage, den ganzen Weg von den Parkplätzen, die immerhin ganze hundert Meter zurücklagen, bis zum Schloss zu laufen, wo Toby doch genau so gut direkt vor dem Schulgebäude halten konnte. Ja, sicher, theoretisch entsprach es nicht den gängigen Regeln Hogwarts’, doch so beschränkt, dass man die einzige Tochter von Josef Mayfair Jr. – schliesslich einer der grosszügigsten Spender der Schule – wegen einer absoluten Nichtigkeit massregelte, war nun wirklich keiner der Lehrer.

Na ja, ausser vielleicht Professor Minerva McGonagall, das persönliche Schreckgespenst Gryffindors.

Sie baute sich mit in die Hüften gestemmten Hände vor Elle auf, kaum hatte Toby ihr die Tür geöffnet. Elle verkniff es sich, mit den Augen zu rollen und schwang ihre langen Beine ins Freie, gleich darauf hielt sie McGonagall auch bereits ihre Hand hin und lächelte höflich.

»Guten Tag, Professor McGonagall«, sagte sie in ihrem hübschestem Singsang, »Es freut  mich sehr, Sie endlich wiederzusehen. Haben Sie mich vermisst?«

»Miss Mayfair!«, brauste die Frau auf und ignorierte Elles Hand einfach. Von guter Kinderstube keine Spur. »Wie oft muss ich Sie noch daran erinnern, dass für das Parken die Parkplätze gedacht sind?«

»Oh, es ist mir tatsächlich abermals entfallen. Ich Schusselchen! Aber entschuldigen Sie mich nun bitte. Moi möchte gerne Gwendolyn finden, ehe hier erst richtig das Chaos ausbricht.« Mit einer gekonnten Handbewegung warf Elle ihre langen Haare über die Schulter und ging an McGonagall und Toby, der sich bereits beim Kofferraum am Gepäck zu schaffen machte, vorbei und liess suchend ihren Blick über die anderen Ankömmlinge schweifen. Wie immer bekam sie eindeutig zu viel zu sehen, das sie nicht sehen wollte: biedere Strümpfe, die knapp unter knubbeligen Knien endeten; schreckliche Frisuren mit dunklem Ansatz; verpfuschte Lidstriche und jede Menge Tennissocken. Eine absolute Modesünde, wenn man Elle fragte.

Auf ihren hochhackigen Pumps stolzierte Elle durch die Menschenansammlungen, die sich bei ihrem Näherkommen wie selbstverständlich in der Mitte teilten und ihr freie Bahn ermöglichten. Mehrere Schüler grüssten sie, und Elle, die heute guter Laune war, nickte ihnen im Abstand mehrer Minuten flüchtig zu. Es dauerte eine Weile, bis sie Gwendolyn Pérez Faulkner fand, Elles beste Freundin mit dem väterlicherseits geerbten kubanischen Flair und den beneidenswerten Haaren. Gwen bestand steif und fest darauf, dass sie nicht mit der Farbe – ein Dunkelbraun mit Rotstich in der Sonne, das absolut zum Niederknien war – ihrer Haare nachhalf, weder magisch, noch mit Muggelmitteln. Aber konnte ein Mädchen allein so gesegnet sein?

Ja, beschloss Elle und blieb, die eine Augenbraue hochgezogen und ein Lächeln auf den Lippen, vor Gwen stehen. Schliesslich hatte sie selbst doch auch nicht mit ihrer Haarfarbe nachgeholfen, und das wollte ihr auch kaum einer wirklich glauben. Sie sollte lernen, mehr Vertrauen in ihre Mitmenschen zu haben. Oder zumindest mehr Vertrauen in Gwen.

»Hey, Flittchen«, grüsste Gwen sie, wie sie es immer tat, und drückte rasch sachte ihr Wange auf Elles. »Oh mein Gott, du hast dich in das Neue von Louis Vuitton reingehungert! Du siehst sagenhaft aus, Flittchen.«

»Danke, Flittchen«, erwiderte Elle in gespielter Bescheidenheit. »Aber um ehrlich zu sein, wirklich freiwillig war das nicht. Kaum zu glauben, aber Cedric hat sich die ganzen Ferien über kaum bei mir gemeldet. Ich habe vor lauter Kummer keinen einzigen Bissen runter bekommen.«

»Nein!«

»Doch, Gwens, wenn ich es dir doch sage.« Elle hängte immer jedem Namen ein ›S‹ an. Jeder hatte so seine Macken, selbst Mädchen wie Eleonore Jocelyn Mayfair. »Angeblich hatte er wahnsinnig viel für dieses Schuljahr vorzubereiten, da er ja nun sein Studium beginnt. Sicher doch, als ob Cedric lernen müsste.« Elle verdrehte die Augen. »Zur Strafe lasse ich ihn die nächsten Tage zappeln. Immerhin hat er ja so viel für die Uni zu tun.«

Als hätte er nur darauf gewartet, dass sein Name ausgesprochen wurde, tauchte Cedric nun einige Meter von ihnen entfernt zwischen den Schülern und Eltern auf, und machte Anstalten, auf Elle zu zukommen – dicht hinter ihm niemand anderes als Ava Grace Porter, seine langbeinige Ex. Keine Frage, ignorierte Elle ihn und spazierte stattdessen mit Gwen hocherhobenen Hauptes weiter. Nun war eben sie schwer beschäftigt, und leider nicht dazu im Stande, mit ihm nett essen zu gehen oder eine langweilige Vernissage mit aufregenden Personen zu besuchen.

»Männer«, fauchte Gwen in Solidarität und angelte dann ihr Zigarettenetui aus Platin und eingraviertem Monogramm aus der Handtasche. »Auch eine?«

»Immer, Flittchen.« Geübt entfachte Elle ihre Zigarette – die magische Variante der dünnen Vogue Lilas, deren Qualm nicht an Kleidern hängen blieb – ohne sich dabei die Haare zu versengen. Waren Kippen nicht ein Geschenk des Himmels? Elle hätte nicht gewusst, was sie ohne gemacht hätte; vor allem an gewissen Tagen vor anderen gewissen Tagen, wo ihr Körper sich als Verräter entpuppte und klagend nach Schokolade verlangte. Sie hätte ihren Hunger ohne Zigaretten kaum so gut unter Kontrolle halten und zügeln können.

»Sieh mal, wen wir dort Hübsches haben.« Gwen nickte unauffällig auf eine Stelle näher am Schloss und lächelte dabei süffisant. »Ich sollte Daddy ein Dankesschreiben und ein paar Zigarren schicken.«

Leonardo Pérez Diaz nahm so gut wie alles in Kauf, um das Leben seiner Tochter ein weiteres Stück perfekter zu machen; einen einst mal wegen mehrfachen Mordes zu Lebenslang verurteilten und erst drei Jahre zuvor für unschuldig befundenen Mann als Lehrer nach Hogwarts zu holen, weil die liebe Gwen sich très sicher war, Sirius Black wäre ›ausserordentlich gut als Lehrer geeignet‹, war für jemanden in Leonardos Position nun wirklich keine grosse Sache. Ein wenig Papierkram, den er ohnehin von einem seiner Assistenten erledigen liess.

Übersetzt bedeutete ›ausserordentlich gut als Lehrer geeignet‹ natürlich nichts anderes als: Sirius Black ist verflucht verwegen, verflucht heiss, und verflucht noch mal mein Traummann. Gwendolyns Vater durfte sich glücklich schätzen, war er alles andere als gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen; schliesslich sollte er doch weiterhin im Glauben bleiben, sein kleines Mädchen war genau das, was er dachte, sie war es. Lieb. Nett. Tugendhaft. Rein. Unbefleckt. Die Wahrheit hätte bei ihm vermutlich zu einem Schlaganfall geführt.

»Ein ehemaliger Gryffindor«, antwortete Elle nur. Ein stolzer ehemaliger Gryffindor, um genau zu sein. Die Art Mensch, die ihre Macht darüber, Punkte abziehen und vergeben zu dürfen, gern mal ausnutzten, und in Zweifelsfällen mit verschränkten Armen hinter den Schülern des eigenen Hauses standen.

»Jetzt zieh nicht über mein Haus her«, ermahnte Gwen sie. »Aber selbst du musst zugeben, Sirius Black ist der absolute Wahnsinn. Er ist mein Hochzeitskleid von Vera Wang, das enger ist als all die anderen Veras, und trotzdem einzig und allein mir richtig passt, das spüre ich.«

Wenn Vera Wang Hochzeitskleider ins Spiel gebracht wurden, musste es Gwen wirklich ernst sein. »Moi wüsste mit ihm nichts anzufangen. Aber in einem gebe ich dir Recht, Flittchen, sein Aussehen ist très magnifique

Rauchend schlenderten sie über das Schulgelände und schüttelten, ihre Kommentare dabei flüsternd und regelmässig kichernd, über die modischen Fehltritte der Anwesenden die Köpfe. Elle glaubte nicht, dass es noch sehr viel schlimmer kommen konnte; einige Mädchen waren doch tatsächlich in Sandalen aus Bast mit Keilabsatz aufgetaucht! Da musste sie beinahe froh darüber sein, galt während den Unterrichtszeiten Schuluniformpflicht. Es war doch wirklich eine Schan-

»Hey!« Empört wirbelte Elle herum und funkelte ihr Gegenüber, das sie im Vorbeigehen ruppig angerempelt hatte, zornig an. Es musste ausgerechnet Sury Emily Corvus sein, die immer nur mit ihrer fetten Ratte unterwegs war. Wie auch immer dieses ekelhafte Vieh heissen mochte.

Seuchenträger vielleicht?

»Steh mir nicht im Weg«, zischte Sury und rempelte sie prompt noch einmal an. Ihre linke Hand schnellte dabei rauf zu ihrer Schulter, wo aus dem engen Vintage Oberteil in Weiss Seuchenträgers Schwanz rauslugte und sich quer über Surys Hals schmiegte. Hoffentlich erstickte die Ratte unter dem Oberteil, oder wurde von der Spannkraft des Stoffes zerdrückt.

Na, na, na, hier werden keine Tiere gequält!

Elles Aufmerksamkeit verweilte aber nur knappe zwei Sekunden auf Seuchenträger, dann fielen ihr Surys Fingernägel auf, die sie gleich viel mehr interessierten. »Grün? Och, wie niedlich.« Gwen zupfte von schräg hinten an Elles Ellbogen. »Was denn, Gwens? Lass das doch. Hör endlich auf, an mir rumzufummeln.«

»Niedlich also«, spottete Sury und deutete über Elles Schultern auf Gwen. »Wie siehst du das, GPF? Scheinbar beweisen wir nun doch in einer Sache den selben Geschmack. Kinderchen, rennt in die Kirche und fallt vor dem Altar auf eure Knie, der Weltuntergang steht bevor!«

Elle starrte Sury hinterher, als diese samt Ratte im Gedrängel verschwand und wandte sich erst dann wieder an Gwen. Dieses Mal sprang ihr sofort ins Auge, was sie eigentlich bereits viel eher hätte entdecken müssen. Vielleicht bannte sich da eine mittelschwere Migräne an? »Flittchen, grüner Nagellack, ist das dein Ernst? Gwens, du sollst deinen Salat doch essen, oder so tun, als würdest du ihn essen, aber doch nicht für deine Nägel benutzen!«

»Grün für die Nägel ist im Kommen«, erwiderte Gwen stur. »Du bist eben 505 von Chanel und ich bin B69 von OPI.«

»OPI?« Elle fasste sich mit dem Handrücken an die Stirn. »Flittchen, wenn es wenigstens, was weiss ich, gelb wäre, das ist zumindest noch nicht ganz abgeklungen. Aber grün, das ist… Gwens, das bist einfach nicht du. Dass Sury Corvus ebenfalls grünen Nagellack trägt, dürfte ja wohl Beweis genug sein.«

»Ach, jetzt rauch noch eine, und mach kein Drama draus. Und sieh doch, dort! Selbst Cathy Goyle hat ihre Nägel grün lackiert.«

»Mir ist wirklich scheissegal, was Catherine Anne Goyle tut oder nicht tut.« Aber nach einem kurzen Kontrollblick in die entsprechende Richtung, seufzte Elle resigniert auf. Und gleich noch mal, als Yolin-Linda Laurenzi mit dunkelgrün lackierten Fingernägeln an ihr vorbei eilte. Konnte es denn möglich sein, dass scheinbar tatsächlich ein Trend – und mochte es noch so etwas wie grüner Nagellack sein, was Elle wirklich très unverständlich fand – an ihr vorbeigegangen war, ohne dass sie es auch nur geahnt hatte? Niemand, absolut niemand wusste besser darüber bescheid, was angesagt war, und was nicht, als Eleonore Jocelyn Mayfair!

Tja, vielleicht wirst du dieses Jahr von deinem Thron gestossen, Liebste?

+

Elite ganz in Grün und Silber

Violetta Natroson schloss ihre Hände und drückte die Fingernägel in die Ballen, um keine Laute des Ekels von sich zu geben. Wie zur Hölle war es möglich, dass jemand wie die schöne Cathy einen so dermassen an einen Troll erinnernden jüngeren Bruder wie Greg hatte? Die Geschwister Goyle waren wirklich wie Tag und Nacht. Während Catherine mit ihrem silberblondem Haar und den grasgrünen Augen das jüngere Abbild ihrer Veela Mutter war und trotz menschlichem Vater kaum weniger verführerischen Charme besass, war Gregory wie… Nun ja, wie Gregory Goyle Senior, bloss noch fetter, verfressener und verschwitzter.

Hilfe, das ist möglich?

Greg konnte froh sein, dass seine Familie was zu sagen hatte und Draco ihn zudem als seinen zweiten Leibwächter erkoren hatte, andernfalls wäre er ganz schnell als unwichtiges Nichts ignoriert und vergessen worden – obwohl das bei seinem brechreizerregend penetrant riechenden Schweissausbrüchen kaum möglich war. Zusammen mit Vince, dessen Hintern auch gern ein bisschen weniger breit hätte sein dürfen, besetzte er fast eine ganze Bank in der Stretchlimousine.  Er schaufelte sich die auserlesenen Häppchen aus der Limousinenbar in den Rachen, als hielte ihm jemand den Zauberstab an den Kopf und sagte drohend: Friss, oder ich jag dir ’nen Schwall Dämonenfeuer direkt in den Schädel rein!

V seufzte frustriert. Hätte Greg besser ausgesehen, wäre er wirklich der ideale Kandidat als ihr zukünftiger Ehegatte gewesen. Er hatte den richtigen Namen, Geld, würde trotz deutlich geringer Intelligenz später einmal was zu sagen haben, und vor allem: Sein Vater war ein Diener des Dunklen Lords, und Greg würde es eines Tages höchstwahrscheinlich auch sein. Genau wie V – zumindest hoffte sie stark darauf.

»Hey, Erde an V!« Pansy wedelte mit der Hand vor Vs Gesicht herum und erwischte dabei mit der brennenden Zigarette beinahe deren Nase. »Hör mal«, sagte sie leicht schleppend, und man hörte deutlich heraus, dass sie sich seit Beginn der Fahrt ein wenig zu sehr für den Champagner begeisterte, »Astoria und ich haben gestern beim Lunch lange über Daphne nachgedacht. Wir müssen sie retten. Unbedingt. Du weisst schon.«

»Retten«, sagte Blaise gelangweilt, und Draco neben ihm verdrehte die rotgeräderten Augen, unter denen tiefe Schatten lagen. »Wenn Daphne sich unbedingt in Schwierigkeiten bringen will, bitteschön. Wollt ihr euch denn wirklich mit so jemanden abgeben?«

»Ich sehe das wie Blaise«, erklärte V überzeugt. »Daphne ist uns längst entglitten und hat vergessen, was von Bedeutung ist. Dass sie sich mit Mayfair abgibt, wäre ja nicht weiter schlimm, und sogar ihre Verbindung mit Ich-bin-ja-so-Gryffindor Pérez ginge in Ordnung, in beiden Fällen stimmt das Blut – aber letztens habe ich sie mit Celine Melvan gesehen. Die ist praktisch muggelgeboren, so gut wie.«

»Aber es geht auch um Astoria«, beharrte Pansy, ehe sie sich die nächste Zigarette ansteckte. »Es wird sich rumsprechen, mit wem Daphne den Umgang pflegt, und das wird auf ihre gesamte Familie zurückfallen.«

Vince kicherte äusserst mädchenhaft. »Du verstehst dich ja sehr gut mit Astoria.«

»Vince!«, mahnte Blaise, unterdrückte dabei aber offensichtlich ein Grinsen. »Die Kleine ist erst vierzehn. Hör auf dir vorzustellen, Pansy lockt sie ins Bett und verführt sie.«

»Mann, Leute!«, stöhnte Pansy genervt. »Hört endlich auf so zu tun, als würde ich auf Frauen stehen. Merlin, seid ihr albern! Es war dunkel, ich total betrunken und Ines’ Gesicht kratzig und stoppelig. So ein Missgeschick hätte jedem von euch passieren können.«

Klar doch, Pansy, ein Missgeschick.

V blickte aus dem Fenster und hörte dem Geplänkel ihrer Freunde nur mit halbem Ohr zu. Sie waren für ihr sechstes Schuljahr auf dem Weg nach Hogwarts, und dem Leben als Erwachsene somit wieder einem guten Stück näher. Obwohl V es kaum erwarten konnte, endlich ihren Abschluss zu machen, die Schule hinter sich zu lassen und an die Seite des Dunklen Lords zu treten, fürchtete sich ein Teil von ihr gleichzeitig davor. In dieser Limousine sassen ihre besten, engsten Freunde, die sie seit frühesten Kindertagen kannte, und mit denen sie so vieles geteilt hatte – Pansy, die sie stets deckte, wenn es nötig war; Blaise, mit dem ihr im letzten Winter, als Michael Pitch noch aktuell war, ein Ausrutscher passierte; Vince und Greg, die zwar nicht besonders klug, dafür umso loyaler und zuweilen sogar richtig witzig waren; Draco, der schon als Kleinkind immer den grossen Boss raushängen liess –, aber ob sie auch nach Hogwarts unzertrennlich bleiben würden, stand in den Sternen. Entweder, Voldemort weitete seine Macht, nachdem er im letzten Jahr zurückgekehrt war, aus und akzeptierte ihre Treue, oder er würde abermals gestürzt werden. Und wenn das der Fall war, würden sie alle ihren eigenen Plänen nachgehen und ihre Wege würden sich unweigerlich trennen. V würde es nicht freiwillig zugeben, aber die Vorstellung, ohne ihre Freunde zu sein, jagte ihr eine Heidenangst ein.

Wie heisst es so schön? In Slytherin wirst du noch echte Freunde finden.

+

der Freak, seine fiese Bald-Stiefschwester und das nichts ahnende Objekt seiner Begierde

»Jetzt rück mir nicht so auf die Pelle!«, keifte Cho schrill und sah es tatsächlich für nötig, ihre Worte mit ein paar gezielten Fausthieben auf Dannys Oberarm zu unterstreichen. Als sie Zuhause – Dannys Zuhause, in das sich Cho mit ihrem Vater eingenistet hatte – vor dem Wagen mit dem wartenden Fahrer gestanden und sich verabschiedet hatten, war sie bei Weitem noch nicht so zickig drauf gewesen. Bye, bye, Daddy, tschüsschen und Küsschen Addison, kicher, ich mein: Stief-Mommy. Chos übliche Mustertochter/Musterschülerin/liebes Mädchen von Nebenan Fassade war natürlich in sich zusammengekracht, sobald sie mit Danny und dem Fahrer allein war und sie das Grundstück der Parkers hinter sich gelassen hatten.

Danny sass bereits am äussersten Rand der Sitzfläche und wünschte sich innig, die Tür in seinem Rücken würde aufspringen und er bei 100 km/h auf die Strasse stürzen. »Vielleicht«, sagte Danny ruhig, »ist dir entgangen, dass wir zwischen-«

»Vielleicht ist dir entgangen«, fuhr sie ihm dazwischen, in dem sie ihn nachäffte. »Unfassbar, dass mein Vater jemanden heiraten wird, der dich auf die Welt gebracht hat. Und wenn er sie schwängert, werde ich noch so einen Bastard wie dich an der Backe haben, in deiner Familie sind sie doch echt alle komplett irre…«

Bereits nach fünf Minuten Fahrt hatte Danny unauffällig seinen Zauberstab gezogen und sich sein eigenes Gehör vorübergehend weggezaubert, während Cho sich noch immer in halber Raserei über dies und das heftig beschwerte. Da ihr Chauffeur bislang noch nicht an den Strassenrand gefahren war, um für eine Runde ›Erwürg die Zicke auf der Rückbank‹ Halt zu machen, ging Danny stark davon aus, dass der Mann einen ähnlichen Zauber an sich selber angewandt hatte. Hätte sich irgendjemand dafür interessiert, was Danny wollte, wäre er mit dem Hogwarts Express gefahren, aber seine Mutter Addison hatte auf die Tränendrüse gedrückt und ihn somit davon abgehalten. Aber Danny, schluchz, Gossip Girl hat gesagt…blablabla. Als wäre die ganze Welt komplett verrückt geworden, begangen immer mehr Hexen immer mehr ihrer Sätze mit Gossip Girl hat gesagt… Jede Wette, dass Gossip Girl in Wirklichkeit ein pickeliger 3.klässler war, der das Tagebuch seiner Schwester geklaut hatte.

Hey, jetzt werde mir mal nicht frech, mein Lieber!

Als sie Hogwarts am späten Nachmittag endlich erreicht hatten und Danny nach Stunden ins Freie weg von Cho durfte, hätte er vor lauter Erleichterung am liebsten losgeplärrt wie ein kleines Mädchen. Keine Sommerferien mehr, Freiheit, endlich! Okay, das war wirklich traurig. Jetzt war es schon so weit gekommen, dass er lieber in den Unterricht ging, als auch nur einen einzigen weiteren Tag an einem Tisch zu sitzen, an dem Addison mit Asuka Chang schamlos züngelte. Brech.

»Schöne Scheisse, was?«, sagte Danny seinem besten Freund Shane, und ignorierte dabei gekonnt die irritierten Blicke der Umstehenden. Das Problem mit Shane war, dass er leider nicht existierte und von anderen in die Sparte ›imaginäre Kumpel für Verlierer‹ sortiert wurde. »Und Asukas schlimmsten Fehler haben wir trotzdem rund um die Uhr an der Backe.«

»Hör auf mit deinem Liebling zu turteln, Freak«, meldete sich besagter Fehler auch prompt zu Wort. Cho warf ihm einen giftigen Blick zu und setzte gleich darauf ihr ekelerregend süsses Liebmädchenlächeln auf – schliesslich galt es von nun an wieder, ihrem Image gerecht zu werden. Dem baldigen Stiefbruder in aller Öffentlichkeit die Augen auszukratzen oder ihn einen geisteskranken Freak zu nennen, könnte ihrem Mutter Theresa Ruf schaden. Ähem.

Danny griff nach dem einzigen Gepäckstück im vollbeladenem Kofferraum, das ihm gehört und winkte ab, als der Fahrer das für ihn übernehmen wollte. Er hätte den Koffer auch lässig vor sich hin schweben lassen können, aber im Moment war es ganz praktisch, dass sein Körper mit dem Schleppen beschäftigt war – entweder Kofferschleppen oder die Hände um Chos schmalen Hals legen und fest zudrücken.

»Ja, ich weiss«, antwortete Danny auf Shanes Kommentar. »Letzteres wäre mir auch um einiges lieber, glaub mir. Bin mir aber ziemlich sicher, dass es einfacher ist, sie bei der nächstbesten Gelegenheit aus einem Fenster im Ravenclawturm zu werfen. – Bitte, was?« Danny blieb verdutzt stehen und starrte dorthin, wo seiner Meinung nach Shanes Gesicht war. »Woher zur Hölle weisst du, dass Cho ›Schmetterling‹ bedeutet?«

Oder besser: Woher wusste er das? Schliesslich war Shane in Wirklichkeit nicht einmal richtig eine Ausgeburt seiner Fantasie, obwohl Danny gerne so tat. Machte es einfacher, mit sich selbst zu diskutieren.

»Aber du hast natürlich recht«, redete Danny weiter und setzte sich wieder in Bewegung. »Wenn das Miststück sich in einen Schmetterling verwandelt, ist mein Plan mit dem Turmfenster nicht viel wert. Ich könnte ihr aber natürlich auch schlicht dieses lachhaft teure Shampoo stehlen, da würde sie vor Entsetzen gleich freiwillig abkratzen.«

»Aus dem Weg, Parker«, wurde er plötzlich angefahren. Er sah vom Koffer hoch rauf in das Gesicht von Gwendolyn Pérez, die ungeduldig eine scheuchende Handbewegung machte. Neben ihr stand-

»Hey, Elle«, sagte Danny grinsend und verwandelte sich ruckartig in einen pubertären Volltrottel, als sie bloss mit den Augen rollte und einen Zug von ihrer Zigarette nahm. Elle war wie er in der Abschlussklasse von Ravenclaw, und eigentlich alles, das sie für ihn zum schlimmsten Alptraum machte. Oberflächlich, ich-bezogen, narzisstisch, heuchlerisch, eingebildet, etc., etc. – alles in allem beinahe wie Cho, bloss mit mehr Geld auf der Bank und noch furchtbarer. Tatsächlich war es dann auch so, dass Elle Danny nachts in Alpträumen heimsuchte, bloss ohne das Alp, und so sehr er sich auch den Kopf darüber zerbrach, er kapierte nicht, was zum Teufel falsch mit ihm lief.

An deiner Stelle würde ich nicht im Kopf sondern weiter unten nach der Ursache suchen.

Danny hörte Shane lauthals über ihn lachen und begann sich zu fragen, ob er nicht doch ein wenig irre war. Dass ausgerechnet Eleonore Jocelyn Mayfair die einzige Person in Hogwarts war, mit der er sich gerne freiwillig abgab und unterhielt, war doch ein sicheres Zeichen dafür, oder?

+

Legende zu den Initialen:

Prof. SB » Prof. Sirius Black » Sirius
GPF » Gwendolyn Pérez Faulkner » Gwen
EJM » Eleonore Jocelyn Mayfair  » Elle  
CD » Cedric Diggory » Cedric
SEC » Sury Emily Corvus » Sury
CC » Cho Chang » Cho
DP » Dante Parker » Danny
OW » Oliver Wood » Oliver
CAM » Celine Antoinette Melvan » Celine
DG » Daphne Greengrass » Daphne
VN » Violetta Natroson » V

+