Samsas Träume fallen in die Welt

von Fujouri
KurzgeschichteAngst, Familie / P12
28.10.2010
28.11.2010
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Gregor Samsas Reflexion


»Mit Käferbeinchen kommt man nicht weit. Sie hängen wie zitternde Stecknadeln an meinem Körper herunter und wollen sich einfach nicht aufrechtstellen lassen. Vielleicht liegt der Grund dafür bei dem dicken Panzer, der sich jetzt ›mein Rücken‹ nennt. Er ist massiv und schwer und drückt die Beinchen gegen den Boden des Zimmers, in das man mich eingeschlossen hat.

Ein paar Dämmerungen sind vergangen, seit ich aus meiner Ohnmacht erwacht bin. Vater hat mich brutal ins Zimmer zurückgestoßen, nachdem ich herausgekommen bin und er mich in dieser Gestalt erblickt hat. Einen Lärm gemacht hat er wie ein Irrer, kaum menschlicher, als ich es momentan bin. Und dann hat es einen Schlag gegeben und ich bin hier, auf dem Boden meines Zimmers, wieder aufgewacht. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Dabei bin ich doch immer ein guter Sohn zu ihm gewesen. Habe seinen finanziellen Bankrott wegen der ganzen Schulden mit diesem Reisejob wettgemacht. Viel lieber hätte ich meinem despotischen Chef mit einem satten Meinungsausspruch gekündigt und etwas Besseres mit mir angefangen. Sogar die Musikschule will ich Grete mit meiner harten Arbeit finanzieren, und das soll der Dank für all die Mühen sein? Ich heiße immer noch Gregor Samsa und bin ein Tuchhändler - und diese Verwandlung vermag nichts an dieser Tatsache zu ändern.
Oder?

Ab und zu öffnet sich die Tür einen Spalt breit, und Grete schleicht in mein Zimmer. Sie bringt mir etwas zu essen in einem Schälchen mit, das sie auf dem Boden abstellt und wieder zügig verschwindet. Sie versucht mich dabei nicht anzusehen, aber ich habe sofort bemerkt, dass ihr das schwer fällt. Und ich kann es ihr nicht verübeln - welches Mädchen empfindet bitteschön keinen Ekel vor einem riesigen Käfer, der in dem Zimmer ihres Bruders haust und schwer verletzt in einer Lache von mattgrünem Saft liegt? Saft. Blut möchte ich es nicht zu nennen wagen, denn Käfer bluten nicht.
Kann aus einem Menschenkäfer jemals wieder Menschenblut fließen?

Die Verletzungen von Vater schmerzen, aber langsam gewöhne ich mich an den umständlichen Körper. Das Essen, das Grete mir bringt, schmeckt mir nicht, obwohl es einst meine Lieblingsspeisen waren. Wenn Grete hereinkommt, verkrieche ich mich schnell unter dem Kanapee, weil ich weiß, dass sie mich nicht sehen will. Ihre Schritte sind von Dämmerung zu Dämmerung zu einem Trampeln geworden, und statt die Prozedur kurz zu gestalten, reißt sie dynamisch das Fenster auf und demonstriert mit Gesten wie dem Wedeln mit der Hand vor der Nase ihren Ekel, den sie vor mir und meinem Käfergestank empfindet. Dann bleibt sie eine ganze Weile im Zimmer und streckt sich über die Fensterbank hinweg mit dem Kopf nach draußen. Kälte zieht dabei in den Raum, und es fröstelt mich, dass ich die Beinchen anziehe und sie darum bitte, das Fenster schnell wieder zu schließen. Die Worte verebben zwischen den Reißzangen, die nicht wie Lippen funktionieren, und nichts von all den seltsamen Lauten, die wie ein gebrochenes Fiepen klingen, dringt an Gretes Ohr. Manchmal lässt sie das Fenster für den Rest des Tages offenstehen und verschwindet einfach aus dem Zimmer.
Sie ist eine gute Schwester und tut das, wozu sie imstande ist. Sie hat mich nicht vergessen und liebt ihren Bruder von ganzem Herzen. Da bin ich mir sicher. Sonst würde sie nicht jeden Tag in mein Zimmer kommen und durchlüften. Sie meint es ja nur gut mit mir. Sie will bestimmt nur mein Bestes.

Draußen hinter der Tür ist es still geworden. Nur selten höre ich Vater sprechen, aber mehr als Finanzprobleme und spärliche Pläne, um diese zu beheben, artikuliert er nicht. Auch in meinem Zimmer drückt die Stille. Seit meiner Verwandlung scheint das Haus an Lebendigkeit einzubüßen. Der Tod lauert in den Wänden und der Zerfall rückt näher.
Wenn sie mir helfen würden, würden wir vielleicht gemeinsam einen Weg finden, um die Verwandlung rückgängig zu machen. Vielleicht würde ich wieder der Sohn und Bruder und Tuchhändler Gregor Samsa werden können, der ich noch vor wenigen Tagen gewesen bin, und Vater würde mich nicht mehr zurück ins Zimmer drängen und Grete würde mir meine Lieblingsspeisen wieder zubereiten können. Vielleicht würde ich wieder arbeiten gehen, wenn es gut um mein Glück stünde, einen besseren Job finden und für meine Familie da sein. Dann würde Gregor Samsa wieder eine Familie haben.

…wenn es nur würde

_____


Deutsch-LK 12/1 - Aufgabe: "Schildern Sie das Geschehen in 'Die Verwandlung' aus der Sicht einer beliebigen Figur."
Ich hab' mich für Gregors Perspektive entschieden. Ist schon ein gutes Jahr alt, das Ding.^^

Liebe Grüße,
Fujouri
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