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Zuneigung

von Jago
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteLiebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Mello Near
27.10.2010
27.10.2010
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7.502
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27.10.2010 7.502
 
Samstag, 26. Januar 2014, 5:27 morgens.

Draußen vor dem Fenster rieselten dicke, glitzernde Schneeflocken zu Boden und begruben die Stadt unter einem schweren, weißen Tuch. Der volle, runde Mond tauchte die Straßen in ein gespenstisch fahles Licht und warf tiefe Schatten auf Mellos vernarbtes Gesicht.
Er konnte nicht sagen, wie lange er schon dort am Fußende seines Bettes saß, unfähig zu schlafen, und hinaus in die tote, kalte Winternacht starrte. Die Einsamkeit drohte ihn zu verschlingen, er spürte es deutlich, und allein dafür hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt. Er hatte nicht das Recht, in Selbstmitleid zu versinken, das war idiotisch und im Grunde genommen überhaupt nicht seine Art.
Aber er konnte einfach nicht begreifen... dass Matt ihn alleine gelassen hatte.
Wer zum Henker hatte diesem Trottel erlaubt, sich einfach so erschießen zu lassen?!
Vielleicht, nein, bestimmt wäre alles einfacher gewesen, wenn er selbst genauso mit dem Leben bezahlt hätte, wenn Takada ihn getötet hätte.
Warum hatte er bemerkt, dass sie eine Seite aus dem Death Note bei sich trug? Warum hatte er sie ihr abgenommen? Er hätte ganz Gentleman sein und nicht beobachten sollen, wie sie ihren BH auszog. Dann würde er jetzt friedlich sechs Fuß tief unter der Erde liegen und sich nicht mit ein paar lausigen Möchtegernmafiosi abgeben müssen, die keine Ahnung von guten Geschäften hatten, ohne ein Ziel, ohne einen Traum, der ihn auf den Beinen hielt.
Dank ihm hatte Near das echte Death Note gefunden. Nur durch ihre – wenn auch indirekte -  Zusammenarbeit hatte er Kira besiegen und L übertrumpfen können. Und diese einmalige Zusammenarbeit mit Near hatte Mellos Leben zerstört.
Trotzdem – und das war es, was ihn wirklich wütend machte – konnte er diesem elenden Kindskopf unmöglich die Schuld an seinem Unglück geben. Er hatte von vornherein gewusst, wohin diese Aktion führen würde, er hatte gewusst, dass es gefährlich war und er hatte es billigend in Kauf genommen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass er selbst überleben und stattdessen Matt sein Leben lassen würde. Diese Möglichkeit hatte er nicht einkalkuliert.
Mello seufzte.
Nein, das traf es nicht ganz. Eigentlich hatte er nichts einkalkuliert. Er hatte alle möglichen Folgen seiner Tat vollkommen ausgeblendet, zumindest soweit sie seine eigene Sicherheit betrafen. Er hatte Takadas Entführung durchgezogen, weil er gewusst hatte, dass sie absolut notwendig war. Wieso hätte er sich über Konsequenzen den Kopf zerbrechen sollen, die ohnehin unvermeidlich waren?
Im Nachhinein konnte er sich selbst nicht mehr verstehen.
Mit klammen Fingern tastete er nach der Tafel Schokolade, die er nach alter Gewohnheit neben dem Bett bereitgelegt hatte. Er ahnte, dass sie ihn nicht beruhigen würde, nicht an diesem Morgen, und das störte ihn gewaltig.
Er hatte um einen hohen Einsatz gespielt, um Near zu helfen: um sein Leben. Und, wie es sich später herausgestellt hatte, um das seines besten Freundes. Sicher war es bitter gewesen, nur das seine zu verlieren, aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, sich so gehen zu lassen.
Vielleicht war es der Schock über Matts Tod und den unumstößlichen Fakt, dass er ihn nicht einmal rächen konnte, der ihn dazu gebracht hatte, spurlos vom Tatort und im Untergrund zu verschwinden, sodass alle glauben mussten, Takada hätte erst ihn und dann sich selbst getötet und folglich annahmen, seine Leiche wäre in den Flammen vollständig zu Asche verbrannt.  Nie hätte er erwartet, dass es etwas gab, das ihn dermaßen aus der Bahn werfen konnte, und er fragte sich insgeheim, ob Near wohl dasselbe passiert wäre, wenn er seinen besten Freund auf dem Gewissen hätte.
Die Frage erübrigte sich.
Near hatte keine Freunde. Mehr noch: Mello wagte ernsthaft zu bezweifeln, dass dieser soziale Analphabet überhaupt wusste, was das Wort 'Freundschaft' bedeutete.
Lustlos kaute er auf einem Stück Schokolade herum, dem letzten, das noch übrig war. Near... Wusste Near, dass er noch am Leben war?
Mello ging nicht davon aus.
Er wusste, dass Near seine Spur verfolgte, aber das hatte nichts mit ihm persönlich zu tun. Wahrscheinlich hatte ihn nach seinem Sieg über Kira die Langeweile gepackt und auf der Suche nach einer neuen Herausforderung war er auf einen Haufen böse Jungs gestoßen, die einen Haufen böse Dinge taten.
Vermutlich war es für ihn nicht mehr als ein netter, kleiner Zeitvertreib, eine Fingerübung, aber Mello würde schon dafür sorgen, dass er sich an diesem Fall die Zähne ausbiss.
Falls er die notwendige Motivation aufbringen konnte...
Momentan hatte Mello weder Lust noch Kraft, etwas aus seinem Leben zu machen. In diesem verdammten letzten Jahr hatte er nicht nur Matt, sondern auch die einzige Zukunftsperspektive verloren, die ihm je etwas wert gewesen war. Die Frage nach Ls Nachfolge hatte sich erübrigt und er konnte sich nicht einmal großartig darüber beschweren. Schließlich hatte er Near letzten Endes kampflos das Feld überlassen. Niemand hatte ihm befohlen, sich ein ganzes Jahr lang tot zu stellen.
Es klang mehr als seltsam, geradezu bizarr, aber letzten Endes war Near der Einzige, der ihm noch geblieben war. Er konnte ihn nicht einmal mehr hassen. Mello war sich vollkommen im klaren darüber, dass er in dem Augenblick aufgehört hatte ihn als Kontrahenten zu betrachten, in dem er beschlossen hatte, Takada zu entführen, was letztlich nichts anderes bedeutet hatte, als ihm unter die Arme zu greifen.
Ein Jahr war er jetzt her, der Tag, an dem er hätte sterben sollen. Höchste Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.

Noch zwei Streichhölzer, dann war es vollbracht. Ein originalgetreues Modell von Shibuya im Maßstab 1:100. Es nahm beinahe den ganzen Raum in Beschlag, aber das war Near weitestgehend egal. Es hatte ihm geholfen sich zu konzentrieren und war somit den Aufwand wert gewesen.
Prüfend ließ er den Blick über die digitale Zeitanzeige des Laptops schweifen, der neben ihm auf dem Boden stand. Exakt 12 Minuten nach sieben und 35 Sekunden, 36 Sekunden, 37 Sekunden... Zeit, die Arbeit wieder aufzunehmen.
Es schien ihm wie eine Erlösung, als ihm ein Blinken auf dem Bildschirm kenntlich machte, dass die Polizei versuchte, ihn zu kontaktieren. Rasch nahm er das Gespräch entgegen, während er mit Hilfe der beiden übrigen Streichhölzer eine schmale Ritze im Flachdach des letzten Wolkenkratzers verschloss. Das Werk einer schlaflosen Nacht. Pünktlich auf die Sekunde hatte er es vollendet.
„Es gibt Neuigkeiten“, erklärte Oberinspektor Matsuda. Ein wenig zu euphorisch, wie Near befand. Ein Übermaß an Euphorie führte selten zu brauchbaren Ergebnissen. Es ließ die Menschen unvorsichtig werden.
„Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen“, bemerkte er, vollkommen gefühlsneutral, ohne näher auf Matsudas vielversprechende Worte einzugehen. Es konnte nicht falsch sein, seinen überschäumenden Elan etwas zu bremsen.
„Wie?“, kam es verwirrt zurück. „Ach, äh... ja, gleichfalls.“
Near hätte sein Gesicht nicht sehen müssen, um zu bemerken, dass er den Mann aus dem Konzept gebracht hatte. Die flimmernde Übertragung der Videokonferenz bestätigte nur, was er vor seinem inneren Auge deutlich vor sich sah. Es lohnte sich kaum, hinzusehen.
„Also, äh... Die Sache ist die...“ Matsuda warf einen prüfenden Blick auf einen verwaschenen Notizblock, vermutlich, um seine Gedanken wieder zu ordnen. Near wartete schweigend.
„Genau. Aizawa hat die Datenbanken gecheckt und Parallelen zu früheren Fällen entdeckt.“
Matsuda legte eine kurze Pause ein, um Near Gelegenheit zur Äußerung zu geben, doch der Detektiv verzichtete. Für ihn war das keine atemberaubend neue Erkenntnis. Er hatte sich bereits darüber informiert und seine Schlüsse gezogen. Tatsächlich trugen die Fälle, auf die Matsuda höchstwahrscheinlich anspielte, dieselbe Handschrift und doch war es unwahrscheinlich, dass derselbe Drahtzieher dahintersteckte.
Damals war es Mello gewesen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Mello noch lebte, war verschwindend gering, auch wenn man seine Leiche niemals gefunden hatte. Near schätzte sie auf etwa 0,2%. Es war wohl am klügsten, sie außer Acht zu lassen, auch wenn er sich unerwartet schwer damit tat.
Near konnte nicht umhin zu befürchten, dass irgendetwas in ihm hoffte, dass Mello für diese neue Serie von Verbrechen verantwortlich war, denn wer Verbrechen begehen konnte, war zwangsläufig am Leben. Er ahnte, dass es unumstößlich für ihn war, Mello zu vermissen. Es missfiel ihm nicht einmal besonders, allenfalls insoweit es ihn davon abhielt, seine Arbeit vernünftig zu erledigen. Vermutlich war es menschlich. Er war sich nicht sicher. Emotionen waren nicht gerade sein Fachgebiet.
„Außerdem haben wir herausgefunden, wo sich der Kopf der Bande aufhält“, fuhr Matsuda sichtlich enttäuscht von Nears mangelndem Interesse fort. „Wir haben es geschafft, einen verdeckten Ermittler einzuschleusen, wie Sie es angeordnet hatten. Ihm wurde ein Treffen mit dem Boss zugesagt. Noch heute Abend.“
„Gut“, lobte Near ehrlich zufrieden. Die Ermittlungen liefen erstaunlich glatt. Allein schon dieser Umstand sprach gegen Mellos Beteiligung. Mello hätte es ihm nicht so leicht gemacht. Andererseits... „Lassen Sie ihn nicht beschatten. Wenn jemand Verdacht schöpft, wird es die Ermittlungen nur unnötig erschweren. Warten Sie drei Tage und nehmen Sie dann Kontakt mit ihm auf. Damit dürfte die Sache erledigt sein.“
Matsuda nickte. „In Ordnung. Ich melde mich, sobald es etwas neues gibt.“
Near beendete die Videokonferenz ohne ein einziges Wort des Abschieds.
Er war enttäuscht. Es war zu einfach. Dabei hatte dieser Fall auf den ersten Blick recht vielversprechend ausgesehen. Sollte er sich tatsächlich geirrt haben?
Es sah ganz so aus, als hätte er seine Gegner gewaltig überschätzt und das konnte Near einfach nicht glauben. Er vermutete, dass Matsudas V-Mann eher den Papst persönlich treffen würde, als den Mann, hinter dem sie her waren. Wahrscheinlich versuchte jemand, sie mit Bauernopfern abzuspeisen. Aber das würde er nicht hinnehmen. Er nahm sich vor, Matsuda von seinen Gedanken in Kenntnis zu setzen, sobald sie die Bauern vom Schachbrett gefegt hatten. Noch war die Zeit nicht reif. Über ein, zwei Dinge musste er sich Klarheit verschaffen, bevor er den nächsten Zug machen konnte.
Er hob eine der vielen kleinen Puppen auf, die rings um ihn verstreut auf dem Boden lagen und betrachtete sie gedankenverloren. Mello... er musste sich noch einmal nach ihm erkundigen, um sichergehen zu können. Er musste Gewissheit über seinen Tod erlangen. Dann konnte er ihn vielleicht endlich vergessen. Oder zumindest ausblenden. Es war nicht gut, die Schatten der Vergangenheit immer und immer wieder aufleben zu lassen.

Mello konnte sich unmöglich rational erklären, was in ihn gefahren war.
Als er gut 19 Stunden zuvor beschlossen hatte, wieder auf die Beine zu kommen, hatte er da tatsächlich vor Augen gehabt, mitten in der Nacht durch die Gänge eines teuren Hotels zu schleichen, die Kapuze seiner dicken Winterjacke weit in die Stirn gezogen, das Gesicht hinter einer Skimaske verborgen? Anstatt Near einen völlig unsinnigen Besuch abzustatten hätte er lieber seinem V-Mann den Kopf wegpusten sollen. Near wusste garantiert, dass er wusste, dass er bespitzelt wurde. Es wurde höchste Zeit, diese Amateure loszuwerden...
Die Hitze in den Hotelfluren schien Mello zu erdrücken. Draußen war es nicht angenehm, aber doch wenigstens erträglich gewesen, in diesem Aufzug herumzulaufen. Hier aber tat eine moderne Zentralheizung ihr bestes, zahlende Gäste zu rösten. Das nächste Mal würde er auf die Verkleidung verzichten und in Badehosen kommen, das nahm er sich fest vor.
Zimmer 1311. Natürlich wurde es überwacht. Er konnte nicht ungesehen in Nears Kommandozentrale gelangen, aber das spielte keine große Rolle. Diesmal hatte er weder eine Geisel genommen, noch trug er eine Waffe bei sich. Es wäre ein leichtes gewesen, ihn aufzuhalten. Dass er es bis hierher geschafft hatte bedeutete folglich nichts anderes, als dass Near ihn sehen wollte.
Mello grinste stillvergnügt in sich hinein. Er hoffte, dass Near überrascht sein würde, wenn er ihn erkannte. Ihn einmal, nur ein einziges Mal aus der Fassung zu bringen, würde einen lang gehegten Traum in Erfüllung gehen lassen.
Erwartungsvoll drehte er den Türknauf. Wie er vermutet hatte, war nicht abgeschlossen. Im übertragenen Sinne war das eine Einladung.
In Nears Zimmer brannte kein Licht, nur kalter Mondschein fiel durch die großen Fenster. Es dauerte einige Sekunden, bis sich Mellos Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, dann konnte er seinen Gastgeber erkennen. Das erste Mal seit über einem Jahr.
Near saß mit dem Rücken zu ihm auf dem Boden und legte in atemberaubender Geschwindigkeit ein Puzzle, das keinerlei Motiv aufwies. Seine schmale Gestalt war in einen überdimensional riesigen weißen Pullover gehüllt, was ihn etwas verloren wirken ließ. Allem Anschein nach hatte er sich nicht verändert.
Erst, nachdem die Türe leise klappernd ins Schloss gefallen war, wandte er den Blick von seinem bizarren Zeitvertreib ab.
„Guten Abend“, grüßte er betont gelassen. „Lange nicht gesehen... Mello.“
Amüsiert betrachtete er, wie sein Besucher erst in eine Art Starre verfiel und dann mit einem resignierten Seufzen die Maske abnahm.
Eigentlich hatte er ein Restrisiko einkalkuliert. Die Wahrscheinlichkeit, dass er es wider aller Erwartungen doch nicht mit Mello zu tun hatte, hatte er auf ungefähr 25% geschätzt, also durchaus nicht zu unterschätzen. Aber es hatte sich gelohnt, das Risiko einzugehen. Er war sich sicher, dass Mello erwartet hatte, ihn mit seiner Wiederauferstehung auf dem falschen Fuß zu erwischen.
Was für ein naiver Glaube.
Es war ein unerwartet gutes Gefühl, Mello in seinem Zimmer  stehen zu sehen, lebendig und fassungslos wie eh und je, wenn er ihm den Wind aus den Segeln genommen hatte. Es hatte sich tatsächlich gelohnt, nähere Erkundigungen einzuziehen.
Zu behaupten, dass Mello enttäuscht war, wäre untertrieben gewesen. Für den Bruchteil einer Sekunde kochte blanke Wut in ihm hoch, doch bevor er ernsthaft in Erwägung ziehen konnte, Near dafür zu schlagen, dass er schon wieder alles wusste, was er eigentlich nicht wissen sollte, war sie auch schon wieder abgeklungen.
So wie es aussah, war wirklich alles beim alten und er konnte nicht umhin, diese Tatsache als ungemein beruhigend zu empfinden. War es das, was ihn hierher getrieben hatte? Die Suche nach einer Konstante in dem Chaos, das aus seinem Leben geworden war? Das klang irgendwie kitschig und so gar nicht nach ihm. Er sollte beizeiten etwas gegen den Gedanken unternehmen.
„Tse“, kommentierte Mello untypisch gleichgültig. „Eigentlich sollte das eine Überraschung werden. Ich hätte vielleicht doch lieber deinem V-Mann das Licht ausknipsen sollen“
Near wandte sich wieder seinem Puzzle zu. Er kippte die Teile zurück auf den Boden und begann, sie in Windeseile erneut zusammenzusetzen. Mello nahm es als sicheres Indiz dafür, dass sein Gehirn auf Hochtouren arbeitete.
„Das hättest du bestimmt nicht getan“, erklärte Near, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. „Du hast meinen Ermittler doch nur akzeptiert, weil du mir irgendeinen Hampelmann als Boss verkaufen  wolltest, um deine Ruhe vor meinen Ermittlungen zu haben.“
„Du hast Recht“, bestätigte Mello Nears Hypothese und ließ dabei geflissentlich außer Acht, dass er sich noch vor ein paar Monaten eher die Zunge abgebissen hätte, als Near in irgendetwas Recht zu geben. „Ich hab es nicht für unwahrscheinlich gehalten, dass du den Köder schluckst. Schließlich bin ich davon ausgegangen, dass du mich für tot hältst und deshalb dazu neigst, deinen Gegner zu unterschätzen.“
Near gab sich unbeeindruckt. „Du überschätzt dich“, stellte er fest. „Denkst du Near wird unvorsichtig, nur weil Mello tot ist? Das ist nicht logisch. Aber Mello...“ Mit ruhigen koordinierten Bewegungen hob er das bereits zum zweiten Mal vollendete Puzzle auf, legte es auf seinem Schreibtisch ab und ging ein paar Schritte auf seinen Gast zu. Er musterte ihn genau. Wie automatisiert wickelte er eine Strähne seine kurzen, hellen Haare um den Finger.
Sollte er das wirklich tun? Es war so gar nicht seine Art. Andererseits war es bestimmt nichts ungewöhnliches... Welches menschliche Verhalten wäre in dieser Situation wohl sozialtypisch? Er hatte nur eine recht vage Vorstellung davon, aber er beschloss, es zu riskieren.
„Ich bin froh, dass du noch lebst“, vollendete er den Satz und brachte es nach kurzem Zögern tatsächlich fertig, Mello in eine feste, entschlossene Umarmung zu ziehen. Das Futter seiner dicken Winterjacke ließ sich leicht zusammendrücken. Er konnte den altbekannten, schlanken Körper darunter spüren.
War das richtig so? War es das, was der Normalbürger an seiner Stelle getan hätte? Gut möglich. Er hielt es jedenfalls nicht für falsch. Es war angenehm, zu spüren, dass Mello noch da war. Wenn er ihn nicht berührt hätte – hätte er dann sicher sein können, dass er nicht träumte? Er hatte gehört, dass das Unterbewusstsein in der Lage war, Wunschvorstellungen in Träumen lebendig werden zu lassen. Und er hatte sich gewünscht, dass Mello zurückkam, das konnte er nicht leugnen.
Über das Warum hatte er sich gar nicht erst den Kopf zerbrochen, es war in höchstem Grade irrelevant. Zum ersten Mal in all den Jahren, die er Mello schon kannte, nahm Near ihn so bewusst wahr. Normalerweise hielt er sich von Menschen fern und so war es ein seltsames Gefühl einen anderen Körper so nah an seinem zu spüren. Selbst durch die Jacke hindurch konnte er die Wärme fühlen, die von Mello ausging. Er roch sehr intensiv nach bitterer Schokolade und irgendetwas, das Near nicht näher bestimmen konnte. Vermutlich war es sein Eigengeruch. Die vielen neuen Sinneseindrücke drohten, ihn unter sich zu begraben. Trotzdem ließ er nicht los.
Mello zuckte erschrocken zusammen, als sich Nears Arme aus heiterem Himmel um seinen Oberkörper schlangen. Er war zu perplex, um ihn wegstoßen zu können.
Was passierte hier? Was war mit dem undurchschaubaren, alleswissenden und komplett asozial veranlagten Near geschehen, den er kannte? Hatte er nicht gerade noch festgestellt, dass sich nichts verändert hatte?
Völlig reglos stand er da. Near... war froh, dass er noch lebte? War das ein Witz? Nicht einmal er selbst hatte sich darüber freuen können!
War es, weil er ihm damals geholfen hatte? Weil sie sich schon so lange kannten? Weil ihm einfach langweilig war?
Nein, das Warum war irrelevant. Was ihn wirklich aus der Fassung brachte, war, dass Near allen Ernstes behauptete, froh zu sein. Das hieß nichts anderes, als dass Near Gefühle hatte. Eine Tatsache, die zwar anzunehmen, aber kaum zu glauben war. Und mit einem Near, der Gefühle zeigte, war Mello schlichtweg überfordert.  
Nears Griff war fester, als er es ihm jemals zugetraut hätte und anscheinend dachte er im Traum nicht daran, ihn so bald wieder loszulassen. Er spürte seinen warmen, gleichmäßigen Atem am Hals, seine Haare kitzelten auf der Haut. Mello wusste nicht, wohin mit seinen Händen, geschweigedenn, was er sagen sollte. Das war einfach nicht normal.
„Also ich... uhm...“, er verfluchte sich dafür, dass es ihm so schwer fiel zu sprechen. Eigentlich hatte Mello gehofft, Near überraschen zu können und jetzt war es doch wieder Near, der ihn aus dem Konzept brachte.
Er spürte, dass der Detektiv den Kopf hob. Seine Haare streiften beiläufig die Brandnarbe, die seine linke Wange entstellte. Er sah Mello direkt in die Augen, doch sein Blick war nicht zu deuten. Das war eindeutig zu viel. Was auch immer hier vor sich ging, es ging über Mellos Verstand.
„Ich... Ach, halt die Fresse! Beschäftige dich lieber mit deinem verdammten Puzzle!“, fauchte er und kam sich vor wie eine in die Ecke gedrängte Katze, die in letzter Verzweiflung die Krallen ausfuhr.
Kurzentschlossen packte er Near an den Schultern und drückte ihn weg, während er sich hektisch ein paar Schritte zurück bewegte. „Ich kann dir nur raten, deinen Ermittler abzuziehen, sonst bekommst du ihn in Einzelteilen zurück.“
Mello konnte sich denken, dass seine Drohung nicht besonders überzeugend wirkte, zumal er sie mit einer raschen Flucht verband. Er brauchte keine vier Sekunden, um sich Skimaske und Kapuze wieder überzustreifen, Near die Türe vor der Nase zuzuknallen und den Flur entlang zu rennen.
Auch diesmal konnte er ungestört passieren. Erst, als er das Hotel weit hinter sich gelassen und sein Motorrad erreicht hatte, blieb er keuchend stehen.
Täuschte er sich oder hatte er sich gerade ziemlich lächerlich gemacht? Was zum Teufel war nur in ihn gefahren? Er hatte schon immer ein winziges bisschen zu Kurzschlussreaktionen geneigt, aber im Normalfall umfasste das keine spontane Flucht. An sich war auch nichts seltsames daran, dass sich alte Bekannte freuten, tot geglaubte leben zu sehen. Wirklich seltsam war nur, dass Near anscheinend traurig über seinen Tod gewesen war. Und das, obwohl sie sich noch nie hatten leiden können.
Oder sprach er da nur für sich selbst?
Near hatte ihn genau genommen nie explizit abgelehnt. Near war die Gleichgültigkeit in Person. Hatte er gedacht. Genau diese emotionale Kälte hatte ihn doch oft wütender gemacht, als er es eigentlich gewesen war.
Er verstand überhaupt nichts mehr. Und das schlimmste war, dass er keinen besten Freund mehr hatte, bei dem er sich darüber beschweren konnte. War es tatsächlich sein Ziel gewesen, die Vergangenheit endlich zu begraben, so war er gründlich gescheitert. Nie zuvor hatte er Matt so sehr vermisst wie in diesem Augenblick.
Mellos Augen brannten unangenehm und er wusste, er würde weinen, auch wenn es bestimmt das letzte war, was er wollte. Hastig riss er sich die Maske vom Kopf und zog stattdessen den neuen, schwarzen Motorradhelm über. Noch immer glaubte er, Nears schmalen Körper an seiner Brust zu spüren. Near, der die Distanz plötzlich nicht mehr einhielt, die sie ihr ganzes Leben hindurch begleitet hatte. Er hätte Matt gerne gefragt, was er davon zu halten hatte. Aber selbst wenn er es tat – er würde keine Antwort erhalten.
Kalter Fahrtwind zerrte an seinen Kleidern. Er nahm die Tränen kaum wahr, die heiß und salzig über seine Wangen liefen, und das war nur gut, wenn er noch ein letztes bisschen Selbstachtung bewahren wollte. Was würde Matt sagen, wenn er ihn so sehen könnte? Es war lachhaft. Zudem durfte er trotz allem nicht vergessen, dass Near sein Feind war. Auch wenn er ihn – so verrückt das auch klang – vermisst hatte, konnte er sich keinen Fehltritt erlauben, wenn er nicht das Gefängnis von innen begutachten wollte. Near stand auf der Seite des Gesetzes. Er nicht. Und es war auch nicht schade darum. Near war Ls rechtmäßiger Nachfolger. Auf Seiten des Gesetzes war kein Platz mehr für ihn.
So schnell wie in dieser Nacht war Mello selten durch die Straßen gerast. Es grenzte an ein Wunder, dass er lebendig in der Bruchbude ankam, die er zur Zeit sein zu Hause nannte. Wäre er unterwegs gegen eine Hauswand gefahren, hätte es ihn vermutlich nicht einmal besonders gestört. Friedhof, Knast, Krankenhaus... All das erschien ihm gar nicht mehr so unattraktiv. Beschissener konnte sein Leben sowieso nicht mehr laufen.
Geistesabwesend öffnete er das Vorhängeschloss und betrat das Gebäude. Ein altes, leerstehendes Lagerhaus.
Kaum drei Tage zuvor hatte er selbst noch in einem Hotel gewohnt, und nicht einmal in einem schlechten. Dann aber hatte er sich selbst kurzfristig ausquartiert, um das Feld für Near zu räumen. Er sollte den falschen Boss dort vorfinden, wo er ihn aller Wahrscheinlichkeit nach von Anfang an vermutet hatte, während er selbst das Geschehen aus sicherer Entfernung verfolgte. Es gab unendlich viele abbruchreife Lagerhäuser, vor allem in der Hafengegend. Es war so gut wie unmöglich, ihn hier zu finden, zumal er niemandem gesagt hatte, wo er sich befand. Alles andere wäre schlichtweg dämlich gewesen. Schließlich hatte er vor, Near die ganze Bande von Möchtegernmafiosi zum Fraß vorzuwerfen. Da war es besser, wenn niemand seinen Aufenthaltsort kannte. So konnte ihn auch niemand verraten. Die Kerle taugten nichts. Wenn sie ihn nicht weiterbrachten, war es nur vernünftig, sich beizeiten wieder von ihnen zu trennen.
Er schloss die Türe sorgfältig hinter sich ab, warf Motorradhelm und Jacke achtlos zu Boden und verzog sich auf direktem Wege ins Bett. Alles in allem wäre er gerne tot umgefallen. Oder einfach eingeschlafen. Leider lag beides nicht im Bereich des Möglichen. Er war viel zu aufgedreht, um auch nur an Schlaf zu denken.
Geistesabwesend schälte er eine Tafel Schokolade aus der Verpackung und biss hinein. Nebenbei strampelte er sich die Hose von den Beinen und beförderte sie auf den schmutzigen, kalten Betonboden. Sein T-Shirt folgte. Vor dem Fenster rieselte noch immer der Schnee.
Matt...
Mello fühlte sich so leer, er hätte kotzen können. Erschöpft ließ er sich in die Kissen fallen, knüllte das Schokoladenpapier zusammen und schmiss es an die gegenüberliegende Wand. Seine Augen brannten unangenehm. Er legte eine Hand auf sein Gesicht und fuhr mit dem Daumen über die nasse Haut. Warum konnte er nicht aufhören? Es war nicht seine Art, zu heulen wie ein kleines Mädchen.
Schokolade. Er brauchte mehr Schokolade. Drei Tafeln hatte er noch, vielleicht vier. Das musste reichen. Am liebsten hätte er Matt zusammengeschlagen, dafür, dass er tot war. Und Near erst recht. Was dachte sich dieser Bastard dabei, ihn anzufassen?! Er hatte es ihm nicht erlaubt, er... Er hatte ihn nicht zurückgestoßen.
Mello kam sich albern vor. Wie ein Schulmädchen mit Liebeskummer vielleicht. Warum war er weggelaufen? Warum saß er halb nackt und weinend in seinem Bett und stopfte sich mit Schokolade voll? Wenn er schon so tief gesunken war – warum hatte er sich dann nicht längst die Kugel gegeben?
Weil es feige gewesen wäre. Er musste endlich aufhören wegzulaufen. Immerhin war er ein erwachsener Mann.
Laut Personalausweis zumindest...

Near saß auf dem Boden, die Beine an die Brust gepresst, und starrte die Türe an. Es sah ganz so aus, als hätte er etwas falsch gemacht.
Wie immer hatte er Recht behalten. Der, hinter dem er schon seit geraumer Zeit her war, war wirklich Mello. Es hatte ihn ehrlich fasziniert, wie glücklich er darüber gewesen war. Er hatte nicht einmal beabsichtigt, Mello festzunehmen. Warum war er weggelaufen? War es so falsch gewesen, ihn zu umarmen? Er hätte Matsuda doch noch einmal fragen sollen. Wahrscheinlich war er sich zu sicher gewesen.
Nun, im besten Fall hatte er etwas dazugelernt. Er war sich zu 78,5% sicher, dass Mello zurückkommen würde. Wenn er schon nach all der Zeit beschlossen hatte, bei ihm vorbeizuschauen, musste es dafür einen Grund geben und nachdem er Hals über Kopf geflohen war, obwohl sie kaum drei Worte gewechselt hatten, hatte sich besagter Grund aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht in Wohlgefallen aufgelöst.
Aber bis Mello wiederkam, konnte es nicht schaden, sich ein bisschen weiterzubilden. Auf zwischenmenschlichem Sektor. Er hatte nicht vor, ihn wieder zu vergraulen.
Trotzdem war es irgendwie schade. Er hatte nicht das Gefühl, tatsächlich einen Fehler gemacht zu haben. Wenn er genauer darüber nachdachte, dann hatte er es eigentlich als angenehm empfunden. Eine interessante Erfahrung.
Near griff nach einem Stapel Karten und begann, mit geschickten Fingern ein mehrstöckiges Gebäude daraus zu bauen. Darin war er gut, unbestritten. Im Mello-Verstehen hingegen schien er objektiv betrachtet eine ziemliche Niete zu sein. Er musste in aller Ruhe darüber nachdenken. Vielleicht fand er doch noch eine logische Erklärung.
Und wenn er schon dabei war, konnte er auch gleich versuchen in Erfahrung zu bringen, was mit ihm selbst nicht in Ordnung war. Er fühlte sich nicht gut. Vielleicht wurde er krank? Seine Beine waren kraftlos, seine Finger zitterten und sein Herz schlug ungewöhnlich schnell. Sollte er deswegen zum Arzt gehen? Das war eine Überlegung wert. Aber es hatte Zeit bis zum nächsten Morgen.
Ein Blick auf die Zeitanzeige seines Laptops gab Near zu verstehen, dass es an der Zeit war, sich schlafen zu legen. Er war seit guten 32 Stunden auf den Beinen. Möglicherweise war es der Schlafmangel, der ihm so schwach zumute werden ließ.
Da er das Kartenhaus nicht halb fertig stehen lassen wollte, verpasste er ihm noch ein provisorisches Dach,  bevor er sich erhob und im Bad verschwand.

Es war kurz vor fünf, als Mello die Augen aufschlug. Im Zimmer war es unglaublich heiß, gefühlte 42°C, wenn nicht mehr. Schlichtweg unerträglich. Er hatte anscheinend nicht besonders ruhig geschlafen, denn anders ließ sich kaum erklären, dass seine Füße unter dem Kopfkissen steckten und sein Kopf über der Bettkante baumelte. Das Laken war nass geschwitzt und das Atmen fiel ihm erschreckend schwer. Trotzdem konnte er sich nicht dazu aufraffen, aufzustehen.
Wie eine überdimensionale Raupe kroch er zum Fenster und riss es weit auf. Ein eiskalter Wind fegte durch das Zimmer, trug dicke Schneeflocken herein und machte aus gefühlten 42°C reale -7°C.  
Seufzend strich Mello sich die verklebten Haare aus dem Gesicht. Auf seinem Körper breitete sich rasant eine Gänsehaut aus. Das war nun wieder etwas zu kalt.
Frustriert wickelte er sich in seine Bettdecke. Er wollte einfach nur schlafen. War das denn zu viel verlangt? In kaum 48 Stunden war er diesen Haufen hoffnungsloser Versager endlich wieder los und das allein sollte Grund genug zur Freude sein. Es war wirklich gut gewesen, ihnen sein Gesicht nicht zu zeigen. So würde es keine Phantombilder geben. Sein Handy hatte er auch ausgetauscht, in das Hauptquartier 'seiner Leute' hatte er nie auch nur einen Fuß gesetzt. Dass ein fleißiger Mitarbeiter der Spurensicherung plötzlich seine DNA aus dem Hut zauberte, war folglich nicht zu erwarten. Er war perfekt abgesichert. Alles lief nach Plan. Sobald diese minderbemittelten Idioten hinter Gittern saßen, konnte er sich ein neues, sinnvolleres Betätigungsfeld suchen. Es war unwahrscheinlich, dass ihm jemand auf die Spur kam. Offiziell existierte er nicht mehr. Der einzige, der wusste, dass er überlebt hatte, war Near, und Near würde schweigen.
Near würde schweigen?
War sein Gehirn tatsächlich schon gestorben und rottete unter der Schädeldecke stillvergnügt vor sich hin oder warum dachte er so einen blühenden Unsinn?
Near hatte kein Interesse daran, ihn zu schonen. Vor einem Jahr hatte er ihn benutzt, um Informationen zu erlangen, die er nicht bekommen konnte. Deshalb, und nur deshalb, hatte er ihn gewähren lassen. Im Augenblick war er nicht von Nutzen. Im Gegenteil: er war derjenige, den er jagte. Ein Krimineller. Das war die traurige Wahrheit. Mello war einer der Menschen geworden, die er selbst verachtet hatte und Near war der Detektiv geworden, der er hatte sein wollen. Warum sollte Near ihn laufen lassen, wenn es ihm gelang zu beweisen, dass er ein gutes Jahr lang der Kopf eines heruntergekommenen Mafiaclans gewesen war?
Aber... Hatte er nicht behauptet froh zu sein, dass Mello lebte?
Der Gedanke war nach wie vor nicht leicht zu ertragen. Und noch weniger konnte Mello ertragen, dass er nicht leugnen konnte, dass sich irgendein Teil von ihm darüber freute. Near nicht mehr hassen zu können war eine Sache. Aber tatsächlich etwas Positives an ihm zu finden stand an für sich außer Diskussion.
In einem Anflug spontaner Verzweiflung vergrub Mello das Gesicht in seinem Kopfkissen. Der Duft von Schokolade stieg ihm in die Nase. Vielleicht war es keine besonders gute Idee gewesen, mit einer halben Tafel Edelbitter in der Hand einzuschlafen... Andererseits war das auch schon egal. Wenn er schon darüber hinwegkommen musste, dass er sich stundenlang weinend im Bett versteckt hatte, dann konnte er auch schokoladenverschmiertes Bettzeug wechseln.
Im Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als wieder einzuschlafen. Und ganz eventuell nie wieder aufzuwachen, damit er nicht noch einmal einen dieser schrecklichen Tage erleben musste.
Es war der Tag nach Matts Todestag und er lag um fünf Uhr morgens wach im Bett und versuchte allen Ernstes, Nears verquere Aktion zu verstehen. Wie tief hatte er noch vor zu sinken? So tief wie nur irgend möglich, wie er sich kannte.
Vor Matts Tod hätte er niemals zugelassen, dass es dermaßen bergab ging. Und vor Ls Tod erst recht nicht. Konnte es wirklich sein, dass es allein diese beiden Menschen gewesen waren, die ihn auf den Beinen gehalten hatten, weil er geglaubt hatte, so etwas wie einen Sinn in seinem Leben zu sehen? War er so schwach, dass er ohne sie nicht weitermachen konnte? Mello hatte den Eindruck, dass seine Selbstachtung unaufhörlich weiter ins Bodenlose sank.
Der einzige, der ihm aus seiner bewegten Vergangenheit geblieben war, war Near. Und der hatte es doch tatsächlich geschafft, ihn völlig von den Füßen zu holen, weil er es gewagt hatte, den Graben, der zwischen ihnen gewesen war solange er denken konnte, zu überbrücken.
Vielleicht war es ihm nicht einmal schwer gefallen. Nach Ls Tod und Kiras Festnahme gab es an sich auch keinen Grund mehr, sich voneinander zu distanzieren. Dass sie nicht länger Kontrahenten waren, hatte schließlich sogar Mello selbst begriffen. Darüber hinaus war er es gewesen, der Nears Nähe gesucht hatte. Es wäre einfach gewesen, ihm durch die Finger zu schlüpfen und unterzutauchen. Was also hatte ihn dazu getrieben, überhaupt noch einmal mit Near zu sprechen, wenn nicht der simple, wenn auch schwer begreifliche Fakt, dass er ihn vermisst hatte?
Mellos Gedanken drehten sich im Kreis und das war ihm nur allzu bewusst. Er wollte nicht mehr denken. Und das, obwohl er immer sehr stolz auf die außergewöhnliche Leistungsfähigkeit seines Gehirns gewesen war. Near. Es machte ihn wütend, dass er ihn überhaupt nicht mehr aus dem Kopf bekam. So wie es aussah ließ er ihn nicht einmal mehr schlafen. Selbst jetzt, gut einen halben Tag später, konnte er seine Präsenz spüren, als hätte er ihn einfach nicht losgelassen. Sein schmaler, warmer Körper, sein fester Griff, fremder Atem an seinem Hals und weiches Haar an seiner Wange – alles war noch da. Wenn er daran dachte, konnte er es fühlen. Und das machte ihm Angst.
Wäre es nicht Near gewesen, um den es hier ging, hätte ihm all das vielleicht Hoffnung gegeben, aber so wie die Dinge standen ließ es ihn langsam aber sicher verzweifeln. Near hatte immer sein Denken beherrscht, das konnte er nicht bestreiten, aber niemals in dieser Intensität. Mello konnte nicht akzeptieren, dass es sich gut anfühlte. Unmöglich. Egal wie – er musste sie loswerden, diese vollkommen irrationale Besessenheit.

Der 29. Januar war ein unerwartet warmer und sonniger Tag. Als Mello die Kapuze seiner Winterjacke zurückschob und in den makellos blauen Himmel hinauf sah, kam es ihm beinahe ironisch vor. Die Welt um ihn herum war bunt und voller Leben und er selbst stand hier, im scheinbar endlosen Schatten eines Wolkenkratzers und beobachtete stumm, wie ein nicht unbeträchtliches Aufgebot von Polizeibeamten das Nest des Mafia-Clans aushob, dem er ein ganzes Jahr lang vorgestanden hatte.
Near war seiner Einladung gefolgt. Natürlich bedauerte er die Männer nicht, die dort in Handschellen gelegt und abgeführt wurden, um im Gefängnis einer ungewissen Zukunft entgegen zu sehen. Sie waren dumm, schwach, nutzlos. Deshalb hatte er sie wissentlich und willentlich ans Messer geliefert. Trotzdem kam es ihm vor wie ein böser Scherz, dass sie ausgerechnet an einem so schönen Tag an einen Ort gehen sollten, an dem sie das Sonnenlicht für unbestimmte Zeit nicht mehr erreichen konnte.
Es war unbestritten ein besonderer Tag. Mello lachte freudlos in sich hinein. In den letzten zwei Tagen hatte er viel nachgedacht, vielleicht sogar ein bisschen zu viel für seinen Geschmack, und war zu dem Schluss gekommen, dass es an der Zeit war, all dem ein Ende zu setzen, das ihn daran hinderte endlich wieder frei und Herr seiner selbst zu sein. Erinnerungen konnte er nicht töten, das war ein Fakt. Aber nichts hinderte ihn daran, zu töten, was sie hervorrief.
Der Einsatz der Polizei war längst nicht beendet, als Mello sein Versteck verließ und zu seinem Motorrad, das er nicht weit entfernt geparkt hatte, zurückkehrte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sein eigenes Vorhaben nicht überleben würde – sollte er tatsächlich Erfolg haben – war hoch, doch das bereitete ihm kein Kopfzerbrechen. Vermutlich war ihm der Tod nach all dem sogar recht willkommen, er konnte es nicht sagen.
Die Waffe, die er unter seiner Jacke trug schien sich durch das dünne Leder seines Oberteils hindurch zu brennen, als wollte sie einen hässlichen Abdruck auf seiner Haut hinterlassen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, dass es etwas besonderes war, einen anderen Menschen zu töten. Ein besonderes Gefühl an einem besonderen Tag. Der Gedanke gefiel ihm.
Denn dieser Tag, der 29. Januar, sollte Nears Todestag werden.

Gedankenverloren zwirbelte Near eine Strähne seiner bleichen Haare zwischen den Fingern, ungeachtet dessen, dass er sich durch diese Behandlung bereits mit ein paar widerspenstigen Löckchen geschmückt hatte, und starrte wie gebannt auf die Monitore der Überwachungskameras, die er überall im und an dem Hotel hatte anbringen lassen, in dem er zu Zeit residierte. Es war ein bisschen langweilig, hier auf Mello zu warten, aber durchaus nicht nutzlos. Lange konnte es nicht mehr dauern, auch, wenn er sich mit seiner Rückkehr deutlich mehr Zeit ließ, als Near zunächst angenommen hatte.
Es sah Mello nicht ähnlich, so lange zu warten, bis er in Aktion trat. Bisher hatte er dazu geneigt die Dinge zu überstürzen, ohne die Details hinreichend durchdacht zu haben. Nicht in einem Maße, dass es fatal gewesen wäre, aber doch offensichtlich. Was ließ ihn zögern?
Je länger Near darüber nachdachte, desto seltsamer kam ihm sein Benehmen vor. Ihr erstes Zusammentreffen nach so langer Zeit hatte Mello verwirrt, weil es nicht verlaufen war, wie er es sich vorgestellt hatte, dessen war er sich sicher. Aber konnte es ihn wirklich so sehr ins Wanken gebracht haben?
Matsuda hatte gesagt, dass das, was Near getan hatte, ein Zeichen der Zuneigung und demzufolge etwas war, wovon er nichts verstand. Near fragte sich seitdem, ob es denn tatsächlich möglich sein konnte, etwas zu empfinden, das man nicht einmal begreifen geschweige denn in Worte fassen konnte. Es schien ihm nicht besonders logisch zu sein. Aber wenn wirklich ein so unbestimmter Begriff wie 'Zuneigung' im Spiel war – sollte dann nicht am ehesten Mello derjenige sein, der es verstehen konnte? Oder ging er etwa immer noch von der unbegründeten Annahme aus, dass Near ihn nicht mochte?
Solange Near denken konnte, hatte er ihm niemals ausdrücklich zu verstehen gegeben, dass er ihn nicht leiden konnte. Er war es auch nicht gewesen, der sich so vehement gegen eine Zusammenarbeit gesträubt hatte. Trotzdem war Mello von dem vollkommen irrationalen Gedanken besessen gewesen, mit ihm in Wettstreit treten zu müssen. Damals, als sie noch Kinder gewesen waren.
Eigentlich war Near davon ausgegangen, dass sich die Situation inzwischen geändert hatte. Schließlich hatte Mello ihm aus freien Stücken geholfen, Kira zu fassen und somit letzten Endes doch eine Form der Zusammenarbeit zwischen ihnen ermöglicht.
Möglicherweise hatte er sich geirrt. Wenn das der Fall war und Mello ihn noch immer als Kontrahenten betrachtete, dann hatte er ihn in die Enge getrieben. Wenn er Mello so offen zu verstehen gab, dass er so etwas seltsames wie....'Zuneigung' für ihn empfand – zwang er ihn dann nicht indirekt, zuzugeben, dass der ewige Wettstreit zwischen ihnen ein Ende gefunden hatte?
Near fühlte sich etwas überfordert. Alles, was er mit Sicherheit wusste, war, dass er nicht wusste, woran er war. Sollte er Mello wirklich in irgendeiner Form in die Enge getrieben haben, musste er vorsichtig sein. In diesem Fall bestand die Gefahr, dass Mello aggressiv auf ihn reagieren würde, wenn sie sich das nächste Mal gegenüberstanden.
Near hatte diese Möglichkeit wohl in Betracht gezogen und alle notwendigen Vorkehrungen getroffen. Jetzt konnte er nur noch warten.
Einer der Monitore zeigte sein eigenes Zimmer. Insgeheim konnte Near nicht umhin, sich selbst zu loben. Es wirkte wirklich sehr überzeugend.

Das Hotel wurde so umfassend überwacht, dass Mello keinen Weg gefunden hatte, es ungesehen zu betreten und sich folglich gezwungen gesehen hatte, denselben Weg zu wählen wie bei seinem ersten Besuch. Er zweifelte nicht daran, dass Near ihn auch dieses Mal ungestört passieren lassen würde. Near würde sterben. Aber zugleich sah es ganz so aus, als wäre ihm unweigerlich der Fluchtweg abgeschnitten.
Ein bitteres Lächeln zeichnete sich auf Mellos Lippen ab. Es machte keinen Unterschied, ob er das Gebäude lebend verließ oder in einem grauen Plastiksarg hinausgetragen wurde. Alles was er wollte war, dass Near von dieser Welt verschwand. Er konnte das Gefühl nicht ertragen, ständig von ihm beherrscht zu werden. Nicht genug damit, dass er an nichts anderes mehr denken konnte, als an ihn, auch sein Körper erinnerte sich so intensiv an seine Berührung, dass es nicht mehr auszuhalten war. Er würde alles tun, um dem ein Ende zu setzen, und wenn es seinen Tod bedeutete.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Mello Zimmer 1311 erreichte, und als er leise die Türe aufschob, schien die Zeit endgültig zum Stillstand gekommen zu sein.
Die Vorhänge waren zugezogen und trübes Dämmerlicht machte die Atmosphäre stickig und schwer. Near saß mit dem Rücken zu ihm auf einem Drehstuhl. Das fahle Licht eines Computerbildschirms ließ seine Haare bläulich schimmern. Mellos Hand schloss sich fest um seine Pistole. Ein vertrautes Gefühl. Wenn er Near töten wollte, musste er es sofort tun, dessen war er sich bewusst. Er hatte schon einmal eine Waffe auf ihn gerichtet und es sich im letzten Augenblick noch einmal anders überlegt. Das durfte nicht passieren. Nicht an diesem Tag. Und er wusste es würde passieren, wenn er Near erst einmal zu Wort kommen ließ. Im Raum war es zu dunkel, um Details erkennen zu können, aber hell genug, um zuverlässig zu zielen. In einer einzigen schnellen Bewegung zog er die Waffe unter der Jacke hervor und drückte ab. Ein Schalldämpfer hatte den Knall fast vollständig geschluckt. Es war so still, dass Mello seinen eigenen Herzschlag hören konnte. Sein Puls ging viel zu schnell. Nears Körper fiel nicht zu Boden.
Mello war wie erstarrt. Sein Verstand schrie ihm zu die Beine unter den Arm zu nehmen und zu verschwinden, aber sein Körper wollte sich nicht bewegen. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen, seine Finger zitterten schwach.
War es ...zu Ende?

„Warum hast du mich erschossen, Mello?“
Mellos Herz setzte einen Schlag lang aus, als er Nears ruhige Stimme im Zimmer widerhallen hörte. Fast im selben Augenblick brach ein Schwall an Gefühlen und Erinnerungen über ihn herein, der ihm kalten Angstschweiß auf die Stirn trieb. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein! Er hatte Near getötet, gerade eben, er hatte die Waffe entsichert und den Abzug durchgezogen.
Ohne dass er so recht wahrnahm was er tat, hastete er zu der Gestalt, der er soeben eine Kugel durch den Kopf gejagt hatte, riss den Drehstuhl herum und konnte einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken, als ihm anstelle von Nears totem Körper eine Puppe entgegen fiel. Eine Welle von Verzweiflung überrollte ihn, konnte aber ein anderes Gefühl nicht unterdrücken, das sich irgendwo in seiner Magengegend breit gemacht hatte. Erleichterung.
Erschöpft sank er vor der Puppe auf die Knie, die Stirn an ihr Knie gelehnt, und ließ die Pistole zu Boden gleiten. Sie kam ihm auf einmal unendlich schwer vor. Er hatte keine Kraft mehr, sie zu halten. Mello nahm kaum wahr, dass Near wieder angefangen hatte über die Lautsprecher in seinem Zimmer mit ihm zu reden.
„Kannst du nichtmal gegen dich selbst verlieren? Ist es wirklich so schlimm für dich, dass du mich nicht hasst?“
Wieder war es still. Eine ganze Weile lang. Dann hörte er ruhige, gleichmäßige Schritte. Die Türe wurde weiter geöffnet und ein breiter Lichtstreifen zeichnete sich auf dem dunklen Parkettboden ab. Wie durch einen Nebel hindurch registrierte Mello, dass Near seine Pistole aufhob und auf den Schreibtisch legte. Dann spürte er, wie sich seine Arme um ihn legten wie eine Fessel und ihn an Nears schlanken Oberkörper pressten. Es war alles wieder da. Sein Körper, seine Wärme, sein Atem und die Haare, die ihn an der Wange kitzelten. Viel zu real, um es irgendwie zu ignorieren. Seine Augen brannten und seine Wangen wurden feucht. Er konnte nicht fassen, dass er schon wieder weinte.
„Ich habe keine Lust mehr auf diesen idiotischen Wettstreit“, erklärte Near gelassen. Mello konnte die Worte beinahe körperlich spüren, so nahe waren sie sich. „Ich dachte, er wäre inzwischen beendet. Um was geht es dabei überhaupt noch? Weißt du...“ Er hatte seine Stimme gesenkt. Die Unsicherheit war deutlich herauszuhören. „Es ist nicht so, dass ich dich nicht mag.“
Er lockerte seinen Griff, um Mello die Möglichkeit zu geben, sich daraus zu befreien, und somit zu verhindern, dass der Tag in einem Desaster endete, aber Mello stieß ihn nicht von sich. Stattdessen hob er den Kopf und drehte sich um. Er sah Near direkt in die Augen und stellte beinahe erfreut fest, dass es dem Detektiv schwer fiel, seinem Blick standzuhalten. Allein dieser kleine Sieg ermöglichte es ihm, die Überhand nehmende Fassungslosigkeit zurückzudrängen und den undurchschaubaren Gedankenwust in seinem Kopf zeitweise zu verdrängen. Es fühlte sich unglaublich gut an.
„Also...“ Es kostete Near einige Mühe, seine Sprache wiederzufinden. „Was ich für dich empfinde...“ Matsudas Worte klangen wie ein Mantra in seinen Ohren. „Was ich für dich empfinde... ist eher ein Gefühl der 'Zuneigung'.“
Mello hatte nicht mit Near sprechen wollen, weil er gewusst hatte, dass er ihn danach unmöglich würde töten können. Und auch Near schien damit gerechnet zu haben. Die Pistole lag noch immer in Mellos Reichweite, aber selbst wenn er gewollt hätte – er konnte nicht danach greifen. Seine Arme waren taub. Das warme Gefühl, das Nears Worte in ihm ausgelöst hatten, hatte ihn vollständig unter Kontrolle. Es war unmöglich, sich dagegen zu wehren.
Als Near eine Hand hob und sanft seine linke Wange berührte, spürte er, dass er zitterte. Und in diesem Moment begriff er, dass die ungewohnte Nähe für Near genauso seltsam und verwirrend sein musste, wie für ihn. Near war ihm so wahnsinnig nahe, dass er seinen Atem auf den Lippen fühlen konnte. Ohne, dass er richtig dessen gewahr wurde, was geschah, drifteten seine Augen zu und er überbrückte die letzten Millimeter, die sie voneinander trennten, um Nears Lippen mit seinen zu verschließen.
Schlagartig legte sich das Chaos in seinem Inneren, und auch, wenn ihm ein salziger Geschmack auf der Zunge verriet, dass ihm noch immer Tränen über das Gesicht liefen, fühlte er eine Ruhe, die ihm bisher unbekannt gewesen war.
Nears Hand wanderte in seinen Nacken und vergrub sich in den weichen, blonden Haaren. Er hatte nicht aufgehört zu zittern. Mello hatte es auch nicht erwartet.
Der 29. Januar war nicht der Tag, an dem Near sterben sollte.
Das Einzige, was an diesem Tag starb, war ein alter, überflüssiger Wettstreit. Und dass deshalb niemand Trauer tragen würde, war sonnenklar.
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