15 Gäste

von Rakios
GeschichteThriller / P18
26.10.2010
26.10.2010
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26.10.2010 11.670
 
Hi alle!

Hiermit stelle ich zum ersten Mal hier etwas ein. Die Geschichte ist schon Sommer 2008 entstanden, doch sie gefällt mir immer noch und ist eine würdige FanFiction. Zu sagen bleibt, dass die Story nach dem Spiel Oblivion spielt. Es kommt aber kein Spieler vor.
Okay, viel Spaß!

15 Gäste

Für Terek Nimis begann der Tag fantastisch. Ein herrlicher Sonnenaufgang konnte heute beobachtet werden. Zum ersten Mal freute er sich darüber, dass er wegen der Arbeit so früh aufstehen musste.
Während die Sonne allmählich ihren goldenen Schein über den Waldrand legte, der aus Tereks Fenster zu sehen war, bereitete sich der Mann auf seinen außergewöhnlichen Arbeitstag bei der Kaiserlichen Legion vor. Es stand heute ein großes Aufgebot an Wachen auf dem Plan, um den Besuch des Grafen von Anvil zu sichern. Seit dieser vor kurzer Zeit überraschend wieder aufgetaucht war, wollte jeder in der Kaiserstadt ihn einmal sehen, beziehungsweise von ihm eine Ansprache hören, die erklärte, wo er sich so lange befunden hatte und wie es mit seiner Eignung als Graf von Anvil aussah.
Terek war sicher, dass in Anvil eine noch bessere Zeit anbrechen würde. Nie hatte er an Graf Umbranox gezweifelt und immer geglaubt, dass er zu seiner Frau zurückkehren würde.
Umso stolzer war Terek Nimis jetzt, da er an diesem Tage zur Wachmannschaft gehörte; es war eine echte Ehre.

Es dauerte nicht lang, und die Rüstung war angezogen, der Proviant gepackt und alles bereit, um den Weg vom Wald östlich des Rumaresees bis zum Talos-Platz-Bezirk der Kaiserstadt zurückzulegen. Es war noch früh. Wenn er jetzt losging, konnte er sich etwas Zeit lassen und auf dem Weg den strahlenden Sonnenaufgang bewundern.
Also brach er frohen Mutes auf, um einen außerordentlich angenehmen Arbeitstag zu verbringen. Gekrönt wurde das ganze von der Aussicht auf den freien Tag, den sich Terek morgen einmal gönnen wollte.
Zielstrebig und lächelnd folgte er der nahen Straße bis in die Kaiserstadt.

Am Abend kehrte er zurück. Es war alles wunderbar gelaufen. Keine Zwischenfälle, keine Probleme. Einfach der perfekte Tag für eine Kaiserliche Wache. Als Terek die wenigen Treppen zur Haustür hochstieg, erinnerte er sich schmunzelnd an die erfolgreiche Arbeit, wie er zusammen mit seinen Freunden den Grafen und die Zuschauer vor den schlimmen Gefahren der zerquetschten Tomate auf dem Rednerpult und des streunenden Hundes bewahrt hatte.
Etwas Ungewöhnliches vor der Tür holte ihn die Realität zurück: ein Brief in einem schlichten weißen Umschlag. Er nahm ihn auf und betrat das Haus.
Drinnen zog er sich bequeme Kleidung an und setzte sich auf seinen Lieblingssessel, von dem aus er heute morgen den Sonnenaufgang und nun am Abend den Sonnenuntergang sehen konnte.

Jetzt war es an der Zeit, den Brief zu öffnen – dummerweise hatte er ihn im Eingangsbereich liegen lassen. Widerwillig raffte er sich auf und holte den Brief. Er las ihn an Ort und Stelle, schon weil er keinerlei Briefe erwartete.

„Geehrter Terek Nimis!
Ich möchte mich Euch als Der Gastgeber vorstellen. Mein Name ist eine Überraschung für Euch und die anderen Gäste, die ich zu einer kleinen Veranstaltung einzuladen gedenke.
Nicht weit nordöstlich der Kaiserstadt befindet sich ein hübsches Haus, das mir gehört. Dort habe ich ein kleines Spiel vorbereitet, das dem Gewinner sogar einiges einbringt.
Irgendwo im Haus befindet sich eine Truhe mit Gold! Waschechte Goldmünzen für den glücklichen Finder, der einer der Gäste sein wird. Vielleicht Ihr?
Sind alle Gäste morgen um 10 Uhr eingetroffen, so werde ich, ohne dass Ihr mich seht, die Tür verriegeln. Der Truhe mit Gold ist ein Schlüssel beigefügt, der die Eingangstür öffnet.
Wer also die Truhe und damit den Schlüssel findet, möge heraustreten und meine herzlichen Glückwünsche empfangen und kann selbstverständlich das ganze Gold behalten.
Ich stelle es mir als einen kleinen freundschaftlichen Wettkampf vor, der eine spaßige Abwechslung zum Alltag darstellen soll.
Ich freue mich auf den morgigen Tag und hoffe sehr auf Euer Erscheinen.

Dank im Voraus,
Der Gastgeber

PS: ausführliche Wegbeschreibung anbei“


Terek war überrascht. Eine wahrhaft unerwartete Einladung, die Identität des Gastgebers würde sicher eine wirkliche Überraschung sein. Er hatte keinerlei Idee.
Dennoch war er sofort entschlossen, dieses Angebot anzunehmen. Er mochte ungewöhnliche Aktivitäten, die auch Spaß versprachen – hier war sogar noch die Chance auf ordentlich Gold mit dabei! Nach einem schönen Tag wie diesem freute er sich bereits auf den nächsten… so müsste das Leben immer sein.
Nach seinen allabendlichen Kampfübungen mit seiner Trainingspuppe, die ihm einen stattlichen Körper eingebracht hatten, begab er sich sorglos und zufrieden zu Bett.
Morgen würde wieder ein toller Tag werden.


Zur selben Zeit, als Terek Nimis einschlief, schickte Der Gastgeber sich an, sich endlich von seinem Furcht einflößenden Gesprächspartner zu trennen.
„Ich will mein Gold gut angelegt wissen. Jeder von ihnen muss sterben!  Keiner darf entkommen! Und lasst sie zittern.“, stellte er klar.
Die Gestalt in der schwarzen Robe lächelte. Mehr war nicht zu sehen. Die Kapuze warf tiefdunkle Schatten über das Gesicht des Mannes, obwohl es bereits dunkel geworden war.
„Sorgt Euch nicht. Die Dunkle Bruderschaft wird ihrem Ruf immer gerecht. Sithis wird sich am Blut und der Furcht Eurer Gäste laben. Verlasst Euch darauf, dass Eure Wünsche restlos erfüllt werden.“
Damit verschwand der Mann in den Schatten. Dem Gastgeber war das auch lieber so. Mit Mördern, die irgendwelche finsteren Gottheiten anbeteten, wollte er nicht mehr als nötig zu tun haben.
Zum Glück würde dieses Gespräch dafür sorgen, dass jeder, mit dem er in letzter Zeit ein Hühnchen zu rupfen hatte, sterben würde. Er musste nicht einmal zugegen sein. Der Mann der Bruderschaft hatte sich bereiterklärt, sogar die Tür hinter den Gästen selbst zu verschließen.
Grimmig lächelnd machte sich Der Gastgeber nach Hause auf.

Im ersten Licht des nächsten Tages erwachte Terek.
Etwas verschlafen sah er sich um und schaute dann aus dem Fenster seines Schlafraumes.
Dieser Morgen war bewölkt und grau, was sich auch auf die Stimmung übertrug.
Außen auf dem Fensterbrett saß ein Rabe und sah mit eindringlichem Blick zu Terek hinein. Raben auf dem Fensterbrett - ein alter Magier hatte das einmal als böses Omen beschrieben.
Der Blick des Vogels war fast hypnotisierend…
Dann besann sich Terek und schüttelte eifrig den Kopf. Schnell hüpfte er aus dem Bett und der Rabe flog davon.
Da erinnerte sich Terek an die kleine Feier, die vor ihm lag. Seine Stimmung verbesserte sich sofort. Rasch zog er sich ordentlich an und aß etwas.
Die Reise sollte nicht all zu lang dauern, deshalb nahm er nur etwas Gold, eine Flasche Wasser und seinen Streitkolben sowie Schild mit.
Man konnte nie sicher genug sein. Bestimmt konnte er Waffe und Schild irgendwo im Haus ablegen.
Zwei Minuten später trat Terek hinaus in die morgendliche Waldluft. Nachdem er tief durchgeatmet und noch einmal sein kurzes dunkles Haar gerichtet hatte, machte er sich auf den Weg.

Die Reise verlief störungsfrei und war schneller zu Ende, als Terek erwartet hatte. Dank der Wegbeschreibung des Gastgebers hatte er das Haus schnell gefunden.
Das Haus selbst war schon die nächste Überraschung: es war eher eine Villa! Es sah von außen zwar nicht luxuriös aus, aber groß war es allemal. Mit viel Platz zum Verstecken von Goldtruhen.
Was Terek allerdings am meisten erstaunte, war, dass schon viele Gäste da waren und vor dem Eingang in einer mehr oder weniger dichten Gruppe zusammen standen. Er zählte schnell durch. Vierzehn.
Ein Mann von seriöser Erscheinung löste sich aus dem Pulk und rief Tereks Namen.
„Äh, ja…“, antwortete Terek zögerlich.
Der andere redete sofort weiter. „Wunderbar! Dann sind nun alle da. In unseren Einladungen stand jeweils der Name eines weiteren Gastes, nur auf Eurer nicht mehr. Wir sind doch jetzt fünfzehn, oder?“ Ein schneller Blick in die Runde, nickende Gesichter. „Hervorragend! Das wird ein Riesenspaß.“

Eine Frau in einem einfachen Kleid meldete sich zu Wort und schlug vor, dass nun alle hineingehen sollten. Drinnen könnten sich alle untereinander vorstellen. Niemand hatte Einwände, und so begaben sich alle ins Gebäude.
Hinter ihnen fiel die schwere Eingangstür wieder ins Schloss. Das Geräusch hallte kurz nach.
Terek ließ erst einmal das Gebäude auf sich wirken und studierte seine neue Umgebung.
Wie von außen zu erkennen, war das Haus sehr geräumig. Die Eingangstür mündete in einen kargen, quadratischen Flur, von dem aus man den Rest des Hauses betreten konnte.
Terek sah keine Türen, das ganze Haus schien ein Raum zu sein. Wer’s mag…, dachte er.

Hinter ihm ertönte ein schweres, klackendes Geräusch. Der Gastgeber hatte sie wie angekündigt jetzt eingeschlossen. Nach ein paar kurzen freudigen Geräuschen aus der Gruppe, sowie einem „Jetzt geht’s los!“, sprach wieder der Mann, der Terek begrüßt hatte.
„In Ordnung, ich würde sagen, wir stellen uns kurz vor und suchen dann die Truhe!“ Zustimmende Rufe.

Nun stellte sich jeder der Gäste kurz und unverfangen mit seinem Vornamen vor, sprach ein, zwei Sätze und dann kam der nächste dran.
Terek sah den Leuten aufmerksam zu. Es war wirklich ein bunter Haufen.

Ordeng, der Mann, der Terek vor dem Haus angesprochen hatte. Er war etwa 45 Jahre alt und trug teure und feine Kleidung. Er machte einen guten Eindruck und war gleichzeitig sehr offen, fast aufdringlich.

Mohna, die einzige andere Person, die in Tereks Beisein etwas gesagt hatte. Sie trug ein einfaches langes Kleid in dunkelblauer Farbe. Sie war vielleicht 50 Jahre alt und schien recht angenehm.

Ligg, ein junger Kerl von ungefähr 18 Jahren. Er sprach schnell und im Jugendstil. Seine Kleidung bestand aus einem dünnen Oberteil mit kurzen Ärmeln und einer Dreiviertelhose; außerdem hatte er auffällige rote Schuhe an. Seine Haare waren braun und mit irgendwelchen Stoffen so gefestigt worden, dass sie nach oben standen, in kleinen Spitzen. Er war Terek nicht so sympathisch.

Anitan, ein ziemlicher Schnösel, wie es Terek schien. Er betonte seine adlige Abstammung und dass er nicht alles Gold für sich behalten würde, sollte er gewinnen. Er trug protzige rote Kleidung, mit goldenen Fäden durchzogen.

Mogont, wohl der älteste Teilnehmer dieses Suchspiels. Er war sicher über 75 Jahre alt und seine Kleidung war mindestens genau so altertümlich. Passend zu seiner Erscheinung benahm er sich auch. Eine recht konservative Person, jedoch nicht unbedingt unfreundlich.

Tanah, eine 33-jährige Frau von recht hübscher Erscheinung, fand Terek. Sie trug eine lange Hose und ein ärmelloses Oberteil. Die blonden Haare fielen ihr bis zu den Schultern etwas lockig herunter. Sie war freundlich, aber offensichtlich waren ihr so viele Fremde nicht all zu angenehm.

Ravice, eine junge Frau von 19 Jahren. Ihr Oberteil war dunkel und mit langen Ärmeln, dazu trug sie einen kurzen Rock und dunkle absatzlose Stiefel, die nicht so hoch waren wie die von Anitan. Ihre weißen Haare trug sie lang und offen, ein paar Strähnen im Gesicht.
Sie schien recht schüchtern und nervös zu sein, angesichts der vielen Leute.
So stellte sich Terek das typische Kaiserstadt-Mädchen vor.

Robos war nun an der Reihe. Ein wahrer Riese von einem Mann, bullig und wortkarg. Er sagte nur, er sei ein Krieger und dass er erst vorgestern eine Höhle voller Monster gesäubert habe. Er hatte eine Glatze und mochte vielleicht 35 Jahre alt sein. Außerdem war er von dunklerer Hautfarbe und schien ein echt harter Kerl zu sein. Unter seiner einfachen, billigen Kleidung befanden sich sicher Muskelberge. Auf Terek wirkte er einfach nur einschüchternd, fast bedrohlich.

Kint, ein spindeldürrer Mann mittleren Alters. Er trug durchschnittliche, einfache Kleidung und sprach leise, mit den Augen auf den Boden gerichtet. Ein Strich in der Landschaft, der kein Wort zuviel verlor, wenn man die „ähms“ nicht mitzählte.

Turius, ein Prahlhans. Zuerst sagte er einiges über die mutigen Aktivitäten, die er in dieser Kleidung schon erlebt habe (ein einfaches Wams und eine grüne weite Hose). Seine schwarzen Haare waren streng nach hinten gekämmt.
Er war auch der einzige außer Terek, der offen eine Waffe trug. Im Gegensatz zu Terek, der seinen Streitkolben und Schild bereits abgelegt hatte, trug Turius ein Langschwert an der Hüfte.

Wentika, eine Frau Mitte 40 mit strengem Gesicht. Ihre Stimme war hart, sie erzählte, dass sie ziemlich arm sei und auch darum hier war, nicht nur weil es eine nette Veranstaltung war. Sie hatte einen langen Rock in einfachem Braun an, der schon nicht mehr in ganz perfektem Zustand war. Ihr Oberteil war ein Sackleinenhemd.

Pingo, ein Mann um die 25, der bunte lange Kleidung trug. Er war kaum zu halten und richtig aufgedreht, mit beinah kindlichem Übereifer wollte er auf die Suche nach der Goldtruhe gehen. Obwohl er sich seltsam benahm, war er Terek auf seine Art sympathisch.

Zenira, eine Frau in leichter Lederrüstung. Sie war offen und gesellig. Ihr Alter musste zwischen 30 und 35 Jahren liegen. Sie erzählte, dass sie eine Jägerin sei und hauptsächlich für das Gasthaus „Zum Futtertrog“ im Marktbezirk der Kaiserstadt Rehe jage. Ihr Bogen sei ihr ganzer Stolz, doch den habe sie heute mal zu Hause gelassen. Terek fand diese Frau etwas seltsam.

Nun musste Terek sich selbst vorstellen. Er erzählte kurz von seiner Arbeit bei der Kaiserlichen Wache und übergab dann das Wort an den letzten Gast.

Es war ein junger Mann namens Suvar. Er trug dunkle Kleidung, die nirgends eng anlag und seine Erscheinung ein wenig verbarg. Seine dunklen Haare fielen ihm teilweise ins Gesicht.
Er sprach normal, wenn auch kühl und ruhig. Da war aber noch etwas Kaltes in seinen Augen, das Terek nicht gefiel.

Nun, da sich alle vorgestellt hatten, entstanden ein paar Sekunden der Stille.
Dann meldete sich wieder Ordeng zu Wort: „Tja, nun gut, wunderbar. Dann kann es ja jetzt losgehen! Auf, auf, erkunden wir das Haus, Zeit zu tun, wozu wir hergekommen sind!“
„Ja, auf zu Gold, Ruhm und Ehre!“, frohlockte Pingo.
So teilte sich die Gruppe der Gäste frohen Mutes auf und schwärmte im Haus aus.
Vom Eingangsbereich weg führten zwei Treppen jeweils rechts, beziehungsweise links in eine zweite Etage. Näher an der Eingangstür befanden sich Durchgänge zu weiteren Teilen des Erdgeschosses. Terek schlug eine zufällige Richtung ein. Er ging die rechte Treppe hoch und stellte dort fest, dass das Haus wohl tatsächlich keine Türen im Innern hatte. Trotzdem waren die beiden Etagen in Abschnitte unterteilt. Im Obergeschoss hauptsächlich durch hohe Bücherregale oder Schränke. Unten im Erdgeschoss waren dagegen viele Wände mit Durchgängen zu finden. Auch entdeckte Terek, dass man an den äußeren Enden des Hauses auch die Etagen wechseln konnte. Offensichtliche Wandnischen oder Hohlräume waren leider nicht zu erkennen, also musste er sich schon etwas anstrengen, wenn er die Goldtruhe vor den anderen finden wollte.


So fingen die Gäste eifrig und gut gelaunt zu suchen an, während draußen vor dem Haus gerade eine zufriedene Gestalt in den Schatten des Waldes verschwand. Es war ein Mann in schwarzer Robe. Seine Pflicht war getan, jetzt musste er nur noch auf den Erfolg seines Assassinen warten. Er war sich sicher, die richtige Person geschickt zu haben. Nach einem letzten Blick auf das Haus machte er sich in das nächste Versteck der Dunklen Bruderschaft auf.
Terek und die anderen Gäste suchten jetzt etwa eine viertel Stunde. Es war nichts zu erkennen, das wie eine Truhe aussah. Aber sonst wäre es ja auch langweilig gewesen.
Während er so suchte, wurde Terek immer glücklicher. So ein einfaches, ausgelassenes Spiel hatte er schon lange nicht mehr erlebt und es war ihm eine sehr erholsame Abwechslung. Er unterbrach kurz seine Suche und setzte sich einfach mal auf den Boden.
In diesem Moment ertönte ein Krachen und Poltern, Terek erschrak erst, merkte dann jedoch, dass er das Geräusch nicht ausgelöst hatte. Doch etwas Gutes war bestimmt nicht die Ursache gewesen. Er hörte eine der Frauen rufen „Um Himmels Willen!“, dann eiliges Treppensteigen.
Eine Männerstimme war auch zu hören: „Du liebe Güte! Was ist denn hier passiert?!“

Terek wurde mulmig. Er lief durch das kleine Labyrinth von Bücherregalen und stellte sich an eine Stelle, von der aus er den Eingangsbereich überblicken konnte.
Seine gute Stimmung war vergessen. Am Fuße der Treppe lag der bunte Pingo mit dem Gesicht auf dem Boden und bewegte sich nicht. Mohna und Anitan standen bereits bei ihm und wollten ihn gerade untersuchen. Weitere Gäste strömten herbei und machten entsetzte Gesichter.
Mohna hatte sich über Pingo gebeugt und ihn untersucht. Jetzt stand sie auf und blickte die anderen an. „Er ist tot.“

Langsam aber sicher beruhigten die Gäste sich. Offensichtlich war Pingo in seinem Übereifer die Treppe heruntergestürzt und hatte sich das Genick gebrochen.
Da konnte man nichts machen, Unfälle passierten eben überall. Terek hatte sich vergleichsweise schnell wieder gefangen, während besonders Ravice und Kint noch aufgelöst am Rand standen. Es war für Terek nicht das erste Mal, dass er eine Leiche sah. Oft war er während seiner Arbeit schon zu Unfällen oder gar schweren Verbrechen gerufen worden, bei denen es häufig noch schlimmer aussah.

Es lag wieder einmal an Ordeng, einige Worte zur Situation zu verlieren.
„Pingos Tod war ein tragischer Unfall, und wir alle sind betrübt darüber. Doch ich denke nicht, dass wir deshalb alles abblasen sollten. Schon weil noch keiner die Truhe gefunden hat und die Tür verschlossen bleibt. Wenn wir jetzt ein großes Theater veranstalten und aus dem Fenster rufen, hatte dieser Tag keinen Sinn. Lasst uns am besten gesittet und vorsichtig wieder auf die Suche gehen.“
Die Entscheidung war selbstverständlich nicht mit allen moralischen Grundsätzen perfekt zu vereinen, aber dennoch entsprach sie dem, was die meisten Gäste auch dachten.
Während sich alle wieder aufmachten, wurde Terek von Ordeng noch einmal zurückgehalten.
„Hey, Ihr seid doch von der Wache.“ Er sprach leise. Terek konnte sich schon denken, wer jetzt die Aufgabe übernehmen sollte, die Leiche zu verstauen.
„Kommt, wir bringen ihn irgendwo hin, wo man ihn nicht gleich sieht.“
Terek packte zusammen mit Ordeng die Leiche des Pingo und sie verfrachteten ihn in einen abgelegenen Raum des Erdgeschosses.
Danach gingen auch die beiden wieder auf die Suche.

Terek war mittlerweile verärgert. Dieser verdammte Unfall hatte allen den schönen Tag verdorben. Wie gerne er doch ein unbeschwertes Spiel hier durchgeführt hätte, ohne an die schlimmen Dinge des Alltags denken zu müssen.
Doch es half schließlich alles nichts. Sobald die Truhe gefunden war, würden sie für ein anständiges Begräbnis sorgen und das Ereignis verdrängen.
Ab und zu begegnete Terek auf seiner Suche anderen Gästen. Sie sahen sich nur kurz an und gingen schweigend ihrer Wege. So war das immer, wenn jemand irgendwo gestorben war.
Trotzdem ließ er sich nicht beirren und suchte systematisch Wände, Fußboden und auch die Decke ab. Irgendetwas musste er übersehen haben. Hier gab es einfach kaum Möglichkeiten, irgendetwas zu verstecken, geschweige denn eine Truhe. Aber sie musste hier irgendwo sein.
Terek ging gerade das Obergeschoss ab und bog um einige Regale, als ihm Kint entgegen kam. Er hatte ihn schon an seiner dürren Erscheinung erkannt, bevor er Kints Gesicht gesehen hatte. Ein kurzes Brummen und Kopfnicken später waren sie aneinander vorbei, Kint ging jetzt da entlang, wo Terek herkam.

Plötzlich Kints angsterfüllter Schrei, ein Klirren und Rumsen. Terek blieb wie angewurzelt stehen – Nein!
Er hastete die wenigen Schritte zurück und blickte um das Regal, wohinter Kint verschwunden war. Ein grässlicher Anblick: ein Kronleuchter hatte sich von der Decke gelöst und war direkt auf Kint gestürzt; er war teils erschlagen und teils erstochen worden.
Terek wandte den Kopf ab, schloss die Augen und atmete tief durch. Dann sprang er Kint zur Seite und sah nach, ob er noch helfen konnte. Doch es hatte keinen Sinn mehr, das letzte Leben wich in diesem Moment aus Kints Körper.

Langsam richtete Terek sich wieder auf, konnte seine Fassung nur mühsam bewahren. Als er sich umdrehte, bemerkte er, dass der alte Mogont schon da war und große Augen machte.
„Bei den Neun Göttlichen!“, entfuhr es ihm.
Dann trafen die meisten anderen Gäste hinter Mogont ein, drängten sich nach vorn, sahen, was geschehen war und wandten sich erschrocken wieder ab.
Terek hielt es für seine Pflicht, den anderen mitzuteilen, was geschehen war.
Als er gerade anfangen wollte, zu sprechen, traf Ravice ein, die aus der anderen Richtung gekommen war. Sie erblickte die Leiche, kreischte und machte einen großen Satz zurück, wodurch sie beinah Suvar umgerannt hätte, der auch diesen Weg genommen hatte.
Als Suvar den Schauplatz sah, konnte Terek keinerlei Regung auf seinem Gesicht erkennen, fast, als ob er nichts anderes erwartet habe. Terek würde diesen Kerl im Auge behalten.
Dann breitete er die Arme aus und drängte seine Mitgäste etwas zurück, wie er es schon oft an Unfallorten in der Kaiserstadt getan hatte. Dazu sagte er kurz, was geschehen war und bat um Ruhe.

„Ruhe? Ruhe?! Lächerlich!“, empörte sich Anitan arrogant. „Hier ist es nicht sicher, mir reicht’s! Ich verschwinde von hier.“ Mit diesen Worten lief er schnurstracks zur Eingangstür und rüttelte heftig daran. „Heeeyyy!“, rief er. „Aufmachen, klar?“
„Ich glaube“, meldete Tanah sich mit ihrer sanften Stimme zu Wort, „dass Der Gastgeber nicht damit gerechnet hat, dass wir früher raus müssten. Wir müssen selbst den Schlüssel finden.“
„Dann findet ihn endlich! Worauf warten wir noch?“, verärgert verschwand Anitan aus dem Sichtfeld der Gruppe, indem er ins von der oberen Etage überdachte Erdgeschoss lief.
„Ja genau!“, sagte die arme Wentika, „Ich für meinen Teil hol mir jetzt das Gold und den Schlüssel und dann nichts wie weg. Das ist doch hier die reinste Todesfalle!“
Das fand mehr Zustimmung, als Terek erwartet hatte: die Gäste liefen schnell wieder auseinander und suchten fieberhaft weiter.
„Aber…“, versuchte er noch einmal etwas einzuwenden, doch keiner hörte ihm zu. Wenn er bei der Arbeit seine Legionsrüstung trug, passierte ihm das nie.

Es war wohl Zeit, den Toten irgendwie abzudecken. Terek drehte sich um und stand plötzlich ganz dicht vor Suvar. Er erschrak kurz.
„Meine Güte, was wird das denn?“
„Hm?“, Suvar blickte ihn jetzt erst an. „Ich mach doch gar nichts.“, sagte er trocken und bewegte sich an Terek vorbei. Dann waren alle Gäste verschwunden und Terek stand allein neben der Leiche von Kint.
„Den kann ich doch nicht einfach so liegen lassen…“
Dummerweise gab es keine Decken oder ähnliches in der Nähe, darum nahm er in Ermangelung einer Alternative einige Bücher aus den Regalen und stapelte sie so, dass Kints Gesicht und seine schlimmsten Verletzungen verdeckt waren.
Er richtete sich auf und wollte wieder zu suchen anfangen. Der Geist eines Verbrechensbekämpfers arbeitete in seinem Kopf. Es war schon ein komischer Zufall. Zwei tödliche Unfälle in so kurzer Zeit, dazu waren sie auch noch eingeschlossen und offenbar war draußen niemand in Hörweite. Er würde beide Augen offen halten, während er nun weitersuchte.


Zu dieser Zeit war gerade Mohna dabei, mit zittrigen Fingern die Bücherregale zu durchwühlen. Sie hatte sich absichtlich etwas von den anderen getrennt, um eine ihr sehr wahrscheinlich vorkommende  Stelle für die Truhe zu durchsuchen.
Als sie Schritte hinter sich hörte, war sie erst beunruhigt. Sie drehte sich um.
„Ach so, Ihr seid es bloß. Warum durchsucht Ihr nicht das Regal hinter mir? So haben wir bessere Chancen.“
Ein ungewöhnliches Knarren brachte Mohna dazu, noch einmal von ihrer Suche abzusehen und sich umzuschauen.
„He, da würde ich an Eurer Stelle besser nicht so stark dran ziehen. Das kann echt gefährlich werden, wisst Ihr?“
Plötzlich drehte sich der andere Gast zu ihr um, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Mund zu. Mohna wurde nach vorn gerissen und bevor sie richtig merkte, was geschah, wurde sie von dutzenden herabstürzenden Folianten und Holzteilen begraben.

Als er den Lärm hörte, stieß Terek einen gequälten Laut aus und fuhr sich durch die Haare.
Das konnte doch nicht schon wieder…. oder etwa doch?
Bitte, bitte, sei harmlos!, dachte er, während er sich zum Ursprung des Geräusches aufmachte.
Doch wie er befürchtet hatte, war es ganz und gar nicht harmlos. Nachdem er den linken Flügel des Hauses durchquert hatte, kam er an eine Stelle wo sich bereits so gut wie alle versammelt hatten und ängstlich schluchzten.
Die Leute ließen Terek durch und gaben den Blick auf eine Person frei, die unter Büchern, Folianten und Regalteilen begraben worden war. Es sah aus, als hätten die Daedra gewütet: zwei der hohen Bücherregale waren fast komplett leer, zerbrochene Holzbretter lagen zwischen den Büchern.
Terek erkannte das blaue Kleid unter den Trümmern. Da rührte sich nichts mehr.
Langsam und vorsichtig befreite er den Körper von den Gegenständen. Das Atmen fiel ihm immer schwerer, je weiter er fortschritt. Ein Kloß drohte seinen Hals zu verstopfen. Er schluckte und besah sich die bemitleidenswerte Mohna nach getaner Arbeit.
Von den schweren Trümmerteilen hatte sie viele mittelschwere Verletzungen davongetragen, soviel war sicher. Auch schien sie sehr oft am Kopf getroffen worden zu sein. Auffällig oft.
Und wieder kam jede Hilfe zu spät. Das konnte kein Zufall mehr sein. Er ließ sich zurücksacken und setzte ich erst einmal auf den Boden.

Suvar beugte sich herunter und analysierte: „Da hat jemand seine Finger im Spiel.“
„Ja, vielleicht du!“ Turius war vorgetreten und sah Suvar streng an.
„Was redet Ihr da?! Das ist eine Frechheit!“, verteidigte sich Suvar.
Inzwischen lamentierte Mogont: „Wie konnten die Neun das zulassen?“ Dazu machte er ein trauriges Gesicht.
„Pah, die Neun!“, jetzt mischte sich Wentika ein. „Die haben noch nie jemandem geholfen. Das sind doch alles bloß Hirngespinste!“
Das schien wiederum Zenira zu empören, sie hob drohend die Hand.
„Wie redet Ihr von den Neun!“
„So, wie es sich gehört!“
„Das ist Blasphemie! Das ist Wahnsinn!“, rief jetzt Ligg.
Ordeng erhob die Stimme: „Wahnsinn? Das ist Mörderwerk!“
Für Terek sah die Situation gar nicht gut aus. „Was soll dieses Chaos, so hört Euch doch zu!“
„Haltet Euch da raus!“, kam sofort die Antwort.
Schließlich riefen alle durcheinander, die Gruppe von Gästen lief auf engstem Raum kreuz und quer herum, wild rufend und rempelnd versuchte jeder, seine Meinung durchzusetzen.
Verzweifelt versuchte Terek, Herr der Lage zu werden. Doch die Übersicht war längst verloren gegangen, und so wuselten lärmend zwölf Gäste der Feier durcheinander.

Dann ertönte Robos’ markerschütternde Stimme: „Ruuuuhhheeeee!“
Er hatte alle anderen übertönt. In der entstandenen Pause, bei der alle Gesichter auf ihn gerichtet waren, sagte er: „Wir benehmen uns ja wie die Goblins.“
Betreten schauten die Gäste zu Boden und stellten sich wieder ordentlich hin.
Nur Anitan taumelte und machte gurgelnde Geräusche.
Alle sahen ihn an. Dann kippte er vornüber und blieb reglos auf dem Boden liegen. Ein Dolch steckte in seinem Rücken.
Entsetzt sprangen alle zurück. Weg von dem Erdolchten, weg von den anderen. Mitten im Getümmel war einer von ihnen ermordet worden.
Hastige, erschrockene Blicke in die Runde, jeder versuchte festzustellen, ob jemand gerade wie ein Mörder aussah.
Terek verschwendete damit nicht seine Zeit. Wer auch immer das getan hatte, war ein Profi und würde sich jetzt auch nichts anmerken lassen.
Stattdessen prüfte er die Hände aller Leute. Die hatte man nicht so bewusst im Griff und konnte sie so logisch verstellen wie den Gesichtsausdruck. Doch auch dieser Versuch blieb erfolglos.

„Ha!“, rief plötzlich Turius. „Da! Mord! Ich hab’s ja gesagt! Ich warne euch, an mich kommt keiner ran.“ Er trat einige Schritte zurück und blickte böse.
Ordeng wurde sichtlich auf einmal sehr nervös und trat dann vor.
„Jetzt dürfen wir nichts überstürzen! Ganz ruhig. Offenbar gibt es hier einen Mörder unter uns. Doch was heißt das jetzt genau für uns?“
„Ich sag dir ganz genau, was das heißt!“, unterbrach ihn Turius. „Das heißt, wir werden alle nacheinander hinterrücks ermordet!“
Ravice fing an zu wimmern. Wentika war ganz hysterisch geworden, als sie rief:
„Was sollen wir jetzt machen?! Wer von euch war das?! Ich.. ich… lasst mich in Ruhe!“
Damit rannte sie weg und verschwand irgendwo im Haus.
Ordeng stürzte hinterher. „Nicht, wartet!“ Doch sie war schon fort.
Da meldete sich Turius wieder grinsend. „Wollt Ihr ihr etwa nachgehen, um sie zu ermorden?“
Empört drehte Ordeng sich um. „Wie könnt Ihr es wagen?“
„Damit wollte ich nur sagen, dass wir keinem trauen können. Versteht Ihr? Niemandem.“
„Pah“, meinte Zenira, „Euch doch auch nicht. Vielleicht wollt Ihr nur von Euch ablenken?“
„Tja“, antwortete er, „immerhin habt Ihr kapiert, worauf ich hinaus wollte. Auch wenn Euch das wohl kaum retten wird.“
„Hütet Eure Zunge.“, mahnte Zenira eindringlich.

Terek musste jetzt zur Tat schreiten.
„Also. Ich würde sagen, keiner geht mehr allein. Bleibt immer in Sichtweite zu anderen Gästen und lasst Euch vor allem nicht von hinten überfallen. Gleichzeitig müssen wir aber hier raus. Und da wir hier nichts haben, womit wir die Tür einrammen können, brauchen wir den Schlüssel. Wir sollten so schnell es geht diesen Schlüssel finden und versuchen, den Mörder zu enttarnen. Ich werde jetzt nach Fallen oder anderen Gefahren suchen, und möglichst auch nach dem Schlüssel. Seid wachsam.“
Damit lief er los. Er würde nicht versuchen, Fallen aufzuspüren. Die waren, falls der Mörder überhaupt noch welche anwenden wollte, sowieso höchstwahrscheinlich unmöglich zu entdecken. Stattdessen fragte er sich, welche der Gäste wohl ein besonders gefährdetes Ziel darstellen würden. Er selbst wohl nicht, schließlich wusste jeder, dass er bei der Legion war. Oder machte ihn vielleicht gerade das zu einem wichtigen Ziel für den Mörder? Sicherlich würde er schon auf sich selbst aufpassen können. Ligg und Ravice waren aufgrund ihrer Jugend sicherlich leichte Beute. Genau wie Mogont, der aber aufgrund seines hohen Alters bestimmt nicht mehr sehr wehrhaft war.
Soweit Terek wusste, schlug der Mörder immer dann zu, wenn gerade keiner hin sah. Er entschloss sich, zwischen den drei Hauptgefährdeten hin und her zu patrouillieren, um möglichst wenig Zeit für den Mörder zu lassen.
Zuerst machte er sich zum alten Mogont auf. Der konnte noch nicht weit gekommen sein.
Nach wenigen Schritten war er auch schon zu sehen; er war in Begleitung von Zenira und Turius. Beide nicht gerade die unverdächtigsten Personen für Terek, aber Mogont schien erst einmal sicher zu sein.

Vorhin hatte er doch Ligg gesehen, auf der ganz anderen Seite des Hauses. Um ihn am schnellsten zu erreichen, war der Weg durch den rechten Eingang ins Erdgeschoss vom Flur aus zu wählen. Von seiner erhöhten Position im ersten Stock sah Terek in diesem Moment Ordeng ebenjenen Weg einschlagen.


Wentika konnte noch nicht all zu weit sein. Ordeng lenkte seine Schritte durch das Erdgeschoss dieses verfluchten Hauses. Wenn die Frau sich weiterhin so panisch verhielt, würde sie noch in den Tod rennen. Deshalb musste Ordeng sie schnell finden und wieder zur Vernunft bringen. Er schlängelte sich durch ein wahres Labyrinth an kleinen Räumen, bis er endlich einen längeren Gang sah. Etwas Übersicht tat gut, dieser Gang war wie eine Lichtung in einem Wald, in dem man sich bereits vor Tagen unheilbar verirrt hatte.
Plötzlich stieg ihm ein Geruch in die Nase, der ihm im Moment von allen Gerüchen am wenigsten willkommen war. Blut.
Während er auf die Quelle zuschritt, ein kleiner Raum, der vom Gang abzweigte, betete er, er möge sich irren. Doch er hatte sich nicht getäuscht. Beim ersten Blick in den Raum sah er es:
Blut, überall auf dem Boden des Raumes. Dann entdeckte er das Schlimmste, was in diesem Raum seiner harrte.


Der Mörder wartete geduldig hinter der Biegung des Ganges. Wie erwartet hatte jemand die Leiche gefunden. Ordeng war am entsetzten Keuchen, das er von sich gab, als er die Leiche sah, leicht zu erkennen. Noch einmal prüfte der Mörder seine nahe Umgebung. Niemand da, außer Ordeng, der direkt in die Falle getappt war. Es war ein Leichtes gewesen, die panische Wentika aufzuspüren und zu töten. Mit Ordeng konnte es nicht viel schwerer sein.
Den Lauten nach zu urteilen, war er gerade schockiert auf den Gang zurückgetreten.
Leise und entschlossen trat der Assassine aus seiner Deckung hervor. In der rechten Hand hielt er eine Waffe.
Ordeng seinerseits erblickte sofort den Mörder. Er war sichtlich überrascht, genau wie die anderen Opfer es auch gewesen waren.
Ungläubig starrte Ordeng den Assassinen an. „Nein… Ihr?!
Der Mörder stieß zu.


Terek hatte auf dem Weg zu Ligg inzwischen den großen Flur überquert, als er Ordeng hörte. Er konnte nichts verstehen, und es war auch nur kurz etwas zu hören, jedoch gefolgt von dem unheilvollen Geräusch eines Körpers, der zu Boden fällt.
Sofort raste Terek los, wäre fast gestürzt, so schnell lief er, hastete durch die unübersichtlichen Räume hindurch, stieß hart gegen eine Wand, ignorierte aber den Schmerz.
Dann stand er auf einmal in einem kurzen Gang. Schnelle Schritte entfernten sich, als er Ordengs Leiche erblickte. Mit aufgeschlitztem Hals und aufgerissenen Augen lag der Mann einfach da. Keine Zeit für Trauer, es ging jetzt darum, Menschenleben zu retten.
Flink setzte Terek über den Körper hinweg, entdeckte im Rennen auch die Leiche Wentikas, die ganz ähnlich zugerichtet war. Ihre zerschlissene Kleidung war blutgetränkt.
„Du entkommst mir nicht!“, rief Terek dem Mörder hinterher, dann verwendete er wieder all seine Luft zum Laufen.
Da hörte er den Verfolgten hastig Treppen erklimmen – seine Chance, ihn zu sehen!
Terek machte größere Schritte.

Nur vom Gedanken besessen, diesen Wahnsinn aufzuhalten, raste Terek den Gang entlang, bis zu dem Punkt, wo der Gang eine Biegung machte und in eine Treppe zum Obergeschoss mündete. Er bremste nicht ab, sondern rannte einfach seitwärts in die Wand hinein, um keinen Augenblick zu verlieren. Doch als seine Schulter die Wand rammte, war niemand auf der Treppe zu sehen.
Sofort hastete Terek die Treppen hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend. Oben sah er sich sofort einmal komplett um. Nichts!
Verzweiflung keimte in ihm auf. Er drehte und wendete sich hastig, doch es war niemand zu sehen. Bestimmt versteckte der Mörder sich nur hinter irgendeinem der vielen Regale und tat so, als hätte er die ganze Zeit dort gestanden. Jetzt konnte er nichts mehr nachweisen.

Mit einem wütenden Schrei machte er seiner Wut Luft.
Da trat auf einmal Suvar hinter einem sehr nahen Regal hervor.
„Bei den Neun“, sprach er, „was ist denn hier bloß los? … Was guckt Ihr mich denn so an?“
Plötzlich kam noch jemand die Treppe herauf und rief Suvar zu: „Du…mörderischer Hund!“
Es war Turius. „Ich hab’s mir schon von Anfang an gedacht! Hey, Terek, ich wette mein Leben, dass unser Bürschchen hier nicht eben grad von woanders hergekommen ist, stimmt’s?“
„Ich traf ihn hier an, als ich den Mörder verfolgte.“ Er musste zugeben, dass es mehr als nur gut passte. Es deutete wirklich alles darauf hin, dass Suvar der Mörder unter ihnen war. Trotzdem wollte er lieber nichts überstürzen.
Doch Turius hatte schon längst für sich bestimmt, wer der Schuldige war.
„Vorhin warst du genau da, wo die beiden armen Leute jetzt tot auf dem Boden liegen, und jetzt bist du hier. Keine Ausflüchte mehr, du grauenvolles Monster! Zeit zu sterben!“
Turius zog sein Langschwert und ging auf Suvar los. Dieser war offenbar geschockt und ging langsam rückwärts.
Terek glaubte nicht, dass so eine vorschnelle Entscheidung angebracht war, darum lief er schnell los und wollte Turius zurückhalten.
Der jedoch stieß ihn wieder zurück und drohte ihm mit dem Schwert. Terek war gestolpert und lag nun am Boden.
„Versucht nicht, mich aufzuhalten!“ Damit drehte Turius  sich wieder zu Suvar um und begann, nach ihm zu schlagen.
„Jetzt oder nie, versteht Ihr das denn nicht?“
Suvar hatte sich inzwischen eine Eisenstange gegriffen, die an der Wand gelehnt hatte. Wahrscheinlich benutzte man die normalerweise, um Leitern abzustützen.
Turius hieb weiter auf Suvar ein, der dann einen Schlag abwehrte und anschließend mit der Stange auf Turius’ Kopf schlug.
Dieser ließ sein Schwert fallen und brach zusammen.

Terek war aufgestanden und sah, wie Suvar die Eisenstange aus der Hand fiel.
„Möge Talos uns beistehen…“ Schnell untersuchte er den liegenden Turius. Kein Puls.
Suvar sackte an der Wand zu Boden. Sein unnahbarer Gesichtsausdruck war verschwunden und hatte einem traurigen, aufgelösten Blick Platz gemacht.
Für Terek stand fest, dass Turius sich geirrt haben musste, doch es war Zeit für Erklärungen.
Nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, stellte er Suvar zur Rede.
„Hört zu, ich glaube nicht, dass Ihr der Mörder seid, aber Ihr müsst zugeben, dass vieles dafür spricht. Auch habt Ihr die ganze Zeit einen unberührten Eindruck gemacht. Ich schlage vor, Ihr erklärt Euch schleunigst.“ Terek sah sich noch einmal um. Keiner zu sehen.

Suvar fuhr sich zitternd durch die Haare.
„Bitte glaubt mir, ich hatte damit nichts zu tun! Ich hatte hier nur nach dem Schlüssel gesucht, als plötzlich jemand die Treppe hoch gerannt kam. Wer, weiß ich leider nicht. Dann seid Ihr aufgetaucht und habt geschrieen. Da habe ich nachgesehen, was los ist. Aber da kam auch schon Turius.“
Jetzt wurde er lauter und sprach mit zittrigerer Stimme: „Er hat mich angegriffen, ich musste mich doch wehren!“
„Das ist ja wahr und ich denke nicht, dass Ihr lügt. Aber Ihr habt mir verschwiegen, warum Ihr die ganze Zeit über so unbeteiligt wart.“
„Ich war in Kvatch.“, sagte Suvar nur, den Blick auf den Boden geheftet, „Es war schrecklich. Die Leute sind zu dutzenden in den Straßen gestorben. Einige sind bei lebendigem Leibe verbrannt. Ein grauenhafter Anblick. Und dann waren da diese Kultfanatiker in den Roben. Einer von denen wollte mich umbringen… ich konnte ihn gerade noch…“ Die Stimme versagte ihm kurz.
„Ich glaube, es ist darum.“

Das verstand Terek nur zu gut. Er hatte selbst an der Befreiung von Kvatch teilgenommen, aber da war das Schlimmste schon vorbei gewesen. Trotzdem konnte er sich das Grauen bildlich vorstellen, viele Leute waren in dieser Nacht traumatisiert worden. Aber noch mehr waren gestorben.
Er stellte sich wieder gerade hin. „Nun gut. Jetzt verliert aber nicht die Nerven, die werdet Ihr noch brauchen. Ich habe nämlich den starken Verdacht, dass auch Turius nicht der Mörder war. Ach ja, am besten wäre es, Ihr nehmt Euch sein Schwert. Eine Waffe kann sehr nützlich sein.“
„Ich will es nicht.“, entschied Suvar.
„Dann nehme ich es gerne.“ Zenira war aufgetaucht und nahm Turius’ Schwert vom Boden auf. Vor einer Sekunde war sie noch nicht hier gewesen. Terek musterte sie misstrauisch.
„Was denn? Ihr habt selbst gesagt, eine Waffe sei wichtig.“
„Dabei habe ich aber nicht gedacht, dass Ihr mich belauscht, wobei das nicht einmal nötig gewesen wäre…“, schalt er sie.
„Wie auch immer. Ich sag mal besser den anderen Bescheid.“ Schon war sie wieder weg.
Terek ging ihr ein paar Schritte nach, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich nach unten zu den anderen auf dem Weg war. Es sah alles ordnungsgemäß aus.

Jetzt wollte er sich erst einmal seinen Streitkolben und den Schild wieder holen. Wenn der Mörder sein Gesicht zeigte, konnte eine gewaltsame Lösung wohl nicht umgangen werden.
Er drehte sich noch einmal zu Suvar um, der sich inzwischen wieder aufgerafft hatte.
„Am besten folgt Ihr mir direkt zum Flur und bleibt dort, bis mindestens zwei andere auch da sind. Geht mit keinem allein durch das Haus. Man kann nie wissen.“
Suvar nickte und folgte Terek in den Eingangsbereich des Hauses, wo Terek seine Ausrüstung wieder aufnahm. Wenn irgendjemand dieses Haus lebendig verlassen sollte, musste er den Mörder jetzt finden. Er nahm sich vor, jeden Gast noch einmal genau zu untersuchen. Also machte er sich auf, alle zu suchen und sich ein Bild zu machen.


Vom Obergeschoss aus beobachtete der Assassine, wie Terek zielstrebig ins Erdgeschoss vordrang. Der bemitleidenswerte Kerl war doch tatsächlich der einzige, der ernsthaft nach ihm suchte. Und der arme Suvar stand nun mutterseelenallein im Flur herum und hatte offenkundig keine Ahnung, was er tun sollte. Das würde sich jetzt sowieso erübrigen.
Nachdem er noch einmal sorgfältig die Umgebung geprüft hatte, stieg der Mörder ein ganz bestimmtes Bücherregal hinauf. Aufträge, bei denen man sich so gut vorbereiten konnte, waren die Angenehmsten.
Oben auf dem Regal lag ein schwarzer Bogen mitsamt passenden Pfeilen. Mit wenigen Handgriffen war das erste Geschoss auf die Sehne gespannt.
Sorgfältig zielte der Mörder auf Suvars Kopf. Dann ließ er den Pfeil los.
In diesem Moment streckte sich Suvar ausgiebig. Der Assassine konnte es nicht fassen. Der Pfeil traf Suvar in der linken Schulter und riss ihn zu Boden.
Ein grässlicher Fehlschlag. So eine schöne Gelegenheit, doch er hatte es verpatzt.
Wütend legte der Mörder den Bogen wieder ab und ließ sich vom Regal fallen. Die Landung war nicht lauter als ein normaler Schritt. Schnell begab er sich an einen unverdächtigen Ort und bereitete sich darauf vor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Doch die Unannehmlichkeiten waren noch nicht vorbei. In der hintersten rechten Ecke des Hauses rannte der Assassine beinah in Tanah hinein.
„Huch“, erschrak sie, „ich hab Euch gar nicht kommen hören.“
„Seid Ihr etwa allein unterwegs?“, gestattete der Mörder sich die Frage. Offenbar hatte sie von dem fehlgeschlagenen Mordversuch eben nichts mitbekommen.
„Zum Glück habe ich Euch ja jetzt gefunden. Am besten, wir gehen gleich zu den anderen, da sind wir sicher. Und ich habe gehört, Turius sei tot, ist das wirklich wahr?“
Nachdem der Mörder sich noch einmal gründlich umgesehen hatte, fasste er einen Entschluss.
„Ja, das stimmt“, antwortete er, „und ausnahmsweise musste ich dafür keinen Finger rühren.“
Tanah ruckte entsetzt herum. Doch da wurde sie bereits am Kopf gepackt und kraftvoll gegen die Wand geschlagen.
Der Assassine beobachtete, wie sein Opfer leblos zusammensackte. Zufrieden machte er sich zu den verbleibenden Gästen auf. Schon bald würde es nicht mehr nötig sein, im Geheimen zu agieren.
Soweit Terek wusste, befanden sich alle Gäste außer Robos im rechten Flügel des Erdgeschosses. Alle zusammen zu bringen, schien eine sinnvolle Maßnahme.
Nach und nach fand Terek tatsächlich alle dort vor.
In einer Ecke stand Mogont herum und guckte verwirrt. Ob der überhaupt mitbekommen hatte, was in der letzten Zeit geschehen war?
„Geht bitte schon mal zum Flur. Ich hole die anderen und komme dann nach.“
„Na gut“, antwortete Mogont und machte sich krückelig Richtung Flur auf.
Als nächstes fand er Ligg, der angesichts des bewaffneten Terek erschrak. Doch auf die Aufforderung, sich zum Flur zu begeben, reagierte er erleichtert:
„Ach so, na dann. Dachte schon. Ihr wisst schon.“
„Natürlich.“
In der Nähe des Aufgangs zum Obergeschoss traf Terek Ravice an, die zusammenzuckte, als er eilig um die Ecke bog.
„Verzeiht“, sagte sie, „die Ereignisse machen nervös.“
Terek sprach ein paar beruhigende Worte und schickte dann auch sie zum Flur.
Fehlten noch Tanah und Zenira. Schrecklich, dass nur so wenige übrig waren.

In dem Moment kam Zenira, die vorhin vorgegangen war, die Treppe heruntergestiegen und sah Terek in die Augen.
Der Blick verhieß nichts Gutes.
„Da oben… Tanah…“ Sie schüttelte den Kopf.
„Nein!“, entfuhr es Terek. „Nein!“ Das durfte nicht sein!
Er schob sich an Zenira vorbei und sprang die Treppe hinauf. Einige Meter vor ihm lehnte Tanah zusammengesunken an der Wand. Noch schlimmer war der Blutfleck, der in Augenhöhe an der Wand prangte und von dem aus sich eine blutige Schleifspur bis zu Tanahs jetziger Position zog.
Schnell stürzte er zu ihr. Doch es war zwecklos.
Die einzige Person, die Terek irgendetwas persönlich bedeutet hatte, war nun auch tot.
Resigniert lehnte er sich an ein Regal.

Da dröhnte von unten Robos’ tiefe Stimme herauf:
„Hey! Suvar ist verwundet, kommt schnell!“
Nahm dieser Alptraum nie ein Ende? Wenigstens heißt verwundet nicht tot…
Bemüht, sich nicht noch einmal umzudrehen, machte Terek sich zu den anderen nach unten auf. Er vermied es gezielt, noch einmal an den Leichen von Ordeng und Wentika vorbeizugehen.
Unten hatten sich bereits alle versammelt und warteten schon auf ihn. Tatsächlich lag Suvar unter Schmerzen am Boden. Ein Pfeil ragte aus seiner Schulter.
„Wie fühlt Ihr Euch?“, fragte er an.
„Tja, der Pfeil ist natürlich nicht besonders angenehm. Aber ich lebe noch.“
„Habt Ihr den Angreifer gesehen?“, fragte Terek ohne Hoffnung.
„Nein, es war ein Überraschungsangriff. Ich weiß nur, dass der Pfeil etwa von dort kam.“ Er zeigte auf eine mittlere Stelle des oberen Stockwerks.
„Wahrscheinlich habe ich nur überlebt, weil ich mich in dem Moment, als der Pfeil mich traf, gerade bewegt habe. Und natürlich wäre es mir lieber, wenn der Pfeil nicht länger in meiner Schulter steckte.“
Terek war kein Arzt und kannte sich auch sonst nicht mit solcherlei Wunden aus, darum fragte er in die Runde, ob jemand den Pfeil entfernen könnte.

Zenira trat näher. „Durch meine Tätigkeit als Jägerin sehe ich so eine Situation natürlich nicht zum ersten Mal. Ich könnte versuchen, den Pfeil herauszuziehen, doch schmerzhaft ist das immer.“
„Trotzdem wäre ich Euch dankbar“, sagte Suvar.
Sie hockte sich also zum Verwundeten und untersuchte die Verletzung.
Terek kniete sich direkt daneben und analysierte jede ihrer Bewegungen.
„Verzeiht, wenn ich Euch dabei genau beobachte, wir können keinerlei Risiko eingehen.“
„Ja ja, schon klar.“, antwortete Zenira nebenbei und konzentrierte sich dann auf ihre Aufgabe.
„Also gut“, sie packte den Pfeil fest, „das tut gleich ein bisschen weh. Bereit?“
Suvar wappnete sich: „Bringen wir’s hinter uns!“
„Alles klar. Fünf, vier, drei, zwei -“, Ruckartig zog sie den Pfeil heraus.
Suvar brüllte auf. „Was sollte das denn, ich war ja gar nicht vorbereitet!“
„T’schuldigung“, murmelte sie, den blutigen Pfeil noch in der Hand, „ich dachte, es wäre besser, wenn es unerwartet kommt.“

Terek stieß einen Seufzer aus. Das ging noch mal gut.
„Und jetzt?“, fragte Ligg, „Was tun wir nun? Wir können ja schlecht einfach hier stehen bleiben und warten, bis etwas passiert.“
Da war etwas dran. „Aber ob wir überhaupt noch nach der Truhe suchen sollten?“, überlegte Terek laut, „Vielleicht gibt es gar keine und wir wurden nur hergebracht, um zu sterben.“
„Bestimmt“, krächzte Mogont, „ist das hier alles von der Dunklen Bruderschaft organisiert. Solange ich lebe, haben die schon Probleme gemacht!“
An diese Möglichkeit hatte er gar nicht denken wollen. Seit einer seiner Kollegen bei der Legion während den Ermittlungen über die Dunkle Bruderschaft getötet worden war, wusste er, wie gefährlich diese Gilde war.
Da sagte Ravice etwas, das Terek eine weitere Möglichkeit in Betrachtung ziehen lies:
„Aber eventuell geht es bei diesen Morden auch um das Gold. Sicherlich ist es nicht wenig, und manch einer wäre bereit, dafür zu töten.“
„Das ist auch gut möglich“, fand Terek. Das würde ihm auch wesentlich besser gefallen.
„Ich würde sagen“, schlug Robos vor, „dass wir noch einen letzten Versuch starten. Wenn wir nichts finden, müssen wir irgendwie einen Weg nach draußen bahnen.“
„Wir finden den Schlüssel aber nicht, wenn wir nur in großen Gruppen gehen.“, wandte Zenira ein, „Ich fürchte, wir müssen uns wohl oder übel trennen, wenn die Suche einen Sinn haben soll. Wir können uns ja beeilen, dann sind wir in fünf Minuten wieder hier.“
„Mir gefällt das nicht.“, machte Terek deutlich. „Aber wir haben wohl keine Wahl. Fünf Minuten.“
Nachdem alle eingewilligt hatten, strömten sie noch ein letztes Mal in die Eingeweide des  Hauses. Nur Suvar blieb im Flur zurück, um sich noch etwas zu erholen.


Eilig ging der Mörder seinen Plan durch, während er zusammen mit den anderen im Gebäude ausschwärmte. Vor ihm lagen jetzt zwei Aufgaben: erstens, die Beseitigung von Robos. Er war, so glaubte der Mörder, der einzige Gast, mit dem er es nicht im offenen Kampf aufnehmen konnte. Darum musste der Assassine schnell und entschlossen zuschlagen. Wenn das getan war, würde er noch eine kleine Falle vorbereiten. Falls all das glückte, dürfte es keine Probleme mehr bei diesem Auftrag geben.
Sobald die anderen Gäste außer Sichtweite waren, rannte der Mörder schnell los und versuchte Robos an seinen schweren Schritten zu orten. Um keinen Verdacht zu erregen, hatte er abgewartet, wohin Robos wohl gehen würde und dann die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen.
Bald schon hörte er Robos seinen schweren Körper durch die engen Räume des Erdgeschosses bewegen.
Der Assassine zog sein Kurzschwert mit einer schnellen, geübten Bewegung rechts unter seiner Kleidung hervor. Er ging jetzt langsamer und verbarg das Schwert im Rücken.
In einem der geräumigeren Gänge trafen die beiden aufeinander.
Der Mörder tat so, als habe er sich kurz erschreckt.
„Schon was gefunden?“, fragte er unverfänglich.
„Nein, leider nicht…“, antwortete Robos und schaute in den nächsten Raum.
Das Wichtigste für einen Meuchelmörder war immer der Erstschlag.
„Naja, ich such jedenfalls mal da hinten weiter.“, sagte er kurz und schickte sich an, an Robos vorbeizulaufen.
Kaum stand der Mörder in Robos’ Rücken, unterbrach er seine Schritte, wirbelte herum und rammte dem Hünen das Schwert von hinten in den Hals.
Robos erstarrte. Gleich nachdem der Assassine das Schwert wieder herauszog, stürzte sein Opfer zu Boden. Der Riese war bezwungen.
Erleichtert steckte er das Schwert wieder weg und machte sich sofort auf den Weg, sich seinen Dolch wieder zu holen, der noch in Anitans Leiche stecken musste.
Schnell war das erledigt und der letzte Teil des Plans lief an.
Geschwind begab der Mörder sich zum Flur. Ein kurzer Blick rundum verriet, dass niemand zusehen konnte. Er trat hinaus in den Eingangsbereich.
Suvar lag noch am Boden und kurierte sich aus. „Was macht Ihr hier?“, fragte er beunruhigt und setzte sich auf.
Der Mann war nicht dumm, er hatte sofort Lunte gerochen. Blitzschnell sprang der Assassine auf den Verletzten zu und rammte ihn wieder zu Boden. Dann ließ er heftige Tritte auf Suvars Brustkorb niedergehen. Wunderbar, schon war er nicht mehr so gesprächig.
Fehlte nur noch der rechte Ort…


Terek wurde das Gefühl nicht los, dass diese letzte Suche ein Fehler gewesen war.
Er lief durch das Gebäude, konnte aber nirgends auch nur die Spur eines Verstecks für Truhen finden.
Da traf er plötzlich Zenira an. „Wir gehen wieder zurück.“, sagte er entschieden.
„Aber warum, das waren keine fünf Minuten.“
„Egal“, überstimmte er sie, „Sicherheit geht vor. Los, kommt.“
Ohne sie aus den Augen zu lassen, schleifte er die Jägerin bis zum Eingangsbereich. Dort angekommen, standen ihm sofort die Haare zu Berge.
Suvar war verschwunden. Ich Narr! Wie konnte ich so töricht sein?
Zenira blickte sich besorgt um. „Ist er etwa fort gegangen?“
„Wir müssen ihn sofort finden.“ Nur wo? Er konnte theoretisch überall sein.
„Da!“, rief Zenira und zeigte auf den linken Eingang ins Erdgeschoss, genau gegenüber von ihnen.
Tatsächlich lag Suvar dort im Gang und hatte offensichtlich Probleme.
Terek und Zenira liefen zu ihm hinüber. Als sie recht nah waren, mäßigten sie ihre Schritte und besahen sich Suvar.
Er röchelte und rang nach Atem. Terek trat auf ihn zu.
Da mühte Suvar sich ein wenig auf. „Nicht…“, presste er hervor und deutete hinter Terek. „Falle!“ Dann sank er zurück.
Noch bevor Terek sich umdrehen konnte, hörte er Zenira hinter sich nach Luft schnappen und zu Boden gehen.

Terek hatte sich umgewandt und sah Zenira leblos daliegen. Ein nur zu bekannter Dolch steckte in ihrem Nacken.

Langsam hob er den Blick zu der Person, die an Zeniras statt nun vor ihm stand.
Ravice grinste ihn an. „Hallo“, sagte sie.

Sie war es also die ganze Zeit gewesen? Terek konnte es nicht recht glauben.
Doch wenn er jetzt darüber nachdachte, machte es durchaus Sinn.
Schon als sie von dem Verdacht, dass die Dunkle Bruderschaft hinter den Morden stecken könnte, ablenkte, hätte er hellhörig werden müssen.

„Warum“, fragte er sein Gegenüber, „Wieso das Ganze?“ Er wollte sich wenigstens sicher sein.
Sie ließ sich mit der Antwort Zeit. „Zur Ehre des Fürchterlichen Vaters.“
Schuldgefühle machten sich sofort in Terek breit. Der Fürchterliche Vater. Sithis. Die Dunkle Bruderschaft.
Es wurde Zeit, sich seinen Ängsten zu stellen. Stumm griff er zu seinem Streitkolben.

Die beiden Widersacher sahen sich eindringlich an, darauf wartend, dass der andere sich bewegte.
Von dem verletzlichen, ängstlichen Mädchen war keine Spur geblieben, jetzt war ein gnadenloses Lächeln auf ihr Gesicht getreten. Ihr Blick wanderte berechnend an Terek entlang.
Dann sah er kurz ein Blitzen in Ravice’ Augen.
Instinktiv riss er seinen Schild hoch. Kloing!, machte es laut, als sie dagegen trat.
„Nicht schlecht…“, hörte er sie sagen.

Plötzlich erschien die schlanke Gestalt von Ligg oben am Geländer des ersten Stocks.
Er schaute auf die verwirrende Szene herunter, die sich ihm darbot.
„Was…“, fing er an zu stammeln, „was ist denn hier los?“
„Zurück!“, herrschte Terek ihn an. „Weg von da!“
Schnell richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Attentäterin. Sie hatte sich zu Zeniras Leiche heruntergebeugt und zog den Dolch wieder heraus. In einer fließenden Bewegung stand sie auf und warf die Stichwaffe nach Ligg.
Haarscharf sauste sie an ihm vorbei.
„Mist.“, kommentierte Ravice. Ligg starrte sie entgeistert an.
„Weg!“, rief Terek noch einmal aus. Jetzt endlich löste sich der Junge aus seiner Position und verschwand weiter nach hinten.

„Den krieg ich schon noch.“, versicherte die Mörderin.
„Das werde ich zu verhindern wissen.“, entgegnete Terek grimmig.
„Ach, und wie wollt Ihr das anstellen, Herr Legionär? Wollt Ihr mich verhaften?“, reizte sie ihn zusätzlich.
Er hielt es für angebracht, ihr den nötigen Respekt einzuflößen; seine Wut steigerte sich, als die Gesichter der Toten vor seinen Augen vorbeizogen. Festen Schrittes bewegte er sich auf sie zu. Obwohl sie scheinbar unbewaffnet war, hielt er sich für alles bereit.
„Sagt…“, legte sie nach, „Wollt Ihr wissen, wie die ersten drei ’Unfälle’ tatsächlich abgelaufen sind?“
„Schweigt!“, fuhr er sie an. Er hatte sie jetzt erreicht und machte Anstalten, sie mit dem Schild voran zurückzudrängen.
Ravice legte die Unterarme dagegen, setzte sich aber nicht zur Wehr und ging mit der Geschwindigkeit rückwärts, mit der er sie wegdrängte.
Dann stieß sie mit dem Rücken gegen die Wand. Tereks Vormarsch endete abrupt, als sie sich nun gegen ihn stemmte; es entstand ein Kräftemessen. Er drückte fester, doch es half nichts. Immerhin hatte er ihr das Grinsen vom Gesicht gewischt. Sie sah ihm nun konzentriert in die Augen.
Er legte noch einen Zahn zu. Einem Mädchen würde er doch wohl beikommen können!
Doch offenbar nicht diesem. Langsam, aber sicher kehrte sich die Situation um und Terek drohte überwältigt zu werden.

Schnell bewegte er sich zur Seite und entschärfte so die Lage. Gleich trat das siegesgewisse Lächeln wieder auf Ravice’ Gesicht.
Durch ihre frühere Schauspielerei hatte sie es erreicht, dass er sie vollkommen falsch eingeschätzt hatte. Den Fehler würde er nicht noch einmal machen und von nun an vorsichtiger agieren.
„He“, sagte sie in provozierendem Ton, „mir scheint, die Kaiserliche Wache ist nicht mehr das, was sie mal war.“
„Spart Euch die Witze, Ihr habt eh nicht viele.“
In diesem Moment kam etwas angeflogen und landete vor Ravice’ Füßen. Es war der Dolch, den sie nach Ligg geworfen hatte. Tatsächlich stand er wieder am Geländer.
„Nein, nein.“, sagte sie, „Das hab ich aber schon mal besser gesehen.“
Diesmal reagierte Terek schnell und stieß den Dolch mit dem Fuß aus der Reichweite der Assassine.
Gleichgültig wendete sie sich ihm wieder zu. Dann stürzte sie vor und griff an, indem sie ihn mit einer schnellen Folge aus Tritten und Schlägen bearbeitete.
Terek tat sein bestes, um auszuweichen und abzublocken, aber einige Treffer musste er einstecken.

Als er gerade nach einer Möglichkeit zum Kontern suchte, bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung. Es war Suvar, der, mit seiner gesunden Schulter voran und laut brüllend, auf Ravice zustürmte. Er war schon nah.
Sie konnte sich noch angemessen hinstellen und wurde dann von Suvar gerammt.
Terek verfolgte überrascht ihren Flug, der damit endete, dass sie drei Meter weiter auf dem Boden aufschlug und sich noch ein paar Mal drehte.
„Gute Arbeit.“, lobte er Suvar. Dieser nickte zuversichtlich.

Etwas angeschlagen rappelte Ravice sich wieder auf. Ernst blickte sie zu den beiden Männern herüber, die nun eine gute Position um die Mörderin einnahmen.
„Gut“, sagte sie, „Schluss mit lustig.“ Ohne dabei ihre Gegner aus den Augen zu lassen, neigte ihren Oberkörper nach links und griff im Hüftenbereich unter ihre Kleidung, von wo sie ein schlankes Kurzschwert hervorzog.
Das sieht nicht gut aus…, fand Terek und deutete mit einer Kopfbewegung auf Zeniras Körper.
„Nehmt Euch das Schwert!“, wies er Suvar an.
Der junge Mann zögerte. Doch dann griff er sich entschlossen Turius’ Langschwert und hielt es fest in der Hand.
Schon startete Ravice einen Angriff: sie rannte auf Terek zu, der sich bereit machte, die Klinge abzuwehren, doch zuerst kam ein Tritt und brachte ihn zum Taumeln. Im letzten Augenblick schaffte er es, ihren nun folgenden Stechangriff abzulenken. Das Schwert glitt knapp an seinem Hals vorbei.
Schnell hieb er mit seinem Schild nach der Angreiferin. Ein guter Treffer, sie stolperte zurück. Terek mochte Schildstöße. Sie waren keine all zu verbreitete Technik und kaum ein Gegner war darauf vorbereitet.
Ravice blieb keine Zeit, sich zu erholen, da Suvar schon eifrig das Langschwert schwang.

Sie lief stattdessen einige Schritte zurück und gewann auf diese Weise wertvolle Sekunden.
Da traf ein schwerer Foliant ihren Rücken.
„Na also!“, frohlockte Ligg, der wieder ans Geländer getreten war.
Der Junge brachte sich noch in Schwierigkeiten.
„Lass das“, rief Terek ihm zu, „das bringt doch nichts!“
Aber Ligg hatte sich schon ein weiteres Buch gegriffen und warf es nach der Mörderin. Diesmal traf er sie an der Wange, Ravice stieß einen Schmerzenslaut aus.
„Muahaha! Nimm das!“, rief Ligg herunter.
Sie umfasste ihr Schwert fester, blieb einen Moment regungslos stehen und rannte dann ruckartig los.
So etwas hatte Terek schon befürchtet. „Nicht entkommen lassen!“, schrie er und sprintete hinterher.
Er sah sie die erstbeste Treppe zum Obergeschoss erklimmen und tat es ihr so schnell wie möglich nach. Doch bezweifelte er, dass er sie rechtzeitig stoppen konnte.
Oben an der Treppe wandte Ravice sich nach links und rannte weiter, das Schwert hielt sie dabei mit der Klinge nach hinten. Eindeutig war Ligg ihr Ziel.

Als auch Terek den ersten Stock erreicht hatte, sah er sie bereits hinter einem der Regale verschwinden. Dort musste Ligg eben gestanden haben.
Er konnte ihn schon hören, während er noch rannte.
„Bitte nicht…“, wimmerte Ligg.
„Ha“, ertönte Ravice’ Stimme, „genau so hab ich mir das gedacht.“


Unterdessen hatte Suvar sich nach links aufgemacht, da sich die Kämpfenden im Obergeschoss wohl von rechts nach links bewegten. So konnte er Fluchtwege abschneiden.
Schnell lief er durch den Zugang zum Erdgeschoss, an der Stelle vorbei, an die Ravice ihn vorhin gezerrt hatte.
Bald kam die hintere Treppe in Sicht. Wenige Schritte später war er oben und sah sich hastig um. Da entdeckte er Mogont nicht weit entfernt.
Der wiederum sah zu Suvar herüber und rief ihm entgegen:
„Was ist geschehen? Ich höre nur fürchterliche Geräusche!“
„Versteckt Euch!“, drängte Suvar, „Schnell!“
Dann machte er sich eilig dahin auf, wo eben Ligg gestanden hatte. Nach wenigen weiten Schritten befand er sich bereits auf der richtigen Gerade.
Auf einmal sprang in einiger Entfernung Ravice hinter einem Regal hervor und Tereks wütendes Brüllen drang an sein Ohr. Dann trat auch der Mann von der Wache in Suvars Blickfeld. Kräftig hieb er mit seinem Streitkolben um sich und beschädigte dabei die Einrichtung stark, denn er bremste seine Schläge nicht ab, selbst wenn sie daneben gingen.

Suvar war jetzt angekommen und fragte sich, was nun mit Ligg geschehen war. Obwohl er wusste, dass es nicht richtig war, warf er einen flüchtigen Blick um das Regal, wohinter die Kontrahenten hervorgetreten waren.
Ligg lag in einer Lache seines eigenen Blutes auf dem Boden.
Angespannt wollte Suvar sich wieder umdrehen, doch er war noch gar nicht ganz herum, da stieß Ravice ihm ihr Kurzschwert ins Herz, während sie vor Terek zurückwich.
Geschockt blieb er stehen und sah an sich herunter. Fassungslos starrte er auf das Schwert, das seinen Brustkorb durchbohrt hatte. Alles lief wie in Zeitlupe ab. Er hatte doch nur eine Sekunde nicht aufgepasst…
Ein Mal noch hob er den Blick zu Ravice’ Gesicht. Flüchtig nur sah sie ihm in die Augen, bewegte sich längst weiter, zog im Lauf die Klinge wieder aus Suvar heraus. Für sie war es nur ein kurzer Moment, doch Suvar kam es wie eine Ewigkeit vor.
Die Beine versagten ihm und kurz darauf war alles nur noch schwarz.

Entsetzt verfolgte Terek, wie Suvar zusammenbrach. Es war einfach unfassbar.
Ihm wurde klamm ums Herz, als sein letzter Unterstützer fiel.
Schon Ligg hatte er nicht retten können und nun war das Grauen perfekt.
Der Kampfesmut, von Wut genährt, entschwand und hätte sich er nicht so gut beherrschen können, wären ihm stattdessen Tränen gekommen.
Als nächstes wandelten sich seine Gefühle in Hass um. Hass gegen diejenige, der er all das Leid zu verdanken hatte, auch wenn ihm klar war, dass das nur indirekt der Fall war. Mittlerweile aber war ihm das egal.
Schlagbereit hob Terek seinen Streitkolben und sah entschlossen zu Ravice herüber.
Sie schien beunruhigt, ging einige Schritte rückwärts.
Dann brüllte er ihr all seinen Schmerz entgegen und stürmte los.

Noch bevor sie in Reichweite war, steckte sie ihr Kurzschwert hastig weg und wandte sich von ihm ab, um fortzurennen, Zeit zu gewinnen und dem Angriff zu entgehen.
Sie lief ein paar Meter weit und kletterte dann flink eines der übergroßen Bücherregale hinauf. Terek versuchte noch, sie am Bein festzuhalten, doch sie riss sich los und stieg bis ganz nach oben. Mit dem Schild am Arm und dem Streitkolben in der Hand konnte er ihr nicht folgen.
Doch was hoffte sie dort überhaupt zu finden?
In dem Moment sah er sie schon auf der anderen Seite herunter springen. Den Bogen und die Pfeile, die sie auf einmal in der Hand hatte, sah er auch.
Terek rannte um das Regal herum und schlug sofort nach der Assassine. Doch sie schwang sich gerade über das Geländer und landete im Flur. Dort angekommen hastete sie auf der Stelle weiter, Richtung des linken Eingangs ins Erdgeschoss.

Sie durfte auf keinen Fall entkommen. Unbeholfen, aber auf Schnelligkeit achtend, erklomm Terek ebenfalls das Geländer, musste jedoch gleich wieder seine Aufmerksamkeit auf Ravice richten, die stehen geblieben war und sich nun anschickte, einen Pfeil auf ihn abzufeuern. Das tat sie auch umgehend, wartete gar nicht ab, bis das Geschoss bei ihm ankam, sondern lief schon weiter.
Dank der Entfernung fiel es Terek nicht schwer, auszuweichen. Mühsam versuchte er, den Abstand zum Boden zu minimieren und hüpfte dann hinunter. Sogleich setzte er der Mörderin nach.


Ravice hetzte durch das Labyrinth der kleinen Räume. Ohne die Möglichkeit des Vorabends, sich mit dem Haus vertraut zu machen, hätte sie niemals jetzt nach Mogont suchen können, während Terek sie verfolgte.
Der Wachmann hatte eine unerwartete Veränderung durchgemacht. Anfangs noch beherrscht und ehrenhaft, raste er nun vor Zorn. So stellte er auch eine größere Bedrohung dar.
Darum musste sie ihm einen Moment entkommen und konnte sich dabei gleich um den alten Mogont kümmern. Einen Pfeil hatte sie schon aufgelegt. Mit dem Bogen könnte sie später im Idealfall auch Terek aus der Ferne erledigen.
Doch nun ging es erst einmal um den letzten anderen Gast. Allerdings er war nirgends zu entdecken. Sie lief weiter durch das Gebäude und schaute flüchtig in jeden Raum hinein.
Wo hatte er sich verkrochen?
Zu viele Sekunden vergingen, bis sie ihn fand. Er hatte nur seinen Kopf bis zu den Augen aus einem der Räume gesteckt, um den angrenzenden Gang zu beobachten.
Das würde reichen. Die Assassine zielte schnell und scharf. Der Pfeil raste los.
Einen Augenblick später ertönte ein Geräusch, das ihr früher noch einen Schauer über den Rücken gejagt hatte.
Sie sah nach, ob alles gut gelaufen war. Ja, Mogont lag zur Hälfte im Gang, der Pfeil steckte in seiner Stirn. Mausetot.
Da erinnerte sie sich, dass sie auch auf der Flucht war.
Unerwartet früh packten sie plötzlich starke Hände an den Schultern. Er war schon da?
Unsanft wurde sie nach hinten gerissen und konnte nicht einmal mehr den Bogen festhalten.


Diesmal hatte er den Spieß umgedreht. Ravice war ihm keinen Schritt mehr voraus, sondern war selbst im Nachteil.
Wütend zerrte Terek die Mörderin herum und packte sie von vorn.
Der ganze Hass entlud sich nun: brutal rammte er sie gegen die nächstbeste Wand.
Ravice schrie schmerzerfüllt auf. Endlich zeigte sie ein Anzeichen dafür, dass sie etwas nicht so einfach wegstecken konnte wie sonst. Terek erfüllte eine dunkle Genugtuung, die ihn unter anderen Umständen entsetzt hätte.
Doch er stieß sie gleich noch mal gegen die Wand.
Und noch mal.

Und er hätte es wieder getan, wäre sie nicht in dieser Sekunde vom Boden abgesprungen. Ihre Beine schlossen sich um seinen Brustkorb und schnürten ihm die Luft ab.
Gleichzeitig musste er nun auch Ravice’ Gewicht tragen, sodass er die Balance verlor und stürzte.


Auf dem Boden aufgeschlagen, passte die Assassine rapide ihren zangenartigen Griff an, um Terek auch am Aufstehen zu hindern.
Ihr ganzer Rücken und ihr Hinterkopf fühlten sich grauenhaft an. Sie ignorierte den Schmerz und verstärkte den Druck auf den Oberkörper des Mannes.
Irgendwie hoffte sie, dass er es nicht merkte, doch sie agierte mit letzter Kraft.
Terek wandte sich und versuchte, ihrer eisernen Umklammerung zu entkommen. Mühsam hielt sie ihn zurück.
Dann endlich gaben seine Knochen nach und Ravice spürte Rippen brechen. Mit einem letzten Ruck stellte sie sicher, dass er sich nicht mehr bewegen konnte.
Hastig setzte sie sich auf und zog mit zittrigen Fingern ihr Kurzschwert. Unter fast panischer  Anspannung stieß sie es direkt in Tereks Hals. Sein Körper erschlaffte.

Vollkommen erschöpft lehnte Ravice sich an die Wand. Es war vorbei. Es war alles vorbei.

Eine ganze Weile saß sie so da.
Sie wusste schon nicht mehr, wie lange sie sich nicht bewegt hatte, als sie sich schließlich aufraffte.
Ihr Kurzschwert lag noch auf dem Boden. Sie hob es auf und betrachtete es in den Händen.
Eine schöne Waffe, die einst eigens für sie geschaffen worden war. Sie hatte ihr gute Dienste geleistet und lag perfekt in der Hand.
Langsam steckte Ravice das Schwert wieder in die Scheide zurück, die unter ihrer Kleidung verborgen war.
Dann begab sie sich unsicheren Schrittes zur Eingangstür.

Den einzigen Schlüssel hatte sie die ganze Zeit gehabt. Es quietschte, als sie ihn im Schloss drehte.
Nach kurzem Schieben schwangen die Türen auf und sie trat hinaus. Es nieselte leicht, doch es war ihr willkommen.
Endlich war sie wieder im Freien.
Bei keinem Auftrag hatte sie je so viel gelernt wie an diesem Tag. Aber auch hatte ihr noch nie ein Auftrag so viel abverlangt.
Gut, dass sie sich darauf verlassen konnte, in der Zuflucht der Dunklen Bruderschaft mit Liebe empfangen zu werden.


Die Sonne war schon fast hinter den hohen Bäumen des Waldes verschwunden, als Der Gastgeber an seinem großen Haus eintraf.
Er hatte darauf bestanden, am Abend den Ort des Geschehens selbst zu inspizieren.
Die Türen standen leicht offen und er trat ein. Auf den ersten Blick sah alles ganz normal aus.
Bis auf die Leiche im Flur natürlich. Er trat näher heran. Es war Zenira, die Jägerin. Ihr Nacken war blutverschmiert.
Auch wenn die Dunkle Bruderschaft eine unheimliche Gilde war, sie hatte ganze Arbeit geleistet.
Ruhig schritt Der Gastgeber weiter. Er ging durch die rechte Pforte, die in das verwirrende Erdgeschoss führte und suchte nach den anderen Gästen.
Zuerst fand er Pingo, der in einem der Räume auf dem Boden lag und dessen Kopf unnatürlich verdreht war.
Ungerührt schritt er weiter.
In einem längeren Gang blieb er wieder stehen. Ordeng lag dort auf der Erde. Von seinem Hals aus hatte sich eine Pfütze Blut ausgebreitet. Mit einem großen Schritt stieg Der Gastgeber darüber hinweg. Schon stand er neben der Leiche von Wentika, die eine aufgeschlitzte Kehle zeigte.
Gleich wandte er sich wieder ab und stieg kurz darauf die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Dort sah er schon Tanah an der Mauer sitzen. Scheinbar war sie direkt aus dem Stand heraus mit dem Kopf an die Wand geschlagen worden.
Er suchte den nächsten Gast. Überrascht stellte Der Gastgeber fest, dass er diesen schon hinter dem nächsten Regal fand. Turius lag auf dem Bauch vor ihm. Wie der Angeber gestorben war, konnte er von hier aus nicht sehen. Und da er auch keine Lust hatte, die Leichen anzufassen, begnügte er sich damit, dass Turius auf jeden Fall tot war.
Nach wenigen Schritten stieß er schon auf das nächste Opfer. Es waren sogar zwei, ganz nah beieinander: Ligg, der vollkommen aufgeschlitzt war, und Suvar. Letzterem war direkt ins Herz gestochen worden. Nicht übel.
Weiter hinten befand sich noch eine Leiche. Verdutzt schaute Der Gastgeber den Toten an.
„Was ist das denn?“ Bücher waren über den Leichnam gestapelt worden und nicht zuletzt lag ein Kronleuchter mitten darauf. Mit dem Fuß stieß er die Lektüre weg. Es war Kint. Auch jetzt noch unverkennbar an seinen eingefallenen Wangen zu identifizieren.
Bei der Treppe zum Flur lag Anitan, mit einem unschönen Blutfleck auf dem Rücken. Um den Schnösel würde sicher niemand trauern.

Nur eine kurze Strecke entfernt befanden sich überall Bücher auf dem Boden und zwei Regale waren schwer beschädigt. Doch schlimmer hatte es Mohna erwischt, die leblos daniederlag.
Amüsiert ging Der Gastgeber weiter. Von Büchern erschlagen. Das hatte er auch noch nie gehört.
Sich reckend stieg er die Treppe zum linken Teil des Erdgeschosses hinab.
Er musste nicht lange suchen und sah schon bald jemanden in einiger Entfernung im Gang liegen. Ruhigen Schrittes trat er näher.
„Autsch!“, machte er. Mogont hatte einen Pfeil im Kopf.
Dann lief er wieder zurück und durchsuchte angrenzende Räume. Robos’ massiger Körper lag in einem von ihnen. Sein Hals sah aus, als wäre eine Guillotine auf halbem Wege darin stecken geblieben.
Der Gastgeber schüttelte sich und ging weiter. Sekunden später fand er Terek im Gang liegen.
Ach ja, die Kaiserliche Wache. Nutzlos war dieser Mann gewesen! Sein Oberkörper sah merkwürdig deformiert aus, doch gestorben war er wohl eher an der grässlichen Halswunde.
Das war der Letzte. Der Mann von der Bruderschaft hatte nicht zu viel versprochen, das musste man sagen.
Der Gastgeber begab sich zufrieden zum Ausgang. Die Neun konnten jetzt mit dem Haus machen, was sie wollten. Er würde es ganz bestimmt nie wieder betreten.

Vielleicht war die Aktion für einige seiner Gäste eine etwas übertriebene Strafe gewesen, überlegte er, als er durch die Tür nach draußen schritt, aber manche Dinge konnte er eben auf den Tod nicht ausstehen.


Eine Woche später ging über der Kaiserstadt eine wunderschöne Sonne auf. Die Leute waren überall gut gelaunt und zu Späßen aufgelegt.
Berred Tem bekam von alledem nichts mit. Er saß in seinem Keller und vollführte ein streng verbotenes Ritual. Es war das Ritual der Mutter der Nacht.
Bis vor zwei Tagen hatte er nicht geglaubt, dass er es jemals ausführen würde. Doch jetzt musste es sein.
Vor einer Woche hatte seine Schwester einen zwielichtigen Brief erhalten, der von einer Schatzsuche gekündet hatte.
Sie war nicht von dort zurückgekehrt.
Und als er zufällig aufschnappte, dass noch jemand einen Angehörigen vermisste, der zu einer solchen Veranstaltung eingeladen worden war, stand es für ihn fest, dass sie auch nie mehr zurückkehren würde.

„Mutter der Nacht“, sprach er. „Hört mein Flehen. Die Dienste Eurer treuen Kinder werden benötigt, um meine Schwester zu rächen. Sie wurde hinterhältig in eine Falle gelockt.
Ich bin bereit, viel herzugeben für den Tod des Verantwortlichen. Ich bin sicher, dass er ausfindig gemacht werden kann.
Bitte schickt einen Eurer Untergebenen hierher, damit mein Leiden schnell ein Ende hat.“
Einige Male noch bat er inständig darum, dass sein Wunsch erfüllt werde.
Dann blies er die Kerzen aus, die er aufgestellt hatte und machte sich daran, alle Hinweise auf ein Nachtmutter-Ritual aus seinem Haus zu entfernen.
Er ging nach getaner Arbeit wieder hinauf und wartete ab.

Ende
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