Schlaflose Nächte

GeschichteKrimi / P12 Slash
24.10.2010
30.03.2013
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Frank Thiel stand neben einem der Obduktionstische und blickte etwas ratlos auf ein Sammelsurium von Knochen, die auf der glänzenden Oberfläche des Tisches ausgebreitet lagen, darunter fünf Schädel. Sofern sie nach einem bestimmten System angeordnet waren, blieb es Thiel verborgen, er war lediglich in der Lage, einzelne Knochen zu identifizieren, wie Schienbeine, Rippenbögen, Wirbel und natürlich die Schädel. Aber das war kein Kunststück, das konnte schließlich jeder. Er warf einen kurzen Blick hinüber zu Professor Boerne, der in einiger Entfernung an seinem Schreibtisch saß und ihm beim Hereinkommen kurz zugenickt, sich dann aber sofort wieder auf seine Arbeit am Computer konzentriert hatte. Vier Tage lag es nun zurück, dass er mit Boerne auf der Suche nach dem fehlenden Schädel im Wald gewesen war, und in den darauf folgenden drei Tagen hatte er ihn so gut wie gar nicht zu Gesicht bekommen. Der Rechtsmediziner war fast nie vor Mitternacht zu Hause gewesen und morgens war er schon sehr früh ins Institut gegangen. In vielerlei Hinsicht mochte Boerne ein Kindskopf sein, sobald es aber um seine Arbeit ging, war er ein vollkommen anderer Mensch. Mit ernster Miene führte er mikroskopische Untersuchungen und DNA-Vergleiche durch, öffnete Leichen, gab Daten in den Computer ein und ließ sich bei alldem von nichts und niemandem ablenken. Auch nicht von der fast schon obligatorischen Opernmusik, die auch jetzt durch den Obduktionssaal schallte. Im Gegenteil, diese Musik, für Thiels Ohren viel zu laut, schien ihm sogar bei seiner Konzentration zu helfen.

Thiel nahm einen der Schädel in die Hand und betrachtete ihn nachdenklich. In zwei Fällen hatte Boerne die Gesichter bereits rekonstruieren können, bei beiden hatte es sich um Frauen gehandelt. Die qualitativ sehr gut geratenen Bilder waren zur Veröffentlichung sofort an die Presse gegeben worden und gestern erstmals in den regionalen und überregionalen Zeitungen erschienen. Thiel legte den Schädel wieder zurück und musterte die anderen Knochen. Abgesehen von den Köpfen war kaum einer vollständig erhalten, vor allem die längeren Exemplare wie Schienbeine, Unterarmknochen und Rippenbögen waren in den meisten Fällen gebrochen. Thiel musste tief durchatmen. Als Boerne im Wald den Halswirbel gefunden hatte, der dort eigentlich gar nicht hätte liegen dürfen, war ihm sofort klar geworden, dass dies möglicherweise eine größere Sache sein könnte und sofort hatte er einen Suchtrupp mit Hunden angefordert. Auf eine Art Massengrab war er dennoch nicht vorbereitet gewesen. Nach einem letzten Blick auf die sterblichen Überreste der unbekannten Opfer ging Thiel hinüber zu Boerne. Im Vorbeigehen schaltete er den CD-Player aus und erntete dafür einen missbilligenden Blick des Professors.

„Na, Boerne? Seit Tagen sitzen Sie nun hier in Ihrer Gruft. Was haben Sie denn Neues für mich?“ Ohne eine Aufforderung abzuwarten setzte sich Thiel auf den Stuhl vor Boernes Schreibtisch.

„Immer mit der Ruhe, Thiel. Gut Ding will Weile haben, vor allem die Rekonstruktion der letzten drei Gesichter braucht ihre Zeit. Und jetzt, wo Alberich im Urlaub ist, muss ich auch noch alles alleine machen.“

„Na ja, ohne den Urlaub von Frau Haller hätten Sie aber den Hund nicht in Pflege und ohne den Hund hätten wir die Knochen nicht gefunden. Sehen Sie’s einfach mal so.“

„Und ich hätte jetzt nichts zu spielen, das wollten Sie doch sagen.“

„Wenn Sie es so ausdrücken wollen. Aber nun vergessen Sie mal die noch fehlenden Gesichter und erzählen Sie mir einfach, was Sie sonst noch herausgefunden haben.“

„Sehr gerne. Es wurden fünf Schädel gefunden, also haben wir es mit mindestens fünf Toten zu tun.“

„Ist nicht wahr.“ Thiel rollte mit den Augen. „Da wäre ich von alleine nun wirklich nicht drauf gekommen.“

„Sie müssen mir schon genau zuhören, Thiel. Ich sagte mindestens fünf Tote. Auf dem Tisch dort liegen Knochen, die der Computer bisher nicht zuordnen konnte, aber es könnte sich auch um einen Softwarefehler handeln. Ich habe mir ohnehin schon überlegt, Archie – Dr. King – noch einmal herzubitten. Unterstützung könnte ich ganz gut gebrauchen.“

„Archie? Diesen dauerbekifften englischen Computerfreak? Nee, Boerne, den Vogel lassen Sie mal schön da, wo er hingehört.“

„Thiel, Sie –“

„Nein, ich bin nicht eifersüchtig! Ich habe nur herzlich wenig Interesse, wieder dabei zuzusehen, wie mein Vater zum Dealer mutiert. Außerdem hab ich keine Lust, bis zum Morgengrauen ständig mit diesem … diesem Diskokrach zugedröhnt zu werden.“

„Nun regen Sie sich mal wieder ab, Thiel. Sie wollen doch nur nicht zum ‚Pizzaman’ degradiert werden, habe ich recht?“ Mit zuckersüßem und ein wenig provozierendem Lächeln schaute Boerne seinem Gegenüber in die Augen.

Thiel ignorierte die Frage und den Blick. „Zurück zum Thema. Gibt es denn bei einer oder bei mehreren Leichen eine Übereinstimmung mit Verenas DNA?“

„Nein, gar keine.“ Sofort wurde Boerne wieder ernst. „Auch bei den Toten untereinander gibt es keine Übereinstimmung. Es kann also nicht so sein, dass hier jemand seine Familie ausgelöscht hat oder etwas in der Art. Aber es gibt ein paar andere Auffälligkeiten, warten Sie mal.“ Der Rechtsmediziner wandte sich dem Monitor zu und scrollte zum Anfang seines Berichts. Dabei griff er sich mit der freien Hand in den Nacken und drehte den Kopf ein paar Mal hin und her. „Wissen Sie was, Thiel. Sie könnten sich eigentlich ein bisschen nützlich machen und mir den Nacken massieren, während ich über die Ergebnisse berichte.“

Thiel sackte unmerklich ein wenig zusammen. Na großartig, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Aber er wusste auch, dass er die Bitte schlecht ablehnen konnte, schließlich war nicht zu übersehen, wie erschöpft Boerne war. Egal, ihm stand ohnehin nicht der Sinn nach erotischem Geplänkel. Diese Sache hier, die er bisher allenfalls als Parallelfall betrachtet hatte, hatte inzwischen eine Dimension angenommen, deren Ausmaß noch gar nicht abzusehen war, und die seine ganze Aufmerksamkeit erforderte.

Nachdem er hinter Boernes Stuhl getreten war, legte er ihm die Hände auf die Schultern und begann, den Professor mit langsamen Bewegungen zu massieren. „Ich höre“, sagte Thiel, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen.

„Zunächst einmal handelt es sich bei den Opfern um zwei Männer und drei Frauen. Wir haben es also auch nicht mit einem Frauenmörder zu tun, falls Sie daran gedacht haben sollten.“ Boerne drehte sich kurz zu ihm um. „Sie machen das sehr gut, Thiel.“

„Nur weiter, was haben Sie sonst noch herausgefunden?“ Während er Boerne massierte spürte Thiel, wie verhärtet dessen Nackenmuskulatur war. Aber das war auch kein Wunder, denn die meiste Zeit hatte der Professor in den letzten Tagen am Computer verbracht. Beinahe hätte er Mitleid mit ihm gehabt.

„Die Morde wurden alle innerhalb eines Zeitraums von etwa zehn Jahren begangen, schätzungsweise zwischen 1945 und 1955.“

„Das heißt also, der Täter dürfte inzwischen nicht mehr am Leben sein.“

„Davon können wir ausgehen, ja. Interessant ist aber noch, dass mindestens drei der Toten nicht gesund waren.“

„Das ist bei Toten öfters der Fall.“ Thiel musste grinsen. Diese Bemerkung konnte er sich nicht verkneifen.

„Thiel, bitte. Jetzt seien Sie doch mal mit der nötigen Ernsthaftigkeit bei der Sache. Was ich sagen will ist, dass eine der Frauen eine Erbkrankheit hatte, eine andere hatte eine Wirbelsäulenverkrümmung und einer der Männer ein verkürztes Bein, beides vermutlich angeboren. Die dritte Frau und der andere Mann waren aber gesund, jedenfalls so weit ich das jetzt noch beurteilen kann.“

„Was ist mit der Enthauptung? Bei dem Fund der ersten weiblichen Leiche hatten Sie gesagt, dass die Frau geköpft worden sei.“

„Darauf wollte ich gerade kommen. Der Dame wurde zwar mit einem scharfen Gegenstand der Kopf abgetrennt, aber es war mit Sicherheit keine Enthauptung im Sinne einer Hinrichtung.“

„Sondern?“

„Eine Enthauptung im Sinne von – Entsorgung.“

„Entsorgung. Aha.“

„Ja. Sie haben sich doch eben so interessiert die Knochen auf dem Tisch angesehen. Dabei wird Ihnen aufgefallen sein, dass die meisten davon nicht als Ganzes erhalten geblieben sind. Auch hier kann man bei den längeren Knochen glatte Schnittflächen erkennen. Wir können also davon ausgehen, dass der Mörder seine Opfer woanders getötet, sie dann zerstückelt und im Wald vergraben hat.“

„Ganz schön heftig, Boerne, ganz schön heftig. Und was fangen wir jetzt mit diesen Informationen an?“

„Tja, Thiel, das ist nicht in erster Linie mein Problem. Vielleicht haben wir ja Glück und es meldet sich jemand auf die Gesichtsrekonstruktion.“

Mehr und mehr schien Boerne Thiels Massage zu genießen. Er gab ein wohliges Seufzen von sich und ließ sich langsam immer weiter nach hinten fallen, bis er schließlich ohne weitere Vorwarnung seinen Kopf gegen Thiels Bauchansatz lehnte. Sofort erstarrte Thiel in seiner Bewegung, er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Was bezweckte Boerne, was wollte er damit erreichen? Aber war das nicht ganz offensichtlich? Es war doch schon fast so etwas wie eine Aufforderung zum Austausch von Zärtlichkeiten. Thiel rührte sich noch immer nicht. Er stand bewegungslos hinter Boerne und wagte kaum zu atmen, während seine Hände auf dessen Schultern ruhten. Zu gerne hätte er nun seinen Kopf gesenkt und seine Nase und sein Kinn in Boernes Haar vergraben. Zu gerne hätte er seine Hände von den Schultern des Professors zu dessen Hals bewegt, ihn gestreichelt und zärtlich seinen Kinnbart gekrault. Thiel stellte sich vor, wie er den Knoten von Boernes Krawatte löste, wie er dessen Kittel und Hemd öffnete und mit seinen Lippen durch Boernes Haar fuhr, dann weiter hinab bis zur Halsbeuge. Wie er seine Hände über Boernes nackte Brust gleiten ließ und sich schrittweise weiter nach unten tastete…

Tatsächlich aber tat er nichts von alledem.

„Warum haben Sie denn aufgehört, Thiel?“ Der unschuldige Tonfall, in dem Boerne diese Frage stellte, stand in direktem Kontrast zu seinem eindeutigen Annäherungsversuch.

Thiel schluckte, er sagte aber nichts. Langsam nahm er die Massage wieder auf, es war allerdings mehr ein Streicheln. Boerne lehnte seinen Kopf noch weiter nach hinten und drückte sich noch fester gegen Thiels Bauch. Seine Augen waren geschlossen und er gab erneut ein leises Seufzen von sich. Thiels Hirn arbeitete, er überlegte fieberhaft, was er tun sollte, wohin das hier führen sollte. Dann fiel ihm auf, dass Boerne nun ganz ruhig atmete und auch seit mehreren Minuten kein Wort mehr gesagt hatte.

„Boerne?“ fragte Thiel leise. „Boerne, Sie schlafen doch hier nicht ein, oder?“

„Hmm, lassen Sie mich doch, Thiel. Ihr Bauch ist so schön weich.“ Boernes Ton war schläfrig, dadurch aber auch irgendwie sinnlich und sehr erotisch. Thiel spürte instinktiv, dass er nun freie Hand haben könnte, dass Boerne zu allem bereit wäre, wenn er, Thiel, nur den ersten Schritt täte. Stattdessen rettete Thiel sich in Empörung über die soeben geäußerte Bemerkung des Rechtsmediziners.

„Wie bitte?“ Das war ja wohl die Höhe. Weicher Bauch? Dass er kein Muskelpaket war, war ihm klar, aber Boernes Direktheit war ein wenig unverschämt. Energisch, aber nicht wirklich unsanft gab er dem Professor einen leichten Stoß und beendete so eine Situation, die ihm zwar alles andere als unangenehm gewesen war, mit der er aber absolut nicht umzugehen wusste.

„Och, Thiel, was soll denn das?“ Boerne klang mehr als enttäuscht, doch bevor Thiel angemessen reagieren konnte, ertönte die unverwechselbare Melodie seines Handys.

***

Eine ältere Dame, hatte Nadeshda gesagt. Eine ältere Dame hätte sich gemeldet, weil sie glaubte, die auf einem der veröffentlichten Fotos abgebildete Frau erkannt zu haben. Thiel befand sich nun auf dem Weg ins Präsidium, die Dame wartete auf ihn in seinem Büro. Große Hoffnungen machte er sich nicht, Frauen ab einem gewissen Alter brachte er mit Hellseherei oder zerstörten Grablichtern in Verbindung. Dennoch war er über den Anruf mehr als erfreut gewesen, da er ihn aus einer Situation gerettet hatte, von der er sich eindeutig überfordert fühlte.

„Hauptkommissar Thiel. Guten Tag Frau –“

„Zimmermann, Margarete Zimmermann.“

Thiel taxierte die Frau mit berufsmäßiger Routine. Er schätzte sie auf etwa achtzig Jahre, vielleicht sogar mehr. Gut möglich, dass sie aufgrund ihrer gepflegten äußeren Erscheinung jünger wirkte, als sie tatsächlich war.

„Frau Zimmermann, Sie glauben also, auf den von uns veröffentlichten Bildern jemanden erkannt zu haben.“

„Das glaube ich nicht, junger Mann, da bin ich mir vollkommen sicher.“

Thiel überhörte bewusst den leicht eingeschnappten Tonfall der Frau. Vermutlich hatten Damen ihres Alters es nicht gerade leicht, sich Gehör zu verschaffen und reagierten daher entsprechend empfindlich, wenn sie glaubten, nicht für voll genommen zu werden.

„Um wen handelt es sich denn? Erkennen Sie nur das Gesicht oder erinnern Sie sich auch an den dazu gehörigen Namen?“

„Selbstverständlich weiß ich den Namen der Dame. Es ist das rechte Bild, und es zeigt meine Tante Becky.“

„Tante Becky“, wiederholte Thiel resigniert, bemühte sich jedoch, sich seinen Frust nicht anmerken zu lassen. Er hatte es ja geahnt.

Wahrscheinlich war es Thiels Blick, der Margarete Zimmermann dazu veranlasste, erneut das Wort zu ergreifen und eine Erklärung folgen zu lassen. „Entschuldigen Sie, Herr Kommissar. sie müssen mich wirklich für senil halten. Diese Dame ist nicht meine wirkliche Tante, wir – meine Schwester und ich – haben sie aber immer so genannt.“ Frau Zimmermann machte eine Pause, so als müsse sie sich sammeln und ihre Worte gut überlegen um ernst genommen zu werden. „Wir haben sie ‚Tante’ genannt, weil wir in ihrem Haushalt lebten und weil sie immer sehr gut zu uns Kindern war. Meine Eltern hatten damals für sie gearbeitet, aber meine Mutter und sie waren auch sehr vertraut miteinander. Man kann sogar sagen, sie waren enge Freundinnen.“

„Und wie war der Name dieser Frau?“ Frank Thiel fiel es zunehmend schwerer, sich seine Ungeduld nicht anmerken zu lassen.

„Ach, wie dumm von mir, das habe ich ja noch immer nicht gesagt. Was müssen Sie nur von mir denken, junger Mann.“ Margarete Zimmermann schüttelte den Kopf über ihre eigene Zerstreutheit. „Die Frau auf dem Bild, das ist Rebecca von Falkenstein.“

***


TBC (und ich hoffe, diesmal auch etwas schneller - garantieren kann ich aber für nix *gg*)
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