My Beloved Brother II

von Riley
GeschichteDrama / P16
Amber Jack Jay Ram Slade Ved
23.10.2010
17.04.2014
8
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23.10.2010 2.182
 
Ved fiel wieder in einen unruhigen Schlaf und wurde unsanft geweckt, als ihm jemand einen nassen Lappen ins Gesicht warf.

„Bist du eigentlich noch ganz bei Trost?“, fuhr seine „Krankenschwester“ ihn an, bevor er überhaupt Zeit hatte, die Augen zu öffnen.

„Was’n los?“, murmelte er benommen und zog sich den Lappen aus dem Gesicht.

„Case!“

Ved blinzelte benommen und sah den Jungen von zuvor hinter ihr stehen. Er hielt sie an der Schulter zurück, aber sie schüttelte ihn ab.

„Lass mich!“

„Case! Er kann nichts dafür!“

„Genau, ich kann nichts dafür“, stimmte Ved ihm schnell zu und fragte dann: „Und wofür kann ich nichts?“

„Du… du… du…“ Das Mädchen – das anscheinend Case hieß – schien nach der richtigen Bezeichnung für Ved zu suchen.

„Ich was?“ Er sah sie herausfordernd an, dann merkte er aber, dass ihre Augen rot und geschwollen waren und sie wirklich aufgelöst aussah. Das war gar nicht gut, sagte ihm sein Gefühl.

„Case! Lass mich das regeln!“

„Lass mich endlich los, Ethan!“ Sie schüttelte ihn grob ab und beugte sich dann über Ved. „Hast du meinem kleinen Bruder den Mist erzählt, von wegen wie er sich an seinem großen Bruder durch Verbreitung von Gerüchten rächen soll?“

„Kommt drauf an… Dein kleiner Bruder, ist das so ein…“

„JA ODER NEIN!?“, schrie sie.

„Was ist denn passiert?“ Er drehte den Kopf in Richtung des Jungen, der Ethan hieß, denn der schien wenigstens noch vernünftig zu sein.

„Taban hat auf deinen Rat gehört und jetzt ist sein Bruder wütend weggelaufen und verschwunden.“ Er seufzte und legte dem Mädchen die Hände auf die Schultern. „Lass es gut sein, Case. Wenn Quentin bis morgen nicht wieder da ist, gehen wir ihn suchen. Aber ich bin mir sicher, er steht ein paar Stunden nach Einbruch der Dunkelheit wieder auf der Matte – gesund und munter.“

„Ich glaub das einfach nicht!“ Sie wandte sich von Ved ab und der Junge zog sie zu sich, so dass er sie umarmen konnte.

„Na komm, das wird schon alles wieder!“ Er küsste sie auf die Stirn. „Ruh’ dich einfach ein bisschen aus, du bist nur fertig, weil du ewig nicht mehr geschlafen hast.“

„Ja. Ja, ich kümmer’ mich nur noch um den Wunderjungen hier“, erwiderte sie und machte sich von ihm los.

„Gut, aber bring ihn nicht um“, lachte Ethan, bevor er die Hütte wieder verließ.

Einen Moment blieb sie noch etwas unschlüssig stehen, dann seufzte sie schließlich und kniete sich neben Veds Lager, sagte aber nichts.

„Es tut mir leid. Das wollte ich nicht! Ehrlich“, murmelte er, als sie ihm half, sich aufzusetzen.

Sie schob schweigend sein Sweatshirt nach oben und begann, den Verband zu lösen, den er um den Bauch trug. Neugierig besah er sich die Wunde, die unter den Bandagen zum Vorschein kam.

„Ouch! Kein Wunder brennt mein Bauch so!“

Wieder sagte sie nichts, sondern bandagierte die Wunde erneut.

„Ist Ethan dein Freund? Meine Freundin heißt Cloe. Ihr habt sie nicht zufällig gesehen? Sie hat schwarze Haare, braune Augen...“

„Halt endlich die Klappe!“, zischte sie ihn an. Sie war fertig mit ihm und stand auf.

„Du könntest mir wenigstens mal sagen, wo ich hier bin und was das hier alles soll!“, beklagte er sich.

„Du bist in Sicherheit! Reicht dir das?“

„Nein! Ich hab keine Erinnerung an... Was weiß ich wie lange es her ist, dass ich mich an was erinnern konnte!“ Langsam wurde er auch ungeduldig. Sie war schließlich nicht die einzige, die sich in einer unangenehmen Situation befand.

„Die... Die Technos haben ihre Gefangenen hier an diesen Stränden in Lagerhäusern abgeladen. Normalerweise wurden diese Verliese bewacht, aber vor ein paar Wochen sind die Wachen abgezogen und dann haben wir sie... haben wir euch befreit! Es gibt noch mehr, aber du gehörst bei weitem zu denen, die am übelsten zugerichtet waren.“ Sie seufzte und setzte sich neben ihn auf die Matratze.

„Ihr? Ihr seid ein Tribe?“

„Ja.“ Sie nickte und vergrub das Gesicht in den Händen. „Wir sind ein Tribe.“

„Und das eben war dein Freund?“

„Was denkst du denn?“

„Und dieser kleine Junge...“

„War mein Bruder Taban. Mein jüngster Bruder, neun Jahre alt.“

„Und der, der...“

„Quentin, zwei Jahre jünger als ich.“

„Du siehst echt fertig aus, wenn ich das mal so sagen darf.“ Aber nicht hässlich, fügte er in Gedanken hinzu, im Gegenteil. Sie hatte dunkelbraune, leuchtende Rehaugen und ein fein geschnittenes Gesicht.

„Sich um einen Haufen Verletzte zu kümmern und zwei kleine Brüder in Schach zu halten ist sozusagen ein Fulltime-Job.“

„Ich hab auch nen Bruder.“

„Aha.“

„Jay. Er ist älter als ich. Und er hat mich wahrscheinlich genauso genervt wie du deine Brüder!“

„Was soll das heißen?“

„Dass die zwei auf sich selbst aufpassen können.“

„Ja: Der eine ist jetzt verschwunden, stimmt, weil er auf deinen tollen Rat gehört hat! Ich erinnere mich...“ Obwohl sie nun wieder wütend klang, blieb sie sitzen und stand nicht auf.

„Wenn man jemanden zu sehr bemuttert, dann treibt man ihn nur weg! Verstehst du?“

„Was soll das? Du kennst mich doch gar nicht! Und meine Brüder genauso wenig! Aber was auch immer zwischen dir und deinem Bruder vorgefallen ist: In Anbetracht der Tatsache, dass du halbtot warst, kann es ja nicht zum Nachahmen weiterempfohlen werden.“

„Nein, wirklich nicht“, gab Ved zu.

Die beiden saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander, bis Case schließlich aufstand und meinte, sie würde schlafen gehen.



Ein anderes Mädchen brachte ihn am nächsten Tag sein Frühstück und noch bevor er alles aufgegessen hatte, schlich sich eine wohlbekannte, kleine Gestalt zu ihm in die Hütte.

„Du bist Taban, nicht?“, fragte er nach.

„Ja. Und wie heißt du?“

„Ved. Mein Name ist Ved.“

„Hi Ved.“ Taban kam zögernd näher und setzte sich neben ihn auf den Boden. Schweigend sah er zu, wie der ältere Junge die letzten Bissen seines Frühstücks hinunter schlang.

„Ich hab gehört, dass du meinen Rat befolgt hast und dein großer Bruder deshalb abgehauen ist. Hast ihn wohl richtig blamiert, was?“

„Ja. Aber es tut mir leid. Case hat mir gesagt, dass das nicht nett war.“

„Ich erinnere mich. Deine Schwester, die immer alles weiß... Ist dein Bruder wieder aufgetaucht?“

„Ja.“

„Stimmt was nicht? Du siehst irgendwie so aus, als sei dir ne Laus über die Leber gelaufen.“

„Mein Bruder redet jetzt nicht mehr mit mir.“

„Sei froh! Ich hab mir früher immer gewünscht, dass mein Bruder mich in Ruhe lässt und nicht mehr mit mir redet!“ Ved musste unwillkürlich auflachen.

„Aber ich will, dass mein Bruder mit mir redet. Er soll mir wieder Witze erzählen und mir helfen, wenn mich Keith ärgert.“

Er dachte eine Weile darüber nach und stimmte dann zu: „Ja, als ich in deinem Alter war, hat mein Bruder mir auch immer Witze erzählt und mich vor den Schlägern gerettet. Mann, waren das noch Zeiten... Aber glaub mir, das geht irgendwann auch vorbei und wenn du erstmal so alt bist wie ich, dann findest du es besser, wenn dein Bruder dich in Ruhe lässt.“ Langsam ging ihm der Kleine auf die Nerven. Er wusste doch gar nicht, wie gut er es hatte!

„Hast du gar nicht mehr mit deinem Bruder geredet, seit du so groß bist?“, wollte Taban wissen.

„Na ja, nein, so richtig irgendwie nicht mehr“, gestand Ved.

„Wow.“ Der Kleine blickte ihn an, als sei er das achte Weltwunder.

„Und es hat mir nicht geschadet! Also kümmere dich nicht mehr um deinen Bruder und zieh dein eigenes Ding durch!“

Nun lächelte Taban und nickte begeistert.



„Na schön, wenn du nicht immer noch verletzt wärst, würd ich dich hier mal rausschleifen, damit du sehen kannst, was du mit deiner Familientherapie hier so anrichtest!“ Case tauchte mit verschränkten Armen in der Tür auf, nachdem Ved sein Mittagessen aufgegessen hatte.

„Dir kann man es auch nie recht machen, was?“

„Du sollst es mir nicht recht machen! Du sollst uns einfach in Ruhe lassen!“

„Was ist denn passiert?“

„Taban dachte, er nimmt es mal alleine mit den großen Jungs auf, hat sich geprügelt und jetzt hat er ne Gehirnerschütterung. Das Letzte, was ich brauche, ist noch ein Kranker, um den ich mich hier kümmern muss. Da gibt es nämlich außer dir noch ein ganzes Dutzend davon!“

„Das kann ich ja nicht wissen! Ich hab deinem Bruder außerdem nur gesagt, er soll sein eigenes Ding durchziehen... Das ist ja nun wirklich nicht immer alles meine Schuld! Außerdem prügeln sich Jungs nun mal, das kannst du nicht ändern!“

Er hatte genug! Es war einfach lächerlich, dass Case immer ihre Wut an ihm ausließ! Er schloss die Augen und stellte sich schlafend.

„Weiß dein Bruder, was aus dir geworden ist?“

„Was?“ Er öffnete die Augen wieder. „Wie kommst du auf die Frage?“

„Taban hat mir erzählt, was du ihm gesagt. Und ich dachte nur... Ich weiß nicht, aber gestern hatte ich den Eindruck, dass dein Bruder die ne Menge bedeutet. Da wundert es mich nur, dass er nicht bei dir ist. Oder du bei ihm. Denn immerhin scheint er ja so was wie eine Übermutter gewesen zu sein, da kann ich mir nicht vorstellen, dass er dich einfach so im Stich gelassen hat.“

„Hat er aber, wenn du’s genau wissen willst.“ Er wollte noch etwas anderes sagen, aber dann änderte er seine Meinung und meinte nur: „Ich bin müde. Ich will jetzt schlafen.“



Da waren überall Hände. Überall auf seinem Körper waren Hände und jedes Mal, wenn er sie wegstieß, kamen sie wieder und berührten ihn an Stellen... Oh nein, es sollte aufhören! Er wollte das nicht, er wollte das nicht!

Wo war Jay? Warum half er ihm nicht? Er brauchte ihn doch! Er brauchte ihn mehr als je zuvor!

„Hey, wach auf! Wach auf!“

Jemand schüttelte Ved sanft an der Schulter.

Langsam kam er wieder zu sich, aber er musste sich konzentrieren, bevor ihm wieder einfiel, wo er war. Da waren keine Hände an seinem Körper, jedenfalls nicht an diesen Stellen... Nur Cases Hand auf seiner Schulter.

„Es ist alles okay“, redete sie auf ihn ein.

„Was ist mit ihm?“, fragte ein Junge mit einem dunkelblonden Lockenkopf hinter ihr.

„Er hat Fieber“, erwiderte Case. „Hohes Fieber.“

„Soll ich ein Medikament holen?“

„Nein, Quentin, besser nicht. Wir haben nicht mehr viel davon und er schafft es auch ohne, aber andere vielleicht nicht... Solange es geht, muss er es eben durchstehen.

Glaubst du, du bist noch stark genug?“, fragte sie an Ved gewandt.

„Ich weiß nicht... Vielleicht...“

„Ich bleib bei dir“, versprach sie leise. „Wir stehen das schon zusammen durch, keine Panik.

Quentin, gehst du und passt auf Taban auf? Ich krieg das hier schon hin.“

„Ja, gut.“ Ihr Bruder zuckte mit den Schultern und verschwand dann wieder.

„Sie reden also wieder miteinander?“, wollte Ved mit schwacher Stimme wissen.

„Klar. Taban ist krank, da braucht er uns. Heißt dein Bruder Jay?“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Du hast im Traum gerufen: Jay, hilf mir! Scheint so, als würdest du deinen Bruder auch brauchen.“ Sie setzte sich zu ihm auf den Rand der Matratze und legte ihm ein kühles, nasses Tuch auf die Stirn.

„Sieht so aus“, meinte Ved.

Eine Laterne neben seiner Matratze war die einzige Lichtquelle. Erst jetzt bemerkte er, dass es Nacht war. Case beugte sich über ihn und er spürte, wie sich seine Nackenhaare in ihrer Gegenwart aufstellten. Lag es daran, dass sie ihn betrachtete, als würde sie ihn verstehen? Als würde sie wissen, wovon er geträumt hatte?

„Ich will nicht einschlafen“, murmelte er, eher zu sich selbst, als er an seine Alpträume dachte.

„Du hast im Schlaf geschrien, dass dich jemand nicht anfassen soll. „Fass mich nicht an, Ram,“ das hast du gerufen. Hast du geträumt, dass dir dieser Ram wehtut?“

Er fühlte, wie seine Augen, seine Stirn und seine Wangen glühten. Die Erinnerung an seinen Alptraum und an das, was wirklich passiert war – was er getan hatte oder besser gesagt, was Ram ihm angetan hatte! – ließ ihn würgen. Ihm wurde schlecht und er schämte sich. Und niemand hatte ihm helfen können, er hatte es nicht geschafft, Jay alles zu erzählen! Nein, schlimmer noch: Er hatte es zugelassen. Er hatte das mit sich machen lassen. Er hatte es nicht besser verdient. Seine Augen wurden feucht. Weinte er jetzt etwa auch noch?

Und dann brach es auch ihm heraus wie ein Fluss, der es endlich geschafft hatte, den Staudamm zu durchbrechen und unaufhaltsam ins Tal schoss. „Dieser Ram... Er hat mich… und ich konnte es Jay nicht sagen. Ich wollte es ihm sagen, dass er mir hilft – und er hätte mir geholfen, er hätte mich gerettet, das weiß ich! Aber ich konnte es nicht, ich hab mich viel zu sehr geschämt, sogar von meinem eigenen Bruder! Ich wollte es ja nicht mal! Ich wollte nicht, dass Ram auf mich steht!“ Er schluchzte und weinte und hatte das Gefühl, nie mehr aufhören zu können.

Case strich ihm die Haare aus der Stirn und fuhr ihm sanft über die Wange. „Jetzt ist alles wieder gut. Es ist vorbei, niemand kann dir was mehr was tun! Ich versprech’ dir, dass du hier sicher bist. Es ist vorbei! Und es war nicht deine Schuld! Nichts von all dem war deine Schuld!“

Und er glaubte ihr tatsächlich. Erschöpft fiel er in einen Dämmerschlaf.
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