My Beloved Brother II

von Riley
GeschichteDrama / P16
Amber Jack Jay Ram Slade Ved
23.10.2010
17.04.2014
8
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„Du hast mir überhaupt nichts zu sagen!“

„Na, das werden wir ja mal sehen!“

„Du bist nicht mein Vater!“

„Ich bin dein großer Bruder – und ich passe auf dich auf, ob dir das passt oder nicht! Da kannst du auch sagen, was du willst!“

„Ich hasse dich!“

„Dann hass mich, aber zumindest bleibst du dann in einem Stück!“

Ved kannte dieses Gespräch. Nun, vielleicht nicht genau dieses Gespräch, aber er kannte die Art von Gesprächen. Um ehrlich zu sein war er Experte für diese Art von Gesprächen – er und sein Bruder waren Experten dafür, denn dazu gehörten immer zwei. Zwei Brüder: der Große und der Kleine. Der Vernünftige und der Unerfahrene. Der Engstirnige und der Freiheitsliebende.

Beinahe erwartete er, sich und Jay zu sehen, als er die Augen öffnete. Vielleicht, dachte er, bin ich ja tot und sehe jetzt mein ganzes Leben noch einmal vor meinen Augen ablaufen. Aber dann, so spann er die Idee in Gedanken weiter, hätte es wenigstens von Anfang anfangen können, an einem Punkt, wo sein Vater und seine Mutter noch gelebt hatten, wo Jay auf ihn als kleines Kind aufgepasst hatte, wo er ihn vor den Schlägern in der Schule beschützt oder ihm Basketball spielen beigebracht hatte.

Er hätte in diesem Moment gerne an etwas Angenehmes gedacht, wäre an etwas Schönes aus seinem Leben erinnert worden. Aber, das befürchtete er dann, vielleicht hatte es in seinem Leben nichts Schönes gegeben. Zum Schluss hatte er mit seinem Verhalten dafür gesorgt, dass er nichts Schöns mehr sehen durfte.

Es war doch nicht nur sein Fehler gewesen, Jay hatte sich genau so uneinsichtig verhalten!

Aber ob Jay nun der verbohrte Spielverderber und Kontrollfreak war oder nicht, Ved hätte alles gegeben, um ihn zu sehen – ob nun in einer schönen oder schlechten Erinnerung. Ihn noch einmal sehen, vielleicht noch einmal mit ihm zu reden…

Jemand schrie – nein, jemand weinte und schluchzte in Veds Nähe. Und kurz darauf zischte eine Mädchenstimme verärgert: „Taban, sei still jetzt! Quentin, bring ihn gefälligst hier raus. Und hört verdammt noch mal auf zu streiten!“

„Aber…“

„Kein Aber, raus jetzt, Quentin!“

Zuerst sah er alles nur verschwommen, aber dann wurde seine Sicht klarer und Ved erkannte, dass er in einem Raum lag – um ihn herum waren Wände – und Sonnenlicht flutete herein. Unter ihm war auch kein harter Ledersessel mehr, sondern etwas Weiches, wahrscheinlich eine Matratze. Das Licht blendete ihn und er presste die Augen wieder zusammen.

„Ist das Licht zu hell?“, fragte die Mädchenstimme wieder, dieses Mal klang sie jedoch besorgt.

Es ist nicht Cloe, schoss es Ved durch den Kopf. Cloes Stimme hätte er sofort erkannt. Weder sie noch Jay waren hier, er war ganz alleine. Alle Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten, hatten ihn verraten und alleine gelassen.

Als er die Augen wieder öffnete, war es dunkler. Die Fenster und die Tür waren mit Tüchern verhängt worden.  Jemand saß neben ihm und machte sich an seinem Bauch zu schaffen. Langsam kehrte das Gefühl in seinen tauben Körper zurück und was er fühlte war Schmerz…

„Ah!“

„Beiß die Zähne zusammen, gleich hast du’s überstanden!“ Sein Heiler schien von seinen Schmerzen unbeeindruckt zu sein.

Aber tatsächlich ließ der Schmerz sehr schnell wieder nach und er lag nur vollkommen erschöpft da.

„Wow“, stöhnte er nur und versuchte durchzuatmen. Und erst dann konnte er einen genauen Blick auf seinen Helfer werfen – oder vielmehr seine Helferin. Es war tatsächlich ein Mädchen, wie er es zuvor auch schon an der Stimme erkannt hatte.

„Wie fühlst du dich?“

„Vollkommen erledigt.“ Er gähnte und schloss wieder die Augen, aber dann spürte er eine Hand auf seiner Stirn.

„Das wird wieder.“

„Wo bin ich?“

„In Sicherheit.“

„Hast du mich gerettet?“

„Nein, Ethan hat dich hergebracht.“ Sie zog ihre Hand von seiner Stirn zurück, was er ziemlich schade fand. Ihre Haut war angenehm kühlend gewesen. „Du hast immer noch Fieber.“

„Ist nicht so schlimm. Ich träume das hier alles nur, weißt du. Es ist nicht real, es ist virtuell. Ja, das muss es sein. Das hier ist alles nur wieder irgendeine virtuelle Realität.“ Unwillkürlich musste er auflachen.

„Dafür, dass er nur virtuell ist, ist dein Zustand ganz schön ernst“, erwiderte sie geduldig.

„Ich hab dieses Spiel erfunden, ich werd ja wohl wissen, was real und ernst ist und was nicht!“ Nun wurde er trotzig. Und im nächsten Moment bereute er es, denn er spürte einen Druck auf einem Bauch und stöhnte auf vor Schmerz. „Ah!“

„Virtuell genug?“

„Man kann Schmerzen spüren – das hab ich so eingerichtet. Ziemlich genial, nicht?“ Er musste grinsen. „Aber sowas verstehen Virts nicht.“

„Meiner Meinung nach hast du einfach einen an der Waffel.“ Sie klang immer noch geduldig, aber auch unnachgiebig. „Ich schätze mal, dir wird’s besser gehen, wenn du nicht mehr glühst wie’n Atomreaktor kurz vor der Kernspaltung.“

Über diesen Vergleich musste er lachen. Dieser Virt hatte zumindest auch einen ziemlich eigensinnigen Humor, das gefiel ihm. Wenn die Schmerzen nicht gewesen wären, wäre dieses Spiel bestimmt ganz und gar nicht übel….

„Wenn du meine Krankenschwester bist, wie wäre es mit ein bisschen Händchenhalten?“ So kam er doch noch zu seinem Spaß.

„Ich bin nicht deine Krankenschwester, Freundchen, fürs Händchenhalten musst du dir nen anderen Dummen suchen.“ Sie schien an solche Sprüche gewöhnt zu sein, denn es regte sie nicht auf. Wie es schien, konnte man sie nicht leicht aus der Ruhe bringen.

Er wollte sie noch etwas fragen, aber als er die Augen öffnete, war sie verschwunden und er alleine in dem abgedunkelten Raum. Alleine mit einer Matratze und ein paar Holzwänden, wie er feststellte.



Die Alpträume plagten ihn. Nichts war mehr übersichtlich, alles war chaotisch, drehte sich, er konnte nicht mehr stehen… Er fiel und fiel… fiel ins Bodenlose… Aller war so grell, so laut, es dröhnte in ihm und um ihn herum…

„Mach es aus Ram, bitte! Mach es aus!“, flehte er. Er hörte seine eigene Stimme nur als Flüstern, obwohl er eigentlich schreien wollte – und auch wirklich schrie.

„Wovon redet er?“, fragte eine Jungenstimme neben ihm leise.

„Das Technospiel… Anscheinend hat es ihm mehr zugesetzt als den anderen“, erwiderte eine bekannte Stimme – das Mädchen von neulich.

„Er ist ein Techno“, meinte der Junge pikiert.

„Er ist krank, Ethan – sehr krank.“

„Und du verkriechst dich lieber hier bei ihm als bei uns zu sein.“

„Sei jetzt bitte nicht kindisch.“ Ved spürte wieder eine Hand auf seiner Stirn und dann etwas Nasses, Kaltes. „Kannst du bitte gehen und Quentin und Taban suchen?“

„Es sind deine Brüder – die hören nur auf dich!“

„Dann verschwinde eben einfach so!“ Zum ersten Mal klang ihre Stimme nicht mehr ruhig, sondern ungeduldig und wütend.

Als Ved hörte, dass jemand ging, verzog sich sein Mund zu einem Grinsen. „Dein Freund?“

„Nein, der Heilige Franz von Assisi!“

Er lachte kurz auf. „Wow, Beziehungsstress kann einem so richtig die Laune verderben, nicht?“

„Was weißt du schon?“

„Ich bin nur hier in diesen Schlamassel geraten, weil ich meine Freundin retten wollte.“

„Was für Probleme habt ihr Technos eigentlich? Sind euch die Versuchskaninchen ausgegangen und ich müsst nun eure eigenen Leute dafür benutzen?“

„Nein, meine Freundin war kein Techno“, erklärte Ved liebevoll. „Sie war etwas Besonderes.“

Sie erwiderte nichts, sondern lachte nur auf und wechselte die Kompresse auf seiner Stirn. Als sie sich über die Schüssel neben seinem Bett beugte, fielen ihre langen, sandbraunen Haarsträhnen in ihr Gesicht und sie strich sie sich hinter die Ohren. Ved mochte ihre Hände: sie waren schmal, mit langen, schlanken Fingern.

„Machst du das öfters?“, fragte er.

„Was?“

„Krankenschwester spielen.“

„Gelegentlich.“ Sie wusste genau, was sie tat.

Von draußen war Gelächter und Gerede zu hören und er fragte sie, was da draußen vor sich ging.

„Das Übliche.“

„Und das wäre?“

„Das Leben.“

„Du redest nicht gerne, was?“

„Im Moment nicht.“

„Der Streit mit deinem Loverboy hat dir doch nicht etwa wirklich die Laune verdorben, oder?“ Als sie nichts erwiderte, fuhr Ved fort und setzte dabei sein liebenswürdigstes Lächeln auf. „Hey, so hübsche Mädchen wie dich sollte das kalt lassen, nimm einfach den nächsten auf deiner Liste.“

„Sobald ich hier mit dir fertig bin, geh ich und such dir deine Freundin. Dann kannst du ihr auf die Nerven gehen!“ Sie klatschte ihm genervt die Kompresse auf die Stirn und stand auf, um zu gehen.

Als Ved wieder alleine war, wurde ihm so schnell langweilig, dass er sich beinahe wünschte, er wäre gerade etwas netter gewesen. Ihm war schwindelig und schlecht und er fühlte sich schwach und vor allen Dingen einsam.

Plötzlich hörte er ein Rascheln am Eingang und drehte langsam den Kopf (bei schnellen Bewegungen wurde ihm schwarz vor Augen), wo er einen dunklen Haarschopf entdeckte, der in sein Krankenzimmer huschte. Ein kleiner Junge setzte sich schniefend neben die Tür und rieb sie die Augen, aus denen unablässig Tränen kullerten. Der Kleine war vielleicht sieben oder acht Jahre alt und ziemlich schmal und schmächtig.

„Hat dir noch nie jemand gesagt, dass Jungs nicht weinen?“

Sein kleiner Gast sah auf. Er blickte Ved aus großen, veilchenblauen Kulleraugen an, die leuchteten, obwohl sie vom Weinen gerötet waren. Sommersprossen zierten seine Nase und Wangen und sein voller Mund, der mehr zu einem Mädchen als zu einem Jungen gepasst hätte, zuckte ein paar Mal unkontrolliert, als er die Tränen zurückdrängen wollte. Mit zitternder, leiser Stimme widersprach er: „Meine Schwester sagt, dass das Unsinn ist. Jungs dürfen weinen.“

„Deine Schwester hat keine Ahnung!“

„Hat sie doch! Sie ist der schlauste Mensch der Welt! Man darf weinen, wenn man einen guten Grund hat.“

„Und was ist dein Grund? Hoffentlich ist er gut…“ Ved war nicht wirklich in der Stimmung, sich mit kleinen Kindern abzugeben, aber er war wirklich sehr lange sehr einsam gewesen.

„Mein großer Bruder ist gemein zu mir. Er sagt, ich bin ein Baby und er lässt mich nie was selber machen! Er kommandiert mich immer nur rum und sagt, dass ich dumm bin.“

„Okay, das ist der beste Grund überhaupt. Willkommen im Club, Kleiner. Große Brüder sind eine echte Strafe!“

Der Jüngere lächelte – strahlte geradezu – und entblößte dabei zwei Grübchen neben seinen Mundwinkeln und eine Zahnlücke. Eifrig nickte er. „Die sind ganz gemein!“

„Weißt du, wie du sie am besten ärgern kannst?“

„Wie denn?“

„Hat er ne Freundin? Oder ist er verliebt?“

„Ja, er ist verliebt. In Mara!“

„Gut, dann geh zu Mara und erzähl ihr, dass dein Bruder dir gesagt hat, er findet, sie sei eine doofe Zimtzicke.“

Der Junge kicherte und nickte noch eifriger bevor er aufsprang – wahrscheinlich, um seinen Plan in die Tat umzusetzen.
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