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Meeresrauschen

von ashtrails
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
22.10.2010
22.10.2010
8
9.800
 
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Requiem




Leana betrat den Schankraum der Durstigen Seele. Wenn sie darüber nachdachte, war es das erste mal, dass ihr wirklich unwohl dabei war, die leicht rauchige Luft des Gasthauses zu atmen. Jeder Schritt über die dicken Dielen des Bodens fiel ihr schwerer und schwerer. Sie versuchte mit aller Kraft ihre Augen geradeaus über die Bar hinweg zu richten, nicht die Tische zu beachten, an denen wie üblich die Abenteurer saßen, die mitgenommen aber wohlauf eine weitere Prüfung im Wettbewerb der Schatzjäger bestritten hatten.
Leider scheiterte sie. Der leere Tisch zwang sich in ihr Blickfeld, nicht sehr lang, aber lang genug um sie betrübt zu Boden blicken zu lassen. Sie hörte das leise Raunen, wie Gerüchte zu Mutmaßungen wurden, und diese am Ende zu Tatsachen. Lea kam am freien Sängerplatz in der Nähe der Bar an. Torgar, der Zwergische Wirt sah sie mit seinem gesunden stahlgrauen Auge an. Sein Blick drückte vor allem Mitgefühl aus. Der alte Wirtshausbesitzer hatte genug Wettbewerbe miterlebt, um zu verstehen, was es für einen Legendensänger bedeutete unter solchen Umständen hier vorne zu stehen.
In der Tat war der einäugige Zwerg mitgenommener, als er es sich eingestehen wollte. Er kannte das Mädchen mit den kastanienfarbenen Haaren, das hier großgeworden war gut. Zeit ihres kurzen Menschenlebens wurde sie stets von einer Traurigkeit begleitet, die an ihr haftete wie ein Film aus grauem Nebel. Natürlich lachte sie manchmal. Aber Torgar hatte nie echte Freude in ihren dunklen braunen Augen gesehen, oder sie ein Fröhliches Lied auf ihrer Laute spielen hören.
Niemals.
Bis sie diesen vier Männern aus dem Norden Aventuriens als Legendensängerin zugeteilt wurde, um sie durch den Wettbewerb zu begleiten. Der Zwerg hatte sich für Leana gefreut. Er schimpfte sich selber einen Narren, dass er kurzfristig glaubte es würde nicht so enden.
Leana nahm Platz. Es wurde still in der Taverne. Neugierige Blicke kletterten zur kleinen Bühne empor auf der die Bardin saß.
Sie räusperte sich. "Hört..." und als sie den leeren Tisch ansah, brach ihr die Stimme und Tränen begannen ihre Wangen hinunter zu fliessen.
Wie leise Wellen hallte flüstern durch den Schankraum. Leana hörte es kaum. Sie dachte an die Freunde, die sie erst vor so kurzem getroffen hatte, und die ihr bereits wieder genommen worden waren. Kjaskar und Orik, die beiden chaotischen Brüder, die selbst aus dem ersten Abend hier, an dem drei Zwerge sie verprügelt haben noch eine Heldengeschichte spinnen konnten in der sie gut dastanden. Ragnar, der so besonnen war, dass selbst Oriks Unfug ihn nicht aus der Ruhe bringen konnte. Und Isleif, einer der wenigen Menschen, der sie je aufrichtig zum Lachen gebracht hatte. Sie war den vier Nordmännern so viel schuldig, und brachte es nun nicht einmal fertig, ihr Requiem zu singen. Das letzte Mal, als sie Isleif und seine Leute sah, kurz bevor sie durch das Portal schritten, hatte sie Ragnar gefragt, wie sie immer so unbeschwert sein konnten. Was wäre, wenn sie nie zurückkehren würden. Ragnar hatte gerade Luft geholt um etwas zu antworten, als ihm Kjaskar ins Wort fiel.
"Dann sing für uns!"
Orik klopfte seinem Bruder auf die Schulter und als die Beiden bereits auf das wabernde Portal zuschritten während Ragnar Schulterzuckend folgte, sagte Isleif ihr noch leise:
"Sing so laut und klar, dass wir's bis nach Alveran hören!" Lachend war er dann seinen Kameraden gefolgt.
Als sie jetzt zu ihrem Stammtisch sah, schien er Leana nicht mehr leer. Ragnar blickte zu ihr und lächelte leicht. Sie konnte Kjaskar und Orik sehen, wie sie ihre Bierhumpen gegeneinanderstießen um danach das Starkbier möglichst in einem Zug zu leeren.
Und sie sah wie Isleif ihr zuprostete und rief "Spiel doch mal was fröhliches, Lea!"
Die Bardin schloss die Augen, und als sie sie wieder öffnete war der Tisch so leer wie zuvor, doch nun spielte das keine Rolle mehr.
Sie setzte erneut an.
"Hört die Geschichte von Isleif Gunnason, Kjaskar und Orik Idunson und Ragnar Gullweigson.
Wie sie kämpften, nicht für sich, sondern für andere,
wie sie die Prüfung bestanden,
Wie sie dennoch fielen,
und wie ich verbleibe,
um von ihren Taten zu singen.
Und Leana spielte für ihre Freunde. Mit einer Stimme aus Samt und Klängen aus Kristall.
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