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Brüder im Geiste

GeschichteDrama / P16 / Gen
19.10.2010
19.10.2010
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Diese Geschichte entstammt einem Abenteuer, das ich vor gut drei Jahren geschrieben habe. Da meine damalige Heldengruppe auf die Ereignisse nicht so reagiert hat, wie ich es mir erhofft hatte, habe ich die Dinge selbst in die Hand genommen und diese Zeilen verfasst.
Warnung an diejenigen unter euch, die nahe am Wasser gebaut sind (so wie ich):
Ich wusste wie es ausgehen würde, aber ich habe dennoch geweint.

Ich habe diese Geschichte auf Anraten von ashtrails noch ein wenig überarbeitet.
Lasst mich wissen, wie es euch gefällt.

                                               

„Rondra steh‘ mir bei, wie soll ich das nur überleben?“, stieß Quenia hervor.
Sie hatte noch niemals zuvor in ihrem jungen Leben solches Leid, solche Verzweiflung miterlebt wie hier in diesem thorwalschen Grenzposten am Bodir, nahe der Grenze zum Orkland.
Noch nie.
„Du? Machst du dir um mein Leben gar keine Gedanken?“; kam es in gespielter Entrüstung von ihrem Begleiter Xindan, einem Geweihten des Kor, mit dem sie nun schon mehrere Monde hindurch gereist war, bis sie hier gelandet waren.
Und nun saßen sie fest.
Quenia antwortete in ehrlicher Entrüstung: „Wieso sollte ich auch? Du bist ja geboren, solche…Missstände…zu überleben. Ich hingegen bin eine Magierin.“
Bei diesen Worten reckte sie trotzig das Kinn um Tapferkeit zu zeigen, die sie nicht empfand.
Der Geweihte sah sie abschätzend an und fragte: „Geboren, um in vergossenem Blut der stinkender Schwarzpelze zu waten?“
Er schien einen Moment nachzudenken, denn er fuhr sich mit seiner linken Hand, die nur vier Finger besaß, über seinen kahlgeschorenen Kopf und meinte schließlich leichthin: „Da könntest du recht haben.“
Quenia konnte nicht anders, sie musste lachen.
Und sie stellte fest, dass ihre Lage damit schon weit weniger trostlos wirkte, aber sobald sie wieder daran dachte, wo sie sich befanden, kehrte die Mutlosigkeit zurück.
Vor fünf Tagen waren sie auf ihrer Reise an dieser Festung vorbeigekommen und die Thorwaler, gastfreundlich wie dieses Volk ihr gegenüber auch in den letzten Monden bereits gewesen war, hatten ihnen Quartier für die Nacht angeboten, was die beiden, müde von ihrem Fußmarsch auch gerne angenommen hatten.
Quenia war der Bau gleich seltsam vorgekommen, aber sie hatte nicht länger darüber nachgedacht, weil sie zu der Schlussfolgerung gelangt war, dass Grenzposten eben so aussahen, schließlich kannte sie das Orkland und die Verteidigung der Grenze nur aus Geschichten.
Die Festung befand sich in unmittelbarer Nähe zu orkischem Gebiet und da es immer wieder Streitigkeiten um die Ländereien gab, die oft blutig endeten, hatten die Thorwaler ihrem Grenzposten eine eigenwillige, wenngleich äußerst effektive Architektur verpasst.
Ihr war das nicht klar gewesen, erst, als sie bereits mitten in diesem Schlamassel gesteckt hatten, hatte Xindan es ihr erklärt.
Die Festung war an einer Stelle erbaut worden, wo der Fluss eine Biegung machte, sodass dieses Stück Land beinahe wirkte wie eine Halbinsel.
An drei Seiten vom Wasser des Bodir umgeben, wurde die vierte durch eine viele Schritt hohe Mauer mit Wehrgängen geschützt.
Nachdem ihr Begleiter ihr die taktischen Vorzüge der Festung erklärt hatte, dachte Quenia, dass es ihr eigentlich sofort hätte klar sein müssen. Aber sie hatte erst begriffen, dass der Grenzposten darauf ausgelegt war, einer Belagerung Stand zu halten, als sie bereits belagert wurden.
Zunächst waren es nur wenige Schwarzpelze gewesen, sodass Beor, Sohn des Hetmannes Wulfgar, welcher hier auch den Oberbefehl innehatte, fest überzeugt gewesen war, dass seine Männer und Frauen die Orks mit Leichtigkeit würden zurückschlagen können.
Doch die Orks hatten sich als schlauer und in der Kriegskunst geschickter herausgestellt, als die Thorwaler ihnen zugetraut hatten.
Quenia hatte noch deutlich Xindans unflätiges Fluchen in den Ohren, als die Schwarzpelze die Mauer angegriffen hatten um damit davon abzulenken, dass einige kleinere Trupps auf Flößen über den Fluss setzten um das ungeschützte und schwache Wassertor anzugreifen.
Nur mit Mühe und durch das Opfer zahlreicher Leben war es gelungen, die Festung vor dem Fall zu bewahren.
Von den rund 70 tapferen Recken, die in diesem Grenzposten ihren Dienst verrichtet hatten, als Quenia und Xindan hier angekommen waren, blieben nach diesem Angriff nur noch an die 40 einsatzfähig.
Und zu allem Überfluss war es ihnen nicht möglich, die Verletzten ordentlich zu versorgen, da die Orks den Fluss, der die Feste schützte und mit Wasser versorgte, vergiftet hatten.
Einer der Kundschafter berichtete, bevor er seinen Wunden erlag, dass die Orks Leichen, ihrer eigenen Krieger wie auch die mancher Thorwaler, in den Fluss gelegt und festgebunden hatten, wodurch das Leichengift das Wasser verseuchte.
Das war mittlerweile zwei Praiosläufe her und allmählich gingen die Wasservorräte zur Neige, bald würde es nichts mehr zu trinken geben, und das würde unweigerlich zum Untergang der Festung führen.
Es sei denn, die Götter schenkten ihnen Regen.
Während die Zahl der Verteidiger dahinschwand, wurde die Zahl der Belagerer mit jedem Tag, ja es schien mit jeder Stunde, größer.
Zugleich forderten schlechte Ernährung und zu kurze Nachtruhe ihren Tribut und nicht nur die Zahl der Verteidiger war im Sinken begriffen, sondern auch die Kräfte der verbleibenden waren beinahe aufgebraucht.
Die letzte Nacht hatte Quenia kaum geschlafen, da sie immerzu einen leisen Singsang gehört hatte.
Wäre sie eine echte Magierin geworden, anstatt ihr Studium nach wenigen Monden wieder abzubrechen, hätte sie bestimmt erkannt, was sie da gehört hatte, davon war sie überzeugt, aber als unwissende kleine Jahrmarktszauberin…
Sie konnte den Recken in dieser Festung nicht helfen, sie konnte ihnen nur beim Sterben zusehen, solange, bis sie selbst mit Golgari reisen würde.
Der laute Warnruf einer Thorwalerin, die auf der Mauer postiert war, riss die junge Illusionistin aus ihren trübsinnigen Gedanken, doch konnte sie dem, was die Kriegerin nach unten brüllte, nicht folgen.
Thorwalsch war ja auch ein fürchterliches Kauderwelsch.
„Was ist los?“, wollte Quenia voller Furcht von Xindan wissen.
Grimmig ballte er die Fäuste und sprach: „Die Schwarzpelze haben Katapulte.“
Sie wusste zwar nicht, was dies zu bedeuten hatte, aber angesichts des zornigen Glimmen in Xindans grauen Augen, wagte sie nicht, nachzufragen.
Wie gelähmt saß sie auf dem leeren Fass, auf dem sie sich niedergelassen hatte, und beobachtete, wie die Thorwaler zu ihren Waffen griffen und sich darauf vorbereiteten, gleich erneut in den Kampf ziehen zu müssen, wie bereits die letzten Tage hindurch, ohne Ruhe, ohne Erholung, immerzu neuem Leid und Verlust entgegen.
Während sie noch in die Gesichter der Krieger schaute, drang ein Geräusch an Quenias Ohren, das sie noch niemals gehört hatte und im selben Moment hoffte sie, es niemals wieder hören zu müssen.
Es hörte sich an, als wäre etwas eigentlich sehr Widerstandsfähiges plötzlich gerissen und dem folgte das Stöhnen schweren Holzes, das gegen eine Belastung protestierte. Es erinnerte sie an eine Tür, die lange Zeit nicht geöffnet worden war.
Schnell war ihr klar, dass die Orks eines der Katapulte abgefeuert haben mussten und nur wenige Augenblicke nach dem ersten lösten sie auch noch zwei weitere Apparaturen aus.
Quenia versuchte, sich auf das, was kommen mochte, gefasst zu machen, doch hätte sie mit allem gerechnet, nur nicht mit dem, was geschah.
Sie sah mehrere Gegenstände, die in etwa die Größe eines Mannes hatten, über die Wehrmauer fliegen und im Innenhof mit einem dumpfen Schlag landen.
Zunächst konnte ihr Verstand nicht verarbeiten, wovon sie soeben Zeuge geworden war, aber als sie es begriffen hatte, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen und blanker Angst.
Leichen.
Die Orks hatten Leichen in die Festung katapultiert, menschliche wie auch orkische.
„Jetzt wollen sie auch noch Seuchen in die Feste bringen. Sterben wir ihnen nicht schnell genug?“, grollte Xindan neben ihr, bevor er auf die Leichen zulief und die umstehenden Thorwaler anbrüllte: „Was steht ihr da herum? Schafft die Toten weg!“
Die Körper der Gefallenen waren grausam zugerichtet, ob vom Kampf, der ihnen das Leben gekostet hatte oder von etwas, das ihnen danach widerfahren war, das vermochte wohl niemand zu sagen.
Sie waren bedeckt mit Blut aus zahlreichen Wunden, die sie entstellten und von den Schmerzen kündeten, die sie erlitten hatten.
An einigen Stellen schimmerten sogar weißlich Knochen durch.
Quenia schauderte und wandte hastig den Blick ab, denn sie hatte in den letzten Tagen genug Tod gesehen, dass es für den Rest ihres Daseins reichen würde.
Allerdings ruckte ihr Kopf schnell wieder hoch, als sie einen der Krieger panisch aufschreien hörte und als sie sah, was ihn so verängstigt hatte, wäre auch ihr beinahe ein Schrei über die Lippen gekommen.
Die Toten bewegten sich schwerfällig, erst unsicher, doch mit jedem Augenblick, den die Lebenden verstreichen ließen, gezielter. Sie erhoben sich langsam, griffen nach ihren Waffen und schwangen sie gegen die umstehenden Krieger mit ungelenken Bewegungen, die bei weitem nicht an ihr Kampfgeschick als lebende Kämpfer heranreichten, doch ebenso tödlich waren.
Die Augen der Unglückseligen waren leer, eben bereits tot, aber dennoch bewegten sie sich, wenn auch unbeholfen, mit dem Ziel, zu töten.
Der erste, der den Schrecken abschüttelte und seinerseits angriff, war Xindan.
Er zog den Andergaster, den er hütete wie seinen Augapfel, und durchschnitt einen verfaulenden Leib nach dem anderen, bis er und die Thorwaler von den Leichnamen nichts weiter als ekelerregend stinkende Fleischbrocken übriggelassen hatten.
„Verbrennt die Überreste. Alles!“, befahl der Kor-Geweihte den Kriegern, die gerade an seiner Seite gekämpft hatten.
Dann kam er auf Quenia zu, die beständig vor sich hinmurmelte: „Aber, aber… wieso sollten Orks…?“, legte ihr seine linke, mit vier Fingern besetzte Hand auf die Schulter und sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sage und ich bin froh, dass mein Vater das nicht hört, aber… Rondra steh‘ uns bei.“
Wenn selbst Xindan, der für die Herrin Rondra nicht viel übrig hatte und sich lieber an ihren Sohn Kor hielt, die Göttin um Beistand bat, dann war ihre Lage wirklich ernst.
Hastig sprang sie von ihrem Sitzplatz auf und folgte ihm, denn er war ihr einziger Halt in dieser hoffnungslosen Lage.
Seit sie sich kannten, war er immer ihr Halt gewesen, ihr Beschützer, denn sie hatte sich allzu oft in Schwierigkeiten gebracht und Xindan war es stets gelungen, ihr zu helfen.
Sei es, weil ein Gast in einer Taverne, wo sie ihre Illusionen zum Besten gab, zudringlich geworden war, oder, dass ihr loses Mundwerk jemanden erzürnt hatte, er hatte sie in Schutz genommen.
Halb hatte sie erwartet, dass er den Weg zum Lazarett einschlagen würde, um sich zu erkundigen, wer noch kämpfen konnte, doch stattdessen schritt er auf das Haus des Hetmannes zu.
„Was hast du vor?“, fragte Quenia ihn, was er mit einem grimmigen Lächeln quittierte.
Dann antwortete er: „Du hast doch selbst gesagt, dass es den Schwarzpelzen nicht ähnlich sieht so taktisch klug vorzugehen.“
Damit meinte er vor allem, dass sie das Wasser des Bodir vergiftet hatten.
Gleich als der Kundschafter ihnen davon berichtet hatte, war sie stutzig geworden und als Xindan sie danach gefragt hatte, hatte sie zwar zugegeben, dass sie bei weitem kein Experte war, was Orks anging, dass es allerdings seltsam anmutete, dass die Orks solche Schläue und Hinterlist an den Tag legten, wo der Geweihte ihr sogleich zugestimmt hatte.
„Und nun: Untote?“, fuhr er fort, „Ich habe noch nie davon gehört, dass Orks Untote erhoben hätten. Deshalb frag‘ ich mal nach.“
Quenia stutzte kurz und zog die Stirn kraus, dann meinte sie zweifelnd: „Thore und Jadra konnten zwar einen Ork gefangen nehmen, aber er spricht kein Wort. Vermutlich beherrscht er Garethi gar nicht.“
„Glaub‘ mir“, antwortete Xindan leichthin, „wenn er es beherrscht, wird er mir alles verraten, was er weiß.“

Wenige Augenblicke später wusste Quenia, dass ihr Freund recht hatte.
So, wie er den Ork malträtierte, würde er früher oder später alles sagen, nur um dieser Qual zu entfliehen.
Sie war nicht geblieben um mit anzusehen, wie Xindan die gewünschten Informationen aus ihrem Gefangenen holen wollte, aber sie hörte von ihrem Standort genug, damit sich hässliche Bilder in ihrem Geist festsetzen konnten.
Als der Ork schmerzerfüllt aufschrie, lugte sie um die Ecke, hinter die sie sich vor dem Anblick von Xindans Grausamkeiten gerettet hatte und sah den Ork an.
Er war grässlich zugerichtet: Die Wunden, die ihm im Kampf beigebracht worden waren, hatte niemand verbunden und so verklebten Blut und Eiter seinen Pelz.
Außerdem waren zahlreiche frische Wunden hinzugekommen, die zwar nicht tief aussahen, doch unheimlich schmerzhaft.
Xindan drehte seinen Dolch, mit dem er den Ork wohl ein ums andere Mal geschnitten hatte, in der Hand und setzte gerade zu einem weiteren Schnitt an, als Quenia entschied, dass dies ein Ende haben musste, sie konnte das einfach nicht mehr ertragen.
Seit sie durch Thorwal gewandert waren, hatte sie so manchen Begriff aus der orksichen Sprache gelernt und nun kratzte sie die wenigen Worte, die sie beherrschte, zusammen und konzentrierte sich auf ihren Zauber.
Kaum einen Herzschlag später hörte sie eine grotesk verzerrte, hohl klingende Kopie ihrer eigenen Stimme aus dem kleinen Raum, der als Zelle diente Worte in orkischer Sprache rufen: „Sprich, wertloser Hund, sonst wirst du bluten!“
Es war recht leicht gewesen, diesen Satz zu formulieren, denn der Großteil ihrer Kenntnisse im Orkischen bestand aus Schimpfworten und Verwünschungen.
Schlagartig war es ruhig und in der Stille konnte Quenia den angestrengten Atem des verwundeten Orks hören.
Auch Xindan wirkte leicht überrascht, aber das konnte sie nur erkennen, weil er und Quenia einander sehr vertraut waren.
Der Ork wirkte verängstigt, mehr, als er es durch Schläge und Schnitte hätte werden können, doch er schüttelte den Kopf.
Dann flüsterte er mit rauer, vom Blutverlust geschwächter Stimme: „Zu spät ist für dich, Glatthaut. Du sterben, mit Weib. Meister kommt.“
Xindans Augen wurden zu schmalen Schlitzen als er hasserfüllt knurrte: „Was soll das bedeuten?“
Doch der Ork lächelte nur.
Zumindest dachte Quenia, dass es ein Lächeln sein sollte, doch sie sah nur seine Hauer und verfärbten Zähne, was sie an ein tollwütiges Tier denken ließ, das die Zähne fletschte.
„Er kommt, du sterben. Alle sterben.“, lachte er wie von Sinnen.
Die Belustigung des Orks steigerte sich immer mehr und bald musste er sich vor Schmerz die Rippen halten, die ihm Xindan wohl mit einem kräftigen Schlag gebrochen hatte, und spuckte Blut, aber er lachte dennoch.
Der Diener Kors umfasste das Heft seines Dolches und rammte diesen ohne Vorwarnung in die Brust des Orks, gleich neunmal.
As er danach wutentbrannt an Quenia vorbei aus dem Raum stürmte, beachtete er gar nicht, dass sie ihm mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen fassungslos nachsah.

Den ganzen Tag über waren keine weiteren Angriffe erfolgt, aber Quenia fand dennoch keine Ruhe, zum einen wegen dem, was Xindan getan hatte, zum anderen aufgrund ihrer momentanen Situation.
Wie viele Schwarzpelze mochten bereits vor den Toren der Festung stehen?
Wie viele konnten es erst werden, wenn sie alle diejenigen, die in der Schlacht fielen, als Untote in ihre Reihen holten?
Jetzt war ihr auch klar, was der Gesang, den sie bereits in der letzten Nacht gehört hatte und auch jetzt wieder vernahm, zu bedeuten hatte: Es war eine Beschwörung.
Ihr graute davor, vielleicht morgen schon die in dieser Nacht erhobenen Toten zu sehen.
Sie wälzte noch einige Zeit lang Gedanken, doch letztendlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Eine weite Fläche, einst grün und fruchtbar, dennoch dazu verdammt, in Blut und Leid zu versinken.
Ein junger, vor Kraft und ungezügelter Wildheit strotzender schwarzer Panther stellt sich auf diesem weiten Feld, das von Waffen und Feuer zerfurcht ist, einem Schatten entgegen.
Der Panther faucht, als er zum Angriff übergeht, doch der Schatten weicht ihm aus, immer und immer wieder.
Ständig verändert der Schatten seine Gestalt.
Für einen Augenblick erinnert seine Form an einen Ork, doch gleich darauf verlaufen seine Konturen wieder, sodass er unkenntlich wird.
Der Panther kämpft verbissen, doch all seine Prankenhiebe verfehlen ihr Ziel.
Der Schatten hingegen landet zahlreiche Treffer und der Panther ist bereits schwer verwundet, sein Blut, das aus tiefen Wunden tropft, netzt die Erde.
Ein weiterer schwerer Schlag trifft die Flanke des Panthers und er schreit auf vor Schmerz und Wut, doch in seinem Schrei liegt auch der Ruf nach Hilfe.
Gerade als der Panther zu unterliegen droht, eilt ein Rudel Löwen herbei und vertreibt den Schatten.


Quenia hatte schlecht geschlafen, weshalb es sie nicht weiter verwunderte, dass sie bereits vor Tagesanbruch erwacht war und keinen Schlaf mehr fand.
So beschloss sie, das beengte Langhaus, in dem sie untergebracht waren, zu verlassen.
Als sie hinaustrat in die Kälte, die hier im Boron schon längst mit eiserner Faust herrschte, war sie überrascht, Xindan zu erblicken, der den Himmel zu betrachten schien, an dem noch einzelne Sterne funkelten, aber auch schon die ersten Anzeichen des nahenden Sonnenaufgangs zu erkennen waren.
Der Freund wandte sich ihr zu und der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ die Illusionistin einen Augenblick zögern.
Er wirkte…entrückt.
Ganz so, als sei er im Geiste gerade an einem vollkommen anderen Ort gewesen.
„Xindan, was ist mit dir?“, erkundigte sie sich vorsichtig.
Er lächelte sie an, was Quenia noch mehr verunsicherte, dann gab er zur Antwort: „Mir geht es gut, meine Liebe. Die Götter sind mit uns.“
Mit diesen Worten richtete er seinen Blick wieder auf den Himmel über ihnen und ließ seine gute Freundin aufgewühlt mit ihren Gedanken allein.
Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, hatte er wahrhaft wie ein Diener der Götter, wie ein Geweihter geklungen.
Bisher hatte er in Quenias Augen den Dienst an seinem Gott nicht ernst genug genommen sodass sie ihm einmal vorgeworfen hatte, er würde besser in ein Heer ehrloser Söldner passen, denn in einen Tempel. Zur Antwort hatte er lediglich lachend erklärt, dass er ja gar nicht in heiligen Hallen Kor opferte, sondern auf dem Schlachtfeld.
Sie folgte dem Blick des Freundes, weil sie hoffte, dort eine Antwort zu finden auf all die Fragen, die der Kor-Geweihte mit nur wenigen Worten in ihrem Kopf aufgeworfen hatte.
Weshalb war er so anders heute Morgen?
Wo war er eben noch in Gedanken gewesen?
Diese Rätsel beschäftigten sie, sodass sie den Sohn des Hetmannes erst bemerkte, als er sprach: „Es hat keinen Sinn mehr, nicht wahr?“
In seiner Stimme lag Resignation. Er hatte aufgegeben.
„Wir werden hier sterben…“, fuhr er fort, aber Xindan schnitt ihm mit einer unwirschen Handbewegung das Wort ab.
„Noch sind wir nicht verloren. Ruft eure Krieger zusammen, ich habe einen Plan.“
Der Thorwaler schaute dem Geweihten für einen langen Augenblick ungläubig ins Gesicht, doch die Entschlossenheit, die er erblickte, ließ ihn tun, wie ihm geheißen worden war.
Quenia brannten unzählige Fragen unter den Nägeln, aber ihr Begleiter deutete ihr, wann immer sie eine dieser Fragen stellen wollte, still zu sein, was sie sehr erzürnte.
„Verdammt, Xindan!“, platzte ihr nach wenigen Herzschlägen der Kragen.
Sie wollte Antworten und sie war noch nie besonders geduldig gewesen.
Der Geweihte aber lächelte sie nur milde an und erkundigte sich gespielt besorgt: „Was hast du denn, meine Liebe?“
Sie starrte von unten, weit unten, zu ihm hinauf und funkelte ihn wütend an, ihre Augen kalte blaue Flammen, aber wie so oft ging ihr Versuch fehl.
Er würde sich nie und nimmer vor ihrem Zorn fürchten, dazu hatte er schon viel zu viel Furchterregendes gesehen und es mit gesundem Geist überstanden.
Nun, beinahe zumindest.
„Ich will wissen, was mit DIR los ist! Du bist so…anders“, stellte sie klar, doch zum Ende ihres Ausrufes hin zuckte sie hilflos die Schultern.
Sie war sich zwar sicher, dass sie sich diese Veränderung nicht bloß einbildete, aber Xindan schien nicht zu wissen, worauf sie hinaus wollte, nach dem zu urteilen, wie er sie immer noch unschuldig angrinste.
Doch von einem Wimpernschlag auf den anderen zeigte sein Gesicht keine Belustigung mehr, sondern nur noch Ernst, was Quenia noch mehr verwirrte.
Xindan nahm eine Strähne ihres schreiend bunt gefärbten Haares zwischen seine Finger, spielte versonnen damit und flüsterte dann: „Du solltest es braun lassen. Die Farbe, welche die Götter dir gaben, steht dir am besten.“
Sie schob seine Hand unwirsch fort und setzte dazu an, ein weiteres Mal nachzufragen, was mit ihm los sei, da lachte er: „Du wirst ohnehin keine Ruhe geben, was? Nun gut.“
Er sah ihr fest in die blauen Augen und sagte: „Ich hatte einen Traum. Ich glaube,…nein, ich weiß, dass mir die Götter diese Vision geschenkt haben. Wir müssen kämpfen, sonst werden wir untergehen. Und wir werden nicht alleine kämpfen.“
Damit wandte er sich abrupt von ihr ab und ging zu Beor, dem Sohn des Hetmannes, der mittlerweile die noch kampffähigen Männer und Frauen versammelt hatte und sich nun abwartend auf seine Zweihandaxt stützte.
Man konnte in dem unruhigen Gemurmel, das zu hören war, deutlich erkennen, dass einige die Lage für ebenso aussichtslos hielten wie Beor selbst.
Oder wie Quenia.
Einzig Xindan war guter Dinge.
Wo sonst immer Unruhe von ihm Besitz ergriffen hatte und man unter der Oberfläche Zorn und Kampfeslust hatte brodeln sehen können, war nun lediglich Ruhe und Entschlossenheit zu erkennen.
Wie hatte er sich über Nacht so sehr wandeln können?
Der Geweihte schwang sich auf ein leeres Fass, was ihn die umstehenden deutlich überragen ließ und verschaffte sich Gehör: „Dies ist nicht unser Ende. Es besteht noch Hoffnung für diese Feste, für uns, die wir sie nun bereits den sechsten Tag halten. Viele Kameraden starben, aber wenn wir uns jetzt geschlagen geben, dann war ihr Opfer umsonst. Ihr Blut vergeudet für nichts. Darüberhinaus…“
An dieser Stelle schwieg er einen Moment und schaute die Krieger eindringlich an.
Jedem einzelnen schien er in die Augen zu blicken.
„Der Thorwaler, der sich kampflos geschlagen gibt, muss erst noch geboren werden!“
Lautes Jubeln schlug Xindan entgegen und er lächelte grimmig, doch hatte er seine Rede noch nicht beendet.
„Ich sage, wir kämpfen! Wir überraschen die Schwarzpelze und schlagen zu, wenn sie es am wenigsten erwarten. Die Fähigsten kommen mit mir, ich werde einen Ausfall anführen!“
Quenia blieb der Mund offen stehen, nicht nur, weil er etwas so riskantes vorschlug, sondern auch, weil sie nicht glauben konnte, dass er eine verzweifelte Armee, die in Auflösung begriffen war, durch eine flammende Rede wieder hatte einen können.
Sie musste sich eingestehen, dass Xindans Feuereifer und Zuversicht auch ihr Hoffnung gemacht hatten, dass sie beinahe glauben konnte, dass sie diese Belagerung überleben könnten, aber sobald sie darüber nachdachte, was er gesagt hatte, wurde ihr dennoch eiskalt vor Furcht. Sie verstand nicht, weshalb er den Schutz der Festung verlassen wollte.
Das war doch Irrsinn!
Xindan hatte bereits die Krieger ausgewählt, die mit ihm in die Schlacht ziehen sollten, und es war die Kor-gefällige Zahl von Neun Recken, die einen Ausfall wagen würden.
Er wandte sich bereits dem Tor zu, da rannte sie auf ihn zu und wollte ihn aufhalten.
Atemlos bat sie: „Xindan, du kannst nicht…“
Aber er lächelte nur milde, legte ihr seine Hände auf die Schultern und sagte: „Doch, ich kann. Und ich werde. Diese Männer brauchen jemanden, der ihnen zeigt, dass sie noch nicht verloren sind.“
Quenia hatte Angst um ihren Freund, denn er würde sich nicht damit zufrieden geben, Befehle zu rufen, sie wusste, er würde ganz vorne in der ersten Schlachtreihe stehen.
Und so fragte sie besorgt: „Schon…aber musst du das sein?“
Xindan lächelte, dann flüsterte er ihr zu: „Sieh nach Osten.“
Mit diesen Worten ließ er sie zurück, zog seinen Andergaster und gab den Befehl, das Tor zu öffnen.
So absurd der Gedanke war, Quenia wunderte sich dennoch, wie es ihm gelang, eine solche Waffe zu führen.
Immerhin war der Andergaster gut zweieinhalb Schritt lang und damit überragte er seinen Besitzer deutlich, wenngleich dieser sogar größer war als die meisten Thorwaler.
Alle, die sie noch in der Feste waren, verließen sie nun durch das Tor, das sie mit solcher Mühe und durch das Opfer vieler Gefährten hatten halten können.
Wenn dies ihr Ende sein sollte, so wollten sie ihm würdevoll begegnen.
Als Quenia auf das Feld hinaustrat, verlor sie jedoch selbst das letzte Fünkchen Hoffnung, das sie noch im Leib gehabt hatte.
Aus der kleinen Gruppe Orks, die diesen Grenzposten angegriffen hatte, war eine Armee geworden, die der thorwalschen Truppe um ein Vielfaches überlegen war.
Damit nicht genug, einige der Krieger in den feindlichen Reihen waren eindeutig bereits einmal tot gewesen und der Gestank der verfaulenden Leiber verpestete die Luft, sodass Quenia würgen musste und glaubte zu ersticken.
Und inmitten der Orks, lebend wie untot, befanden sich Kreaturen, die aus den Niederhöllen stammen mussten.
Quenia war sich nicht sicher, da sie die Magierakademie bald nach Antritt ihres Studiums wieder verlassen hatte, aber sie glaubte, drei Zants zu erkennen, die aufrecht gehenden, violett-gelb gestreiften Tiger der siebte Sphäre.
Die Orks hielten sich von ihnen fern, denn der Geifer, der aus den mit messerscharfen Zähnen bewehrten Mäulern tropfte, versengte mit lautem Zischen den Erdboden, auf den er fiel.
Die Dämonen scharrten ungeduldig mit ihren Pfoten, wodurch die scharfen Krallen tiefe Furchen in den Boden rissen und Erdklumpen davonflogen, als würde Sumus Leib bluten.
Doch das Furchterregendste an den Zants waren ihre Augen, sie glühten so voller Mordlust und Blutrausch, dass es Quenia die blanke Furcht in die Knochen trieb.
Es überraschte sie, dass sie dennoch annähernd klar denken konnte, denn es wunderte sie, dass die Zants nicht schon längst über die Thorwaler hergefallen waren, obwohl diese Monster nach dem, was sie wusste, kaum zu bändigen waren.
Irgendetwas hielt sie zurück.
Oder irgendjemand.
Und das Wesen, das sie mittig in der Armee der Orks erblickte, überragte mit seiner Größe beinahe die Wehrmauer der Festung.
Der kugelige, feiste Leib, der mit Tentakeln bewehrt war, und die Vogelbeine, zusammen mit dem rasiermesserscharfen Schnabel, konnten nur zu einem einzigen Dämon gehören, aber Quenia weigerte sich zu glauben, dass sie sich einem Shruuf gegenübersehen sollten, einem der mächtigsten Diener Xarfais, des erzdämonischen Widersachers der Herrin Rondra.
Doch der Shruuf stand da, seine Tentakel zuckten wild und seine Augen schienen direkt auf Quenia gerichtet zu sein, sodass sie glaubte unter seinem Blick vergehen zu müssen.
Eine solche Armee konnten sie nicht besiegen, das war ihr klar.
Einige der Thorwaler schienen ebenfalls zu zweifeln, aber Xindan erhob seine Stimme: „Verzagt nicht! Rondra und ihr Sohn Kor sind mit uns!“
Quenia konnte das nicht wirklich ermutigen, doch die Thorwaler strafften ihre Schultern, als seien sie alle ein Mann und hielten die Waffen bereit.
Der Geweihte hob seinen Andergaster und reckte ihn dem vom nahenden Sonnenaufgang rötlichen Himmel entgegen.
„Ein roter Morgen. Es wird viel Blut vergossen werden, aber ich versichere euch“, rief Xindan, „es wird ihres sein, das in Strömen fließen wird!“
Mit diesen Worten stürmte Xindan dem Feind entgegen und das Heer der Verteidiger, so lächerlich klein es im Vergleich mit der orkischen Armee auch wirken mochte, folgte ohne Zögern, ohne Furcht.
Quenia blieb zurück, sie zog nicht in den Kampf, sondern blieb zu Füßen der Wehrmauer stehen, denn im Zweikampf würde sie sich nicht lange behaupten. Sie überlegte fieberhaft, wie sie ihren Teil leisten konnte, dass dieser Ausfall nicht in einem einzigen Massaker enden würde, ging alle Zauber durch, die sie beherrschte, doch mit wenig Erfolg.
Ihr fiel nichts ein, rein gar nichts, mit dem sie helfen konnte.
Ihre eigene Unzulänglichkeit wurde ihr schmerzlich bewusst, als sie sah, dass diejenigen Krieger, die kaum hundert Schritt vor ihr als erste einem Ork, untot oder lebendig, gegenüberstanden, rasch fielen, viel zu rasch, als dass auch nur ein Mann aus der Festung diesen Kampf heil überstehen könnte.
Sie hatte nur eine einzige Möglichkeit, in das Geschehen einzugreifen und sie wollte es versuchen, da es ohnehin keine Rolle mehr spielte, ob sie Erfolg hätte oder nicht, denn sie wusste, hier und heute würde sie Golgari sehen und er würde sie zur Seelenwaage Rethon bringen, wo sich ihr weitere Schicksal jenseits dieser Sphäre entscheiden würde.
Also konzentrierte sie sich auf ihren Zauber, der ihr viel eher wie ein kleiner Taschenspielertrick vorkam, schloss für einen Moment die Augen und als sie erneut auf die grausam tobende Schlacht blickte, tanzten unzählige Funken über die Köpfe der Orks hinweg.
Die wenigsten nahmen Notiz davon, wie Quenia wenig überrascht feststellte, aber einige sahen sich verwirrt um und wurden deshalb von einer Skraja, einer Wurfaxt oder einer anderen scharfen Klinge getroffen.
Sie konnte nicht viel mehr tun, als ein wenig Verwirrung zu stiften, aber sie war eben keine echte Magierin, also musste sie mit ihren begrenzten arkanen Künsten ihr Möglichstes tun, wenngleich es nicht viel wert sein mochte.
Sie wirkte noch einige weitere Zauber, die dazu gedacht waren, das Publikum einer Vorstellung davon abzulenken, was sich sonst noch unmittelbar vor ihren Augen tat, sei es, dass die „hinfort gezauberte“ junge Frau verstohlen in ein Versteck schlüpfte, oder, dass die reicheren Zuseher bestohlen wurden.
Wenngleich sie in ihrer Zeit als Jahrmarktszauberin gut darin gewesen war, das Offensichtliche hinter Glanz und Trugbildern für das Publikum unsichtbar zu machen, so war sie auf dem Schlachtfeld doch nicht hilfreich, da die meisten ihrer Feinde ihren Zaubern keine Beachtung schenkten.
Nach kurzer Zeit hatte sie all ihre Kräfte verbraucht und war nun endgültig nutzlos.
In einem Anflug sturen Trotzes holte sie ihre Steinschleuder hervor und legte einen Stein in die Schlaufe um ihn einem der Orks an den Schädel zu schleudern, da hörte sie einen Schrei, der so von nackter Angst erfüllt war, dass sich Quenia die Nackenhaare sträubten.
Sie blickte sich um und sah, dass Xindans Trupp, der einst aus neun Recken bestanden hatte, deutlich geschrumpft war und die verbleibenden waren bis zu dem Shruuf vorgedrungen.
Der Dämon hatte einen der Krieger, einen blonden Mann namens Thore, mit einem seiner dicken Tentakel umfasst und schien ihm die Luft abzudrücken, denn kein Laut kam mehr über Thores Lippen, obwohl er noch am Leben war und sichtlich darum kämpfte, es auch zu bleiben.
Doch seine Bemühungen waren vergeblich, denn die Kreatur der Niederhöllen durchbohrte ihn mit ihrem scharfen Schnabel, was ein derart großes Loch in die Brust des Thorwalers riss, dass kaum noch etwas von dessen Oberkörper übrig war und dann holte der Dämon mit seinem Tentakel aus, ließ es nach vorne schnellen und warf den leblosen Körper auf diese Weise gegen die Wehrmauer in Quenias Rücken, wo er mit einem schmatzenden Geräusch zerschellte.
Als der Klumpen Fleisch, der von dem stolzen Krieger übrigblieb, mit einem dumpfen Laut auf dem Boden am Grunde der Mauer landete, konnte die Illusionisten nicht anders, sie musste hinsehen.
Sogleich wünschte sie sich, sie hätte es nicht getan, denn sie würde diesen Anblick nicht mehr vergessen, solange sie lebte.
Als sie ihren Blick von dem Toten losreißen konnte und erneut auf das Schlachtfeld blickte, glaubte sie für einen Moment, ihr Herz gefriere ihr zu Eis.
Der Shruuf hatte nun Xindan mit seinem Tentakel gepackt und hob ihn langsam an den blutigen Schnabel heran.
Quenia befürchtete genau zu wissen, was der Dämon im Begriff war, zu tun, und ihr wurden die Knie weich bei dieser Vorstellung.
Doch der Kor-Geweihte lachte, er lachte den Shruuf aus.
Dann hob Xindan seinen Andergaster gen Himmel und Quenia vermochte nicht zu sagen, ob es das Licht der aufgehenden Sonne war oder ob das Licht aus der Waffe selbst kam, aber die Klinge glühte wie die Eisen, die ein Schmied aus dem Feuer holte.
Der Geweihte hatte ihr einmal erzählt, der Andergaster sei magisch, aber sie hatte ihm nicht geglaubt.
Immerhin hatte er auch behauptet, mit nur neun Fingern zur Welt gekommen zu sein, was ihm den Weg als Geweihten des Kor vorherbestimmt hatte.
Sie hatte ihm kein Wort geglaubt, bis jetzt.
Xindan holte aus und rief mit lauter Stimme, sodass es über das Schlachtfeld gellte:
„FÜR KOR!“
Dann ertönte ein Kreischen wie von Metall auf Metall, aber Quenia sah, dass dieses Geräusch von Metall verursacht wurde, das auf niederhöllisches Horn traf, denn der Angergaster durchschnitt den Schnabel des Dämons.
Der Geweihte hatte dem Shruuf soeben den Schnabel abgetrennt!
Das verwundete Wesen schrie auf vor Schmerzen und Wut und sein Brüllen war so laut und qualvoll anzuhören, dass Quenia sich die Hände auf ihre Ohren presste, um dieser Folter zu entfliehen.
Als das Wehklagen des Dämons verklang, konnte die Illusionistin ein Lachen hören und sie kannte nur einen Mann, der so lachen konnte.
Xindan starrte dem Shruuf, der ihn immer noch mit einem Tentakel umfasste, in die hässlichen Augen und lachte, fröhlich wie nie zuvor.
Er holte erneut mit seiner Klinge aus, doch sie war zerbrochen, hatte ihr Glühen verloren.
Also veränderte er seinen Griff und stach mit dem spärlichen Rest seiner Waffe auf die widerliche Fratze des Dämons ein und lachte immer lauter, je mehr von dem Blut der Kreatur auf ihn spritzte.
Dann erstarb das fröhliche Lachen, denn der Shruuf drückte mit einem hasserfüllten Schrei zu und selbst über den Lärm der tobenden Schlacht konnte Quenia das Knirschen von Xindans Plattenrüstung hören, die unter der Kraft des dicken Tentakels zermalmt wurde.
Und dann musste sie mit anhören, wie Xindans Knochen splitterten.
Zwei weitere Tentakel griffen nach dem Geweihten, eines umschlang seine Beine, das andere seine Schultern, und als der Dämon den Griff um Xindans Körpermitte lockerte, ließ es die beiden Tentakel ruckartig auseinanderschnellen und zerriss den Geweihten in der Luft.
Blut, Xindans Blut, bespritzte die Krieger, die mit ihm den Ausfall gewagt hatten.
Der Dämon blickte gierig auf das Rot, das zu Boden tropfte, dann schleuderte er die beiden Hälften des Kor-Geweihten mitten auf das Schlachtfeld.
Quenia hatte das Gefühl, ihr Herz bliebe stehen, dann gaben ihre Knie nach und sie fiel zu Boden, unfähig, den Blick von dem Dämon abzuwenden.
Das durfte einfach nicht sein, Xindan konnte nicht…
Der Dämon wütete nun in den Reihen der Thorwaler und tötete einen nach dem anderen.
Um zu weinen war Quenia viel zu schockiert, sie kniete einfach unbeweglich im Gras und bekam von dem Gemetzel vor ihren Augen nur noch wenig mit.
Es war auch nicht mehr wichtig.
Die Schreie und der Kampfeslärm vermischten sich zu einem gleichbleibenden Rauschen, das nur undeutlich bis zu Quenia vordrang.
Dann durchbrach der helle Klang eines bronzenen Horns ihre Starre und so blickte sie in die Richtung, aus der sie das Instrument vernommen hatte: nach Osten.
Erneut ertönte das Horn und dann sah Quenia sie.
Auf dem kleinen Hügel im Osten, die Morgensonne im Rücken, standen zahlreiche Krieger, einige mit dem roten Löwen Rondras auf den Überwürfen, und auch Magier waren unter ihnen.
Ein Entsatzheer.
Ein neuerlicher Ruf des Horns war das Signal zum Angriff und die Rondrianer stürmten auf das Schalchtfeld, mitten in die ungeschützte Flanke der orkischen Armee.
Die Magier wirkten Zauber, die Quenia nicht kannte, und nur einen Herzschlag später brachen die Untoten zusammen und blieben liegen, tot, wie sie es sein sollten, und die Dämonen lösten sich in Rauch und Asche auf.
Wie betäubt starrte sie an die Stelle, wo eben noch der Shruuf gestanden hatte und Tränen fanden endlich ihren Weg aus ihren Augen ihre Wangen hinab, als sie fassungslos zusah, wie das Heer der Orks, seiner stärksten Kämpfer beraubt, in nur wenigen Augenblicken durch die Klingen der Rondrianer vernichtet wurde.
Die wenigen Schwarzpelze, die dazu noch in der Lage waren, suchten ihr Heil in der Flucht und ließen dabei vieles zurück, Waffen, Kameraden.
Vor allem aber ein grausam anzusehendes Schlachtfeld.
Xindan!
Er musste hier irgendwo sein.
Quenia sprang auf, stolperte, weil ihre Beine den Dienst versagten, rappelte sich aber wieder auf und lief hinaus auf die Ebene, wo gerade noch eine Schlacht getobt hatte.
Sie musste ihn finden! Die Luft um sie herum war von magischer Energie erfüllt und knisterte, Strähnen ihres langen Haars klebten an ihrem Gesicht und verhinderten, dass sie etwas sah, aber sie strich sie unwirsch fort und suchte weiter.
Sie stolperte oft, aber sie kämpfte sich immer weiter voran und achtete nicht darauf, wohin sie ging, sie hielt nur Ausschau nach ihm.
Ihr Fuß blieb in irgendetwas, das sie nicht ansah, hängen und sie wäre gefallen, hätte nicht der Rondra-Geweihte, den sie nicht bemerkt hatte, der aber neben ihr stand, seine Arme nach ihr ausgestreckt und sie aufgefangen.
„Ganz ruhig, junge Dame“, sprach er und Quenia traute ihren Ohren nicht, denn diese Stimme klang so vertraut.
Also blickte sie auf und sah in das Gesicht des Kriegers.
Einen Herzschlag lang glaubte sie, es wäre Xindan, der auf sie herabblickte, doch dann merkte sie, dass dieser Mann, wenngleich er ihm ähnlich sah, doch deutlich älter war.
Älter, als Xindan es jemals geworden war, wie ihr in diesem Moment schmerzlich bewusst wurde und erneut gaben ihre Knie nach.
Doch bevor sie fallen konnte, stütze der Rondrianer sie erneut und versuchte dann, sie zu beruhigen: „Ihr braucht keine Furcht mehr zu haben, Ihr habt es überstanden. Alles ist gut.“
Sie sah ihm in die Augen und schüttelte nur weinend den Kopf.
Wie sollte jemals wieder alles gut sein?
Der Fremde, der Xindan so ähnlich sah, lächelte sie aufmunternd an, dann sagte er: „Ich wurde von einem Kor-Geweihten gerufen, sein Name ist Xindan. Wisst Ihr, wo ich meinen Sohn finden kann?“
Bei diesen Worten war Quenia, als würde ihr der Boden unter den Füßen fortgerissen und sie fühlte eine Leere in ihrer Brust, die so schmerzhaft war, wie sie es niemals für möglich gehalten hätte.
Sie sah zur Seite, um Xindans Vater nicht in die Augen blicken zu müssen, da fiel ihr Blick auf den toten Körper des Freundes.
Der Rondrianer folgte ihrem Blick und als ihm klar wurde, was er sah, erkannte Quenia deutlich, dass etwas in seinem Inneren zerbrach.
Da standen sie nebeneinander auf einem Schlachtfeld, zwei Menschen, die Xindan auf ihre Weise geliebt hatten und ihnen beiden waren an diesem Tag seelische Wunden geschlagen worden, die nur langsam verheilen würden, vielleicht aber auch niemals.
Und falls doch, so würden bis an ihrer beider Lebensende Narben bleiben.
Xindans Vater wandte sich ruckartig ab und sie hörte, dass er Befehle brüllte, aber sie konnte nicht hinhören, da der Schmerz über den Tod des Freundes sie übermannte und zu Boden drückte.
Weinend und kraftlos kniete sie zwischen den Gefallenen, bis eine Thorwalerin sie dort entdeckte und hochhob, da die Illusionistin keine Kraft hatte, sich eigenen Schrittes fortzubewegen. So trug die Kriegerin sie in das Langhaus, das als Lazarett diente, damit der Läknir sich um sie kümmern konnte.

Viele Stunden waren vergangen, seit Quenia in das Langhaus getragen worden war, wo man ihr eine Decke um die schmalen Schultern gelegt hatte und von den Vorräten, welche die Rondrianer mitgebracht hatten, zu essen gegeben hatte.
Wie lange der Morgen und damit die Schlacht nun schon vorüber war, vermochte die Illusionistin nicht zu sagen, denn sie hatte die ganze Zeit über nichts anderes getan, als auf den Boden zu ihren Füßen zu starren.
Etwas anderes hatte sie einfach nicht zustande gebracht, dazu war all das Grauen noch zu frisch in ihren Erinnerungen.
So hatte sie auf dem Lager aus Decken gesessen, Stunde um Stunde, ohne zu bemerken, was um sie herum geschah.
Als jemand ihre Schulter berührte, fuhr sie erschrocken hoch.
Doch anstatt einem Dämon gegenüberzustehen, wie Quenia einen Moment lang befürchtet hatte, blickte sie in das freundliche Gesicht der Thorwalerin, die sie in die Festung getragen hatte, als sie es nicht aus eigener Kraft hatte bewerkstelligen können.
Der Name der Kriegerin, so glaubte sie sich zu erinnern, lautete Ragnhild.
Diese lächelte Quenia nun zaghaft an und sprach: „Wir haben unsere Gefallenen aufgebahrt. Willst du ihnen auch die letzte Ehre erweisen?“
Sie nickte schwach zur Antwort und Ragnhild streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen.
Gemeinsam verließen sie die Festung durch das Tor der Wehrmauer, wie schon heute Morgen und gesellten sich zu den anderen Kriegern, Thorwalern wie auch Geweihten der Leuin und den Magiern.
Quenia konnte sehen, dass ihre Zahl  durch die Schlacht wohl auf rund die Hälfte geschrumpft war und diejenigen, die noch lebten, waren Großteils verletzt, so wie auch Beor und Ragnhild, was sie erst jetzt bemerkte, denn die Kriegerin zeigte keine Schmerzen körperlicher Art, aber in ihren Augen konnte Quenia Trauer um die verlorenen Freunde sehen, doch auch Tapferkeit, die sie würde weiterleben lassen.
Dieser Funke Hoffnung ließ sie sehnsüchtig wünschen, sie könnte diese Stärke auch in sich selbst finden.
Es war mittlerweile dunkel, doch das Licht zahlreicher Fackeln erleuchtete die Ebene mit einem sanften Schein.
Auf dem Schlachtfeld waren drei Scheiterhaufen aufgeschichtet, zwei größere und ein kleiner.
Einer der beiden größeren war mehrere hundert Schritt von der Feste entfernt und brannte bereits und Quenia erkannte, dass die Leichen der Orks achtlos aufeinander geworfen worden waren und die Krieger die Leichen entzündet hatten, vermutlich um sicherzugehen, dass keiner der Toten sich wieder erheben würde.
Der zweite größere Scheiterhaufen war nahe dem kleinen und war errichtet worden um den Thorwalern, die in der Schlacht ihr Leben gelassen hatten, einen würdigen Übergang in Borons Hallen zu ermöglichen.
Der Sohn des Hetmannes schritt mühselig darauf zu, denn dem Verband um sein rechtes Bein nach zu urteilen, war er verwundet worden. Nachdem er den Weg offenbar unter großen Schmerzen zurückgelegt hatte, entzündete er das Holz und den Reisig ohne ein weiteres Wort.
Sobald ein Knistern zeigte, dass die Flammen Nahrung gefunden hatten, trat er einige Schritte zurück und schlug ein Boronsrad.
Vor dem letzten, deutlich kleineren und mit äußerster Sorgfalt aufgeschichtetem Scheiterhaufen stand einsam Xindans Vater.
Er winkte Quenia zu sich, doch sie sträubte sich dagegen, sich dem Scheiterhaufen zu nähren, aber Ragnhild legte eine ihrer kräftigen Hände an den Rücken der Illusionistin und schob sie behutsam zu dem Rondrianer.
Bei ihm angekommen, reichte er Quenia eine Fackel und bat mit belegter Stimme: „Ihr wart seine Freundin. Entzündet seinen Scheiterhaufen mit mir.“
Sie schüttelte den Kopf und stumm rannen Tränen ihre Wangen hinab.
Das konnte sie einfach nicht tun, denn das würde bedeuten, Xindans Tod zu akzeptieren und dazu war sie nicht bereit, nicht jetzt, vielleicht niemals.
Also wollte sie zurückweichen, wollte fliehen, egal wohin, nur möglichst weit weg, doch Ragnhild hielt sie mit sanftem Griff auf.
Dann sprach sie leise, aber eindringlich, ohne Quenias Hand freizugeben: „Dein Freund hat tapfer gekämpft und Swafnir wird wahrlich froh sein, ihn während der letzten Schlacht gegen H’Ranngar an seiner Seite zu wissen. Dort wirst du ihn wiedersehen.“
Mit diesem Versprechen nahm sie die Fackel von Xindans Vater entgegen und drückte sie der Illusionistin in die zitternde Hand.
Neben dem Rondrianer ging sie zu dem Scheiterhaufen, auf dem ihr Freund aufgebahrt war und erneut vergoss sie Tränen.
Ihre Sicht verschwamm, ihre Knie drohten nachzugeben und so hielt sie sich am Arm des Kriegers neben ihr fest, um nicht zu fallen und um Kraft zu schöpfen.
Bei Xindans Leichnam angelangt, sah sie den Freund ein letztes Mal an, dann entzündeten sein Vater und Quenia gemeinsam den Scheiterhaufen des Mannes, der ihnen beiden so viel bedeutet hatte.
Mit der Hand, die sie frei hatte, schlug sie ein Boronsrad und dann betete sie zum ersten Mal in ihrem Leben zu Kor, auf dass er Xindan, der ihm heute mit so viel Hingabe gedient hatte, bei sich aufnehmen möge.
Als die Flammen am trockenen Reisig empor züngelten und sich langsam durch das Holz fraßen, glaubte Quenia einen Herzschlag lang im Knistern des Feuers Xindans Lachen zu hören.
Wieder löste sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel, aber sie lächelte für einen Moment.
Dann wandte sie sich ab und kehrte zu Ragnhild zurück, Xindans Vater immer noch an ihrer Seite und nicht gewillt, die Berührung ihrer Hand abzuschütteln.
Scheinbar brauchte er ebenso einen Anker in dieser Welt, der ihn davor bewahrte, in seinem Schmerz zu ertrinken, wie sie selbst.
Während Quenia in der kalten Nachtluft stand und den Flammen dabei zusah, wie sie die gefallenen Freunde auf ihre Reise über das Nirgendmeer schickten, bemerkte Quenia etwas Nasses und Kaltes an ihrer Wange.
Zunächst glaubte sie, es sei eine ihrer Tränen, die gefror, doch es war eine Schneeflocke, wie sie bald darauf feststellte.
Der Regen, auf den sie gehofft hatten, war doch noch gekommen. Nun konnte er kein weiteres Leben mehr retten, doch er konnte die Überlebenden trösten.
Quenia lächelte leicht, dann sah sie zu, wie der Schnee das Schlachtfeld und all das Grauen, das sich darauf ereignet hatte, ganz sanft mit seiner Reinheit zudeckte.


                                               


Sollte der "rote Morgen, an dem Blut vergossen wird" bereits an anderen Stellen vorgekommen sein, so entschuldige ich mich dafür, es war nicht beabsichtigt.

Den letzten Absatz verdanke ich vor allem diesem Lied: Hammerfall "The Fallen One"

Und an dieser Stelle vielen Dank an black-Nail für die Anregungen und generell einfach für alles.

Zum Schluss noch vielen Dank an ashtrails. Deine Worte waren hart, aber gerechtfertigt. Das ist das Ergebnis. =)
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