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Ich wünschte ...

von MariLuna
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Brave Starr J.B. McBride Tex Hex Thirty-Thirty Vipra
17.10.2010
14.11.2010
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17.10.2010 1.489
 
II.

Er stellte ihn in einer Nebenstraße.
Noch bevor er richtig darüber nachdenken konnte, hatte er ihn am Mantelkragen gepackt und rücklings an eine Hauswand gedrückt.
Atemlos starrten sie sich an.
Scharfe Fingernägel zerrten an den Stulpen seiner Handschuhe, aber Brave Starr ignorierte die Bemühungen des anderen, sich zu befreien, geflissentlich.

Er versuchte, einen Blick auf diese Augen hinter der Sonnenbrille zu erhaschen, doch alles, was er sah, war seine eigene, verzerrte Reflexion. Und dann saugte sich sein Blick wie von selbst auf den drei verkrusteten, noch relativ frischen Kratzern fest, die sich quer durch das ganze Gesicht vor ihm zogen. Ein Gesicht, das er noch nie zuvor gesehen hatte, das in ihm aber dennoch ein merkwürdiges Gefühl der Vertrautheit hervorrief.


Drei gebogene Krallen, jede so groß und dick wie sein eigener Unterarm.
Schmerz und Angst.
Und die Gewißheit, nicht schreien zu dürfen.
Niemals.


„Marshall? Lassen Sie mich los!“

Die rauhe Stimme des anderen riß ihn aus seinen Erinnerungen. Eigentlich war diese Stimme nur ein heiseres Flüstern, der Versuch, sich zu verstellen, doch der Marshall ließ sich nicht täuschen.

„Was soll das alles? Warum verfolgst du mich?“

„Marshall, was meinen Sie? Sie haben mich verfolgt!“

Ungeduldig verlagerte der Marshall seinen Griff vom Mantelkragen direkt auf die Kehle des anderen, was diesem einen ungewollten Zischlaut entlockte.

„Verdammt, was ist das?“ Mühsam widerstand Brave Starr dem Drang, seinen Gegner einfach durchzuschütteln. „Ein Fluch? Willst du mich in die Klapse bringen oder was soll das alles? Laß mich endlich in Ruhe, hörst du?“

„Was? Keine Ahnung, was…“

„Ach, halt die Klappe. Ich erkenne dich immer, egal, wie du aussiehst“, unterbrach Brave Starr ihn barsch und fügte dann, während er seinen Druck auf den Kehlkopf des anderen noch ein wenig verstärkte, gefährlich leise hinzu:
„Tex Hex.“

Der Mann unter seinen Händen erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde, und dann gab er ein abfälliges Schnauben von sich. Sein bisher braunes, wirres Haar begann zu wachsen, wurde fülliger und veränderte die Farbe, bis es Schulterlänge erreicht hatte und so hell strahlte wie frischgefallener Schnee. Zur selben Zeit änderten sich seine Gesichtszüge, die gebräunte Haut wurde lila und ihm sproß ein langer, dichter Schnauzer.


„Du erwürgst mich, Marshall“, grollte der Anführer der Carrion Bunch vorwurfsvoll, und seine dunkle, jetzt unverstellte Stimme war reines Öl fürs Feuer des gerechten Zorns in Marshall Brave Starrs Brust.

„Ach, halt die Klappe!“ zischte dieser bloß, pflückte die jetzt absolut deplaziert wirkende Sonnenbrille von der Nase des Outlaws und starrte diesem eindringlich in die Augen.

Er wußte nicht, wonach genau er in diesen großen, keriumroten Augen suchte, vielleicht nach einem Anzeichen von Schadenfreude und Heimtücke, irgend etwas, was seine ungestellten Fragen alle beantwortete, doch zu seiner großen Überraschung …

… begegnete er nur demselben matten Glanz wie vor zehn Minuten, als er zum letzten Mal in den Spiegel geblickt hatte.
Und irgendwie ließ ihn diese Erkenntnis erst einmal schwer schlucken.

„Was machst du hier, Hex?“ fragte er bedeutend ruhiger als zuvor. „Willst du dich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie dein Fluch wirkt?“

Wie von selbst schlichen sich die Finger seiner freien Hand zur verletzten Wange des Desperados, fuhren sachte die blutigen Striemen nach.
Tex Hex zuckte bei dieser Berührung sichtbar zusammen und wandte instinktiv das Gesicht beiseite, doch mit den Fingern des Marshalls um seinen Hals, war seine Bewegungsfreiheit mehr als eingeschränkt.
Von daher wehrte er sich nicht ein zweites Mal, als die neugierigen Finger wieder über seine Verletzung tasteten.

„Keine Ahnung, was du willst, Marshall“, irgendwie brachte er einen beinahe überzeugenden, hochmütigen Tonfall zustande, doch seine zitternde Stimme strafte seine Worte Lügen. „Ich war nur auf dem Weg zur Apotheke. Ist das neuerdings verboten?“

In Gedanken verfluchte er mit höchst blumigen Ausdrücken seinen Herrn und Meister Stampede, der ihm aus purer Bosheit bis Sonnenuntergang die Fähigkeit zur Teleportation entzogen hatte. Denn nichts wünschte er sich im Moment mehr als der – im wahrsten Sinne des Wortes - beengenden Gegenwart des Marshalls zu entkommen.

Brave Starr zögerte, doch dann gab er den Hals des anderen frei – nicht jedoch dessen Körper. Ganz genau überlegend, was er tat, preßte er seine flache Hand auf die Brust des Desperados, direkt über dem Herzen, nagelte ihn dieserart mit Bärenkräften an die Hauswand.
Und er war nicht wirklich überrascht, als er fast zur gleichen Zeit einen unangenehmen Druck auf seinem eigenen Brustkorb verspürte.

Er sah, wie Tex Hex schmerzhaft zusammenzuckte, doch kein Laut kam über dessen Zunge.

Natürlich.
Keine Schwäche zeigen.
Niemals schreien.

„Ich wünschte, du würdest einmal in meiner Haut stecken“, knurrte der junge Mann dumpf.

Tex Hex blinzelte ihn für einen Moment grenzenlos verwirrt an, dann huschte ein hämisches Lächeln über seine Züge.

„Keine Ahnung, was du davon hättest, aber mir könnte das wirklich gefallen.“

Brave Starr ignorierte seine Worte einfach.

„Das sagtest du, vor knapp vier Monaten. Ich hatte es vergessen, aber jetzt ergibt alles einen Sinn. Ich wünschte, du würdest einmal in meiner Haut stecken, dann würdest du wissen, wie falsch du liegst. Das waren deine Worte. Erinnerst du dich nicht?“

„Nein, sollte ich?“ Jede aufgesetzte Überheblichkeit fiel schlagartig von dem Skullhead ab, jetzt nur noch ehrlich verdattert starrte er seine ewige Nemesis und gefeierten Helden an.
„Wirklich, wer erinnert sich noch daran, was er vor so langer Zeit mal gesagt hat?“

„Solltest du aber, verdammt nochmal! Immerhin hast du mich verflucht!“

„Flüche sind was für Hexen und Priester. Ich bin weder das eine noch das andere.“

Schön wär’s ja. In Gedanken daran, was er mit einer solchen Fähigkeit alles erreichen könnte, hätte Tex Hex beinahe breit gegrinst. Aber Brave Starrs wütender Stoß gegen sein Brustbein holte ihn schnell in die Wirklichkeit zurück.

„Lüge!“

„Bitte?“

Empört rieb sich Tex Hex seine schmerzenden Rippen, doch bevor ihm wirklich bewußt wurde, daß der Marshall ihn losgelassen hatte, packte ihn dieser schon wieder am Mantelkragen und preßte ihn wie zuvor gegen die Hauswand, diesmal jedoch so hoch, daß er glatt den Boden unter den Füßen verlor.

Tex Hex, dessen Erinnerungen an die letzte Strafaktion seines Herrn und Meisters noch zu frisch in ihm wühlten, um ignoriert werden zu können, kämpfte mit all seinem Willen das aufflackernde Gefühl der Panik zurück, das ihm das Atmen zusätzlich erschwerte.
Tatsächlich gelang es ihm, nach außen hin sehr ruhig und beherrscht, ja, beinahe gleichgültig zu wirken, als er dem Marshall fest in die zu wütenden Schlitzen verengten Augen starrte.

„Ich habe dich nicht verflucht“, erklärte er betont freundlich. „Ganz gewiß nicht. Du kennst mich, Marshall – bei allem, was ich bin: ich bin kein Lügner. Wenn ich etwas angestellt habe, stehe ich auch dazu. Und ich habe dich ganz bestimmt nicht verflucht.“

Funkelnde, braune Augen bohrten sich in rote, auf der Suche nach der Wahrheit.
Doch die fand Brave Starr nicht dort, sondern tief in seinen Erinnerungen.
Es stimmte.
Tex Hex war alles andere als ein guter Mann, aber wenn man ihn wegen etwas beschuldigte, gab er es auch zu. Sofern dies wirklich auf seinem Mist gewachsen war.
Und bei all der Panik, die der andere verspürte, wäre ein Geständnis viel logischer als ein weiteres Abstreiten seiner Schuld.
Es mußte also die Wahrheit sein.

Widerwillig nickte er und gab den Outlaw frei.

„Jetzt verhafte ihn endlich“, ertönte plötzlich eine helle, wohlbekannte Stimme hinter ihm.

Nicht nur sein Kopf zuckte überrascht herum, auch der von Tex, und darüberhinaus machte der Desperado auch einen kleinen Schritt zur Seite. Doch sofort schloß sich Brave Starrs Hand um dessen Oberarm, unterbrach die Flucht, bevor sie richtig anfangen konnte.

„J.B.“, um Brave Starrs Lippen zuckte ein leicht verlegenes Lächeln. „Seit wann bist du schon hier?“

„Lange genug“, erklärte die rothaarige Richterin nur, stieß sich elegant von dem Pfeiler ab, an dem sie gelehnt hatte und schlenderte auf die beiden Männer zu. „Nimm ihn fest, sperr ihn ein, und dann laß uns herausfinden, ob dein Verdacht nicht vielleicht doch berechtigt ist.“

„Aber ich sagte doch schon-“, protestierte Tex Hex, doch eine unwillige Geste und ein scharfer Blick aus dunkelblauen Augen brachten ihn zum Schweigen.

„Und dann …“ ohne den Anführer der Carrion Bunch weiter zu beachten, trat die hübsche Frau dicht an den Marshall heran und tippte ihm nachdrücklich mit dem Zeigefinger auf den Brustpanzer. „Erzählst du mir, was vor vier Monaten zwischen euch vorgefallen ist und wie du auf einmal auf diese Fluch-Idee kommst.“

Tex Hex knurrte nur und starrte sie zornig an.

Brave Starr allerdings zuckte beinahe zusammen, als er wieder diesen seltsamen Stich in seiner Brust verspürte. Irritiert sah er zu Tex hinüber und runzelte die Stirn, beschloß dann aber, daß er dieses Rätsel wie so vieles andere später lösen würde.

Fest damit rechnend, daß sich der Outlaw jeden Moment wie schon so oft zuvor in Luft auflösen würde, zog er seine Handschellen hervor.
Aber zu seiner großen Überraschung seufzte Tex Hex nur schwer und streckte ihm auffordernd die Arme entgegen.

Und während die Handschellen um zwei lilafarbene Handgelenke klickten, verspürte der junge Marshall, wie zum ersten Mal seit seinen ersten Alpträumen wieder so etwas wie eine zaghafte Hoffnung in ihm aufkeimte.

***
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