Mein Gott, meine Göttin

GeschichteAbenteuer / P12
09.10.2010
30.08.2012
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Prolog:
Es war noch keine Woche her, da war Bisal die zweitmächtigste Göttin des Clans des Feuers gewesen. Wichtiger, einflussreicher und stärker als die meisten anderen, Ausyl eingeschlossen, den Erben Kailins, des Herrn des Feuers. Als Waffenmeisterin ihres Herrn hatte sie zudem auch die richtige Position inne gehabt, um ihre große Macht nutzen zu können. Dabei hatte sie sich immer als Mittler verstanden, als Begradiger, als Nachbereiter. Sie war es gewesen, die Kailins Politik der letzten vierhundert Jahre den gewissen Schliff gegeben hatte, der ihm mehrere Enklaven in Asien beschert hatte; der dazu geführt hatte, dass das mächtige Mittland dem Bau einer Kathedrale in Klingburg zugestimmt hatte, obwohl die Feuergesegneten in der Hauptstadt im Herzen Europas damals nicht einmal gereicht hatten, um sie zu füllen. Es war ihre Hand gewesen, die den brüchigen Kitt zwischen Kailin und Ausyl an seinem Platz gehalten hatte, um die Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft des Feuerclans zu erhalten. Dabei aber war sie Kailin gegenüber immer loyal gewesen und hatte alle seine Entscheidungen mitgetragen. Bis zur letzten Konsequenz, vor allem wenn sie diese Konsequenzen nicht mehr hatte beeinflussen können. Ja, sie sah sich selbst als Kailins Bremser, als diejenige Kraft, die eigentlich das hatte verhindern sollen, was der Herr des Feuers gerade betrieb, nämlich Ruhm und Ansehen des Feuers mit einem Schlag aufs Spiel zu setzen, und damit den ganzen Clan zu gefährden.
Sie hatte versagt. Einfach versagt. Kailin, der meisterliche Intrigant, hatte unbemerkt von ihr das Schachbrett aufgebaut und seine Figuren aufgestellt. Und als sie bemerkt hatte, was der Herr des Feuers wirklich geplant hatte, waren sie schon kurz vor dem Schachmatt des Clans der Erde gewesen. An diesem Punkt war es sinnlos geworden, etwas beschönigen zu wollen, oder etwas korrigieren zu können. Es hatte nur noch Pro und Kontra gegeben. Mitgehen oder mit hinweg gefegt werden. Sie hatte sich zum Mitgehen entschieden, obwohl sie Ausyls Angebot zu einem Gespräch durchaus ernst genommen hatte. Als aber klar geworden war, dass Kailin dazu bereit gewesen war, seine eigene Tochter zu opfern, um seine Pläne zu erreichen, war es für Verhandlungen, Planänderungen oder gar eine Revolution gegen Kailin zu spät gewesen.
Das Ergebnis? Erschreckend. In ihrem Gehorsam, auf der Jagd nach Inissars Auge, jenem Artefakt, das nach dem Willen des Herrn des Feuerclans die absolute Unterwerfung der Erde und der anderen Götterclans erreichen sollte, hatte sie sich zu weit vorgewagt. Sie war Ralf Schneider zum Opfer gefallen, einem überaus mächtigen Menschen. Übrigens ein Umstand, den man ihm keinesfalls ansah. Auch die Erd-Aura, die ihn stets umgab, verbarg vollkommen die große, erschütternde Macht, die dieser Mensch in sich barg. Er war gefährlich, brandgefährlich, das hatte sie am eigenen Leib gespürt. Sie hatte ihren stärksten Angriff auf ihn geworfen, ein Angriff, der die Mauern Karthagos gesprengt hatte; ein Angriff, der einen dreitausend Meter hohen Andenberg abgetragen hatte; ein Angriff, der bei Feinden gefürchtet und bei Verbündeten bewundert wurde. Und Ralf Schneider hatte ihn abgetan, und das nur mit einer Torch, die er mit seinem Odem und dem von vier Gesegneten verstärkt hatte. Ihr eigener Angriff war implodiert, und hätte die Torch sie voll erwischt, hätte die Göttin nicht nur ihren Körper, sondern auch noch ihr Fluidum verloren. So aber hatte es einen Rest von ihr gegeben, der sich auf die Obere Ebene hatte retten können. Ein kläglicher Rest, zugegeben. Aber er hatte gereicht, ihr Wissen weiter zu geben.
Nun stand ihr eine ewig lange Phase der Regeneration bevor. Eine Zeit, in der sie erst wieder werden musste, was sie gewesen war. Wenn man sie ließ, und ihr obligatorischer Nachfolger als Waffenmeister, der für die Zeit ihrer Rekonvaleszenz ihr Amt übernehmen würde, sie nicht einfach ausradierte, um aus der provisorischen Berufung eine permanente zu machen.

Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, Kailins Pläne waren für sie persönlich nicht besonders positiv ausgefallen. Nun war sie hier, auf der Oberen Ebene, ein schmales, flackerndes Licht auf der Odemsichtebene, jederzeit angreifbar von ihrem eigenen Clan, nicht beschützt und nicht bewahrt. Nicht einmal auf den Kampfwagen hatte sie gedurft. Nun kehrte sich ihre Entscheidung, sich voll und ganz Kailin zu verschreiben, für sie in einen Nachteil um. Von ihrer Familie entfremdet, ihrer Untergebenen beraubt, die ansonsten für sie Wache gestanden hätten, von Kailin ignoriert und ihren Feinden ausgesetzt, war sie allein, und nur noch ein kleines Licht. Sie konnte es niemandem verdenken, wenn er diese unglaubliche Chance nutzte. Selbst sie hätte in so einer Situation vor der Frage gestanden, ob und wie sie die Situation ausnutzen konnte, und dabei sah sie sich noch als eine der Besonnensten im Clan an.
Und egal, wie die Geschichte sich weiter entwickelte, selbst wenn sie nicht ausradiert wurde, sie würde keinen weiteren Einfluss auf das Geschehen haben. Und Kailin musste ohnehin bereits eine ganz neue Schar von Beratern um sich geschart haben, wenn er all die Vorbereitungen an ihr hatte vorbei schleusen können.
Somit blieb ihr nur noch eines zu tun. Jeden einzelnen Moment bewusst erleben, so gut sie es vermochte, in der Hoffnung, ihr Fluidum so weit regenerieren zu können, sodass sie sich bewegen konnte, um selbst einen sichereren Ort aufsuchen zu können. Aber wahrscheinlicher war wohl, dass sie vorher vernichtet wurde. Feinde hatte sie mehr als genug, und, das gestand sie sich ein, zu ihnen zählte sicher ab sofort auch Kailin. Und wenn er doch kein Feind war, dann zumindest ihr gegenüber gleichgültig. Sie würde fortan in seinen Plänen, seinen Intrigen, keine Rolle mehr spielen.
Dies war sicher die schmerzhafteste Erkenntnis für sie. Kailin brauchte sie nicht mehr. Und für bereits geleistete Dienste belohnte er sie nicht. Ihre Sinne richteten sich auf den Kampfwagen des Feuers, dessen spektrischer Abdruck zum Greifen nahe vor ihr zu schweben schien. Auch er konnte hier existieren, so wie viele andere Dinge. Aber auch seine Existenz unterschied sich von dem, wie er auf der Unteren Ebene erschien. Feste, Dichtigkeit spielten keine große Rolle. Alles war im Fluss, auch der Kampfwagen. Dennoch wäre sie hinter seinen Wänden sicherer gewesen als hier, fern jeder Burg, mitten auf der goldenen Ebene der Odemsicht, gerade in ihrer undefinierten, stark geschwächten Form, der sie, die Zweitstärkste im Clan, zum hilflosen Opfer machte.
Zum hilflosen Opfer, das auf einmal verschlungen wurde. Sie merkte, wie ihre Sinne die Ebene nicht mehr wahrnahmen, wie sich fremdes Fluidum um sie legte, ihr den Weg versperrte, das Leben versperrte, sie fortriss von jenem Ort, an dem sie vor kurzem noch aufgestiegen war. Das war also ihr Ende. Sie wurde nicht einfach nur getötet, sondern gefressen. Dies war die brutalste, verwerflichste und verachtenswerteste Methode, um einen geschwächten Gott zu töten.
Doch irgendwie stimmte sie das auf eine gewisse Art froh. Sie würde nicht so abtreten wie andere Götter. Sie würde einen besonderen Tod haben. Auch wenn er mit Qualen und dem Zerreißen ihrer Persönlichkeit vonstatten gehen würde. Alles, nur nicht normal, war ihr Credo gewesen. Sie hielt es ein bis zu ihrem Ende. Zumindest versprach sie sich das.


1.
Es war schwer zu erklären, was Fluidum war. Vor allem für Götter, für die Fluidum normal war. Und es war schwer zu erklären, wie diese Substanz so wichtig werden konnte, und wie sie die Bewusstseine der Götter im Hier hielt. Oder wohin die Bewusstseine gingen, wenn das Fluidum erlosch. Es war eben Fluidum, und daraus waren Götter gemacht. Es ermöglichte ihnen, hier auf der Oberen Ebene zu existieren, in einem Zustand, der mit der körperlichen Existenz auf der Unteren Ebene nicht viel zu tun hatte. Es war nicht so, als wäre allzuviel anders auf der Oberen Ebene. Gut, es gab keine Sonne, keine Planeten, keine Tiere, keine Pflanzen, kein Wasser und keine Materie. Hier gab es nur Fluidum in einem endlosen, golden strahlenden Feld, in dem halbmateriell die Burgen und Schlösser der Götter standen, verbunden mit jedem einzelnen Ort der Unteren Ebene, und doch wieder nicht verbunden.
Hinter halbmateriellen Mauern residierten die Götter in teils aufwändigen Kastellen und Herrschaftssitzen, deren Wände mächtig und doch durchscheinend waren. Es war der Wille der Bewohner, der sie für andere undurchdringlich machte. Je stärker der Wille eines Gottes, desto besser war sein Heim geschützt. Und so erfüllten die Schlösser und Burgen hier im Refugium des Feuerclans weniger die Funktion als Wohnstatt, und mehr die Funktion als Zufluchtsort.
Ein Mensch hätte auf der Oberen Ebene sicherlich Schwierigkeiten gehabt zu sehen, Schwierigkeiten gehabt zu begreifen. Wenn man in einem Feld aus Odem lebte, war das etwas anderes als das eigene Bett in der heimischen Wohnung. Auch das Leben in diesen göttlichen Wohnungen war ein anderes als jenes auf der Unteren Ebene. Es war kein wohnen in dem Sinne, es war mehr ein residieren. Denn auf dieser Ebene brauchten die Götter nichts, außer Odem.
Dennoch gab es erstaunlich viele Parallelen zwischen der goldenen Ebene und dem Planeten Erde. Auch wenn man sie suchen musste.

Eine dieser Parallelen bestand in dieser sphärischen, halbmateriellen Ebene darin, dass die Götter sich bemühten, ihre Odem-Behausungen so zu gestalten, wie sie es auf der Unteren Ebene gewohnt waren. So gab es in Kailins Burg neben dem vollkommen unnötigen Schlafzimmer - er selbst sprach vom Entspannungsraum - auch einen Empfangssaal und einen Konferenzraum. Und auch ihre Kommunikation orientierte sich stark an der Unteren Ebene. Die Götter hätten hier nur mit ihren Gedanken kommunizieren können, aber sie taten es mit ihren Stimmen. Natürlich nicht auf dem kleinlichen Niveau, wie es die Menschen betrieben. Sie benutzten das gesamte Schallspektrum, was die Kommunikation in ihrer eigenen Sprache für Menschen mehr als schwierig machte. Vielleicht lag das aber auch einfach daran, dass eine Stimme Emotionen transportieren konnte. Einem Gedanken fiel das schwer. Und Kailin hatte in diesem Moment eine Menge Emotionen zu transportieren.
Zornig marschierte der Clanschef im Konferenzraum auf und ab. Seine wichtigsten Berater und Verbündete umgaben ihn, allerdings mit einem gehörigen Sicherheitsabstand, denn der Herr des Feuers hatte sehr schlechte Laune. "Idioten! Unfähige Nichtskönner! Ihr wollt über die Untere Ebene herrschen? Ihr schafft es ja nicht mal, einen narrensicheren Plan auszuführen, geschweige denn einen kleinen Jungen wiederzufinden, der mit dem mächtigsten Artefakt des Feuerclans auf und davon ist! Und nicht nur das, er ist mit einer zweistöckigen Villa verschwunden! Und niemand findet dieses riesige Gebäude wieder!" Sein Blick ging zu einem der Götter. "Martefelo!", blaffte er. Tatsächlich sagte er noch weit mehr, aber ein zufällig anwesender menschlicher Lauscher hätte nur diese vier Silben verstanden.
Der Angesprochene spannte sich an. "Herr?"
"Du hast die Obere Ebene abgesucht, und deine Späher zu den anderen Clans geschickt?"
Martefelo räusperte sich ebenso, wie er es mit einem materiellen Körper getan hätte. "Herr, die Obere Ebene ist unendlich. Natürlich kann man sie nicht absuchen. Aber ich habe sämtliche Aufstiegsspots, die unserem Clan bekannt sind, überprüfen lassen. Dort gibt es keine Spur von einem Haus. Meine Agenten und Späher haben die Clans der Luft und des Wassers so gut sie es vermochten konfrontiert und unsere Verbündeten kontaktiert. Auch bei ihnen kein Zeichen für ein aufgetauchtes Haus. Wobei ich anmerken möchte, dass vielleicht das Haus auf die Obere Ebene gelangen könnte, aber sicherlich kein Mensch."
"Daran sieht man wieder einmal, wie kleingeistig Ihr denkt! Wenn Ihr mich nicht hättet, Ihr einfältigen dummen Götter, wäre unser Clan schon vor Jahrhunderten vernichtet worden! Dummkopf, natürlich hast du nicht gesehen, dass der Sohn von Thomas Fluidum in sich trägt."
Martefelo erstarrte erschrocken. "Was?"
"Ja, glaub es nur. Ein Mensch mit Fluidum, unglaublich. Sowas kommt sonst nur alle paar Jahrtausende vor, und diesmal so kurz hintereinander."
Die anderen Götter im Raum schwiegen betreten. Sie kannten Kailins Anweisungen, nach denen jeder Mensch, der Fluidum in sich trug, sofort vernichtet werden musste. Nichts bedrohte die Götter an sich mehr als Menschen, die Fluidum in sich trugen, und damit ihr ureigenstes Gebiet betreten konnten. "Und das ist noch nicht alles. Auch die Menschen in seiner Begleitung trugen Funken von Fluidum in sich. Selbst die Dämonen. Ich fasse es nicht, dass das keiner von euch bemerkt hat."
Mit Resignation erfüllt wandte sich Kailin von den Göttern ab. "Die Dämonen wären schon einmal fast auf die Obere Ebene vorgestoßen, indem sie sich das Fluidum besiegter Götter in die Leiber haben implementieren lassen. Unsere eigene Chance um zu verhindern, dass sie bis vor unsere Haustür kommen konnten war, die Mittlere Ebene zu erschaffen und die Dämonen dort abzufangen. Wenn nicht nur der Mensch Ralf Schneider Fluidum entwickelt hat, sondern wenn er es auch noch in kleinen und kleinsten Portionen übertragen kann, dann hindert eine gewaltige Armee der Dämonen nichts mehr daran, die Obere Ebene direkt anzugreifen. Und wenn Ralf Schneider weiß, wie er das gemacht hat, dann hindert ihn niemand daran, dies bei den Dämonen zu wiederholen."
"Ist es sicher, dass die Menschen und Dämonen in seiner Begleitung Fluidum besessen haben?", fragte Wyret, der Botschafter des Clans der Luft. Sein Blick suchte den von Kailin, und lange Zeit hielten sie einander stand.
"Es ist nicht sicher", gestand Kailin. "Die Fluidum-Funken können Reflexionen gewesen sein. Oder sie können dauerhaft verliehen worden sein. Aber für mich war es ein Hinweis darauf, dass der Mensch auf die Obere Ebene flieht."
"Oder auf die Mittlere Ebene", fügte Wyret an. "Es kann sein, dass die Funken Fluidum gebraucht werden, um die Siegel zu passieren. Nur ein Gott hat Fluidum, also kann nur jemand mit Fluidum auf die Mittlere Ebene gelangen."
"Pah! Die Siegel wären zerbrochen worden, und wir wären gewarnt worden." Kailin unterbrach den Blickkontakt mit dem Luftgott. "Außerdem gibt es auf der Mittleren Ebene für Thomas' Sohn nichts zu gewinnen."
"Nichts außer einem sicheren Versteck", wandte Wyret ein. "Und zudem kennen wir die politische Situation nicht, weil die Mittlere Ebene seit fünftausend Jahren nur sich selbst verantwortlich ist."
"Und vielleicht haben sie dort ein Ziel?", warf Martefelo ein.
"Und was soll das für ein Ziel sein?", knurrte Kailin.
"Ich weiß es nicht. Aber eventuell ist es wichtig."
"Eventuell ist es wichtig. Was bist du nur für ein Herzchen von einem Gott. Mutmaßungen und Wunschdenken bringen uns nicht weiter! Im Gegenteil, jede falsche Spur, die wir verfolgen, kostet uns unnötig Zeit! Zeit, die uns bald nicht mehr zur Verfügung stehen wird, denn ewig können wir den Gebetsmarathon nicht aufrecht erhalten, wenn wir nicht sehr plötzlich sehr viele Geweihte verlieren wollen." Kailin wandte sich dem Feuergott zu. "Also gehen wir den sinnvollen Spuren nach. Sucht nach dem Haus, überall auf der Erde. Sucht an jedem Ort, vor allem in Afrika und Europa. Und sucht auf der Oberen Ebene, an den Aufstiegsspots des Erdclans. Wenn sie meinen, im Gebiet der Erde seien sie in Sicherheit, werden wir sie eines Besseren belehren!"
"Und was ist, wenn sie doch auf der Mittleren Ebene sind?", fragte Wyret. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie noch auf der Erde sein sollen oder dass sie es hier hoch auf die Obere Ebene geschafft haben sollen."
"Ich frage dich nochmal, Luftgott: Warum sollten sie das tun?", blaffte Kailin.
"Vielleicht aus einem einfachen Grund. Sie wollen Inissars Stab wieder komplettieren", erwiderte Wyret ruhig.
Kailin erstarrte. "Das ist..." Barsch winkte er ab. "Hanebüchener Unsinn. Inissar ist vergangen, sein Stab wurde vernichtet. Alles was davon geblieben ist, sein Auge, ist nichts weiter als ein mächtiges, aber verkrüppeltes Potentialfeld. Nicht weniger, aber auch nicht mehr."
"So." Wyret runzelte die Stirn. "Du wirst aber sicher nichts dagegen haben, dass sich der Luftclan trotzdem auf der Mittleren Ebene umsieht, oder?"
"Nein, natürlich nicht. Und für euch anderen gelten die bestehenden Befehle. Infiltriert den Erdclan. Sucht in Afrika und jedem anderen Ort auf der Erde. Und findet mir dieses Haus, diesen Bengel und mein Artefakt!"
Die Feuergötter bestätigten und stieben auseinander. Auch der Luftgott bestätigte Kailins Worte mit einem Nicken, und verschwand.

Lediglich ein Gott blieb. Oder vielmehr eine Göttin. Sie war jung, aufstrebend, gerissen und rücksichtslos. Mit einem Satz: Genau Kailins Kragenweite.
"Ja? Was willst du noch, Kiessa?"
"Mit deiner Erlaubnis, Herr, werde ich mich mit ein paar Untergebenen ebenfalls auf der Mittleren Ebene umsehen. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Inissars Auge tatsächlich dort ist, und dem Luftclan in die Hände fallen würde."
Kailin nickte schwach. "Tu, was du nicht lassen kannst. Es ist wahrscheinlich besser, die Mittlere Ebene nicht kategorisch auszuschließen. Und wenn du schon mal da bist, kannst du die Götter, die dort Wacht stehen, schon mal auf den Gedanken vorbereiten, dass sie schon bald unter unserer Herrschaft stehen werden."
Die Göttin verneigte sich anmutig. "Ich wusste, deine Pläne würden bei Oberer und Unterer Ebene nicht enden, Kailin. Es geschieht so, wie du es wünschst." Sie verschwand.
"Und bald schon", sagte der Gott mit düsterer Stimme, "wird alles geschehen, so wie ich es wünsche, wann ich es wünsche."
Alles, was ihm dazu fehlte, war Inissars Auge. Nicht zum ersten Mal verfluchte er die Idee, es Ibran überlassen zu haben. Sicher hätte es auch auf anderem Wege einen Kriegsgrund geben können. Tja, aber sicher keinen, der Trema und Agrinal zugleich in seine Falle gelockt hätte.
Kailin ballte die Hände zu Fäusten. Noch war nichts verloren. Noch waren alle Trümpfe auf seiner Hand. Noch war der Sieg des Feuerclans zum Greifen nahe. Noch. Wenn er jetzt nicht nachließ, würde er sich durchsetzen, und Herrscher der Herrscher werden.



2.
Vor der Küste Südamerikas kreuzten die mächtigen Kriegsschiffe Afrikas, um das Kap Horn und die großen Seehäfen zu blockieren. Dabei blieben die über zweihundert Schiffe aller Klassen zwar außerhalb der Reichweite der Küstenartillerie, bildeten aber allein mit ihrer Anwesenheit ein Messer an der Kehle des Seehandels. Dabei war es weniger der Welthandel, den sie unterbanden. Der war ohnehin erloschen, kaum dass Kailin seine Anhänger in sein spektakuläres Abenteuer mit hinein gezogen hatte; es war der Handel der Küstenstädte untereinander, der effektvoll unterbrochen wurde. Und dabei war es noch nett von den Afrikanern, dass sie aufgebrachte zivile Frachtschiffe der verschiedenen südamerikanischen Fraktionen nur dann konfiszierten, wenn sie militärische Güter, magische Potentialfelder oder Utensilien zur Verlängerung des Gebetsmarathons vorfanden. Marine-Frachter hingegen wurden als Ganzes einkassiert, und Kriegsschiffe, die sich in ihre Reichweite wagten, erbarmungslos bekämpft. Die Blockade dauerte nun schon fünf Tage an; zwei Tage hatten Kriegsschiffe und Tross gebraucht, um den Atlantik zu überwinden. Und seit sieben Tagen befand sich die Welt faktisch im Krieg mit sich selbst. Dabei waren nur zwei Fronten vollkommen klar: Feuer gegen Erde. Zwar hatte der Luftclan eine latente Tendenz, sich dem vermeintlichen Sieger, dem Feuer, an die Brust zu werfen, und zwar vertrat Agrinal, die Herrin des Wassers, die sehr deutliche Linie für die Erde und für die Menschheit, aber in beiden Clans rumorte und brodelte es. Die vielen verschiedenen Strömungen innerhalb der Gesellschaften trafen aufeinander und nutzten genau diese Zeit der Unsicherheit, um miteinander zu kollidieren. Oder um es simpler auszusprechen: Viele Götter in den Clans probten den Aufstand hier und auf der Oberen Ebene.
So gesehen hatte es auch das Feuer nicht leicht, denn zwar war es Kailin gelungen, vor seiner einseitigen Kündigung des Vertrages von Hethit die Opposition im Feuerclan nahezu auszulöschen und seinen Nachfolger Ausyl beinahe kalt zu stellen, aber eben nicht ganz. Nach dem gescheiterten Versuch, das Auge Inissars wieder in Besitz zu nehmen, um die ganze Welt unter ein besonderes Potentialfeld zu legen, hatten viele Feuergötter Morgenluft gewittert und sich auf Ausyls Seite geschlagen, oder gleich eigene Fraktionen gebildet. Jedenfalls hatten sich etliche Gesegnete jener Götter, die mit Ausyl verbündet waren, in Rio de Janeiro verbarrikadiert und leisteten seit einer Woche, seit jener Zeit, in der Inissars Auge von dieser Welt verschwunden war, erbitterten Widerstand gegen Kailins Schergen.
Noch hatten sich die afrikanischen Streitkräfte nicht dazu entschließen können, die Seegrenzen zu verletzen und den Eingeschlossenen Hilfe zu leisten, aber die Fernsehbilder aus der Stadt sagten genug aus. Es wurde Zeit für Rio, dass ihr jemand half. Bereits jetzt hatten sich etliche Gesegnete, die in der Marine dienten, freiwillig gemeldet, um Rios Abwehr zu verstärken. Dies wäre allerdings der letzte offene Schritt zum Krieg gewesen, und dieser Krieg hätte auch die Obere Ebene erfasst. Es wäre eine dumme Idee gewesen, hier auf der Unteren Ebene einen Krieg eskalieren zu lassen, und die Obere Ebene außer Sicht zu lassen, beziehungsweise dem Erdclan die Gelegenheit zu nehmen, sich auf den kommenden Kampf vorzubereiten. Eine Maßnahme, die unmöglich gewesen wäre, wenn Trema und Agrinal noch immer von Kailin im Mittländer Parlament festgehalten worden wären. Ohne ihr Oberhaupt wäre der Clan der Erdgötter eine leichte Beute für die Feuergötter geworden, denn die Treue zu Trema war bei den Erdgöttern geradezu sprichwörtlich. Und solange Trema die Stimme der Konservativen war, und Nrota als ihr Ehemann die progressiven Götter vertrat, sie also gemeinsam regierten und jeder politischen Strömung ihr Forum verliehen, war nichts so schwer zu erschüttern wie der Erdclan. Hätte Kailin darin Erfolg gehabt, Trema permanent festzusetzen oder sogar Nrota zu fangen, wäre dies das Ende der Ordnung gewesen. Nicht unbedingt der Harmonie im Erdclan, die sprichwörtlich alle anderen Clans in den Schatten stellte. Aber schnell wären die Erdgötter gespalten gewesen in jene, die nun hätten handeln wollen, und jenen, die um Tremas Leben willen verhandlungsbereit gewesen wären. Das hätte den Clan paradoxerweise durch Liebe zur Herrin Trema gespaltet.
Ein weiteres Problem bildete sich am Isthmus Mittelamerikas, jener dünnen Landpassage, die Nord-, und Südamerika verband. Die vielen kleinen Länder und Stammesgemeinschaften, die dort lebten, waren seit jeher neutral. Spötter meinten, man müsse nur von einem Haus ins nächste gehen, um vom Territorium des Erdclans in jenes des Wassers zu kommen. Oder man würde unter jedem Stein mindestens einen Ureinwohner finden, der die Natur an sich anbetete, und die Götter für sich ablehnte. Diese urtolerante Einstellung der Menschen im Isthmus war nun in Gefahr, für immer beendet zu werden, denn Südamerika hatte sich nicht nur dazu entschlossen, den Isthmus-Kanal zu nehmen, der Atlantik und Pazifik miteinander verband und einen schnellen Reiseweg für Schiffe bot. Nein, neben dieser offenen Brüskierung des Wasserclans, der den Kanal erbaut hatte, plante es die Unterwerfung aller Nationen der Isthmus-Koalition, und die Konvertierung aller knapp vierzig Millionen Einwohner. Damit würde es nicht nur direkt vor der Tür des luftdominierten Nordamerikas stehen, sondern hätte auf einen Schlag die Zahl der Gläubigen um ein Zehntel erhöht, auch wenn die Konvertierungen langwierig ausfallen würden.
Andererseits warteten die Götter, Gesegneten und Soldaten des Wassers, die den Isthmus-Kanal bewachten, schon seit einer geschlagenen Woche auf den ersten Angriff auf den Kanal, auf den Verlust der südlichen Gebiete der Isthmus-Koalition, auf ein Anzeichen von Krieg. Und sie wussten sehr genau, gelang es den Chin, einen Teil ihrer Pazifik-Flotte in den Kanal zu schicken, dann hatten sie zwar sitzende Enten erschaffen, aber sitzende Enten mit einer Feuerkraft, die sich gegen Gesegnete, ja, gegen Götter würde wehren können.
All dies wartete auf den entscheidenden Funken, auf das eine Streichholz, das den Konflikt entzünden würde. Dabei war es nicht klar, wem die Wartezeit, die sie hinter sich gebracht hatten und auch noch vor sich hatten, mehr nützen würde: Dem Erdclan oder dem Feuerclan.

Die Trema war der neueste Flugzeugträger Afrikas. Sie konnte einhundertzwanzig Flugzeuge und Jagdbomber starten und versorgen, und neueste Technologie erlaubte den Einsatz von Torches in den Luftabwehr-Kanonen. Verbunden mit der aktuellen Raketentechnologie und der verbesserten Neutronenunterdrückungstechnologie sowie der Möglichkeit, sogar die neuen Langstreckenbomber vom Typ Nrota III starten und landen zu lassen, war das Schiff das stärkste jemals gebaute Kampfschiff der Menschheit. Begleitet wurde die Trema von einem Tross aus vierunddreißig Schiffen und fünf Unterseebooten. Die Schiffe setzten sich aus fünf Raketenkreuzern, zwölf Zerstörern und vierzehn Fregatten zusammen; zwei Minenräumer vervollständigten die Aufstellung der Flotte, und insgesamt fünftausend für den Landkampf trainierte und ausgerüstete Infanteristen, unter ihnen einhundert Gesegnete, machten die Trema auch bei einem Landgang brandgefährlich. Aber das war alles graue Theorie, denn das letzte Mal, dass Afrika ein konventionelles Schiff außerhalb der Landesgrenzen in einem echten Konflikt eingesetzt hatte, war vierzig Jahre her. Seither waren die Technologien und das Training konventioneller Waffen der Soldaten Afrikas stetig weiter entwickelt worden, aber sie hatten sich nie beweisen müssen. Dies war nun anders geworden. Diesmal standen die afrikanischen Soldaten nicht nur konventionellen Gegnern gegenüber, sondern auch einem kompletten Götterclan.

Admiral Masamba Keerman hatte Zeit seines Lebens gehofft, Situationen wie damals, im südostasischen Großkrieg, nicht wieder erleben zu müssen, damals, als der Feuerclan seine ostasiatischen Besitzungen erobert, befestigt, und vertraglich hatte bestätigen lassen. Es waren Kämpfe gewesen, in denen die afrikanischen Streitkräfte auf Seiten des Wassers eingegriffen hatten. Es hatte tausendfachen Tod für sie selbst bedeutet, und bei den eigentlich kämpfenden Parteien, Wasser und Feuer, zehntausendfachen Tod. Und am Ende des Liedes hatte Ausyl doch gewonnen und Ceylon und die Nihon-Inseln erobert. Der Wasserclan, damals auch von der Luft hart bedrängt, hatte die territorialen Ansprüche akzeptieren müssen, um den Krieg zu beenden. Selbst der Erdclan hatte sich von Madagaskar zurückziehen müssen, um die Insel dem Feuer zu überlassen. Es waren schlimme Zeiten mit einem schlimmen Ende gewesen, aber wenigstens hatten sie geendet.
Der Konflikt vor dem er heute stand hatte noch nicht einmal begonnen. Und, gegen das Heimatland des Feuers geführt, würde er blutiger und zerstörerischer sein als jede andere Schlacht, die er bereits in seinem Leben hinter sich gebracht hatte.
"Sir!", klang die Stimme von Captain Mtanga neben ihm auf. "Ein Funkspruch der Nihon-Leute. Von der Yamato Nadeshiko." Der Schwarzafrikaner, der die beneluktische Seitenlinie seiner Vorfahren ebenso wenig verbergen konnte wie der Admiral selbst, reichte ihm eine Nachricht, frisch aus dem Funkraum. Der erfahrene Seebär hatte ebenso wie der Admiral den Konflikt um Asien gesehen, damals noch als Offiziersanwärter. Auch seiner Miene war zu entnehmen, dass er den kommenden Konflikt nicht mochte. Aber wer mochte schon Krieg, außer den Hitzköpfen des Feuerclans? Jedoch stand er loyal zu Trema, loyal zum Erdclan. Und das war es, was sie alle durch die kommenden Tage bringen würde.
"Danke, Wim", sagte Keerman und nahm das Stück Papier entgegen. "Eine Funkbotschaft von der Yamato Nadeshiko? Hier, im Südatlantik?"
Die Yamato Nadeshiko war das Schiff, das bis zur Indienststellung der Trema als das stärkste Kampfschiff gehandelt worden war, das jemals von Menschen erbaut worden war. Das ultraschwere Schlachtschiff konnte es an Format und Größe mit der Trema aufnehmen, und seine Feuerkraft war entsprechend groß. Zudem hatte es Kapazitäten für den Transport und Einsatz von vierzig Kabuto-Kampfhubschraubern, was das Schiff zumindest auf Mittelstrecke gefährlich machte. Zudem fuhr ein Schiff dieses Kalibers, erst recht das Flaggschiff der Vereinigten Nihon-Nationen, niemals alleine. Eine Begleitflotte vom Größenmaßstab der Flotte, welche die Trema umgab, erschien wahrscheinlich.
Aufmerksam las der Admiral die Botschaft, stutzte, und las sie erneut. "Wie weit sind die Yamato Nadeshiko und ihre Begleitflotte von uns entfernt, Wim?"
Der große milchkaffeefarbene Mann schnaubte amüsiert aus. "Sie liegen zweihundert Seemeilen nördlich von uns. Der Flightboss startet in diesem Moment Fernspäher, um die Angaben zu bestätigen. Unser Schutzschild aus Kampffliegern wurde nicht penetriert. Wir... Entschuldigen Sie mich, Admiral." Der Mann folgte der Lautsprecherdurchsage, die ihn als Kapitän des Schiffs erneut in den Funkraum rief.
Kurz darauf kam er zurück, sichtlich erstaunt und ein wenig bleich.
"Was ist es, Wim?", fragte der Admiral interessiert, eigentlich davon überzeugt, das ihn heute nichts mehr würde überraschen können.
"Das Oberkommando. Trema bittet uns darum, in Rio auszuhelfen, Sir."
"Das kommt nicht unerwartet, aber doch sehr früh." Der Admiral nickte. "Also gut, dann wollen wir meiner Lieblingsgöttin doch mal den Gefallen tun. Klar Schiff zum Gefecht! Flotte klar zum Gefecht! Wir penetrieren die Seegrenzen und laufen in Rio ein! Dort beteiligen wir uns am Abwehrkampf der Stadt und der Ausyl-Gesegneten gegen Kailins Schergen! Und Bereitschaftsalarm für unsere Marine-Infanterie. Sie wird mit an die Frontlinien gehen. Und unsere Lazarette sollen sich bereit machen, um einen großen Schwung Verwundeter aufzunehmen."
"Jawohl, Sir. Und die Nihon-Leute? Was sollen wir denen sagen?"
Der Admiral seufzte. "Eigentlich ist das unsere Spielwiese, aber sagen Sie Admiral Matsumoto folgendes: Wenn sich das Nihon-Reich tatsächlich von Kailin losgesagt hat, und die Schiffe der Yamato Nadeshiko-Kampfgruppe sich tatsächlich dem Tyrannen stellen wollen, um die Ausyl-Anhänger in Südamerika zu unterstützen, dann teilt sich die Trema-Kampfgruppe jedwelche anstehende Aufgabe nur zu gerne mit Ihnen, verehrter Takashi Matsumoto. Gezeichnet mit Flottenadmiral Masamba Keerman, Kommandeur der 1. Flotte der Gemeinschaft afrikanischer Staaten."
"Verstanden, Sir." Der große Mann zögerte für einen Moment. "Was, wenn sie ein falsches Spiel spielen?"
"Unwahrscheinlich, sonst hätte der Wasserclan sie nicht durch den Isthmus-Kanal gelassen. Aber falls doch, werden Sie, falls Sie überleben werden, noch Ihren Enkeln von der größten Seeschlacht erzählen können, die jemals stattgefunden hat, Wim."
Flüchtig grinste der Skipper der Trema. "Ich denke, ich ziehe es vor, wenn wir gemeinsam gegen Kailin fahren."
"Ich auch, Wim. Ich auch", erwiderte der Admiral.
Wilhelm Mtanga salutierte und ging wieder in den Funkraum, um die Nihon-Flotte, die sich Ausyl, ihrem Eroberer, unterstellt hatte, willkommen zu heißen.

***
"Unglaubliche Szenen ereignen sich im belagerten Rio de Janeiro! Sieben Tage, nachdem das Volk in den Aufstand getreten ist, als Uafin vermeintlich dazu gezwungen worden war, seinen Vater Ausyl zu töten, hat sich die Lage um die von Kailin-Treuen bedrängte Stadt abrupt geändert! Afrikanische Kampfflieger und Nihon-Kampfhubschrauber beherrschen die Luft rund um die Millionenmetropole. Die gefürchteten Luftschläge und Artilleriebombardements der regulären Armee sind nun passé, weil die Lufteinheiten jeglichen Gegenschlag abwehren, und feuernde Artillerie zielsicher aufspüren und vernichten. Bis Kailin-Treue Luftabwehr und weitere Flugunterstützung zur umkämpften Stadt gebracht haben, gehört Rio eindeutig Ausyl."
"Rio de Janeiro als Gebiet war nie dafür ausersehen gewesen, um hier zu kämpfen. Die Stadt, umgeben von hohen Bergen der südamerikanischen Hochebene auf der einen Seite und der Baja de Rio de Janeiro auf der anderen Seite hat nicht nur bei starken Regenfällen unter den Schlammlawinen zu leiden, die von den Bergen herab kommen. Auch taktisch hat es immer bedeutet: Wer die Berge des Hochlands beherrscht, beherrscht die Stadt. Deshalb haben die Ausyl-Gesegneten auf den Bergen in der letzten Woche auch nicht einen Fußbreit Boden ohne einen erbitterten Kampf aufgegeben. Rio und seine aufständische Stadtbevölkerung konnten nur solange einigermaßen sicher vor dem Zorn Kailins sein, solange die Höhenzüge nicht in der Hand der regulären Armee waren. Nun aber kann davon keine Rede mehr sein, seit Nihon-Soldaten und afrikanische Seeinfanteristen ihre Schiffe verlassen haben, an Land gegangen sind, und sowohl die Verteidigung der Berge als auch die Verteidigung der Straßen, die nach Rio führen, übernommen haben. Dies unter erheblichen Mühen bei schwerem Widerstand der Kailin-Gesegneten, die sich von ihren bisherigen, seit einer Woche gehaltenen Positionen nicht hatten vertreiben lassen wollen."
"Wie lange wird der Erfolg von Afrikanern und Ausyls Verbündeten andauern? Wie lange, bis genug reguläre Truppen zusammengezogen wurden, um Rio de Janeiro zurückzuerobern und die aufständische Stadtbevölkerung empfindlich zu maßregeln? Nach dem ersten Schwung frischer Streitkräfte, eingesetzt kaum das die Polizei in den Stadtkasernen revoltiert hatte, waren immer wieder neue reguläre Verbände hinzu gekommen. Und auch jetzt sind weitere Einheiten vom Rio de la Plata aus unterwegs, um die wichtige Küstenstadt zurück zu erobern. Was wird passieren? Werden Nihon-Flotte und afrikanische Flotte ihre Präsenz verstärken, Rio als Brückenkopf nutzen, vielleicht als Invasionspunkt, um Kailin deutlich zu machen, dass Südamerika doch nicht ganz sein ist? Oder sehen wir am Ende, wie Ausyls Verbündete und die Gläubigen Tremas ins Meer zurückgetrieben werden? Was passiert dann mit der Stadtbevölkerung? Können die beiden Flotten die vier Millionen Einwohner im schlimmsten Fall evakuieren? Nur eines scheint klar: Kailin wird diesen Aufstand der Stadt, die vor Ausyls Entehrung als sein Domizil auf der Unteren Ebene bekannt war, niemals so hinnehmen, und ein Exempel statuieren. Es ist hinreichend bekannt, dass der Feuerclan den direktesten und festesten Einfluss auf die Regierungen seines Einflussgebietes ausübt, bis hin zum Diktat klarer Befehle. Noch einmal: Kailin kann diesen Affront nicht ignorieren, nicht in dieser Situation, in der er den Vertrag von Hethit aufheben will."
"Auf der Straße nach Duque de Caxias sehen wir ein ungewöhnliches Bild. An vorderster Linie wehren zwei Gesegnete die anrückenden Panzereinheiten der südamerikanischen Regulären nahezu im Alleingang ab. Zwölf Kilometer vor der Stadtgrenze beweisen sie, dass zwei Gesegnete alleine schon eine Armee sein können. Der eine Gesegnete ist Ikani Jackson, Oberst der Marine-Infanterie der 1. Flotte und Nrota-Gesegneter, bekannt für seine Einsatzbereitschaft, seinen Wagemut und seine Kampfkraft. Seine Beherrschung des Elements Erde ist, so sagt man, nur noch mit dem eines Gottes des Erdclans zu vergleichen. Er selbst sagt immer, wie sehr er es bedauert, dass der wertvolle gereinigte Odem, den Nrota ihm schenkt, auf so furchtbar banale Dinge wie Kämpfe und Krieg verschwendet werden müsse. Doch das Einzige, was gerade verschwendet wird, das sind Einheiten und Material der Regulären.
Neben ihm steht Hanako Akahime, die legendäre Schwertmeisterin. Ihr Vater war es, der bei der Invasion der Nihon-Inseln persönlich nur mit einem Schwert in der Hand Ausyl selbst standgehalten hat, alleine mit seiner Kampfkunst. Derart beeindruckt von seinen Fähigkeiten hatte der Gott ihn zum Oberhaupt der Besatzungsregierung gemacht, bis der Übergang zum selbstständigen Staatsgebilde unter Feuer-Verwaltung vollzogen worden war. Akira Akahime hatte dieses Amt bis zu seinem Rücktritt vor drei Jahren inne, als einziger Wassergesegneter auf allen eroberten Territorien aus diesem Konflikt. Mit seinem Rücktritt nahm auch die reguläre Regierung ihre Arbeit auf, im Namen des Feuerclans, vor allem aber im Namen Ausyls. Hanako Akahime, seine jüngste Tochter, war die erste in der Familie, die zum Feuerclan übertrat und von Ausyl zur persönlichen Gesegneten ernannt worden war. Geschult in der legendären Schwertkunst ihrer Familie, und gestärkt vom Feuerodem Ausyls wurde sie zu der bekanntesten Schwertmeisterin Nihons. Ihre Anwesenheit auf der Yamato Nadeshiko und damit hier in Rio de Janeiro ist somit kein Wunder, ist sie doch als Anführerin der Krisenreaktionskräfte bekannt, die hauptsächlich bei Naturkatastrophen, aber auch in militärischen Konflikten eingesetzt wird. Hi no Hana, die Feuerblüte, wie sie von den Nihon-Leuten ehrfurchtsvoll genannt wird, kämpft hier nicht nur für die Nihon-Flotte, nicht nur für die Stadtbevölkerung Rios. In erster Linie steht sie hier für ihren Gott Ausyl. Und das ist sehr schlecht für ihre Gegner."
***
Die Landung in Rio de Janeiro schien ein Signal gewesen zu sein, ein Signal für die offene Eskalation der Kämpfe zwischen den Clans, aber auch zwischen ihren Gläubigen. Für den Clan des Wassers bedeutete dies in Amerika, dass er nun eingeschlossen war. Von Süden drängte das Feuer heran, von Norden die Luft. Noch hatte es die Luft nicht gewagt, in die Staaten der Isthmus-Koalition einzudringen, die Länder der Maya-Koalition waren bisher nicht penetriert worden. Aber die südlichen Gebiete von Kanalland, jener vom Wasser kontrollierten Zone in Mittelamerika, war bereits bis auf eine Distanz von dreißig Kilometern von Streitkräften Südamerikas erobert worden. Und sie trieben zehntausende Flüchtlinge vor sich her. Für diese Menschen bestand die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wählten sie die Pest, und damit den Süden, liefen sie Gefahr, unter die Herrschaft des Feuerclans zu geraten. Wählten sie die Cholera und setzten über den Kanal, war es das Gleiche mit dem Luftclan.
Und dazwischen? Da gab es nur die Krätze zu finden, den Clan des Wassers, der seine teuerste und wichtigste Investition in Amerika verteidigte. Für Naturreligionen, für Toleranz oder freie Religionswahl war da nur noch wenig Platz, wenn überhaupt.
Die Optimisten mochten darauf verweisen, dass der Wasserclan trotz seiner über einhundertjährigen Präsenz in der Isthmus-Koalition nie gewaltsam missioniert hatte, aber die Pessimisten sahen sehr wohl, dass der Clan des Wassers in nächster Zeit eine Menge Odem brauchen würde, um den Kanal halten zu können, wenigstens für einige Zeit. Sechzig Jahre, nachdem der Isthmus-Kanal erbaut worden war, hatten Feuer und Luft im Gegenzug um Enklaven in Asien gekämpft und gewonnen. Die wichtigen Nihon-Inseln waren dabei verloren gegangen, und mit ihnen eine Bevölkerung von achtzig Millionen Menschen, die nun nicht mehr dem Wasser-Clan, sondern dem Feuer ihren Odem spendeten. Also stand zu befürchten, dass die Wassergötter, so sie denn die erste Attacke überleben würden, mit einer radikalen Missionierung dessen, was von der Isthmus-Koalition danach noch übrig war, versuchen würden ihren Besitz in Amerika zu verteidigen. Und niemand war so verwegen anzunehmen, dass es ein friedliches Ende dieser Krise geben würde. Der Krieg zwischen Wasser und Feuer machte Odem notwendig, viel Odem. Darüber hinaus war das Feuer noch nie sehr zimperlich dabei gewesen, wenn es darum gegangen war, missmutige Menschen dazu zu bringen, den Feuergöttern Odem zu spenden, was der Wasser-Clan bisher noch nicht getan hatte. Doch es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch das Wasser zu diesen Methoden griff. Zumindest, wenn der Wasser-Clan überleben wollte.
Und bis dahin zog ein nicht enden wollender Strom an Flüchtlingen nach Norden, der aus dem potentiellen Kampfgebiet im Süden des Kanals evakuiert werden musste, ob die Fliehenden wollten oder nicht. Niemand wagte es sich vorzustellen, wie sich ein Überraschungsangriff des Feuers auswirken würde, wenn die Straßen nach Norden und die Fähren über den Kanal vor Flüchtlingen wimmelten und leichte Ziele bieten würden.
Der einzige Faktor, der in diesem Tohuwabohu so etwas wie Stabilität auch nur ansatzweise versprach, das war die Anwesenheit von HELIOS. Die neutrale Polizeistreitmacht für Gesegneten-, und Götterdelikte hatte fast ihren gesamten noch existierenden Südamerika-Kader hier versammelt, immerhin über eintausend Männer und Frauen. Diese Streitmacht, die die Evakuierungen begleitete und den Rückzug der Zivilisten deckte, bewies, dass ein HELIOS-Agent nicht so leicht zu töten war, auch wenn ein Gott es selbst versuchte. Denn die Einheiten, die sich im Lauf der vergangenen Woche am Isthmus eingefunden hatten, entsprachen in etwa zwei Drittel aller aktiven Agenten Südamerikas. Es war nicht ausgeschlossen, dass noch mehr nachkommen würden. Oder dass sie sich auf dem riesigen Kontinent verborgen hielten, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, zu dem sie die mittlerweile Dutzenden internationalen Haftbefehle gegen führende Götter des Feuer-Clans vollstrecken würden. HELIOS mauserte sich mehr und mehr zu einem Faktor der Stabilität in diesem Chaos.

Diese und andere Gedanken gingen Sarputa durch den Kopf. Der Gott des Wassers, der seine Anhänger vor allem auf dem indischen Subkontinent hatte, wo sie ihm prächtige Tempelanlagen erbaut hatten, galt als Agrinals Krisenmanager, und als unbedingt loyal, wie es sich für einen kleinen Bruder gehörte. Niemanden wurmte die Unruhe im Clan mehr als ihn, und hätte Agrinal es ihm gestattet, wäre er zusammen mit Tiatajin, der Waffenmeisterin des Wassers, radikal gegen die subversiven Strömungen im Clan vorgegangen. Warum sie es ihm nicht erlaubt hatte, war ihm schleierhaft. Es konnte kurzfristig in eine Revolution führen, und dies in einer Zeit, in der der Zusammenhalt des Clans das Einzige war, was sie vor der Unterwerfung durch das Feuer retten konnte. Andererseits hatte sie wohl Recht, dass man die sesessionistischen Wasser-Götter und ihre Gesegneten besser benutzte, als sie zu vernichten. Dementsprechend hätte er gerne ein paar Hundert von ihnen hier am Kanal gehabt, statt seine loyalen Gefolgsleute. Um die anderen wäre es ihm nicht Schade gewesen. Um jeden seiner Gesegneten, der vielleicht in den kommenden Kämpfen sterben würde, hingegen schon. Andererseits würde er sich auf seine Gefolgsleute verlassen können, selbst in den schlimmsten Kämpfen, auf die Quengler und und Sesessionisten wohl eher nicht.
"Da hinten kommt das Erste, mein Gott", sagte Pahual Tuaxata, sein oberster Gesegneter in der Kanalzone, und außerdem Anführer der konventionellen militärischen Streitkräfte des Wassers, die den Kanal beschützten. Er deutete mit seinem Fernglas nach Süden den Kanal hinab. Dort, fast über zehn Kilometer entfernt und durch acht Schleusenstufen getrennt, kletterte ein gigantischer Schatten, vom Pazifik kommend, die Wasserstraße entlang.
Natürlich hätte Tuaxata als Gesegneter kein Fernglas gebraucht, und natürlich brauchte der Gott es auch nicht. Aber ein Fernglas war ein gutes Symbol für einen Anführer, deshalb benutzte er es gerne.
Sarputa erinnerte sich gerne an einen seiner gälischen Gesegneten, der ebenfalls Soldat geworden war, und vor vierzig Jahren im Konflikt um die jetzigen Feuer-Enklaven gekämpft hatte. Er hatte immer einen Regenschirm bei sich getragen, weil er gemeint hatte, dass Soldaten des Feuers ja bekanntermaßen nie Regenschirme bei sich hatten. Er war in dem Konflikt gestorben, in Erfüllung seiner Pflicht. Und genau so würde auch Sarputa hier und heute seine Pflicht tun, ebenso wie Tuaxata. Oder wie die Besatzung des gewaltigen Kriegsschiffs, das sich gerade anschickte, den Kanal zu passieren, und eine taktische Position Richtung Karibikküste auf dem Kanal einzunehmen, um seine Artillerie und Flugabwehr in diesem Konflikt einzubringen. Dank der überlegenen Fähigkeiten der Wassergötter, ein Kanal-, und Schleusensystem betreffend, würde es keine Stunde dauern, bis das Kriegsschiff sein Einsatzgebiet auf dem großen Binnengewässer Lago Gatun erreicht haben würde, der dem Hochseeschiff und seinen Begleitern wenigstens genügend Manövrierspielraum geben würde, sodass es seine Artillerie flexibel einsetzen konnte, ohne selbst zum leichten Ziel zu werden. Vom Lago Gatun aus konnte die Schiffsartillerie des Giganten und seiner Begleiter jeden Punkt des Kanals abdecken; den Rest würden Fregatten und Korvetten übernehmen, die auf den verschiedenen Abschnitten des Kanals patrouillieren würden. Aber auch sie konnten mit Hilfe der Wasser-Gesegneten ungeheuer schnell den Kanal hinauf oder hinab verlegt werden, was einen enormen taktischen Vorteil bedeutete. Sarputa hoffte, dass es die schwachen Streitkräfte unter seinem Kommando begünstigte. Und, dass er nicht allzu bald an zwei Fronten würde kämpfen müssen.
Auf die gleiche Weise, mit Hilfe der Kraft der Wassergesegneten, hatten sie auch vor drei Tagen die Nihon-Flotte durchgeschleust, zudem unter größter Geheimhaltung. Nur eine Handvoll Gesegneter hatte überhaupt geahnt, dass die Mannschaften und Offiziere Ausyl ergeben waren. Für alle anderen war es die letzte friedliche Handlung für den Feuerclan gewesen, bevor der offene Konflikt ausbrach - was er auch getan hatte.
Sarputa nickte und strengte seine göttlichen Augen an, um den Schiffsnamen unter dem Abzeichen des Wasserclans zu erkennen. "Die Shui Lóng. Wenn Schwester etwas in die Wege leitet, dann kleckert sie nicht, sie klotzt."
"Shui Lóng?", fragte Tuaxata.
Sarputa lächelte verschmitzt. "Hier ist das Schiff wohl eher unter seinem übersetzten Namen bekannt: Wasserdrache. Dies ist das Schiff, das alleine die Landung der Streitkräfte der Luft im Hafen von Binhai verhindert hat, keine einhundert Kilometer von den Ausläufern der Hauptstadt Beijing entfernt."
"Ich kenne die Geschichte vom heldenhaften Wasserdrachen, der mit Zähnen und Klauen um sich geschlagen hat und zehn Schiffe versenkt hat, bevor er selbst auf den Grund des Meeres sank. Ein Zeichen absoluter Selbstaufgabe und des Heldentums. Ist dies das gleiche Schiff?"
Sarputa nickte erneut. "Wir haben es gehoben, repariert, auf den neuesten technischen Stand gebracht, und aus den Überlebenden des Kampfes oder ihren Nachkommen eine neue Mannschaft aufgestellt. Es wird unser Symbol dafür sein, dass wir den Kanal nicht aufgeben werden. Wir haben zuviel hergegeben, um jetzt hier auf dem Isthmus zu stehen."
Tuaxata nickte verstehend. "Keine Sorge, wir werden standhalten. Acht Kreuzer und Schlachtschiffe im Lago Gatun, dazu zwanzig Fregatten und Korvetten auf dem Kanal, unsere Luftstreitkräfte in Form von zwei Geschwadern Kampfjets und einem Geschwader Bodenkampfhubschrauber, fünf Bataillone regulärer Bodentruppen, neunzehn Götter und zweihundert Gesegnete, und vergessen wir nicht HELIOS, da die Organisation beim Schutz des Kanals bedingungslos mit uns zusammen arbeiten will."
"Ja, das sind gute Zahlen. Aber werden sie reichen? Mit welcher Flut wird das Feuer kommen? Und wann mischt sich die Luft von Norden kommend ein?"
Pahual Tuaxata legte seinem Gott eine Hand auf die rechte Schulter. "Wir werden sehen, was passiert. Und vergiss nicht, wir haben jetzt Ausyl auf unserer Seite. Wenn der Mann, der die Nihon-Inseln genommen hat, mit uns kämpft, wenngleich an einer anderen Front, was soll da noch passieren?"
Sarputa lachte. "Ja, ich habe ihn lieber für als gegen mich. Vielleicht gelingt uns ja das Wunder." Er schmunzelte noch immer, während er nach Osten sah. Doch nicht mehr lange.  "Er hat aufgehört."
"Wer hat aufgehört, mein Gott?"
Sarputa deutete die große Schnellstraße hinab. "Der Strom der Flüchtlinge. Er hat aufgehört, wie als wenn er abgeschnitten worden wäre."
Tuaxata nahm sein Fernglas zu Hilfe. "Ich schätze, das ist eine gute Zeit, um Großalarm auszulösen, mein Gott."
Der Kampf war zum Greifen nahe.
3.
Istar wäre der Erste gewesen, der es zugegeben hätte: Die Audienz bei seiner Herrin Naharet hatte ihn nachhaltig verwirrt. Er hatte keines der Worte erwartet, die gesprochen worden waren. Weder, dass sie ihn fünf Tage vor Ablauf seiner Schuld freigeben würde, noch, dass er einer Gruppe Unbekannter helfen sollte. Was bedeutete das für ihn, abgesehen davon, dass er das ruhige, sichere Leben in Naharets Hospital aufgeben musste? Einen Schritt ins vollkommen Unbekannte. Ein wenig fühlte er sich wie damals, als er das erste Mal Ar Ashir betreten hatte. Wobei "betreten" eine schamlose Übertreibung gewesen war, denn man hatte ihn gefahren. Damals war er mehr tot als lebendig gewesen, und nur die Pflege durch das Hospital, die über ein Jahr angedauert hatte, war seine Lebensretterin gewesen. Naharet war seine Lebensretterin gewesen. Sie hatte seine erbärmlichen Reste in der Wüste gefunden, ihm das letzte Fitzelchen Leben bewahrt, und anschließend jeden einzelnen Tag in dieser Zeit sein Krankenlager aufgesucht, um seine Fortschritte bei der Heilung zu begutachten. Auch mit ihrem eigenen Odem hatte sie für ihn gearbeitet, und stets ein paar fröhliche Worte für ihn gehabt. Später, als er wieder hatte sprechen können, hatten sie sich so lange unterhalten, wie ihre Zeit es zugelassen hatte. Denn sie war eine viel beschäftigte Frau, eine Clansführerin sogar, die in Ar Ashir ein nicht unbeträchtlicher Machtfaktor war. Ein Großteil dieser Macht kam ironischerweise aus ihrer Barmherzigkeit. Dadurch, dass sie jeden rettete, der noch zu retten war, ihn ins Hospital aufnahm und dort heilte, flossen von denen, die es hatten, beträchtliche Summen für ihre Dienste, und von jenen, die nichts mehr hatten, floss eine große Menge Arbeitskraft. So wie bei ihm selbst, der achtunddreißig Jahre verpflichtet worden war, um seine Lebensschuld bei seiner Herrin Naharet abzutragen.
Zu sagen, dass ihn der absehbare, und dann doch viel zu abrupte Wechsel in seinem Leben überfahren hatte, wäre nicht übertrieben gewesen. Zu sagen, dass die Aufgabe, die er für Naharet erfüllen würde, auch wenn er eigentlich frei war zu tun, was immer er wollte, zumindest einschätzen könnte, wäre vollkommen übertrieben gewesen. Zu vage waren ihre Hinweise, zu inhaltslos ihre Worte, die Fremden betreffend.
Natürlich hätte er den Markt betreten können, dort die Händler befragen, und die neuen Stände abklappern, die von den frisch eingetroffenen Karawanen eröffnet worden waren. Oder er hätte die Gaststätten und Karawansereien in den neun Stadtteilen Ar Ashirs besuchen können, um dort nach den Fremden zu suchen. Schließlich aber hatte er sich für den erfolgversprechendsten Weg entschlossen. Er hatte sich den Rastplätzen der Mokar zugewandt, mit denen auch heutzutage noch die meisten Karawanen reisten, auch wenn sich die schnelleren Kamele und Pferde langsam aber sicher durchsetzen würden. Allerdings waren diese Karawanen, und vor allem jene, die mit Karren und Sandschlitten arbeiteten, wesentlich anfälliger für Überfälle, von denen es in letzter Zeit wieder viel zu viele gab. Aber das war eine andere Geschichte für eine andere Zeit. Eventuell hatte er die Gelegenheit, den Wegelagerern eines Tages gegenüber zu treten, und ihnen für die Art ihres Lebenserwerbs tüchtig die Leviten zu lesen. Eventuell aber auch nicht. In jedem Fall setzte er diesen Wunsch auf seine Liste der Dinge, die er noch zu erledigen gedachte.

Nun stand er am südlichen Rastplatz der Mokar, einer weiten Schlucht, die von zwei Hügelwülsten eingerahmt wurde. Geologische Untersuchungen besagten, dass die Schlucht vom Wahir getrieben worden war, in einem Zeitraum von dreitausend Jahren seit Erschaffung der Mittleren Ebene, bevor der mächtige Fluss sich ein leichteres Bett im Norden der Hügel gesucht hatte. Dies bedeutete, dass der Kern der Hügel aus weichem Gestein wie Kalk und Bims bestand, die Sohle aber aus belastbarem Ton und Granit. Ideale Voraussetzungen für die mächtigen Giganten, um einen sicheren Rastplatz zu haben. Eigentlich eine interessante Geschichte. Gerade für ihn. Er mochte die Wissenschaft sehr gerne.
Nachdenklich musterte er die vielen Mokars, die hier standen. Sie waren alle unterschiedlichen Alters und Geschlechts, hatten unterschiedliche Größen, je nachdem wie viel Nahrung sie in ihrem Leben erhalten hatten, und wie oft sie sich hatten paaren können. Es gab kleine, junge Mokars, die lediglich Platz für ein Dutzend Baldachine und ein Warenzelt boten, und es gab Giganten, auf denen bis zu zwanzig Zelte standen, genug für einen ganzen Stamm, der auf Reisen war. Es waren über dreißig, und wie immer versetzte ihn der schiere Anblick der Giganten in eine merkwürdige nostalgische Stimmung. Er war noch nie auf einer Mokar gereist, seit er in Ar Ashir war, aber irgendwie waren die Giganten ihm vertraut, so vertraut. Ob er mit den Mokar zu tun gehabt hatte, bevor Naharet ihn gefunden hatte? Er wusste nichts über die Zeit davor, rein gar nichts. Naharet hatte auf seine Fragen diesbezüglich einmal gesagt, dass es so womöglich besser sei, und dass er sich erinnern würde, sobald es ihm nützlich war. Diese kryptische Antwort hatte ihn nicht zufriedengestellt, und seine Vergangenheit zu finden stand auf seiner Liste der Dinge, die noch zu erledigen waren, ganz weit oben.
Interessiert beobachtete er einen Erdgott dabei, wie er die Tagesnotdurft eines mittleren Mokars, der gerade eingestellt worden war, in einer Erdmulde auffing, und in Urin und Kot separierte. Beides waren wertvolle Handelsgüter. Der Urin ging an die Gerber, Färber, Chemiker und Kosmetiker, und der Kot teilte sich unter den Webern, den Brennstoffverkäufern und den Gärtnern auf. Und das waren nur die alltäglichen Produkte, die eine eingestellte Mokar lieferte. Manchmal, wenn Schildwechsel war, und eine Mokar ihren alten Schild abstieß, um einen neuen reifen zu lassen, bedeutete dies Horn und Schildplatt für ein ganzes Jahr für Ar Ashir. Ähnlich war es, wenn sich eine Mokar häutete. Die Lederer waren es dann auch, die mindestens einmal täglich über den Rastplatz schlenderten, um abschätzen zu können, welche Mokar wohl in absehbarer Zeit ihre wertvolle Haut abstoßen würde.
Und starb eine Mokar... Nun, die Mokar an sich hatten keine Verwendung für einen toten Leib. Hatte das Leben die Kreatur verlassen, war sie nach einer kurzen Zeit der Trauer für ihre Artgenossen nichts anderes als ein Hügel in der Landschaft. Eine tote Mokar war ebenfalls ein Segen für die Industrie. Knochen, Sehnen, Organe, Fleisch, und vieles mehr waren verwertbar - wenngleich auch nicht essbar, denn sonst hätten die Bewohner der Mittleren Ebene die Mokar sicherlich längst ausgerottet. So eignete sich das Fleisch nur zum Tran kochen.
Tja, und in dem Gewirr von über dreißig Karawanen sollte er nun seine Fremden finden. Er fragte sich, wie er das tun sollte, ohne jeden weiteren Hinweis. Aber aufgeben war auch keine Option, weshalb er angestrengt nach Anzeichen für besondere Fremde Ausschau hielt.

Hinter ihm erklang ein merkwürdiger Glockenton, der ihn zusammenzucken ließ.
"Aus dem Weg!", rief eine Männerstimme hinter ihm. Automatisch trat Istar einen Schritt zur Seite. An ihm glitt ein Karren vorbei. Nun, Karren, zumindest hatte das Gefährt Räder, eines vorne und eines hinten. Verbunden waren sie durch ein Metallgestänge, und auf dem Gestänge saß ein Mann, der zu laufen schien, während er auf den Rädern saß. Fröhlich zog er seine Kreise, und betätigte immer wieder die kleine Glocke an der Querstange vorne, wann immer ihm jemand in den Weg zu laufen drohte. Dieser merkwürdige Anblick weckte in Istar flammendes Interesse. Er ging dem Mann mit der schmalen Kutsche nach.
Der große dicke Bursche hielt unter einer der größten Mokars, die Istar je gesehen hatte. Fröhlich rief er hinauf: "Na, was habe ich gesagt? Um so ein dämliches Fahrrad zu flicken, brauchen wir Mako-chan nicht!"
Eine junge schwarzhaarige Frau sah zu dem Dicken herab. Sie grinste ihn an. "Na, dann kannst du dich ja gleich daranmachen und das zweite Fahrrad reparieren, Markus."
"Gnade, Katy. Gewähre dem armen Sklaven hier doch bitte eine Pause", scherzte der Dicke.
Das Gesicht der jungen Frau verdüsterte sich ein wenig, als das Wort Sklave fiel. "Mit so etwas scherzt man nicht. Komm hoch und bring das Rad mit. Wir müssen immer noch die Abstellkammer leer kriegen."
"Ist gut." Der dicke Mann namens Markus stieg ab, griff an die obere Längsstange und legte sich das Gebilde, das Fahrrad, auf die Schulter, bevor er der Mokar, die gerade mit sichtlichem Vergnügen ihre Mahlzeit mampfte, auf das linke Vorderbein, und von dort direkt auf den Schild der Mokar sprang.
Istar erschrak nicht schlecht, als er sah, was die Mokar auf dem Schild transportierte: Es war ein zweistöckiges steinernes Haus auf einer Erdscholle. Und am Rand des Schildes stapelten sich einige exotische Waren, die Istar so noch nicht gesehen hatte. Die Früchte, die er riechen konnte, hatte er auch noch nie gerochen. Er war sich sicher, der Marktstand dieser Fremden konnte eine Sensation werden, wenn man die Geschichte richtig aufzog. Und mit man meinte er sich selbst.
"Verzeihung!", rief er Markus hinterher. "Könnt Ihr Hilfe brauchen? Wenn Ihr euren Marktstand aufbaut, könnten euch ein paar Tipps vielleicht nützlich sein!"
Markus hielt inne und betrachtete den Mann unter sich. "Und diese Tipps kommen von wem?"
Istar machte eine respektvolle Verbeugung. "Mein Name ist Istar von den fernen Wüsten, bis zum heutigen Tage in Lebensschuld von Naharet, der Mächtigen, und deshalb auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen, die mein Leben bereichern."
"Und vielleicht dem einen oder anderen Geldstück?", fragte Markus grinsend.
Istar erwiderte das Grinsen. "Nun, es wäre doch sicher nicht zuviel verlangt, meine Anleitungen zu entlohnen, wenn sich der eine oder andere meiner Tipps sich als nützlich erweisen sollte. Angemessen, selbstverständlich."
"Selbstverständlich", echote Markus.
Istar fühlte sich eingehend gemustert. Irgendetwas an ihm schien dem Dicken zu gefallen. Vielleicht der Umstand, dass sie beide eine ähnliche kurzärmlige Oberbekleidung trugen, entgegen der bodenlangen Kaftane, die hier dominierten, vielleicht auch die derbe Schnürhose. Vielleicht war es aber auch der Umstand, dass sie beide Dämonen waren.
"Komm rauf, Istar. Wir wollen darüber reden."
"Du wirst es nicht bereuen", versprach der Dämon enthusiastisch, und eilte in zwei Sätzen auf den Rücken der Mokar.
***
Etwa eine dreiviertel Stunde später schien Istar vom ganzen Haus - sie nannten es Villa - akzeptiert worden zu sein. Vor allem, weil er sich furchtlos in jenen Raum getraut hatte, den die Bewohner die Abstellkammer nannten. Allerdings hatte der Raum rein gar nichts mit dem zu tun, was Istar selbst von der unaufgeräumtesten Abstellkammer gewohnt war. Diese Abstellkammer glich mehr einem Fallengespickten Labyrinth, in dem man ohne Seilsicherung und ein paar Tapfere, die einem zu Hilfe zu springen bereit waren, so gut wie verloren war. Aber die Beute hatte sich gelohnt, und seine Arbeit hatte weitere wundersame Artefakte zutage gefördert.
Gemeinsam mit Markus und Freya, der blonden Wassergesegneten, taxierte Istar nun die Schätze, die für den Basar bestimmt waren. Es war viel Tand dabei, buntes, wertloses Zeug. Und genau deshalb würde es sich am besten verkaufen. Nur den richtigen Preis zu finden war noch das Problem. Man startete auf dem Markt mit einem hohen Preis, und ließ sich herunter handeln. Allerdings durfte man den Preis nicht zu hoch machen, sonst blieben die Käufer aus. Setzte man zu niedrig an, schenkte man baren Verdienst dahin.
"Und wie nennt Ihr das?", fragte Istar, während er mit beiden Händen über ein Stück ausgerolltes, lederartiges Bodenmaterial ging.
"Das ist ein Vinylboden", erklärte Freya. "Es ist ein synthetisches Produkt. Gibt es bei uns quasi an jeder Ecke und in jedem Haushalt." Sie musterte den braunen Boden, der ein Schifferparkett imitierte, abschätzig. "Und dieser hier ist auch noch abgegriffen und dreckig. Ich schätze, der war im Fernsehsaal ausgelegt, bevor eine unserer Vorgängergruppen dort wieder Teppich verlegen wollte."
"Dennoch ist es ein Material, wie wir es in Ar Ashir nicht kennen." Erneut strich er über das blanke Material. Beinahe konnte er nicht glauben, dass es nicht gewachst war, um so glatt zu werden. Oder dass er sich keine Splitter an den Erhebungen einzog. "Ich denke, wir können das hier für einen guten Preis verkaufen."
"Zusammen mit dem hier", sagte Katy, die schwarzhaarige Menschenfrau, die ihm schon vor der Mokar aufgefallen war. Sie hielt ihm einen zylindrischen Behälter hin, der mit einem silbernen Deckel verschlossen war.
"Und das ist?"
"Das ist der Klebstoff, mit dem man den Vinylboden festkleben kann. Dadurch wird er glatt und wellt sich an den Rändern nicht. Er verrutscht dann auch nicht mehr.
"Oje", murmelte der Dämon. "Das bedeutet, dass wir den Boden am Besten in einem Stück verkaufen sollten. Gibt es noch mehr hiervon? Kleinere Stücke? Reste? Irgend etwas, womit wir das große Stück bewerben können?"
"Ja, an Resten ist einiges vorhanden. Die stehen sogar relativ nahe an der Tür. Norton, wenn du so gut wärst?", fragte sie liebenswürdig.
Norton, der zweite Dämon im Haus, musterte sie misstrauisch, machte sich aber auf, um die anderen Stücke zu suchen. Tatsächlich kam er bald und unverletzt mit zwei kleineren Rollen zurück. "Sehr gut. Die kleinen Stücke nehmen wir zum Anködern. Und das große Stück wird auf einen Schlag verkauft", murmelte Istar zufrieden.
Sein Blick ging zum Gold und zum Schmuck. "Gold verkaufen zu wollen ist natürlich keine gute Idee. Es wird gewogen und als Zahlungsmittel akzeptiert, überall auf der Mittleren Ebene. Den Schmuck kann man natürlich verkaufen, und er wird mehr Geld bringen, als das Material wert ist, aber ich denke nicht, dass das notwendig sein wird." Sein Blick ging zu Katy und Freya. "Behaltet den Schmuck, zumindest bis Ihr in eine wirkliche Notlage geratet. Bis dahin solltet Ihr ihn anlegen. Schmuck ist ein wichtiges Statussymbol in Ar Ashir. Nur die Mächtigsten brauchen keinen Körperschmuck, weil sie so bekannt sind, das jeder sie erkennt. Alle anderen müssen mit Schmuck deutlich machen, über welche finanziellen Quellen sie verfügen. Je mehr Schmuck eine Frau trägt, desto seltener wird an sie propagiert." Istar zwinkerte den beiden Mädchen zu.
"Propagiert?", fragte Katy neugierig.
"Mensch, seit wann bist du denn so langsam?", fragte Freya, und blies sich eine Strähne ihres goldenen Haares aus der Stirn. "Je mehr Schmuck du trägst, desto weniger Leute sehen dich als leichte Beute. Desto seltener wirst du angebaggert."
"Oh. Angebaggert. Das habe ich verstanden." Ein unglückliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
"So, fertig!", klang die Stimme von der ältesten Menschenfrau unter den Hausbewohnern auf, obwohl sich Istar redlich hütete, sie auch nur gedanklich mit dem Wort alt in Verbindung zu bringen.
Natalia kam aus dem Fernsehzimmer, in den Händen etliche Bänder, an denen Dutzendfach die Silberscheiben mit der Regenbogenstrahlendenden Fläche hingen. Sie hatten vor, die Scheiben-Mobile als Zimmerschmuck zu verkaufen, und Istar prophezeite dem Produkt eine große Zukunft.
Zusammen mit den Fahrrädern, den Metallen, vor allem Eisen und Kupfer, weiteren Bodenbelägen wie Teppichen, dem Vinylboden und einigen einfach nur skurrilen Artefakten, versprach das ein spannender Markttag zu werden. Nur leider nicht mehr heute. Der Stand der Helligkeit bewies, dass sie bis zum nächsten Morgen würden warten müssen, wenn der Markt wieder eröffnete.
"Ich denke", sagte er und betrachtete eines der Mobiles, "morgen werden wir Ar Ashir auf den Kopf stellen."
"Morgen? Aber warum denn morgen erst?", murrte Katy. "Ich würde viel lieber heute schon verkaufen gehen."
"Weil heute keiner mehr auf dem Markt sein wird, um dir etwas abzukaufen, meine Schöne", erklärte Istar lächelnd.
"Oh. Gut, das sehe ich ein."
"Da es das nun mit den Vorbereitungen gewesen ist", begann Istar und deutete seine höfliche Verbeugung an, "werde ich mich wieder zurückziehen. Ich werde morgen vor der Marktzeit wiederkehren und euch helfen, die Waren in die Stadt zu schaffen. Und ach ja, vergesst nicht, die Waren, die draußen liegen, besser zu bewachen. Nirgends sind die Diebe ehrlicher als in Ar Ashir, aber sie sind auch zahlreich und schlau. Das Beste wäre, alles hinein zu schaffen."
"Nicht nötig", sagte ein Mann, der direkt hinter Istar zu entstehen schien.
Erschrocken fuhr der Dämon zusammen. Deutlich spürte er eine Präsenz von Luft-Aura. Ein Luftgesegneter?
"Ach ja. Für die Sicherheit wird unser Sean sorgen. Als Luftgesegneter überwacht er die nähere Umgebung der Mokar perfekt", erklärte Markus. "Allerdings, alter Freund, solltest du dir endlich abgewöhnen, so dramatische Auftritte hinzulegen. Der arme Istar hätte ja beinahe einen Herzinfarkt erlitten."
Sean grinste burschikos. "Du wirst mir doch nicht meinen einzigen Spaß im Leben verbieten wollen, Markus?"
"Spaß haben sicher nicht, unsere Gäste erschrecken schon. Wer von uns beiden ist hier eigentlich der Dämon?"
"Na, dann ist die Ware ja sicher", sagte Istar, um die beiden zu erinnern, das er noch immer da war. "Ich für meinen Teil werde dann mal..."
In diesem Moment steckte Anselm, der Koch der Hausbewohner, seinen Kopf aus der Küche heraus. Der riesige Mann sah fröhlich zu ihm herüber. "Du bleibst doch noch zum Essen, Istar? Ich weiß, ich bin etwas spät dran, weil ich zu lange geschlafen habe, aber dank meiner eifrigen Helfer hier hole ich das wieder auf." Er runzelte die Stirn. "Arnim, mach die Pfanne nicht zu heiß. Wenn sie anfängt zu glühen, war es zuviel."
"Ja, ja, ja, Schamane. Ich dachte ja nur, weil es so rum schneller geht", antwortete der Feuergesegnete der Runde in ärgerlichem Ton. Kochen mochte er schon mal gar nicht.
"Außerdem verbrennen die Zutaten zu schnell", klang eine weitere tadelnde Stimme auf. Sie gehörte Yoshi, wie Istar wusste. Damit hatte er alle Hausbewohner, die anwesend waren, kennengelernt.
"Ich bin eben mehr fürs Einheizen geeignet, nicht so sehr fürs Kochen. Und mit einheizen meine ich Gegnern einheizen, nur um das klar zu stellen", murrte der Feuergesegnete.
"Mecker nicht. Jeder hat mal Küchendienst", sagte Anselm, bevor er sich wieder dem Dämon zuwandte. "Also, du bleibst noch zum Essen, oder?"
Istar sah ins Rund. Gemeinsam mit dem Gast essen gehörte zum guten Ton in Ar Ashir, ebenso wie die Gastfreundschaft. Aber da diese Gruppe mit ihrem Haus von weit weg gekommen war, hatte er beschlossen, die hiesigen Gastregeln nicht automatisch zu erwarten. Umso mehr freute er sich über die Einladung, sowie die fröhlichen Mienen, die ihn darin bestärkten, willkommen zu sein.
"Ich nehme die Einladung gerne an, Anselm."
"Sehr schön. Setzt euch schon mal, es dauert nicht mehr lange!"
Diese Aufforderung ließen sie sich nicht zweimal geben. Lachend und schwatzend gingen die Hausbewohner in den Fernsehraum, wie sie den Saal nannten, in dem gegessen wurde.
Istar war zufrieden und freute sich auf die morgige Aufgabe. Nur tief in ihm drin pochte zögerlich der Gedanke, dass er ja eigentlich in diesem Moment die Fremden suchen sollte, denen er helfen sollte.



4.
Mit großen Augen betraten die fünf Freunde Ar Ashir das erste Mal. Man mochte meinen, eine Stadt diesen Namens, dazu am Rande einer Wüste gelegen, hätte einiges an orientalischen Klischees zu bieten. Allerdings hätten orientalische Klischees nicht dazu ausgereicht zu beschreiben, was sie unter Corals Führung zu sehen bekamen. Der große Dämon, noch immer beglückt vom CD-Mobile, das Mako-kun ihm geschenkt hatte, war gerne bereit gewesen, einen kleinen Umweg auf dem Weg zu Naharets Hospital zu machen, um ihnen den spätnachmittaglichen Bazar zu zeigen.
Und so waren sie für etwa eine halbe Stunde über dieses Wunderland gelaufen, wo es noch weit bizarrere Dinge zu erwerben gab als beispielsweise ihre Fahrräder oder den großen alten Bühnenvorhang vom Dachboden. Sicherheitshalber merkte sich Ralf die Preise für einige ähnliche Dinge. "Es gibt hier keinen Sklavenmarkt?", fragte er schließlich den großen Dämon.
"Sklavenmarkt?", echote Coral. "Wieso sollte es so etwas in Ar Ashir geben? Sicher, in den unzivilisierten Zonen von Camuir und Letava soll es Städte geben, die diese Unsitte tatsächlich pflegen. Aber hier in Ar Ashir, in der Wiege der Moderne doch nicht."
"Ich frage ja auch nur, weil du gesagt hast, du seist ein Sklave von Naharet."
"Ach so, ich verstehe." Der Riese schmunzelte, und trieb mit der Rechten einen Menschen und einen Dämonen auseinander, die ihnen im Wege standen, und währenddessen so sehr miteinander feilschten, dass man meinte, gleich würde es hart auf hart gehen. "Naharet hat mich gerettet", erklärte Coral. "Ich wurde verwundet, war fast verflüchtigt, und sie hat mein Leben gerettet. Sie brachte mich in ihr Hospital und pflegte mich wieder gesund." Er lachte kurz. "Gut, ihre Helfer pflegten mich gesund. Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Jedenfalls konnte ich die Pflege nicht bezahlen, und deshalb wurde ein Preis festgesetzt. Ein Preis in Lebensjahren, währendderer ich dem Hospital zu dienen habe, bis meine Geldschuld beglichen ist. Seither arbeite ich für das Hospital, für Naharet, und für ihr Haus."
"Hm. Wie lang ist deine Schuld?"
Der Riese sah Ralf spöttisch an. "Ich bin ein Dämon, der mehr tot als lebendig war. Es hat Jahre gebraucht, mich gesund zu pflegen. Und diese Schulden werden anteilmäßig daran berechnet, wie lange man normalerweise noch leben würde. Bei mir waren es einhundertachtzehn Jahre. Ich habe noch sechsundsiebzig vor mir." Nachdenklich sah er zu Boden. "Es ist ein gutes Leben im Hospital. Ich beschwere mich nicht."
Dann sah er wieder auf. "Habt Ihr dann genug gesehen? Ich würde meine Herrin ungern länger warten lassen als bisher schon. Und wenn Ihr morgen wirklich einen Verkaufsstand eröffnet, werdet Ihr sicher noch viel mehr zu sehen bekommen."
Ralf nickte. "Du kannst uns jetzt zu Naharet bringen. Wir danken dir, Coral."
Der Dämon schnaubte bestätigend und schritt nun schneller aus.

Jean zupfte Ralf an seinem Hemd. "Hey, Großer. Und ich meine Ralf, nicht das Männchen im Juwel."
"Keine Sorge, Jean. Im Moment bin ich ich", versprach er.
"Das ist gut. Ich habe nämlich eine Frage an dich, Ralf."
Er schmunzelte. "Schieß los, Kleiner."
"Warum hast du mich mitgenommen? Warum Mako-kun? Warum Mako-chan? Warum Klaus?"
Ralf runzelte die Stirn. "Du, das sind sehr gute Fragen. Mako-kun ist dabei, weil jemand ihn als unseren Anführer angegeben hat. Nennen wir den mal unseren ganz persönlichen Schamanen. Davon abgesehen wird uns die Tatsache, dass er die männliche Hälfte von Tremas Kind ist, sicher nützlich sein."
"Das habe ich gehört", murrte der männliche Gott. "Aber da es vollkommen logisch ist, habe ich nichts dagegen einzuwenden."
"Gut. Du bist dabei, weil du ein schlauer Junge bist, ein waches Auge hast und ein offenes Ohr. Ich hoffe, dass du die Dinge sehen wirst, die mir und den anderen nicht auffallen. Gerade weil du von uns am allerwenigsten mit Göttern und Dämonen zu tun gehabt hast."
"Aber hätte Katy nicht den gleichen Zweck erfüllt?", fragte Jean.
"Nein, sie wäre zu auffällig gewesen." Als er das irritierte Blinzeln Jeans sah, fügte er hinzu: "Zu hübsch. Sie hätte sich nie unauffällig im Hintergrund halten und nur beobachten können. Du bist zwar auch ganz niedlich, aber ich habe berechtigte Hoffnung, dass dir die Damenwelt von Ar Ashir nicht einmal ansatzweise hinterher sein wird, wie die Männer es hinter Katy gewesen wären."
"Oh, das verstehe ich. Auch die implizierte Herabwürdigung", sagte das junge Genie verdrossen.
"Und du hast den höheren IQ als sie."
"Als wenn mich das jetzt trösten würde. Weiter. Was ist mit den anderen?"
"Nun, Klaus habe ich mitgenommen, damit sein breites Kreuz uns Diebe und Tagediebe vom Hals hält. Außenwirkung ist manchmal ein gutes Werkzeug", sagte Ralf.
"Ah, verstehe. Schlau gedacht. Und Mako-chan ist dabei, weil sie die weibliche Hälfte von Tremas Kind ist, richtig?"
Ralf grinste. "Auch. Aber ihre Hauptaufgabe ist, uns zu verteidigen. Sie soll das leisten, was Klaus verspricht."
Das brachte dem jungen Mann gleich von beiden Laute des Missmuts ein.
"Macht euch keine Sorgen", sagte Coral mit amüsierter Stimme, was bei einem fast drei Meter großen Dämon nicht leicht zu erkennen war. "Ihr seid mit mir unterwegs, und deshalb steht Ihr unter dem Schutz von Naharet. Es gibt nicht besonders viele Bewohner Ar Ashirs, die sich freiwillig mit ihr anlegen würden. Gut, es kommt vor, dass es trotzdem jemand riskiert, aus Übermut oder Unwissenheit. Aber das ist meistens sehr schnell bereinigt." Der Dämon musterte wie geistesabwesend seine Klauen. "Sehr, sehr schnell bereinigt."
"Ahahaha", machte Ralf. "Ich glaube, wir haben jetzt wirklich genug getrödelt. Morgen ist ja auch noch ein Tag, und wir werden schon genug vom Markt sehen können. Jetzt sollten wir uns beeilen und unsere Gastgeberin treffen. Ich bin sehr gespannt, wie sie uns finden konnte, und was sie von uns will."
"Ja, es ist durchaus eine gute Idee, nicht auf Naharets schlechte Seite zu geraten", murmelte der Dämon, was Ralf einen zusätzlichen Schrecken durch die Glieder fahren ließ.
"Also los, auf zum Hospital."
"Bleibt nur noch eine Frage zu klären", klang Mako-chans Stimme hinter ihm auf.
Ralf wandte sich um. "Und was wäre d... WHOA! Wo hast du den denn her?"
"Den?" Sie deutete auf den Dämon, den sie hinter sich herschleifte. Einen Burschen, der es locker auf zweieinhalb Meter brachte. "Er wollte Mako-kun beklauen. Da habe ich zugegriffen. War das schlecht?"
"Nein, natürlich nicht, aber... Lebt er noch?", fragte Ralf zweifelnd.
"Was denn? Machst du dir um einen diebischen Dämon mehr Sorgen als um deine Göttin?", spöttelte Mako-chan.
"Bei jeder anderen Frau hätte ich Angst um sie. Aber bei dir nicht. Ich weiß, wie stark du bist, mein Schatz. Also, warst du einigermaßen sanft zu ihm?"
"Ich habe mich zumindest bemüht. Ein großartiger Gegner war er jedenfalls nicht." Sie schüttelte den Burschen am Kragen durch. "Nicht, Kleiner?"
Der quittierte die Misshandlung mit einem Schmerzenslaut.
"So, so. Du wolltest also einen Gast von Naharet bestehlen", grollte Coral unheilvoll. Mit wuchtigen Schritten trat er auf den Gefangenen zu.
Als dieser vor Angst zu zittern begann, stellte sich die Göttin mit einem geradezu süßen Lächeln zwischen die beiden. "Verzeih, Coral, aber du wirst dich doch nicht an meinem Sklaven vergreifen wollen, oder?"
"An deinem... Was?"
"An meinem Sklaven. Ist das nicht so üblich bei euch? Er kann sich ja freikaufen für... Wie heißt die hiesige Währung?"
"Gold."
"Oh. Gold. Hm. Für ein Kilo Gold lasse ich ihn gehen." Sie schüttelte den Kragen erneut, und damit den ganzen Dämon. "Hast du ein Kilo Gold?"
"N-nein", kam es zögerlich von dem Dämon. "Natürlich nicht. Sonst müsste ich nicht klauen."
"Also, freikaufen kann er sich nicht. Dann setze ich deine Lebensschuld auf zwei eurer Jahre fest. Oder ist das zu wenig, Coral?"
"Viel zu wenig", erwiderte der riesige Dämon.
"Okay, sagen wir fünf Jahre." Sie ließ den Kragen los. Der Dämon prallte überrascht auf den Boden.
Mit einem Ächzen erhob er sich wieder. "Das war gemein. Hättest du mich nicht vorwarnen können, Herrin?"
Mako-chan starrte den Dämon mit großen Augen an. "Nanu? Ich hätte erwartet, dass du die Biege machst, kaum das ich dich loslasse."
"Oh, ich bin sicher, der Bursche kennt die Strafe für einen Sklaven, der vor seiner Verantwortung flieht", sagte Coral ruhig.
"Tod, Folter und ewige Qualen?", riet Mako-chan.
"Nein, in die Stadtverwaltung schicken wir sie nicht. So grausam sind nicht mal wir. Aber eine lebenslange Verbannung aus der modernsten Stadt oder eine Verdopplung oder gar Verdreifachung der Lebensschuld sind auch nicht ohne." Er wandte sich mit einem wütenden Grunzen dem anderen Dämon zu. "Dein Name!"
"I-illara", stammelte der Dämon.
"Gut. Illara. Du hast die Erdgöttin gehört. Akzeptierst du deine Lebensschuld, Illara?"
"J-ja."
"Dann gratuliere ich dir, Erdgöttin. Du hast deinen ersten eigenen Sklaven. Er wird dir fünf Jahre dienen. Oh, oder vielmehr sie wird dir fünf Jahre dienen."
"Sie?", fragte Ralf irritiert.
"Zeig deine normale Gestalt, Illara", forderte Coral.
Der andere Dämon nickte und begann zu schrumpfen. Zurück blieb eine knapp eins siebzig große schlanke junge Frau mit kurzen, brandroten Haaren und beachtlicher Oberweite. Den knurrenden Magen nicht zu vergessen, der sich so lautstark zu Wort meldete, dass es der jungen Frau schon peinlich war.
"Du hast Hunger, eh?", fragte Makoto mitfühlend. "Nun, da ich jetzt für dich verantwortlich bin... Was kannst du denn hier so als Sattmacher empfehlen, Coral?"
"Es gibt genug zu essen in Naharets Hospital. Sogar für Taugenichtse wie dich", knurrte er in Richtung des Mädchens. Die wich seinem Blick aus, blieb aber standhaft.
"Aber fürs Erste, denke ich, wird ein Brot es tun." Der große Dämon trat an einen Stand und kaufte ein braunes, rundes Brot mit der Form einer Linse. Er reichte es dem dämonischen Mädchen. "Hier, lass es dir schmecken."
Das ließ sich Illara nicht zweimal sagen. Es bedurfte nur einiger kraftvoller Bissen, einem Hustenanfall als sie sich verschluckt hatte, und eines deftigen Rülpsers, den sie peinlich berührt nicht unterdrücken konnte, um das unterarmlange Gebäck auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. "Danke", sagte sie zufrieden.
"Was das Geld für das Brot angeht...", sagte Mako-kun.
"Oh, so viel war es nicht, Makoto Yama", erwiderte Coral. "Zudem schulde ich euch noch ein Gegengeschenk für das hier." Er hielt das Mobile hoch. "Da ist das Brot mehr als billig."
"Dann danken wir dir", sagte Mako-kun.
"Kommt jetzt. In Naharets Palast gibt es noch mehr zu essen für den kleinen Tagedieb."
Zumindest einer in der Runde freute sich über diese Worte sehr.
***
Sie betraten den Palast Naharets nicht über den Umweg über das Hospital. Sie wurden direkt durch das Haupttor gelassen, was an sich schon eine große Ehre war. Anschließend gewährte die Luftgöttin ihnen eine Audienz in ihren persönlichen Gemächern, was eine noch größere Ehre war. Lediglich zwei Göttinen aus ihrem Hof flankierten sie. Sonst waren sie alleine.
"Herrin", begann Coral, "ich bringe dir, wie du gewünscht hast, die fremden Reisenden." Der Riese verneigte sich vor seiner Göttin.
"Es ist gut, Coral. Du kannst dich zurückziehen, bis du die Reisenden zurück bringen sollst." Ihre Stimme war hell und klar, und klang wie gesprochener Samt in den Ohren der Freunde. Sie lächelte gütig. "Ich nehme an, den Dämon habt Ihr hier in Ar Ashir aufgegabelt?"
"Mehr oder weniger", sagte Ralf. "Eine ungeschickte Diebin. Sie hat nun Lebensschuld bei meiner Gefährtin."
"Oh, so ungeschickt ist der Rote Schatten nun doch nicht", sagte die Luftgöttin und erhob sich von ihrem Thron. "Also schmälere nicht den Wert der Tat deiner Gefährtin, Ehrwürdiger. Aber sie muss nicht hier bleiben, während wir reden. Coral."
"Herrin?"
"Nimm sie mit. Lade sie meinetwegen in der Küche ab."
Coral grinste. "Jawohl, Herrin. Komm, Illara. Jetzt kannst du dich mal satt essen."
Die Dämonin wechselte einen flüchtigen Blick mit Mako-chan, bis diese bestätigend nickte, dann folgte sie dem Dämon aus dem kleinen Saal.

Naharet lächelte beiden Begleiterinnen zu, woraufhin diese damit begannen, ihre Luftkräfte zu nutzen, um einen Kokon aus Sturmluft um sich und die fünf Freunde zu weben. Ralf hatte so eine Ahnung, dass das die hiesige Variante einer abhörsicheren Anlage war.
Als die Windgötting zufrieden war, trat sie vor die fünf und verneigte sich. "Es ist lange her, Vater. Und nun finde ich dich in einer äußerst interessanten Gesellschaft wieder. Drei Menschen und zwei Götter. Nein, zwei Menschen, zwei Götter und ein Ehrwürdiger."
Ralf fühlte sich von der Verbeugung, die eindeutig ihm galt, peinlich berührt. "Ich nehme an, du meinst mit Vater das Fragment Inissars, das im Auge implantiert ist, Naharet?"
"Du hast schnell begriffen. Wie nennt man dich?"
"Ich bin Ralf Schneider. Dies sind Mako-kun Yama, Mako-chan Yama, Klaus Fischer und Jean Vaillard."
"Ich freue mich, euch kennenzulernen", sagte die Göttin, und es klang ehrlich. Sie sah Ralf an. "Kannst du es mir zeigen?"
"Natürlich." Er griff sich unter den Kragen und zog Inissars Auge hervor. Es leuchtete und irrlichterte in allen Farben, so als würde ein besonderer Scheinwerfer es anstrahlen.
"Vater...", flüsterte die Göttin zärtlich. "Was ist nur aus dir geworden?"
Aus dem Auge löste sich ein Schemen, der schnell in die Höhe wuchs. Er bildete einen sphärischen, halb durchscheinenden Menschen ab. Nein, vielmehr einen Gott. Den Feuergott Inissar.
"Leider bin ich nicht dein Vater, Kind", sagte das Abbild. "Oder vielmehr, ich bin nicht genug, um dein Vater zu sein, auf den du seit fünftausend Jahren wartest. Als Inissar das Auge erschuf, pflanzte er einen Teil seines Fluidums hinein. Ebenso verfuhr er mit der Fassung für das Auge, dem Stab und der Schlusskappe. Das, was du hier vor dir siehst, Naharet, ist nur ein hundertstel dessen, was deinen Vater ausgemacht hat, bevor seine eigenen Leute ihn getötet haben." Der Schemen schwieg einige Zeit, bevor er leise fortfuhr. "Natürlich bin ich gewachsen in den letzten Jahren, war mir der Wünsche, Hoffnungen und Pläne immer bewusst, die Inissar bewegten, als er das Auge erschuf. Und ich habe auch eine grobe Ahnung davon, was damals passiert ist, als er den Stab hatte benutzen wollen. Aber... Es reicht nicht, um dein Vater zu sein. Ich bin nur ein Fragment."
Trotzig sah die Luftgöttin den Schemen an. "Dennoch bist du ein Fragment meines Vaters!"
"Ja, das ist wohl richtig." Der Schemen streckte die Rechte aus, und versagte beim Versuch, die Frau vor sich zu berühren. Zärtlich sagte er: "Nie hätte ich gedacht, dir jemals wieder so nahe kommen zu können, Tochter. Auch wenn ich als Splitter Inissars nicht das Recht habe, dich so zu nennen."
Die Göttin versuchte, die Hand zu erhaschen, aber es blieb bei einer Ahnung. Tränen standen in ihren Augen. "Was ist passiert, Vater? Was ist damals passiert?"
"Ich weiß es nicht genau. Aber als ich... Als Inissar mit dem Stab unter die Dämonen wandelte, da wollte er... Den Krieg beenden. Und er hätte es geschafft, wenn nicht der Kriegswagen des Feuers den ungeheuren Frevel begangen und ihn getötet hätte. Aber wie genau er das hatte tun wollen, kann ich nicht sagen."
Der Schemen straffte sich. "Aber das ist jetzt auch nicht wichtig, Tochter. Wichtiger ist, dass du verstehst." Und so begann der Schemen Inissars, zu rekapitulieren, was auf der Unteren Ebene vorgegangen war, bevor sie geflohen waren.

"Das klingt nach einer verworrenen Geschichte", sagte die Luftgöttin nachdenklich. "Der Jüngling Kailin hat sich da ein Stück vom Kuchen rausgebissen, das er unmöglich kauen kann."
"Sicherlich. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten", kommentierte Ralf spöttisch. "Die Frage, die sich uns jetzt stellt, ist einfach, was wir tun sollen, bis wir Kailin besiegen können. Bietet die Mittlere Ebene uns Schutz? Sind wir hier sicher? Oder sollten wir besser auf die Untere Ebene zurückkehren?"
"Ich habe euch zu mir geholt, um euch Rat zu geben", sagte Naharet nachdenklich, "und Rat werde ich euch geben. Ihr habt zwei Möglichkeiten, denen Ihr folgen könnt. Die erste Möglichkeit ist, mit Inissars Auge nach Pal Pashem zu reisen, und dort, in Inissars Schmiede, das Auge in die Flammenglut einzutauchen, die es einst erschaffen hat, um all sein magisches Potential zu befreien. Ohne das Auge kann Kailin, wenn ich euch richtig verstanden habe, die Welt nicht mit seinem Potentialfeld unterwerfen."
"Das ist richtig. Aber damit erlischt auch der letzte Funke Inissars, und das ist nicht akzeptabel", wandte Ralf ein.
"Nun, junger Schneider, du wirst im Leben noch oft genug einsehen müssen, dass man manchmal kleinere Dinge opfern muss, um Größeres zu bewirken", spottete der Schemen.
"Dennoch, so weit sind wir noch nicht. Was ist die zweite Möglichkeit?"
Die Luftgöttin schnaubte erleichtert. "Die zweite Möglichkeit ist schwieriger, viel schwieriger. Kailin wird kommen, hierher auf die Mittlere Ebene. Er braucht die Odemverstärkende Kraft vom Auge, und das, bevor sein Gefolge auf der Erde oder auf der Oberen Ebene besiegt wird. Eine Woche ist bereits vergangen. Eine weitere, höchstens zwei, kann er sich noch halten und nach dem Auge suchen, bevor er Zugeständnisse machen muss. Eventuell wird er gar gezwungen sein, Ausyl seinen Thron zu überlassen, was wohl für uns alle das Beste wäre. Aber in dieser Zeit wird er alles tun, was in seiner Macht steht, um das Auge zu bekommen. Deshalb wäre es tatsächlich das Beste, es zu vernichten. Ja, Ralf Schneider, ich weiß, dass du das nicht willst. Darum hier die zweite Möglichkeit." Die Göttin sah ins Rund, jedem einzelnen in die Augen. "Geht nach Bak'marak."
"Bak'marak?", echote Mako-kun. "Da klingelt was bei mir."
"Der Ort der Schlacht", half Mako-chan aus. "Der Ort, an dem die Dämonen, die die Obere Ebene berennen wollten, gestoppt wurden. Der Ausgangspunkt des Vertrags von Hethit."
"Ah. Jetzt wo du es sagst..."
"Und dort sollen wir uns verstecken?", fragte Klaus widerstrebend.
"Nein, nicht verstecken." Die Luftgöttin lächelte ihm zu. "Ich schätze, wenn Kailin tatsächlich auf die Mittlere Ebene kommt, werdet Ihr schnell Gejagte sein, selbst wenn die anderen Clans ebenfalls Truppen schicken werden. Dann geht es nur noch darum, wer Inissars Auge als Erster bekommt. Und genau das müssen wir verhindern. Mit einem guten Plan."
"Und wie sieht der gute Plan aus, Naharet?", fragte Ralf.
"Nun. Da wäre einmal Inissars Auge. Es ist ein magisches Potentialfeld, das Odem verstärkt. Dann gab es den Knauf. Ein Transmitter, der Odem verwandeln konnte. Feuerodem im Wasserodem und umgekehrt. Oder Luftodem in Erdodem und umgekehrt. Dann haben wir die Fassung für Inissars Auge. Ein umgekehrter Fokus, dazu gedacht, Odem, der sie durchläuft, möglichst weit zu verstreuen. Und schließlich war da noch der Stab. Nicht einfach nur ein Metallstock, sondern ein Potentialfeld, das dazu da war, um Odem zu komprimieren."
Sie ließ ihre Worte wirken. "Ich weiß nicht, was Vater mit dem Stab bewirken wollte, aber das Ergebnis dieser Aktion wurde so sehr gefürchtet, das der eigene Clan ihn angegriffen hat. Seit fünftausend Jahren glauben wir, dass nur das Auge überlebt hat. Aber ist dem so? Bak'marak ist noch immer mit den Trümmern und den Überresten der Toten beider Heere übersäht, inklusive des vernichteten und abgestürzten Kampfwagen der Dämonen. Damals war das Auge leicht zu finden gewesen, aber Fassung, Stab und Knauf? Sie liegen irgendwo im Gewirr der Trümmer."
Die Göttin straffte sich. "Mein Rat ist noch immer, vernichtet Inissars Auge in seiner Schmiede. Aber wenn Ihr das nicht tun wollt, dann macht das Nächstliegende, baut Inissars Stab wieder zusammen, und dann vollbringt, was Inissar nicht vergönnt gewesen war: Benutzt ihn. Ich bin mir nicht sicher, was dann passieren wird, aber ich bin mir sehr sicher, dass der Stab für Kailin keinen Nutzen hat. Und ich bin mir noch sicherer, dass Kailin die Aktivierung des Stabs fürchten wird. Mehr als alles andere. Wurde er einmal benutzt, sind seine Bemühungen alle zunichte. Es muss so sein, sonst hätte der Kampfwagen des Feuers nicht auf Vater geschossen."
Sie warf dem Schemen einen zärtlichen Blick zu. "Und vielleicht wird Vater, wenn der Stab zusammengefügt ist, wenigstens ein wenig komplettiert. Das ist mein Wunsch, mein einziger Wunsch."
"Das ehrt dich, Tochter. Aber auch ich rate euch: Vernichtet das Auge in meiner Schmiede", sagte der Schemen eindringlich.
"Es ist wohl keine gute Idee, das zu tun", sagte Jean nachdenklich. "Sicher wird Kailin dort zuerst suchen. Wir wissen nicht, wie lange die Vernichtung des Potentialfelds dauern wird. Wir gehen ein Risiko ein, das wir nicht überschauen können. Besser ist es, das Unerwartete zu tun." Er klatschte in die Hände. "Und das ist, auf das Schlachtfeld zu gehen, die anderen Teile des Stabs zu suchen, und ihn wieder zusammen zu setzen!"
"Und du meinst, den Stab zusammenzusetzen wird weniger Zeit in Anspruch nehmen?", fragte Mako-chan.
"Nun, eventuell wird es ebenso lang dauern, oder noch länger. Aber wer wird erwarten, dass wir auf dem Schlachtfeld herum kraxeln?", fragte der junge Mann aus Terre de France.
"Wir könnten auch alternativ versuchen, Kailin so lange wie möglich auszuweichen. Zumindest so lange, bis er auf der Unteren Ebene besiegt wurde", wandte Ralf ein. "Ich weiß nicht, wie groß die Mittlere Ebene ist, aber wenn wir genügend Vorräte aufnehmen und uns mit unserer Mokar in eine ruhige Ecke der Welt verziehen, können wir die ganze Geschichte vielleicht aussitzen."

"Leider geht das nicht, Ralf Schneider", sagte Naharet bedauernd. "Auf der Mittleren Ebene kann sich so etwas Großes wie eine Mokar nicht verstecken."
"Wieso nicht? Unsere Spuren verwischen wir mit Sand. Und wenn wir eine ganz abgeschiedene Ecke finden, tarnen wir uns, und..."
"Du verstehst nicht, Ralf Schneider. Die Mittlere Ebene ist weder die Obere noch die Untere Ebene." Die Luftgöttin sah das Unverständnis in den Augen ihrer Besucher, was sie schmunzeln ließ. "Wisst Ihr, die Mittlere Ebene ist eine Hohlwelt."
"Eine was?", fragte Mako-chan erstaunt.
"Oh, ich ahne übles", stöhnte Ralf.
"Es ist eine Hohlwelt. Stellt euch die Erde vor, denkt daran, auf ihrer Oberfläche zu stehen. Über euch sind Mond, Sonne, Planeten und die Sterne des unendlichen Universums. Unter euch ist die Erde und ihr geschmolzener Kern. Nun aber stellt euch vor, die Erde wäre hohl, und Ihr würdet nicht auf der Erde leben, sondern auf der Innenseite der Kruste."
"Aha. So eine Hohlwelt also", murmelte Mako-kun.
"Bevor Ihr fragt, nein, wir sind nicht auf der Innenseite der Erde. Die Mittlere Ebene wurde an einem anderen Ort erschaffen. Das Außen kennt niemand, aber wir sind hier definitiv auf der Innenseite der Kruste eines Planeten. Unser Licht erhalten wir aus dem Zentrum der Hohlwelt, ein gleichmäßiges, warmes Licht, das zwölf von vierundzwanzig Stunden für uns brennt, bevor es rhythmisch erlischt und erneut aufflammt. Wir sagen unter uns, es schöpft Kraft. Aber man kann an diesem Licht vorbei sehen, und das gegenüberliegende Ende der Hohlwelt erkennen. Mit entsprechenden Werkzeugen schafft man es sogar, eine Mokar zu sehen."
"Der gläserne Planet. Wie wunderbar. Stalken an jeden Punkt der Welt, wenn nur das Fernglas stark genug ist", brummte Klaus.
"Ja, so in etwa stelle ich mir das auch vor", sagte Ralf.
"Versteht Ihr jetzt, dass Ihr euch nicht wirklich verstecken könnt? Eure Mokar wird aufgespürt werden. Und selbst wenn Ihr sie verlasst oder euch trennt, kann Kailin eingrenzen, wo Ihr euch aufhalten könnt. Eure einzige Chance ist es, in Aktion zu treten. Und da Ihr das Auge nicht zerstören wollt, errichtet den Stab neu", sagte Naharet.
"Haben wir denn überhaupt die Chance, die anderen Teile zu finden?", fragte Mako-chan.
Der Schemen lächelte. "Mit mir ja. Als das Auge gefunden wurde, hatte ich kein Interesse daran, den Feuergöttern, die mich verraten hatten, die restlichen Teile des Stabs zu überlassen. Bei euch ist das anders. Ich kann euch zu den anderen Stücken bringen, wenn wir Bak'marak erreichen. Wenn wir den Stab wieder zusammenfügen, werde auch ich davon profitieren, also ist es in meinem ureigensten Sinne, die anderen Stücke schnell zu finden."
"Na, dann beginnt jetzt der schwierige Teil", sagte Mako-kun.
Ralf runzelte die Stirn. "Und der wäre?"
"Die anderen dazu überreden, bei dieser Höllengeschichte mitzumachen."
Sie lachten, und es tat gut. Natürlich zweifelte der männliche Gott nicht daran, dass sie alle gemeinsam nach Bak'marak gehen würden. Aber die Schwere der Aufgabe, die Struktur der Mittleren Ebene und viele weitere Dinge waren dazu angetan, einem das Herz schwer werden zu lassen. Dazu kam, dass sie fast eine Woche benötigt hatten, um überhaupt Ar Ashir zu erreichen. Hatten sie überhaupt eine Chance, das Schlachtfeld zu finden, bevor Kailin ihnen auf den Fersen war?

"Natürlich sollt Ihr nicht ohne Hilfe gehen", sagte Naharet. "Ich habe bereits einen meiner schlausten und zuverlässigsten Krieger abgestellt, um euch zu unterstützen. Sein Name ist Istar, und er ist ein Dämon. Ein sehr fähiger, kampfstarker Bursche, der die Mittlere Ebene kennt. Außerdem stocke ich eure Reisekasse auf und bezahle eure Versorgungsgüter. Obwohl es sicher nicht schlecht ist, wenn Ihr trotzdem euren Markt veranstaltet, damit Ihr nicht noch mehr auffallt als ohnehin schon. Wenn ich weitere Unterstützung leisten kann, lasst es mich wissen."
Sie lächelte erneut. "Und jetzt, da alles besprochen ist..." Sie klatschte in die Hände, und die Barriere fiel. Zugleich zog sich das Fragment Inissars in das Auge zurück. "...wollen wir zu Abend essen. Bitte leistet mir Gesellschaft."
Die drei Windgöttinnen schritten voran. Die fünf Freunde folgten ihnen in den Speisesaal.
Derweil quälte in Ralf eine drängende Frage, die er vergessen hatte zu stellen. Wieso war Inissar Naharets Vater, wenn sie eine Windgöttin war, er aber ein Feuergott? Eine Frage, die er noch stellen würde.

Epilog:
Nach dem üppigen Mahl bei Naharet brachte sie Coral wieder nach Hause. Mittlerweile war es dunkel geworden, und die Freunde machten sich klar, dass sie keine Sterne am Nachthimmel sahen, sondern die Lichter von fernen Städten auf der Innenseite der Hohlwelt.
Coral verabschiedete sich am Fuß der Mokar von ihnen. "Hier scheiden unsere Wege. Ich wünsche euch viel Glück auf euren Wegen. Ihr werdet es brauchen. Und achtet darauf, dass die Tage noch Istar zu euch stoßen wird. Naharet lässt ihn absichtlich nach euch suchen, damit er euch seinen Wert beweisen kann."
"Er wird uns schnell finden", versprach Ralf. "Wir sind ein sehr auffälliger Haufen." Er musterte Illara von der Seite. "Und wir werden mit jedem Tag auffälliger."
"E-entschuldige bitte, das ich ein Dämon bin, ja?", sagte die Dämonin peinlich berührt.
"War nicht zu übersehen. Danke, Coral. Und auf bald."
Der Dämon verneigte sich leicht und verschwand dann im Dämmerlicht auf dem Rückweg zur Stadt.

Die Freunde und die Sklavin erklommen derweil die Mokar.
Sean erwartete sie und begleitete sie zum Haus.. "Es ist alles bereit für morgen. Wir freuen uns alle auf einen lustigen Tag auf dem Markt. Dank unserer einheimischen Verstärkung." Sean grinste. "Da sind wir aber anscheinend nicht die einzigen."
"Das hier ist Illara. Ich erkläre dir später, was es mit ihr auf sich hat", sagte Ralf und gähnte. "Jetzt will ich eigentlich nur noch ins Bett. Besessen zu werden ist so verdammt anstrengend. Und dann ist da noch dieser Istar, der uns suchen soll, um uns zu begleiten... Hoffentlich verpasst er uns nicht."
Sean öffnete die Haustür und ließ den anderen den Vortritt.
"Istar? Zufällig der Dämon Istar aus Naharets Krankenhaus?", fragte er wie beiläufig.
"Ja, genau der. Ich bin gespannt, ob wir ihn finden, oder ob er uns findet", sagte Mako-kun.
"Ich denke, das hat sich erledigt." Sean deutete auf die halb offen stehende Tür zum Fernsehraum, aus dem leiser Lärm mit Party-Charakter kam. "Denn wenn wir den gleichen Istar meinen - der ist schon da."
Ralf räusperte sich. "Der Bursche scheint wirklich gut zu sein."
"Wie gut wird der Markt morgen zeigen", sagte Sean, und ließ den anderen den Vortritt in den großen Saal.