Mein Gott, meine Göttin

GeschichteAbenteuer / P12
09.10.2010
30.08.2012
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Dieses Kapitel
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Prolog:
Die Erde präsentiert sich als prächtiges, blau schimmerndes Juwel in den Weiten des Alls. Auch in diesem Fall. Nur ist es nicht ganz die Erde, die wir kennen. In vielem gleicht sie unserem Planeten. Aber ein gewichtiges Detail macht sie beinahe zu einer fremden Welt. Die Götter, welche die Menschen verehren, leben manchmal mitten unter ihnen.
Es sind insgesamt vier Stämme oder Clans von Göttern, die sich die Erde mehr oder weniger friedlich teilen. Daneben unterscheiden sich diese äußerst realen Götter nicht besonders von den Menschen, abgesehen von ihrer Macht.
Diese Götter siedeln in einer Dimension, die sie Obere Ebene nennen. Einige sind auch in der Mittleren Ebene zu finden, einen Bereich, der eigentlich den Dämonen gehört, die aber schon vor Jahrhunderten von den Göttern nahezu ausgerottet wurden.
Auf der Unteren Ebene, unserem Planeten, sind Götter eher selten anzutreffen, aber durch ihre Taten auf der Oberen Ebene und gelegentliche Eingriffe auf der Unteren Ebene sind sich die Menschen ihrer Existenz immer gegenwärtig. Wobei sich oftmals die Aktionen der verschiedenen Götter gegenseitig aufheben. Damit die Götter auf der Unteren Ebene aktiv sein können, was einige von ihnen überhaupt nicht wollen, benötigen sie Menschen, die ihren Lehren folgen. Diese Menschen, die Geweihten, sind es, die ihrem Gott die Kraft geben, um auf der Unteren Ebene zu wirken. Und eine besonders ausgesuchte Schar unter ihnen, die Gesegneten, agieren sogar mit der Kraft ihres Gottes. Diese orientiert sich wiederum daran, welchem der vier Clans der Gott entstammt, und welche Fähigkeiten er seinem Gesegneten mitgibt. Es gibt je einen Götterclan für eines der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft.
Dabei gibt es natürlich solche und solche Götter, ebenso wie es Dutzende Typen von verschiedenen Menschen gibt, wobei man nicht sagen kann welcher Gott nun „gut“ und welcher „böse“ ist, genauso wenig wie man es bei einem Menschen sicher sagen könnte.

Im Lauf der Jahrhunderte hat sich eine gewisse Aufteilung der Welt unter den Göttern ergeben.
Der Stamm der Lüfte residiert hauptsächlich in Nordamerika, unterhält aber auch durch einzelne Götter des Clans Enklaven in Asien.
Südamerika ist dem Clan des Feuers vorbehalten.
Asien und Ozeanien sind fest in der Hand des Stamms des Wassers.
Und Afrika wird geführt vom Clan der Erde.
Manchen wird es wundern, wo Europa in dieser Aufstellung bleibt.
Aufgrund einer Geschichte, die von der unseren nicht sehr weit entfernt ist, hat sich Europa recht ähnlich entwickelt, wie wir es kennen. Europa ist ein sehr toleranter Ort, an dem der Tempel jedes Gottes geduldet wird.
Und in Europa, in einem Land, das dem heutigen Deutschland sehr ähnlich ist, beginnt ein neues Kapitel der Geschichte…

1.
Ralf hatte es nicht leicht. Vor allem Zurzeit nicht. Erst war er aus seinem Elternhaus geflogen, dann hatte ihn keine Studentenverbindung aufnehmen wollen, vom Wohnheim mal ganz zu schweigen. Es war ja auch mitten im Semester, was hatte er da auch anderes erwarten können? Selbst seine stille Hoffnung, in der WG seines Kumpels Markus unterzuschlüpfen hatte sich verflüchtigt wie eine Handvoll Staub in einem Schneesturm, der von einem wütenden Luftgesegneten herbeigerufen wurde.
Was hatte sich sein Vater dabei gedacht? Glaubte er wirklich, er musste nur sagen: Werde erwachsen und steh auf eigenen Füßen!?
Konnte er damit wirklich begründen, warum sein einziger Sohn nun durch die Straßen Klingburgs zog wie ein Obdachloser, der die Fürsorge der verschiedenen Götter in Mittlands Hauptstadt ablehnte? Ralf sah es schon kommen. Er musste seine Zimmerflucht zuhause gegen ein enges, überteuertes und dreckiges Hotelzimmer eintauschen. Und er hielt jede Wette, dass seine kleine Schwester schon dabei war, von ihrem Zimmer in sein Reich umzuziehen. Carine würde nicht lange zögern, und…
Wütend atmete Ralf Schneider aus. Es brachte ja nichts. Vielleicht hatte Vater ja Recht, und er musste auf diese brutale Art selbstständiger werden. Vielleicht war er wirklich ebenso wie ein Löwenbaby, dass vom Patriarchen eine Klippe hinuntergeworfen wurde und diese aus eigener Kraft bezwingen musste, um ebenfalls ein stolzer Löwe zu werden.
Aber eigentlich wollte er kein Löwe werden. Er wollte nur ganz normal im ersten Semester an der Klingburger Uni studieren, ein wenig Spaß haben, vielleicht ein nettes Mädchen kennen lernen und irgendwann seinen Abschluss machen. Vater würde ihn noch früh genug mit dem Familiengeschäft gängeln. Mist. Verantwortung. Er hasste Verantwortung. Warum sie auch übernehmen? Warum sich um andere kümmern? Kümmerte sich jemand um ihn? Und wenn ja, wer?
„Junger Mann, wenn du auf der Suche bist, warum vertraust du nicht auf Trema?“, klang eine Stimme neben ihm auf. Ralf zuckte erschrocken zusammen. War der große, kräftige Blondschopf neben ihm etwa direkt aus dem Boden gewachsen? Er hatte Trema gesagt, und Trema war die Herrin des Erdclans. Wenn dieser Mann einer ihrer Gesegneten war, dann konnte er durchaus die Fähigkeit haben, direkt aus der Erde zu erscheinen. Oh, diese Gesegneten mit ihrer Herrschaft über die Elemente ihrer Götter waren manchmal richtig gruslig.
„Warum sollte ich auf die Götter vertrauen? Ich bin nicht geweiht, und das ist auch gut so.“
„Hm“, machte der große Mann und lächelte freundlich. „Vielleicht hast du Recht. Vielleicht solltest du wirklich Tremas große Güte ablehnen, das freundliche Wohnhaus für ihre Gläubigen, die drei Mahlzeiten am Tag, die Studienhilfe, das miteinander mit Studenten aus vierzig verschiedenen Ländern der Erde, und das alles nur für ein tägliches Gebet an Trema, um ihr etwas Odem zu spenden.
Für einen winzigen Moment zögerte Ralf. Das klang doch eigentlich gar nicht so schlecht, und alles was er tun musste, war ein wenig von diesem mystischen Zeugs brabbeln.
„Und ich denke, du solltest bei deiner Meinung bleiben, junger Mann“, sagte sein Gegenüber lachend und klopfte ihm auf die Schulter. „Agnostiker sind viel zu selten heutzutage. Was wäre das Leben doch arm, wenn es nur Götter und Gläubige geben würde.“
Ralf lachte gezwungen mit. Diese Chance hatte er wohl verpasst.
„Aber einen guten Rat gibt dir Trema mit auf den Weg. Ich kenne ein relativ preiswertes Hotel, sauber, ordentlich, etwas streng geführt. Genau das Richtige für den kleinen Geldbeutel. Du musst nur die Straße hinunter gehen. Du kommst zwar durch einige schlechte Viertel, aber es lohnt sich. Es heißt Klingburger Wohnhaus.“
Etwas irritierte es Ralf schon, als der Gesegnete ihn in die richtige Richtung schob. Warum versuchte er nicht, Ralf weiter für seine Göttin zu werben? Nun, vielleicht hatte Trema als Herrin des Erdclans einfach schon genügend Gläubige, und konnte auf einen kleinen Floh wie ihn verzichten. Ein deprimierender Gedanke.
Ralf bedankte sich oberflächlich und folgte weiter der Straße.

Klingburg war schon ein ruhiges Pflaster. Immerhin, sie war Hauptstadt des größten Landes von Europa und Schnittpunkt eines ganzen Kontinents. Aber sogar ein kleiner Floh wie er konnte selbst Abends durch seine schlimmsten Viertel ziehen, ohne dass er bedroht, verflucht oder ausgeraubt wurde, was äußerst angenehm war.
Umso überraschter war der junge Schneider, als er sah, dass die Straße auf ihrer gesamten Breite abgesperrt war.
Zwei Männer in schwarzer Kleidung standen davor, zwei weitere vor einer anderen Absperrung auf der gegenüberliegenden Seite, und schickten ein paar Schaulustige zurück.
Ralf sah genauer hin. Der eine trug einen legeren Jogginganzug, der andere hingegen schwarze Jeans und ein lockeres schwarzes Hemd. Und beide trugen schwarze Sonnenbrillen. HELIOS, natürlich. Die überregionale, unabhängige Spezialpolizei, die immer dann zum Einsatz kam, wenn es um Gesegneten- und Götterkriminalität ging. Gerüchte wollten wissen, dass sogar Dämonen zu ihrem Aufgabengebiet gehörten, aber was ein schlauer Dämon war, der hütete sich, ausgerechnet die Aufmerksamkeit von HELIOS zu erregen. Das konnte schlimmer enden als die Aufmerksamkeit der Götter, die selbst nach Jahrtausenden versuchten, den alten Feind auszumerzen.
„Gehen Sie weiter, junger Mann. Es gibt hier nichts zu sehen.“
„Entschuldigen Sie, aber ich wollte zum Klingburger Wohnhaus. Es liegt am Ende dieser Straße. Wie lange wird die Absperrung noch dauern?“
Der kleine schlanke Mann seufzte ergeben. „Wir haben hier einen Fall von Gesegneten-Kriminalität. Mit der Festnahme und Spurensicherung werden wir noch bis in den späten Abend beschäftigt sein. Geh am besten die Straße zurück und nimm einen Seitenweg. Es verlaufen auf beiden Seiten dieser Straße Parallelstraßen, die immer wieder mit dieser hier verbunden sind. Das sind fünf Minuten Weg.“
Das klang wenigstens vernünftig. „Danke. Ich…“
„ER KOMMT RAUS!“
Die Scheiben im ersten Stock eines Wohnhauses zersplitterten in tausende Fragmente. Ihnen folgten schmale Lanzen aus Eis, die kurz in der Luft verharrten, bevor sie mit unglaublicher Präzision auf die beiden HELIOS-Agenten vor ihm und die anderen zwei an der anderen Absperrung zuschossen.
Der Agent vor ihm stieß sich ab und sprang aus dem Stand fünf Meter zur Seite.
Die Eislanze, die für ihn bestimmt war, zischte nun auf Ralf zu, aber es bedeutete keine große Anstrengung für ihn, sie mit einer leichten Handbewegung der Rechten beiseite zu drücken. Besonders mächtig konnte dieser kriminelle Gesegnete ja nicht sein.
Zwei Sekunden darauf fiel ein Pulk aus drei schwarz gekleideten HELIOS-Polizisten und einem Mann im blauen Geschäftsanzug durch eines der zerstörten Fenster und landete direkt auf der Straße. „Wassergesegneter Janik Weiss, Sie sind hiermit festgenommen wegen Sachbeschädigung an Privateigentum, Körperverletzung in drei Fällen und Sachbeschädigung an Klingburger Polizeiwagen! Ihr denkt wohl, Ihr Gesegneten könnt euch alles erlauben, was? Aber nicht mit mir! Nicht mit HELIOS!“
„Lasst mich los, ihr Bastarde! Mein Gott wird…“
„Dein Gott wird uns eine Menge zu erklären haben, so sieht es aus! Und jetzt hör auf zu zappeln, sonst breche ich dir was, was nicht so schnell regeneriert werden kann!“
Ralf zuckte die Achseln. Die Zahl der Schaulustigen war sprunghaft angestiegen, wie nicht anders zu erwarten. Aber das hier war nichts, was ihn wirklich interessierte. Was immer dieser Gesegnete getan oder gewollt hatte, es ging ihn nichts an.
Ralf drehte sich um und nahm den Umweg.
***
Eine halbe Stunde später hatte Ralf ein Zimmer gemietet, damit seine mageren Geldreserven dezimiert, aber zumindest für eine Woche eine Bleibe gefunden.
„Das kann ja auch nur wieder dir passieren“, brummte der junge Student, zog die Fernbedienung zu sich heran, um den Kanal auf dem winzigen Fernseher zu wechseln und fläzte sich auf das klapprige Bett. Kein Stipendium, kaum Reserven und nicht mal ein Job in Aussicht, so sah seine Realität im Moment aus. Er hatte eine Woche Zeit das zu ändern, und das war doch eine Menge, wenn er sich bemühte.
Eine leise, aber extrem nervende Stimme in seinem Hinterkopf informierte Ralf immer wieder darüber, dass Fernsehen in dieser Krise nicht die richtige Vorgehensweise war – und Talkshows schon gar nicht!
Vielmehr, so die Stimme, sollte er besser auf göttliche Eingebung hoffen, damit ihm eine Lösung für sein Finanzproblem einfallen würde. Immerhin war ein Studium allein durch die Nebenkosten sehr teuer.
„Götter“, brummte er. „Was können die schon helfen? Was kümmert die ein Normalsterblicher wie ich?“ Tremas Gesegneter war dafür doch das beste Beispiel gewesen. Oder dieser Durchgeknallte Wassergesegnete, der von HELIOS überwältigt worden war. Götter, wer brauchte die schon?
Als hätte er mit seinen Worten ein Signal gegeben, verfinsterte sich der kleine Raum und der Fernseher fiel aus. Die Wanduhr reagierte auf das Geschehen, indem sie ihre drei Zeiger in einem irrwitzigen Tempo rotieren ließ.
Und Ralf war mittendrin und starrte auf den plötzlich vor seinem Bett entstehenden rot leuchtenden Energiewirbel. Was zu den Göttern war das?

Plötzlich blendete Ralf ein Blitz. Kleine Sterne tanzten vor seinen Augen, und sein Gehirn informierte ihn darüber, dass er genau so gut in einen Fünfhundert Watt-Scheinwerfer hätte sehen können, das Ergebnis wäre das gleiche gewesen.
Ralf blinzelte, drückte die Lider zusammen und blinzelte wieder. Langsam wurde sein Blick wieder klarer. Zuerst sah er wieder Helligkeit, dann Schatten. Verschwommen erkannte er eine weiße Gestalt, die vor dem Fernseher stand. Ralf blinzelte erneut, und noch einmal.
Endlich sah er klar. Oder auch nicht, denn das, was da seine Sicht auf den  - noch immer ausgeschalteten – Fernseher blockierte, konnte nicht wirklich da sein.
Oder doch? Nein. Das war unmöglich wahr.
Dennoch sah er es. Eine Auswirkung des Lichtblitzes? War er in Ohnmacht gefallen und träumte jetzt?
„Ähem“, meldete sich das Objekt seiner Verwirrung.
Ralf sah auf. „Ja?“
Die Gestalt reckte sich. Ralf sah vor sich eine gut eins siebzig große junge Frau in weißer Kleidung, eine Art Tunika. Ihre Augen waren blau, das kurze Haar blond und der Körperbau recht ansprechend – hätte dieser Frauenkörper nicht die dumme Angewohnheit gehabt, plötzlich den Platz mit einem jungen Mann zu wechseln, genau so groß, ebenfalls blond und eher schmal gebaut.
Außerdem umgab die Gestalt – oder die Gestalten – ein merkwürdiger, silberner Schimmer.
Ralf gestand sich ein, dass sie beide attraktiv wirkten, sowohl der Mann als auch die Frau.
„Darf ich dein Gott sein?“, fragte die Gestalt, diesmal als junge Frau.
„Bei Herress und Trema“, fluchte Ralf unbeherrscht.
„Oh, du hast schon Götter“, sagte die Frau enttäuscht. „Das ist aber merkwürdig. Dich umgibt gar keine Aura.“ Sie wechselte in den Männerkörper.
„Götter? Mit denen habe ich nichts am Hut. Ich bin nicht mal geweiht. Ha, Götter. Verlangen viel und geben nichts.“
„Oh“, machte der junge Mann. „Das ist gut. Darf ich dann dein Gott sein?“
Ralf kam die Absurdität des Augenblicks mit der gleichen Kraft ins Bewusstsein, die ein Vorschlaghammer mit der Aufschrift UNWIRKLICH gehabt hätte. „Warum willst du mein Gott sein?“, rief er verzweifelt.
Der junge Mann wechselte wieder mit der Frauengestalt. Das Mädchen biss sich auf die Unterlippe und schien nachzudenken. „Hm, das ist eine gute Frage. Weißt du, ich bin ein Gott. Na ja, noch nicht ganz. Aber so was ähnliches.“
„Ein Nachwuchsgott?“, half Ralf aus.
„Ja!“, rief die Göttin erfreut. „Das ist es. Ich bin ein Nachwuchsgott.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“
„Nun, es ist so…“, brummte sie und wechselte wieder in den Männerkörper, „meine Eltern meinten neulich zu mir, ich solle endlich auf eigenen Beinen stehen. Und der erste Schritt in diese Richtung ist ja, sich auf der Unteren Ebene zu engagieren.“
Der junge Mann hob dozierend den Zeigefinger. „Die Untere Ebene, so nennen wir deine Welt, oder besser die Dimension, in der du existierst.“
„Gut zu wissen. Und du kommst dann von der Oberen Ebene?“
„Genau.“ Der junge Mann strahlte. „Die Ebene der Götter. Zumindest der Götter, die es nicht vorziehen, in der Unteren Ebene oder der Mittleren Ebene zu existieren.“
„Hm, und das willst du jetzt? Auf der Unteren Ebene existieren?“
Wieder wechselte der Gott den Körper und die junge Frau erschien. „Wie ich schon sagte, ich bin ein Nachwuchsgott. Um ein richtiger Gott zu sein, braucht man Menschen, die an ihn glauben, um es mal grob auszudrücken. Erst dann kann man herabsteigen und auf die Untere Ebene gelangen. Und dann Götterdinge tun und so.“
„Götterdinge?“ Ralf hob fragend die Augenbrauen.
„Na, Götterdinge eben. Was sie halt so tun, wenn sie nicht gerade unter den vier Stämmen Krieg führen oder so.“
„Ah ja. Du willst also Götterdinge auf der Unteren Ebene tun. Dazu brauchst du aber Gläubige. Die helfen dir dabei, herabzusteigen und dann bist du ein vollständiger Gott.“
„Wenn man es nicht zu genau nimmt, kommt diese Erklärung in etwa hin“, bestätigte die Göttin.

Ralf sagte für einige Zeit gar nichts. Er dachte nur nach. Das heißt, er machte ein nachdenkliches Gesicht und  hoffte, sein neues Problem würde sich von selbst wieder lösen.
„Also“, nahm die Göttin den Faden wieder auf, „wenn man an einen Gott glaubt, umgibt ihn dessen Aura. Da du keine Aura hast, glaubst du auch an keinen Gott. Das heißt, du glaubst vielleicht schon an sie, aber du hast keinen Favoriten. Kann ich also dein Gott sein?“
Das war für Ralf der beste Beweis, dass er verrückt geworden war. Götter hin, Götter her, vom Clan der Erde bis zum Feuerstamm, so etwas konnte nicht wirklich passieren. Kurz entschlossen sprang Ralf auf und versuchte den Gott zu berühren.
Die junge Frau erschrak fürchterlich. „Du darfst mich nicht berühren. Solange ich nicht herabgestiegen bin…“
„Und wie soll ich wissen, ob du echt bist? Wie soll ich wissen, ob ich nicht gerade verrückt werde?“
Das machte die Göttin nachdenklich – und unachtsam. Ralf erwischte sie am linken Oberarm. Doch seine Hand glitt hindurch. Also wurde er doch wahnsinnig? Nein, er hatte zwar keinen Widerstand verspürt, aber da war etwas gewesen…Eine unwirkliche Wärme, die seine ganze Hand erfüllte.
Die Wärme wuchs an und umgab seine Hand als silbriger Schein. Der Schein schien zu wachsen und begann sich den Arm hochzuschieben.
„Deswegen!“, rief die Göttin vorwurfsvoll. „Da ich noch nicht herabgestiegen bin, existiere ich noch in der Oberen Ebene. Du hast mitten in mein Fluidum gegriffen. Meine auf die Untere Ebene projizierte Energie. Das kann dich töten, du Idiot! Haben dir das deine Eltern nicht beigebracht?“
„Danke“, krächzte er und sah, wie die Wärme seine Schulter erreichte. „Das hilft mir jetzt wenig.“
„Natürlich hilft es dir wenig! Mein Fluidum wütet jetzt in deinem Körper! Du stirbst, du Idiot! Sobald es dein Herz erreicht war es das!“ Die Stimme der Göttin schwankte zwischen Sorge und Zorn.
„Na toll“, murmelte Ralf und griff sich mit der anderen Hand an die Kehle, die sich plötzlich zugezogen zu haben schien. Eine ungewöhnliche Mattigkeit, ausgehend vom Fluidum, begann sich in seinem Körper auszubreiten.
In einem Anflug von Ironie dachte er daran, dass sich die Götter tatsächlich um seine Probleme gekümmert hatten. Wenn er starb, hatte er nämlich keine mehr.
„Jetzt hör mir gut zu! Richtig gut zu! Ich kann dir helfen und das Fluidum stoppen! Aber dazu muss ich herabsteigen! Verstehst du mich?“, redete die Göttin beschwörend auf ihn ein.
„Ja“, erwiderte Ralf mit matter Stimme.
„Und damit ich herabsteigen kann, musst du an mich glauben! Du musst versprechen, mir zu folgen! Verstehst du das? Und es muss schnell gehen!“
„Ja“, murmelte Ralf und schloss die Augen. Verrückt. Ein Gott stand vor ihm und verlangte von ihm, an ihn zu glauben, damit er auf die Untere Ebene herabsteigen konnte, weil er… Ja, was wollte der Gott gleich noch mal tun? IHM DAS LEBEN RETTEN!
Diese Erkenntnis ging wie ein Eisschauer durch seinen Körper. Erschrocken riss er die Augen auf. Was ihm nicht viel half, denn der Raum begann sich um ihn zu drehen. Und in der Mitte, wie in einem Kaleidoskop befand sich die Göttin.
Die Göttin. Seine Göttin. „Ich…“, begann er. Die Götter waren ihm immer egal gewesen. Die vier Stämme hatten ihm nichts gegeben, und er hatte nichts von ihnen verlangt. Aber dieser hier… Dieser hier würde sein Gott werden. Sein persönlicher Gott. „Ich…glaube an dich“, hauchte Ralf leise.
Das silbrige Leuchten um den Gott verschwand. Die junge Frau schien aus großer Höhe herab zu stürzen. Sie landete hart auf dem Fußboden, fing sich aber geschickt auf einem Knie und den Händen ab.
Sofort sah sie auf und fing den taumelnden Ralf auf, bevor er zu Boden stürzen konnte.
Die Müdigkeit wurde immer schlimmer. Der Student konnte die Augen kaum noch offen halten. Durch die schmalen Schlitze bekam er mit, wie sich das Gesicht der Göttin näherte.
„Ich gebe dir etwas Odem, das wird das Fluidum aufhalten“, sagte sie und legte ihre Lippen auf seine.
Wer konnte  schon behaupten, von einer Göttin geküsst worden zu sein? Und außerdem von ihr das Leben gerettet zu bekommen? Wenn man mal von der Tatsache absah, dass ihre Anwesenheit sein Leben erst in Gefahr gebracht hatte, aber Ralf wollte nicht kleinlich sein.
Jedenfalls wich die Müdigkeit, und auch die Wärme des Fluidums ging zurück. Mit jedem Moment ging es Ralf besser. Er machte die Augen auf und…Unterbrach den Kuss unsanft.
„Danke, dass du mir das Leben gerettet hast. Aber musstest du unbedingt wieder zum Mann werden, während du mich küsst?“, beschwerte sich Ralf vorwurfsvoll.
„Küsst?“ Der junge Gott dachte kurz nach. „Das Wort kenne ich nicht. Ich habe dir lediglich etwas Odem in eine Körperöffnung gehaucht. Ich dachte mir, in der Nase oder den Ohren würde es dir nicht ganz so gut gefallen.“
Entsetzt starrte Ralf den Gott an. „Darum geht es doch gar nicht! Du bist in deinen Männerkörper gewechselt! Während du mich geküsst hast! Wenn uns jemand gesehen hätte…“
„Ach“, sagte der Gott und winkte ab. „Ihr Menschen.“
Damit schien alles zu diesem Thema gesagt zu sein. Augenscheinlich nahm dieser Gott Ralfs Vorwurf nicht ernst. „Warum machst du das eigentlich?“
Der Gott wechselte wieder in die Frauengestalt und sah ihn an. „Was, bitte?“
Vorwurfsvoll deutete Ralf auf sie. „Na, das! Du hast schon wieder den Körper gewechselt.“
„Oh. Das.“ „Ja, das.“
Die Göttin verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lachte unbeschwert. „Na ja, ich habe mich einfach noch nicht entschieden, ob ich als ein Mann oder als Frau auftreten will. Weißt du, beide Körper haben so ihre Vorteile und ihre Nachteile. Und wenn man sich auf eine Erscheinungsform festlegt, dann nimmt man auch diese Vorteile und Nachteile in Kauf.“
„Ja. Das ist ein Grund. Aber könntest du bitte bei einer Form bleiben? Wenigstens für eine Zeitlang? Und wie soll ich dich überhaupt anreden? Mein Gott, meine Göttin, oder hast du einen Namen?“
Die Göttin lächelte. Es war ein hübsches Lächeln, und Ralf beschlich der Verdacht, dass dieses gerissene unsterbliche Biest genau wusste, wie diese Erscheinungsform auf ihn wirkte. „Ich habe einen Namen. Aber der gilt nur auf der Oberen Ebene.“
„Hä?“ Verwirrt zwinkerte Ralf. „Wieso nur auf der Oberen Ebene?“
Immer noch lächelnd öffnete die Göttin den Mund. Einen Moment schien sie gar nichts zu sagen, dazwischen etwas helles, was wie Mako klang, nur um in einem hohen, beinahe schrillen Ton zu enden. „Deswegen. Wir Götter benutzen das gesamte Spektrum des Schalls für die Kommunikation. Ich habe dir gerade meinen vollen Namen gesagt. Aber du hast kaum etwas verstanden, richtig?“
„Ach so.“
„Wie heißt du eigentlich? Ich meine, ich kann dich ja nicht mein Gläubiger rufen.“
„Wobei das hier unten noch eine andere Bedeutung hat“, brummte Ralf im Selbstgespräch. „Was? Oh. Tschuldigung. Mein Name ist Ralf. Ralf Schneider.“
„Ralf Schneider. Ein netter Name.“ Die Göttin wurde wieder zum jungen Mann.
„Wenn ich dich richtig verstanden habe, willst du jetzt einige Zeit auf der Unteren Ebene verbringen, richtig? Oder öfter mal reinschauen. Dann brauchst du aber einen Namen. Ich meine, einen, den man auf der Unteren Ebene auch versteht. Wie wäre es mit Makoto?“
„Hm. Das ist aber ein asiatischer Name. Warum nimmst du keinen europäischen, sondern einen vom anderen Ende der Welt?“
„Na, weil die asiatischen Namen einen tollen Klang haben. Außerdem gelten sie manchmal sowohl für Männer als auch Frauen. Und ich will, dass Du einen Namen trägst, und nicht zwei. Das macht es leichter, wenn du wieder mal die Gestalt wechselst und so.“
Der junge Gott dachte nach. „Makoto also. Hm. Warum nicht? Er klingt ein wenig nach meinem richtigen Namen. Nehmen wir den, solange mir kein Besserer einfällt.“
„Gut. Du hast jetzt also einen Namen für die Untere Ebene und einen Gläubigen. Wie soll es weitergehen?“
„Solange du an mich glaubst, bekomme ich deinen Odem. Solange ich deinen Odem bekomme, kann ich auf die Untere Ebene herabsteigen.“
Wieder hob der junge Mann dozierend den Finger. „Odem ist eine Art Energie, die ein menschlicher Körper produziert und meistens ungenutzt an die Umgebung abgibt. Glaubt er aber an einen Gott, so kann er den Odem kanalisieren und dem Gott zur Verfügung stellen. Zum Beispiel mit einem Gebet oder einem tiefen Gedanken an seinen Gott.
Mit diesem Odem ist der Gott dann in der Lage auf der Unteren Ebene zu agieren. Dazu konvertiert er den Odem in göttlichen Odem. Und dieser Odem hat dir übrigens das Leben gerettet, Ralf.“
„Nett. Es war also meine eigene Energie.“
„Gereinigt, verstärkt und Ziel gerichtet von mir eingesetzt“, erwiderte Makoto vorwurfsvoll.
Abwehrend hob Ralf die Arme. „Schon gut, schon gut. Du hast mir das Leben gerettet. Ich habe das nur festgestellt. Ich will nicht mit dir streiten.“
„Hm.“ Der Gott legte die Hand an die Schläfe und dachte nach. „Es wäre aber vielleicht nett gewesen, einen menschlichen Streit mit zu erleben. Wenn sich Götter streiten, dann geht es immer etwas laut zu. Neulich hat Capra vom Clan des Wassers mit Ausyl vom Stamm des Feuers gestritten. Man hat es noch bis zu mir gehört.“
Ralf riss die Augen auf. Der Streit zwischen Ausyl und Capra war ein Thema aus dem Geschichtsbuch. Übrigens Auslöser für einen Krieg zwischen Nihon und dem benachbarten Australien, der zwei Jahre gedauert hatte. Das Ganze war nur schon hundert Jahre her.
„Wie alt bist du eigentlich, Makoto?“, fragte Ralf irritiert.
„Was? Oh. Hm. In deinen Begriffen bin ich dreihundert und ein bisschen alt. Für einen Gott bin ich gerade mal aus den Kinderschuhen raus.“
„Dreihundert…“, stammelte Ralf. „Und ein bisschen“, fügte Makoto an.
„Na, für heute haben wir ja ne Menge geschafft. Ich habe einen Gläubigen, einen Namen und kann auf die Untere Ebene hinabsteigen.“
Er wechselte wieder in den Frauenkörper. „Das soll es dann erst mal gewesen sein. Ich steige auf die Obere Ebene zurück und erzähle mal meinen Eltern von dir.“
„Warte“, rief Ralf hastig, der befürchtete, dass Makoto so sang- und klanglos wieder ging. Vor allem wenn man die Lebenserwartung dieses Gottes in Betracht zog, wollte der junge Student doch in einigen Punkten gerne Klarheit haben. „Wann kommst du wieder?“
Die junge Göttin lächelte. Herzzerreißend süß, wie Ralf fand. „Ich komme morgen wieder. Denkst du wirklich, jetzt wo ich endlich nach unten kommen kann, lasse ich mir diesen Spaß entgehen? Also. Bis dann.“ Makoto winkte zum Abschied.
Ralf sah seine Göttin – SEINE GÖTTIN – mit einer Mischung aus Verzweiflung und langsamen Verstehen an und winkte ebenfalls.
Wieder umgab Makoto dieser helle, silbrige Schein… Und sie verschwand.

Einen Augenblick später erklang ihre Stimme wieder und Ralf hatte gerade noch Gelegenheit, die Arme auszubreiten, um Makoto aufzufangen. Trotzdem trieb die Wucht ihres Aufpralls beide auf das alte Bett, welches protestierend unter der Belastung zusammen brach.
„Was vergessen?“, witzelte Ralf. Warum musste Makoto ausgerechnet als Frau zurückkommen? Und warum lag sie immer noch auf ihm?
Die Göttin indes strich sich über die Wangen und hielt Ralf ihre feuchten Hände hin. „Was ist das, Ralf?“
Der Student begriff. „Das sind Tränen. Sie kommen aus den Augen. Das nennt man weinen. Man weint, wenn etwas ins Auge gekommen ist, wenn man traurig oder sehr glücklich ist.“
Makoto nickte verstehend und weinte noch mehr. Sie drückte sich an seine Brust, und dem unglücklichen Ralf blieb nichts anderes übrig, als sie fest in seine Arme zu schließen.
„Ich“, schluchzte Makoto endlich, und Ralf war froh, dass sie sich nicht wieder in die männliche Form verwandelte, „ich darf nicht mehr aufsteigen.“
„Was?“ Erschrocken sah Ralf seine Göttin an.
„Meine Eltern haben es verboten. Sie haben gesagt, ich soll hier bleiben, auf der Unteren Ebene. Für ein Jahr.“
„Oh“, machte Ralf. „Für ein Jahr gleich?“
Makoto nickte. „Damit ich lerne, was es heißt, ein Gott zu sein.“
Langsam richtete sich Ralf auf und lächelte gezwungen. Nebenbei dachte er daran, dass er selbst schon genügend eigenen Ärger hatte und nicht auch noch den Ärger eines Gottes auf seine Schultern laden sollte. Aber dies war sein Gott. Das verpflichtete. „Hey, das ist doch gar nicht so schlimm. Das Leben auf der Erde wird dir gefallen. Am Ende willst du dann gar nicht mehr weg. Und ich bin ja immer da. Ich bin dein Gläubiger, dein Anhänger. Schon vergessen?“
Makoto schniefte und sah Ralf aus Tränenverschleierten Augen an. „Nein, habe ich nicht.“
Der junge Mann zog ein Taschentuch hervor und reichte es seiner Göttin. Als er sah, dass sie absolut nichts damit anzufangen wusste, benutzte er es selbst, um ihre Tränen abzuwischen. „Siehst du. Das ist doch ein Anfang. Da du jetzt ja einen menschlichen Körper hast, hast du auch menschliche Bedürfnisse. Dazu gehört auch Schlaf. Was denkst du darüber, wieder in die Männergestalt zu wechseln, und bis Morgen früh durchzuschlafen?“
„Schlafen? Werde ich dann auch träumen? Das ist nämlich eine ganz große Sache bei uns Göttern. Deswegen steigen viele der Älteren immer wieder auf die Untere Ebene hinab.“
Verlegen legte Ralf einen Arm an den Hinterkopf. „Tut mir leid, ich weiß leider nicht, ob Götter träumen. Ich habe auch absolut keine Ahnung, ob träumen dir Spaß machen wird, Makoto. Aber man muss ja alles…“
„Ahaaaa!“, erklang eine schneidend scharfe Stimme vom Eingang des Zimmers her. „Ein Bett zerstört und Frauenbesuch! Dies ist ein ehrenwertes Haus und kein Stundenhotel!“
Ralf sah herüber und erkannte den schmierigen Portier, bei dem er eingecheckt hatte. Zugegeben, das viele Geschreie und der Krach, mit dem das Bett zusammengefallen war, musste die anderen Mieter gestört haben. Und dann war dieser alte Schuft hier mit einem Nachschlüssel reingeplatzt. Na, danke.
„Das kann dieses Haus nicht verantworten. Verlassen Sie uns noch heute Nacht. Und das Bett…“
Ralf schluckte trocken. Auch das noch. Schadenersatz.
„Was ist mit dem Bett?“, fragte Makoto scheinheilig.
„Na, es ist…“, begann der Portier und schluckte hart. „Es ist… Ich meine, es war… Ich meine…“
Ralfs Kopf zuckte zur Seite. Das Bett war wieder heil. Und es schien in einem weit besseren Zustand zu sein, als er hier eingezogen war.
Der Portier wurde rot. „Nun, ja… Das ändert aber nichts daran, dass Sie das Zimmer räumen müssen. Und nehmen Sie Ihren Schatz mit.“ Wütend stapfte der Alte aus dem Zimmer.

Ralf wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das war knapp. Schadensersatzleistung hätte ich mir nicht mehr leisten können.“ Er sah Makoto an, die gerade wieder ein Mann geworden war. „Das warst du doch, oder?“
Der Junge lächelte. „Natürlich war ich das. Ich bin ein Gott, schon vergessen? Tote Materie zu verformen ist einfach für einen Gott des Erdclans. Vor allem, wenn es so wenig ist.“
Makotos Augen schienen plötzlich aus den Höhlen treten zu wollen. Er griff sich mit beiden Händen an den Magen. „Was… ist… das… für… ein… Schmerz?“
Für einen Moment erschrak Ralf. Obwohl ihn seit einiger Zeit eigentlich gar nichts mehr erschrecken dürfte. Nicht seit er einen Gott hatte. Aber dann begriff er. „Eine weitere Eigenschaft eines menschlichen Körpers. Hunger.“
„Hunger?“, argwöhnte Makoto, nur um kurz darauf zu strahlen. „Hunger? Du meinst, ich kann essen?“
Ralf stand auf, wurde sich für einen Moment bewusst, den männlichen Makoto in den Armen gehalten zu haben, schluckte seinen Ärger aber wieder herunter, weil er… oder sie… ihm geholfen hatte. „Das nehme ich doch mal stark an. Okay. Ich räume das Zimmer. Und dann gehen wir essen, ja?“
Makoto strahlte und wurde wieder zum Mädchen.
„Aber so nehme ich dich nicht mit“, kommentierte Ralf glucksend und deutete auf die Tunika seiner Göttin.
„Was hast du gegen meinen Ravir?“, murrte Makoto.
Ralf grinste und griff in seine Tasche. Er zog ein paar Sachen hervor und warf sie zu seiner Göttin aufs Bett. „Hier, das ist mein Trainingsanzug. Er dürfte dir etwas zu groß sein, aber wenigstens ist das bei dieser Kleidung egal. Du kannst die Hose am Bund mit dem eingezogenen Band raffen und die Ärmel hochkrempeln. Geh am Besten ins Bad dafür.“
Makoto sah ihn an und strahlte. „Danke. Ich glaube, wir zwei werden noch sehr gut miteinander auskommen, Ralf.“

Die Göttin verschwand im Bad und Ralf überdachte die Situation. Nun hatte er keine Unterkunft, nur noch wenig Geld und zudem eine zugegeben mächtige, aber absolut weltfremde Gottheit am Hals, die er auch noch ernähren musste. Aber wenigstens hatte er sich mit dem Trainingsanzug gewappnet. Falls Makoto noch einmal oder mehrmals die Gestalt wechseln würde, wäre es egal. Eine Frau im Männertrainingsanzug fiel nicht so sehr auf wie ein Mann im Minirock.
Seltsamerweise verzagten ihn diese Gedanken nicht. Im Gegenteil. Die Situation machte ihm großen Spaß. Und der Rest würde sich finden. Woher er diese Sicherheit hatte, wusste er selbst nicht zu sagen. Aber sie war da. Und er wollte diese Sicherheit nicht wieder verlieren.

Nach einiger Zeit kam Makoto als Mann wieder aus dem Bad. Natürlich war ihm der Anzug etwas zu groß, immerhin war Ralf mit knappen eins neunzig größer und wesentlich breiter in der Schulter aber das schien den jungen Mann nicht weiter zu stören. Er grinste schief und warf Ralf seine Tunika zu. „Bewahr bitte den Ravir für mich auf, Ralf. Hm, ich dachte mir, als Mann passe ich am besten in dieses Kleidungsstück.“
Ralf nickte gewichtig, während er die Tunika auffing und in seiner mittlerweile gepackten Tasche verstaute.
Er half Makoto noch, in ein Paar viel zu großer Turnschuhe zu schlüpfen und fragte: „Was willst du eigentlich essen? Darfst du Fleisch essen? Gemüse? Wie steht es mit Alkohol? Verträgst du Milch?“
Makoto zuckte die Schultern. „Weiß nicht. Probieren wir es einfach aus. Überrasch mich am besten.“
Ralf überlegte einen Moment. „Ein paar hundert Real habe ich noch. Das reicht für ein südeuropäisches Restaurant. Komm, ich lade dich ein.“
„Real ist Geld, nicht wahr?“, fragte Makoto gerade heraus. „Sind ein paar hundert Real viel, Ralf?“
Traurig schüttelte der den Kopf. „Leider nein, Makoto.“
Dies verdüsterte die Miene des Gottes für einige Zeit.
„Verstehe“, brummte er mit trauriger Miene. Doch sofort grinste er Ralf wieder spitzbübisch an. „Aber das macht überhaupt nichts, Ralf. Meine Eltern haben mir versprochen, dass ich und mein Anhänger eine Starthilfe kriegen. Und meine Eltern halten, was sie versprechen.“
Einen Moment war Ralf versucht, nach Makotos Göttlichen Eltern zu fragen, aber er verkniff sich die Frage. Er kannte sich bei den Göttern kaum aus, und er wollte Makoto nicht verärgern, weil er mit den Namen seiner Eltern nichts anzufangen wusste.
„Na dann“, kommentierte er  und hängte sich seine Tasche um. „Auf zum essen.“
***
Das südeuropäische Restaurant war so spät am Abend nicht mehr besonders gut besucht. Aber Klingburg hatte die Angewohnheit, die Nacht zum Tage zu machen. Was bedeutete, dass dieses Restaurant seine ausländischen Spezialitäten bis weit in die Nacht servierte.
Und noch besser, die Küche würde noch bis weit nach Mitternacht warm sein.
Gut gelaunt – zu gut gelaunt, für die eigentlich auswegslose Situation, nahm Ralf an einem Tisch am Fenster Platz. Für einen Moment befürchtete er Komplikationen, eben jede Form von Komplikationen, die er mit Makoto im Gepäck haben konnte. Aber der Gott nahm ohne langes Nachdenken Platz und saß in einer geradezu steifen Pose.
Ein Kellner kam zu ihnen herüber und begrüßte sie freundlich. „Studenten?“, kommentierte er freundlich und reichte jedem eine Karte. Studenten, gerade um diese Uhrzeit waren eine Haupteinnahmequelle für solche Gaststätten.
„Staatliche Klingburg-Universität“, erwiderte Ralf mit einem gewissen Stolz darauf, an der besten der drei Universitäten der Hauptstadt eingeschrieben zu sein.
Ralf warf einen kurzen Blick in die Speisekarte und atmete erleichtert auf. Das Restaurant war wirklich auf Studenten eingestellt.  Die Preise waren sehr moderat. Er würde mit hundert bis hundertzwanzig Real auskommen, falls Makoto nicht über einen Magen verfügte, der das Dreifache dessen vertrug, was sich Ralf bestellen wollte.
Aus großen Augen sah Makoto Ralf an. Kurz flackerte er, wurde für einen Moment zum Mädchen, nur um sich sofort wieder zum Jungen zu verwandeln. „Tschuldigung“, murmelte er. „Ich verwandele mich immer, wenn sich meine Stimmung ändert. Und wenn ich dir dumme Fragen stellen muss, bin ich eben lieber eine Frau. Das macht es mir leichter.“
Ralf wurde rot. „Äh, so darfst du nicht denken, Makoto. Es gibt keine dummen Fragen. Es gibt nur dumme Antworten. Was willst du denn wissen?“
Verlegen verschränkte Makoto beide Hände ineinander. „Bevor ich auf die Untere Ebene herab gekommen bin, habe ich euch Menschen gut beobachtet. Ich weiß also alles über eure Manieren, wie man isst und wie man trinkt. Soweit man das eben erkennen konnte. Aber eines habe ich nicht herausgefunden.“
Ralf sah seinen Gott fragend an. „Und das ist?“
Makoto druckste verlegen. „Wie viel isst man eigentlich?“
Ralf starrte seinen Gott an. Seine Kinnlade klappte nach unten.
„Eine berechtigte Frage, Makoto. Geh einfach davon aus, dass die meisten Gerichte auf der Karte darauf ausgelegt sind, einen normalen Menschen wie dich oder mich zu sättigen. Außer es steht Getränk, Salat oder Vorspeise darüber.“
„Aha.“ Makoto klappte die Karte auf. „Was ist das denn? Nummer Neunzehn?“
„Pizza. Eine Art belegte Teigscheibe. Sehr lecker.“
„Und das hier? Nummer Siebenundvierzig?“
„Überbackene Tortellini. Tortellini sind Teigstücke, in die man Gemüse oder Fleisch eingefüllt hat. Das Ganze wird mit Käse überbacken. Auch sehr lecker.“
„Gibt es auch etwas in dieser Karte, was nicht sehr lecker ist?“, bemerkte der Gott amüsiert.
„Der Fisch“, kommentierte Ralf trocken. „Ich hasse Fisch.“
„Ich weiß gar nicht, ob ich auch Fisch hasse. Aber wenn er hier in der Karte steht, muss es Menschen geben, denen er schmeckt. Vielleicht gehöre ich ja dazu.“
Ralf grinste. „Finde es doch heraus, Makoto. Was willst du trinken?“
„Weiß nicht. Was trinkst du denn?“
„Ich wollte eigentlich ein Bier nehmen“, druckste Ralf verlegen. „Ich weiß aber nicht, ob es dir schmeckt. Die meisten Biere sind leicht bitter.“ `Und enthalten Alkohol, der betrunken macht´, fügte er in Gedanken hinzu.
Makoto grinste. „Vielleicht mag ich leicht bitter.“
„Na dann…“

Eine Viertelstunde später hatten sie ihre Bestellungen. Makoto aß mit sichtlichem Genuss. Und bestellte sich bereits das dritte Bier. „Ich mag leicht bitter“, stellte er fest.
Ralf indes machte sich doch Sorgen darum, dass sein Gott bereits angeschlagen sein könnte.
„Trink nicht soviel davon, Makoto. Du bist es nicht gewöhnt. Wir sollten uns sowieso lieber fragen, wie es ab hier weitergehen soll. Hast du irgendeine Idee? Du sagtest, du bist vom Clan der Erde. Kann dir einer der Tempel helfen?“
„Naaah, vergiss die Tempel. Die brauchen wir nicht. Wie ich schon gesagt habe, wir kriegen eine Starthilfe von meinen Eltern. Es müsste eigentlich jederzeit soweit sein.“
„Hier Ihr Bier, junger Mann.“ Der Kellner stellte das Getränk neben Ralfs Gott ab.
„Danke. Sie sind sehr freundlich.“
„Das sollte man auch sein, immerhin seid Ihr Studenten die Hoffnungsträger unserer Zukunft, oder?“
Ralf glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, aber der Kellner schien seine Worte durchaus ernst zu meinen. „Vielleicht, wenn wir die Gelegenheit bekommen, etwas zu bewegen“, erwiderte Ralf verlegen.
„Da bin ich sicher. Ich kenne eine Menge Studenten. Aber Ihr zwei… Haltet mich nicht für verrückt, aber ich glaube, Ihr seid für Großes bestimmt. Ihr habt großes Talent…“ Der Blick des Kellners fiel auf Ralfs Tasche, aus der ein Ärmel von Makotos Tunica hervorragte. Sofort ging der Kellner auf die Knie und öffnete sie ganz.
„Hey“, beschwerte sich Ralf.
Da hatte der Mann aber bereits die Tunica ausgepackt. „Ein Ravir. Bei den Erdgöttern, ein echter Ravir! Wie kommt Ihr an so etwas?“
Makoto wollte dazu etwas sagen, aber Ralf trat ihn unter dem Tisch.
Erschrocken wechselte der Gott in seine weibliche Erscheinungsform, tauschte aber wieder mit dem Mann, als er Entsetzen in Ralfs Augen glimmen sah.
„Ein Erbstück“, erwiderte Ralf. „Ein uraltes Erbstück.“
„Das ist unglaublich. Götterkleidung ist unter Sammlern Zehntausende wert. Mein Onkel ist ein Antiquitätenhändler. Er würde euch für diesen perfekt erhaltenen Ravir bestimmt, sagen wir hundertzwanzigtausend Real zahlen.“
Makoto lächelte triumphierend. „Hundertzwanzigtausend Real sind eine Menge“, sagte er.
„Ja, das sind sie“, sagte Ralf entgeistert. Das dürfte für ihn und Makoto locker reichen, um das Jahr einigermaßen bequem zu verbringen. „Aber ich kann ihn nicht so ohne weiteres verkaufen.“
„Ich schon“, mischte sich Makoto ein. „Sagen wir hundertfünfzigtausend, und wir sind im Geschäft.“
Der Kellner besah sich die Tunica genauer. „Das Zeichen des Erdclans ist auf der Brust. Meine Vorfahren kommen aus Afrika. Dort ist der Erdclan sehr stark. Er wird sehr verehrt. Mein Onkel wird diesen Preis sicher zahlen, auch wenn er hoffnungslos überteuert ist.“
Makoto verschränkte zornig die Arme vor der Brust. „Von wegen. Hundertfünfzigtausend ist noch viel zu billig. Eigentlich müssten wir das Dreifache fordern.“
Der Kellner senkte den Blick für einen Moment. Als er wieder aufsah, grinste er. „Ertappt. Okay, ich rufe ihn an. Wenn alles gut geht, zahle ich euch noch in dieser Stunde bar aus.“
Ralf bekam große Augen. Zumindest die Geldsorgen waren erledigt.
„Ach, Ralf bekommt noch ein Bier“, stellte Makoto fest. „Selbstverständlich lädst du uns ein, nicht wahr? Die Provision, die du bekommen wirst, ist schließlich nicht von Pappe.“
Wieder grinste der Kellner. „Ihr beide seid mir ja zwei ausgekochte Halunken. Natürlich lade ich euch ein. Und? Willst du auch noch ein Bier?“
„Nein, danke. Ich habe das hier ja noch nicht mal angefangen.“
„Na, vielleicht später. Ich gehe mal schnell telefonieren.“ Sorgfältig faltete der Kellner den Ravir und legte ihn in die Tasche zurück.
„Geldsorgen erledigt“, kommentierte Makoto.
„Bleibt noch die Unterkunft. Und überhaupt, was willst du das ganze Jahr überhaupt machen?“
„Ich dachte, wir bleiben so weit es geht zusammen. Ich habe euch Menschen zwar lange beobachtet, aber ich werde oft deine Hilfe brauchen, wenn ich mich nicht zu sehr blamieren will. Dieses studieren klingt doch gut. Dazu hätte ich schon Lust.“
Ralf nickte. „Ja, das wäre eine Möglichkeit. Dann sollten wir zusehen, dass wir etwas in der Nähe von meinem Campus kriegen. Eine Unterkunft, meine ich.“

In diesem Moment wurde die Tür des Restaurants aufgerissen und ein dicker und kurzatmiger Mann trat ein. Ihm folgte ein hochgeschossener und wesentlich besser trainierter Junge.
„Ralf“, japste der Dicke und ging in die Hocke. „Ralf Schneider, endlich finden wir dich.“
„Markus“, rief Ralf überrascht. „Anselm!“ Markus wollte er heute eigentlich nicht mehr sehen. Nicht, dass er den jungen Mann, mit dem er Geschichte und Geographie studierte nicht mochte, das war es nicht. Aber Markus Holt hatte ihm die Absage für die Wohngemeinschaft gegeben, und das nagte immer noch an Ralf.  Sein Begleiter war Anselm Stein. Er teilte mit Ralf einige der Sportkurse.
Verlegen legte der große Anselm den linken Arm hinter den Kopf. „Ralf, das heute morgen tut uns furchtbar leid. Weißt du, es war ein Riesenfehler von uns, dich nicht in unsere WG aufzunehmen. Dabei wissen doch sowohl Markus als auch ich, dass du ein anständiger und ordentlicher Student bist. Wir…“
Ralf verstand. Verstand mit der Gewissheit eines Mannes, der in einem dunklen Zimmer das Licht eingeschaltet hat. „Der andere hat abgesagt, was?“
Markus grinste schief. „Anselm, ich habe dir gleich gesagt, wir machen es auf die ehrliche Art. Ja, du hast Recht. Der Auslandsstudent hat abgesagt, und nun brauchen wir so schnell es geht einen Nachfolger, sonst werden unserer WG für das laufende Semester die Zuwendungen gestrichen.“
Makoto sah erneut triumphierend herüber. Er hob Mittel- und Zeigefinger und deutete damit eine zwei an. Problem zwei gelöst.
Ralf dachte darüber nach. Und wollte ablehnen. „Wisst ihr, ich lasse euch ja nicht gerne hängen, Jungs, aber…“
„Das ist aber noch nicht alles“, gestand Markus. „Der andere ausländische Student, der den Neuen an uns vermittelt hat, hat ebenfalls abgesagt. Wir haben jetzt also zwei leere Zimmer. Und das kriegen wir dieses Semester nicht so schnell belegt. Deshalb sitzen wir ja so in der Klemme.“
„Ich nehme es“, kommentierte Makoto trocken und nahm einen Schluck Bier. „Ich wollte mich morgen sowieso einschreiben. Ein toller Zufall, dann brauche ich nicht lange nach einer Unterkunft suchen.“
„Phantastisch!“ Markus sprang trotz seiner Fettleibigkeit flink in die Höhe und schüttelte den beiden die Hände. „Das sind doch tolle Neuigkeiten! Willkommen in unserer WG! Wie wäre es, kommt doch nach dem Essen einfach mal zu uns rüber, und ich stelle euch den Rest vor.“
Ralf klappte der Kinnladen herab. So einfach war das also.
Starthilfe. Das hätte er allerdings schon öfter gebrauchen können. Machte es etwa doch Sinn, an Götter zu glauben?

Der Kellner kam an den Tisch zurück. „Hundertfünfzig, okay. Und das Essen geht auf mich.“ Er stellte ein Tablett mit kleinen Gläsern auf dem Tisch ab. Es waren fünf. „Ein gutes Geschäft soll man begießen. Ich dachte mir, eure Freunde wollen vielleicht auch einen. Keine Bange, es ist nur ein Likör.“
Interessiert griff Makoto zu. „Ich bin gespannt, ob mir das schmeckt.“
„Im Moment schmeckt dir ja noch alles, oder?“, kommentierte Ralf spöttisch und ergriff ebenfalls ein Glas.
„Mein Name ist übrigens Giorgio. Prost.“
Die fünf prosteten sich zu und tranken.
„Nicht schlecht. Wirklich nicht schlecht.“ Makoto leckte sich über die Lippen. „Wie viele kann man davon trinken, Giorgio?“
Der Kellner verzog die Miene zu einem Lächeln. „Einer mehr wird schon nicht schaden.
Ach ja, das Geld ist unterwegs.“
„Den nehmen wir noch mit“, beschloss Markus. „Und dann gehe ich mal kurz telefonieren, um den anderen Bescheid zu sagen. Mann, Ralf, damit helfen du und dein Kumpel uns echt aus der Patsche.“
„Makoto. Mein Name ist Makoto.“
„Makoto. Nur Makoto?“, fragte Markus.
Hilflos sah der Gott zu Ralf herüber. Nachnamen, damit war er eindeutig überfordert.
„Yama“, half Ralf aus. „Makoto Yama.“
Dies war das Stichwort für den Kellner. Er kam mit neuen Gläsern und einem prall gefüllten Kuvert zurück. Das Kuvert landete auf dem Tisch, die Gläser gingen reihum.
„Auf die Zukunft“, sagte Georgio nur.
„Auf die Zukunft“, erwiderten die vier.
***
Klingburg lag nicht nur sehr zentral in Mittreich und bot somit allerbeste Verkehrsanbindungen sowohl in Nord und Süd- als auch Ost und West-Richtung, die Hauptstadt war auch einiges gewohnt. Diverse Eroberungsfeldzüge, Dutzende Flüchtlingsströme, einige industrielle und kulturelle Revolutionen, um nur die markantesten Ereignisse zu nennen. Damit einher ging in Klingburg eine gewisse Toleranz gegenüber anderen. Unter dem Motto: Die passen sich schon an, wenn sie erst mal da sind, begegneten die Klingburger den meisten Fremden mit offenen Armen, infizierten sie mit ihrer Lebensphilosophie, übernahmen was immer sie gebrauchen konnten vom Wissen und den Gewohnheiten ihrer Gäste und vielen Fällen neuen Bürgern und machten es zu einer typisch Klingburgischen Tradition, was zu einer sehr vielschichtigen Stadt geführt hatte.
Bestes Beispiel für diese allgegenwärtige Toleranz waren die Tempel. Alle vier Clans hatten hier einen Haupttempel, in dem die Gläubigen beten  oder sich beschweren konnten, wenn sie der Meinung waren, ihr Gott war nicht mit dem nötigen Ernst bei seiner Aufgabe.
Dazu kamen etliche kleinere Tempel, Schreine und Kapellen, die meist einzelnen Göttern aus den vier Stämmen geweiht waren. Nur der Clan des Feuers war hier etwas in der Unterzahl. Der Clan verfügte lediglich über den Haupttempel und eine kleine Kapelle am Stadtrand, die dem Gott Ausyl geweiht war. Denn wenn man auch das Feuer an sich verehrte, so traute man ihm doch auch nicht ganz. Bei aller Toleranz waren die Klingburger dem Stamm des Feuers gegenüber eher skeptisch eingestellt. Wenngleich die Glaubensgemeinde des Feuerclans auch nur klein war, es blieb eine Enklave inmitten der Stadt. Und Ausyl, einer der ranghöheren Götter im Feuerclan, galt als nachsichtig zu seinen Gläubigen, aber auch sehr rechthaberisch, um nicht zu sagen, jähzornig.
Aber solange man das Problem mit konsequentem Ignorieren und einem Dutzend Tempel der anderen Götter in allernächster Nähe zum Haupttempel des Feuers regeln konnte, umso besser. Außerdem war Südamerika, das Hauptland des Feuerclans, groß und Klingburg nicht die einzige Enklave in der Welt. Was die Hoffnung schürte, dass die Feuergötter sowieso keine Gelegenheit oder Lust hatten, um sich um Klingburg zu kümmern. Außer, es geschah etwas Ungewöhnliches.
Etwas sehr Ungewöhnliches…

2.
Eine halbe Stunde später betraten Ralf und Makoto ihr neues Zuhause. Es war eine  alte, ehrwürdige Villa, wie sie in diesem Viertel zur Jahrhundertwende zu Dutzenden gebaut worden waren. Die weiten Salons im Erdgeschoss und das Dutzend Zimmer im Ersten Stock waren geradezu dafür geeignet, eine Wohngemeinschaft aufzunehmen. Wenngleich diese für Studenten geradezu luxuriösen Räume ohne Beihilfen der Uni undenkbar gewesen wären.
Im ehemaligen zum Fernsehraum umfunktionierten Speisesaal im Erdgeschoss hatten sich die anderen Mitglieder der Wohngemeinschaft versammelt.
Es waren zwei Frauen und vier weitere Männer, die ebenfalls an der Staatlichen eingeschrieben waren.
Markus begrüßte die beiden mit leuchtenden Augen. „Makoto, Ralf, willkommen. Äh, hast du gar kein Gepäck, Makoto?“
„Das ist auf dem Flug verloren gegangen“, mischte sich Ralf ein, bevor der Gott die Situation verkomplizieren konnte. „Wir werden morgen früh am Flughafen nachfragen und vielleicht was Neues besorgen müssen.“
„Oh. Na wie dem auch sei. Wenn wir dir was für die Nacht borgen müssen, ich glaube, Jean Duvalle hat die gleiche Größe wie du. Er kommt aus Terre de France.“
Markus deutete auf einen schüchternen, schwarzhaarigen, kleinen Jungen, der auf seinem Platz auf dem Sofa beinahe im Polster verschwand. Er winkte zaghaft herüber und wurde rot, als Makoto mit einem freundlichen Nicken erwiderte. Terre de France war ein großes Land im Westen von Mittland, wusste Ralf. Gegründet wurde es vor zweitausend Jahren von einem Erdclangott, der damit in über siebzehn verfeindete Provinzen einen stabilen Frieden gebracht und dem Land seinen Namen geliehen hatte. Im lateinischen hieß dieser Erdclangott deshalb immer noch Sanctus Francus.
„Ich werde Morgen mal nachsehen“, sagte eine größere und ebenfalls schwarzhaarige junge Frau. Sie lächelte den Gott und Ralf verschmitzt an. „Bonsoir. Ich bin Katy, Jeans große Schwester. Ich glaube, wir kennen uns schon, Ralf.“
„Ja, stimmt. Du bist in meinem Geschichtskurs.“ Ralf schüttelte ihr die Hand.
„Der da hinten, der große Schweigsame ist Shawn Ironheart aus der Native Nation von Nordamerika. Er studiert hier Jura“, stellte Markus ein weiteres Mitglied der WG vor.
Der wirklich recht große Mann nickte den beiden zu, ohne seine dunkle Nische an der Wand zu verlassen. Seine Miene blieb ernst. Einzig ein goldener Anhänger mit dem Symbol der Götter der Lüfte um seinen Hals lockerte seine düstere Erscheinung etwas auf.
„Das ist Freya Helensdottir von der schönen Insel Eisland. Übrigens der größten Enklave der Wassergötter in Europa.“
Die noch recht junge Frau stand auf und kam auf die beiden Neuankömmlinge zu. Sie war beinahe so groß wie Ralf, und damit gut einen Kopf größer als Makoto. Sie war recht hübsch, und ihr Haar hatte den gleichen Farbton wie der des Gottes. Freya reichte beiden die Hand, wobei Ralf bemerkte, dass ihr Händedruck nicht von Pappe war. „Freut mich, euch kennen zu lernen. Ich studiere Theologie und im Nebenfach Psychologie der Götterverehrung.
Hm, Makoto ist ein Nihon-Name, richtig? Warum habe ich noch nie von blonden Nihonjin gehört?“
Ralf wurde plötzlich heiß und kalt. Er konnte ja schlecht mit der Tür ins Haus fallen und Makoto als seinen Gott vorstellen.
Der Gott runzelte die Stirn. „Natürlich hast du noch nicht von blonden Nihonjin gehört. Es gibt ja auch keine.“
Ein aufgebrachtes Raunen ging durch den Raum.
Ralf verspürte das dringende Bedürfnis, sich eine Hand vor den Kopf zu schlagen.
„Und wie erklärst du das dann mit deinen Haaren?“, fragte sie geradeheraus.
Makotos Miene bekam etwas Spitzbübisches. Ralf sah es aus den Augenwinkeln und befürchtete, dass sein Gott die Sache nur noch verschlimmern würde. In Gedanken bereitete er bereits eine Erklärung vor. So selten war es nun doch nicht, dass ein Nachwuchsgott von seinen Eltern auf die Untere Ebene verbannt wurde.
„Ganz einfach“, erwiderte Makoto. „Die Haare sind gefärbt.“
Kurz erhob sich bestätigendes Stimmgewirr, zu dem auch Freya nickte. „Ja, das ist eine Erklärung.“
Makoto blinzelte verstohlen zu Ralf. „Ich habe doch gesagt, ich habe eure Verhaltensweisen beobachtet“, raunte er.
„Anscheinend ziemlich gut“, erwiderte Ralf mit einem fahlen Lächeln leise. „Dann werde ich dir den Gang auf die Toilette wohl nicht erklären müssen.“
Makoto unterdrückte einen Lachanfall und schnaufte durch die Nase.
„Ist was?“, fragte Freya freundlich.
„Nein, nein“, sagte Makoto. „Ich musste nur gerade an was Lustiges denken.“
„Wie dem auch sei“, mischte sich Markus wieder ein. „Der Rotschopf da hinten mit den Sommersprossen ist Ian O´Brien. Er kommt aus Ireland, einer der Gälischen Inseln. Vorsicht, er ist ein ziemlich penibler Anhänger der Erdgötter. Das kann schon mal nervig werden.“
„Red du nur, Markus. Red du nur“, sagte der hagere Rotschopf grinsend und reichte den beiden Neuen die Hand.
„Erdgötter, hm? Na, dann werden wir uns sicher großartig verstehen“, meinte Makoto und bekam dafür von Ralf einen versteckten Klaps in die Rippen.
Für einen Moment wurde Makoto blass, dann wurde er rot. „Ich kann nämlich auch ziemlich gut mit dem Clan der Erde“, fügte er hinzu.
Ralf nickte zufrieden.
„Der letzte in der Runde ist Klaus. Klaus Fischer. Er kommt wie Anselm und ich auch aus Mittreich“, stellte Markus den Größten im Raum vor.
Der kräftige Mann erhob sich und stapfte auf die beiden zu. Er gab jedem seine schaufelartige Rechte und drückte sie mit einer Kraft, die Ralf beinahe die Tränen in die Augen schießen ließ. „Angenehm. Ich bin in der Judomannschaft der Uni und habe dafür auch ein Stipendium. Das brauche ich auch für meinen Studiengang. Ich mache auf Lehramt. Ich will nämlich mal an einer Grundschule unterrichten.“
„Das ist ein Scherz, oder?“, meinte Ralf flapsig.
Der Riese wandte sich ihm zu und blaffte: „Traust du mir das etwa nicht zu?“
Erschrocken hob Ralf die Arme und erwiderte abwehrend: „Nein, nein, es ist nur schwer, dich zu sehen und an einen Grundschullehrer zu denken.“
Klaus´ Gesicht verdüsterte sich. „Tut mir leid“, sagte er endlich. „Ich wollte dich nicht so anfahren, Ralf. Aber manchmal geht eben mein Temperament mit mir durch.“
Er sah wieder auf und strahlte über das ganze Gesicht. „Das mit dem Aussehen ist nicht so schlimm. Das kriege ich öfter gesagt. Aber ich gebe nicht auf! Ich erreiche mein Ziel! Je größer die Herausforderung, desto hartnäckiger arbeite ich daran.“
„Das ist eine sehr wichtige Eigenschaft“, kommentierte Makoto. „Bewahre sie dir, verliere deinen Weg nicht aus den Augen, und du kannst alles erreichen.“
Dem Riesen klappte die Kinnlade herab. Seine Augen schimmerten feucht. „Das ist… das ist das Netteste, was man mir je gesagt hat. Makoto, wir werden sehr gute Freunde.“
„Das ist nett“, sagte der Gott. „Ich glaube, ich kann Freunde auf der Unteren… Autsch, in diesem fremden Land gut gebrauchen.“
„Wie dem auch sei“, mischte sich Markus wieder ein, „ich zeige euch jetzt eure Zimmer. Der Mietanteil warm beträgt pro Zimmer sechshundert Real im Monat. Dazu kommen noch mal dreihundert für die Verpflegung, wenn Ihr euch an der Gemeinschaftsküche beteiligen wollt.“
Markus ging voran, Ralf und Makoto hinterher.
„Wenn Ihr eure Zimmer gesehen habt und im Bad wart und noch nicht schlafen wollt, wir warten auf einen Spätfilm, den wir alle sehen wollen“, rief ihnen Freya nach. „Ihr dürft gerne dazu kommen!“
„Das machen wir vielleicht sogar“, erwiderte Ralf. Aber ein schwammiges Gefühl in den Knien belehrte ihn darüber, dass er es vielleicht doch etwas übertrieben hatte. Als er Makoto und Markus auf die Treppe in den Ersten Stock folgte, gähnte er herzhaft.
Aus dem alten Saal klangen ihnen Stimmfetzen hinterher: „…Makoto ja sooo süß…Ralf schon immer ein netter Kerl gewesen… macht Makoto ja einen sehr netten Eindruck…ist Makoto ja richtig schlagfertig… ist ein Freund des Erdclans auch immer mein Freund…“
„Na, die hast du ja ordentlich um den Finger gewickelt“, murmelte Ralf leise und sah seinem Gott auf den Rücken.
Der drehte sich unverwandt um und strahlte Ralf an. „Ja, nicht?“

„So, das hier sind eure Zimmer. Die Neun und die Zehn. Es gibt hier eine Verbindungstür zwischen den Räumen. Es sind ehemalige Arbeitsräume, deshalb gibt es in ihnen auch keine sanitären Einrichtungen. Ihr müsst das Bad oder die Gästetoilette benutzen. Die Gästetoilette liegt auf diesem Ende des Gangs, das Bad ist unten im Erdgeschoss, wenn man an der Treppe vorbeigeht die mittlere Tür links. Die vordere ist die Küche. Wenn Ihr vor dem Schlafengehen noch baden oder duschen wollt, macht das ruhig. Die Wände unten im Erdgeschoss sind so dick, man hört hier im Ersten überhaupt nichts. Ihr stört also niemanden.“
Markus redete sich richtig in Rage. Dabei grinste er von einem Ohr zum anderen. „Morgen regeln wir dann die anderen Details. Ich nehme nicht an, dass Ihr das Geld bar dabei habt. Ich werde euch dann eine Kontonummer geben. Tut mir leid, dass ich dieses leidige Thema anspreche, aber es muss sein. Auf jeden Fall sind wir euch dankbar, dass Ihr so kurzfristig eingesprungen seid. Vor allem, nachdem wir dich so schlecht behandelt haben, Ralf“, sagte Markus, während er einige Schranktüren aufriss und das Bett zurückschlug.
„Schlecht behandelt? Was?“, brauste Makoto auf, wurde aber von Ralf mit einem verlegenen Lächeln zurückgehalten. „Du verstehst das falsch, Makoto. Er meint natürlich die Ablehnung meiner Bewerbung. Das ist nicht so schlimm.“
„Kannst du so aber auch nicht sagen, Ralf“, murmelte Markus. „Hätten wir uns gleich für dich entschieden, hätten wir den ganzen Ärger nicht gehabt.
So, wer die Neun und wer die Zehn nimmt, überlasse ich jetzt euch. Sagt mir nur morgen Bescheid, ja? Und ach ja, wenn Ihr Lust habt, wie gesagt, es läuft noch ein Film.“
Markus warf den beiden noch einen fröhlichen Blick zu und verließ den Raum. „Die Schlüssel liegen auf den Nachttischen. Nur falls Ihr abschließen wollt oder so. Ansonsten gute Nacht.“

Ralf und Makoto sahen sich an. Makoto nickte schließlich, ging zur Tür und schloss sie. Daraufhin wechselte er in die weibliche Form. „Ich musste einfach mal das Geschlecht wechseln. Es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl, so lange im gleichen Körper zu stecken.“
Ralf lächelte matt. „Unsere Mitbewohner kennen dich jetzt als Jungen, Makoto. Da wirst du wohl öfter und für längere Zeit in dem Körper stecken.“
Die Göttin nickte eifrig. „Ach, das kriege ich schon hin. Das klappt schon irgendwie. Und? Was machen wir jetzt?“
Ralf sah sich um, bis sein Blick an der Verbindungstür zu Raum Zehn hängen blieb. „Ich schlage vor, du nimmst dieses Zimmer und ich das Nebenzimmer. Dann gebe ich dir ein Shirt für die Nacht. Und wenn du willst, können wir vorher noch ins Badezimmer gehen.“
„Hm. Baden. Klingt interessant.“ Makoto trat direkt vor Ralf und sah zu ihm auf. „Ich habe es oft beobachtet, konnte aber nie verstehen, was die Menschen daran finden. Oder warum sie es so sehr genießen. Ich freue mich darauf.“
Ralf schluckte trocken. Wieder hatte er den Verdacht, dass Makoto genau wusste, wie ihre weibliche Erscheinungsform auf ihn wirkte. „Da stelle ich aber eine Bedingung, mein Gott“, sagte er und rieb sich den plötzlich eng werdenden Hals.
„Und zwar, mein Gläubiger?“, erkundigte sich Makoto fröhlich.
„Ich zeige dir im Bad gerne alles was du wissen willst. Aber du musst ein Mann bleiben.“ Ralf sah ihr direkt in die Augen. „Versprich mir das, Makoto.“
Der Gott wechselte wieder in die männliche Form. „Na gut. Weil du es bist. Also, gehen wir baden.“
Ralf seufzte ergeben. Er ging in sein Zimmer, suchte frische Unterwäsche in seinem Gepäck und zog frische Handtücher aus den Schränken.
Für Makoto nahm er noch ein Paar Shorts und das versprochene Shirt heraus. Es würde für ihn – und sie - um einiges zu groß sein, aber zum schlafen sollte es reichen.

Als er wieder ins Zimmer trat, hockte Makoto in seiner männlichen Form auf dem Bett und starrte angestrengt auf das Holzgestell.
Kurz darauf begann es zu knarren. Langsam aber sicher wurden die Pfosten schmaler, das Bett aber breiter.
„Was tust du da, Makoto?“, rief Ralf überrascht.
Der Gott sah auf, und das Bett stoppte im Wachstum. „Es war mir etwas zu schmal. Darum habe ich ein wenig Substanz umverteilt, damit es breiter wird. Keine Angst, es bleibt weiterhin stabil. Und ich glaube nicht, dass die zehn Zentimeter auffallen werden.“
„Hast du eine Ahnung, was einem Menschen alles auffällt“, schnappte Ralf wütend.
Wütend darüber, dass sein Gott so verantwortungslos handelte. Wütend darüber, weil er seinen Gott nicht richtig zurecht wies.
Makoto wechselte wieder in die Mädchenform und sah betrübt herüber. „Meinst du? Wenn du es willst, mache ich es wieder rückgängig. Aber es ist sehr schwierig, diese Art von Materie zu formen. Das hier ist Holz. Das hat mal gelebt.“
„Da gibt es Unterschiede?“, murmelte Ralf erstaunt.
„Oh ja. Viele Erdgötter haben die Fähigkeit, tote Materie zu formen. So wie der Luftclan den Wind beherrscht und die Wassergötter das Wasser. Es gibt sicher Götter, die auch lebende Materie formen können.
Aber ich habe schon Schwierigkeiten, solange der Materie noch die Aura des Lebendigen anhaftet. Vielleicht bin ich noch nicht alt genug, um etwas anderes zu formen als tote Materie.“
„Sehr interessant. Aber könntest du das bitte lassen?“
„Was, Ralf? Das wechseln? Ich werde bestimmt wieder ein Junge, wenn wir runter gehen, versprochen.“
„Nein, Makoto. Ich meine dieses formen. Zumindest an Orten, an denen du damit in Zusammenhang gebracht werden kannst.“
„Ich will es versuchen“, sagte sie leise und betrachtete wehmütig das Holzgestell ihres Bettes.
Ralf warf Makoto ein Handtuch und die anderen Sachen zu. „Hier, für dich.
Wir haben eine Frage ja noch gar nicht geklärt. Müssen wir es eigentlich geheim halten, dass du ein Gott bist? Ich meine abgesehen von der Tatsache, dass uns kaum jemand glauben wird?“
Makotos Blick verdüsterte sich. Sie senkte den Kopf. „Das… wäre vielleicht eine gute Idee. Wir… wir sollten es möglichst für uns behalten, dass ich ein Gott bin. Zumindest, bis ich wieder aufsteigen kann. Es kann für einen Gott auf der Unteren Ebene schon recht gefährlich werden.“
„Okay, dann ist das ja geklärt. Also, wechsele und steh auf. Wir gehen.“
Makoto wechselte wieder in die Jungenform, schnappte sich seine Sachen und erhob sich. „Ich habe heute schon eine Menge Sachen kennen gelernt. Fisch, Geld, Tränen, Bier. Und jetzt kommt noch baden hinzu.“
„Ein langer Tag“, brummte Ralf matt und ging voran. Ein Lächeln stahl sich auf seine Züge. Ein guter Tag.
***
Als sie das Bad betraten, pfiff Ralf anerkennend. Eine Wanne im eigentlichen Sinn gab es nicht. Aber ein riesiges gemauertes Becken, dass Platz genug für vier, fünf Personen geboten hätte, wenn sie die Ellenbogen einzogen.
„Das nenne ich mal eine Wanne“, murmelte Ralf und legte seine Sachen ab. Neben dem Becken stand eine Duschkabine, und kurz überlegte er, ob eine Dusche nicht reichen würde.
Dann aber siegte die Bequemlichkeit. Ein heißes Bad würde beim einschlafen helfen. Und nach der ganzen Aufregung hatte er es sich verdient. Also drehte er den Wasserhahn auf und ließ das Becken voll laufen. Gedankenverloren begann er sich auszuziehen.
„Ähem“, machte Makoto.
Ralf wirbelte herum und ließ vor Schreck die Hose fallen, die er gerade ausgezogen hatte.
„Nur für den Fall, dass du mich vergessen hast, Ralf“, bemerkte der Gott amüsiert.
„Tu-tut mir leid, Makoto“, sagte Ralf hastig.
„Ist schon in Ordnung. Hm, ich denke, so ist es auch ganz gut. Anstatt mir zu erklären was ich beachten muss kannst du es mir zeigen.“
„Äh…“ „Schämst du dich etwa vor deinem Gott?“, fragte Makoto amüsiert.
Resignierend ließ Ralf die Schultern hängen. „Dreh dich bitte um, Makoto. Es gehört sich nicht, andere Menschen nackt zu sehen, wenn sie das nicht möchten. Merk dir das gleich für die Zukunft.“
Der Gott grinste schief. „Oh, Ihr Menschen…“
Er drehte sich gehorsam um.
Ralf vergewisserte sich, dass Makoto ihn nicht im Spiegel sehen konnte, zog auch noch die Boxershorts aus und stieg in das behaglich warme Wasser.
Ja, das tat wirklich gut. Leise seufzte der Student. Diese riesige Wanne war einfach super.
Irritiert sah Ralf auf, als ein Frauenbein neben ihm ins Wasser stieg. „Makoto, was…“, rief er und wendete sofort den Blick wieder ab. Der Gott hatte erneut die Gestalt gewechselt, und noch viel schlimmer, sie war nackt!
Makoto glitt neben ihm ins Wasser. Sie warf ihm einen neckischen Blick zu. „Was ist? Gehört es sich auch nicht, eine nackte Frau anzusehen?“
Ralf spürte, wie er rot wurde. „Das erst recht nicht!“
„Auch wenn sie das möchte? Oder bin ich so unansehnlich, Ralf?“, fragte sie traurig.
Aus einem Reflex heraus sah er seine Göttin direkt an, nur um sofort wieder weg zu sehen und noch ein wenig mehr zu erröten. „N-nein, unansehnlich bist du bestimmt nicht. Aber das gehört sich doch nicht. Wir sind hier in Mittland, nicht in Nihon! Nur in Nihon baden viele Leute zusammen!“
„Oh, Ihr Menschen.“
Nun war sich Ralf vollends sicher. Makoto wusste sehr genau, wie ihr weiblicher Körper auf ihn wirkte. Er spürte eine Bewegung im Wasser, als sie näher rückte. Ralf rückte weiter ab, stieß aber gegen den Beckenrand. Makoto rückte noch ein wenig weiter und lehnte sich auf ihn.
Ralf spürte, wie ihm abwechselnd heiß und kalt wurde. „M-makoto, das ist aber keine gute Idee…“
„Was?“, hauchte sie. „Das ich mit meinem Gläubigen Zeit verbringe?“
„Das du den Körper gewechselt hast und dich so eng an mich drückst“, haspelte er hervor. „M-man kommt ja auf den Gedanken, dass du…“
„Dass ich Sex haben will?“ Makoto kicherte. „Wäre Sex mit mir denn so schlimm?“
„D-du bist eine Göttin! Ich bin nur ein Mensch!“, blaffte Ralf verzweifelt.
„Oh, Ihr Menschen. Manche Götter steigen gerne auf die Erde hinab, nur um das zu haben, was Ihr Sex nennt. Es soll eine sehr schöne Erfahrung sein. Ich würde sie auch gerne machen.“
Ralf versuchte aufzustehen und die Wanne zu verlassen, aber Makotos pure Nähe hinderte ihn daran.
„Und wer wäre besser für diese Erfahrung geeignet als mein Gläubiger?“, hauchte sie.
Er senkte den Blick. „Ja, da hast du vielleicht Recht. Aber…“ Sein Kopf ruckte herum und er sah seiner Göttin direkt in die tiefen, blauen Augen. „Es ist ja nicht so, dass mir dein Körper nicht gefallen würde, Makoto. Nein, sehr sogar. Aber es wäre mir wohler, wenn du heute Abend nichts getrunken hättest. So weiß ich nicht, was aus dir spricht. Das Bier oder der Gott, der wirklich diese Erfahrung machen will. Ich will nicht, dass du morgen irgendetwas bereuen musst.“
Makoto sah Ralf lange Zeit in die Augen. Endlich wendete sie den Blick ab. Sie legte ihren Kopf auf Ralfs Brust und sagte: „Danke, Ralf. Bei dir bin ich in guten Händen.“
Langsam, geradezu widerstrebend legte Ralf die freie Hand auf die Schultern der Göttin und drückte sie noch etwas an sich. Auf der anderen Hand lag sie mehr oder weniger.
„Schon gut. Du bist zwar mein erster Gott, aber ich tue, was ich kann.“
Makoto kicherte leise. „Ja, das tust du. Hm, so ein Bad tut wirklich gut. Das hätte ich früher wissen sollen.“
„Makoto. Ich habe eine Bitte.“
„Und die wäre?“
„Bitte wechsele nicht zum Mann, solange wir in der Wanne sind.“
Sie nahm den Kopf von seiner Brust, sah ihm in die Augen und murrte: „Ihr Menschen. Ihr wisst manchmal wirklich nicht, was Ihr wollt.“
Sie lachte, und Ralf lachte mit. Er hatte diese gefährliche Klippe umschifft, seine Göttin war ihm nicht böse. Für heute sollte eigentlich nichts mehr schief gehen.

„So“, erklang es von der Tür, als sie aufgestoßen wurde, „ich bringe noch ein paar Handtücher.“
Freya grinste hinter dem Stapel weißer Frottee-Handtücher hervor. „Keine Bange, ich gucke nicht.“
Sie hatte kaum ausgesprochen, als sie erstarrte. Mechanisch setzte sie sich wieder in Bewegung, ging zum Schrank und verstaute die Handtücher. Dann wirbelte sie herum. Und erstarrte erneut.
Friedlich saßen Ralf und der männliche Makoto in der Wanne nebeneinander und sahen zu ihr herüber.
„Hast du nicht gesagt, du wolltest nicht gucken, Freya?“, erkundigte sich Ralf höflich.
„Ich…“, stammelte sie, „ich könnte schwören, dass du eben mit einer blonden Frau in der Wanne gesessen hast, Ralf.“
Makoto lächelte gemein und erhob sich. „Nun, wie du sehen kannst, ist hier keine Frau in der Wanne.“
Freya starrte Makoto an. Nun, sie sah nicht gerade in seine Augen.
„Aha“, machte sie. „Bleibt noch die Frage, warum Ihr Kerle zu zweit in die Wanne gestiegen seid. Ich habe euch doch hoffentlich nicht gestört? Ich meine…“
Makotos helles Lachen ließ sie verstummen. „Ich bin aus Nihon, Freya“, dozierte er mit erhobenem Zeigefinger. „Dort baden wir oft zu mehreren, vor allem, wenn die Wanne so groß ist. Es hat etwas von Verschwendung, eine solche Wanne nicht zu einem gemeinsamen Bad zu nutzen. Ralf kennt das schon. Immerhin sind wir seit Jahren Freunde.“
„Sind wir?“, brummte Ralf leise und fügte noch leiser hinzu: „Wie ein paar Jahre kommt es mir allerdings schon vor.“
„Also seid Ihr nicht…?“
„Aber nein, Freya. Übrigens, es ist noch genügend Platz in der Wanne. Willst du uns nicht Gesellschaft leisten?“ Makotos Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen.
„Was?“, rief die Eisländerin. „Was?“, rief Ralf.
Makoto zuckte die Achseln. „Wie gesagt, bei uns Zuhause ist das nichts Ungewöhnliches.“
„Äh, tja, vielleicht ein anderes Mal“, antwortete Freya, machte aber keinerlei Anstalten den Raum zu verlassen.
Makoto trat an den Rand der Wanne, beugte sich etwas vor und raunte der blonden Frau zu: „Übrigens, Freya, mein Gesicht ist hier oben.“
Die Eisländerin wurde puterrot im Gesicht. Ihr Kopf ruckte hoch, sie sah Makoto in die Augen, sie wurde noch eine Spur dunkler. „Oh. OH. Tja, ich meine, danke für die Einladung. Zum Baden meine ich. Na, dann genießt mal das Wasser. Und Handtücher habe ich ja gebracht.“
Mit unsicheren, zögernden Schritten drehte sie sich um und ging zur Tür. Als sie den Raum verlassen hatte, atmete Makoto sichtbar auf.
Auch Ralf senkte den Kopf. Da waren sie ja denkbar knapp an einer mittleren Katastrophe vorbei geschliddert. Eigentlich an zwei. Denn genauso knapp waren sie darum herum gekommen, fortan als schwul zu gelten. Und da Ralfs Interessen eindeutig beim anderen Geschlecht lagen, wäre das auf die Dauer doch etwas hinderlich gewesen.
Wie es bei Makoto war, gerade beim männlichen, nun, Ralf ging einfach mal davon aus, dass ER sich für Frauen interessierte. Und SIE für Männer. Was er am eigenen Leib erfahren hatte.
Makoto drehte sich um. Er lächelte erleichtert. „Das war knapp, was?“
In diesem Moment ging die Tür noch mal auf und Freya sah kurz herein. „Falls ihr noch was braucht…“
„Mein Gesicht ist immer noch weiter oben, Freya“, kommentierte Makoto den Vorgang amüsiert.
Wieder wurde die Eisländerin rot und schloss die Tür.
„Nächstes Mal sollten wir abschließen“, brummte Ralf und ließ sich unter Wasser rutschen.
Neben ihm setzte sich Makoto wieder.
Als Ralf wieder hoch kam, hatte Makoto noch immer die männliche Form.
„Ralf?“
„Ja?“
„Danke. Danke, das du da bist.“
Dem Mittländer steckte plötzlich ein riesiger Kloß im Hals. Er legte seinem Gott eine Hand auf die Schulter und sagte leise: „Danke, dass du gekommen bist.“
***
Eine Stunde später schloss Ralf gerade die beiden Räume Neun und Zehn von innen ab. Er ging kurz in Makotos Zimmer zurück und betrachtete die schlafende Göttin. Sie hatte die Decke fortgestrampelt und lächelte selig. Ihr Kopfkissen hielt sie mit beiden Händen umklammert. Ralf zögerte nicht lange und deckte sie wieder zu.
Dann erinnerte er sich daran, was Makoto gesagt hatte, dass Götter öfters auf die Untere Ebene hinab stiegen, um zu träumen…
„Ich wünsche dir einen schönen Traum, Makoto“, flüsterte er und ging in sein eigenes Zimmer.
Dort ließ er sich aufs Bett fallen. Er dachte über den langen Abend nach. Über sich selbst, über Makoto. Über das Studium. Es würde schon göttliche Hilfe vonnöten sein, um seinen Gott irgendwie als Studenten mitten im Semester eingeschrieben zu bekommen. Und er war sicher, es würde nicht ohne gravierende Schwierigkeiten geschehen.
Ralf erforschte seine Gefühle. Erstaunlicherweise verspürte er keinerlei Ärger. Nein, da war nur eine Freude. Eine alles umspülende Vorfreude auf den morgigen Tag. Auf einen neuen Tag mit Makoto. Auf Ärger, Verwicklungen und Komplikationen. „Mit dir wird das nächste Jahr bestimmt nicht langweilig, mein Gott. Meine Göttin.“
Kurz darauf schlief der Student ein.

Epilog:
Und Makoto träumte.
In einem vollkommen dunklen Raum standen ein junger Mann und eine junge Frau. Irgendwo aus der Finsternis stach ein Lichtstrahl hervor und beleuchtete abwechselnd entweder die Frau oder den Mann. Je nachdem, wer der geistlos wispernden Stimme Rede und Antwort stand.
Der Strahl entriss den Mann der Dunkelheit.
„Was hast du gelernt, Makoto?“, hauchte die Stimme.
Der junge Mann lächelte schief. „Ich habe gelernt zu schmecken. Trinken und essen sind wunderbare Dinge. Ich habe vieles entdeckt was ich mag. Ich freue mich schon darauf etwas zu entdecken, was ich nicht mag.“
Der Strahl wechselte zur weiblichen Form von Makoto.
„Ich habe auch Vertrauen gelernt. Ralf ist ein guter Mensch, der mein Vertrauen wert ist. Vertrauen und Trost. Denn obwohl er selbst in einer schlechten Lage war, hatte er trotzdem Zeit, mir Trost zu spenden.“
„Es wird ein gutes, ein interessantes Jahr“, fügte der männliche Makoto hinzu, der für die Fakten sprach, während die weibliche Form auf Fragen nach Emotionen antwortete.
„Ich werde viel über die Menschen lernen und viel über die Götterwelt, wie sie auf der Unteren Ebene gesehen wird.“
Der Lichtstrahl wechselte wieder zur weiblichen Makoto. „Aber ich werde den Kreis meiner Gläubigen erst einmal nicht erweitern. Ralf reicht mir vollkommen. Der Odem, den er für mich konzentriert, ist mehr als ausreichend. Außerdem weiß ich ja nicht, ob ich bei einem zweiten, einem dritten Gläubigen wieder so viel Glück habe. Viele Gläubige bedeuten auch viele Schwierigkeiten.“
Ein lautes Gelächter erschütterte den dunklen Raum. „Ja, das stimmt allerdings“, bemerkte die körperlose Stimme.
Das Licht erlosch, der Raum versank vollends in der Dunkelheit.
Was für ein Tag.