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Banshee IX - Life on MRC

GeschichteMystery, Horror / P16 Slash
Cyclops / Scott Summers Jubilee / Jubilation Lee Phoenix / (Doktor) Jean Elaine Grey Professor X / (Professor) Charles Francis Xavier Siryn / Theresa Maeve Rourke Cassidy Wolverine
09.10.2010
16.06.2011
26
66.965
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09.10.2010 3.056
 
Sehr schnell hatte Irene ihre Fassung wieder gefunden. Eine andere Wahl als gute Mine zum bösen Spiel machen hatte sie auch nicht. Also hatte sie sich den Dreck aus dem Gesicht gewaschen, einen von Moiras Kitteln übergezogen und sich auf dem Weg zur Krankenstation gemacht.
  Sean stand mit dem Rücken zur Tür an der Untersuchungsliege und drehte sich langsam zu Irene, als er ihre Schritte hörte.
  „Da solltest du Eis drauf packen, Sonic!“ sagte Irene monoton und zog sich einen Stuhl an die Untersuchungsliege.
  „Sonic?“ fragte Mr. Sinclair. „Ich dachte, du nennst dich Banshee!“
  „Das erkläre ich dir später!“ sagte Sean und befolgte Irenes Rat. Er nahm sich ein Kühlpack aus dem Eisschrank und hielt es sich auf die betroffene Stelle.
  „Wie lange sind Sie wieder bei Bewusstsein?“
  „Etwa fünf Minuten!“ antwortete Sean an Stelle von Mr. Sinclair.
  „Ich habe ihn gefragt!“ Irene drehte sich wütend um. „Geh und kümmere dich um deine Frau, Sonic, du stehst mir hier sonst nur im Weg.“
  Sean murmelte noch etwas vor sich hin und verließ dann die Krankenstation.
  „An was können Sie sich erinnern?“ fragte Irene und sah sich die Wunde noch mal genauer an. Material zur Wundversorgung hatte schon jemand für Irene zu Recht gelegt und Irene konnte direkt anfangen. Während sie sich um die Wunde kümmerte hörte sie weiter zu. Schnell bestätigte sich die erste Diagnose von Sandra, denn Mr. Sinclair hatte eindeutige Lücken im Gedächtnis. Dass er sein Kreuz benutzt hatte um den Vampir zu vernichten wusste er noch; doch wie Irene Sandra und auch schließlich er zusammengebrochen sind, wusste er nicht mehr.
„Ich fang dann mit dem Nähen an, versuchen Sie sich nicht zu bewegen!“
  „Als wenn ich dem Rat einer so hübschen Ärztin widersprechen könnte.“
  Genervt verdrehte Irene die Augen. Sie hoffte, dass es an der Gehirnerschütterung lag, dass er mit ihr flirtete und seinen Blick nicht von ihr ablassen konnte.
„Müssen Sie mich so anstarren?“
  „Mache ich Sie etwa nervös?“ fragte er und lächelte süffisant.
  „Nicht so, wie Sie denken!“ Irene schnaubte verächtlich. Sie überlegte, ihm die Augen mit einen Tuch zu verdecken, oder ob sie Moira um Äther bitten sollte.
Sie entschloss sich dann aber doch für das Tuch und beendete ihre Arbeit.
  „Es tut mir Leid, wenn ich Sie angestarrt habe, Miss Kien!“ sagte Mr. Sinclair und es klang ehrlich. „Aber Sie erinnern mich an jemanden.“
  „Das schiebe ich auch auf die Gehirnerschütterung!“ sagte Irene und hoffte, dass er sich nicht doch plötzlich daran erinnern konnte, was damals in Salem Center war.
  „Warum haben Sie mich eigentlich nicht ins Krankenhaus gebracht? Ich meine, nicht, dass ich Ihren Fähigkeiten als Ärztin misstrauen würde…“
  «Er ist ein Patient, also bin ich nett zu ihm!» sagte sich Irene immer und immer wieder. Sie atmete noch mal tief durch und sprach dann ruhig und besonnen weiter.
„Natürlich hätten wir Sie ins Krankenhaus bringen können, aber das hätte zu lange gedauert und hier können wir Sie mindestens genau so gut überwachen. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss ihre Übernachtung organisieren!“


  Schnell merkten die Schüler, dass etwas nicht stimmte. Vlad galt unter den Schülern erst noch als Vermisst und es wurde gemunkelt, dass er dem Vampir zu Opfer gefallen sein soll. Woher die Schüler von dem Vampir wussten war Moira ein Rätsel, aber bisher wusste sie selber nicht, was mit Vlad passiert war.
Sie saß zusammen mit Sandra, Mr. Suko und Sean im kleinen Salon. Bevor sie sich mit den Fragen der Schüler auseinander setzen musste, wollte sie selber erst mal Antworten haben.
  „Hier!“ sagte Sean und riss sie damit aus ihren Gedanken
  „Danke!“ Moira nahm das Glas entgegen und leerte es in einem Zug. Der Scotch brannte ihr in der Kehle, doch das war ihr egal. Sie hielt Sean das Glas hin und forderte noch einen.
  „Bist du dir da sicher?“ fragte Sean.
  Moira schenkte ihrem Mann einen Blick, der keine Widerworte zuließ. „Und bring für Sandra auch einen!“
  „Danke, für mich nicht!“ sagte Sandra und winkte ab.
  „Dann ist der für Irene!“ sagte Moira und trank das nächste Glas auch in einem Zug leer. „Und nun will ich wissen, was passiert ist!“
  „Sollten wir nicht auf Miss Kien und John warten?“ fragte Mr. Suko.
  Wie aufs Stichwort kam Irene durch die Tür. Sie trug noch den langen weißen Laborkittel von Moira und hielt ihre Haare weiterhin unter dem Halstuch versteckt. Sie gab Mr. Suko zur Begrüßung der Hand, lehnte den Scotch dankend ab und wandte sich dann an Moira. „Mr. Sinclair hat sich ein Vulnus lacero-contusum zugezogen, ich hab mich schon drum gekümmert nun und braucht er Ruhe. Wegen der Commotio Cerebri leidet er unter retrograde Amnesie – er kann dir also nicht sagen, was passiert ist.“
  „Wie Bitte?“ fragte Mr. Suko. „Ich habe kein Wort verstanden.“
  „Platzwunde am Schädel, Gehirnerschütterung und Gedächtnislücken!“ übersetzte Sandra und sah dann Irene an. „Kein weiterer Emesis?“
  „Zum Glück nicht!“ Irene seufzte, „Sonst hätte ich die Krankenstation auch noch putzen dürfen!“
  „Das wollen Sie nicht wissen!“ sagte Moira zu Mr. Suko, der wieder aussah als würde er nur Bahnhof verstehen.
  „Dafür will ich aber endlich wissen, was da im Wald passiert ist!“ sagte Sean. Er setzte sich neben Moira und legte einen Arm um sie.
  Sandra und Irene sahen sich an. Irene machte den Anfang und erzählte von ihrer Vision, wie sie auf Sandra traf und wie Vlad sie als Vampir outete und angegriffen hatte; Sandra ergänzte dann, wie John Sinclair sein Kreuz aktivierte.
  „Das Licht haben wir auch gesehen“, sagte Sean. „Und dann hab ich Sandra und John gefunden. Irene lag etwas weiter abseits.“
  „Verzeihen Sie die Frage, Mr. Cassidy, aber wenn Sie von dem Kampf nichts mitbekommen haben, wer hat Ihnen dann den Kinnhaken verpasst?“
  „Das tut nichts zur Sache!“ sagte Sean.
  Moira glaubte aus dem Augenwinkel zu sehen, dass Irene verlegen weg sah, fragte aber nicht weiter nach. Ihr war viel wichtiger zu wissen, was mit ihrem Schüler passiert war.
  „Er war wirklich ein Vampir“, sagte Sandra. „Ich habe gesehen, wie er versucht hat Irene zu beißen.“
  Mr. Suko nickte: „Und wenn John sein Kreuz benutz hat, dann ist der Vampir nun keine Gefahr mehr für Sie oder irgendjemand anderen.“
  „Vlad ist also wirklich… tot?“ fragte Moira und sah durch die Runde. Auch wenn er nie der war, für den er sich ausgegeben hat und vielleicht sogar Unschuldige getötet hatte, so war er doch ihr Schüler gewesen. Langsam wurde ihr immer mehr bewusst, wen sie in ihr Haus gebeten hatte und welcher Gefahr sie sich, ihrer Familie und ihren Schüler ausgesetzt hatte.
  Sean drückte seine Frau an sich, doch Moira wollte keine tröstende Umarmung; was sie wirklich wollte – und auch im Moment brauchte -  war noch ein Drink.


  Nachdem Irene sicher war, dass sie nicht zwingend in der Nähe von John sein musste, erlaubte sie ihm die Nacht im Hotel zu verbringen, wo sein Kollege sich um ihn kümmern würde. Kurz drauf hatten John und sein Kollege das MRC verlassen und Sean hatte seine Frau dazu überredet schon schlafen zu gehen, da er befürchtete, Moira würde sonst die Flasche Scotch noch vor dem Abendessen geleert haben.
  „Sean, kannst du den Küchendienst für mich übernehmen?“ fragte Irene ihn. „Ich koche dann morgen; nur jetzt würde wahrscheinlich alles anbrennen lassen!“
  „Kein Problem! Ich denke, wir haben noch genug Tiefkühlpizza um alle satt zu bekommen.“ sagte Sean.
  „Dann ist gut. Ihr braucht aber nichts für mich aufbewahren, ich mache mir später selber etwas!“
  Eigentlich wollte Sean Irene noch bitten wenigstens mit ihnen zu Essen, aber da war sie schon in ihrem Zimmer verschwunden.
  „Soll ich dabei sein, wenn Sie mit den Schülern reden?“ fragte Sandra.
  „Wäre vielleicht besser“, Sean seufzte. Eigentlich wollte er zu seiner Tochter um mit ihr zu reden, aber er wusste Terry in guter Gesellschaft.
Der Weg zum Wohnzimmer, wo alle anderen Schüler noch waren, erschien ihm länger als sonst.
Er musste den Schülern erklären, dass Vlad ein Vampir war und...
Wie sollte er nur etwas erklären, was für ihn selber noch unbegreiflich war?
  „… Kopftuch trägt?“
  „Wie bitte?“ Sean blieb stehen und sah Sandra an.
  „Ich habe gefragt, was mit Irene ist, weil sie ein Kopftuch trägt.“
  Sean musterte Sandra, doch dann fiel ihm wieder ein, dass sie erst wieder bei Bewusstsein war, als Irene bereits den Mantel von Pietro anhatte und ihre Haare unter der Kapuze versteckt hatte.
Sicherlich würde Sandra Irenes verhalten verstehen, aber er hielt es für besser, wenn er Sandra den Grund nicht nannte.
„Am besten ist, wenn du Irene selber fragst!“ sagte Sean. „Bei Frauen und ihrer Eitelkeit halte ich mich raus!“
  „Sie wissen es also selber nicht?“ mutmaßte Sandra und erinnerte ihn dann daran, dass die Schüler ein Recht auf die Wahrheit hatten. „Besser wir sagen direkt was passiert ist, bevor noch die unmöglichsten Gerüchte aufkommen.“
  Erneute seufzte Sean: „Ja, besser ist das…“


  Sam freute sich schon seit dem Aufstehen darauf, dass sie endlich mal wieder Zeit für einen Videochat mit Irene hatte. Doch kaum hatte sich das Bild aufgebaut, da merkte Sam, dass es ihrer Verlobten nicht gut ging. Sie hatte blutunterlaufene Augen von dunkeln Ringen umrandet waren und sie trug ein Handtuch um den Kopf, obwohl sie nicht wirkte, als wenn sie gerade geduscht oder ein Bad genommen hätte.
„Was ist los mit dir?“
  „Ich hatte einen langen Tag!“ sagte Irene. „Um ehrlich zu sein, es war eine lange Woche!“
  „Empathie funktioniert nicht übers Internet, aber ich sehe doch, dass du mich anlügst.“
  „Ich will nicht darüber reden!“ sagte Irene.
  Obwohl Irene und Sam tausende Kilometer trennten, hatte Sam doch das Gefühl, als wenn jemand ihr die Luft abschnüren würde. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass jemanden etwas sehr nahe ging.
  „Und wie war dein Wochenende bisher, Honey?“
  „Gut!“ Sam grinste in die Kamera und hoffte, dass Irene nicht bemerkte, wie falsch dieses Grinsen im Moment war.
  „Sam, du kannst mich genau so wenig anlügen wie ich dich!“
  Das war es also, was Irene so belastete: Sie machte sich Sorgen!
„Kim hat sich gut um mich gekümmert und ich hab gestern nicht wirklich was getan.“
  Irene verzog skeptisch das Gesicht: „Nicht wirklich?“
  „Die Mädchen haben in Annas Zimmer eine Pyjamaparty gemacht und ich war mit eingeladen.“ Sam berichtete von der Nacht in Annas Zimmer, wie Kurt die Party gestört hatte und Jubilee die Situation gerettet hatte.
  „Ich hätte zu gerne sein Gesicht gesehen!“ lachte Irene.
  „Und ich erst. Als ich unter dem Bett lag konnte erst seine Verwirrung spüren und dann ist ihm die Sache wohl ziemlich peinlich gewesen.“
  „Er ist bestimmt wieder lila geworden!“
  „Das denke ich auch!“ stimmte Sam ihr zu und erzählte ihr, was beim Frühstück war.
  „Da wäre ich zu gerne dabei gewesen!“ sagte Irene.
  Sam glaubte zu sehen, wie Irene eine Träne wegblinzelte. „Ich vermisse dich!“
  „Ich vermisse dich auch!“ sagte Irene, „Aber es ist ja nicht mehr lang, dann sehen wir uns wieder!“
  Sam nickte und dann sahen sie sich einfach nur an und genossen den Moment. Doch sehr schnell wurde Sam klar, dass Irene noch immer etwas bedrückte.
„Willst du wirklich nicht darüber reden?“
  „Vielleicht ist es besser…“ Irene wischte sich über die Augen. „Ich hab dir doch von Vlad erzählt und meinen Blutproben.“
  „Hatte Vlad wirklich was damit zu tun?“
  „Ja, das hatte er!“ Irene nickte, „Er war wirklich ein Vampir…“
  Wie gebannt hörte Sam zu. Es kam ihr vor, als wenn sie einer Gruselgeschichte lauschen würde, doch die Emotionen und auch alles andere waren Realität.
„Wie gut, dass er nur deine Proben genommen hat und nicht auch noch euch gebissen.“
  „Glück im Unglück!“ wieder lachte Irene gezwungen.
  „Und was ist nun mit dem Geisterjäger?“ Sam war sich sicher, dass sie Irene ihr noch etwas verheimlichte und sie wollte herausfinden was es war.
  „Sein Kollege war hier und hat ihn mitgenommen. Auf dem Festland haben sie ein Hotelzimmer nahe dem Krankenhaus.“
  „Du bist sicher froh, dass du ihn los bist!“
  „Nicht nur ich. Rahne kann ihn auch nicht Leiden und Sandra ist – warum auch immer – auch nicht gut auf ihn zu sprechen. Ich werde morgen noch mal nach ihm sehen.“
  „Du und dein Pflichtbewusstsein!“ Sam lachte, wurde aber schnell wieder ernst. „Und wie gehen die anderen damit um, jetzt, das Vlad ein Vampir war.“
  „Moira hab ich den Rat gegeben, sich einen Drink zu genehmigen, aber ich hab so das Gefühl, dass sie in der zwischenzeit betrunken ist…“
  „Was?“ Sam riss erstaunt die Augen auf.
  „Mach dir keine Sorgen, Sandra ist bei ihr und Sean wollte mit den Schülern reden. Ich hab mich dann wieder in mein Zimmer verkrochen, weil…“
Irene hielt inne und wandte traurig den Blick ab.
  „Schon gut!“ sagte Sam tröstend. „Du musst nicht darüber reden. Ich kann verstehen, wenn dir das erlebte nahe geht.“
  „Du hast ja keine Ahnung…“ wisperte Irene und wischte sich wieder über die Augen.
  „Irene, was ist los?“
  „Er hat mich Anni genannt!“ sagte Irene.
  „Wer hat dich so genannt?“ fragte Sam.
  „Nachdem ich Mr. Sinclair genäht hatte, hab ich ihn noch allein gelassen. Er ist eingeschlafen, was in seinem Zustand nicht ungewöhnlich ist. Als ich ihn dann später weckte, um sicher zu gehen, dass er transportfähig ist, da nannte er mich Anni.“
  „Vielleicht hat er von seiner Freundin geträumt“, mutmaßte Sam.
  „Vielleicht…“ Irene seufzte. „Aber sein Kollege wusste nichts von einer Freundin.“
  „Aha!“ Sam nickte, „Und warum bedrückt es dich dann so, dass er dich Anni genannt hat?“
  „Meine Großmutter wurde immer so genannt!“ Tränen rannen Irene die Wangen runter. „Und ich sehe ihr verdammt ähnlich. Wenn ich mir Fotos aus ihrer Jugend ansehe, dann könnte das ich sein…“
  Nun wusste Sam, was Irene auf der Seele brannte und sie bereute es gefragt zu haben. Manchmal ist ein offenes Ohr einfach die beste Hilfe wenn jemand Probleme hatte; doch dieses mal bereut Sam es, dass sie Irene ihre Hilfe nahezu aufgedrängt hatte. Sie glaubte, dass sie alles nur noch schlimmer gemacht hatte.
  „Tut mir Leid, ich bin einfach zu nah am Wasser gebaut!“ sagte Irene und schnäuzte sich kräftig. „Seitdem ich hier bin merke ich erst, wie sehr du mir fehlst.“
  Sam wusste nicht, was sie erwidern sollte. Sie sah Irene einfach nur an und wünschte sich, sie könnte ihre Verlobte einfach in den Arm nehmen um ihr halt zu geben.
  „Wie geht es eigentlich Anna?“ fragte Irene.
  „Ach, hab ich dir das nicht erzählt?“ Sam konnte sich ein grinsen nicht verkneifen, als sie Irene erzählte, dass Alex und Mike sich um Anna kümmerten.
Schnell merkte Sam, dass sie Irene auf andere Gedanken gebracht hatte und ihre Laune sich etwas besserte.


  Sam und Irene redeten noch fast zwei Stunden, aber dann wollte Irene das Gespräch beenden, weil sie müde war.
  „Ich muss auch wieder los!“ sagte Sam, „Ich habe Prinz versprochen noch mal mit ihm auszureiten!“
  „Dann gib ihm einen Apfel von mir!“
  „Mach ich!“ versprach Sam. „Ich schreib dir dann morgen eine Mail, wenn ich wieder zu Hause bin!“
  „Okay. Wir chatten dann Dienstag, wenn du wieder zu Hause bist!“
  „Auf jeden Fall!“ Sam winkte in Webcam. „Ich liebe dich!“
  „Ich liebe dich auch!“ sagte Irene, beendete den Videochat und klappte den Laptop zu. Das Irene wieder an ihre Großmutter erinnert wurde, war auch Jahre nach ihrem Tod noch schwer für sie und es tat ihr gut mit Sam darüber geredet zu haben; Sie konnte Sam nicht sagen, was sie wirklich belastete! Sie konnte Sam nicht die Wahrheit sagen, da sie wusste, wie sehr Sam es liebte, wenn sie Irene die Haare machen konnte. Sie konnte ihr doch nicht zeigen was Vlad ihr angetan hatte. Nicht jetzt und schon gar nicht auf diesem Weg….
Irene ging ins Bad, stellte sich vor den Spiegel und nahm das Handtuch vom Kopf.
Tränen rannen ihr die Wangen runter, als sie ihr Spiegelbild genau betrachtete.
Jahre hatte es gedauert, bis Irenes Haar so lang geworden war, dass es ihr bis zum Po reichte. Und nun fehlte ihr mindestens ein halber Meter Haar.
Was jetzt noch dran war, waren nur unregelmäßige Strähnen. Die längsten Haare reichten ihr nicht mal bis auf die Schultern und die kürzesten Strähnen bedeckten gerade mal den Übergang vom Kopf zum Nacken.
Natürlich hatte sie oft daran gedacht, sich die Haare schneiden zu lassen, aber Sam hatte sie immer davon überzeugt es nicht zu tun. Doch nun wurde Irene die Wahl abgenommen.
„Ich sehe schrecklich aus…“ Irene zog sich noch ein letztes trockenes Blatt vom Kopf und fragte sich, ob ein Biss in den Hals nicht vielleicht besser gewesen wäre.
Ein lautes Klopfen riss Irene aus ihren Gedanken. Schnell wickelte sie sich das Handtuch wieder um den Kopf und ging zur Tür.
  Sandra stand vor der Tür und sah Irene an. „Komme ich Ungelegen?“
  Irene ging nicht darauf ein, sondern fragte Sandra direkt, was sie wollte.
  „Ich wollte nur sicher gehen, dass es Ihnen gut geht.“
  „Danke der Nachfrage, aber ich brauche nur etwas Ruhe!“ sagte Irene und wollte die Tür schon wieder schließen, doch Sandra stellte ihren Fuß in den Rahmen.
„Was soll das?“
  „Irene, ist wirklich alles in Ordnung? Seitdem sie sich mit dem Vampir angelegt hatten, sind sie so… anders.“
  „Ich brauch wirklich nur etwas Zeit für mich“, sagte Irene deutete mit einem Nicken auf Sandras Fuß. „Wenn ich bitten darf!“
  „Wie Sie meinen“, Sandra seufzte. „Aber wenn Sie reden wollen, dann können Sie gerne zu mir kommen.“
  „Danke, aber ich habe gerade mit Sam über Webcam gesprochen und nun will ich wirklich nur Ruhe haben, damit ich morgen keine Migräne habe!“
  „Verstehe“, sagte Sandra nahm dem Fuß aus der Tür. „Gute Nacht, Irene.“
  „Gute Nacht, Sandra!“ Irene schloss die Tür, legte sich ins Bett und knautschte ihr Kissen vor der Brust.
Es waren nur Haare, die Irene verloren hatte, und dennoch schmerzte es sie mehr als alles andere.
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