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Durchgeplant

von Saakje
KurzgeschichteMystery, Familie / P6 / Gen
03.10.2010
03.10.2010
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Durchgeplant, durchgeplant bis zum Ende.

Genau das war mein Leben. Und ich hasste es. Denn nicht ich hatte den Plan erstellt, sondern meine Eltern. Ich hatte - wie geplant - gerade mein Abi in der Tasche. Danach hatte ich den Führerschein gemacht. Den hatten mir meine Eltern zusammen mit einem kleinen Apartment in der Nähe der Uni geschenkt. Ohne Wissen meiner Eltern hatte ich zusätzlich zum normalen Führerschein noch den für Motorräder gemacht. Oh, was war ich stolz darauf gewesen. Ein Akt der Rebellion. Als ob der etwas änderte ...

Und jetzt stand ich hier vor dem Kleiderschrank und überlegte, was von diesen Klamotten ich anziehen sollte. Heute Abend sollte eine kleine Party bei dem Geschäftspartner meines Vaters stattfinden. Party ... wieder langweilig herumstehen und mich von Frédéric, dem Sohn des Hauses, volllabern lassen. Frédéric war Teil des Lebensplans für mich. Den würde ich heiraten. Das wäre perfekt für die Firma.

Ich hatte die Wahl zwischen etwas Seriösem – perfekt für Geschäftsessen oder für die Uni in den Augen meiner Eltern. Oder etwas Elegantem, mit dem ich mich sogar auf einer Oscarverleihung hätte sehen lassen können. Meine Jeans fiel mir in die Finger. Die hatten meine Eltern noch nie an mir gesehen und würden es wohl auch nie. Ich wusste jetzt schon, was sie dann sagen würden.

Es klopfte und ich stopfte schnell die Jeans wieder in die hinterste Ecke des Schranks und öffnete. Meine Mutter stand vor der Tür. "Beeil dich bitte und komm dann kurz ins Wohnzimmer. Wir haben eine kleine Überraschung für dich." Ich seufzte, heute war eigentlich kein besonderer Tag, es konnte also nur ein neuer Plan meiner Eltern sein.

Also streifte ich mir ein schwarzes Abendkleid über. Knielang, der Ausschnitt mit Pailletten und Perlen bestickt, dazu sehr schlichte Ohrringe ... Damit konnte ich mich wirklich auf einer Gala präsentieren. So ging ich zu meinen Eltern. Ich sah meine Mutter bei meinem Anblick zufrieden nicken. Allein dieses Lächeln – als ob sie noch einmal einen Raum vor einer großen Party inspizierte und die letzten Fehler ausgebügelt worden sind. Doch ich riss mich zusammen, es hatte sowieso keinen Zweck etwas zu sagen. Sie merkte es nicht einmal, wenn sie mich wie einen Gegenstand behandelte. Einen wichtigen und wertvollen Gegenstand – aber eben nicht mehr.

Mein Vater übergab mir einen Umschlag. "Das ist für Dich." Ich öffnete ihn. Zwei Eintrittskarten für die Bayreuther Festspiele, Tannhäuser um genau zu sein. Ich hasste Opern, ich verabscheute Wagner – aber immerhin war dies das einzige Stück, das kürzer als vier Stunden war. "Zwei?" Mein Vater nickte. "Frédéric wird dich begleiten. Eurer erster gemeinsamer Auftritt." Meine Mutter lächelte zufrieden. "Schön nicht wahr? Aber wurde auch Zeit."

"Und was ist, wenn ich nicht will?"
"Das hatten wir doch schon. Du wirst dich benehmen." Die Stimme meines Vaters war schneidend. 'Benehmen' - das war die Umschreibung für Gehorchen, nichts anderes. Ich zuckte bei dem Tonfall zusammen, nickte dann langsam. Als ich mit gesenktem Kopf den Raum verließ, sah ich das stolze Schmunzeln meines Vaters. Er gewann immer.

Ich ging zurück in mein Zimmer, doch meine Mutter folgte mir. "Direkt danach könnt ihr dann für zwei Wochen die Villa an der Cote d'Azur nutzen. Ist schon alles organisiert." Sie strahlte regelrecht. "Dort warst du doch immer gern."

'Nur nicht mit einem Typen, für den ein einfaches Friedrich nicht gut genug ist', dachte ich still. Ein gemeinsamer öffentlicher Auftritt, danach ein gemeinsamer Urlaub ... Meine Verlobung war also bereits konkret geplant. Es machte mir Angst. Ich nickte erneut und setzte ein Lächeln auf. Gut gelaunt ließ mich meine Mutter endlich allein.

Missmutig betrachtete ich mich im Spiegel: das war nicht ich, das war nicht mein Leben. Endlich hatte ich die passende Handtasche gefunden. Daneben lag noch die weiße, die ich letzte Woche dabei hatte, als ich diesem Mann begegnet war ... Nur einen Moment zögerte ich, dort war noch eine Karte auf dem ich seine Nummer und Anschrift notiert hatte. Ich griff zielsicher in den Schrank – meine Jeans. Rasch schlüpfte ich hinein, riss mir das Kleid vom Leib, streifte ein schlichtes Top über und zog meine Sneaker an.

Ich packte meinen größten Rucksack, stopfte noch ein paar Kleidungsstücke hinein, die genauso unangebracht waren. Ich sah mich kurz um, doch fand nichts, was mir wirklich etwas bedeutete. Als ich die halbvolle Teekanne auf meinem Schreibtisch stehen sah, kam mir eine Idee. Grinsend nahm ich sie und goss den Tee langsam und genüsslich über meine sorgfältig aufgehängten Kleider und Blusen im Schrank. Aus dem Bad holte ich die Flüssigseife und das Shampoo und verfuhr mit meiner restlichen Kleidung auf die gleiche Art und Weise. Die war jetzt nicht mehr zu gebrauchen, zumindest nicht heute.

Ich sah noch einmal in den Spiegel. Meine Kleidung war unpassend für eine Party. Aber genau richtig, um mein altes Leben zu verlassen. Mit Lippenstift schrieb ich auf den Spiegel: "Ihr braucht nicht auf mich zu warten, nie wieder." Noch einmal sah ich mich um, und verließ dann mein Zimmer durch die Terrassentür.

     ...

Als ich aus dem Taxi bei der Adresse auf der Karte stieg, wurde es bereits dunkel. Ich ging hinein, ein altes sorgfältig renoviertes Fabrikgebäude. Ich klingelte und die Tür zu einem riesigen Loft wurde geöffnet. Groß war er, seine blonden Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt. Im Moment trug er nur eine schwarze Jeans und lächelte mich an. Er trat einen Schritt zur Seite um mir Platz zu machen."Du willst jetzt also doch mein Angebot annehmen?" Seine Fangzähne schimmerten als er sprach.

Ohne zu zögern, ging ich hinein.

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Mit Dank an DiamondDove http://www.fanfiktion.de/u/DiamondDove fürs Betalesen :)
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