Lazy Town: Der Waldgeist

GeschichteHumor / P6
Freddie Faulig Sportacus Stephanie
03.10.2010
16.05.2011
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03.10.2010 4.128
 
War der letzte Herbst eher grau und trist gewesen, so würde er diesmal sonnig und bunt werden. Ja, einen richtig goldenen Herbst mit allem was dazugehörte. Stephanie war im Park und guckte sich versonnen die Bäume an, deren dichtes Blätterdach so herrlich bunt schimmerte. Der Wind strich um die Zweige und nahm einige Blätter mit sich fort auf eine kleine Reise. Wohin, das wusste wirklich nur der Wind. Stephanie war so in ihren Träumereien vertieft, dass sie ihren Onkel überhaupt nicht bemerkte. Er war an sie leise herangetreten und schien ihre Gedanken erahnen zu können. Auch er beobachtete aufmerksam die sich wiegenden Zweige, spürte den Wind und sah den Blättern nach. In Gedanken sendete er ihnen einen kleinen Gruß – und es konnte sein, dass er in diesem Moment auch ein wenig traurig wurde. Es kommt immer der Zeitpunkt, an dem man Abschied nehmen muss, dachte er. Ganz gleich was es ist, nichts ist von Dauer.
„Onkel Meinhard?“
„Hm?“
„Ich habe dich gar nicht kommen hören. Siehst du die vielen bunten Blätter? Aber du guckst ja so traurig, was ist denn?“
Meinhard legte dem Kind seinen Arm um die Schulter. „Ich habe nur gerade über etwas nachgedacht. Es gibt Momente, da werde ich ein bisschen melancholisch, aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“
„Worüber hast du denn nachgedacht?“
„Hmmm, weißt du...ich dachte nur gerade, dass man immer Abschied nehmen muss von Dingen, die man liebgewonnen hat. Schau, der Sommer ist schon wieder vorbei.“
„Und der Baum nimmt gerade von seinen Blättern Abschied.“ Die beiden sahen wieder in die Baumkrone.
„Den Sommer habe ich auch sehr gern“, gab Stephanie zu, „und ich bin auch jedesmal ein wenig traurig, wenn er geht. Aber jetzt kommt der Herbst und er kann genauso schön werden, ganz zu schweigen von dem Winter. Und dann begrüßen wir wieder den Frühling!“ Stephanie sah ihren Onkel an, der immer noch ein bisschen traurig wirkte. „Wenn es nach mir ginge“, meinte sie, „dann dürfte sich auch nichts ändern. Manchmal möchte ich jeden Tag und jede Stunde festhalten. Aber stelle dir vor wie das wäre, wenn sich gar nichts mehr ändert...das wäre doch auch nicht richtig und es käme nichts neues mehr.“
„Ach Gottchen! Da hast du natürlich recht. Wenn du jetzt schon so weise bist, wie wirst du dann, wenn du erst mal groß bist?“

Nach einer kleinen stillen Weile teilte Stephanie ihren großen Wunsch, den sie verspürte, mit ihrem Onkel. „Es wäre schön, jetzt im Wald zu sein und die ganzen bunten Bäume zu sehen, solange sie noch ihre Blätter haben.“ Meinhard stimmte dem zu. Das wäre wirklich eine wunderschöne Idee. Nur gab es in der Nähe keinen Wald, dafür musste man wieder mal weite Wege in Kauf nehmen. Zum Glück hatten sie ja Sportacus. Und der würde auch nicht „nein“ sagen.
„So ein Waldspaziergang um diese Jahreszeit wäre wirklich himmlisch“, sprach Meinhard. „Aber ihr Kinder wollt doch bestimmt über Nacht zelten? Dafür ist es leider schon zu kühl.“
„Nein, wir müssen nicht unbedingt übernachten. Ich möchte nur den ganzen Wald in seinem Herbstkleid sehen,  am Nachmittag könnten wir noch ein Lagerfeuer machen und gegen Abend sind wir wieder zu Hause.“ Dagegen gab es wirklich nichts einzuwenden. Stephanie setzte ihre Idee sogleich in die Tat um und besprach alles mit ihren Freunden, bevor sie Sportacus eine Luftpost schickte. Es dauerte nicht lange und Sportacus sandte eine Antwort in Form einer Papierschwalbe:

Tolle Idee! Ich werde mich sofort auf die Suche nach einem kleinen Wäldchen machen und sage euch dann Bescheid.
Sportacus

Es dauerte etwa eine halbe Stunde bis Sportacus zurück kam und Bericht erstattete. Er traf die Kinder am Spielplatz. Stephanie lief sofort auf ihn zu. „Und, hast du ein kleines Wäldchen für uns gefunden?“
„Nein.“
„Oh...“ Das Mädchen sah ihn enttäuscht an.
„Ich habe sogar einen großen Wald für euch gefunden!“, sagte Sportacus verschmitzt. Stephanie lächelte sogleich wieder. „Eigentlich komisch, dass wir vorher nie auf die Idee gekommen sind“, meinte Sportacus zu den Kindern, die ihn jetzt umringten. „Im Sommer hätten wir campen oder eine Schnitzeljagt machen können. Jetzt im Herbst ist es auch nicht schlecht, aber es wird früh dunkel und frostig.  Nichtsdestotrotz gibt es viel zu sehen. Wart ihr überhaupt schon im Wald?“
„Noch nie, wenn ich ehrlich bin“, gab Trixie zu. „Was soll man denn auch da?“
„Also ich kann auf Ameisen und alles andere gut verzichten“, sagte Meini entschieden und strich über sein Sparschwein. „Und Schweini auch.“
„Ich war mal im Wald!“, rief Ziggy. „Da standen immer so kleine Figuren und haben Geschichten erzählt...“
„Du meinst doch nicht etwa den Märchenwald in diesem ollen kleinen Freizeitpark?!“ Trixie schüttelte sich ordentlich vor Lachen. „Das ist doch was für Babys!“ Sportacus begann sanft einzugreifen bevor Ziggy gänzlich beleidigt war. „Also im Wald sieht es so ähnlich aus, nur ohne die Figuren und vor allem ist der Wald viel größer. Du wirst es schon selbst sehen, Ziggy. Das ist etwas ganz anderes. Vor allem duftet es dort ganz anders.“
Der Kleine guckte ihn selbstsicher an. „Ich weiß schon. Es duftet nach Essen. Wenn man aus dem Märchenwald kam, stand da immer eine Imbissbude.“ Sportacus konnte sich das Lachen mal wieder nur schwer verkneifen. „Im Wald wirst du keine Imbissbuden finden. Ich sehe schon: Es wird allerhöchste Zeit, dass ihr mal ein bisschen Natur kennen lernt.“

„Was gäbe es dort auch schon zu essen?“, fragte Trixie und rief, als stände sie gerade mit einem Imbisswagen im Wald: „BAAAUUUMRINDE! GANZ FRISCH EINGETROFFEN! AMEISEN IN SCHOKOOOLADE! FRISCHES MOOS UND BLINDSCHLEICHEN!“
„Ja pfui Deibel!“, rief Freddie Faulig, der gerade in seinen Hambuger beißen wollte, den er sich eben gekauft hatte. Er stand jetzt still und ihm war bei Trixies Ausruf ganz übel geworden. „Verkauft hier jemand exotische Spezialitäten? Na danke, ohne mich.“ Er sah seinen Hamburger einen Augenblick an und packte ihn kurzerhand zurück in die Papiertüte. Der Appetit war ihm leider vergangen. Er stand genau gegenüber von Sportacus und den Kindern, und weil er jeder Konversation aus dem Weg gehen wollte, machte er sich so klein, dass man ihn hinter der Mauer nicht mehr sehen konnte. Während er an ihnen vorbei kroch, bekam er unweigerlich das Gespräch mit. „Aber im Wald gibt es doch auch Tiere?“, fragte Ziggy weiter. Sportacus nickte.
„Sind das sehr wilde Tiere?“
„Es könnte sein, dass es dort Wildschweine gibt. Aber sicher bin ich mir da nicht, weil ich noch nie in diesem Wald war.“
„Wild...schweine? Wilde Schweine?“ Ziggy bibberte ein bisschen, obwohl er noch nie eines gesehen hatte. Allein das Wort klang – naja, sehr wild.
Meini blickte empört, so als hätte jemand ein unanständiges Wort gesagt. „Wildschweine! Das wäre aber wirklich kein Umgang für meinen Schweini! Die sind bestimmt so wild, die essen nicht einmal mit Messer und Gabel!“
„Gibt es denn Schweine, die mit Messer und Gabel essen?“, fragte Pixel erstaunt.
„Das weiß ich nicht. Schweini hat es bis jetzt auch nicht getan. Ich werfe sein Futter immer durch seinen Rücken, in seinen Sparschlitz. Es schmeckt ihm auch immer ganz wunderbar.“
„Bei ihm ist das ja auch was anderes“, sagte Pixel trocken.

Nun musste Ziggy wieder an seinen Märchenwald denken und ihm wurde bei einem Gedanken ganz himmelangst: „Im Märchenwald gab es auch Hexen – ich meine, die waren nicht echt, aber gibt es im echten Wald etwa auch echte Hexen?“
Sportacus schüttelte den Kopf. „Nein. Daran glaube ich nicht.“
„Und Geister?“
„An die glaube ich erst recht nicht. Morgen werden wir lauter interessante Sachen sehen, aber mit Sicherheit keine Hexe und keinen Geist.“
„Und wenn es Geister gebe, dann hausen die eh nur in Schlössern. Von einem Waldgeist habe ich noch nie etwas gehört“, sprach Trixie und wusste gar nicht, dass sie Freddie soeben auf eine ganz fiese Idee gebracht hatte.
„Wenn es euch recht es, brechen wir um 12:30 Uhr auf“, sagte Sportacus. „Denkt dran, euch vorher richtig zu stärken. Aber für unser kleines Abenteuer braucht ihr nichts zu essen mitzunehmen, das mache ich dann schon. Doch nehmt euch am besten eine warme Jacke mit. Hm, da fällt mir gerade noch etwas ein...“ Der Superheld wandte sich an Pixel. „Macht es dir was aus, wenn du all deine technischen Geräte zu Hause lässt?“ Pixel war geschockt. „Was...? Wieso denn?!“
„Ich möchte, dass ihr mit euren eigenen Sinnen forscht. Das ist faszinierender, als du jetzt vielleicht glaubst. Und es wäre gut, wenn du keine Videospiele oder Musik Player mitbringst. Das gilt übrigens auch für euch alle. Denn dort wo wir hingehen, könnt ihr eine ganz andere Art von Musik hören.“ Stephanie ahnte, was Sportacus damit meinte: Den Gesang der Vögel. Ihre Freunde konnten mit diesem Wink aber nicht sehr viel anfangen und Pixel war noch immer nicht überzeugt. „Könnte ich nicht wenigstens meinen Laptop mitnehmen, für den Fall, dass wir uns verlaufen? Dann finden wir leichter zurück.“
„Falls das passiert, ist unser Spürsinn gefragt, mein lieber Pixel“, sagte Sportacus, „Die eigenen Augen und Ohren sind die besten Hilfsmittel die es gibt.“
„Und wenn der totale Notfall eintritt? Was machen wir dann?“
„Dann haben wir ja noch das Luftschiff, das mit allem ausgerüstet ist. Außerdem werde ich selbst so einiges in meinen Rucksack packen, wie zum Beispiel Pflaster und Verbandszeug. Mach dich deswegen nicht verrückt. Das wird kein Überlebenstraining, wir übernachten nicht einmal dort! Und, wie sieht's aus?“ Pixel war nicht sehr begeistert, aber er gab sein Versprechen und versicherte mitzukommen, genau wie seine Freunde. Ziggy fühlte sich auch nicht so ganz wohl, aber er schwieg. Eigentlich wäre er doch lieber in den Märchenwald gegangen.

Freddie kroch ein Stück weiter und hastete von einem Baum zum anderen, um sich dahinter zu verstecken. In seinen Gehirnwindungen arbeitete es unentwegt und er konnte es kaum erwarten nach Hause zu kommen. In seinem Versteck suchte er alles zusammen was er brauchte. Er wusste, dass er noch eine alte, dicke und besonders puschelige Decke besaß. Die wollte er von einem knalligen Orange zu Grasgrün färben. Es tat ihm keinesfalls leid deswegen, denn in dem Stoff saßen bereits die Motten. Als Freddie die Decke kräftig ausschüttelte, ergriffen sie in Scharen die Flucht. Die Löcher die sie hinterlassen hatten, machten Freddie auch nichts aus. Die waren sogar recht praktisch, so brauchte er sich keine Gucklöcher schneiden. Aus dieser Decke sollte ein neues Kostüm werden.
„Sie werden dem fürchterlichsten Waldgeist entgegenstehen, den sie je gesehen haben!“ Er setzte sich in den Sessel und machte sich sogleich ans Werk. Kaum hatte er den ersten Nadelstich gesetzt, fiel ihm ein, dass er, um die Kinder zu erschrecken, dafür extra in den Wald musste. Welcher Wald war wohl gemeint? Freddie kramte in den Schubladen und suchte eine vollkommen zerknitterte Landkarte heraus. „Das wird wohl dieser Wald hier sein“, grübelte er und tippte mit dem Zeigefinger auf die Karte. „Der liegt am nächsten, wenn man das so sagen kann, denn der Weg dorthin ist nicht gerade ein Katzensprung. Aber mit dem Luftschiff kein Problem. Bloß wie komme ich wohl am besten dorthin?“
Freddie kratzte sich am Kopf. Eine kleine Motte flog erschrocken aus seinem Haarschopf und suchte das Weite. „Ich kann mich schlecht ins Luftschiff schmuggeln, ich wüsste gar nicht, wo ich mich dort verstecken sollte. Es wäre auch besser wenn ich noch vor den Kindern im Wald ankäme. Sieht so aus, als müsste ich meinen Elektroroller startklar machen. Und packen muss ich auch noch! Na, das wird ja mal wieder eine Heidenarbeit werden...!“

Freddie seufzte sehr tief und ließ sich wieder in den Sessel plumpsen. Einige Motten flogen erschrocken auf. Freddie zuckte erst vor Schreck zusammen bevor er sie energisch davonscheuchte. Den nächsten Tag konnte Stephanie kaum abwarten. Ihre Freunde waren da weniger begeistert. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, was Stephanie an einem Wald so wundervoll fand. Für Pixel waren Wälder finstere Orte, in denen Riesenspinnen von den Bäumen hingen oder giftige Pilzmännchen umherwuselten. In seinen Videospielen hatte er die Waldlevel immer so kennen gelernt. Für Meini war ein Wald – oder die Natur im Allgemeinen – ein Ort voller Chaos und Schmutz und stellte für ihn keinerlei Reiz dar und Trixie wusste nicht, ob sie pure Langeweile verspüren oder sich freuen sollte. Auf jeden Fall gab es dort keine penibel gepflegten Gärten, die man nicht betreten durfte. Nur war ein Wald dafür geeignet, um Roller zu fahren und Fußball zu spielen?

Und Ziggy plagte die Sorge, ob es denn nicht doch so etwas wie ein Geist in den Wäldern umherstreifte oder sogar eine böse Hexe. Er brachte eine unruhige Nacht hinter sich. „Knusper, knusper Knäuschen“, hörte er immer wieder die Stimme der alten Hexe aus dem Märchenwald singen, „wer knuspert an meinem Häuschen?“ Ziggy wusste ganz genau, dass er einem leckeren Knusperhäuschen mit Sicherheit nicht widerstehen konnte. Gleich morgen musste er Sportacus unbedingt daran erinnern, bevor es zu spät war. Freddie hatte mal wieder alle Register gezogen, nur um die Kinder zu erschrecken. So packte er am nächsten Vormittag sein geschneidertes Waldgeistkostüm in den riesigen Rucksack. Aber das war nicht seine einzige Verkleidung, denn er hatte sich sogar noch eine zweite Rolle ausgedacht, in die er schlüpfen wollte. Er verstaute alles, was er seiner Meinung nach für eine gruselige Vorstellung brauchen könnte. Nebenbei stopfte er Proviant hinein und zum guten Schluss auch noch eine Schaufel, die er mit dem Stiel voran in den Rucksack steckte.  

„Die Gören und Sportadingsbums werden sich vor lauter Schreck in die Hosen machen!“ Er schulterte den schweren Rucksack und schob seinen Roller Richtung Ausgang. Nur brauchte er zum Glück keine Treppen steigen. Für seine Fahrzeuge, die er sich manchmal baute oder auch bestellte, hatte er einen extra großen Ausgang, der so breit und hoch war, dass sogar sein selbstgebautes Piratenschiff bequem darin Platz fand. Und einen Notausgang hatte er so zusätzlich. Der einzige Nachteil daran war, dass dieser Ausgang ziemlich weit außerhalb der Plakatwand lag. Er verlief schräg nach oben und endete an einem großen Erdhügel, den Freddie selbst aufgeworfen und mit Gras übersät hatte. Darin befand sich eine große, eckige Tür, der Tarnung halber ebenfalls mit Gras überwachsen. Freddie drückte die Tür vorsichtig einen Spalt auf, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war. Als er wusste dass er allein war, stieß er sie ganz auf und schob seinen Elektroroller ins Freie. Danach verschloss er seinen zweiten Ausgang wieder. Bis jetzt hatte niemand Verdacht geschöpft, obwohl der Hügel aus dieser sonst so flachen Gegend deutlich herausstach. Aber wer sollte sich schon unnötig Gedanken darum machen?

Das einzige was Freddie wurmte war die Tatsache, dass er mit seinem schweren Gepäck noch lange nicht so komfortabel reisen konnte wie die Kinder. Aber dafür ging es nicht weniger zügig voran. Trotzdem wäre auf einer asphaltierten Straße die Reise viel bequemer gewesen. So sauste Freddie mit fast halsbrecherischem Tempo über Wiesen und kleine Erdlöcher hinweg. Letzteres war ungemein quälend. Freddie wusste schon jetzt, dass er an diesen „Ausflug“ noch lange denken würde. „Grüne und blaue Flecken werde ich haben!“, motzte er vor sich hin. „Ich werde mich eine ganze Woche nicht mehr auf meinen Sessel setzen können! Und das alles nur wegen diesen Nervensägen, diesen Gören, diesen...aaaarrgghh!“
Kurz darauf raste er über einen besonders großen Maulwurfshügel, dessen Erbauer gerade woanders einen neuen Gang grub. Freddie machte einen  großen Hopser. Als er landete, schepperte ihm das große Schaufelblatt, das aus dem Rucksack ragte, direkt auf den Schädel. Aber auch sein Hinterteil wurde ein weiteres Mal in Mitleidenschaft gezogen. In der Luft schwirrten Schmetterlinge und einige Pusteblumensamen umher und obwohl Freddie einen Helm auf hatte, war er jetzt genauso genervt wie Meini. Er fühlte sich ständig gestört, weil dieses „Kleinzeug“ immer vor ihm herflog. „Natur! Wer hat sich so etwas nur ausgedacht?!“ Freddie Faulig erreichte früh sein Ziel. Ja, er hatte sogar noch eine Stunde Zeit um seinen Plan vorzubereiten. Er stieg vom Roller, sah sich etwas misstrauisch um - denn der Wald war auch ihm nicht geheuer - und schob sein Gefährt in den Wald hinein.

„So, alles einsteigen!“, rief Sportacus fröhlich und lud sie in sein Zuhause ein. Wie von Sportacus angeraten, hatten die Kinder keinen Proviant mitgenommen und auch sonst hatten sie nur wenig dabei. Stephanie hatte ein kleines, aber dickes Buch über Pflanzen und Tiere bei sich und für alle Fälle einen Notizblock. Außerdem hatte sie ihre Digitalkamera mitgenommen. „Ist das in Ordnung?“, fragte sie vorsichtshalber nach. Sportacus hatte nichts dagegen, schließlich wollten sie von dem Ausflug ein paar Erinnerungen mitnehmen. Trixie hatte an ihren Fußball gedacht und Pixel hatte außer einer wärmeren Jacke überhaupt nichts mit, was er im Nachhinein doch ein wenig bereute. Allerdings ließen noch zwei Freunde auf sich warten: Ziggy und Meini. „Die haben bestimmt Schiss gekriegt!“, meinte Trixie. „Meini mit seinem Ordentlichkeitstick und Ziggy mit seiner kindischen Angst vor Hexen und Geistern!“
„Sei nicht zu hart zu ihnen“, sagte Sportacus. „Etwas ganz neues zu sehen und zu erleben ist zwar aufregend, es ist aber auch vollkommen ungewohnt. Manche haben Vorurteile oder sogar Angst und darüber sollte man sich nicht lustig machen.“
„Und du hast auch mal an einen Geist geglaubt und Angst gehabt, genau wie wir alle  – dabei war es damals nur Freddie gewesen“, erinnerte Stephanie ihre beste Freundin. Trixie gab sich geschlagen. „Hmm, ist schon gut. Ich will nichts gesagt haben.“
„Da hinten kommen sie!“, rief Pixel. Er guckte durch die offene Luke und begab sich dann auf die Aussichtsplattform. Sportacus ging vorsichtshalber hinterher, denn hier oben war schon so manchem Besucher schwindelig geworden.
„Ja, da sind sie wirklich“, bestätigte Sportacus.
„Aber sie lassen sich ganz schön Zeit“, sagte Pixel. Der Superheld verließ mit seinem Freund die Plattform, verschloss die Tür und kletterte die Strickleiter hinunter.
„So wie das aussieht, muss ich ihnen helfen.“
Trixie war ganz anderer Meinung. „Helfen? Du solltest ihnen lieber Beine machen! Ansonsten stehen wir noch bis heute Abend hier!“
„Was meint Sportacus damit? Wieso brauchen sie Hilfe?“, fragte Stephanie.
„Wahrscheinlich hilft er ihnen, das schwere Gepäck entweder nach Hause oder ins Luftschiff zu tragen.“ Das Mädchen sah Pixel erstaunt an. „Gepäck?“  
Genauso war es. Trotz der Abmachung hatten die beiden Kinder eine Unmenge an überflüssigen Habseligkeiten mitgenommen. Ziggys Rucksack war halb so groß wie er selbst und platzte fast aus allen Nähten. Meini hatte neben seinem Rucksack zwei große Koffer bei sich, die er auf Rollen hinter sich herzog. Sportacus wusste zuerst nicht was er dazu sagen sollte. „Wir sind doch nur ein paar Stunden weg  – was ihr da mitschleppt, reicht ja für Wochen! Du meine Güte! Was ist das alles?!“ Meini sah ihn nur verständnislos an. „Glaubst du wirklich und wahrhaftig, dass ich mich auf so eine gefährliche Expedition begebe, ohne dafür gerüstet zu sein?“
„Was denn für eine Expedition?“, lachte Sportacus. „Wir erkunden einen Wald und keinen Dschungel! Das wird höchstens ein Spaziergang. Das habe ich euch aber gestern schon gesagt.“
„Ein Wald und ein Dschungel sind für mich dasselbe. Mücken gibt es dort genauso. Und wilde Tiere. Und überhaupt ist alles so....“, Meini verzog voller Ekel sein Gesicht, „alles ist so schmutzig. Überall liegt der Dreck von den Tieren herum. Überall Keime. Aber vor allem...Dreck.“
„Das ist eben Natur, mein lieber Meini. Wo Tiere leben, hinterlassen sie auch Dreck, wie du es nennst. Der wiederum sehr nützlich ist.“
„Warum baut man den Tieren trotzdem keine Toiletten?“
„Meini, darüber reden wir im Luftschiff. Wir warten alle auf euch! Und Ziggy, was um Himmels willen...OH!“ Ziggy kippte in dem Moment hintenüber. Sportacus bekam ihn gerade noch zu fassen. „Das liegt an meinem Rucksack“, meinte der Kleine.
Sportacus ging um Ziggy herum und fasste sich entsetzt an seine blaue Zipfelmütze. „Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich so einen Rucksack gesehen!“
„Praktisch, nicht? Der ist von Papa. Da passt alles rein.“
„Nein, ich meine, ich habe noch nie einen gesehen, der so vollgestopft war!“
Meini nickte nur. „Ja, tritt lieber zurück. Der könnte jeden Moment platzen. Also bitte nicht berühren.“ Sportacus fragte, obwohl er die Antwort bereits ahnte: „Sind da etwa Süßigkeiten drin, Ziggy?“
„Ja, das sind alles Süßigkeiten.“ Der Superheld stieß einen Seufzer aus und Ziggy erklärte schnell: „Du hast doch nur gesagt, dass wir kein Essen mitnehmen brauchen! Und Süßigkeiten sind doch nichts richtiges zum Essen...“
„Das stimmt allerdings!“
„Eben, und da dachte ich...also da hab ich...“ Ein wenig verschämt senkte er den Kopf. Er wusste schon, dass es nichts weiter als eine dumme Ausrede war. Bloß war es für Ziggy einfach unvorstellbar gewesen, einen ganzen Tag ohne seine Schleckereien auszukommen, und als Nervennahrung waren sie zusätzlich gedacht. Nicht zuletzt sollten sie ihn sogar vor der Hexe schützen! War es nicht einfacher, mit einem Bauch voller Süßem einem Lebkuchenhaus widerstehen zu können?
„Egal, daran können wir jetzt nichts ändern“, sagte Sportacus. „Alles zurückzutragen kostet zuviel Zeit. Wir laden einfach alles ins Luftschiff.“ Er nahm Ziggys Rucksack und die zwei Koffer von Meini. Die allerdings ins Luftschiff zu laden, war etwas unhandlich. Durch die runde kleine Luke mit der Strickleiter passten weder die Koffer, noch der große Rucksack. Aber daran waren nicht die Kinder schuld, sondern höchstens der Konstrukteur dieser luftigen Behausung. Also setzte Sportacus das Gepäck am Boden ab, stieg ins Luftschiff und „angelte“ die Sachen von seiner Aussichtsplattform nach oben. Mit einem starken Seil und dem Enterhaken ging das aber vortrefflich.

„Da hättest du ja gleich einen Wohnwagen mitnehmen können!“, sprach Trixie entrüstet.
„Was – daran habe ich gar nicht gedacht! Warum hast du mir das nicht schon gestern gesagt? Dann hätte ich...“ Stephanie schüttelte den Kopf. „Jetzt bleib mal auf dem Teppich“, sagte sie.
„Das tue ich ganz bestimmt. Den Teppich habe ich nämlich auch mit! Äh, naja, eigentlich ist es eher ein Läufer...“ Stephanie warf einen resignierten Blick zu Sportacus. „Tja, wie auch immer – jetzt sollten wir los“, meinte er, „setzt euch hin und schnallt euch an.“
Fünf eckige kleine Hocker kamen aus dem Boden gefahren. Eigentlich waren es keine richtigen Hocker, Sportacus benutzte sie als Trampolin. Wie fast alles in dem Luftschiff waren die Sportgeräte auch als Möbel einsetzbar. Die Gurte befanden sich einfach unter dem Sitz. Mit einem Handgriff konnte man sie leicht herausziehen. Jetzt war es ganz still im Luftschiff. Die Kinder genossen die großartige Aussicht die sich ihnen vor dem Panoramafenster bot, dabei waren sie noch nicht einmal gestartet. Sportacus sprang ins Cockpit, schnallte sich an und drückte einen Knopf. Somit aktivierte er ein Mikrophon und die Lautsprecher. „Ich begrüße euch nochmal ganz herzlich in meinem Luftschiff! Uns erwartet eine kurze, aber schöne Fahrt. “
„Wieso Fahrt? Ich dachte wir fliegen?“, fragte Ziggy.
„Luftschiffe und Heißluftballons fahren, auch wenn sie fliegen“, erklärte Meini. „Das sagt man eben so. Man spricht deswegen auch von der Luftfahrt.“
„Aha, soso“, sagte Ziggy etwas tonlos. Er hatte es nicht verstanden.
„Schau mal, ein Schiff fährt doch normalerweise auch durch das Wasser. Und das Luftschiff hier fährt auch, aber durch die Luft.“
„Wenn ein Schiff im Wasser ist, dann schwimmt es doch?“
„Nein, es fährt. Alle Schiffe fahren.“
„Sie schwimmen. Da kannst du mir sagen, was du willst. Ein Schiff hat doch keine Räder!“
„Seid ihr alle angeschnallt?“, wollte Sportacus wissen. Seine Freunde bejahten und dann ging es  los. „Endlich fliegen wir!“, rief Ziggy und Meini gab damit die Diskussion über das Fliegen und Fahren endgültig auf. Es dauerte auch gar nicht lange und Sportacus und seine Freunde hatten ihr Ziel erreicht. Als das Luftschiff langsamer wurde und schließlich ganz stoppte, lösten die Kinder ihre Gurte und liefen nach vorne. Unter ihnen war der Wald zu sehen. Es war ein sehr großes Waldstück und am schönsten waren die großen und herbstlich bunten Baumkronen. Noch hatte ihnen der Herbstwind kaum Blätter entreißen können und der Anblick war so herrlich, dass nicht nur Stephanie ganz andächtig zumute wurde.

„Das ist unbeschreiblich!“, schwärmte sie. „Habe ich es euch nicht gesagt, wie wunderschön das ist? Es sieht aus wie ein Gemälde!“
„Einfach wundervoll!“, stimmte Sportacus zu.
Pixel war nicht weniger begeistert. „So viele Farben und Details – das würde jedem Programmierer schwer fallen! Und dann der Wind, der durch die Bäume streift....Ohne Grafikfehler würde man das in einem Spiel nicht hinkriegen.“
Selbst Ziggy vergaß seine Angst und Meini war davon auch ganz angetan. „Vielleicht sollte man doch einen weiteren Blick riskieren.“
„Das denke ich auch, Freunde.“ Sportacus öffnete die Bodenluke und warf die Strickleiter nach unten. „Ich steige als Erster aus. Wartet bis ich unten bin, dann kommt ihr nach. Denn falls jemand von euch runterfällt, kann ich ihn dann auffangen.“
Die Kinder warteten geduldig und einer nach dem anderen kam hinunter. Es waren nur noch Ziggy und Meini übrig. „Traust du dich?“, fragte Meini seinen Freund. „Es kann ja nichts passieren.“ Er sah sich jedoch schnell nach dem Gepäck um. „Hm – aber wir haben unsere Sachen vergessen!“
Meini ging zu seinen Koffern und Ziggy schulterte seinen schweren Rucksack. Er hatte ganz vergessen, dass die Luke viel zu eng für ihn und seinen Rucksack waren und als er es merkte, war es auch schon zu spät: Ziggy steckte fest!
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