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Geister geben niemals Trinkgeld

Kurzbeschreibung
GeschichteParodie, Übernatürlich / P12 / Gen
26.09.2010
11.08.2011
19
24.208
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26.09.2010 1.574
 
Teil 2
Für den kleinen Lachanfall zu Hause


Zum Glück geschah das ganze an einem Freitag (den 14., nicht dass hier irgendjemand denkt, hier würden alle Klischees bedient), was bedeutete, dass ich zwei Stunden früher Feierabend machen konnte.
Ich hatte Hep und Groucho davon überzeugen können, dass es wahrscheinlich etwas Aufsehen erregen würde, wenn sie zusammen mit mir in der Straßenbahn fahren würden, so dass sie versprachen, mich und die Anderen erst wieder in meiner Wohnung zu treffen.
Mir schwirrte der Kopf. Das hatte vermutlich auch etwas damit zu tun, dass ich direkt hinter einem Mann saß, gegen den ein Büffel  wie eine Parfümfabrik roch. Hauptsächlich jedoch lag es an der Tatsache, dass ich Geister sah.  
Kurze Zeit später hielt die Straßenbahn, und ich wankte nach Hause. Nach zwei Minuten Fußweg stand ich vor der Tür meiner Wohnung, kramte den Schlüssel heraus und steckte ihn ins Schloss.  Noch während ich ihn knirschend umdrehte, fiel mir ein, dass ich bisher eigentlich immer noch nicht wusste, was diese Gespenster eigentlich von mir wollten. Und noch wichtiger: Was sollte das eigentlich heißen, dass sie mich mit den Anderen in meiner Wohnung treffen wollten?
Ich trat in den Flur und wusste es.
„Guten Abend, mein Herr, wir habe sie schon erwartet.“ Eine Gestalt in einer Mönchskutte und einem unförmigem Buckel über der rechten Schulter winkte mich herein. Wie bei einem Chamäleon schauten seine Augen in zwei verschiedene Richtungen.  
„Marty Feldmann“, stellte ich verdutzt fest.
„Ganz recht, ganz recht! Kommen sie, im Wohnzimmer warten die Anderen schon alle auf sie!“
Mit einem sehr unguten Gefühl der Vorahnung öffnete ich die angrenzende Tür.  
Ich weiß nicht mehr, was mir zuerst auffiel, das Pferd oder sein Reiter. Vielleicht doch eher das Pferd. Es war schneeweiß und schnaubte aufgeregt. Und vor allem stand es mitten auf dem Perserteppich.
„Ah, Sester, mein Junge, da sind sie ja! Nun, Soldat, sieht so aus, als würden wir zusammen eine Schlacht schlagen, wie?“
Ich starrte in das markige Gesicht der Person im Sattel.  Der Mann trug die Uniform der US Army aus dem Zweiten Weltkrieg. An seiner Koppel hingen zwei silberne Revolver mit Elfenbeingriffschalen.  Eine blaue Schärpe lief quer über seine Brust und seinen Kopf zierte ein Stahlhelm mit den drei Sternen eines Generalleutnants.
„Augenblick mal! Sie sind nicht General Patton! Sie sind George C. Scott! Sie haben den General nur einmal in einem Film gespielt“, bemerkte ich etwas ärgerlich.
„Nun, das ist wohl richtig. Hätte damals den Oscar dafür kriegen sollen, aber ich habe abgelehnt.  Was sollte ich auch mit so ‘ner kitschigen Statue?“
„Ich hab‘ meinen Oscar gerne angenommen“, sagte eine zarte Stimme vom Sofa. Hep saß dort neben Groucho, der kurz in seiner Jacke kramte und schließlich einen Ehren-Oscar hervorkramte. „Besser als das Teil hier. Das geben sie dir erst, wenn du kurz vorm Abtreten bist.“
Ich schloss die Tür und stellte mich vor den Fernseher, da ich von diesem Platz aus das ganze Zimmer (und meine Besucher) überblicken konnte. Mitchum war wieder aufgetaucht, diesmal als mexikanischer Bandido verkleidet, und diskutierte gerade mit Elvis darüber, ob amerikanischer oder schottischer Whisky besser wäre.  
„Also schön“, begann ich und stemmte die Hände in die Hüften. Das sollte zumindest einmal den Eindruck von Entschlossenheit erwecken. „Jetzt mal für die Blöden: Warum schickt mir der Himmel einen Haufen toter Filmstars? Wenn es wirklich zu einer Katastrophe kommen sollte, wären dann nicht andere Leute . . . Geister . . . besser geeignet?“ Mit einem Seitenblick auf Scott, der gerade versuchte, sein Pferd davon abzuhalten, meine Geranien zu fressen, fügte ich hinzu: „Den echten General Patton zum Beispiel?“
Hep schüttelte den Kopf.  „Jeder Geist tut das, was er am besten kann. Wir sind in unseren Leben Schauspieler gewesen. Die Leute mögen uns auch jetzt noch, darum haben wir die Aufgabe bekommen, die Welt  - sozusagen als Botschafter - auf das vorzubereiten, was kommen wird.“
Ich runzelte die Stirn. „Wären Engel und Heilige nicht besser für diese Art von Ankündigung geeignet?“
Groucho lachte laut auf. „Also bitte.  Wenn hier irgendwo ein Typ auftauchen würde, der behauptet, ein Gesandter des Herrn zu sein, würde man ihn doch sofort in eine Klapsmühle stecken. Oder noch schlimmer: Man würde ihm eine eigene Talkshow geben.“
Ich schauderte bei der Vorstellung. So etwas sollte man niemanden antun – schon gar nicht einem  Boten Gottes. Bei der großen Konkurrenz würde er vermutlich im Nachmittagsprogramm  landen und sich mit Themen herumschlagen wie „Ich habe ein Kind von meinem eigenen Mann – was soll ich nur meinem Liebhaber erzählen?“
Zudem kam mir in den Sinn, dass es angesichts der ganzen religiösen Fanatiker auf der Welt wahrscheinlich eh besser war, auf das ganz große Brimborium zu verzichten.  Sonst würden sich einige selbsternannte Gotteskrieger womöglich aus purer Freude in die Luft sprengen, weil ihnen am Tag zuvor einige Wali Allahs erschienen waren, die vom nahen Untergang berichtet hätten.
In diesem Augenblick bahnte sich eine wirklich wichtige Frage ihren Weg durch die zahlreichen Windungen meines Gehirns.  „Augenblick mal. Wieso sprecht ihr eigentlich alle meine Sprache?“ Ich sah fragend in die Gesichter der Gespenster in meinem Wohnzimmer. Dann kratzte ich die Reste meiner Bibelkenntnisse zusammen und erinnerte mich an Pfingsten. „Hat das was mit dem heiligen Geist zu tun, oder wie?“
Groucho stand auf, legte einen Arm um meine Schulter und raunte mir verschwörerisch zu: „Junge, ich geb dir mal einen Tipp: Schon mal was von Synchronsprechern gehört?“
Ich hatte erwartet, dass die Berührung durch den Geist wie ein kalter Luftzug sei, aber der Arm des Marx-Brothers stellte sich als erstaunlich fest und warm heraus. In etwa so, wie wenn man seine Hand in Badewasser taucht. Außer, dass es nicht so nass ist.
„Na schön“, meinte ich schließlich,  „aber was wollt ihr eigentlich von mir?“
Scott schwang sich elegant aus dem Sattel, band die Zügel seines Pferdes an die Stehlampe und kam mit einem ernsten Ausdruck im Gesicht auf mich zu.  „Du sollst uns helfen, die Menschheit auf den großen Kampf vorzubereiten.“
Ich fühlte, wie mein Herz eine Etage tiefer sank. „Es wird also wirklich einen Krieg geben? Zwischen wem? Himmel und Hölle? Gut gegen Böse?“
Hep stand auf, trat neben Scott. „Das dürfen wir Ihnen noch nicht sagen.“  Sie senkte den Blick, wie um sich zu entschuldigen. „Aber glauben Sie uns, Sie werden noch alles erfahren. Bis dahin . . .“
Das Klingeln an der Tür unterbrach sie. Ich rannte zum Fenster, spähte zwischen den Vorhängen hindurch auf die Person vor der Tür. Ich erwartete, Charlie Chaplin zu sehen, der mal kurz auf einen Kaffee vorbeischauen wollte.
Stattdessen stand dort die Frau, die ich heiraten wollte. Sie wusste nur noch nichts davon.

---


Julia Wannstein.

Ausgerechnet Julia Wannstein.

Natürlich Julia Wannstein!

Es musste ja so kommen. Mein Wohnzimmer war voll verstorbener Prominenz (vom Pferd erst gar nicht zu sprechen) und die Frau, der ich mein Herz schenken wollte, stand vor der Tür.
Von allen Zeitpunkten, den sie sich für einen Besuch aussuchen konnte, würde keiner ungeeigneter sein, als dieser, dachte ich. Immerhin war ich angezogen und roch auch einigermaßen passabel.
„Wer ist das? Ihre Freundin?“ Hep schaute mir interessiert über die Schulter.
„Nein – Ja – Noch nicht“, versuchte ich, die Situation zu erklären. „Hören Sie, sie darf sie hier nicht sehen oder hören, klar?“
Beim zweiten Klingeln stürzte ich zur Tür, riss sie mit Schwung auf und versuchte gleichzeitig, ultracool zu wirken.  

Was in etwa folgenden Satz nach sich zog: „Hallojuliawasmachstdudennhier?“

Meine Besucherin stutzte kurz, dann zeige sie ihr strahlendstes Lächeln. „Hallo, Hannes, schön dass ich dich noch treffe.“
Aus dem Wohnzimmer hinter mir ertönte das unruhige Wiehern eines Pferdes. Mit hochgezogenen Augenbrauen versuchte Julia, an mit vorbei zu spähen.  
„Ähh, ich gucke gerade einen Western“, versuchte ich mir eine passende Ausrede zurecht zu spinnen. „Spiel mir das Lied vom . . . Tod.“
Julia hob einen rosa Plastikkorb hoch, wie man ihn benutzt, um Katzen zu transportieren. Durch das schwarze Gitter sah ich ein rostrotes Fellknäuel.  „Ich wollte fragen, ob es dir was ausmacht, über das Wochenende auf Bobby aufzupassen? Ich werde nämlich meine Mutter in Wiesbaden besuchen und da will ich ihn nicht unbedingt mitnehmen. Er ist sehr empfindlich, was Stress angeht, weißt du?“
Ich hatte nur mit einem Ohr zugehört, da ich zu sehr damit beschäftigt war, in diese unglaublichen grünen Augen zu sehen, die Julias Gesicht zierten.  Als ich merkte, dass sie mir eine Frage gestellt hatte, zuckte ich unwillkürlich zusammen. „Ja . . . ja natürlich. Ist überhaupt kein Problem. Ich pass doch gerne auf deine . . . deinen . . .“ Ich legte den Kopf schräg um das Tier in seinem Korb besser sehen zu können.
Es hatte breite, orangene Nagezähne, Flossen zwischen den Krallen und einen seitlich abgeplatteten Schwanz. „Ein BIBER?“
„Ein Sumpfbiber, um genau zu sein. Auch Nutria genannt“, erklärte Julia mit einem Lächeln. „Keine Angst, er ist ganz zahm. Du musst nur dafür sorgen, dass er irgendwo schwimmen kann. Das ist doch kein Problem, oder?“
Ich blinzelte sie kurz ungläubig an, hörte mich dann etwas murmeln wie „Überhauptnicht“, fühlte, wie sie mir den Korb in die Hand drückte, sah, wie sie sich umdrehte und winkend von meinem Grundstück rannte.  „Danke. Du bist ein Schatz“, rief sie noch herüber, bevor sie in ihr Peugeot-Cabrio stieg und davon düste.
Ich schloss langsam die Tür hinter mir, schlurfte zurück ins Wohnzimmer und stelle den Korb auf den Tisch.
Groucho tauchte neben mir auf, starrte durch das Gitter des Korbs, nahm seine Zigarre aus dem Mund und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Das ist die zweitgrößte Ratte, die mir je begegnet ist.“
Ich ließ meinen Kopf auf die Tischplatte sinken.

+++


Ja, ja, die Liebe.
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