Geister geben niemals Trinkgeld

GeschichteParodie, Übernatürlich / P12
26.09.2010
11.08.2011
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Geister geben niemals Trinkgeld
oder
Auf der anderen Seite der Wahrheit
Eine etwas seltsame Erzählung von Laphroaigh


„Eines der traurigsten Dinge im Leben ist, dass ein Mensch viele gute Taten tun muss, um zu beweisen, dass er tüchtig ist, aber nur einen Fehler zu begehen braucht, um zu beweisen,
dass er nichts taugt.“
George Bernard Shaw  (1856-1950), irischer Dramatiker

„Ich bin davon überzeugt, dass Sex in der Hölle eine ständige Pflichtübung sein wird.“
Thomas Simpson (1710-61), englischer Mathematiker

„Kräht der Hahn auf dem Mist ändert sich's Wetter - oder's bleibt wie es ist.“
Anonym



Teil 1
Gesucht: Held (möglichst mit eigenem Auto)


Am Küchentisch saß Audrey Hepburn.

Sie trug das gelbe Kostüm, das sie in „Charade“ getragen hatte.  Sie schenkte mir ein freundliches Lächeln und grüßte mich mit einem fröhlichen „Hello“.
Ihr gegenüber hielt sich Robert Mitchum an einem Whiskyglas fest und versuchte, die letzten Reste von Alkohol aus einer Flasche Jack Daniels herauszuholen.
Ich stand in Unterhosen und einem fleckigen T-Shirt in der Tür und kratzte meine Bartstoppeln. Ein Blick auf die Wanduhr zeigte mir, dass es gerade drei Uhr nachts war. Die Erklärung für den Besuch zweier verstorbener  Hollywood-Größen in meiner Küche war also klar: Ich träumte.
Da ich schon mal hier war, nahm ich mir einen Stuhl und setzte mich dazu.
„Bisschen früh für einen Besuch“, bemerkte ich zwischen zwei Gähnen.  
Mitchum leerte sein Glas in einem Zug. Ich bemerkte, dass er irgendwie halb durchsichtig wirkte, denn mir war so, als ob ich den Weg des Whiskys durch seinen Hals mit verfolgen könnte.  Den Anzug, den er trug, hatte ich an ihm schon einmal gesehen, in „Foreign Intrigue“.  Nur passte irgendwie die Micky-Maus-Krawatte nicht dazu. Aber wer bin ich, dass ich die Kleidung eines Filmstars kritisierte.
Ich drehte meinen Kopf nach rechts um in die bezaubernden rehbraunen Augen von Audrey Hepburn zu blicken.  Nun, immerhin war dies hier ein sehr angenehmer Traum.
„Also,  wie sieht’s aus,  wollen wir nicht die Location wechseln? Meine Küche ist doch wirklich nicht der geeignete Ort für so ein Treffen.“
Die Hepburn grinste. „Und was schlagen sie vor“, antwortete sie in akzentfreiem Deutsch. Ich strich mir kurz über das Haar und meinte dann, dass Paris doch eine ganz gute Kulisse abgäbe. Der Eiffelturm, Montmatre, das Moulin Rouge.  
Sie schüttelte kurz den Kopf. „Das wäre wirklich schön, aber ich fürchte, wir haben nicht so viel Zeit.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Schade. Dann vielleicht im nächsten Traum.“ Ich stand auf, streckte mich kurz und ging zur Tür. „Wenn ihr mich sucht, ich bin in meinem Bett.“
Den Rest der Nacht verbrachte ich in einem Traum, wo ich dazu verdammt war, einen riesigen Kopierer zu bedienen, der alles spiegelverkehrt ausdruckte.
Gegen sieben Uhr klingelte mein Wecker, um mir klar zu machen, dass es mal wieder Zeit zum Aufstehen sei. Also erhob ich mich von der harten Matratze (ich kann diese weichen nicht ausstehen) und schlurfte in die Küche, um mir einen richtig starken Tee zu machen.

Am Küchentisch saß Audrey Hepburn.

Ich schaute auf die Uhr. Acht Minuten nach Sieben.

Ich schaute auf die Hepburn. Sie lächelte und winkte mir kurz zu.

Ich zwickte mich in den Arm. Er reagierte prompt mit Schmerzen.

Etwas verwirrt setzte ich mich auf den Stuhl gegenüber meiner Besucherin. Vor mir stand eine Flasche Jack Daniels, die ich prüfend in die Hand nahm. Da sie leer war, hatte ich sie vermutlich in einem Anfall von Trunksucht letzte Nacht in diesen Zustand gebracht. Das würde zumindest einiges erklären.
Ich sah auf und bemerkte den prüfenden Blick  der Hepburn.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte sie mit echter Besorgnis in der Stimme.
Ich blies kurz die Backen auf. „Tja, also eigentlich fühle ich mich ganz gut. Dass Sie hier sind macht mir nur einige Sorgen.“ Dann fiel mir ein, dass sie letzte Nacht ja noch einen Begleiter hatte. Auf meine Frage nach seiner Abwesenheit antwortete sie, dass er nur kurz weg sei, im Laufe des Tages aber wieder kommen werde.  An seiner Stelle sei aber ein Bekannter eingesprungen.
Ich nickte. Das war ja schließlich sehr freundlich von diesem Bekannten, etwas von seiner Zeit zu opfern, um mich zu besuchen. „Und wo ist er jetzt?“
Aus dem Badezimmer erklang das Geräusch der Toilettenspülung,  gefolgt vom Versuch eines Mannes, „Hound Dog“ zu singen.
Ich blickte die Hepburn fragend an. „Elvis Presley ist in meinem Badezimmer?“
Die Antwort erhielt ich gleich selbst, als die Tür aufging und die massive Gestalt eines Mannes hereinkam, die in einem weißen Anzug steckte, der mit unzähligen bunten Perlen bestickt war.
Dann war ja alles klar. Die Erklärung war ganz einfach: Ich hatte komplett den Verstand verloren.  
Also machte ich das, was jeder in dieser Situation tun würde: Ich zog mich an und fuhr zur Arbeit.

---


Während der Fahrt mit der Straßenbahn überlegte ich, was mein verwirrter Geist wohl noch an Überraschungen für mich parat halten würde. Vielleicht gaukelte er mir noch vor, dass ich fliegen könnte? Dann  würde ich den Nachmittag vermutlich als unansehnlicher Haufen menschlicher Überreste auf dem Bürgersteig verbringen – direkt unter dem geöffneten Fenster im zehnten Stock, aus dem ich mich gerade gestürzt hätte.
Oder vielleicht würde eine Stimme in meinem Kopf auftauchen, die mir befehlen würde, alle Kollegen umzubringen, deren Nachname mit einem „M“ beginnt?

Während ich noch zählte, wie viele Opfer das dann wären (Herr Mayerling, Herr Munster, Frau Müller-Felden, Herr Mendelsson . . .), hielt die Straßenbahn an der Ecke Friedrichsplatz -Schönaustraße und ich stieg aus.
Ich durchquerte die Vorhalle, grüßte den Mann am Empfangsschalter und stieg in den Aufzug. Inzwischen war ich schon bei sechzehn Namen angelangt (inklusive Herrn Mukabe-Mwelle-Mohale, unserem Vertreter aus Nigeria), und bereitete mich innerlich darauf vor, dass irgendetwas Furchtbares geschehen würde.

Nach zwei Stunden an meinem Arbeitsplatz, in denen ich nur meine E-Mails gecheckt, zwei Formularbögen  ausgefüllt und einen Brief aufgesetzt hatte, gelangte ich zur Ansicht, dass mein Kopf anscheinend wieder normal funktionierte.
Ich ließ den Blick durch das kleine Büro schweifen, dass ich mir normalerweise mit Thomas und Sabine teilte. Doch die beiden gehörten zu dem Teil der Belegschaft, die schon im Urlaub waren. Ich dagegen gehörte zur anderen Hälfte, die ungeduldig auf ihren Urlaub wartete.
Seufzend speicherte ich den Brief ab und beschloss, auf Google einmal nach Geisteskrankheiten zu suchen. Vielleicht gab es ja andere Leute, die ähnliche Fälle von vorübergehender psychischer Verwirrung erlitten hatten.
„Sie müssen sich wirklich keine Gedanken um ihren Geisteszustand machen“, versicherte die Hepburn mir. „Natürlich kann ich mir vorstellen, dass sie etwas verwirrt sind, aber glauben sie mir, es gibt eine ganz vernünftige Erklärung für das alles!“
Ich drehte mich um und sah, dass sie sich auf Sabines Drehstuhl niedergelassen hatte und mir interessiert über die Schulter blickte.  Das orangene Kostüm, das sie trug, war anscheinend eine Schöpfung von Givenchy und stand ihr ausgezeichnet.  
Ich riss mich von dem Anblick los und starrte wieder auf den Bildschirm.
„Hören sie mal“, flüsterte ich, denn irgendwie versagte meine normale Stimme, „auch wenn ich es durchaus zu schätzen weiß, wenn jemand wie Sie in meinen Tagträumen auftaucht, so ist es doch sehr, sehr irritierend.  Wenn jetzt jemand durch die Tür kommen würde . . .“
Mit einem Quietschen öffnete sich die Tür und mein Abteilungsleiter, Herr Tossenberg, kam mit einer Mappe voller Akten auf mich zu. Er blätterte noch kurz in ihnen, bevor er sie mir in den Eingangskorb legte. „Das ist nicht eilig, Herr Sester, nur die Nachberichte zu der Sache mit Torben Electronics.“
Er hob den Kopf und rückte seine Brille zurecht. „Oh, Entschuldigung, ich hatte nicht gesehen, dass sie Besuch haben.“
Ich folgte seinem Blick und sah die Hepburn, die freundlich nickte. „Guten Tag“, sagte sie. Gegen die dunkle Wand, vor der sie saß, konnte man ihre Durchsichtigkeit kaum wahrnehmen, so dass sie wie ein ganz normaler Mensch aussah.
Tossenberg beugte sich zu mir herunter. „Eigentlich sind private Besuche während der Arbeitszeit ja nicht erlaubt, aber bei so einer charmanten Person . . . “, flüsterte er mir ins Ohr. „Ist das ihre Freundin? Da haben sie ja einen echten Glücksgriff getan, wie? Sie müssen sie unbedingt mal auf die nächste Betriebsfeier mitbringen und den Kollegen vorstellen“, Mit einem verschwörerischen Augenzwinkern verabschiedete er sich und verließ das Zimmer.

Kennen sie diese Augenblicke, wo sich einem sämtliche Haare am Körper aufstellen? Dieser Moment, wo man meint, dass das Herz aussetzt?

So fühlte ich mich damals nicht. Noch nicht. Das erste was mir durch den Kopf ging, klang eher so: „Dieser Idiot von Tossenberg würde nicht einmal Jesus erkennen, wenn er direkt vor ihm stünde.“
Dann erst lief es mir kalt den Rücken hinunter. Er hatte sie gesehen! Er hatte sie tatsächlich gesehen! Ich fuhr herum und starrte auf die grazile Gestalt, die mir gegenüber saß.

Irgendwie war das ja schon empörend! Jetzt hatte man noch nicht mal seine Wahnvorstellungen für sich selbst!

Ich beschloss, vorzeitig in die Mittagspause zu gehen.

---


„Also, wer. . . WAS sind sie?“
Wir saßen in der dunkelsten Ecke des „Café Europa“. Ich hatte mir einen doppelten Whisky bestellt (den ich wirklich nötig hatte) und ihn in einem Zug geleert.
Die Hepburn saß mir gegenüber und lächelte unsicher. Sie hatte ihre Erscheinung geändert, wirkte jetzt gut zwanzig Jahre älter. Sie trug einfache, schwarze Kleidung und ein Kopftuch. „Was ich bin? Eine Erinnerung an das Leben? Ein Echo der Seele?“
„Ein Geist?“
„So könnte man das auch ausdrücken.“
Na toll! Eine einfache Halluzination hätte ich mir wahrscheinlich mit Unmaßen von Beruhigungsmitteln, Prozac und eventuell einer Lobotomie noch irgendwie wegdoktoren können, aber an wen wandte man sich, wenn einem die Seelen der Verstorbenen heimsuchen? An die heilige Inquisition?
„Okay, jetzt mal eins nach dem anderen. Sie sind der Geist von Audrey Hepburn . . .“
„Nennen sie mich Hep.“
„Hep. Verstanden. Und sie wollen . . . was?“
„Ihre Hilfe?“
„MEINE Hilfe? Bei was?“
Sie beugte sich näher zur mir vor. „Es gibt . . . Probleme in der anderen Welt.“
„Sie meinen . . . im Jenseits?“
„Genau.“
Sofort stellte mein Gehirn Bilder von geflügelten Dämonen bereit, die mit flammenden Schwertern auf halbnackte Engel eindroschen, die verzweifelt ihre goldenen Harfen zum Schutz über sich hielten.  Kein schöner Gedanke.
„Ahhh, ja. Und . . . darf ich annehmen, dass das irgendwie schlecht für unsere Welt – also die der Lebenden ist?“
„Das dürfen sie.“
Bilder von geflügelten Dämonen, die plündernd und brandschatzend durch die Städte zogen, während von irgendwoher brüllend laut Metallica lief, ließen mir einen Schauder über den Rücken laufen. Besonders bei dem Gedanken an die Musik.
„Tja, das könnte wirklich unschön werden, nicht wahr? Ungefähr so, wenn man morgens vor dem Spiegel steht und sich fragt, wer das eigentlich ist, der einen da anstarrt.“
Ich drehte mich nach links, um den Sprecher dieser Worte zu begutachten. Er trug eine Brille mit runden Gläsern und hatte einen dicken, aufgemalten Schnurrbart. In seinem Mundwinkel steckte eine stumpfe Zigarre.  
„Groucho, bitte! Das ist eine ernste Angelegenheit“, meinte Hep.
Der Marx-Brother grunzte. „Das ist wahrscheinlich die Untertreibung des Jahrhunderts!“ Dann nahm er ruckartig seine Zigarre aus dem Mund. „Nein halt! Die zweitgrößte! Jedenfalls verglichen mit der Aussage meiner Frau, dass sie etwas zugenommen hätte.“
Ich stöhnte.  Vielleicht sollte ich doch versuchen, in einem Telefonbuch die Nummer der Ghostbusters zu finden.

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Der erste Teil dieser irren Ausgeburt meiner Fantasie! Witzig, doof oder was? Schreibt mir eure Meinung.