Königskinder

GeschichteDrama / P18
20.09.2010
24.03.2011
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In den Wäldern des Spessart, September 2006

Der zehnjährige Janis stiefelte energisch durch das Gestrüpp am Fuße des großen Hügels. „Jetzt komm schon, Luca!“ trieb er maulend seinen ein Jahr jüngeren Spielkameraden an.

„Aber mich hat ein Dornbusch gekratzt“, jammerte dieser. „Und es ist schon spät. Meine Mama hat gesagt, dass es um sieben Uhr Essen gibt.“ Sehnsüchtig blickte er zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

„Na und? Mich haben heute schon ganz viele Dornbüsche gekratzt“, prahlte Janis und streckte als Beweis seinen übel zerschrammten rechten Arm aus. „Es ist nicht mehr weit. Ich will jetzt nicht umkehren. Sei kein Frosch!“

Die beiden Kinder hatten sich für ihre Verhältnisse recht weit von ihrem Heimatort, dem Dorf Hirschbrunn im Spessart, entfernt. Ganze fünf Kilometer waren sie quer durch Wald und Feld gewandert, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatten, einen alten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg zu erkunden.  Der Bunkereingang lag am Fuße des großen, bewaldeten Hügels, den sie nun erreicht hatten.  Von der Existenz des Bunkers hatten sie erfahren, weil Janis` älterer Bruder, der sechzehnjährige Felix, seinem Freund Christian vor einigen Wochen am Telefon davon berichtet hatte. Laut Felix war der Bunker ein „klasse Ort, um Hasen zu vernaschen“, was auch immer das heißen sollte.  Für Hasen interessierten Janis und Luca sich nur mäßig - schließlich besaßen sie beide ein Kaninchen - aber so ein alter Bunker, den zu untersuchen, das wäre so ein richtiges Abenteuer! So eins, wie die drei Fragezeichen immer erlebten.

Und so hatten die zwei Jungen sich, bewaffnet mit Trinkflaschen, Butterbroten und Kindertaschenlampen, an diesem Sonntag auf den Weg gemacht.

„Es muss hier irgendwo sein, Luca“, schimpfte Janis mit seiner hellen Stimme. „Guck du da drüben nach, ich suche hier“, befahl er wie ein kleiner General und schob seine rutschende Brille auf der Nase nach oben. Wenig später entdeckte Janis ein großes, ovales Loch inmitten einer verwitterten Betonplatte, die im Waldboden des Hügels kaum zu erkennen war.

„Hier! Ich hab`s gefunden!“ schrie er begeistert.

Luca kam angerannt, vergessen waren Dornen und das Abendessen. „Ui“, sagte Luca andächtig. „Das ist aber dunkel.“ Er leuchtete mit seiner gelben Taschenlampe in den Bunkereingang.

„Ich gehe vor“, verkündete Janis als der Ältere heldenhaft. „Vielleicht finden wir da drin noch alte Revolver von den Soldaten. Oder sogar Granaten“, überlegte er und stapfte mutig in das Loch. Schon nach wenigen Metern waren die beiden Jungen von tiefer Dunkelheit umgeben, ihre schwachen Taschenlampen erhellten nur ihre allernächste Umgebung, und die bestand aus bröckligen, bemoosten, einen niedrigen Tunnel bildenden Betonwänden. Der Boden war matschig und nass.

„Mir gefällt`s hier nicht“, piepste Luca. „Es ist stockdunkel. Und kalt. Und es riecht irgendwie komisch.“ Er rümpfte die Nase.  Der Geruch erinnerte ihn vage an die Orange, die kürzlich im Obstkorb verfault war.

„Hast du etwa Angst? Feigling! Feigling!“ zog Janis den Freund auf.

„Ich hab keine Angst!“ wehrte Luca beleidigt ab. „Aber ich find`s  eklig hier drinnen. Ich sehe keine Revolver. Und auch keine Hasen“, beklagte er sich.

„Also, ich geh noch ein Stück weiter“, beharrte Janis. Nie hätte er zugegeben, dass auch er von dem Bunker enttäuscht war und der eigenartige Geruch ihn anwiderte.

Er leuchtete auf den Boden direkt vor sich und stutzte. „Luca“, fragte er unsicher. „Was ist das?“

Der andere Junge beugte sich vor und starrte konzentriert auf das seltsame Gebilde. Es war einige Zentimeter groß,  rot-braun und sah feucht aus. Glibberig.  Formlos.

„Ich… ich weiß nicht“, meinte Luca. "Sieht irgendwie aus wie... Hackepeter?“ schlug er zögernd vor. „Da sind auch so komische Flecken.“ Er leuchtete auf die Betonwand zu seiner Rechten, wo zahlreiche braune Spritzer bizarre Muster bildeten.

Der Gestank wurde stärker, als sie weitergingen. Sie bogen um die nächste Ecke - und dann erfasste der Kegel von Janis` Taschenlampe etwas so Grauenvolles, dass die beiden Jungen auf dem Absatz kehrtmachten und laut kreischend und weinend aus dem Bunker flüchteten.
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