Unmöglich (Firefly)

von Vistin
GeschichteRomanze / P16
Jayne Cobb River Tam
19.09.2010
19.09.2010
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Geschrieben für IndigoNightOwl


Jayne war völlig unkonzentriert und das war gerade lebensgefährlich. Die drei Reaver hinter ihm sahen das weniger negativ, aber Reaver hatten für gewöhnlich eine merkwürdige Perspektive.

"Jayne, ai ya! Mach die MP klar, sonst wirst du unser Ablenkungsmanöver!", brüllte Mel* und riss den Gleiter scharf nach links.

Die klassische M60 war eins seiner Lieblingsgewehre und hatte bisher nie gestreikt, immerhin widmete Jayne ihrer Pflege mehr Sorgfalt als seiner eigenen Körperhygiene. Doch ausgerechnet auf der Flucht vor einem Haufen menschenfressender Irrer nach einem schief gelaufenen Job musste sie blockieren. Jayne hätte am liebsten vor Wut gebrüllt.

"Runter."

Eine schlanke Mädchenhand griff mit einer unglaublichen Kraft nach seiner Weste und zog ihn gerade noch rechtzeitig in Deckung, bevor eine Harpune dort einschlug, wo eben noch sein Kopf gewesen war.

"Sie haben uns an der Leine, Wash!", schrie Mel in den Kommunikator, als Zoe sich neben ihm aufrichtete und mit ihrer Pistole seelenruhig zielte. Eine weitere Harpune kam angeflogen und hätte Zoe von den Beinen gerissen, wenn sie sie erreicht hätte. Doch River hatte sich von Jaynes Schultern abgestoßen und bei einer geschmeidigen Rolle rückwärts das Geschoss aus der Bahn getreten. Diese waghalsige Aktion verschaffte Zoe die nötige Zeit, ihren Schuss zu setzen und das Seil direkt am Harpunenwerfer zu kappen, jedoch manövrierte es River zwischen Jaynes Beine, was seiner Konzentration nicht zuträglich war. River lächelte frech zu ihm hoch und richtete sich wieder auf. Jayne schloss die Augen und vertrieb das Kribbeln aus seinem Rücken, die MP hatte er völlig vergessen, sie würden ohnehin gleich alle sterben und vielleicht war es auch besser so.

Das ohrenbetäubende Lärmen von Düsen stieß Jayne wieder zurück ins Leben und gegen Zoe. Der Luftdruck stieg schlagartig an und raubte ihm den Atem, während die Serenity über ihnen drehte und dem leichten Muli der Reaver die Laderampe vor den Bug schlug.

"Verdammt, Jayne! Was war da los?! Du hast keinen einzigen Schuss abgegeben! Ich weiß, dass ich dir Geld schulde, aber in den Streik zu treten, während uns Reaver auf den Versen sind, ist selbst für dich unverständlich dämlich! Wenn ich ..." Mel sah von seiner blutenden Hand auf, die er sich verbunden hatte, und stockte. Die MP lag immer noch im Gleiter, doch Jayne war verschwunden.


Jayne hatte Mels Tirade noch von Weitem gehört und normalerweise hätte er sich so etwas nicht sagen lassen, aber heute war es ihm einfach egal. Er wollte sich den scharfkantigen Staub aus dem Gesicht waschen und dann schlafen, schlafen und nicht träumen, vor allem nicht von ihr.

Jayne warf sich auf seine Pritsche und sprang in derselben Bewegung wieder hoch. Dieser elende Mond! Er zog sich das Shirt über den Kopf und spürte, wie der Sand über seinen Rücken kratzte, in den kaum verheilten Striemen auf seinem Rücken brannte. Plötzlich spürte er wieder ihre Hände an den Schultern, ihre Fingernägel, die sich in seinen Rücken bohrten, ihm die Haut aufkratzten, die feinen Striemen verursachten, die er am liebsten nicht verheilen lassen würde und die er doch vergessen wollte.

Er verstand sich selbst nicht. Sie war doch nur ein Mädchen unter vielen, vor allem eines, von dem er noch nicht mal etwas gewollt hatte. Sie war nur lästig gewesen, lästig und ... demütigend. Ja, er konnte es sich nicht gefallen lassen, sich von einem halben Kind schlagen zu lassen. Oder treten, oder würgen, oder ... Elendes Mistgör!


Sand. Chirurgischer Quarz, das war es gewesen, vielleicht musste er deswegen gerade heute so daran denken. Sie hatten den Lagerraum voll mit Sand gehabt, und einen legalen, wirklich legalen Transportschein. Sie mussten durch die Leere Zone, einem Winkel des Universums, in dem es nichts gab, außer ab und an ein verirrtes Reaverschiff. Aber damals hatten sich noch nicht einmal die Reaver erbarmt, nein, sie hatten freien Flug. Vier elende Wochen an Bord, ohne dass etwas geschah. Jayne verbrachte die erste Woche in der Koje, die zweite auf der Hantelbank, in der dritten hätte er sich fast mit Wash geprügelt, eigentlich nur in der stillen Hoffnung, Zoe würde ihrem Mann zur Hilfe kommen und er hätte einen halbwegs anspruchsvollen Gegner. Doch Mels Geduld war genauso erschöpft wie Jaynes, nur dass Mel in einer Schlägerei unter der Crew keine Ablenkung sah. Jayne versuchte sich am Sandsack abzureagieren, als sie in den Lagerraum kam. Schwere Stiefel an schlanken Beinen unter einem kurzen Sommerröckchen.

"Wie wäre es mit etwas Kampftraining auf der Matte, Süße?", fragte Jayne und lächelte dreckig.

"Ja, mir ist auch langweilig", antwortete River und streifte die Stiefel ab.

Wenige Minuten später lag Jayne schwer atmend auf dem Rücken und versuchte, seinen Arm aus dem eisernen Griff schlanker Mädchenhände zu befreien.

Er verstand nicht, wieso es ihm so schwer fiel, mit voller Kraft zuzuschlagen. Das Miststück sah vielleicht aus wie ein Mädchen und seine Mutter hatte immer gesagt, dass man Mädchen nicht schlug, aber es war kein Mädchen, es war ein von der Regierung gezüchtetes Monster! River ließ los und Jayne rappelte sich hoch, holte aus und landete wieder auf dem Boden - diesmal mit dem Gesicht voraus. Er konnte nicht zählen, wie oft ihn River an diesem Tag auf die Matte geschickt hatte, bevor der Doc hereingestürmt war und Jayne anfuhr, wie er es wagen könne, River zu schlagen. Jayne hatte nicht geantwortet, Simon nur völlig perplex mit offenem Mund angestarrt und sich den Oberarm, den River ihm gerade ausgerenkt hatte, gerieben.

Die Idee war nicht schlecht gewesen, er wollte sich von ihr beibringen lassen, wie er sie umhauen konnte. Im Nachhinein stellte es sich jedoch als nicht praktikabel heraus, weil Jayne beim besten Willen keinen Spagat konnte und es auch nicht können wollte. Aber die Trainingsstunden vertrieben ihm die Zeit, bis er endlich von Bord kam und sich in eine erfrischende und erstaunlich erfolgreiche Kneipenschlägerei stürzen konnte.


Jayne schüttelte seine Kleidung aus und bereute es sofort, als eine gewaltige Staubwolke sein Quartier füllte. Das alles war doch Go se! Als sie an Bord kam, war sie ein Hindernis, ein lästiges, nerviges Ding, das sein Leben gefährlicher machte als es ihm lieb war. Zwischenzeitig war er bereit gewesen, sie zu verkaufen, die Belohnung war ja nicht zu verachten und wenn man noch etwas warten würde ... Er schüttelte den Kopf und schaltete das Reinigungssystem an. Er würde die Tams nicht verraten. Nicht nur, weil ihm Mel dafür den Arsch aufreißen würde, sondern auch wegen dieses komischen Prickelns in seinem Nacken, wenn er ihr helles Lachen durch den Lagerraum schallen hörte.


"Ist Jayne krank?", fragte Zoe und trat neben Mel, der die letzte Kiste mit geradezu wertlosem Tierfutter, das seine Beute darstellen musste, verstaute. Mel sah zu Zoe auf und dann zu River, die eine Decke sorgfältig auf dem Boden ausgebreitet hatte und darauf Jaynes blockierte M60 zerlegte. Er wusste nicht, was mit Jayne los war, aber er hatte den beunruhigenden Verdacht, dass es mit River zusammenhing. Irgendwie war Jaynes merkwürdiges Verhalten gleichzeitig mit Rivers merkwürdigem Interesse an Waffen und Kampftraining aufgekommen. Mel beobachte River, die mit geschlossenen Augen das Gewehr zerlegte, den feinen Staub aus den Rillen strich und das Schloss ölte. Ihre Hände glitten sicher und gezielt über jedes einzelne Teil der Waffe. Ihre Finger strichen geradezu zärtlich mit dem weichen Tuch über das Metall. Ihre Lippen standen leicht offen und sie schien schneller zu Atmen, während ihre Handgriffe immer fester und zügiger wurden. Das Schloss klickte, das Magazin wurde verriegelt und River öffnete die Augen mit einem lauten aufatmen, als sie die gereinigte und reparierte Waffe durchlud. Wie ein Baby wickelte sie das Gewehr in die Decke ein und legte es in den gestohlenen Gleiter. Ein Schaudern durchlief Mel, als sie aufblickte und sich in ihren unendlichen Augen nur Chaos spiegelte. Als wäre hinter dem zarten, ruhigen Mädchengesicht nichts als Wahnsinn und Verwirrung.

Und dann fiel ihm diese abstruse Szene wieder ein: Er wusste nicht, wieso ihm diese Szene gerade jetzt in den Kopf kam, und er verstand auch nicht, wieso er sich eine so belanglose Episode so deutlich eingeprägt hatte. Er hatte damals eigentlich besseres zu tun gehabt. Der Transistor des linken Triebwerks war ausgefallen und die Serenity ruckelte nur noch durch das All. Kaylee lag ihm in den Ohren, dass es da nichts zu reparieren gäbe, weil sich der Transistor in luh-suh Staub verwandelt hätte und Wash nervte, weil er den Kurs nur noch manuell halten konnte und seit drei Tagen die Brücke nicht mehr verlassen hatte. Mel verstand nicht, wo das Problem war, Wash verließ die Brücke selten öfter, normalerweise jammerte Zoe darüber, doch gerade jetzt wurde es Wash plötzlich unerträglich, mit seinen Dinosauriern zu spielen und dann war da auch noch dieses Gekeife aus dem Lagerraum!

"Das ist eine sehr empfindliche Stelle! Da kannst du nicht so dran rumrubbeln. Feste, zärtliche Züge. Rauf und runter, rauf und runter. Ja, so ist es gut", hörte man Jayne gerade sagen. Mel und Kaylee sahen sich verwirrt an und schoben die angelehnte Tür zum Lagerraum ganz auf. Jayne saß breitbeinig auf der Hantelbank und wandte Mel den Rücken zu. Vor ihm kniete River in einem blauen Sommerkleid.

"Jayne?", fragte Mel tonlos.

"River?", fragte Kaylee gleichzeitig und ihre Stimme schien sich zu überschlagen.

Jayne drehte den Kopf und hob entschuldigend die Hände.

"Sie hat Suppe über Rebeka gekippt, Kapitän! Es ist nur fair, dass sie sie wieder sauber macht!", erklärte er vorwurfsvoll. Und da war auch dieses Klicken, als River das Magazin des zweiläufigen Kurzgewehrs, das Jayne liebevoll Rebeka nannte, einrasten ließ.


Mel schüttelte den Kopf. River war ein hochbegabtes Kind, sie wollte lernen, und wenn ihr jemand etwas über Waffen beibringen konnte, war es nun einmal Jayne. Und sie hatten ... Mel schüttelte den Kopf erneut. Er hatte gerade gedacht, dass die beiden ja viel gemeinsam hätten, als ihm auffiel, dass das Fei hua war. Was hatte Jayne schon mit River gemein, außer, dass sie beide irgendwie Irre waren.

In Ordnung, Jayne hatte in letzter Zeit eine merkwürdige Freude daran entwickelt, sich von River fertig machen zu lassen. Jayne nannte es Training und Mel konnte nicht leugnen, dass es auch Ergebnisse brachte. Jayne taktierte die Gegner genauer, beobachtete sie, um dann überlegter zuzuschlagen. Er zielte genauer, traf besser und er hatte eine neue Art entwickelt, bedrohlich zu sein. Eine subtilere, die dummerweise auch bei Mel anschlug. Dafür war Jayne aber auch immer wieder unkonzentriert, auf eine untypische und gefährliche Art und Weise. Wie eben, als er sein eigenes Gewehr nicht unter Kontrolle bringen konnte.

"Ich bin damit nicht einverstanden, Kapitän!" Simons Stimme riss Mel aus seinen Überlegungen.

"River verträgt diesen Stress nicht! Das ist für sie zu viel, sie ist noch lange nicht gesund, ich kann nicht sagen, ob sie je gesund wird, aber ich bin mir sicher, dass diese Art von Jobs ihrer Genesung abträglich sind."

Mel spürte, wie er Kopfschmerzen bekam. Ja, gerade war Rivers Blick etwas irrer gewesen als normal, aber als sie gerade mit dem Gleiter die Rampe eines fliegenden Schiffs hochgebrettert waren, hatte sie vor Freude gejauchzt und ihr Gesicht hatte so normal gewirkt wie selten sonst.

"Wie kommen Sie auf diesen Gedanken, Doktor. Ich habe das Gefühl, als würde sich ihre Schwester in unser kriminelles Leben besser einfinden als Sie."

"Sie ist verstört. Schon seit Wochen. Ich befürchte, sie könnte sich etwas antun. Sie spielt immer mit diesem Messer, dass ihr Jayne gegeben hat. Ich wollte das ja unterbinden, doch sie gibt das Teil nicht wieder heraus. Es war unverantwortlich von ihm, ihr das Ding überhaupt zu geben! Sie ist noch ein Kind, Kapitän." Mel dachte an Rivers Dekolleté und ihre langen Beine und ganz kurz wollte er Simon widersprechen, doch dann schüttelte er nur den Kopf und lächelte freudlos.

"Wir sind ja wieder da und da wir die meiste Ladung abwerfen mussten, um nicht als Ausgehanzug eines Reavers zu enden, werden Sie und Ihre Schwester jetzt eine ganze Weile Ruhe haben, bevor wir wieder einen Job finden."


Jayne wünschte sich eine richtige Dusche, so eine mit viel kaltem Wasser, nicht so eine Reinigungszelle, in der mit einem Schnapsglas voll Wasser und Luftdruck das Gefühl von Sauberkeit simuliert werden sollte. Oder sie könnten nach Sirius 7 fliegen, da regnete es immer.

Jayne stutzte und drehte die Luftdüsen ab. Wieso dachte er nur ständig an dieses Gör? Sirius 7, da waren sie wegen des Medikamenten-Deals gewesen. Wash musste den Muli in dem Dauerregen fliegen, der Doc musste mit, um die Ware zu beurteilen und der Shepherd war die Tarnung. Und so blieb Jayne als Rivers Babysitter beim Schiff zurück. Wache halten auf einem Mond, auf den kein Mensch freiwillig kommen würde, ganz weit in den äußeren Sektoren, auf der den Reaver abgewandten Seite des Universums. Jayne hatte noch protestiert, da waren Mel und die anderen bereits zwanzig Meilen weit weg. In seiner Verzweiflung hatte er die Flasche Pflaumenschnaps den ihm seine Mutter geschickt hatte, herausgeholt und wollte es sich in der Küche bequem machen. Doch da saß River und baute ein gigantisches Kartenhaus. Ganz kurz wollte er umdrehen und in seine Kajüte zurück kehren, doch dann setzte er sich rücklings auf einen der Stühle und stellte die Flasche krachend auf den Tisch. Das Kartenhaus stürzte nicht zusammen.

"Man erreicht die höchste Stabilität, wenn man ein Gebäude auf drei festen Punkten stützt. Ein Raumschiff braucht das nicht, das fliegt", erklärte River und sah die Flasche auf dem Tisch an.

"Wo ist der Kuchen?", fragte sie und Jayne blinzelte verwirrt, dann erinnerte er sich, dass seine Mutter aus den vergorenen Pflaumen, aus denen sie den Schnaps gebrannt hatte, einen Kuchen zu machen pflegte. Doch woher wusste River das? War in dem Päckchen auch Kuchen gewesen? Waren die Tams da schon an Board? Egal.

"Der hält sich nicht so lange wie der Schnaps", erklärte Jayne und griff hinter sich zur Bar nach zwei großen Gläsern.

"Kennst du Pflaumenschnaps?", fragte er River, die eine einzige Karte aus dem Kartenhaus zog und es zusammenklappen ließ. River legte den Kopf schief

"Die im Fruchtfleisch einer Steinfrucht befindliche Glukose wird unter anoxischen Bedingungen zu Ethanol und Kohlenstoffdioxid abgebaut. Ein Destillationsprozess trennt das Ethanol, Wasser und Aromen von der Maische ..." Jayne schüttelte den Kopf und füllte die Gläser bis zur Hälfte.

"Nein. Hast du ihn schon mal getrunken?", erklärte er und reichte ihr ein Glas. River schüttelte den Kopf und betrachtete die Flüssigkeit genau.

"Das Glas ist dreckig", stellte sie kritisch fest.

"Egal, der Schnaps desinfiziert alles. Runter damit!" Jayne hob sein Glas und nahm einen tiefen Schluck. River betrachtete ihn kritisch, dann roch sie an der grünlichen Flüssigkeit und verzog das Gesicht.

"Es riecht wie das Kühlwasser aus den Turbinen." Jayne sah River drohend an. Sie schloss die Augen und nippte an ihrem Glas, sofort fing sie an zu husten.

"Es verbrennt meinen Hals!", rief sie erschrocken und schob das Glas von sich. Jayne lachte sie aus.

"Nein, es fühlt sich nur so an." Er schob das Glas wieder zu ihr hinüber.

"Trink! Es ist eine Ehre, Mutters Pflaumenschnaps zu bekommen, normalerweise würde ich nicht teilen. Außerdem ist es ja krank, dass du dich noch nie richtig besoffen hast. Vielleicht tötet der Alkohol das komische Zeug ab, das man dir in den Kopf gesetzt hat."

River schaute Jayne skeptisch an, doch sie griff wieder nach dem Glas und trank einen weiteren Schluck.

Der Rest des Abends bestand für Jayne aus einer Handvoll merkwürdiger Szenen, von denen er nicht wusste, ob sie real waren oder ein Traum.

Er saß am Tisch in der Küche und lachte überschwänglich über einen Witz, von dem er wusste, dass er ihn nicht verstanden hatte.

Dann stand er im Maschinenraum und starrte an die Decke.

Und dann war da River, die nur mit einem weißen Hemd ihres Bruders bekleidet im Regen tanzte. Ihr schlanker Körper zeichnete sich deutlich unter dem dünnen, nassen Stoff ab. Ihre kleinen, straffen Brüste, mit vor Kälte abstehenden Brustwarzen. Ihr gebogener Rücken der zart in den Po und lange, schlanke Beine überging. Nasses Haar, dass ihr über die Schultern und ins Gesicht fiel. Ihre anmutigen Bewegungen ließen Wassertropfen wirbeln, die im Schein von Serenitys Positionsleuchten wie Edelsteine glitzerten.

Ihre Lippen, schmal, bebend, immer wieder kurz zu einem Lächeln verzogen. Ihr schneller Atem direkt vor seinem Gesicht, weit aufgerissene, große, dunkle Augen.

Dann wieder der Maschinenraum. Seine Wange unbequem gegen das Bodengitter gedrückt und Simons viel zu laute und zu schrille Stimme.

"Im ersten Moment sah es aus, als wärst du gerade mit River zugange!", erzählte Wash am nächsten Morgen und kam aus dem Lachen nicht wieder heraus. "Du und River, Mensch, diese irrsinnige Vorstellung werde ich nie wieder los!" Jayne hatte sich einen Eisbeutel auf den Kopf gedrückt und nur mürrisch gegrinst. Er wusste nicht, wie er mit River in den Maschinenraum gekommen war, aber er wusste, wieso River auf ihm gelegen hatte. Er war einfach nur bequemer gewesen, als das Bodengitter.

Es hatte Jayne nicht gewundert, dass er sich nach einem solchen Besäufnis an nichts erinnern konnte. Was ihn irritierte war, dass er sich an bestimmte Dinge so genau erinnerte. Zum Beispiel an Rivers Tanz im Regen. Als die restliche Crew sie im Maschinenraum fand, waren sie beide angezogen gewesen und der Doc vermisste in den nächsten Tagen keines seiner Hemden. Hatte er es sich also nur eingebildet?

In den folgenden Wochen hatte Jayne nachts stundenlang mit dem Bild der nackten River vor den Augen wach gelegen.

Es war merkwürdig und er wunderte sich über sich selbst, aber dieses Bild hatte nichts aufgeilendes. Inara hatte er sich hundert Mal nackt vorgestellt, Abends in der Koje, wenn sie weitab jeder Siedlung waren und seine rechte Hand zu seiner liebsten Freundin wurde. Doch Rivers Bild wirkte anders. Er sah sie wie einen Geist vor sich, den er nicht anfassen konnte, weil er sonst zerfallen würde. Ihr Bild erzeugt ein angenehmes Ziehen, doch nicht an der üblichen Stelle, sondern höher, im Bauch, in der Brust. Er wusste, dass er das Bild jederzeit zerstören konnte, doch das wollte er nicht. Es sollte ganz bleiben, nur weggehen!

Tagsüber beobachtete er sie. Sah zu, wie sie Dinge nach merkwürdigen Mustern ordnete, hörte, wie sie komische Dinge sagte, und bemerkte immer wieder, dass auch sie ihn beobachtete. Manchmal heimlich, manchmal ganz offen. Immer öfter setzte sie sich stumm zu ihm, wenn er seine Waffen putzte, trainierte, oder einfach nur etwas aß. Sie sah ihm zu, schien zu lernen oder leistete ihm Gesellschaft, was auch immer. Sie verfolgte ihn wie das Bild in seinem Kopf. Zuerst versuchte er, ihr auszuweichen, doch dann hing sie von der Decke der Ladebucht herab und sah zu, wie er Gewichte stemmte. Dann merkte er, dass sie ihn nicht störte, ganz im Gegenteil, er begann ihre Anwesenheit zu mögen. Das war verwirrend, immerhin hatte sie ihn mit einem Messer aufgeschlitzt, ihn mehrmals geschlagen und ein paar Mal richtig verprügelt und sie hatte ihm gedroht, ... irgendwie. Doch sie hatte ihm auch ein paar Mal das Leben gerettet.


Jayne warf sich auf die Pritsche. River hörte die Federn der Matratze. Sie lag in einem Lüftungsschacht direkt über ihm, nur getrennt durch zwei Meter Luft und eine Stahlplatte. Ihr war bewusst, dass sie heute fast gestorben wären, doch jetzt, da die Serenity wieder im Weltraum war und geräuschlos durch ewige Dunkelheit glitt, war es ihr egal. Jayne drehte sich auf die andere Seite, zog die Decke fester um seine Schultern. Sie hörte jede seiner Bewegungen und es war so, als könnte sie es sehen. Es tat ihr so leid, dass sie nicht bei ihm war, doch offenbar wäre das falsch gewesen. Alle sahen sie so komisch an, wenn sie bei ihm war, wenn sie nur neben ihm stand. Vor allem Simon. Dabei brauchte sie Jayne doch. Er war derjenige, den sie deutlich erkennen konnte, wenn die Welt in den Nebel tauchte. Doch wenn sie klar sah, konnte sie die Blicke nicht ertragen. Sie mochte es nicht, die anderen zu verwirren. Zu kostbar waren die Momente, in denen sie die Welt zu begreifen glaubte.

Jayne war anders als der Rest der Crew. Er behandelte sie nicht anders. Er sagte ihr ins Gesicht, sie wäre ein Freak, doch er redete mir ihr genauso wie mit Zoe oder Kaylee. Er warf ihr keine besorgten Blicke zu, er versuchte nicht, sie zu beschützen. Er schlug sie, oder zumindest versuchte er es. Das gab ihr das Gefühl, nicht kaputt zu sein, doch gerade dann schienen die anderen sie für kaputt zu halten.

Sie dachte an die erste Nacht. Als der Schleier in ihrem Kopf so dicht gewesen war, das sie schreien wollte aber nicht konnte. Sie war aufgestanden und barfuss durch das Schiff gelaufen. Sie hatte Serenitys Herzschlag gespürt, ihren Atem, das Zittern ihrer Muskeln. Doch die Einheit fehlte. Es war nur ein Schiff. Wie sehr sie es auch versuchte, sie konnte nicht mit ihr verschmelzen, wie sehr sie es auch wollte, wie sehr sie sie auch liebte. Sie war weiter gelaufen, orientierungslos, durch die Nebel.

Es war ganz still im Schiff gewesen, so still, dass sie das rhythmische Klirren der Gewichte hatte von Weitem hören können. Sie betrat die Ladebucht und beobachtete Jayne auf der Hantelbank. Seine Brust, die sich hob und senkte, die Muskeln seiner Arme die anschwollen und sich wieder entspannten. Ihr Atem war schneller gegangen, sie hatte dieses Prickeln im Bauch gespürt. Nichts gedacht, nur getan, was ihr Körper ihr diktiert hatte.

Noch nie jemandem so nahe gewesen.

Jayne hatte zuerst noch geredet, doch sie hatte ihn nicht gehört. Er hatte sie wegschieben und dann nicht loslassen wollen. Seine Hände drückten sie grob auf die Hantelbank, während seine Lippen zärtlich über ihren Hals strichen. Sie kratzte ihm den Rücken auf, während ihre Beine ihn weiter in sie hinein zogen.

Am nächsten Morgen hatte sie nicht gewusst, was sie sagen sollte. Sie hatte überall blaue Flecken, doch sie ließ sich nicht von Simon in den Untersuchungsraum ziehen. Sie sprach kein Wort. War ganz still. Dachte. Jayne war wie immer.

Erst als sie am darauf folgenden Tag wieder klar war und mit Kaylee das Essen kochte, hatte sie es bemerkt. Jetzt war er es, der still war, der nicht redete, der alle mied. Die anderen lachten, machten Scherze darüber. Jayne hatte sich einen Teller mit Essen beladen und war auf seine Kajüte verschwunden. Am nächsten Tag stand der Teller unangerührt wieder in der Küche.


Jayne starrte gegen die Decke. Er hatte das Gefühl, als wäre sie da. Als würde sie ihn beobachten. Seit mehreren Wochen kam sie alle paar Tage zu ihm. Bei den ersten Malen hatte sie nicht gesprochen. Es war wie ein Rausch gewesen, wie ein Reflex, ein tierischer Trieb, das Aufeinanderprallen zweier Körper. Dann war es irgendwann mehr. Ein Gefühl von Vertrautheit hatte sich eingestellt, da begriff Jayne, dass es nicht einfach nur Sex war.

Er spürte dieses Chaos in ihr, jedes Mal wenn sie zu ihm kam, war es besonders schlimm, wenn sie ging, war sie wieder das Kind. Er hatte das Gefühl sie zu retten und gleichzeitig hatte er ein schlechtes Gewissen. Er strich sich über die drei schorfigen Kratzer auf der Brust, da wo sich ihre Fingernägel in sein Fleisch gebohrt hatten. Er ertrug Simons Blicke nicht, das Misstrauen, wenn er sich ihr näherte. Er fürchtete Mels und Washs Kommentare, wenn auffallen würde, wie gerne er sie im Speisesaal umarmt hätte. Er hatte Angst davor, dass man sie erwischen würde. Mel würde ihm den Arm ausreißen, wenn er sehen würde, wie er River küsste. Man würde ihm vorwerfen, ihr weh zu tun, sie auszunutzen, das wollte er nicht hören.

Er hatte in ihre Augen gesehen, als sie schwer atmend und lächelnd an seine Brust sank. Sie war glücklich, er wollte sie glücklich sehen, doch wenn es ihr gut ging, wenn sie ihn nicht brauchte, war da diese Angst in ihrem Gesicht. Auch sie fürchtete, man würde es herausfinden. Wenn Simon es erfuhr, würde er sie wie ein kleines Kind wegsperren. Das würde sie nicht verkraften. Er war das, was sie brauchte, doch wollte er das sein? Konnte er das überhaupt sein? Oder bildete er es sich nur ein, weil er sie so sehr spüren wollte. Woher kam dieses Gefühl überhaupt? Wollte er sie wirklich?

Wenn man ihr Gehirn nicht durch den Mixer gejagt hätte, wäre sie ein feines Püppchen aus den besseren Kreisen, das er noch nicht einmal angesehen hätte! Was ihn noch nicht einmal angesehen hätte.

Wahrscheinlich würde sie nicht wiederkommen. Es machte ihm auch nichts aus, dass sie nicht wiederkommen würde. Und selbst wenn ... Jayne warf sich auf die andere Seite. Er wollte sie nicht. Was sollte er schon mit einer durchgedrehten Irren! Und es war für sie besser, wenn sie nicht wieder kam.

Er sah zur Tür, gut, sie war nicht verriegelt.

Er drehte sich wieder um.

Es war doch lächerlich! Sie würden ihn alle nur damit aufziehen oder ihn an den Eiern dafür aufhängen. Es war besser, wenn sie nicht wieder kam.

Hoffentlich kam sie nicht wieder.


Tränen tropften lautlos auf staubigen Stahl. Sie spürte seinen Herzschlag, seinen unruhigen Atem, spürte die Bewegungen seiner Muskeln unter sich, wie er sich im Bett hin- und herwälzte. Sie wollte zu ihm, doch sie konnte nicht, durfte nicht, es war falsch und sie verstand nicht, wieso.
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* Ich schreibe Malcolm absichtlich falsch um den Namen von dem deutschen Wort Mal zu unterscheiden.
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