Ich bin verloren

GeschichteDrama / P6
18.09.2010
18.09.2010
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Ist schon etwas her, seit ich diesen Text zusammengeschreibselt habe, ich weiß aber noch ganz genau, dass ich ihn damals vor versammelter Klasse vorlesen musste, rot wie eine Tomate geworden bin und gezittert hab wie Espenlaub ^^
Soviel zum Thema peinlicher Schulerlebnisse kombiniert mit langweiligen Details aus meinem Leben. Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem :-)
Rückmeldung ist - natürlich - höchst willkommen ;D

Liebe Grüße

Sternengreifer








*




Ich bin verloren






Hier stehe ich nun wieder.
Hier, wo es begann.
Als Flüchtling.
Außenseiter.
Geächteter.
Opfer des Eigennutzes einer ganzen Stadt.

Sie bauen schon auf meinen Tod.
Rötlich schimmernde, neue Dächer zieren die einst vermoderten Häuser.
Ein großes, stählernes Ungetüm hebt sich deutlich vom hell erleuchteten Horizont ab.

Werbeplakate, fein säuberlich an die zerfallenen Bahnhofsmauern geklebt, die die Bürger dazu aufrufen, gen Süden zu reisen.

Sie haben wieder Geld.
Sie werden bald wieder Geld haben.
Sie rechnen fest damit.
All das kommt mir vor wie ein billiges Schicksalszeichen.
An jeder Ecke winkt mir der Sensemann mit seiner knochigen Hand entgegen.
Ich kann seinen fauligen Atem schon riechen. Spüre seinen stierenden Blick, der sich mir in den Rücken bohrt.

Doch ich werde ihnen allen einen Strich durch die Rechnung machen, davonlaufen!

Die leere Haushaltskasse mit den Notgroschen habe ich geplündert, die letzten paar Mark zusammengekratzt, die ich auftreiben konnte. Mein Hab und Gut hat den kleinen, hölzernen Koffer nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

Nach Kalberstadt werd’ ich fliehen. Dort wird man mir Asyl geben und mir zu helfen wissen, wenn ich meine aussichtslose Lage schildere.

Gerade rauscht der Expresszug an mir vorbei und lässt Güllen hinter sich.
Wenn alles gut läuft, werde auch ich bald mein Heimatstädtchen hinter mir gelassen haben.

Ich starre den Boden unter meinen Füßen an.
Heimat… So vertraut… und nun mit einem angstvollem Wimmern verbunden…
Wie konnte es nur so weit kommen?
Bestürzung…
Wie konnte ich mich nur so in ihnen allen getäuscht haben?

...

Noch ehe der nächste Schnellzug an mir vorbeirauscht, sehe ich die Schatten.

Länger werdende, schwarze Silhouetten, die sich bedrohlich langsam an mich heran pirschen.
Mit dem altbekannten Gefühl, mein Herz in den Kniekehlen zu spüren, blicke ich ihnen entgegen.
Erkenne sie und erkenne sie nicht.
Der Bürgermeister.
Der Polizist.
Ja, selbst der  Pfarrer und der Lehrer.
Ganz Güllen ist auf den Beinen.

Was wollen sie hier?
(‘Als ob du das nicht schon längst wüsstest’, spottet der Verstand)

Sie verfolgen mich.
Sie wissen es.
Sie wollen mich aufhalten!
Diese niederträchtigen Aasgeier warten doch nur auf die passende Gelegenheit, sich auf mich zu stürzen und die Milliarde zu kassieren!

Panik schnürt mir die Kehle zu, als sie anfangen, auf mich einzureden.

Was reden die so scheinheilig daher! Ich weiß es schon längst!
Ihr könnt mich nicht zum Bleiben bringen. Ich werde nicht seelenruhig auf meinen Tod warten!
Ich werde fliehen!

Habe ich richtig verstanden? Ich bin hier in Sicherheit?
In Sicherheit?
Das einzige, was hier sicher ist, ist das nahende Ende meines Lebens!
Sie wollen mich alle ausstechen. Des Geldes wegen, nur des Geldes wegen!
Ich werde sterben, sterben STERBEN.

Als ob sie Abschied nehmen wollen.
Von meinem Leben vielleicht.
Aber so nicht. Ich werde nicht kampflos aufgeben. Ich muss versuchen, sie los zu werden.

Es muss einfach einen Ausweg geben. Es muss, es muss, es muss!

Da mein Zug!
Mein Rettungsboot!
Ich muss es schaffen.

Panisch huschen meine Augen zwischen ihnen hin und her, während ich stocksteif da stehe und mich keinen Schritt vorwärts traue.
Sie werden mich aufhalten!

Der Schaffner bläst zum ersten Mal kräftig in die Pfeife.
Das schrille Geräusch lässt mich zusammenzucken.
Die kleinste Bewegung könnte meinen Tod bedeuten.
Doch…

Warum halten sie mich nicht auf?
Das ergibt doch alles keinen Sinn! Warum reden sie so einen Schwachsinn!
Sie haben einen Plan!
Sie werden mich umbringen, wenn ich einsteige.
Einer von ihnen wird ganz plötzlich einen blitzenden Revolver ziehen und mir einen sauberen Kopfschuss verpassen!
Sie stecken alle unter einer Decke! Sie wollen meinen Tod!
Ein Plan, eine Verschwörung gegen mich! Sie sollen verschwinden, mich in Ruhe lassen, mir mein Leben lassen!
Was stehen sie so da? Warum tun sie das, was planen sie!
Sie werden mich umbringen! Ich spüre es!
Ich halte das nicht mehr aus! Sie sollen weg gehen, verschwinden!
Ein Alptraum, nichts als ein Alptraum, doch als ich die Augen wieder öffne, sind sie noch da.
Zum zweiten Mal ertönt der Pfiff des Schaffners wie ein Warnsignal.

Mein Tod, ich sehe ihn vor mir.
Ich kann ihn riechen, fühlen.
Ich halte das nicht mehr aus!

...

Als ich wieder klar denken kann, spüre ich lauwarmen, brüchigen Asphalt an meiner Wange, blicke in den rauchgeschwängerten Himmel, sehe die rot-weißen Schlieren eines vorbeirasenden Zuges.
Da fährt er hin… Mit ihm, meine letzte Hoffnung auf Überleben.

Niemand hat mich aufgehalten.
Ich war mir so sicher…
Sie waren da und haben nichts getan.
Warum konnte ich nicht weglaufen, mich in Sicherheit bringen, fliehen?

Die Erkenntnis drang mir tiefer in Mark und Bein, als es ein Schuss je vermocht hätte.

Weil man nie schneller laufen kann, als  man selbst.
Mein Schicksal würde mich überall einholen.
Ich habe Schuld auf mich geladen, ich war skrupellos, ich habe aus Geldgier gehandelt.

Sie haben Recht, sie haben alle Recht!
Ich bin verloren.

“Ich bin verloren.”




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Schönen Samstag wünsche ich ;)
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