Das Traumtelefon

GeschichteRomanze / P18 Slash
17.09.2010
15.10.2010
3
30047
21
Dieses Kapitel
35 Reviews
 
 
 
--Teil 3--



Hektisch tippe ich auf den riesigen Tasten herum. Ich habe noch nie ein Telefon in der Hand gehabt, das so riesige Tasten hat. Außer vielleicht das Seniorenhandy meiner Oma. Keine Ahnung, wo ich dieses hässliche Exemplar hier in meinen Händen her habe – es ist pink! –, aber es hat genauso große Tasten. Meine Nachbarin über mir könnte gut und gerne ein so abscheuliches Telefon haben. Ein pinkfarbenes. Die hat ein Fahrrad in dieser knalligen Farbe. Und die Küche ist auch so gestrichen. Nein, eher noch schweinchenrosa. Habe beinahe Augenkrebs bekommen, als ich ein einziges Mal bei ihr oben gewesen bin.
Wie ist noch mal ihr Name…?

Unwichtig. Ich muss mich nur an ein paar Zahlen erinnern. In einer bestimmten Reihenfolge.
555… und dann?
Ich tippe 555.
Weiter… weiter… wie geht es weiter?!
Ich probiere einfach alles durch.

„Verzeihung“, meldet sich eine sehr näselnde, lispelnde weibliche Stimme bei mir. „Falsch gewählt. Bitte noch einmal wählen.“

Mist, Mist, Mist.
555… komm schon, Uwe, denk nach!

„Verzeihung, falsch gewählt. Bitte noch einmal wählen.“

Ingos Handynummer, Ingos Handynummer, INGOS HANDYNUMMER!

„Verzeihung, falsch gewählt. Bitte noch einmal wählen.“

Mir bricht der Schweiß aus. Ich möchte Sybille umbringen. Ich kann nicht bis Montag warten, bis ich Ingo alles noch mal haarklein erklären kann. Es muss doch noch irgendeine andere Reaktion bei ihm hervorrufen, dass ich schwul bin als: ‚Wir sehen uns in der Uni!‘ Er kann doch wenigstens ein klitzekleines bisschen Interesse zeigen… oder? Er kann doch nicht nur sauer sein und enttäuscht?

„Verzeihung, falsch gewählt. Bitte noch einmal wählen.“

Die Stimme klingt zunehmend betrunkener, je öfter ich bei ihr lande. Allmählich bekomme ich schlimmes Herzrasen. Mir muss doch diese verdammte Nummer einfallen! Ich muss jetzt mit Ingo sprechen! Jetzt!

„Verzeihung, fal-“

Ich würge die Stimme ab, indem ich sofort wieder neu wähle.
555…

„Verzeih-“

555…

„Ver-“

AAAHHHH!

„Uwe?“

Mit einem Ruck sitze ich senkrecht in meinem Bett und wäre beinahe mit Michael zusammengestoßen.

„555 7557!“

Michael starrt mich an, als wären aus meinem Schädel gerade mehrere lockere Schrauben heraus gefallen.
„Äh, geht’s dir gut, Uwe?“ Die großen grünen Augen blicken mich ehrlich besorgt hinter der riesigen Brille an. „Wie viel hast du gestern getrunken?“

„Was zu schreiben…“, murmle ich zerstreut und versuche fieberhaft, diese blöden Zahlen in der richtigen Reihenfolge im Kopf zu behalten. Das ist mit ziemlicher Sicherheit seine Nummer!
Fahrig greife ich zu meinem Nachtschrank rüber und krame nach Stift und Zettel.

„Was?“

„Ich brauch‘ was zu schreiben“, wiederhole ich etwas deutlicher und schwinge die Beine aus dem Bett, um zu meinem Schreibtisch zu wanken und die Nummer auf die Unterlage zu kritzeln. Nur für den Fall. Ich könnte Ingo anrufen – wenn ich irgendwo ein Telefon auftreiben kann, heißt das – und ihn bitten, zu mir zu kommen, damit wir das von gestern irgendwie klären können. Wobei es eigentlich nichts mehr zu klären gibt. Alle Geheimnisse sind gelüftet.
Na ja, bis auf meine heftige Verliebtheit in ihn, aber… das scheint ihn offensichtlich nicht zu interessieren. Trotzdem. Ich kann ihn anrufen und wir können reden. Alle Unklarheiten beseitigen und wieder Freunde werden. Irgendwie habe ich das dumme Gefühl, dass da gestern was kaputt gegangen sein könnte. Und damit kann ich absolut nicht bis morgen warten. Zumal morgen die ganze Uni um uns herum sein wird.

„Hat man dir gestern was ins Getränk gemixt?“, will Michael vorsichtig wissen. „Du benimmst dich nämlich sehr seltsam. Und du hast total verschlafen.“ In der Tat, denn er ist schon komplett angezogen. „Und… komische Geräusche im Schlaf von dir gegeben.“

Meine Wangen erhitzen sich. „So?“

Michael wackelt mit den Augenbrauen. „Hast dir wohl gestern auch noch ein Mädel gesucht, was? Du warst jedenfalls plötzlich weg.“

Richtig. Aber ich bin geistesgegenwärtig genug gewesen, um wieder zurückzukommen und Michael im Club einzusammeln. Zum Glück ist der jedoch zu betrunken gewesen, um meinen Zustand richtig mitzubekommen oder zu Hause noch lange herum zu diskutieren. Wir sind einfach ins Bett gegangen, auch wenn ich ewig gebraucht habe, um einzuschlafen.

Ich deute auf die Schlafcouch, die Michael schon wieder zusammen geschoben hat – und davon bin ich nicht aufgewacht…?
„Schon was von Peter gehört? Wie spät ist es überhaupt?“

„Kurz vor elf. Wir haben also noch etwas Zeit. Und Peter hat sich nicht gemeldet. Bei dir?“

Ich schnaufe. „Wer weiß. Schon vergessen? Sybille hat sich mein Handy geschnappt und ist damit abgehauen.“

„Was?“ Michael entfährt ein belustigtes Glucksen. „Wie ist das denn passiert?“

„Frag‘ nicht. – Vielleicht solltest du ihm mal eine kleine Erinnerungs-SMS schreiben oder gleich anrufen. Nicht dass er noch den Zug verpasst.“

„Wir haben doch noch mehr als drei Stunden Zeit“, brummelt Michael, fischt aber dennoch schon mal sein Handy aus der Tasche.

„Trotzdem“, sage ich bestimmt, weil ich es absolut furchtbar fände, die beiden noch länger hier bei mir zu beherbergen. Ihr Besuch bei mir ist zwar wider Erwarten ganz lustig gewesen, aber ich weiß schon, warum ich von zu Hause weggezogen bin und die meisten Brücken hinter mir abgebrochen habe. Mir gefällt es so in Hamburg einfach besser. Und ich fühle mich auch viel besser, seit ich mich vor Ingo geoutet habe – auch wenn’s da immer noch ein paar Unstimmigkeiten gibt, zugegeben. Aber die kann ich garantiert nicht klären, solange Michael und Peter meine Wohnung belagern.

Während Michael kurz mit Peter telefoniert, springe ich schnell unter die Dusche, putze mir die Zähne und ziehe mich an. Als ich zwanzig Minuten später ein paar Aufbackbrötchen in den Ofen werfe, informiert mich Michael darüber, dass Peter versprochen hat, so gegen zwölf hier zu sein.

„Und? Hat er irgendwas von… Anne erzählt?“, erkundige ich mich mäßig interessiert, während ich im Schrank nach Tellern krame.

Im Kopf überschlage ich derweil schon mal meine weitere Tagesplanung. Erst bringe ich die zwei zum Bahnhof und dann treibe ich irgendwo ein Telefon auf. Vielleicht stehen am Bahnhof noch Münztelefone herum. Dann rufe ich Ingo an und… mal sehen.
Wahrscheinlich will ich sowieso wieder zu viel. Für ihn ist Homosexualität einfach nichts Besonderes. Aus dem Grund hat er vermutlich auch gar nicht auf meine Offenbarung reagiert. Frei nach dem Motto: ‚Du bist schwul? Ja, UND?‘ Er versteht das einfach nicht…

„Uwe?“

„Hm?“ Ich sehe auf, weil Michael plötzlich neben mir steht.

Er schüttelt grinsend den Kopf. „Du stehst heute etwas neben dir, kann das sein?“

„Ah.“ Verlegen fahre ich mir durch das Haar. „Das kommt wohl noch… vom Alkohol. Ich bin das viele Trinken nicht gewöhnt.“

„Na“, meint Michael leichthin und schlägt mir freundschaftlich auf die Schulter, „du bist uns ja bald wieder los.“

Das ist wohl scherzhaft gemeint, also erwidere ich sein Grinsen einfach ohne viel Aufhebens, ehe ich die Teller auf den Tisch stelle und die Brötchen aus dem Ofen hole.

Peter klingelt tatsächlich um kurz nach zwölf an meiner Wohnungstür. Er hat ein breites Grinsen im Gesicht und erzählt Michael und mir in einer Tour von Anne mit dem Zungenpiercing. Zum Glück habe ich eben bei der Kurzfassung, die Michael mir geliefert hat, nicht zugehört, sonst müsste ich mir das Thema gleich doppelt antun.

„Und, wie geht’s mit euch beiden weiter?“, will Michael neugierig wissen. Vielleicht, um es beim nächsten Mal mit seiner Eroberung auch so weit zu bringen. Dieses Mal nämlich hat er nicht mal ihre Telefonnummer bekommen, weil er ja schließlich nicht in Hamburg wohnt.

„Wir haben Nummern ausgetauscht und ich soll mich melden, falls ich mal wieder in Hamburg bin.“ Er zwinkert mir gut gelaunt zu. „Also, Uwe, mach‘ dich schon mal drauf gefasst, dass ich dich demnächst häufiger besuchen werde!“

Äh… juhu…!



***



Um kurz nach halb zwei machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Ich dränge darauf, dass wir lieber etwas eher da sind als etwas zu spät, um dann den Zug gerade aus dem Bahnhof rausfahren zu sehen. Michael und Peter verspotten mich dafür ein wenig und ziehen mich damit auf, dass die Bahn doch nie pünktlich ist.
Ist sie auch in diesem Fall nicht. Das ermöglicht es uns allerdings, uns lange und ausgiebig voneinander zu verabschieden. Peter und Michael versichern mir, wie lustig sie es bei mir gefunden haben und der Höflichkeit halber füge ich hinzu, dass sie natürlich jederzeit gerne wieder eingeladen sind.
Na ja, um ehrlich zu sein… es ist ja schon ganz nett gewesen. Aber das ist noch lange kein Grund, dass sie mich jetzt jeden Monat einmal besuchen müssen oder so.

Als ich die beiden endlich in den Zug setzen kann und dieser um zwanzig vor drei aus dem Hauptbahnhof rollt, bin ich doch merklich erleichtert. Jetzt gehört meine Wohnung wieder mir.

Ich hole mir bei einem Bäcker einen Coffee to go und halte gleichzeitig nach einem Münztelefon Ausschau, damit ich gleich als erstes Ingo anrufen kann.
555 7557
Das werde ich so schnell jetzt jedenfalls nicht mehr vergessen.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich welche gefunden habe, von denen einige auch sogar tatsächlich besetzt sind. Ich sichere mir ein freies Telefon und hätte um ein Haar in ziemlich frisch aussehendes Kaugummi gegriffen, das direkt neben dem Hörer angeklebt worden ist.
Hervorragend.
Ich ignoriere den spontanen Würgereflex und wähle endlich Ingos Nummer.
Dummerweise nimmt er nicht ab.
Möglicherweise, weil er die Nummer nicht kennt. Falls sie überhaupt übertragen wird.
So ein verfluchter Mist!

Ich hänge den Hörer wieder ein und fahre missmutig nach Hause. Ich will nicht bis morgen warten, um mit ihm zu sprechen! Ob ich einfach mal bei ihm vorbeifahren sollte? Immerhin weiß ich ja, wo er wohnt…
Oder mache ich mich damit absolut zum Affen? Sein Desinteresse an diesem Thema hätte ja nur noch deutlicher sein können, wenn er eingeschlafen wäre.

Hin und her gerissen biege ich um die Ecke und drücke das quietschende Gartentor auf, während ich gleichzeitig in meinen Hosentaschen nach meinem Schlüsselbund krame. Ich will gerade den Schlüssel ins Schloss stecken, als unvermutet Ingo um die Hausecke biegt. Vor Schreck lasse ich den Schlüsselbund fallen.

„Ingo!“, rufe ich überrascht aus. „Wo kommst… du denn her?“

Er deutet hinter sich. „Aus deinem Garten. Als du nicht aufgemacht hast, hab‘ ich mir schon gedacht, dass du gerade deine Freunde zum Bahnhof bringst.“ Er zuckt mit den Schultern. „Also dachte ich, ich warte einfach auf dich, weil du ja nicht an dein Handy gehst.“

„Oh. Ja. Mein Handy.“ Ich glaube, es wäre zu kompliziert, das jetzt in allen Einzelheiten zu erklären.

Ohne zu zögern bückt er sich nach dem Schlüssel und hält ihn mir hin. „Können wir… reden?“

In solchen Momenten hasse ich mich wirklich für meine wenig beeinflussbare Gesichtsfarbe. Sofort merke ich, wie mir die Hitze wieder in die Wangen steigt. Es gibt nur ein einziges Thema, über das wir reden könnten, das einer Ankündigung bedarf.
Andererseits sollte ich froh sein, dass er darüber reden will und damit auf mich zugekommen ist. Vielleicht ist ihm meine Homosexualität doch nicht gleichgültig…

„Klar.“ Ich nehme ihm den Schlüssel ab und schließe die Haustür auf. „Komm rein.“

Nacheinander steigen wir die Treppen in meine Kellerwohnung hinab. Nachdem wir beide unsere Schuhe abgestreift haben, strebe ich die Küche an, weil das der einzige Ort mit zwei Stühlen ist. Natürlich könnten wir uns auch in mein Wohnschlafzimmer setzen, aber… da gibt es als Sitzgelegenheiten nur mein Bett, mein Schlafsofa und den Schreibtischstuhl.
Ich kann kein halbwegs ernsthaftes Gespräch mit Ingo führen wenn einer von uns beiden auf dem Bett oder dem Schlafsofa sitzt. Dafür habe ich mir schon viel zu viele… phantasievolle Sachen mit ihm und mir vorgestellt. Ich will nicht, dass meine Gedanken ständig zu seinem sündigen Körper hin abschweifen. Gerade jetzt schleicht sich wieder das Bild in mein Bewusstsein, wie er letztes Wochenende halbnackt auf meiner Couch gelegen hat. Oder wie er in Badeshorts durch den Sand springt und Volleyball spielt. Sämtliche Muskeln im Einsatz, die sonnengebräunte Haut leicht verschwitzt…

Oh Mann, Uwe, Konzentration!
Aber ich kann nicht anders! Allein schon, wie er jetzt vor mir steht und mich ansieht… Diese grünen Sprenkel in seinen Augen sind der Wahnsinn! Und wenn er nur halb so gut küssen kann, wie seine Lippen aussehen…
Mist.

„Willst du was trinken?“

„Nee.“ Er packt mich am Arm und zieht mich zu dem kleinen Küchentisch rüber. „Setz dich.“

Das ist natürlich eine Kleinigkeit, die ich nicht bedacht habe, als ich die Küche für unsere Diskussionsrunde ausgesucht habe: Der Küchentisch ist ziemlich mickrig und als wir uns beide auf den Stühlen niedergelassen haben, gibt es keine nennenswerte Distanz zwischen uns. Egal, wie ich meine Beine hinstelle, ständig berühre ich Ingos, der natürlich auch noch kurze Hosen trägt. Ich habe zwar eine lange Jeans an, aber die sachte Berührung reicht trotzdem aus, um mein Blut zum Sirren zu bringen.

Ein wenig nervös rutsche ich mit dem Stuhl hin und her und schaffe es schließlich, ihn bis an die Wand zurück zu schieben und mich etwas anzulehnen.
Ingos Präsenz ist so anziehend, dass ich kaum den Blick von ihm abwenden kann, obwohl ich weiß, dass ich ihn wahrscheinlich anstarre. Sein Geruch steigt mir in die Nase und weckt in mir das Verlangen, mein Gesicht in seiner Halsbeuge zu vergraben. Genau da, wo der wundervolle Hals in die Schulter übergeht und das schwarze Shirt seinen phantastischen Oberkörper bedeckt.

Gott, warum zum Teufel kann ich eigentlich an nichts anderes mehr denken?!

„Du… hast mir sicherlich einiges zu sagen, hm?“, versuche ich, mich abzulenken. Diese Stille zwischen uns macht mich irre. Da kann ich mich ja auf gar nichts anderes konzentrieren als auf ihn direkt vor meiner Nase. „Wegen… gestern.“

„Ja“, sagt er langsam. „Stimmt.“ Er mustert mich aus leicht verengten Augen. „Bist du wirklich schwul?“

Ah, direkt zum Punkt. Sehr gut.
„Ja.“
Damit wäre das dann wohl geklärt.
Können wir uns jetzt küssen? Bitte?

„Du sagst das nicht nur so?“

„Nein. Ich bin seit sieben Jahren zu einhundert Prozent schwul.“

Er schweigt eine Weile und runzelt nachdenklich die Stirn. Dann schüttelt er jedoch trotzdem den Kopf, als wäre die Lösung des Rätsels einfach zu verzwickt für ihn. „Warum zum Teufel hast du denn nichts gesagt? Ich meine…“ In einer beinahe verwirrt anmutenden Geste fährt er sich durch das dunkle Haar. „Du hast schon mitbekommen, dass ich auch schwul bin, ja?“

Ich ringe mir ein kleines Schmunzeln ab. „Natürlich.“

„Und da bist du nicht mal irgendwann im vergangenen halben Jahr auf den Gedanken gekommen… irgendetwas zu erwähnen?“

„Auf den Gedanken schon, aber…“ Ich seufze schwer. „Weißt du, für mich ist das nicht so einfach wie für dich.“

Irritiert runzelt er die Stirn. „Was soll das denn jetzt heißen? Bist du dir doch nicht zu einhundert Prozent sicher?“

„Doch. Aber ich komme aus einer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt und wo Homosexualität… das gibt es da einfach nicht. Also habe ich es immer versteckt. Und als ich dann hierher gezogen bin, habe ich damit weiter gemacht. Es zu verstecken, meine ich. Ich konnte mich nicht so schnell umgewöhnen.“

„Sechs Monate sind verdammt langsam“, wirft Ingo ein wenig sarkastisch ein, woraufhin ich verlegen den Blick abwende.

„Na ja, nachdem ich dich kennen gelernt habe… kam ich mir so blöd damit vor. Aber je länger ich geschwiegen habe, desto schwieriger ist es irgendwie gewesen, es auszusprechen.“ Hilflos zucke ich mit den Schultern. „Nicht sehr mutig, was?“

Er zuckt mit den Schultern. Das soll wohl ein eleganter Mittelweg zwischen einem Kopfschütteln und einem Nicken sein. Allerdings braucht er mir auch nicht zu bestätigen, dass ich feige gewesen bin. Das weiß ich auch so. In seinen Augen macht mich das vermutlich noch uninteressanter, als wenn ich heterosexuell wäre. Ich kann nicht mal zu mir selbst stehen, wie soll ich dann zu irgendeinem anderen stehen können?

„Na ja, wenn du es dein Leben lang nicht anders gewohnt warst…“, lenkt Ingo ein wenig unbeholfen ein, scheint die Tatsache aber immer noch nicht ganz verdaut zu haben. Plötzlich ruckt sein Kopf hoch und er sieht mich mit leicht geweiteten Augen an. „Scheiße. Heißt das, du… äh…“

„Ich…was?“, hake ich nach, als er eine Pause einlegt, die sich ins Unendliche zu ziehen scheint.

Offenbar ist ihm seine Frage unangenehm, so wie er sich nun durchs Haar fährt und an mir vorbei sieht. „Ach nichts.“

Wahrscheinlich ist ihm nur irgendein Blödsinn durch den Kopf gegeistert, aber dass er mir den auf einmal nicht mehr anvertrauen will, trifft mich unerwartet heftig. Ingo hat nie sonderlich darauf geachtet, was er in meiner Gegenwart sagt. Natürlich hat er sich mit zweideutigen Sprüchen und dergleichen zurückgehalten, aber alles andere hat er mir immer frei von der Leber weg erzählt.
Na ja, seine intimeren Treffen mit Jan natürlich nicht. Die hat er auch ausgeklammert. Zum Glück.
Schätze, da ist doch irgendwas zwischen uns kaputt gegangen.

„Jedenfalls… es tut mir Leid, Ingo. Ehrlich“, versuche ich, irgendwas zu retten. „Dass ich da so ein Geheimnis draus gemacht habe. Ich hoffe, du glaubst mir, dass das keine Absicht war, sondern… Gewohnheit. Ich wollte dich nicht anlügen.“

„Hm, tja… na ja.“ Er presst die Lippen aufeinander und steht dann unvermittelt auf.

Deutlicher geht es ja wohl kaum.
Mutlos lasse ich den Kopf hängen. Und ich bin ja noch nicht einmal ansatzweise zu einem Liebesgeständnis gekommen. Wenn ich überhaupt vorhatte, eins abzuliefern. Jedes Mal, wenn Ingo in meiner Nähe ist, fühle ich mich so wunderbar und ich habe Angst, was sich dadurch alles verändern kann. Bevor er mir komplett aus dem Weg geht, bin ich lieber einfach nur so mit ihm zusammen.
Da er aber ganz offensichtlich mit meinem Vertrauensmissbrauch nicht klar kommt, hat sich das wohl ohnehin schon erledigt. Es hat sich alles verändert.

„Weißt du…“, setzt er unvermittelt wieder an, weshalb ich ihn wieder ansehe. Er stützt sich mit einer Hand am Küchentresen ab, die Finger trommeln einen unruhigen Rhythmus auf die Arbeitsplatte. Ist er nervös? „Weißt du noch, was ich dir über Jan gesagt habe?“

„Äh…“, mache ich überfahren und versuche, mich daran zu erinnern, in welchem besonderen Zusammenhang er das meint. „Du hast schon so einiges über Jan gesagt“, meine ich dann ausweichend. Mal ganz davon abgesehen, dass ich gerade absolut keine Lust habe, über Jan zu sprechen. Wie zum Teufel kommt er jetzt auf Jan?! „Aber das ist jetzt auch gerade nicht so wichtig. Nimmst du meine Entschuldigung an?“, will ich vorsichtig wissen.

„Doch, ich finde das wichtig. Weil… es so ist, dass… hm, also, Jan… ist nach wie vor nicht der Sanfteste, okay? Ganz bestimmt nicht für so was.“

„So was?“, wiederhole ich irritiert und beobachte, wie Ingos Finger sich nun in den Küchentresen krallen, anstatt darauf herum zu trommeln.

„Und ein Darkroom… also, das ist auch nicht so gut. Im Stehen… kannst du dich nicht richtig entspannen und wenn…“

Als die Pause sich wieder so lang hinzieht, sage ich Kopf schüttelnd: „Du brabbelst schon wieder, Ingo. Ich verstehe kein Wort.“

„Ja, okay.“ Er atmet tief durch und zwingt sich mit einiger Anstrengung, seine Hand vom Küchentresen zu lösen, um dann einen kleinen Schritt auf mich zuzumachen. Allerdings bleibt er dann wieder wie angewurzelt stehen. „Ich weiß, du hast dir Jan ausgesucht und so und das ist auch okay…“

Wie bitte? Wovon zum Kuckuck redet er da? Ich habe mir Jan doch nicht ausgesucht! Er hat sich mir ungefragt aufgedrängt! Das ist absolut überhaupt nicht okay!
„Ich habe mir Jan nicht ausgesucht“, korrigiere ich ihn daher perplex.

„Ja. Manchmal kann man da wenig gegen machen“, murmelt er mit leicht gesenktem Kopf, ehe er mich wieder ansieht. Dieses Mal mit so intensivem Blick, dass mein Herz sofort in meinen Hals hochschnellt und dort heftig herum hämmert. Er sieht so unglaublich aus, wenn er so guckt. Mist, er ist einfach unglaublich…!

„Aber“ – seine Stimme ist ein leises Flüstern, das mir wie ein zärtliches Streicheln den Rücken runter rinnt – „ich will einfach nicht, dass er dir wehtut. Und… und ich weiß, dass er es tun wird. Auf mehr als nur eine Art.“

Ich glaube, mein Herz bleibt gleich stehen.
Er will nicht, dass Jan mir wehtut?  
Es hält mich kaum noch was auf meinem Stuhl. Am liebsten möchte ich einfach aufstehen und ihn küssen. Vielleicht rückt das einiges in seinem Kopf wieder gerade und er kann endlich begreifen, dass Jan mich ungefähr so sehr interessiert wie die detaillierte Produktion einer Zigarre – ich bin überzeugter Nichtraucher.
Wie gesagt, kaum etwas… außer meinem nicht vorhandenen Rückgrat.
Vielleicht täusche ich mich ja? Vielleicht meint er das im Sinne eines guten Freundes? Dass er sich Sorgen um mich macht… als guter Freund? Wie peinlich wäre es dann, einfach aufzuspringen und ihn zu küssen? Er muss mich dann ja für den reinsten Vollidioten halten! Kann nicht mal Zuneigung von ehrlicher Sorge unterscheiden!

„Aber…“, setzt er leise wieder an, den Blick wieder an mir vorbei gerichtet, „wenn du dein erstes Mal unbedingt mit Jan –“

„Mein was? Mein erstes…!“ Ich möchte meinen Kopf vornüber in die Kloschüssel tunken dafür, dass er jetzt schon wieder so flammend rot wird. In meinem Magen ballt sich ein kleiner Klumpen Frustration zusammen, der mich nun tatsächlich von meinem Stuhl aufstehen lässt. Ingo beobachtet mich dabei mit einem kleinen Fragezeichen im Gesicht. Am liebsten möchte ich ihn schütteln. Er kann doch unmöglich so ein Brett vor dem Kopf haben!
„Hörst du mir eigentlich zu? Ich hab‘ doch eben gesagt, dass ich schon seit sieben Jahren schwul bin. Und da bin ich ganz bestimmt keine… ich hatte schon Sex. Mit Männern.“

Ingo blinzelt mich an, als wäre ihm was ins Auge geflogen. „Aber du hast doch gerade gesagt, dass es in deiner Heimatstadt keine Homosexualität gibt.“

„Ja“, schnaufe ich und ringe ein wenig verzweifelt die Hände. Will er denn partout alles falsch verstehen? „Aber das war doch nicht buchstäblich gemeint!“

Über meinen ruppigen Tonfall etwas beleidigt, verschränkt er die Arme vor der Brust. Es sieht ja beinahe süß aus, wie eingeschnappt er ist. Beinahe allerdings nur. Für alles andere ist die Situation einfach zu Nerven aufreibend.

„Aber du bist trotzdem in Jan verliebt und willst mit ihm –“

„Gott!“, unterbreche ich ihn wieder. „Nein! Nein, nein und nochmals nein!“ Impulsiv lege ich beide Hände an sein Gesicht, ziehe ihn zu mir herunter und presse ihm meine Lippen auf den Mund.

Das Ganze ist eher ein verunglückter Schmatzer als ein richtiger Kuss, dennoch reicht die Zeit aus, damit ich kurzzeitig vergesse, was ich hier überhaupt tue.
Ich küsse Ingo.
Ich küsse Ingo!
Die vollen, leicht geschwungenen Lippen fühlen sich unglaublich unter meinen an. Und sündig verführerisch. Am liebsten möchte ich weiter gehen. Viel weiter. Mit meiner Zunge über sie hinweg streichen, zwischen sie hindurch… Meine Zähne leicht in seine Unterlippe graben…
Was tue ich hier gleich noch mal…? Warum geht das nicht…?
Ich küsse Ingo!
Endlich!
Mist. Konzentration!

Es fällt mir sehr, sehr schwer, mich wieder zurückzuziehen, obwohl der Kuss kaum als solcher bezeichnet werden kann. Trotzdem prickeln meine Lippen wie nach einem kleinen Kussmarathon.
Ingo starrt mich aus riesigen Augen an und es kostet mich noch mehr Anstrengung, jetzt nicht in debiles Grinsen abzurutschen und in seinem Blick zu versinken.

„Ich will nichts von Jan“, sage ich überdeutlich. „Und ich wollte auch noch nie was von ihm. Ich kann ja nicht mal ganz verstehen, was du überhaupt an ihm findest. Gestern ist er mir im Darkroom zufällig in die Arme gelaufen und hat mich bedrängt. Und als wir in der Strandbar waren…“ – ich zögere nur kurz, weil ich das jetzt endlich sagen will, auch wenn mir mein Herzschlag gerade wegrennt – „bin ich wegen dir… so erregt gewesen. Wegen dir, Ingo“, wiederhole ich, damit in diesem Punkt auch ja keine Zweifel auftreten können.
Ein paar heftig hämmernde Herzschläge lang sage ich gar nichts, damit die Worte bei ihm erst mal sacken können. In dieser Zeit wird mir beinahe überdeutlich bewusst, dass ich sein Gesicht immer noch in Händen halte. Meine Handflächen werden warm und auch meine Wangen werden auf einmal ziemlich heiß. Mein kleiner Mutschub lässt unverkennbar nach.
Trotzdem vergewissere ich mich noch: „Hast du das jetzt verstanden?“

„Ich denke schon, ja.“

Er hebt die Arme an, um meine beiseite zu schieben. Automatisch rutschen meine Hände von seinem Gesicht.
Ich glaube, ich muss gleich tot umfallen.
Geht er jetzt auf Distanz?!
Scheiße. Scheiße…!
Mein Puls bollert sich gerade ins Nirwana. Ich bin so ein Idiot! Wie konnte ich auch nur glauben, dass er mich ansatzweise attraktiv findet?!

Als ich dann seine Hände an meinem Gesicht spüre, stockt mir spontan der Atem.
Nur um sich gleich darauf wieder extrem zu beschleunigen, als er seinen Mund wieder auf meinen senkt. Ingo hält sich nicht wie ich lange mit einem harmlosen Schmatzer auf, denn keine Sekunde später spüre ich seine Zunge in meinem Mund.
Beinahe hätte ich vor Wonne aufgestöhnt.
Ein erregendes Kribbeln rinnt meine Wirbelsäule hinab, während ich den Kuss euphorisch erwidere. Es fühlt sich zumindest definitiv so an, als hätte er alles verstanden. Trotzdem drängt sich mir unweigerlich die Frage auf, ob er jetzt einfach nur die Gelegenheit beim Schopf ergreift oder ob da auch von seiner Seite aus mehr ist. Wobei ich ja noch nicht direkt zugegeben habe, dass ich schon beinahe das ganze halbe Jahr über, das ich ihn nun schon kenne, ziemlich in ihn verschossen bin.
Ingo wird sich seines Aussehens mit Sicherheit bewusst sein und garantiert hat schon mal der eine oder andere eine Erektion bei ihm bekommen.
Mit Sicherheit.
Ich bin auch schon wieder kurz davor, eine zu bekommen.

Ingos rechte Hand wandert in meinen Nacken und schiebt sich von dort über meinen Rücken zu meiner Taille hinab. Nachdrücklich zieht er mich näher an sich heran, bis sich unsere Körper berühren und hält mich anschließend fest an sich gedrückt fest, ohne dabei den Kuss zu unterbrechen. In meinem Unterleib zieht es heftig, als ich Ingos langen, muskulösen Körper so dicht an meinem und seine starken Arme so unnachgiebig um mich spüre. Er macht es einem so leicht, sich fallen zu lassen.

Als er seine Position leicht verändert und sein Bein gegen meinen Schritt drückt, ächze ich leise in den Kuss hinein. Die vollen Lippen verziehen sich unter meinen zu einem kleinen Grinsen.

„Ich hab‘ doch noch gar nicht angefangen, mich auszuziehen“, murmelt er und saugt meine Zunge in seinen Mund.

Hm, jetzt muss ich doch ein bisschen aufstöhnen.
„Du siehst ja auch angezogen ganz gut aus“, brabble ich undeutlich. Ohne groß nachzudenken, fasse ich mit einer Hand in sein weiches Haar hinein und halte ihn für einen intensiven Kuss fest.
Ingo reagiert darauf, indem er seine Hand noch ein Stückchen weiter an meinem Rücken hinab gleiten lässt, bis sie meinen Hintern erreicht. Sanft massiert er ihn und ich antworte mit einem wohligen Seufzen.

Wie oft habe ich mir gewünscht, dass er mich so anfasst? Und jetzt tut er es tatsächlich! Ich kann kaum noch klar denken. Alles an ihm, jede Berührung und jede Geste erregt mich so sehr, dass ich am liebsten sofort aus meinen Klamotten raus will, damit er nackte Haut berühren kann. Und ich will ihn genauso sehen und fühlen.

Mit etwas fahrigen Fingern, die noch nicht so ganz von meinem Hirn überzeugt zu sein scheinen, greife ich nach dem Bund seines Shirts und ziehe es ihm über den Kopf. Anschließend kann ich nicht anders, als seinen athletischen Oberkörper entlang zu streicheln, den Linien der Brustmuskeln entlang und tiefer über seinen flachen Bauch. Beinahe magnetisch werde ich von seinem Körper angezogen, als ich mich vorbeuge und meine Lippen in seine so verlockende Halsbeuge presse. Tief nehme ich seinen Geruch in mich auf, bis ich das Gefühl habe, dass er mit der Hitze zusammen durch meine Adern fließt.
Berauschend.

Ingos Finger greifen sanft nach meinem Kinn und heben es an, damit er mich wieder küssen kann. Dann zieht er mir ebenfalls das T-Shirt aus und macht gleich am Bund meiner Hose weiter. Mein Magen zieht sich vorfreudig zusammen, trotzdem halte ich seine Hände kurz auf.

„Lass… lass uns ins Schlafzimmer gehen“, murmle ich mit rauer Stimme und spüre dabei wieder die Hitze in meinem Gesicht.

Ingo grinst schelmisch und fährt mit einem Finger meinen Oberkörper bis zur Jeans hinab. Allein diese federleichte Berührung jagt schon ein gewaltiges Kribbeln meine Wirbelsäule entlang, aber als er den Finger dann auch noch in den Bund einhakt und mich mit einem Ruck noch dichter an sich heranzieht, fängt mein Blut beinahe an zu kochen.

„Sehr gerne“, raunt er und küsst mich wieder. Seine Arme umschlingen mich dabei fest, so dass ich mit meinem nackten Oberkörper direkt an seinen gedrückt werde. Meine Haut steht in Flammen. Hingerissen seufze ich in den Kuss hinein und lasse mich rückwärts von Ingo aus der Küche ins Wohnschlafzimmer schieben.

Gemeinsam lassen wir uns auf dem Bett nieder. Ingo ist über mir und drückt mich mit seinem Gewicht in die Matratze.
Ein phantastisches Gefühl, auf das ich so lange gewartet habe.
Bereitwillig öffne ich meine Beine für ihn und streiche fest über seinen breiten Rücken und schließlich zu seinem Gürtel, während ich mich von seinem Kuss dominieren lasse.
Ich habe den Knopf gerade geöffnet, da fällt mir etwas ein.
Sein Piercing.
Fast hätte ich vor Lust aufgestöhnt.

Ich schlinge meine Beine um ihn und rolle mich dann mit ihm herum, bis ich auf ihm sitze und an seiner Hose nestle.

Ingo stößt ein leises Lachen aus. „Okay. Wenn du lieber oben sein willst…“

„Äh… nicht unbedingt. Aber…“ Ich rutsche auf seine Oberschenkel hinab und zerre ihm die Hose von den Hüften. Ingo kommt mir etwas entgegen, indem er sein Becken anhebt. „Ich will es sehen“, flüstere ich.

„Was?“

Wie kann er denn so blöd fragen?
Ich schiebe auch noch die Pants nach unten, unter der sich bereits deutlich seine Erektion abzeichnet. Unwillkürlich halte ich den Atem an, als ich seinen Penis von dem Stoff befreie und er sich mir steif entgegen reckt.
Dafür, dass ich ihn bisher noch kaum angefasst habe, ist er schon ziemlich erregt…
Daran kann ich allerdings gerade keinen weiteren Gedanken verschwenden, weil mein Blick von den zwei kleinen, silbernen Kugeln an seiner Penisspitze angezogen wird. Faszination ringt mit leichter Ehrfurcht und die Hand, die ich angehoben habe, um ihn zu berühren, bleibt mitten in der Luft hängen.

Ingo gibt ein unterdrücktes Stöhnen von sich. „Ich zerspringe nicht, du darfst mich ruhig anfassen.“

„Tut… tut das nicht weh?“, frage ich völlig belämmert nach und stelle mir unweigerlich vor, wie es wäre, wenn mich jemand… da pierct. Autsch.

Ingo streckt sich ein wenig und reckt sich mir damit entgegen. „Wenn du mich nicht bald anfasst, sondern weiter nur guckst, dann schon, ja.“

Überrascht hebe ich den Blick an und als ich seinem begegne, schießt mir sofort wieder die Röte ins Gesicht. „Ich meinte doch das Piercing…“

Er grinst leicht. „Ich weiß. Warum probierst du es nicht aus?“ Ohne zu zögern greift er nach meiner Hand, die noch immer etwas unkoordiniert in der Luft hängt, und legt sie mit seiner zusammen um sein Glied. Geräuschvoll stößt er den Atem aus und lässt mich los. „Besser.“

Vorsichtig wandere ich mit meiner Hand an seinem Schaft zur Eichel entlang, als hätte ich so was tatsächlich noch nie gemacht. Ich spüre das Blut in seinem Penis pochen und werde damit an meine eigene Erektion erinnert. Die muss allerdings noch etwas warten.
Zaghaft streiche ich über eine der silbernen Kugeln an der Spitze hinweg, woraufhin Ingos Hüften mir leicht entgegen zucken.

„Gott, Uwe“, ächzt er und schließt die Augen. „Du bringst mich um.“

„Tut mir Leid“, erwidere ich automatisch. „Ich hab’ so was… nur noch nie gesehen.“

„Bist du wirklich sicher, dass du so was überhaupt schon mal gemacht hast?“

Glaubt er mir das etwa immer noch nicht? Gut, zugegeben, ich wirke gerade alles anderes als selbstsicher…
Um ihm das Gegenteil zu beweisen, reize ich seine Eichel sehr nachdrücklich mit Daumen und Zeigefinger und achte darauf, dabei immer wieder eine der beiden Kügelchen zu streifen.
Ingo zuckt zusammen und stöhnt hinreißend auf, so dass ich den Blick endlich auch mal wieder über den Rest seines Körpers hinweg huschen lasse.
Phantastisch. Wie dieser große, durchtrainierte Mann Wachs in meinen Händen ist…

Ich lenke die Bewegungen meiner Hand wieder mehr auf seinen Schaft, um ihn nicht zu überreizen, und beuge mich gleichzeitig etwas mehr über ihn. Mit einer Hand fahre ich über seinen muskulösen Brustkorb hinweg und spüre fasziniert, wie die Muskeln unter meinen Berührungen erzittern.

Zielstrebig suche ich seine Lippen und nutze seine momentane Unkonzentriertheit, um ihn lange und intensiv zu küssen und mit der Zunge in seinen Mund einzudringen. „Glaubst du mir jetzt?“, will ich anschließend rau wissen und knabbere an seiner vollen Unterlippe.

Als Antwort darauf tauscht Ingo erneut unsere Positionen und schiebt sich wieder über mich. Dunkle Haarsträhnen fallen ihm vereinzelt ins Gesicht, als er auf mich runter sieht, und ich kann einfach nicht widerstehen, sie ihm aus dem Gesicht zu streichen.

„Wie kannst du nur ständig rot werden, und dann solche Sachen machen?“, will er leicht erstaunt wissen.

„Was für Sachen?“ Drängend schmiege ich mich von unten an ihn, damit seine Aufmerksamkeit auf meine schmerzlich vernachlässigte Erektion gerichtet wird. „Wir haben doch noch gar nicht angefangen.“

Ingo lacht und legt seinen Mund wieder auf meinen. „Das ist allerdings wahr“, findet er und macht sich dann endlich auch an meiner Hose zu schaffen.

Ich bin bereits voll erregt und keuche lustvoll auf, als er mit der flachen Hand über meine Erektion fährt und anschließend meine Hoden massiert. Wesentlich indirekter als ich.
Mein Atem geht schwer und die Hitze breitet sich viel zu langsam in meinem Körper aus, dafür dass der Druck in meinem Unterleib gleichzeitig so groß ist.
Ungeduldig dränge ich mich ihm entgegen und zu meinem Glück reagiert Ingo sogar darauf. Sein Kopf senkt sich zwischen meine Beine und –

Mit einem Aufstöhnen bäume ich mich auf, als er seine Lippen um meine Eichel schließt und mich gleich fast ganz in seinem Mund aufnimmt. Mein Herz rast und ich muss mich unbedingt irgendwo festhalten, wenn ich nicht einfach von der Lust in mir weggespült werden will. Ich vergrabe meine Hand in seinem dichten Haar und greife mit der anderen ins Laken, als er seinen Kopf noch weiter vorschiebt und mir damit den Atem raubt. Langsam entlässt er mich wieder aus seinem feuchten, heißen Mund, nur um mich dann wieder bis zur Wurzel aufzunehmen und zu schlucken.
Beinahe hätte ich aufgeschrien.
Mein ganzer Körper pulsiert und ich spüre jedes Stückchen Haut vor Erregung prickeln und glühen.

Ich stelle die Beine auf und ziehe sie an, um ihm noch mehr Platz zu bieten und noch mehr zu fühlen, auch wenn ich schon jetzt kaum mehr klar denken kann. Meine Hüften zucken Ingo immer mehr entgegen und die Lust, die sich unerträglich zwischen meinen Beinen sammelt, wird immer stärker und drängender. Und Ingos Kopf bewegt sich immer noch über meinem Schoß und schickt einen süßen Schauer nach dem anderen über meinen Körper.
Er hat noch nicht einmal mit der Vorbereitung angefangen…

„Ingo…“, bringe ich atemlos und zitternd vor Leidenschaft hervor, während ich sanft, aber nachdrücklich an seinen Haaren ziehe. „Nicht.“

Als ich aus seinem Mund herausgleite, seufze ich beinahe ein wenig erleichtert auf, auch wenn mir nur Sekunden später schon aufgeht, wie unbefriedigend wiederum diese Situation ist. Mein Glied ist so prall, dass es beinahe schon schmerzhaft pocht.

Ingo beugt sich über mich, um erneut meinen Mund zu suchen. Dabei spüre ich seine harte Erektion an meinem Bauch und die Sehnsucht, genau diese endlich in mir zu spüren, lässt mich erregt in den Kuss hinein stöhnen.
Unkoordiniert greife ich mit einer Hand zum Nachtschrank rüber, reiße die Schublade auf und taste blind darin herum. Wenn hier nicht bald etwas passiert, muss ich allein schon deshalb kommen, weil seine Zunge mich gerade wieder auf phantasievolle Art und Weise um den Verstand bringt.
Wo zum Teufel ist denn…?!

Just in dem Moment fällt mir ein, dass ich Kondome und Gleitcreme in meinem Kleiderschrank versteckt habe. Unterste Schublade, ganz hinten. Die mit den Socken. Weil Peter und Michael ja erst heute abgereist sind und ich die Dinger versteckt habe…

„Scheiße“, entfährt es mir frustriert. Ich will mich nicht von diesem wundervollen Körper, diesen sündigen Lippen lösen.

„Kommst du nicht dran?“ Ingo fängt jetzt selbst an, in der Schublade herum zu kramen, als ich ihn hektisch von mir runter schubse. „Was…?“ Zutiefst irritiert sieht er mir nach, als ich auf wackeligen Beinen und mit einer buchstäblichen Latte zum Kleiderschrank rüber stakse. „Uwe?“

„Vergiss nicht, was du tun wolltest“, weise ich ihn an, als ich die Türen vom Kleiderschrank öffne und die Schublade beinahe aus den Scharnieren reiße. Eine Handvoll Sockenpaare fliegt auf den Boden, dann habe ich gefunden, was ich gesucht habe.

„Ist das nicht ein ziemlich… beschissener Ort, um so was aufzubewahren?“, will Ingo Stirn runzelnd wissen, als ich zu ihm zurück aufs Bett springe und ihn dabei beinahe umreiße.

„Ich musst’s verstecken“, erkläre ich ihm knapp zwischen zwei Küssen, während ich ein Kondom aus der Packung rausfriemle und sie anschließend auf den Boden werfe. „Wegen Peter und Michael.“

„Erzähl mir das am besten später in aller Ausführlichkeit.“ Ingo rupft mir die Gleitcreme aus der Hand.

„Ja.“ Ich streife ihm das Kondom über und lausche begeistert Ingos dunklem Raunen, das ihm bei der Berührung entfährt. Kurz bin ich mir etwas unsicher wegen des Piercings. Ich meine… nicht, dass ich glaube, dass Ingo krank ist, aber… „Ähm… was ist… mit dem Piercing?“

„Nichts.“ Ingo erobert sich meinen Mund zurück und drängt mich gleichzeitig wieder in die Waagerechte. „Das geht. Ist noch nie was gerissen. Außerdem bin ich negativ.“

„Ich auch, aber –“

„Schon klar“, unterbricht er mich und leckt erneut über meine Lippen. „Ich find’s gut, dass du fragst.“

„Hm“, mache ich mit heißen Wangen, weil mir darauf keine passende Erwiderung einfällt. Stattdessen greife ich wieder in sein Haar hinein und ziehe ihn weiter auf mich. Gleichzeitig spreize ich die Beine weiter und reibe meinen Unterleib an seinem. Das sollte als Aufforderung ja wohl hoffentlich genügen.

Tut es auch.
Kurz darauf spüre ich einen glitschigen Finger an meinem Hintern, der vorsichtig, aber nicht besonders geduldig in mich eindringt. Allerdings kommt mir Ingos Eile sehr entgegen. Ich will ihn so dringend, dass ich es selbst kaum aushalte. Schon nach kurzer Zeit nimmt er einen zweiten und dann einen dritten Finger hinzu, aber es reicht alles nicht. Es verstärkt nur den unerträglichen Druck in mir und lässt meinen Penis zucken. Ich dränge mich noch enger an Ingo, klammere mich regelrecht an ihn, weil ich einfach nicht mehr warten kann und den Hautkontakt brauche, um nicht durchzudrehen.

Dann zieht er endlich seine Finger zurück und setzt stattdessen seine Eichel an. Die vordere Kugel des Piercings ist leicht kühl und sehr deutlich zu spüren. Unwillkürlich zucke ich ein wenig davor zurück. Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn… wenn die zwei Kügelchen in mir sind.

Ingos Mund wandert zu meinem Ohr. Sanft gräbt er seine Zähne in mein Ohrläppchen, ehe er flüstert: „Es tut nicht weh. Im Gegenteil.“

Jans großspurigen Erzählungen nach zu urteilen, ist das definitiv wahr.

„Ich habe keine Angst“, versichere ich ihm. Es ist nur… etwas ungewohnt.

„Gut.“ Die Kugel verschwindet samt Eichel in mir, dann folgt deutlich spürbar der zweite Ball, der sich über mein Innerstes schiebt. Und mich nach Luft schnappen lässt. Ich spüre genau, wo er ist. „Okay?“

„Mehr als okay.“ Ich lenke sein Gesicht wieder so, dass ich ihn küssen kann, und hebe ihm mein Becken entgegen, damit er endlich etwas gegen dieses kribblige Glühen unternehmen kann.

Ingo lässt sich nicht lange bitten und dringt mit einem langen Stoß ganz in mich ein. Überrascht ringe ich nach Luft, schließe jedoch gleichzeitig genussvoll die Augen, als ich ihn ganz in mir spüre. Die zwei Kugeln bilden einen zusätzlichen Reiz, der zunächst etwas ungewohnt, aber nicht unangenehm ist. Eher im Gegenteil – wie er gesagt hat.
Als er anfängt, sich zu bewegen, rieselt ein süßer Schauer nach dem anderen durch meinen Körper. Der Druck in meinem Unterleib wird stärker. Hitze wallt durch meine Adern wie eine Explosion in Zeitlupe.

Leidenschaftlich stöhne ich auf, als das vordere Kügelchen meine Prostata streift.
Ungewohnt. Aber gut. So gut.
Ingo registriert das sofort und wiederholt dieselbe Bewegung wieder und wieder, bis ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Sehnsüchtig komme ich ihm entgegen und halte ihn mit Armen und Beinen umschlungen, bis mein Herz so heftig hämmert, dass ich kaum noch etwas anderes wahrnehme. Schweiß bildet sich auf unseren Körpern und ich höre seinen und meinen keuchenden Atem, den ich genauso gierig in mich aufnehme, wie jedes noch so kleine Stöhnen oder jede Erschütterung, die durch seinen Körper geht.

Als er eine Hand zwischen uns schiebt und zärtlich meine Erektion umfasst, kann ich nicht mehr. Die Empfindungen brechen über mir zusammen, als ich mit einem atemlosen Seufzen komme. Mein Innerstes zieht sich dabei so heftig zusammen, dass auch Ingo nicht mehr an sich halten kann. Mit einem dunklen Stöhnen kommt auch er und ich kann den Schauer, der ihn dabei durchläuft, regelrecht sehen, bis er nach Luft ringend auf mir liegen bleibt. Ich spüre seinen Körper nahezu an jeder Stelle an meinem, sogar in meinem, was mein Herz immer noch rasen lässt.
Ich verstärke meinen Griff um ihn und möchte nicht, dass er mich jemals wieder allein lässt.



***



Ich muss kurz weggedöst sein, denn als ich die Augen wieder aufschlage, ist Ingo gerade dabei, sich von mir runter zu rollen.

„Oh, hab‘ ich dich geweckt?“, will er wissen und entfernt das Kondom, knotet es zu und verstaut es in einem Taschentuch, um es später zu entsorgen.

Ich weiß nicht warum, aber diese simple Tätigkeit lässt in mir unvermittelt die Angst aufkeimen, dass es das gerade gewesen ist. Dass Ingo gleich aufstehen und sich anziehen wird, um zu gehen. Und um dann irgendwann vielleicht mal wieder vorbeizukommen, wenn es ihn juckt. Wie bei Jan. Eine kleine, angenehme Fickgeschichte.
Falls es ihm gefallen hat.
Was hat ihm überhaupt an mir gefallen? Weswegen sind wir in meinem Bett gelandet? Gut, er hat mich zurückgeküsst – und? Ich bin bequemerweise gerade in der Nähe gewesen und zufällig doch schwul und offensichtlich sehr angetörnt von ihm…

Mit einer Hand wische ich mir übers Gesicht, um die hässliche Gedankenflut zu stoppen. „Ich hab‘ nicht geschlafen.“

„Lass mir doch die Illusion, dass ich umhauend im Bett bin“, grinst er und beugt sich spontan über mich, um mich zu küssen.

Ich bin so überrascht, dass ich regelrecht erstarre.
Was ist das jetzt? Reitet er noch auf einer kleinen Nachwelle vom Orgasmus? Oder möchte er gleich noch mal? Kann er gleich noch mal? Ich bin viel zu erledigt – körperlich und geistig. Ich will keine reine Affäre mit ihm…

Ingo bemerkt meine Reaktion und zieht sich wieder zurück. „Ähm… hab‘ ich was falsch gemacht?“

„Nee.“

„War…“ Plötzlich wird er ein bisschen blass um die Nase. „War das doch… dein erstes Mal?“

„Quatsch“, wehre ich ab und ziehe mich etwas mühsam in eine halbsitzende Position hoch, weil ich nicht so von unten zu ihm hochsehen will. „Aber was war das für dich?“

Er sieht etwas verwirrt aus. „Erwartest du, dass ich mitgezählt habe?“

„Ingo“, seufze ich matt und rolle mit den Augen. Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, er nimmt lieber ein paar Umwege in seinem Gehirn, als direkt auf eine Sache zuzusteuern. „Ich… ich hab‘ dich wirklich gern, weißt du? Und… deshalb würde ich gerne wissen, was das hier gerade für dich war. Weil…“ Ich schlucke kurz, weil mein Mund so trocken ist. „Ich finde Jan nicht besonders… ich kann ihn nicht wirklich gut leiden und wenn du… mit mir schläfst, will ich nicht, dass du dann auch mit ihm… also, du weißt schon…“

„Ja“, nickt er. „Okay.“

„Okay?“, wiederhole ich verwirrt.

„Klar.“ Er zuckt mit den Schultern und sieht mich warm an. „Es fällt mir nicht schwer, auf Jan zu verzichten, wenn ich dafür dich haben kann.“

Mir schießt eine heftige Röte ins Gesicht und ich muss seinem Blick ausweichen, weil der Ausdruck darin mein Herz beinahe zum Zerspringen bringt. „Du willst mich haben?“

Er lächelt leicht und rutscht ein Stückchen näher an mich heran. Sanft streicht er mir durchs Haar und wartet, bis ich ihn wieder ansehe. „Ungefähr seit du das erste Mal in den Hörsaal gestolpert bist, ja.“

Verblüfft starre ich ihn an. „Das… stimmt doch nicht.“

„Zumindest bist du mir da aber sofort aufgefallen. Möglicherweise kam das Habenwollen erst ein paar Wochen später“, gibt er zu. „Aber da du lieber Hetero spielen wolltest und ich damit schon einmal ins Klo gegriffen habe, wollte ich nicht… na ja, habe ich versucht, dich nur als Freund zu betrachten. Hat auch ganz gut geklappt. Und Jan stand immer zur Verfügung, wenn ich… hm, mal wieder etwas Druck abbauen musste.“

„Deshalb hast du immer noch mit ihm geschlafen?“ Eine sehr beruhigende Offenbarung, da ich das nie verstanden habe.

Er nickt. „Sonst wär‘ ich ja durchgedreht.“

Ich versuche, zu ignorieren, was diese Worte für ein Gefühl in mir auslösen, und befasse mich stattdessen mit den Problemen anderer Leute. „Weiß Jan das?“

„Er weiß, dass ich keine Beziehung mehr mit ihm will.“

„Ich glaube, das hat er noch nicht so ganz begriffen.“

Ingo legt leicht den Kopf schief. „Das glaube ich auch. Immerhin wollte er mir weismachen, dass du auf ihn stehst.“

„Was du auch sofort geglaubt hast“, schnaufe ich ein wenig beleidigt.

Schmunzelnd beugt er sich zu mir rüber und streift mit seinen Lippen über meine. „Verzeih mir.“

Bei so viel Zärtlichkeit geht gleich mein Herz über. Wie fies von ihm.
„Okay“, murmle ich und versuche sehnsüchtig, den Kuss ein wenig mehr zu vertiefen. Ingo geht bereitwillig darauf ein und unser Gespräch wird eine ziemliche Ewigkeit lang unterbrochen, in der wir uns nur küssen.

Irgendwann nuschelt Ingo ziemlich aus dem Zusammenhang gerissen: „Ich werde Jan umbringen.“

„Hä?“

„Dafür, dass er dich gestern so bedrängt hat. Dass er mir so einen Schwachsinn erzählt hat.“ Sanft streicht er mit seinen Fingerspitzen über meine Seiten.

„Er hat Angst, dich zu verlieren“, sage ich. Was ich durchaus verstehen kann. Die Vorstellung, dass er morgen vielleicht doch keine Lust mehr auf mich hat, ist ziemlich grausig. Andererseits… er ist beinahe schon so lange an mir interessiert wie ich an ihm…

Ingo schnaubt. „Trotzdem erzählt er Schwachsinn.“
Ich schnappe nach ihm und grabe meine Zähne kurz, aber heftig in seine Unterlippe.
„Autsch!“ Er zuckt zurück. „Was zum…?“

„Könntest du aufhören, von Jan zu faseln?“ Ich versuche sowieso schon die ganze Zeit, den Kerl aus meinem Kopf zu verbannen. Dieser blöde Penner. Rennt rum und erzählt Ingo puren Blödsinn!

Perplex blinzelt Ingo mich an und lacht dann leise. „Entschuldige.“

„Außerdem, wenn… wenn ich schon vor sechs Monaten den Mut gehabt hätte… dann hätten wir das Janproblem wahrscheinlich gar nicht.“
Ingo runzelt die Stirn und sieht mich neugierig an.
„So lange weiß ich nämlich schon, dass ich auf dich stehe“, gestehe ich leise.

Ingo lässt den Kopf in den Nacken kippen. „Nicht dein Ernst.“

„Doch.“

„Mann.“ Er sieht mich wieder an und lehnt seine Stirn sachte gegen meine. „Wir haben ‘nen Knall, oder?“

Hm, das kommt drauf an, aus welcher Perspektive man das betrachtet, oder? Hat man einen Knall, weil man ein halbes Jahr lang den Mund nicht aufbekommen hat oder eher weil man von riesigen, pinkfarbenen Telefonen träumt?
Ich denke, da bin ich doch um einiges durchgeknallter als Ingo.
Dabei fällt mir ein… ich muss mir Montag von Sybille unbedingt mein Handy zurückholen. Und mich outen. Ich habe keine Lust mehr, mich zu verstecken, wenn ich dadurch Ingo an meiner Seite auch verstecken muss. Außerdem lässt jegliche Geheimnistuerei Jan viel größeren Spielraum für irgendwelche Intrigen. Damit fangen wir gar nicht erst an. Der soll gleich von Anfang an wissen, was Sache ist. Alle sollen von Anfang an wissen, was Sache ist. Ich will damit genauso ungezwungen umgehen können wie Ingo und ihn einfach immer und überall küssen können, wenn mich die Lust dazu überkommt.

So wie jetzt gerade.
Mhm, seine Lippen sind so weich und gleichzeitig so unnachgiebig, dass mich der Kontrast beinahe verrückt macht.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, schwingt Ingo ein Bein über mich und macht es sich auf meinem Schoß gemütlich. Wenn mich nicht alles täuscht, spüre ich da auch schon wieder eine schwach wachsende Erektion an meinem Bauch.
Ungläubig löse ich den Kuss und sehe nach unten auf seinen Penis herab.

„Kannst du etwa schon wieder?“

„Du nicht?“, grinst er frech und knabbert sachte an meinem Kinn, um sich anschließend meinen Hals hinab zu lecken.

Mein Herzschlag kommt gehörig aus dem Takt. Trotzdem lege ich die Hände an seine Hüften und ziehe ihn enger an mich heran. Ingo versteht das als Aufforderung und fängt an, sich aufreizend auf mir zu bewegen. Gott, hätte ich bloß mal eher meine Klappe aufbekommen…!

Ingo kehrt zu meinem Mund zurück und gibt mir einen süßen Kuss, ehe er noch mal meinen Blick sucht. In meinem Bauch wird es ganz warm, wenn er mich so intensiv ansieht, und ich muss ihn einfach anfassen. Noch mehr.

„Ich hab‘ dich übrigens auch echt gern, Uwe.“

Meine Mundwinkel zucken, obwohl sich die Worte wie flüssiger Honig in meinem Inneren verteilen und ein beinahe zu süßes Gefühl in mir hinterlassen. „Das ist ja wohl das Mindeste…“

Er lacht und küsst mich dann wieder, während seine Hände gleichzeitig auf Wanderschaft gehen…


ENDE




Hallo und danke schön fürs Lesen!

So, damit wären wir dann auch schon am Ende von Traumtelefon angekommen. Ich hoffe, ich habe keine falschen Erwartungen geschürt – die Geschichte ist nie auf besondere Tiefe, Überraschungen oder überragende Länge ausgelegt gewesen. Und dass es kein One-Shot geworden ist, liegt einzig an meiner mangelnden Fähigkeit zur Kürze XD“

Trotzdem hoffe ich natürlich, dass ihr beim Lesen wenigstens ein bisschen Spaß hattet und euch Ingo und Uwe – trotz schrecklicher Namen XD“ – auch irgendwo ein wenig ans Herz gewachsen sind.

Ganz, ganz lieben Dank an alle Kommentarschreiber! Auch wenn es von mir keine Rückmeldung gab, habe ich eure Kommentare wie immer verschlungen und die F5-Taste regelmäßig malträtiert.
Danke schön! :)

lg
- SnowWhite