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von ashtrails
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
16.09.2010
16.05.2011
3
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Westwind zieht über die welke Heid
doch noch regt sich kein Blatt im Wald

Schatten liegt da, Tag und Nacht
Schleicht leise, dunkel, dann einher

Der Wind zieht jetzt herunter, von Bergen kalt
Wie Meeresflut, er brüllt und wallt
Ast ächzt und Wurzel klagt
Der Wind, er dreht von West nach Ost

trägt Flüsterstimmen, lässt sie frei
zerreist die Wolken, Reih um Reih
zieht über einsamen Berg hinfort
wo nichts bleibt als des Drachen hort
wo schwarz und schroff die Splitter
und Rost und Asche ruhen
Der Wind zog weiter
So wie wir
-Brillantzwergischer Sang von der alten Heimat, übersetzt





Dämmerung.
Hier im Gebirge warf der Vorbote der Nacht seine Schatten schneller als im Flachland, vertrieb alsbald das dünne feuerrote Band aus Sonne entlang der Zinnen der Beilunker Berge.
Es war eine der ersten, aber auch nur eine von vielen überraschenden Erfahrungen, die Fendin Weitschritt, Sohn des Forax auf seinen Reisen gemacht hatte, nachdem er entschieden hatte, mehr von der Welt zu sehen als seine eigenen Wände.
Trotz der Wanderlust, die ihn ständig forttrieb, kam der Brillantzwerg ein ums andere Jahr gern zurück hierher, nach Schatodor, seine Heimat. Auch wenn er das Reisen liebte, die Stadt hier in den Bergen hatte doch immer einen besonderen Platz in seinem Herzen.
Der Herbst hielt Einzug und die wenigen zähen Bäume, die es geschafft hatten auf den Hängen oder in den Tälern Fuß zu fassen, warfen ihre Blätter zwar noch nicht fort, aber waren bereits in roten und braunen Tönen gefärbt, so dass das schwindende Sonnenlicht ihre Kronen in rauchloses, sich im Wind wiegendes Feuer zu verwandeln schien.
Fendin seufzte und verbarg sein bärtiges Gesicht bis zum unteren Ansatz der  Nase im hohen Kragen seines ledernen Wettermantels. Es wurde dieser Tage früh kühl, obwohl der Sommer noch nicht lange vorbei war. Die ohne das Sonnenlicht schnell herbeikriechende Kälte erinnerte ihn ebenso sehr daran wie sein Atem, der in der klaren Bergluft Wölkchen aus Dampf zeichnete.
Umso mehr freute der Zwerg sich auf das warme Feuer, das ihn in seinem Haus erwarten würde, das gute Essen, Trinken, Musik…Familie. Wenn er an all das dachte, fragte er sich manchmal, was ihn dazu bewog so oft und lange all dem fern zu bleiben. Sein Blick Richtung Horizont, die mächtigen Finger der Beilunker Berge entlang, der schließlich auf dem Pass zu Fendins Füßen endete, gab dem Wanderer die Antwort, mit der er sich diese Frage stets beantwortete.
Der Pass würde sich noch eine ganze Weile vor Fendin herwinden, bis er die Türme Schatodors überhaupt würde sehen können. Den Anblick wie das Licht der Sonne mit den kunstvoll verzierten Glas und Kristallfenstern spielen würde, würde er wohl verpassen, trotzdem wollte er noch heute ankommen. Dunkelheit würde ihm kaum zu schaffen machen, selbst wenn man auch auf der gut begehbaren Passtraße auf jeden Schritt zwei Mal achten sollte. Neben dem Zwerg ragte hoch eine Steilwand aus dunklem Gestein auf, rechts von ihm brach der Pass übergangslos in eine Böschung ab, die gut zwanzig Schritt schräg in die Tiefe hinabfiel und in ein langgestrecktes Tal voller knorriger Birken mündete. Die Steile Wand würde den Zwerg noch fast bis zur Stadtgrenze begleiten, war daher auch gleichzeitig für Wegmarkierungen genutzt worden, die dem, der es verstand die eingemeißelten Runen zu lesen, Auskunft über den Weg gaben.
Aus dem Tal lauschte Fendin den Stimmen der Vögel, ab und an dem dumpfen Ruf einer Dämmereule, die darauf wartete dass die Sonne vollends verschwand. Beiläufig glitt seine Hand von Zeit zu Zeit über den Stein der Felswand. Regen, Schmelzwasser und der Sand, den der Wind bei Zeiten durch die Pässe peitschte hatten ihn über die Jahre noch etwas mehr geglättet. Aus früheren Untersuchungen wusste er, dass unter dem Fels noch etliche Schätze darauf warteten von kundigen Händen geborgen und verarbeitet zu werden. Neue Geschichten konnte ihm der Stein jedoch nicht erzählen. Es schien dem Brillantzwerg eher so als würde er ein gutes Buch ein Mal mehr lesen.
Das Tal endete.
Anders als am Pass war sein Ausläufer keine Böschung, sondern eine Steilwand, die fast auf gleicher Höhe mit dem Weg verlief und von der sich ein Wasserfall aus uralten Efeuranken den Stein hinunterwarf, sogar Dick genug um an ihnen gefahrlos zu klettern, wie der Wanderer sich mit einem Schmunzeln hinter seinem dichten, dunkelblonden Bart erinnerte. Der Weg war ihm so vertraut, dass er kaum bewusst auf ihn achten musste. Fendin genoss also den Sonnenuntergang, hörte darauf was das Gebirge zu dieser Stunde zu sagen hatte, begutachtete einige neue Gesteinsformationen, die das letzte Mal als er zu Besuch war nicht so aussahen, oder sogar gar nicht dort gewesen waren. Er war immer stolz darauf gewesen, ein Auge für Details und auch Veränderungen zu haben, etwas, das in seinem Beruf auch unverzichtbar war, wollte er nicht minderwertige Ergebnisse erzielen. Auch nun ließ ihn diese Fähigkeit nicht im Stich, als er, noch bevor er es sah, merkte, dass etwas anders war, dass etwas nicht stimmte. Seinen Schritt verlangsamend, bog er vorsichtig um die nächste Kurve, die der Pass schlug, die rechte Hand bereits in Richtung Rücken, wo seine Armbrust gehalftert war, wandern lassend. Vor Wegelagerei fürchtete sich Fendin nicht.
Pah!‘
Die Straße nach Schadotor war sicher vor solchem Pack, allein schon, weil es hier keine Reisenden gab, die sich so weit ins Gebirge wagten. Handel mit den Zwergen fand fast ausschließlich in den Städten der Menschen statt oder auf den dem an der Küste gelegenen Gebirge vorgelagerten drei Inseln. Doch es gab genügend andere Gefahren. Wilde Tiere, Wühlschrate, ja sogar vereinzelte Baum oder Höhlendrachen.
Doch die Gefahr, wenn es eine gab, schien verflogen. Doch was sie zurückgelassen hatte, ließ den Sohn des Forax zuerst stutzen, dann eilte er sogleich zu der Gestalt die dicht an der Felswand lag. Als er ankam, schalt er sich  einen unvorsichtigen Narren, denn es hätte sehr gut eine Falle sein können. Die Abmahnung seiner Vorsicht musste allerdings sofort einer erneuten Welle Neugier, aber auch Sorge um diesen  Fremden weichen.
Ein Mann.
Fendin schätze ihn auf vielleicht dreißig oder vierzig Sommer. Obwohl er viel Zeit mit Menschen verbracht hatte, tat er sich immer noch schwer damit, ihr Alter richtig zu bestimmen, besonders, wenn sie in der Mitte ihres Lebens zu sein schienen. Dieser hatte bereits ergraute Schläfenhaare, vierzig, oder gar mehr Sommer schienen dem Zwerg also wahrscheinlicher. Seine Kleidung, wenn auch sehr tauglich zum Reisen, war stark zerschlissen und vom Wetter mitgenommen. Vielleicht war sie einmal von guter Qualität gewesen, jetzt waren seine Kleider eindeutig ruiniert. Schon bevor er ihn gänzlich erreicht hatte, wusste der Zwerg bereits, dass der Fremde tot war. Sein Genick war gebrochen, die Knochen seiner Beine ragten offen in einem Winkel aus dem Fleisch, dass allein das Hinsehen schmerzen mochte. Die Augen hatte der Mann geschlossen, das unrasierte Gesicht war erstaunlich friedlich, die Arme hatte er eng um den Körper geschlungen. Er musste im Fall noch mehrmals gegen die Wand geprallt sein, anders waren die Wunden und das viele Geröll auf dem Weg kaum zu erklären. Seine Wunden verrieten ebenfalls, dass er vielleicht einen Tag tot war, kaum länger.
„Dieser Stein taugt nicht sehr gut, um sich festzuhalten…“ murmelte Fendin, sich durch den Bart streichend. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Gestürzte auf dem Rücken gelandet war. „und dein Glückstag war das offenbar auch nicht.“  
Wäre er nicht so aufgekommen, zuerst mit den Beinen, danach musste er auf den Rücken gefallen sein, hätte der Fremde zumindest durch den bremsenden Aufprall an der Steilwand den eigentlichen Sturz überleben können. Die nötige körperliche Verfassung schien er durchaus gehabt zu haben, schätze der Zwerg, auch wenn die Konturen des Mannes unter seinem wallenden Reiseumhang verborgen waren.
„Nun, jedenfalls werd ich dich hier nicht einfach so liegenlassen, Freund.“ Fendin kannte die Geschichte dieses Mannes nicht, wusste nicht was ihn in die Beilunker Berge getrieben hatte. Er mochte ein Bote, ein Edelmann oder ein Verbrecher auf der Flucht sein. Fest jedoch stand, dass er kein Futter für die Aasfresser sein würde.
Gerade wollte er den größeren Menschen wie einen Sack über seine breiten Schultern werfen, da bewegte sich etwas unter seinem Umhang und der Zwerg schreckte zurück, die Armbrust gedankenschnell in seinen Händen.
„Drakka!“ fluchte er, und näherte sich wieder dem Leichnam. Mit dem metallbeschlagenen Ende der Schusswaffe schob er den schweren Stoff des Umhangs auseinander.
Dann entfuhr ihm ein erstauntes „Beim Seelenschmied!“
Schnell halfterte er die Armbrust wieder und kniete sich nieder zu dem toten Mann. Unter dem Umhang trug er eine Lederrüstung, gegen die er ein Bündel gepresst hatte, das verzweifelt versuchte sich aus dem Griff des Toten zu befreien.  An seiner Seite trug der Fremde außerdem einen Waffengurt, der allerdings leer war. Der Wanderer löste die Hände des Kämpfers von dem Bündel und hob es auf Augenhöhe vor sich.
Große Augen, so grau wie dunkler Schiefer blickten unter einem Schopf kurzer roter Haare zurück, als Fendin das Menschenkind seinerseits musterte.
Dann griffen kleine Hände nach vorn und packten die Nase des Zwergs.
Ein helles Lachen hallte von zerklüfteten Passwänden wider.






„Siehst du? Das ist Schatodor.“
Abseits des sich windenden Bergpfades hatte Fendin den toten Mann bestattet, ihm ein würdiges Grab mit schweren Steinen darüber bereitet. Es betrübte ihn jedoch, dass er nicht den Namen des Mannes und den seiner Ahnen kannte, ja nicht einmal das Grab mit dessen Waffe kennzeichnen konnte.
Doch auch dieses Problem würde sich zu gegebener Zeit lösen.
„Bei Tage ist es natürlich noch schöner, wenn  die Gärten blühen und das Sonnenlicht sich im Glas und Kristall bricht, wie hunderte funkelnde Edelsteine.“
Das Kind, welches Fendin in eine Wolldecke gehüllt hatte war auf seinen Schultern eingeschlafen, dennoch redete er weiter, während er auf die zwei in den massiven grauen Granit gebauten Wachtürme vor dem Eingang zum Tal Schatodors  zuschritt. „Die anderen werden nicht schlecht staunen, wenn sie dich sehen. Wir haben nicht oft Menschen zu Gast.“
Warmer, einladender Feuerschein suchte sich seinen Weg aus den Häusern und den direkt in die Bergwände angrenzenden Höhlenwohnungen mit ihren großflächigen kristallenen Fenstern.
Anders als die Zwerge aus dem Ambossgebirge oder die Erzzwerge, schätzten die Kinder Curobans das Leben dicht an der Oberfläche, mit Blick auf die Sonne, das Land und den Himmel.
Üblicher Weise waren die Türme hier am Eingang zur Hauptstadt des Bergkönigreichs Lorgolosch mit Wachen besetzt. Nachts befanden sich diese in den befestigten Wehrgebäuden und schienen einen spät heimkehrenden Zwerg nicht als Anlass zu sehen in die kühle Bergluft hinauszukommen.
Sterne und der tapfere Vorstoß einigen Feuerscheins auf dem mit flachen Steinen ausgelegten Weg durch die Stadt geleiteten den Wanderer schließlich zu der Treppe seines Sippenhauses.
Fendin schloss die Augen, sog tief die Luft ein, die so gut nach Heimat roch, genoss für einen Augenblick den noch immer in der Nachtluft verweilenden Duft der Blumen und Kräuter, die auch zu dieser Jahreszeit in den Hanggärten gediehen.
Dann erst  klopfte er an die schwere Steineichentür, deren Rahmen und Corpus kunstvolle Runen und Schnörkel aus Kupfer, Silber und Gold zierten.
Ohne lange zu warten, trat er ein.
„Bin wieder da!“ rief er knapp, als hätte er nur schnell etwas besorgt und wäre nicht über ein Jahrzehnt fort gewesen.
Vorsichtig entledigte sich der Brillantzwerg seiner Last und wandte sich dann in Richtung der von Teppich gedämpften Schritte, die den langen Flur aus Felsgestein entlangeilten.
Einige Herzschläge starrte ihn sein Gegenüber nur an, dann ging er festen Schrittes auf den Neuankömmling zu und ließ ein glückliches Lachen hören.
„Fendin!“ rief er. „Linrala, komm her, es ist Fendin!“
Der Heimkehrer lächelte breit hinter seinem Bart. „Ich hatte gehofft, du wärest hier.“ gestand er sogleich.
„Wollt eigentlich wieder für eine Zeit auf Wanderschaft, nach dem Rechten sehen und den Kontakt im Westen halten. Aber irgendwie wusste ich es würde sich lohnen noch etwas zu warten, und da sieh her, Angrosch ist's gegeben, dass mein Brüderchen heimkehrt!“
„Schön dich zu sehen, Ferril.“ Fendin umarmte seinen Zwillingsbruder und klopfte ihm auf die Schulter. Ferril trug seinen sorgsam gepflegten Bart noch immer recht kurz, nur drei dünn geflochtene blonde Zöpfe ragten fast bis zu seinem Gürtel, so dass man stets den kleinen eisernen Hammer, der von einer silbernen Kette um seinen Hals baumelte und das Symbol seines Standes als Angroschpriester war, sehen konnte. Im Gegensatz zu Fendin trug er bequeme Kleidung aus weichem, dunklen Leder, da sein Tagewerk für heute beendet war.
Davon abgesehen unterschied die beiden Brüder sichtbar nichts voneinander.
Gerade als er nach ihr fragen wollte, gesellte sich die Frau des Geweihten zu ihnen, begrüßte und drückte Fendin.
„Garoschem! Meine Güte, Mann, du siehst aus wie ein Bergschrat!“ Schloss sie sogleich daran.
„Was aus deinem Munde kommt, ist für mich noch immer stets ein Kompliment, Linrala. Aber ich glaub bevor wir uns weiter darüber auslassen wie ein Reisender der nach Haus kommt aussieht, muss ich euch etwas zeigen!“ Entgegnete er feixend. Längst hatte er überwunden, dass die starke, lebenslustige Zwergenfrau mit den schwarzen Haaren und den saphirblauen Augen, seinem Bruder und nicht ihm ihre Hand gegeben hatte, auch wenn es ihn vor all den Jahren noch lange zeit betrübt gemacht hatte, ja der Grund für ihn war ein weiteres Mal lange Schatodor fernzubleiben.
„Trotzdem werd ich dir erstmal ein Bad herrichten und dann isst du was ordentliches. Und dann ist Zeit für Geschichten und Prunkstücke!“
„Aber...“ Protestierte der Wanderer als seine Freundin bereits auf dem Weg zu seinem abgewetzten Lederranzen war um ihn sich über die Schulter zu werfen und Ferril seinen Bruder  frohen Mutes den Flur zum Wohnbereich entlangschob.
Erst der überraschte Ausruf seiner Frau ließ ihn innehalten, sich hernach zurück zur Eingangstür wenden.
Aus Fendins Bündel, zu dem Linrala sich hinuntergebeugt hatte ragten zwei kleine Arme, die bereits nach dem Gesicht der Zwergin gelangt hatten, aber nur ihre dicken schwarzen Zöpfe zu fassen bekamen.
Beide, sein Bruder und dessen Frau blickten den heimgekehrten Wanderer an, ihre Fragen standen ihnen ins Gesicht geschrieben.
„Halaura. Sie greift gern nach Dingen.“ erklärte Fendin nur entschuldigend und zuckte mit den Schultern.

„Halaura, hm?“
Fragte Ferril bedächtig, mittlerweile zum dritten Mal in kurzer Zeit.
Linrala hatte sich kurzer Hand ihre Stiefel angezogen um zu den Stallungen zu gehen, Milch zu holen, um einen Brei zu kochen, wie sie sagte.
Die beiden Männer blieben mit dem Kind zurück, zusammen mit zwei Humpen hellem Bier.
Die Brüder nahmen einen tiefen Zug aus den großen, hölzernen Bierkrügen. Fendin schien das Gebräu seiner Heimat deutlich mehr zu genießen, wirkte sein Zwilling doch sehr nachdenklich.
„Aye.“ sagte Fendin dann wieder und nickte.
Hinter der Tür aus Schmiedeeisen und Glas knisterte das Feuer in der Wohnstube, in der die Zwerge saßen und für einige Herzschläge blieb es ansonsten still, nachdem Ferrils Bruder ihm in knappen Worten erzählt hatte, wie er zu diesem Fund gekommen war.
„Was gedenkst du zu tun, Brüderchen?“ fragte der Priester schließlich.
Fendin hatte darüber auch schon nachgedacht und für ihn gab es nur eine vernünftige Lösung für dieses Problem.
„Nach Beilunk.“ erklärte er bestimmt. „Ich werde morgen, vielleicht übermorgen gen Beilunk aufbrechen. Es wird einen Grund geben, warum ein bewaffneter Mann sich mit einem Kind, dass noch keinen zweiten Sommer gesehen hat durch die Berge schlägt und ich kenne, wie du weisst, Leute, die es wissen könnten.“
Der Wanderer blickte zu dem kleinen Rotschopf, der bereits wieder eingeschlafen war.
„Vielleicht vermisst sie bereits jemand und wenn dem so ist, werd' ich die als Gäste mitbringen, und sie können die Kleine abholen.“
Ferril räsuperte sich. „Was wenn nicht, Fendin?“ murmelte er.
Er überlegte und strich sich durch seinen blonden Bart. „Dann warten wir den Winter ab und danach bringen wir sie zu ihren Leuten zurück.“ dann seufzte er und legte seinem Bruder die Hand auf eine seiner breiten Schultern. Ferril und Linrala war bisher kein Kindersegen gegönnt gewesen.
Und das Leuchten in den bersteinfarbenen  Augen seines Bruders, das versonnene Lächeln der Zwergin als die drei Angroschim um das neugierig schauende Kind herumstanden...Selbst ohne seinen scharfen Blick hätte Fendin gemerkt, was hier vorging.
„Schlag dir das aus deinem dicken Schädel. Sie muss zurück zu ihren Leuten. Wir haben kein Recht einfach was anderes zu entscheiden.“
„Beim Seelenschmied, hast ja recht, aber versuch das mal Lin zu erklären...“ mit schiefem Grinsen leerte Ferril seinen Humpen und stellte ihn auf den grauen, steinernen Tisch vor sich.
„Wird sie schon verstehen...wenn nicht muss du sie ablenken und ich stehle mich heimlich davon!“ Fendin zwinkerte und die Zwergenbrüder stießen mit einem neuen Becher Bier an.


„Ich könnte gehen, du bist doch gerade erst heimgekehrt!“
Hatte er gesagt.
Aber obwohl Ferril weit entfernt davon war, weltfremd zu sein, schließlich war er ein Hüter der Wacht, ein Angroschpriester, der oft wanderte, empfand Fendin es als seine persönliche Verantwortung.
Er hatte den Toten gefunden und er hatte das Menschenkind nach Schatodor gebracht.
Ausserdem hatte er seinem Bruder eines voraus: Er kannte bereits die richtigen Leute um schnell an das nötige Wissen zu kommen.
Und so brach der Brillantzwerg bereits am nächsten Morgen wieder auf, ließ die Stadt aus Glas und Fels und das Bergkönigreich Lorgolosch wieder hinter sich.
Lange Zeit nur mit dem schneidenden Wind und dem ständig schlechter werdenden Wetter als mürrischen Begleitern.
Die Wirtshäuser und Katen, die sich nach Verlassen der Berge und der wilderen Landstriche mehrten, waren Fendin willkommene Inseln von Wärme und Gastlichkeit, auch wenn es ihm größere Freude gewesen wäre, sich mit den Seinen in Schatodor zu unterhalten, und nicht wie in den vielen vergangen Jahren mit anderen Wanderern.
Dichter, nieselnder Regen hieß ihn willkommen, als er Beilunk, die Perle des Radromtals, endlich erreichte.

Die Stadt war vor allem für ihren Kriegshafen und die ansässige Zaubererschule bekannt und war -nach menschlichen Maßstäben- ein wahres Bollwerk.
Hohe Mauern umgaben die Stadt, die sich durchaus selbst mit den Verteidigungsanlagen der Boroschim, der Ambosszwerge, messen konnten und die fünf Stadtore waren alle samt gut zu sichern, wenn es darauf ankam.
Dennoch war Beilunk einladend, besonders wenn der Herbst einen an wärmere Orte trieb.
Es war eine der ersten großen Städte, die Fendin je Besucht hatte und beim ersten Mal hatte ihm das schiere Gewimmel, die Hektik mit der die kurzlebigen Mernschen ihr Hand und Tagewerk verrichteten in Erstaunen versetzt, beinahe überwältigt. Die vielen hohen Bauten, ausnahmslos unter freiem Himmel, die  scheinbar endlosen Felder vor der Stadt, die direkt an das furchteinflößende offene Meer grenzte.
Seine Gedanken trieben, während er die Torwachen grüßte, denen man ansah dass sie an diesem späten Nachmittag gern woanders gewesen wären, zurück zu der Zeit seiner ersten Wanderschaft mit einigen Glücksrittern, die er hier in Beilunk getroffen hatte.
Ein Schmunzeln begleitete seine Schritte über das glänzende Kopfsteinpflaster, als er an das verwegene Duo denken musste.
Unweigerlich jedoch wich es einer ungleich traurigeren Miene, als der Brillantzwerg sich bewusst werden musste, dass beide seit vielen Jahren zu ihren Göttern gegangen waren.
Es war dem Wanderer eine Lehre gewesen, wahre Freundschaft zu den Menschen sparsam, selten, zu pflegen. Zu trübsinnig machte es, kaum, dass man ein enges Band geflochten hatte, der Tod dieses direkt wieder zerriss.
Aus einigen der  zahlreichen Wirtshäuser erklang Musik, die Fendins Aufmerksamkeit wieder zurück auf den Weg vor ihn schickte während seine Stiefel ihn weiter in den Süden der Stadt trugen.
Nichts desto Trotz nahm er sich vor, sobald alles erledigt war, den Abend mit Musik, Sang und Bier zu verbringen. Ob in einer menschlichen Taverne, oder einer der Kneipen im Handwerkerviertel, wo einige seines Volkes -ob Händler oder ansässige Arbeiter- zu finden wären, würde er Phex entscheiden lassen.
Doch zuerst war seine Aufgabe für diesen Abend eine andere.
Die bekannte Silhouette des großen Gebäudes schälte sich auf seinen Weg in die Südstadt schon bald aus der diesigen Luft im herannahenden Zwielicht.
Das Gründungshaus der Beilunker Reiter war ebenfalls etwas, dass diese Stadt berühmt gemacht hatte, galten ihre Boten doch als die mutigsten und schnellsten  weit und breit. Zuerst war es Fendin nicht aufgefallen, aber je mehr er darüber nachdachte, sich erinnerte, machte es Sinn.
Die Kleidung,
Der Waffengurt.
Jener Fremde musste ein Bote gewesen sein.
Wenn der Zwerg also irgendwo Aussicht auf Antworten hatte, dann hier.
Nachdem er die Tore des Stützpunktes passieren durfte betrat Fendin den Bau aus Stein und Holz, vorbei an den Stallungen in denen die hochgewachsenen, schnellen Tiere der Reiter auf ihre Reisen warteten. Das Haupthaus war Fachmännisch gebaut und die Menschen kümmerten sich gut um das Gründungshaus der Botenreiter, das bereits mehrere Jahrhunderte hier stand.
Wie nicht anders zu erwarten herrschte rege Betriebsamkeit. Läufer machten sich auf ihren Weg, Boten gingen mit klingenden Sporen zu den Stallungen und Kunden gaben die sehr teuren Depeschen auf.
Fendin beachtete das Treiben nicht weiter, machte sich statt dessen auf zu den Räumen in denen er hoffte den Mann zu finden, der ihm etwas Klarheit verschaffen würde.
Es war einige Jahre her, dass er zuletzt vor dieser Tür aus Steineichenholz stand und nach tiefem Einatmen klopfte er schließlich an und öffnete ohne großartig zu warten die Tür.
Der Kopf des Mannes im Raum dahinter blickte sofort von seinem Schreibpult zu dem Eindringling herüber. Wo die blassgrauen Augen hinter der Lesebrille eben noch erbost über die plötzliche Störung gewirkt hatten, hellte sich das Gesicht beim Anblick des Zwerges auf.
„Schau an, wer da so unhöflich hereingestapft kommt!“ Wlad Elkensen hatten die Jahre nicht viel anhaben können. Zu Fendins Erleichterung hatten sich lediglich einige graue Strähnen in sein dunkles Haupt und Barthaar gestohlen und die Falten um seine Augen und auf seiner Stirn waren etwas tiefer geworden.. Ansonsten war der ehemalige Botenreiter so geblieben wie der Wanderer ihn in Erinnerung hatte.
Wenig Dinge gab es, die einen Beilunker Boten dauerhaft aus dem Sattel schickten. Die häufigsten jedoch waren hohes Alter, schlimme Verletzungen, oder der Tod. Selten kam es vor, dass die tollkühnen, kampferprobten Reiter in Unehren entlassen wurden, oder sich gar freiwillig hinter einen Schreibtisch begaben.
Wlad gehörte zu denen, denen Peraine, die Göttin der Heilung bei den Menschen, nicht gewogen war. Seine Hüfte war nach einem harten Sturz nie ganz verheilt und so hatte er vor vielen Jahren bereits die Verwaltung und Koordination des Postdienstes übernommen.
„Aves zum Gruße, alter Kamerad, was treibt dich her?“ Fragte der Mensch und bedeutete Fendin, sich zu setzen.
Der Zwerg hob kurz beide Hände und lehnte den für seinen Geschmack viel zu großen Stuhl mit Dank ab, sah sich nebenbei in der Amtsstube um.
Wlads gewachster Wettermantel, Papiere auf dem Schreibtisch, wahrscheinlich Dienstpläne, sie lagen neben, teilweise auf, einer Karte, wahrscheinlich Reiserouten. Die Planung verstanden nur die Reiter selbst, denn die Zeichen auf den Karten und die Wegbeschreibungen waren verschlüsselt. Eine Tonkaraffe, sie hatte leichte Risse, das hohe Bücherregal hinter dem Menschen, es war aus Buche und hatte nur wenige Lücken in den Reihen aus dicken Buchrücken.
„Sag, Wlad...vermisst du einen deiner Reiter?“ fragte Fendin nach einer Weile geradeheraus.
Nach reiflicher Überlegung, Zeit zum Nachdenken hatte er schließlich genug auf seinem Weg von den Bergen in die Menschenstadt, hatte der Zwerg sich entschlossen, mit weitestgehend offenen Karten zu spielen. So schwer es ihm früher auch gefallen war, das Verhalten der Menschen richtig einzuschätzen, die Jahre in ihrer Gesellschaft hatten Fendins Blick für ihre Gesten und was sie bedeuteten geschärft.
Und Wlad enttäuschte ihn nicht.
Das kurze zögern.
Wie Hand und Augen fast gleichzeitig zu einem kleinen Gegenstand auf dem Tisch wanderten.
Die Blicke der alten bekannten trafen sich und der Beilunker begriff sofort, dass Fendin nicht ernsthaft auf eine Antwort gewartet, sondern nur beobachtet hatte.
"Darüber darf ich nicht mit dir Sprechen und das weisst du." Antwortete er dann indirekt, senkte sein Haupt und sah zur Seite, zum Fenster, das in den Innenhof zeigte, dort wo auch die Stallungen waren, vor dem es weiter unablässig regnete.
Mit leisem Klingen fasste er darauf das Objekt auf dem seine wettergegerbte Hand ruhte und warf es mit müder Geste zum Zwerg herüber.
Eine Kette. Fendin fühlte sofort, dass es Silber war, der Anhänger Bronze, nicht ganz rein, mit einem Bild als Prägung und einem Schriftzug.
Als er sie schließlich betrachtete, erkannte er sie als eine Kette, genau wie die, die auch Wlad trug. Insignien der Beilunker Reiter, die ein Bote erst mit dem Tode ablegt.
Im Kopf des Angroschim arbeitete es.
Wie konnte man hier bereits vom Tod des Mannes wissen?
Hatte er dessen Wunden falsch eingeschätzt? Hatte es Frost gegeben und deswegen...
Hatte es nicht, dessen war er sich sicher. Die Kleine hätte längere Zeit nicht durchhalten können, schon gar nicht bei nächtlicher Herbstkälte.
Der Mensch hatte derweil die Hände gefaltet und sah seinen Kameraden ernst an, dessen blonde Brauen sich nun zusammenzogen.
Wlad Elkensen war kein Narr. Er wusste dass Fendin einer der Zwerge aus Lorgolosch war und an den Zufall dass ein weiterer Reiter dort in Friedenszeiten den Tod gefunden hatte glaubte der Zwerg wahrlich nicht.
Die Amtstube bleib bis auf das Geräusch von Regen auf Glas boronsstill, während Fendin seine Gedanken weitersponn.
Ein Unglück schloss er immer mehr aus. Jemand der diese Pfade kannte und den Boten gefunden hätte, wäre dem Pass bis Schatodor oder einem der kleineren Aussenposten gefolgt, um zumindest den Körper des toten zu sichern, statt nur seine Insignien an sich zu nehmen.
Seine Waffe? Ebenfalls Fort.
Sein Pferd? Nirgends zu sehen.
"Aber wer würde das tun?" fragte er laut, mehr zu sich selbst als zu dem Verwalter.
Beilunker Boten waren die zuverlässigsten Augen und Ohren der einflussreichen Menschen. Wer einen von ihnen auch nur abfing um dessen Nachrichten an sich zu reissen riskierte völlige Blindheit was Informationen anging. Selbst in Kriegszeiten tastete die Postdienste niemand an. Denn kein Reiter des Kontinents würde noch für so jemanden arbeiten, diesen Eid hatten sämtliche Botendienste aller Reiche untereinander geschworen, wie Wlad ihm schon oft, nicht ohne Stolz, erzählt hatte.
"Glaub mir, wenn ich es wüsste, hätte derjenige keinen Kopf mehr auf seinen Schultern." erwiderte Wlad bitter, abwesend. "Was für Zeiten sind das nur?" seufzend ließ er seine Hände auf den schweren Tisch sinken und schwieg.
"Dein Bote hat eine Ruhestätte bekommen." brach Fendin das Schweigen. "Sag mir, was er in den Bergen wollte, Freund."
Der Mensch setzte seine Brille ab und haderte mit sich.
"Hanko...ein guter Mann. Schneller Reiter, eine Orientierung wie wenige sie haben und mehr Ehre im Leib als mancher Krieger von Stande." erklärte er dann. "Ein Problem mit Authorität hat...hatte er allerdings. Ihm wurde verboten, den Ritt zu unternehmen, Befehl vom Oberst persönlich. Das kann nur heissen, dass es etwas politisches, oder ähnlich weittragendes wäre und das es um mehr geht als nur eine Depesche."
Wlad musterte ihn, aber Fendin verzog hinter seinem Bart keine Miene. Der Zwerg hoffte nur, seine Augen würden nicht zuviel verraten.
"Er ritt trotzdem los und keine drei Tage später bringt mir ein Gardist seine Insignien. Da er nicht im Auftrag der Beilunker Reiter handelte, sogar einen Befehl verweigert hat, sind mir die Hände gebunden, denn niemand darf davon erfahren, verstehst du?"
Der Zwerg nickte, dankte Wlad für sein Vertrauen und seine Offenheit. "Was denkst du?"
"Klar denken ist schwer. Ich bin schon froh dass die mörderische Wut nachlässt. Irgendjemand hat einen meiner Männer auf dem Gewissen und ist dennoch frei. Der Eintrag des Auftraggebers ist ausserdem verschwunden."
"Du weisst also nicht, was er für eine...für eine Botschaft überbringen sollte und wohin genau?"
"So wie es aussieht, weiss das niemand mehr, der es nicht wissen soll. Aber selbst wenn, Kamerad, das ist etwas, was ich nicht einmal dir sagen würde." stellte der ehemalige Bote klar. "Ich weiss nur, dass ich ihm den Befehl von höchster Stelle zu überbringen hätte, sein anstehender Ritt sei hiermit widerrufen."
Fendin strich sich durch den Bart und er sah Wlad an, dass sie beide das selbe dachten.
"Verrat." die Worte trieften vor Unglauben und Abscheu. "Anders wäre das nicht möglich gewesen."
"Ich hätte nie Gedacht den Tag zu erleben, an dem unser Haus von dieser Krankheit befallen wird, aber es deutet alles darauf hin, dass Hanko verkauft wurde, nachdem er trotz allem geritten ist, ja." Wlad lehnte sich nach vorn, Fendin entgegen und in seinen blassen grauen Augen lag stählerne Eindringlichkeit und Entschlossenheit. "Und da ich seine Insignien hier vor mir habe, und nach, sagen wir zwei Wochen ein Wanderer bestätigen kann, dass Golgari ihn geholt hat, kann ich davon ausgehen, dass von seiner...Botschaft ebenfalls keine Spur zu finden ist und war.  Ich kann davon ausgehen dass es nichts gibt, weswegen es sich für irgendjemanden lohnen würde, Nachforschungen jedweder Art anzustellen und den Tod eines abtrünnigen Reiters zu den Akten legen, richtig, Fendin?"
Ein füchsisches, wenn auch auf Wlads Seite leidendes Lächeln stahl sich in die Gesichter der beiden Männer und der Zwerg nickte.
"So war sein Tod nicht vergebens." beschloss der Mensch und nickte Fendin dankbar zu.
"Ich hab zu danken, mein Freund. Wir sehen uns dann in knapp zwei Wochen, schätz ich." er lächelte, obwohl ihm nicht danach zumute war. "Mach's gut, der Fuchsgott und der Wanderer mit dir, Wlad." verabschiedete er sich knapp und ließ, nachdem der Mensch seinen Gruß erwiderte, Amtsstube und schließlich auch das Gründungshaus der Botenreiter hinter sich.
Der prächtige Bau schien ihm plötzlich groß, bedrohlich, geradezu feindlich, während er, begleitet von Nordwind und Regen das Gelände verließ.
Auf seinem Weg zu den Toren wurde er ein ums andere Mal langsamer, durch den warmen Schein und die fröhlichen stimmen, die gemeinsam aus den Gasthäusern über die Kopfsteinpflasterstraßen trieben, und die so wunderbar einladend wirkten. Selbst wenn es noch mehr Informationen hier für ihn gab, alles was er wissen musste, wusste er.
Und egal ob es nass und kalt, Fendin müde vom Wandern war, er hatte seinen Entschluss gefasst, so schnell wie möglich nach Schatodor zurückzukehren.
Denn in Beilunk fühlte er sich nun alles andere als willkommen.


Herbstregen.
Auch hier, zum Grab des abtrünnigen Reiters, hatte er Fendin auf seinem beinahe rastlosen Marsch begleitet.
Vielleicht sah er Gespenster, aber nach Wlads bedenklichen Auskünften wollte er kein Risiko eingehen, hatte so bald es nur ging schwer zu verfolgende Pfade eingeschlagen.
"Was nun, Freund?" fragte er den kleinen Grabhügel aus Schiefer und Granitbrocken und legte den Stein davor, den er die letzten Stunden Kunstvoll mit Hanko, dem Namen des Boten, graviert hatte. "Auch wenn ihr Menschen so missgünstig und zerstritten wirkt, Männer wie du zeigen doch, dass euer Feuer, so kurz es auch brennt, hell zu scheinen vermag. Sein Leben geben, für ein Kind...selbst wir kennen wenig größere und edlere Opfer."
Rinnsale aus klarem Regenwasser liefen die rauen Steine des Grabes hinunter und sammelten sich in einer großen Pfütze davor. Der gesamte Pass führte nun kleine Sturzbäche den windenen Weg entlang.
"Ich versprech dir, wir geben gut auf die Kleine Acht. Hier in Lorgolosch wird sie sicher sein. Ganz gleich vor was du sie bewahren wolltest, wir nehmen diese Wacht auf."
Der Wanderer stand auf und beendete sein Zwiegespräch mit dem Toten Menschen.
Wenn er ehrlich zu sich selber war, waren ihm die Folgen seines Gelöbnisses selbst nicht ganz bewusst. Nach wie vor war er im Zweifel darüber, ob ein Mensch längere Zeit in Schatodor bleiben sollte, wann der Punkt erreicht wäre, an dem sie Halaura fortschicken würden müssen.
Wohin?
Zu wem?
Fragen und Konsequenzen spukten Fendin im Kopf herum.
Die Matriarchin musste in Kenntnis gesetzt werden, auch wenn Ferrils Ansehen als Priester hoch war, könnte es Stirnrunzeln bei ihr und dem König hervorrufen.
Er trat einen Kiesel bei Seite, folgte mit seinem Blick dem winzigen, weiss-blau gemasterten Steinchen, bis es schließlich die Böschung herunterkullerte.
Was wenn Ferril und Linrala sie gar nicht wieder hergeben mochten? Oder er selbst...
Wenn die Beiden doch noch in diesem oder nächsten Jahreslauf selbst ein Kind oder gar mehrere hätten?
Was würden die anderen Sippen dazu sagen?
Würde sie verstehen dass sie irgendwann die Stadt für immer verlassen müsste?
Nein, jetzt war keine Zeit diese Fragen zu stellen.
Jetzt musste sich ganz auf die Arbeit konzentriert werden die direkt vor den Stiefeln lag.
Energischen Schrittes passierte Fendin die Wachtürme, er hatte gar nicht gemerkt, wie schnell er vorangekommen war.
Er war müde, dreckig, aber trotz allem fest entschlossen.
Die Jahre würden zeigen was kommt, doch nun war nur eines wichtig, jener Gedanke, stark wie Stahl und klar wie Bergkristall:
Sie würde in Schatodor bleiben.
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