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Weide und Sturm

von ashtrails
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
13.09.2010
13.09.2010
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Neun

Wege




Wer mag schon die Wege sehen, die wir gehen werden. Es ist nicht der Sinn der Rätsel dieser schönen Welt die Antworten als unsere Ziele präsentiert zu bekommen.
Wir kennen sie nicht, die Steine, Stürme, Menschen die uns auf unserem Weg zum Ziel erwarten.
Zweifelst du daran?
Dann sag mir, über was redest du, wenn du ein Ziel erreicht hast?
Wer erzählt schon von der letzten Stufe einer Treppe, dem letzten Strich eines Gemäldes, dem letzten Streich eines glorreichen Kampfes oder dem letzten Ton einer Melodie?
Was du als nächstes tust?
Geh weiter, solange dieser Diskus sich dreht!
-Maraskanische Weisheit


Der Dämmerzustand hörte auf.
Jin fragte sich, ob es so war, wenn Bruder Boron einen auf das nächste Leben vorbereitete.
Doch als der düstere Schleier aufriss, war er immer noch er selbst.
Nicht zuletzt daran erkannt, dass sein rechtes Auge noch immer Blind war und er sich zu schwach fühlte um auch nur einen Zweig anzuheben.
Aber er war am Leben.
Das war mehr als er erwartet hatte.
Sonne schien in sein Gesicht und Vögel sangen. Es roch nach Blumen, nicht nach Stadt, Schweiß oder Unrat.
Mit großer Anstrengung wandte er den Kopf um sich umzusehen.
Seine Liege stand im freien unter einem hölzernen Vordach, das zu einer teils steinernen, teils ebenfalls hölzernen Hütte im maraskanischen Baustil gehörte.
Sein Herz machte einen freudigen Sprung als er Nothilf ebenfalls auf der Veranda sitzen sah. Sie hatte die Augen geschlossen und lehnte an der Hauswand.
Sie öffnete ein Auge und ihr Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln.
„Schön, dass du wieder wach bist, Jin.“
„Wie lange?“ Fragte er und war überrascht, wie heiser er klang.
„Zwei Wochen. Die ersten Tage hatte ich schon nicht mehr gehofft, dass du Leben würdest. Aber du hast dich an dem Faden, der dich in diesem Leben hält geklammert, trotz des Giftes. Erschreck nicht über deinen Arm. Er sieht furchtbar aus, aber nachdem du das Gift besiegt hattest, blieb kein Schaden zurück.“ Beruhigte sie ihn als er seinen Arm anstarrte, der eine kränkliche, schwarzblaue Färbung angenommen hatte, so wie das Fleisch von Toten.
„Wo sind wir?“
„Einen halben Tag außerhalb der Stadt, nahe der Küste. Das Theater wurde geschlossen, Tobias von der Garde gefangen genommen. Ich denke unser Fuchs hatte da die Hände im Spiel.“ Sie schmunzelte und auch Jin lachte geschwächt. Ghorio war wirklich niemand, mit dem man es sich verscherzen wollte.
„Ich habe ihn seit dem nicht gesehen, ich schätze er ist nach Tuzak gereist, oder aufs Festland zurück. „Diese Kate stand leer und ich habe sie etwas hergerichtet. Ruh dich noch etwas aus. Ich mache uns Tee. Dann sehen wir, was unser Weg bereithält.

Seine Genesung schritt zügig voran und nach anfänglicher Schwäche war Jin fast schon wieder in der Form die er vor dem Kampf gegen Morfu hatte.
Wochen und Monate vergingen und was das Land nicht bot, leisteten sich Jin und Nothilf von dem Geld was er von den Kämpfen gespart hatte.
Die Heilerin erzählte ihm dass sie Spinnes Überreste zusammen mit denen von Morfu bestattet habe und führte ihn zu dem kleinen Gedenkstein, unter dem die Waffenbrüder in der Erde lagen.
Er erinnerte sich an das Versprechen was er Spinne gegeben hatte, aber fühlte sich noch nicht bereit dazu.
Im Schatten der nahen Bäume sitzend unterhielt er sich oft und lang mit der wunderbaren Frau die sein Leben gerettet hatte. Manchmal schwiegen sie auch einfach und genossen dass sie aneinander hatten.
Auch wenn er hoffte, nie wieder gezwungen zu sein jemandem zu schaden, lernte er doch den defensiven Stil, den Nothilf kämpfte, versuchte ihre Philosophie über den Fluss der Dinge zu verstehen und für sich selber anzuwenden.
Irgendwann erreichten sie auch die Nachrichten vom Krieg, darüber dass Sinoda die letzte freie Stadt der Insel war.
Seit diesem Tag wirkte Nothilf abwesender, als hätte sich ein Schatten auf ihre sonst so ruhige, besonnene Seele gelegt.
Jin legte ihr einen Arm um die Schulter während sie unter dem immergrünen Baum nahe der Hütte saßen.
„Es ist wegen deines Versprechens, oder?“ Fragte er.
„Eine Frau namens Yoshibi hat es einst gegeben und wird es halten, Jin. Ich werde für unsere Heimat, unsere Freiheit kämpfen. Es kann einfach keinen Frieden in dieser Welt geben, kein Leben ohne Gewalt“ Sagte sie traurig.
„Wie kannst du das sagen? Ausgerechnet du!“ Fragte er überrascht.
Sie wusste, dass er sich ihrem Beispiel folgend entschlossen hatte nicht mehr zu töten, kein Blut mehr zu vergießen. Nie wieder.
Doch sie lächelte ihr breites Lächeln. „Nur weil etwas unerreichbar ist, heißt dass nicht, dass nicht jeder Schritt in diese Richtung gut ist. Diesen Weg so weit wie es eben möglich zu gehen, bedeutet lernen, es bedeutet wachsen, auch wenn man den Weg wenn es sein muss für eine Zeit verlässt.“
„Dann werde ich bei dir sein, was auch kommt.“ Versprach er und sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Du hast noch einen langen Weg vor dir und ich werde dich nicht dazu bringen, dein eigenes Versprechen an Schwester Tsa so schnell zu brechen.“
„Aber…“ Er wollte protestieren, aber sie legte einen ihrer Finger auf seine Lippen.
„Nicht. Du gehst, wenn du dich bereit fühlst, vorher gehe ich auch nicht, keine Sorge. Und ich verspreche dir, selbst wenn sich unsere Wege trennen, wir werden uns wiedersehen, in diesem oder im nächsten Leben. Ich werde auf dich warten.“
Jin zweifelte keinen Herzschlag an diesen Worten.
Er schob die sorgenvollen Gedanken bei Seite und genoss den Sonnenuntergang mit der Frau die er liebte.


„Mit Haaren hast du mir besser gefallen.“ Feixte Nothilf als sie gemeinsam am Kai standen und Jin seinen geflochtenen Rucksack Schulterte.
„Ein neuer Weg für mich, ein neuer Anfang für meine Haare.“ Erklärte er und Nothilf grinste schief. „Außerdem ist es praktischer.“ Gestand er.
„Pass auf dich auf, Schlange.“ Sie drückte ihn fest an sich und ein letztes Mal genoss er die Nähe ihres Körpers, den Geruch ihrer Haare, bevor er das kleine Schiff betrat, was ihn über das große Meer auf das Festland bringen würde.
Er bereute seine Entscheidung nicht, als Nothilf langsam kleiner wurde, schließlich verschwand und dem Meer platz machte, das grau, endlos und ruhig unter dem Schiff lag.
Sein Weg würde ihn irgendwann zu ihr zurückführen.
„Du auch. Wir sehen uns wieder.“ Versprach er leise.


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