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Weide und Sturm

von ashtrails
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
13.09.2010
13.09.2010
9
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Acht

Sturm



Stürme gehören zum Leben, gehören zu Land und Meer wie Sonne und Regen.
Mit ihm, gegen ihn, das ist uns gleich. Aber eins ist sicher, du wirst nie ein richtiger Seemann, richtig frei, wenn du vor einem Sturm zitterst, statt ihm zu trotzen, das wohl!
-Thowaler in einem Gespräch über Efferds Launen



Die Stunden vergingen schnell.
Jin versuchte so gut es ging zu verstehen, wie man die monströsen Schläge von Morfu abwehren konnte, ohne sich schwer zu verletzten, aber etwas für das man Monate, vielleicht sogar Jahre brauchte war an einem Tag nicht zu schaffen. Es spielte aber auch keine große Rolle. Davon, dass er erfolgreich kontern konnte, würde der Kampf ohnehin nicht gewonnen werden.
Er streifte die weite blaue Tuchrüstung über und zog sich schwere lederne Handschuhe an. Er wusste nicht wie er Nothilfs Blicke deuten sollte. Sie schien nicht besorgt, gleichgültig was er ihr bedeutete. Wäre die Lage umgekehrt, er würde sterben vor Sorge, aber sie stand  vor ihm und strahlte die übliche  Ruhe aus, die ihr zu Eigen war.
Und auch Jin selbst war völlig gelassen. Ob es die Kräuter waren, die sie ihm gegeben hatte um die Wirkung des Giftes zu dämpfen, oder der Einfluss des unausweichlichen, vermochte er nicht zu sagen.
Er umarmte die Heilerin und sie wünschte ihm Glück, als sie sich vor der schweren Gittertür trennten.
Schwüle Nachtluft, durchsetzt vom rauchigen Geruch der Fackeln und dem Gejohle der Zuschauer, die einen großen Kampf erwarteten schlug ihm entgegen. Die Wachen vor den Türen waren dieses Mal zu viert. Jin musste böse lächeln als er daran dachte, wie sinnlos selbst diese Zahl war, würde Nothilf sich entschließen zu kämpfen. Aber er wusste dass sie ihren Schwur, den sie der friedlichen Göttin geleistet hatte dieses Mal nicht brechen würde.
Morfu erwartete ihn bereits.
Seine Rippen und sein Gesicht waren völlig verheilt, wie Jin es erwartet hatte. Die Splitter in seinen Narben zuckten, als könnten sie es kaum erwarten den Maraskaner zu durchbohren.
Man sah dem Rothaarigen seine rohe Kraft an, die sich unter den Muskeln seines Körpers sammelte. Selbst ohne die Kraft des Dämons wäre er ein furchtbarer Gegner. Sein Kampfstil war dem von Jin ähnlich, allerdings beherrschte er auch den der Waldmenschen nahezu perfekt.
„Du bist nicht weggelaufen.“ Stellte er nüchtern fest, als sie beide aufeinander zugingen. „Du hast nichts mit dem du mich aufhalten kannst. Ehrlich gesagt hatte ich die Heilerin erwartet, das wäre zumindest spannend geworden, hätte mir das Warten versüßt.“
„Worauf wartest du?“ Fragte Jin den Hünen und der lachte leise.
„Auf jemand ganz bestimmtes. Diese Insel wird sich bald sehr, sehr verändern.“
„Damit meinte ich, dass du angreifen sollst, Idiot.“ Stellte Jin klar.
Arlin knurrte wütend und noch schneller als Jin es für möglich gehalten hatte, schlug einer der Arme mit den scharfkantigen Splittern nach ihm.
Schlange wich aus und blockte unter großen Schmerzen einen zweiten Schlag und einen hohen Tritt.
Das Leder der Handschuhe und die Lagen aus steifem Tuch um seinen Körper verhinderten das schlimmste und selbst das Brennen des Giftes war nicht so schmerzhaft wie beim letzten Mal.
Mehrere Hornsplitter schossen auf  ihn zu und er warf sich zur Seite, nur um in einen Sicheltritt zu laufen, der ihn mehrere Meter zurückschleuderte.
Keuchend kam Jin wieder auf die Beine und ging in Abwehrhaltung.
Morfu bearbeitete ihn weiter, mit Geraden, Schwingern, Tritten. Das einzig Gute war, dass Schlange sich in eine Lage brachte, in der er langsam Angriffsmuster erkannte und die eigentliche Stärke der Schläge und Tritte einschätzen konnte, so dass er einige davon abwehren konnte, ohne seine Kraft direkt dagegen zu setzen.
Der Stoff an Ärmeln und Schienbeinen war Blutgetränkt, einige Splitter steckten in seiner Rüstung, seiner Schulter und einer im Rücken.
Viele Zuschauer schimpften von den Rängen, da sie eine bessere Vorstellung erwartet hatten.
Ein krachender Schwinger gegen seine Brust schickte Jin wiederholt zu Boden, doch er stand auf und hob seine Arme um die nächsten Hiebe abzufangen.
„Ich habe gehört dass du nicht mehr Kämpfen, nicht mehr töten willst, Junge.“ Sagte Arlin voll Spott und gönnte ihm dadurch eine Atempause. „Aber so jämmerlich abtreten?“
„Heute…“ Jin spuckte Blut und Speichel auf den Boden. „…töte ich zum letzten Mal. Uns Beide, Morfu.“
„Seh ich nicht passieren, Schlange. Selbst wenn du mal versuchen würdest anzugreifen. Das was deine kleine Heilerin da gemacht hat, kannst du nicht und selbst wenn, würde es nicht reichen.“ Behauptete der dämonische Mann selbstsicher.
„Dann versuch doch, es zu Ende zu bringen, Arlin.“ Verlangte Jin und wappnete sich.
„So soll es sein…“ Flüsterte Morfu lauernd und der knöcherne Stachel fuhr schmatzend und sich windend aus seinem linken Arm, zuckte unruhig hin und her, bis alle Glieder sich aneinandergereiht hatten und die leicht gekrümmte Lanze auf Jin zeigte.
Dem ersten Hieb pendelte Jin schlangengleich aus dem Weg, den Schmerz Ignorierend  ließ er einen Zweiten Schlag seine Rippen treffen. Wieder zuckte der vor Gift triefende Stachel vor, aber wieder war Jin zu schnell.
Morfu ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn es ihn von Anfang an verärgert hatte, dass der Schüler von Spinne sich nicht wehrte. Er hatte gehofft der Junge würde kämpfend untergehen, leidend und ohne jede Hoffnung. Was er hier vor sich hatte, war ein Mann ohne Furcht, der mit den Dingen abgeschlossen hatte, wie sie waren. Oder er hatte einen Plan.
Doch was für einen?
Er war kein Zauberer, noch hatte er Kenntnis über die schmerzhafte Kampftechnik der seltsamen Heilerin, oder eine versteckte Klinge. Was konnte dieser Faustkämpfer schon gegen ihn in der Hinterhand haben?
Was es auch war, nun war es zu spät für ihn. Der Giftige Knochenspeer würde ihm ein Ende setzen.
Jin hatte erreicht was er wollte, nun musste er nur noch auf den rechten Augenblick warten und so gut es ging mit dem Reichweitenvorteil der vier Spann langen dämonischen Waffe zurechtkommen. Ein Ausfall, ein langer gerader Schlag. Alles oder nichts.
Endlich stach Morfu zu, der finale Stich.
Niederhöllische Schmerzen raubten dem Grubenkämpfer fast die Sinne, als die Waffe des Dämons in seinen Oberkörper drang, aber er Zwang sich weiter zu machen, packte den Waffenarm und Schlug mit aller Kraft dorthin, wo die Speiche des Unterarms sitzen musste.
Die Gelenkte Morfus mochten nicht zu zerschlagen sein, aber seine Knochen waren es sehr wohl. Und genauso war es die Waffe die aus seinem Arm ragte, die zusammen mit den Knochen die sie hielten im Arm des dämonischen Kämpfers zersplitterten.
Vor Wut und schmerzen schrie er auf und taumelte zurück, so dass die grausige Waffe sich aus Jin löste. Hornsplitter schossen unkontrolliert in alle Richtungen davon, hätten ohne die schützenden dicken Matten sogar die Menschen auf den Rängen verletzen können.
Jin lockerte den Griff um den Stachel jedoch nicht, sondern bot all seine Kraft auf, um das giftige Ding in Händen zu halten, auch wenn das Gift bereits den Handschuh durchtränkt hatte und auf seiner Hand brannte. Mit dem übelkeiterregenden Klang mahlender Knochen und einem Schmatzen löste er sich aus Morfus Arm. Der Größere Mann schrie immer noch wie wahnsinnig und Jin stolperte auf ihn zu, fing sich dabei einige Treffer der ungezielt verschossenen Splitter ein, die er aber kaum noch spürte.
Erst als seine eigene Waffe sich tief in seine Brust bohrte, hörte er auf zu schreien und starrte ungläubig auf den schwärzlichen Stachel in Jins Hand die sich einer Klaue gleich darum verkrampft hatte.
Es wurde schlagartig kalt und Schlange spürte etwas altes, vor Hass und Wut nur so triefendes seinen Blick auf ihn richten.
Das Gefühl verschwand so plötzlich wie es gekommen war.
„Danke.“ Sagte der Körper von Arlin.
„Mach’s im nächsten Leben besser, Freund.“ Riet Schlange ihm mit schwacher Stimme.
Und beide fielen entgegengesetzt zueinander leblos zu Boden.
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