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Weide und Sturm

von ashtrails
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
13.09.2010
13.09.2010
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Weide



Der Sturm war fort, doch er würde wiederkehren.
Immer. Denn was er gerade gelernt hatte, würde er vergessen, so war er nun einmal.
Doch auch alle, die bei der Weide Schutz gesucht hatten verließen sie nun und sie war wieder allein.
Bedrückt ließ sie ihre Zweige hängen, so tief, dass sie fast die spiegelnde Oberfläche des Sees berührten an dem sie seit jeher stand.
-Geschichte von der ersten Boronsweide


Spinne war tot.
Zu stark war das Gift und zu lange war es schon in seinem Blut. Die Wunde die Morfu ihm gerissen hatte sah Schrecklich aus, das Fleisch und die Haut drum herum bereits schwarz und abgestorben.
Jin hatte Schmerzen, doch Nothilf hatte ihm bereits etwas gegen das brennende Gift und die Schnitte auf seinem Rücken verabreicht.
Er mied ihren Blick und beide sprachen nicht.
Der Waldmensch war in seiner Kammer aufgebahrt. Wie Jin es ihm versprochen hatte, nähte er ihm Augen, Mund und Nase zu und entzündete das Rauchwerk, das Spinne bereitgelegt hatte, damit sein Körper in seiner Ruhe von nichts Übernatürlichem gestört wurde.
Ob er nun glaubte, dass es half oder nicht, war Jin egal. Es war der Wunsch seines Freundes gewesen.
Natürlich hatte der Maraskaner verstanden, dass Spinne auch erwartete, den Kampf nicht zu überleben. Aber als er ihn kämpfen sah, hätte er nicht gedacht, dass dieser Mann unterliegen könnte. Morfu war ein schlimmeres Monster als Jin für möglich gehalten hatte.
Als der körperliche Schmerz nachließ, fand er Zeit für den in seiner Seele. Er lehnte seinen Kopf an die kühle graue Wand in der Kammer der Heilerin und dachte an das vergangene Jahr, in dem Spinne ihm soviel beigebracht, in dem sie gelacht, gekämpft und getrunken hatten. An die wundersamen Geschichten über den Dschungel und das Festland.
Tränen liefen seine Wangen hinunter. Nothilf setzte sich neben ihn und legte ihm den Arm um die Schulter, lehnte ihren Kopf an seinen. Es war derselbe Arm, der noch vor keiner vollen Stunde einen Mann der größer, schwerer und stärker als sie war mit Leichtigkeit Knochen gebrochen hatte und nun so warm und sanft war, wie immer.
Die Tür flog auf und Ghorio kam mit vor Zorn rotem Kopf hereingestürmt.
„Glaubt ihr zwei, das hier ist ein Jahrmarkt?!“ Fuhr er die beiden an. „Wisst ihr was ihr getan habt?! Wie viel Geld mich das gekostet hat?! Was…“
Weiter kam der Al’anfaner nicht, denn in einer Bewegung fließend wie Wasser war Nothilf aufgesprungen und bei Ghorio bevor er geblinzelt hatte. Mit der Rechten drückte sie ihn gegen die nun wieder geschlossene Tür, dass es ihm die Luft aus den Lungen presste.
„Jin hat mehr verloren, als du je besessen hast und Besitzen wirst, Fuchs. Einen Freund.“ Sagte sie ihm leise und ihn mit festem Blick ihrer dunklen Mandelaugen fixierend. „Überleg dir deine nächsten Worte gut, oder ich schwöre dir, ich werde mein Versprechen gegenüber Schwester Tsa heute ein zweites Mal brechen.“
Ghorio räusperte sich und Nothilf ließ von ihm ab.
„Beruhige dich, Yoshibi. Verzeih meine harschen Worte, aber dank eurer Zirkusnummer im Ring wollte Tobias euch rauswerfen lassen und es hätte mich nicht überrascht, wenn euch und auch mir danach ein kleiner Unfall passiert wäre. Der Kampf war ungültig, weil ihr eingegriffen habt, und der widerliche Sack hat nun eine Menge Ärger, für den er mich verantwortlich macht, weil Jin mein Kämpfer ist.“
Die Heilerin verschränkte die Arme. „Da wir aber alle noch hier sind, bleibt die Frage, was hast du getan Ghorio?“
„Ihm fast all mein Geld gegeben, damit er die Garde schmiert und euch in Ruhe lässt.“ Er seufzte. „Und Morfu wird gegen Jin kämpfen. Das ist nicht verhandelbar und das Monster wird Ring und Waffenrestriktion auswählen. Ich konnte dem Arschloch immerhin abringen, dass der Kampf erst morgen Nacht, nicht in wenigen Stunden stattfindet. Ihr habt also genug Zeit zu verschwinden.“ Schloss er mit banditenhaftem Lächeln ab.
„Nein.“ Sagte Jin entschlossen.
„Es ist völlig egal, was ich sage, oder? Du bist einfach dagegen…“ Fragte Ghorio resigniert und lachte bitter. „Hat das Gift dir die Sinne vernebelt? Er wird einen Kampf ohne stählerne Waffen wählen in einem Ring ohne Deckung! Du bist eigentlich schon tot bevor du den Ring betrittst, junge.“ Der ältere Krieger schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich glaube ich habe verstanden, wie er zu schlagen ist. Und ich lasse nicht zu, dass das Opfer von Spinne umsonst war.“ Hielt Jin dagegen, sein gesundes Auge Funkelte entschlossen, trotz der Tränen in seinem Gesicht.
„Macht was ihr wollt, verschwindet, sterbt, Götter, meinetwegen siegt. Ich jedenfalls bin hier fertig.“ Der Al’anfaner zuckte mit den Schultern und verließ den Raum der Heilerin.
Nothilf setzte sich wieder zu ihm auf das Lager.
„Es tut mir Leid, dass du deinen Schwur für mich brechen musstest.“ Sagte Jin schließlich um die Stille zu beenden.
Die Heilerin musterte ihre eigenen Arme, dann sah sie dem jungen Maraskaner tief in die Augen und verzog ihren Mund zu einem schiefen Lächeln. „Ich würde es ohne Zögern wieder tun und sie würde es wieder verstehen.“
Aufdringlich reihten sich nun, da er etwas Zeit gehabt hatte, einen Teil dessen was geschehen war zu verarbeiten, die schweren Gedanken in Jins Kopf. Die Tragweite dessen, was passiert war, was Ghorio ihm eben gesagt hatte und die kühnen Worte die er selbst aussprach.
Und auch die, die er noch aussprechen wollte, aber selbst jetzt nicht den Mut dazu fand.
Sie legte ihm beide Hände auf die Schultern. „Was Herzen einander sagen, Jin, müssen Ohren nicht hören, damit man es versteht.“
Mit dieser Erkenntnis schmiegte sie sich an ihn und drückte ihm sanft einen Kuss auf den Mund.
Der tosende Sturm aus Gefühlen der im Kopf des Grubenkämpfers tobte nun noch heftiger, da jeder Einfluss um Vorherrschaft kämpfte.
Bei den Zwillingen! Das hier war das was er sich erträumt und ersehnt hatte.
„Und ich Narr habe mich nun für den Weg entschieden, der mein Tod sein könnte…“ Dachte Jin unwillkürlich laut.
„Jede unserer Entscheidungen scheint uns Schritte auf unserem Weg weitergehen zu lassen, hunderte andere Wege und Möglichkeiten dabei zu vernichten. Wir vergessen nur zu leicht, dass uns auch diese verpassten Wege wieder kreuzen können.“ Versicherte Nothilf ihm, ihre Stirn gegen seine gelehnt. Ihr Atem fühlte sich angenehm warm auf seinem Gesicht an und selbst wenn er gewollt hätte, könnte er nicht den Blick von ihr nehmen. „Aber du hast recht. Unsere Zeit wird knapp.“ Gestand sie, schob ihre Hände von Jins Schultern auf seine Brust und drückte ihn mit dem Rücken auf die Pritsche.
In dieser Nacht gab es keine Bilder, keine Alpträume. Alles was ihn bedrückte, der Schmerz der Wunden auf seinem Rücken und in seiner Seele schien wie weggespült, ausgelöscht seit dem Moment in dem sich seiner und Nothilfs Körper berührt hatten.

Noch immer mit der Heilerin in den Armen erwachte Jin. Er vermochte nicht zu sagen wie spät es war, doch die Kerzen in der Kammer waren bereits ein gutes Stück heruntergebrannt. Sie hatte sich im Schlaf gedreht, davon musste er aufgewacht sein. Der Klang ihres gleichmäßigen Atems verriet ihm, dass sie selbst noch schlief.
Der flackernde Schein der Lichter warf tanzende Schatten auf den schmalen aber athletischen Körper der Frau an seiner Seite. Obwohl sie nicht besonders groß war, wirkte sie keinesfalls zierlich oder zerbrechlich, besaß aber auch nicht den drahtigen, muskulösen Körperbau, den viele Kriegerinnen zu Eigen hatten. Wie die meisten Maraskaner war auch ihre Haut von einem dunkleren Ton, als der, vieler Mittelreicher und er entdeckte einige gut verheilte Narben an Oberarmen, Hüfte und Rücken. Auch nun, da sie völlig unbekleidet neben ihm lag, musste er sich eingestehen, dass sie kaum dem Bild einer Frau entsprach, von dem die meisten Männer schwärmten. Ghorio würde zum Beispiel der Mangel an ausgeprägten verführerischen Rundungen stören. Aber Jin hatte bereits oft genug bewiesen, dass ihm solche und ähnliche Maßstäbe nichts bedeuteten, war Nothilf doch wenn man ihn fragte Schönheit, wie sie die Zwillingsgötter nicht hätten besser erdenken können.
Zum ersten Mal nahm er auch bewusst wahr, dass die Ranken, die ihre Arme schmückten, nur Teil eines größeren Bildes waren. Der Baum, eine Boronsweide, auf ihrem Rücken war ebenso kunstfertig gemalt worden wie die Ranken mit den feuerroten Blüten. Die dünnen Zweige reichten bis an ihre Schulterblätter und bogen sich dann ihren Rücken hinunter, die verflochtenen dunklen Wurzeln am Ende des Stammes sogar bis zu ihren Füßen.
Noch Stunden hätte er damit verbringen können sie einfach nur anzusehen, doch der vorige Tag, die Wunden und nicht zuletzt die Anstrengung der Nacht forderten ihr Recht ein. Wieder drehte Nothilf sich im Schlaf herum und schmiegte sich an Jin.
Mit einem letzten Blick auf ihr Gesicht schlief er schließlich ein.

Der Geruch einer ausgebrannten Kerze weckte ihn und als er die Augen aufschlug, war Nothilf nicht mehr neben ihm, sondern in der Mitte der Kammer.
Noch immer war sie nackt und schien sehr langsam zu tanzen, ohne zu merken dass Jin erwacht war.
Bei genauerem hinsehen stellte er fest, dass sie nicht tanzte, sondern Schläge und Abwehrbewegungen machte. Ein kompliziertes Muster ohne einen echten Gegner der es durchschaubarer gemacht hätte. Dabei atmete sie so ruhig als würde sie noch schlafen. Auch hatte sie wieder diese sonderbare Kampfhaltung, bei der sie ihre Arme locker bewegte, ganz anders als er es von Spinne oder sich kannte.
Der Maraskaner sah ihr gebannt zu. Die Bewegungen waren perfekt, in Harmonie mit jedem  Muskel und Gedanken, welche an dem seltsamen Schattenkampf beteiligt waren.
„Du sagtest, du wüsstest wie Morfu zu schlagen ist. Meine Frage ist ‚Wie?‘, Jin.“ Sagte sie ohne aufzuhören.
„Wie hast du das gemacht? Er ist viel stärker als du.“ Fragte er, ohne überrascht zu klingen.
„Es war seine eigene Kraft, die ihm das angetan hat.“ Erklärte sie und schlug die Augen auf.
„Das verstehe ich nicht.“ Gestand Jin.
„Seit der Diskus geworfen wurde, ist alles in Bewegung. Stell dir alles als einen Fluss vor. Luft, Wasser, selbst Erde.“ Sie tauchte unter einem unsichtbaren Angriff weg, richtete sich wieder auf, Schob ihre Hände übereinander und teilte sie dann, als würde sie eine Kugel dazwischen halten. „Wenn du erkannt hast, wie alles, selbst Kraft, sich bewegt, kannst du das alles auch für dich nutzen. D u kannst es alles ahnen, verändern, biegen und wenn es sein muss sogar brechen, denn alles, ob Holz, Bein oder Eisen, hat einen Punkt, an dem es bricht, man muss ihn nur kennen. Doch Brechen erfordert Gewalt, denn alles lässt sich bereitwillig biegen, aber nicht brechen. Und wenn es bricht, bedeutet das stets Schmerz. So wie du kämpfst und auch Spinne gekämpft hat, tut ihr es mit viel Kraft, die ihr auch verheerend einsetzen könnt. Ihr habt den Strom eurer Kraft, die ihr gegen die Kraft eines anderen stellen könnt und dort liegt auch eure Grenze. Morfus Stärke mag riesig sein, doch ich habe mich ihr auch nicht entgegengestellt, sondern sie aufgenommen und ihm durch meinen Schlag zurückgegeben.“ Sie beendete ihren Schattenkampf, griff sich ein Leinentuch, das sie um ihre Hüfte und ein anderes um ihren Oberkörper band und setzte sich zu Jin.
„Er kann noch so toben, sie wird es immer wieder ertragen und er wird besiegt weiterziehen…“ Sagte Jin leise und nickte.
Nothilf lächelte. „Die Weide weiß, was der Sturm stets vergisst, ja.“
„Aber das ist nur die Grundlage. Kannst du mir beibringen, wie man so abwehrt und kontert?“ Fragte er, wenn er auch kaum hoffte diese Technik bis zur Nacht zu beherrschen, wenn er sie überhaupt verstehen würde.
Zu seiner Verwunderung nickte Nothilf. „Versuchen wir es, steh auf.“
Er stand auf, griff sich seinen Lendenschurz und stellte sich ihr gegenüber.
„Du hast mich gefragt, worum es beim Kämpfen geht.“ Sagte sie ruhig und schloss die Augen. „Ich denke Antworten auf diese Frage hat Spinne dir bereits gezeigt.“ Peitschend schnell zuckte ihr Arm vor und geistesgegenwärtig Blockte Jin den Angriff, der so heftig war, dass er beinahe seinen Arm betäubte.
„Nicht Kraft gegen Kraft stellen, Jin. Wäre ich Morfu, wäre dein Arm jetzt gebrochen oder schlimmeres.“ Tadelte die Heilerin ihn.  „Worum geht es beim Kampf gegen Morfu?“ fragte sie, ihr Linker Handballen schoss vor und traf Jin an der Schulter. Obwohl die Berührung ihrer Hand fast sanft war, musste Jin kämpfen um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Spinne soll nicht umsonst gestorben sein, Morfu darf nicht einfach davonkommen.“ Antwortete er und fing sich wieder.
Nothilf schüttelte traurig den Kopf. „Nicht Wut. Es geht um Frieden.“
Zwei schnelle Schläge, die Jin so abzuwehren versuchte, dass er ihnen den Schwung nahm, statt sie direkt abzufangen, mit leidlichem Erfolg.
„Morfu muss sterben, warum?“ Hörte er Nothilf fragen, während er aufmerksam ihre Arme beobachtete, die vor ihrem Körper in einem Wind den nur sie wahrnahm wiegten.
„Du hast doch selbst gesehen was für ein Monster er ist!“ Jin bereute nicht mehr über die Frage nachgedacht zu haben und fing sich einen harten Schlag gegen seine andere Schulter ein. Er verstand nicht, wie diese eigentlich harmlosen Treffer so sehr schmerzen konnten.
„Es geht nicht um Macht. Es geht um Gnade.“
Jetzt ließ sie die Arme sinken.
„Wie glaubst du nur, ihn besiegen zu können?“ Fragte sie schließlich.
„Ich weiß, dass ich es kann. Jetzt umso mehr…danke.“ Sie kam auf ihn zu und nahm ihn lächelnd in die Arme.
„Und wie ist dein Plan nun?“ fragte sie ihn.
„Ich brauche vielleicht länger, um Sachen zu begreifen, aber ich bin kein Narr.“ Er schob die kleinere Frau eine halbe Armlänge von sich. „Wenn ich es dir jetzt sage, schlägst du mich bewusstlos und wirst ihn selbst bekämpfen und nach dem was ich gestern gesehen habe, könntest du das sicher besser als ich. Das Problem ist, selbst du bist nur ein Mensch und was man diesem Mann auch antut, er würde sich davon erholen. Mit Spinne starb die letzte Hoffnung ihn auf diesem Wege aufzuhalten.“
Nothilf grinste ihn schief und ertappt an.
„Außerdem, ohne deine Hilfe könnte ich meinen Einfall wahrscheinlich selber nicht überstehen. Die Chancen dass du mich retten kannst sind größer als versuchten wir es umgekehrt.“ Entschied er bestimmend.
„Das hast du gut erkannt, Jin.“ Sie legte ihm eine Hand auf sein Gesicht und strich darüber.
„Es geht darum sich selbst zu kennen, nicht nur die anderen.“  Zu seiner eigenen Überraschung klang er sehr sicher.
Die Heilerin  legte ihre Hände in seine und gab ihm stumm recht.
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