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Weide und Sturm

von ashtrails
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
13.09.2010
13.09.2010
9
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Sechs

Morfu


Ihr haltet mich für dumm?
Ihr rennt feige davon und verhöhnt mich wegen meiner Geduld?
Denn ich weiß, eure Gier wird euch zurücktreiben, so dass ich nur warten muss.
Ich würde euch nicht folgen?
An euren Schiffen hänge ich und verbreite mich mit euch auf der ganzen Welt.
Du fragst mich, was mein Sinn ist, tu ich doch nichts als vergiften, töten, fressen und warten, dass ich wieder töten und fressen kann?
Schau dich um und Frage dich, was Menschen besser und anders machen.
Ich werde auf die Antwort warten.
-Maraskanisches Straßentheater


Am folgenden Tag, daran erinnerte Jin sich im Gegensatz zu den Details dieser Nacht recht gut, saß ein ungehaltener Werwolf auf seinem Kopf und sein Rücken war verspannt, so dass er zu nichts zu gebrauchen war.
Auch die nächste Zeit nahm er keine Kämpfe an, die Ghorio ihm vorschlug, was den alten Kämpen nicht störte, hatte er doch mit der lächerlich unwahrscheinlichen Wette auf den Kampf gegen Spinne ein kleines Vermögen verdient.
Er musste seither oft an dieses Aufeinandertreffen denken, spätestens, wenn er sich mit dem Waldmenschen im Übungsraum verabredete. Es hatte ihn, so dachte Jin, sehr nahe daran gebracht, den Weg eines Kriegers zu verstehen, ohne selbst einer zu sein.
Es war nun eine Woche vergangen seitdem und wieder neigte sich ein Abend im Theater dem Ende zu, Jin und Take-Imaro beendeten ihr Training. Dem Maraskaner war aufgefallen, dass der Waldmensch sich sehr schonte und ihn auch nicht so sehr forderte wie sonst.
„Was beschäftigt dich, mein Freund?“ Fragte er geradeheraus und setzte sich auf eine der ausgefransten Bastmatten, die an den Wänden des Übungsraumes verteilt lagen.
„Die Geister dieses Ortes und meiner Ahnen sind unruhig, aber ich weiß nicht genau, was sie gesehen haben, was sie so in Aufruhr versetzt.“ Antwortete er und Jin war nicht klüger als zuvor. Spinne sprach stets so, als könne er Kontakt mit den Abwesenden, den Toten, halten. Jin wusste nicht ob das wirklich der Fall war, aber er ließ seinem Freund seinen eigenen Glauben. Die Zwillinge werden sich schon etwas dabei gedacht haben sein Volk mit den Gedanken zu schaffen, die sie nun einmal hatten.
„Und was heißt das für dich?“
„Für mich heißt es, meine Zeit wird knapp. Ich werde Arlin herausfordern. Er wird annehmen.“ Erklärte Spinne mit einem grimmigen Nicken und genehmigte sich einen Schluck Wasser aus seiner mit Leder umwickelten Feldflasche.
„Aber er hat nicht gekämpft. Du weißt immer noch nicht, um alle seine Fähigkeiten oder?“ Jin versuchte, nicht zu zweifelnd zu klingen und mied es, Spinne in die Augen zu sehen. Zu frisch war noch die Erinnerung daran, wie selbst er es geschafft hatte ihn zu überraschen, auch wenn Jin sich sehr sicher war, dass der Waldmensch nicht all seine Kraft in ihrem Kampf eingesetzt hatte.
„Gefährlicher heißt nicht unmöglich. Manchmal muss selbst der besonnenste Jäger den Moment nutzen, der sich ihm bietet, oder er wird nie Erfolg haben. Arlin wird diesen Ort nicht lebend verlassen, dafür werde ich sorgen.“ Spinne war überzeugt von dem, was er sagte. „Übermorgen wird sein Schicksal besiegelt sein.“
Jin seufzte. „Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie helfen…“
„Das kannst du. Komm mit mir.“

Er begleitete Spinne bis zu seiner Kammer, die sie dann betraten. Geruch von würzigem Räucherwerk lag wie stets in der Luft.
„Arlin kämpft mit Giften. Vielleicht sterbe ich, sobald er besiegt ist.“ Erläuterte der Waldmensch unverhohlen, sobald sie seine Kammer betreten hatten und machte sich an seinem Bündel zu schaffen. „Wenn ich vor meine Ahnen trete, musst du dafür sorgen, dass mein Leichnam richtig behandelt wird. Und…solltest du deine Absicht wahr machen, und die ganze Welt sehen, erzähl meinem Stamm von meinem Schicksal.“
Auf Maraskan war der Tod an sich kein allzu schwermütiges oder gar ein Tabuthema. Hatten die Zwillingsgötter Rur und Gror die Welt doch perfekt und schön geschaffen und schenkten jedem ein neues Leben, um diese Schönheit zu genießen, bis der Weltendiskus sein Ziel erreicht hatte. Doch die Leichtigkeit, mit der der Krieger bereits über seinen Tod nachdachte, überraschte Jin und innerlich verdrängte er den Gedanken, sein mittlerweile bester Freund könnte übermorgen bereits tot sein. Dies war vermutlich ein weiterer Unterschied zu einem wahren Krieger, der mehr tat als zu kämpfen, nur um am Leben zu bleiben, sondern jeder Zeit bereit war, mit dem Tod zu tanzen.
„Muss ich dann nicht auch erstmal diesen Spießroutenlauf überstehen?“ Fragte Jin zweifelnd und lenkte sich von seinen Gedanken ab.
„Nein.“ Sagte der Waldmensch schmunzelnd und holte einige kleine Tiegel und einige sehr dünne, spitze Hölzer aus einem Beutel. „Nicht wenn die weiße Spinne deine Schulter ziert. Sie wird beweisen, dass du mein Freund und Bruder bist.“
Spinne entzündete eine Kerze und öffnete den Verschluss eines der Tiegel, während Jin sein Hemd auszog, um seine Schulter freizumachen. Harzgeruch mischte sich in die Luft, als der Waldmensch das erhitzte Holz in den Tiegel steckte.
„Bei uns bedeuten Malereien sehr viel, Schlange. Sie erzählen meist schon über Menschen, bevor man sie kennt. Über ihre Siege und Taten, ihr Leben. Ich habe, besonders auf Schiffen, viele Blasshäute gesehen, die welche tragen, aber denen sie oft viel weniger bedeuten als uns.“
Der Maraskaner wollte etwas erwidern, sog aber stattdessen scharf die Luft ein, als das heiße Harz sich in seine Schulter brannte.  „Wer diese Schmerzen auf sich nimmt, tut das aber selten ohne Grund. Ich denke nur, bei uns gibt es keine gemeinsame Bedeutung dieser Malereien, für jeden von uns bedeuten sie etwas anderes, sind auf diese Art sehr nur mit einem selbst verbunden.“ Er sah sich dabei in Gedanken auf die eigenen Arme, um die sich die smaragdgrünen, angriffslustigen Schlangen wanden.
„Eine Geschichte erzählen nur für sich selbst? Ich wandere schon einige Zeit unter euch, aber eure Seltsamkeit erstaunt mich immer wieder.“ Wieder erhitzte Spinne den Holzkiel und strich über das Harz. „Wer hat deine gemacht, Schlange?“
„Das war Nothilf, sie ist sehr geschickt mit der Nadel. Die Ranken an ihren Armen hat sie ebenfalls selbst gemalt.“
„Sie hat eine gute Hand. Man sieht die Liebe zu ihrem eigenen Werk, ihr eigenes Nipakau in den Bildern.“ Bestätigte der Waldmensch. „Wann willst du sie zur Frau nehmen?“ Fragte er dann geradeheraus und setzte seine Arbeit fort, als hätte er nur nach dem Wetter gefragt.
Jin musste sich zusammenreißen um nicht zu zucken und das Bild zu verderben. „Woher weißt du davon?!“ Dann fiel ihm der Abend ein, an dem er betrunken zurückkehrte. „Ich…Ich weiß nicht. Vielleicht warte ich einfach auf den rechten Moment. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich fürchte, sie könnte mich abweisen, schließlich bin ich nur ein Taugenichts von der Straße.“ Gestand Jin sich ein.
„Oh, Schlange. Und ich dachte nur eines deiner Augen wäre Blind.“ Feixte Spinne. „Sie mag dich, seit du den ersten Schritt in dieses Haus gesetzt hast. Die Heilerin ist niemand, der sich für Hüllen interessiert. Sie sieht dein Herz, glaub mir.“
„Was macht dich so sicher?“ fragte Jin skeptisch.
„In der Nacht, als du gegen Ikanari gekämpft hast und das gesamte Theater Blut verlangte, war sie die Einzige, die ehrliche Tränen für dich vergossen hat.“ Erzählte der Waldmensch wieder im Plauderton, während er ein neues Holz aus seinem Beutel griff.
Der Grubenkämpfer war sprachlos. Das hatte sie ihm nie erzählt, er wusste nicht einmal, dass sie an dem Abend den Kampf mitverfolgte.
„Falls das immer noch nicht reichen sollte, habe ich dir noch ein Geschenk gemacht, das bei Zeiten sicher genauso hilft, wie Worte.“ Spinne lachte leise und blies die Kerze aus.

Es hätte Jin gleich seltsam vorkommen sollen, dass der Mann aus dem Dschungel so lange brauchte. Erst als er später die kleine weiße Spinne betrachtete, die auf seiner Schulter lauerte, fiel ihm auf, dass der Waldmensch ihm direkt noch eine Malerei verpasst hatte, während er ihn mit den Erkenntnissen über Nothilf ablenkte.
Aus der blankpolierten Metallscheibe an der Wand blickte ihn nun das kunstvoll gemalte Profil der Heilerin an, die Spinne ihm auf sein linkes Schulterblatt tätowiert hatte. Ob er ihm dafür von ganzem Herzen danken, oder ihn verfluchen sollte, wusste er noch immer nicht.
Angesichts der Tatsache, wie schnell die Zeit bis zu seinem großen Kampf verstrich, rückten diese Gedanken jedoch schnell in den Hintergrund.
Spinne setzte die täglichen Übungen aus und verbrachte die Zeit in seiner Kammer, wo sein Geist weit weg zu sein schien. Bis er schließlich am entscheidenden Tag mit klarem Blick die Treppen zur großen Arena hinaufstieg.
Auf dem Weg zu der Tür, durch die er die Manege betreten würde, sah er Schlange, den Mann den er an diesem Ort von Gewalt, Gier und Tod seinen Freund nannte. Bereits jetzt kam ihm alles unglaublich weit weg vor, verzerrt und in den Halbschatten der angebrachten Fackeln getaucht. Schlange sagte etwas und legte ihm die Hand auf die Schulter. Die Worte drangen nicht an seine Ohren, aber klar wie den Schrei eines Raubvogels war deren Bedeutung für ihn. Spinne nickte seinem Freund entschlossen zu und betrat unter einer Welle von Jubel die ihm entgegenschlug die Arena.
Im Hereingehen wickelte er ein Band um seine zahlreichen Zöpfe, so dass sie ihn beim Kampf nicht stören würden. Beiläufig bemerkte er, dass die ersten Ränge freigelassen waren und dicke Matten aus Flechtwerk am Geländer vor der Arena aufgestellt waren.
Arlin, Morfu, wie er im Theater genannt wurde, erwartete ihn bereits mit einem Lächeln auf den Lippen.
Vom Lärm unbeeindruckt, bedeutete Spinne ihm in der Zeichensprache seines Stammes „Du wirst sterben.“
Morfu legte seinen rotbehaarten Kopf schräg, grinste und machte die einfache Geste für „Du gehst vor.“
Ohne auf die einleitenden Worte des Ansagers zu warten, konzentrierte Spinne sich und überbrückte mit einem gewaltigen Sprung die fast zehn Schritt bis zu Arlin, was von den Rängen mit ungläubigem Ausrufen und Jubel kommentiert wurde.  Er hatte mit dem giftigen Splitter, der noch vor dem Zenit seines Sprunges auf ihn zuflog gerechnet, drehte sich und um Haares breite verfehlte das Geschoss ihn. Der Sprungtritt traf seinen Gegner in Brusthöhe und ließ ihn zurücktaumeln. Noch bevor er landete, drehte Spinne sich um sich selbst und legte noch einen Tritt gegen die Rippen von Morfu nach, fing sich dann mit allen vieren auf dem Boden ab, sich flach gegen den Stein drückend, da sein unmenschlicher Gegner weitere Splitter aus dem narbenähnlichen Gewebe seiner Arme nach ihm schleuderte, die über Spinnes ungeschützten Rücken schrammten. Schnell wie er es von Arlin gewohnt war, erholte er sich von den heftigen Tritten und wollte nun selbst zum Angriff übergehen. Das brennen des Giftes blieb nur ein Kribbeln, den Schmerz der Schramme selbst Spürte der Waldmensch kaum. Er hatte sich so gut wie er nur konnte auf diesen Kampf vorbereitet. Noch bevor Morfu es ausnutzen konnte, dass sein Gegner am Boden war, schnellte Spinne wie eine gespannte Feder wieder nach oben und versetzte ihm einen Kopftreffer mit den voran gestreckten Beinen, die Bewegung mit einem Rückwärtssalto verbindend, so dass er am Ende wieder zum stehen kam, jedoch nicht ohne dass ihn die scharfkantigen, hornartigen Splitter, die aus den Fäusten seines ehemaligen Waffenbruders ragten, schrammten und ihm die Haut in der Rippengegend aufrissen.
Er war tatsächlich noch schneller als damals und selbst wenn er immun gegen das Gift war, waren die Treffer Morfus doch schmerzhaft und ließen ihn auf Dauer Blut verlieren. Aber das wusste Spinne bereits und hatte sich einen Plan zurechtgelegt.
Arlin schien den Schmerz der Treffer, die normale Männer  hätten ausschalten können gar nicht zu spüren, aber auch das kam nicht unerwartet. Der Yaq-Hai gab ihm Kraft, dennoch war sein Körper am Ende der eines Menschen. Sterblich.
Was er nicht wusste, war ob seine Kraft, diese Hornsplitter zu schleudern begrenzt war. Ohne ihr Gift waren sie kaum lebensgefährlich, aber dennoch schmerzhaft und auch im Nahkampf wenn sie in dem schwärenden Narbengewebe saßen, wo sie auf die Zuckung warteten, die sie herauskatapultierte, eine ernst zu nehmende Waffe.
„Gut vorbereitet!“ Rief Morfu und wich trotz seiner beeindruckenden Größe mit tänzerischer Leichtigkeit einem weiteren Tritt aus. „Und keine Zurückhaltung…“ Stellte er fest als dämonisch schnell ein weiterer folgte, und noch einer, den er im Gegensatz zu dem ersten hohen Angriff noch mit einem Kreuzblock ablenken konnte. Wieder taumelte der Mann aus dem Norden zurück, stellte aber zufrieden fest, dass sein Block blutige Striemen am Bein des Stammeskriegers hinterlassen hatte und auch dessen Arm rannen dünne Rinnsale von Blut herunter.
Trotz der langen Zeit, der Vorbereitung,  der Tatsache, dass seine Ahnen ihm dies vorbestimmt hatten…Jetzt wo er vor ihm stand und gegen ihn kämpfte schien alles verzerrt und falsch. Bis auf die schrecklichen Narben stand da immer noch Arlin. Der Yaq-Hai sprach, kämpfte und bewegte sich wie sein Stammesbruder. Das einzige was ihm die Notwendigkeit seiner Tat vor Augen führte war die Kälte die von dem totenblassen Mann ausging und der Drang, die Gier nach Leid und Tod die wie Schatten im Gesicht des Nordländers saß.
Spinne spürte wie ihm das Blut die Gliedmaßen hinunter rann und sah wie Morfu ihn selbstbewusst, aber keines Wegs siegessicher musterte. Ihm schien klar, dass er Take-Imaro gewachsen war, aber auch dass er ihm große Schmerzen bereiten, wenn nicht gar töten konnte. Beide belauerten sich in engen Kreisen, nach einer Lücke in der Deckung des anderen suchend, einen Vorteil, denn jede Kleinigkeit war entscheidend, wenn ebenbürtige Gegner aufeinandertrafen.
Doch Spinne hatte vor das Glück auf andere Weise zu seinen Gunsten zu verschieben.  Im Geiste bat er sein Tapam und die Geisterspinne um Kraft, erinnerte sich an die undurchdringlichen Schatten des Dschungels, als er für einen Herzschlag blinzelte.
Und Dunkelheit kroch von den Schatten die die  zahlreichen Fackeln warfen durch die Arena und schloss die beiden Kämpfer ein.
Spinne, der immer noch sehen konnte als wäre nichts geschehen verharrte dort, wo er stand und beobachtete Arlin, der angestrengt lauschte und sich mit schräggestellten Armen gegen einen Angriff den er nur ahnen konnte wappnete.
„Take-Imaro. Auserwählter der Geisterspinne.“ Zischte er und bewegte langsam den Kopf hin und her. „Wir kennen die Tricks des anderen…“ Trotz dieser nicht unwahren Behauptung nutzen Morfu seine dämonischen Kräfte nichts gegen diese Dunkelheit. Sein Gehör war scharf, doch er wusste, dass Spinne sich selbst für ihn unhörbar leise bewegen konnte. Der erfahrene Kämpfer hatte sofort den Gedanken verworfen, die Dunkelheit möglichst schnell zu verlassen. Er wusste nicht wie groß die Zone war, aber er wusste dass der Waldmensch wie am Tage darin sehen konnte, ihn also abfangen und nach Herzenslust durchwalken würde können. Es blieb ihm also nichts übrig, als die ersten Angriffe abzuwarten, vielleicht sogar einige abzufangen und sich dann zurückzuziehen, so dass er die verfluchte Dunkelheit verlassen konnte. Wut loderte in Morfu auf, noch schlimmer als die, die ohnehin schon in dem Verfluchten, jeden Tag den er in diesem stinkenden Theater wartete, kochte. Dass endlos lange, quälende Lidschläge lang sogar gar nichts passierte und das Raunen der lästigen Zuschauer seine Wahrnehmung zusätzlich störte ließ die niemals heilenden Wunden auf seinem Körper unruhig zucken, so dass die Giftigen Hornsplitter unkontrolliert mit schmatzenden Geräuschen hin und her rutschten und er Mühe hatte, sie nicht ungewollt in alle Richtungen zu schleudern.
Endlich riss brutaler Schmerz an seinem rechten Bein und er musste seine Kraft zusammennehmen um nicht durch den tiefen Tritt von Spinne zu Boden zu gehen. Wäre er noch ein normaler Mann gewesen, hätte ihm dieser Tritt das Kniegelenk zerschmettert und der Kampf wäre vorbei. So drehte Morfu sich gedankenschnell herum traf mit seinem reflexartigen Schlag aber nur Luft.
Wiederum war Spinne erstaunt von den Fähigkeiten des Dämons. Nachdem er seinen nächsten Schachzug vorbereitet hatte, wollte er ihn mit einem verheerenden Treffer gegen seine Beine auf den steinernen Boden schicken, aber das Gelenk hatte seiner Kraft  nicht nachgegeben. Der Rückhandschlag verfehlte den Waldmenschen knapp, da er sich duckte und auch für den folgenden Schlag bereits seine Position leise wie die namensgebende Spinne verändert hatte. Unruhig zuckten die giftigen Splitter in den grausigen Narben, als würden sie nach dem Krieger schnüffeln. Aus den Rängen der Zuschauer hatte sich das missmutige Raunen mittlerweile in Beschimpfungen und vereinzelte Buh-Rufe gewandelt, was Spinne nur recht war. Sollten die Affen ihm mit ihrem hirnlosen Geschrei dieses Mal ruhig eine Hilfe sein. Er wartete ab, bis das, was einmal Arlin gewesen war sich in eine günstige Richtung gedreht hatte, dann schnellte er mit der Hilfe seine Tapams mit einem Kraftvollen Sprung auf ihn zu. Da er ihn weder sehen noch Hören konnte traf ihn die Serie der Sprungtritte fast ohne Gegenwehr. Wo immer die scharfkantigen Splitter Spinne zu verletzen drohten, zog er das Bein rechtzeitig weg, oder veränderte die Position so, dass der Treffer schwächer ausfiel, aber immer noch landete. Bei dieser Anzahl an schweren Treffern versagte selbst die enorme Zähigkeit die der Yaq-Hai Arlins Körper verliehen hatte und der hochgewachsene Mann ging zu Boden.
Die Dunkelheit verschwand und wütend wollte Morfu wieder auf die Beine springen, doch er konnte nicht.
Er wandte angestrengt den Kopf und stellte fest, dass er dort auf den Boden gefallen war, wo Tropfen dunklen Blutes den Hellen Stein besudelten, nein, sogar Linien damit gemalt worden waren. Spinne kauerte nicht unweit von ihm, die Hand auf einem aus Blut gemaltem Band, was zu Morfu führte. Sein Gesicht wirkte Angestrengt, seine Arme und Beine waren benetzt von seinem eigenen Blut.
Morfu lachte und kämpfte vergeblich gegen die Fesseln an, die ihn wie klebriger Leim am Boden hielten. „Was jetzt, Imaro? Ich werde nicht wieder gefangen sein, hörst du!“ Verhöhnte er ihn in der Sprache der Waldmenschen.
„Nein.“ Bestätigte ihm die dunkle, wohlklingende Stimme des Kriegers, seelenruhig, trotz der offensichtlichen Anstrengung. „Denn du wirst in diesem Ring sterben und das Nipakau meines Freundes wird frei sein.“
Mit diesen Worten ließ er all seine Kraft in das Netz aus seinem eigenen Blut fließen, in das er Morfu gelockt hatte und dieser spürte, wie sich der unsichtbare Griff fester um ihn schloss.
Als Spinne sich mit der gemeinsamen Kraft seiner Arme und Beine vom Boden abstieß, blickte er im Flug auf seinen Freund hinab. Er dachte an ihre erste Begegnung, wie er die Tapferkeit des blassen Mannes bewundert hatte. An die Kämpfe, die Jagden, die Feste, ihre Streifzüge durch die verlorene Stadt und wie sie gemeinsam den Gefahren trotzten, die der Dschungel gegen sie auffuhr.
Die Geschichte dieses Mannes würde hier enden, ohne dass er je erreicht hatte, wofür er einst in den Süden gekommen war. Der Yaq-Hai hatte ihm seine Geschichte genommen und durch Tod und Leid ersetzt. Für jeden hier außer Spinne war er nur ein blutrünstiger Schläger, ein Ungeheuer dass ihre eigenen dunklen Teile der Seele für sie auslebte. Keinen würde es interessieren, dass er heute hier stirbt, keiner würde wissen, was beide, er und Take-Imaro heute verlieren würden.
Man würde sie beide schnell vergessen, denn das ewige Wort seines Volkes gab es hier nicht.
Sein Sprung hatte den Zenit erreicht und mit vorgestrecktem Bein schnellte er nun auf den wehrlosen Yaq-Hai hinunter um ihm den Schädel zu zertrümmern.  Ein Ende zu machen.
Er wusste, dass der Dämon noch einen Trumpf hatte, den Spinne nicht kannte. Sollte er ihn einsetzen, denn er konnte sein Ende nicht mehr verhindern, selbst wenn es den Tod für den Waldmenschen bedeuten würde.
Da war es.
Sein Körper mochte am Boden gehalten sein, doch unter der Haut seines rechten Armes bewegte sich etwas und stieß durch die scheußlichen Narben. Schmatzend schoben sich aneinandergereihte biegsame Hornsegmente heraus. Wie eine Lanze hielten sie gegen den Sprungangriff gegen, doch zu Morfus Verblüffung reagierte Spinne nicht, sondern setzte seinen tödlichen Kurs fort.

Seit er den Kampf von der hölzernen Gittertür, die zur Arena führte beobachtete, hatte Jin es nicht geschafft, seinen vor erstaunen geöffneten Mund wieder zu schließen. Er bemerkte auch nicht, wie Nothilf sich mit sorgenvoller Miene neben ihn stellte.
Noch nie hatte er so etwas gesehen. Die Schläge, die der Rothaarige Mann austeilte wirkten, als könnten sie Steine zerschmettern, von der Kraft und Geschwindigkeit von Spinne gar nicht erst zu reden. Hätte er noch Zweifel gehabt, dass der Waldmensch ihn in ihrem Kampf geschont hatte, so wären sie jetzt gnadenlos verflogen. Auch bedienten sich beide ihrer Magie, als wäre es nur eine weitere Waffe in ihrem Repertoire, nichts besonderes. Gegen das was Jin hier sah, kam ihm sein Triumph gegen die Illusion Ikanaris plötzlich sehr klein vor. Dunkelheit, Sprünge und Beweglichkeit, zu denen kein normaler Mensch fähig war, ein magisches Netz und giftige Splitter.
Und dann dieses Ding.
Es sah so aus als hätte Spinne die Oberhand, als er Morfu am Boden festnagelte und zum finalen Sprung ansetzte. Doch Jin kannte dieses Gefühl aus Zahllosen Kämpfen, die bittere Ahnung, dass es noch nicht vorbei war.
Diese schwarze, vor Gift triefende Lanze richtete sich auf und würde Spinne durchbohren, wenn er sich nicht zur Seite wand und den Angriff dadurch abbrach.
Doch Jin wusste, er wollte es zu einem Ende bringen. Entweder hatte er einen Plan in der Hinterhand, oder ihm war sein eigenes Wohl egal.
Der schmerzhaft lange Moment, der sich eine Ewigkeit zu dehnen schien, entschied über den Weg von Spinne.
Und die Lanze durchbohrte seine Schulter während er Morfus Schädel mit seinem Fuß zerschmetterte.
Verzweifelt ballte Jin seine Hände zu Fäusten und wollte vor Wut schreien. Erst als sich eine sanfte, warme Hand um seine legte, entspannte er sich etwas, konnte jedoch den Anblick seines verblutenden Freundes kaum ertragen.
Ihm war egal, dass es bis zum Ende des Kampfes bei Strafe verboten war, den Ring zu betreten.
Er sah zu Nothilf und sie nickte ihm zu.
Noch bevor die Wache vor der Tür reagieren konnte, hatte er den Mann mit zwei harten Geraden niedergestreckt, riss die Tür auf und stürmte auf den runden Platz, er hoffte Nothilf war dicht hinter ihm.

Kurz bevor sein Tritt Arlins Kopf traf, verlor Spinne durch den rasenden Schmerz in seiner Schulter den magischen Griff, der den Körper des Yaq-Hai fesselte, doch trotzdem war er sich sicher dem unheiligen Leben seines Stammesbruders ein Ende bereitet zu haben.
Das Gift wirkte schnell. Es schien ein anderes, stärkeres zu sein als das in den Hornsplittern.
Seine Beine gaben ihm nach und er ging in die Knie, kippte schließlich zur Seite, auf den besudelten Boden aus weißem Stein.
Obwohl ihm das Brennen fast die Sinne raubte, herrschte in ihm Frieden.
Es war Still in der Arena, da die Zuschauer gebannt warteten, dass einer der Kämpfer wieder aufstand. Spinne musste leise lachen. Auch heute würde das wieder nicht passieren.
Die plötzlichen erstaunten Rufe, teilweise sogar Jubel passten nicht so recht in das Muster, was Spinne sich zurechtgelegt hatte.
Erschöpft drehte er den Kopf. Er wollte fluchen, doch nur ein heiseres Knurren verließ seine Kehle.
„Respekt.“ Presste Morfu hervor. Er nuschelte, da sein Kiefer immer noch unnatürlich verschoben, ja, sein Ganzes Gesicht eine durch die Wucht des Trittes entstellte Fratze war. Er stemmte sich aufrecht. „Aber doch zu gewagt, Imaro.“
Spinne wollte weiterkämpfen, aber seine Beine waren bereits taub und gehorchten ihm nicht mehr. Er hatte versagt.
„Ich sterbe heute nicht, du schon…“ Er trat auf ihn zu und holte erneut mit dem dunklen Stachel der aus seinem Arm ragte aus. Er blickte dem Waldmensch dabei tief in die Augen, die sich, anders als bei den meisten seiner Opfer nicht vor Schrecken weiteten, den Tod nicht fürchteten.
Kurz fand er es schade, den einzigen Mann zu töten, der seine Aufmerksamkeit hier wert war, der einzige echte Gegner, der ihm die Wartezeit versüßte.
Im kurzen Moment des Zögerns löste er sich aus seiner Konzentration, die er voll und ganz auf Spinne gerichtet hatte und bemerkte, dass sich die Stimmung dieser Plagegeister auf den Rängen aus irgendeinem Grund geändert hatte. Im Augenwinkel wurde er sich des Schattens gewahr, der auf ihn zuschoss, doch zu spät. Fast schon so schnell wie er es von dem Waldmenschen gewohnt war, trafen ihn zwei Schläge, einer auf die Brust, einer in die Seite und noch während er von der Wucht zurücktaumelte noch ein kraftvoller Schlag gegen den Kopf der sogar ihn Sterne sehen ließ.

Jins Hand schmerzte furchtbar nachdem er dem Hünen seinen finalen Schlag verpasst hatte. Zu seinem entsetzen fiel der Mann nicht einmal um, durch den Schlag, durch den er schon kräftiger wirkende Männer ausgeschaltet hatte.
Wütend Schrie Morfu auf und schleuderte Jin mehrere der scharfkantigen Splitter entgegen.
Der Maraskaner warf sich zu Boden und schützend auf Spinne, der auch Gefahr lief von dem Schwarm geschleuderter Geschosse getroffen zu werden.
Mehrere der Hornsplitter gruben sich tief in seinen Rücken und begannen sofort niederhöllisch zu brennen.
Jin kam sogleich wieder auf die Beine, da er einen Angriff erwartete und tatsächlich stürzte der Nordländer mit hasserfülltem grässlich verzerrtem Gesicht auf ihn zu.
Er wusste nicht, wie er diese Gewalt aufhalten sollte. Würde er einen der Schläge blocken, mochte es ihm glatt den Arm brechen und ihn obendrein noch vergiften.
Nothilf nahm ihm die Entscheidung über sein Vorgehen ab.
Als wäre es nur ein Winken, fing sie den brutalen Schlag Morfus  mit dem linken Arm ab und konterte ihrerseits mit einem Handballenschlag ihrer Rechten.
Erstaunt nahm Jin durch den Schleier der Schmerzen wahr, wie dem zwei Köpfe größeren Mann die Rippen brachen wie dünne Äste und er rücklings auf den Boden geschleudert wurde.
Die Heilerin wirkte entspannt, fast abwesend, hatte ihre Arme locker und etwas versetzt voreinander ausgestreckt und wiegte diese und ihren Körper in einem Wind, der nicht da war.
Vor Zorn und Schmerz brüllend zwang Morfu sich wieder auf die Beine und wollte den Kampf erneut aufnehmen, auch wenn er gebeugt stehen musste und sich wohl kaum zur Seite Lehnen konnte, wo ihm die Rippen gebrochen waren.
Doch nun hatten auch die Wachen des Theaters reagiert. Mehrere Speere, Klingen und Armbrüste zeigten auf die Drei.
Grob packte man Jin, Nothilf und auch Spinne und schaffte sie aus der Arena.
Morfu wagte keiner anzufassen, doch auch er verstand, dass es besser war sich nun zu fügen. Wie gut er Klingen und Bolzen vertrug, vermochte selbst er nicht einzuschätzen und hatte auch kein Interesse daran, es jetzt, schwer verletzt wie er war zu riskieren.
Aber eines war sicher. Ihm den Triumph zu nehmen, seinen besten Freund Auge in Auge zu töten, würden die Schlange und diese Frau, von der man sagte sie sei die Heilerin bereuen.
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