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Weide und Sturm

von ashtrails
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
13.09.2010
13.09.2010
9
23.697
 
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Zwei

Schlange


Am Anfang meiner Reisen über diese Insel fragte ich mich oft, wie die Maraskaner mit soviel Kompromisslosigkeit in ihrem Dualismus aufgehen konnten, ohne diesen dabei je in Frage zu stellen. Unterhielt ich mich an einem Tag noch mit einer Freischärlerin über eine sehr tsagefällige Weltansicht und wie vortrefflich diese Lösung für jeden wäre, konnte sie mir noch im selben Gespräch versichern, dass niemand der die Freiheit ihrer Gedanken oder ihrer Leute bedrohte mit Gnade zu rechnen hätte und nicht mit weniger als erbittertem, blutigen Kampf. Dieses Bild prägt die gesamte Insel und ihre freiheitsliebende Bevölkerung und macht sie gleichzeitig so vielfältig, dass es mir schwerfällt, mehr als diesen Dualismus zu verallgemeinern, in diesem Mosaik aus Toleranz, vielschichtigem Gedankengut und extremer Gewaltbereitschaft.
Ich vermute es hängt mit dem Glauben der Maraskaner an die Wiedergeburt zusammen. Wer nicht von der Schöpfung ihrer Zwillingsgötter ausgenommen ist, wird wiedergeboren bis die Welt ihren Bestimmungsort erreicht, so sagt man hier. Der Tod ist also nur eine Gelegenheit es besser zu machen? Ist diese selbstverständliche Gewalt kein letztes Mittel, sondern nur ein weiterer philosophischer Ausdruck?  Mag mir als aufrechtem Diener der Zwölf auch die Überzeugung fehlen, dies zu glauben, so denke ich, werden mir diese gesprächigen Menschen noch viele interessante Abende bescheren und wir alle können unsere Lehren daraus ziehen.
-Aus dem Tagebuch eines reisenden Nandusgeweihten



Jin hatte davon gehört, dass das Theater zwar geschlossen, aber nicht verlassen war. Es wäre auch Verschwendung gewesen, das gigantische Gebäude aus Alabaster verfallen zu lassen, selbst nachdem durch den ständigen Krieg kaum noch und schließlich keine Stücke, Musik und Schauspiele mehr vorgeführt wurden.
Die Art Unterhaltung, die nun in dem Prachtbau geboten wurde, war allerdings weit von klassischer Schauspielerei entfernt.
„Talent wie deines verschwendet man nicht auf den Straßen.“ Erklärte Ghorio dem jungen Maraskaner.
„Und wenn ich nicht will?“ fragte Jin trotzig.
„Ich hab dir die Fesseln abgenommen und bin sicher nicht mehr so schnell zu Fuß wie du.“ Stellte der hochgewachsene Krieger daraufhin klar. „Aber unter der filzigen Matte da steckt ein zu heller Kopf um jetzt stiften zu gehen, das wissen wir beide.“ Auf dem Weg zu dem offiziell aufgegebenem Gebäude lichteten sich die Menschenmassen, die sich durch Sinoda bewegten langsam aber sicher. Auf den Treppen die zu den Eingängen führten hatten sich vereinzelt Männer und Frauen in bunt bedruckten Gewändern niedergelassen, redeten, rauchten, oder vertrieben sich anderweitig die Zeit während die Sonne hinter den Silhouetten der weißen Häuser versank.
„Tatsache ist“ fuhr er fort „Ich brauche ein paar neue Fäuste und du brauchst Essen und eine Unterkunft. Wir gewinnen beide, wenn ich mich nicht in dir Täusche.“
„Du wahrscheinlich etwas mehr als ich…“
Ghorio zuckte nur mit den Schultern. „Noch kannst du gehen. Aber ich hab gesehen wie du kämpfst.“ Er breitete die Arme aus. „Ich hab‘s schon überall hier bei deinem ganzen Volk gesehen. Ihr kämpft mit einer Selbstverständlichkeit die mich immer wieder in Erstaunen versetzt. Ohne euch dabei durch verquere Moralvorstellungen zurückzuhalten. Kampf ist hier eine völlig akzeptable Lösung. Deswegen lieb ich diese Insel so!“
„Vorhin ging es auch um mein Leben.“ Widersprach sein jüngerer Gegenüber.
„Das wird es hier auch. Jedes Mal wieder. Der Weg hier raus führt sehr oft nur über eine Totenbahre, aber ich behaupte mal, das ist immer noch besser als Reis auf den Straßen zu stehlen.“
„Was sind die anderen Wege?“
„Deine Direktheit gefällt mir, Junge. Du kämpfst zwölf Kämpfe für mich. Wenn du danach nicht mehr kannst, oder gehen willst, kriegst du einen Teil vom Gewinn, so Phex will, dass wir welchen machen und kannst zurück auf die Straße. Wenn du vorher zu Boron gehst, oder nach den Zwölf noch weitermachen willst, dann sei es so.“ Am Eingangsportal angekommen klopfte der Krieger kräftig an die in den Flügel eingelassene Tür und wartete.
„Direktheit ist wohl nicht nur mir zu Eigen. Und das ist es was du tust, fremde ohne Ziel und Aussicht dazu zu bringen für dich gegen andere dieses Schlags zu kämpfen?“ fragte Jin und neigte den Kopf zur Seite.
„In Zeiten wie diesen, irgendwo zwischen Krieg und Frieden ist es schwer ein gutes Auskommen zu finden. Wer dich heute noch Bezahlt, kann’s sich am nächsten Tag schon anders überlegen, was du dir heute aufbaust, kann am nächsten Morgen von irgendwem niedergebrannt werden. Für sowas werd ich langsam zu alt.“  Ghorio zuckte mit den Schultern und blickte ungeduldig zur Tür.
„Also strebst du nach nichts, sondern du lebst einfach.“
„Und wenn du nur halb so brauchbar bist, wie ich schätze, können wir das beide, und das gar nicht mal so schlecht.“
Die Tür öffnete sich endlich knarrend und veranlasste einige Gestalten unter ausladenden Strohhüten von einem tiefer gelegenem  Treppensegment aufzusehen, die sich gleich darauf wieder ihrem Gespräch zuwendeten.
„Ghorio?“ fragte eine Frauenstimme aus den Schatten der Eingangshalle. Jin versuchte neugierig in die Dunkelheit zu spähen, jedoch ohne Erfolg.
„So überrascht?“ antwortete er gekränkt mit einem schiefen Grinsen.
„Ich habe so bald nicht wieder mit dir gerechnet nach gestern Abend.“ Die Frau trat nun in das schwindende Tageslicht, die Arme vor der Brust verschränkt. Glatte, schwarze Haare rahmten ihr Gesicht ein und aufmerksame, mandelförmige dunkle Augen musterten Jin und Ghorio. Sie war in eine eng anliegende, mit bunten Zeichen bedruckte Leinenbluse, eine lederne Hose und eine dunkelgrüne Schürze gekleidet. Der junge Maraskaner schätzte, dass sich der Weltendiskus für sie sicher schon dreißig Mal gedreht hatte. Entlang der ganzen Länge ihrer freien Arme wand sich das Hautbild einer rankenden Pflanze mit hellgrünen Blättern und feurigroten, kelchförmigen Blüten, so Kunstfertig, dass man denken konnte, das Gewächs wäre echt.
„Nur ein kleiner Rückschlag. Vielleicht war auf Sieg setzen etwas zu gewagt gewesen, aber man lebt ja um zu lernen, nicht wahr?“
Sie schüttelte gutmütig den Kopf „In diesem Fall war es leider auch nur den Lebenden vergönnt daraus zu lernen, nicht dem, der am meisten davon gehabt hätte.“
Ghorio seufzte. „Wenn du das sagst, klingt es so anschuldigend.“ Der Krieger zeigte mit der rechten Hand auf Jin. „Melde ihn für morgen Nacht, ich setzte das Doppelte vom üblichen. Die Kammer hab ich noch bis zum Ende des Monats bezahlt, deine Dienste ebenfalls, versucht also ja nicht, mich zu schröpfen!“  
Die Frau nickte. „Du scheinst zu glauben, Bruder Phex habe wirklich ein Auge auf dich geworfen, Ghorio. Ob er es gut mit dir meint, oder nur einen Scherz im Sinn hat, ist eine schöne Frage.“

Ghorio hatte sich verabschiedet und überließ Jin, der mit jedem Schritt, den er tiefer in das Theater tat, nervöser wurde, der Obhut der Frau, die sich ihm als Nothilf vorstellte. Als der Kämpfer ihm erklärt hatte, worum es ging sah er durchaus denn
Sinn hinter dem Gedanken. Doch nun, wo er auf sich allein gestellt und gefangen schien, hegte er Zweifel an seiner Entscheidung.
„Er ist aus Al’Anfa.“  Hatte Nothilf ihm kurze Zeit später erläutert. „Es liegt ihm im Blut, Menschen für seine Zwecke einzuspannen.“ Jin wusste nicht wo dieses ‚Al’anfa‘ liegen sollte. Musste wohl ziemlich weit im Norden der Insel sein, oder auf dem Festland.
Die erwähnte Kammer befand sich in einem Untergeschoss des Theaters und war daher kühl und sogar trocken, aber was noch wichtiger war, sie hatte ein frisches Strohlager auf einer Pritsche. Luxus, wenn man es gewohnt ist die Nacht auf der Straße zu verbringen, immer mit einem offenen Auge, auf der Hut vor Ungeziefer, sei es nun menschlich oder tierisch. Andere Quartiere gleicher Art säumten den gesamten Gang den Jin und seine Führerin entlanggegangen waren. Viele standen leer, bei anderen verbarg ein einfacher Vorhang diejenigen in den Kammern.
Hier, im Untergeschoss, befanden sich auch die Kampfplätze. Enge, mit stabilen Holzgittern oder Netzten abgesperrte Manegen mit Stein oder Dielenböden. Da sie nicht zur festen Architektur des Theaters gehörten, variierte ihre Zahl, je nachdem wie viele Kämpfe zurzeit angedacht waren und mit welchen Hindernissen und Hilfsmitteln sie ausgestattet werden sollten.
„Das Essen wird den Kämpfern gebracht. Erwarte kein Festmahl. Wenn du sonst etwas vor dem Kampf brauchst, sprich mit mir.“ Erklärte Nothilf Jin noch, bevor sie ihn an seinem Strohlager zurückließ.
Was sollte er denn noch brauchen?
Er bekam Essen, eine Unterkunft und wurde vielleicht sogar bezahlt. Und das ganze noch scheinbar so fair wie es eben ging. Keine vier bewaffneten gegen einen. Alles was Jin dafür tun musste, war etwas, dass er schon sein ganzes Leben ohnehin tat.
Kämpfen.
Er sah keinen Sinn darin, sich zurückzuhalten. Vielen Menschen, gerade denen vom Festland sah man geradezu „Dieb“, „Taugenichts“ und „Bettler“ in die Augen geschrieben, sobald sie ihn erblickten. Waren ihre hocherhobenen Nasen erst einmal blutig geschlagen, nützen ihnen ihre feine Kleidung, ihr Geld, die ferne Geborgenheit ihrer Häuser auch nichts mehr. Gewalt war sein Trumpf, der ihn das eine oder andere Mal mit jedem dem er begegnete gleichstellen konnte, die Grenzen für seine Zwecke aufhob. Und nun forderte man Jin sogar dazu auf. Er konnte sich wahrhaftig nicht vorstellen, was er unter diesen Bedingungen noch brauchen sollte.

Jins Vorstellungskraft machte einen Satz nach vorne, nachdem er seine ersten Kämpfe bestritten hatte. Trotz seiner leichten Nervosität, bestritt er den ersten Abend mit einem furiosen Erfolg, als er den Kampf mit nur einem geraden Schlag für sich entschied. Die ersten Auseinandersetzungen ließen Jin in der Hauptsache an Menschen wie ihn selbst geraten. Menschen von der Straße, die hier ihre Chance sahen, die aber offenbar nicht oft gekämpft hatten, oder körperlich schon so ausgelaugt, dass sie von vornherein im Nachteil waren.
Er musste feststellen, dass es nicht immer so einfach war und schon bald schmerzten seine Hände derartig, dass er fürchtete keine Faust mehr ballen zu können, so dass die kleineren Blessuren wie Prellungen und Schürfwunden ihm kaum mehr auffielen. Erst als es ihm schwerfiel mit den wund gekämpften Händen einzuschlafen, suchte er Nothilf auf, die ihn tadelte, dass er nicht früher zu ihr gekommen war. „Wie du es geschafft hast, nicht darauf zu kommen, dass ich die Wundheilerin bin, ist ein schönes Rätsel.“ Sagte sie an dem Tag und lächelte ihn milde an, während sie seine Blessuren mit Salbe behandelte die sie aus einem der Zahllosen Tiegel ihrer Kammer entnahm.“ Ausserdem  solltest du, “ riet sie ihm, „statt der geschlossenen Faust auch deine Handballen zu benutzen, besonders, wenn dein Schlag Knochen treffen würde, siehst du, so.“ erklärte sie und demonstrierte langsam, in einer fließenden Bewegung einen Schlag.
Jin nickte und hatte Mühe den Blick von der Heilerin zu lösen. „Deine Hautmalereien sind sehr schön.“ Meinte er dann geradeheraus.
Nothilf stellte den Tiegel mit der Salbe zurück in das Bord aus dem sie ihn hatte. „Die habe ich selbst gemacht.“ Antwortete sie dann.
„Du könntest mir also auch welche malen?“ Fragte der junge Maraskaner.
„Weisst du den genau welche zu dir gehören?“
Diese Frage traf Jin unerwartet, da er nicht genau wusste, was Nothilf meinte, also schüttelte er den Kopf.
„Du wirst es sicher bald wissen. Orte wie dieser zeigen den Menschen Bilder auf eine ehrliche Weise, die Fragen wie diese schnell beantwortet.“
„Dabei wird wahrscheinlich nicht gefragt ob man alles sehen will und auch keine Rücksicht auf Schmerz genommen, möchte ich wetten.“ Kommentierte Jin mit einem schiefen Grinsen.
„Erzähle es mir, wenn du es gesehen hast, Jin.“

Ghorio sah er nur selten. Meist direkt nach den Kämpfen, entweder überaus gut gelaunt, wenn er gewann, dann lud er den jungen Kämpfer zu Wein und gutem Essen ein. Oder mit gedrückter Stimmung, aber wohlwollenden Ratschlägen, was Jin an sich verbessern musste, wenn er einen Kampf verlor. Der ältere Krieger verriet ihm einige Tricks, wie man seinen Gegner besser einschätzen oder aus dem Konzept bringen konnte. Von den Kämpfen zu denen Jin sich verpflichtet hatte gewann er bis zu seinem elften Kampf einen Großteil und erlangte schnell einen Ruf und einen Namen sowohl unter den anderen Kämpfern als auch bei den Zuschauern der unteren Gruben, wie die Manegen auch genannt wurden.
Viele bejubelten ihn wegen seiner schnellen, geradlinigen Art zu kämpfen, schätzen die Tatsache, dass fast jede seiner Offensiven zwar gut überlegt war, aber auch stets mit großem Risiko für ihn selber verbunden, da er fehlende Muskelmasse und ausgefeilte Techniken oft durch Einsatz seines gesamten Körpergewichts und das Nutzen flüchtiger Gelegenheiten wettmachen musste. Die meisten seiner Siege, das gestand sich der junge Grubenkämpfer ein, waren das Resultat für ihn günstig ausgegangener Alles-oder-nichts-Schläge.
Doch solange er damit Erfolg hatte, stellte er nichts in Frage, genoss die Welle der Euphorie, die von den zwielichtigen Zuschauern ausging, wenn er den Ring betrat, die Zurufe, das Fluchen und Jubeln wenn wegen ihm Geld den Besitzer wechselte, das Erstaunen, wenn er scheinbar überlegene Gegner fällte, die ihm teilweise danach sogar die Hand reichten und gratulierten.
Als er  nach dem elften Kampf wieder siegreich den Ring verließ, hörte er wieder die Rufe und den Jubel, die er leise, fast wie in Trance mitsprach.
Schlange!
Schlange!
Schlange!
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