Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Weide und Sturm

von ashtrails
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
13.09.2010
13.09.2010
9
23.697
 
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
13.09.2010 1.483
 

















Für Dich,

David Carradine.



































Eins

Fuchs

Es gibt einen eigenwilligen Brauch in einigen Dörfern der Ostküste. Spürt dort jemand, dass Bruder Boron ihn auf das nächste Leben vorbereiten will, versammeln er und seine Liebsten sich an Strand oder Klippe. Laut wird von ihm eine Zahl verkündet, seiner Ansicht nach den wichtigsten Ereignissen seines bisherigen Weges gleich und er beginnt in einer leicht gebogenen Bahn zu gehen. Mit jedem Schritt spricht er laut ein Wort oder Satz, das oder den er mit der momentanen wichtigsten Erinnerung verbindet. Am Ende seines Weges, so sagt man, ist seine Seele unbeschwert und bereit für das nächste Leben.


„Hab ich dich erwischt du…“ Weiter kam der grobschlächtige Wächter des Lebensmittelstandes nicht, weil der Junge, den er gerade auf frischer Tat ertappt hatte ihm die geschlossene Faust ins Gesicht rammte. Auf dem Weg zum dreckigen Boden des Marktes fragte er sich, wie diese halbe Portion es geschafft hatte ihn derartig Sterne sehen zu lassen.
Qaijin hatte all seine Kraft in den Aufwärtshaken gelegt und verlor bei der anschließenden Drehung beinahe den kleinen Sack Reis, der zuvor auf einem Stapel mit anderen gleichartigen Säcken dicht neben dem Stand gelegen hatte. Der Besitzer, ein vollbärtiger Mann in weiten, rot und blau gefärbten Gewändern ließ bereits laut ein „Haltet den Dieb!“ über den großen Platz schallen, kurz darauf stieß er Verwünschungen aus und beschimpfte seine Wache, die sich benommen den Kopf rieb, wo die Faust des jungen Mannes ihn getroffen hatte.
Die rettenden Schatten der Gassen von Sinoda waren nicht weit vom Marktplatz entfernt. Wenn Jin es schaffte sich und den Reis dorthin zu bringen, dann würde er wieder für eine ganze Weile zumindest satt werden. Die Fassaden der fast vollständig aus Alabaster gebauten mehrstöckigen Häuser, die das Stadtbild prägten kamen rasch näher, Passanten wich der Maraskaner entweder aus, oder er stieß sie grob beiseite.
Keine fünf Schritt vom verheißenden Dunkel der Gasse entfernt stellten sich dem Dieb zwei Gardisten in den Weg. Sie trugen Schwerter, aber hatten diese noch nicht gezogen. Der Reissack behinderte ihn zwar, aber er hatte nicht vor den Tag ohne Mahlzeit zu beenden oder sich eine erbetteln zu müssen. Genauso wenig sah der Verlauf dieses Tages Kerkermauern für ihn vor.
„Halt!“ brüllte einer der Gardisten, die Hand austreckend, die andere bereits auf dem Weg zu seiner Klinge. Jin schoss mit einem Satz vor und sprang auf den Soldaten zu, wobei er, als er und der Mann auf beinahe gleicher Höhe waren, den Reis aus der Linken fallen ließ. Mit rechts hatte er den ausgestreckten gepanzerten Arm des Gardisten gepackt, nutzte alle Kraft die der Anlauf und sein eigenes Gewicht ihm verschafften und verpasste dem von diesem Ansturm überraschten Mann eine durchgezogene Gerade mitten ins Gesicht. Mehr durch Glück und Instinkt entging er dem Schwerthieb des zweiten Soldaten, als er direkt nach der Landung in die Hocke ging um den Sack abzufangen, bevor er auf dem Pflasterstein zerplatzte.
Nachdem das blanke Metall auf der Suche nach Blut vergeblich die Luft über Jin‘s Kopf zerteilt hatte, sprang der Dieb wieder auf und lief weiter die Gasse entlang, den zweiten Gardisten dicht hinter sich.

Eher beiläufig daran interessiert, ja, von den ausklingenden Wellen des Tumults belästigt, schaute Ghorio ebenfalls in die Richtung, in die die meisten Köpfe, Reishüte, Kopftücher oder Helme sich nun drehten. Man sollte meinen die Leute hätten hier schon öfter Diebe und das Ergebnis ihrer Arbeit gesehen, bei Phex. Nicht dass die Auslage des Waffenladens deutlich interessanter gewesen wäre, aber der hochgewachsene Mann wurde ungern von etwas abgelenkt.
Allerdings rieb sich der Geschäftsmann in ihm zufrieden die Hände als er sah, wie der drahtige Jugendliche mit einem erstaunlich präzisem Schlag aus vollem Lauf einen Gardisten niederstreckte, der versucht hatte ihn aufzuhalten.
Stumm dankte er Phex für diese Gelegenheit und machte sich eiligst auf den Weg zu der ihm bekannten Gasse.

Der Gardist wollte einfach nicht locker lassen. Trotz der Lederrüstung die ihn langsamer als Jin machte, konnte der junge Maraskaner ihn nicht abschütteln. Bei einer guten Gelegenheit hätte er ihn zum Kampf gestellt, aber auch wenn er sich Chancen ausrechnete, mit einer Schwertwunde würde er auf Sinodas Straßen allein nicht lang überleben. Der Hauptgrund war das Geräusch schwerer Stiefel, das er aus anderen Gassen zu hören meinte.
Das alles für einen Sack Reis!
Gerechtigkeit sah anders aus.
Zu dem einzelnen Gardisten kam ein zweiter hinzu, weitere zwei kamen im Laufschritt vor ihm um eine der weißlichen Häuserwände und schnitten dem Reisdieb den Weg ab. Jin wurde nicht langsamer und warf einem der Männer den Sack Reis entgegen.
Besser Hunger als Kerker.
Der Soldat, er war kaum älter als Jin, taumelte zurück und verlor seine Waffe, während der Dieb eine ähnliche Finte ansetzte wie bei dem Gardisten den er niedergestreckt hatte. Der gerüstete reagierte schnell und riss den linken Arm zu einem Block nach oben, die Täuschung zu spät erkennend. Statt den schlag durchzuziehen stieß Jin sich vom Boden ab und rammte seinem gegenüber das Knie in den Unterleib, woraufhin dieser trotz seines Lederschutzes stöhnend zusammenbrach. Der Dieb hatte Schwung verloren, so dass die verfolgenden Wachen aufholten, der dritte hatte sich ebenfalls wieder gefangen, stand aber noch ohne Waffe da.
Zuviele.
Jins Herz hämmerte als würde es zerplatzen wollen, gedankenschnell wich er einem Schwerthieb aus, lenkte einen zweiten an der flachen Seite der Klinge  mit seinem Unterarm ab, musste ob des Schmerzes durch den Aufprall dennoch die Zähne zusammenbeißen. Der Waffenlose Gardist warf sich auf ihn und versuchte ihn zu Fall zu bringen, aber Jin nutze seinen eigenen Schwung gegen ihn, so dass sie beide einen guten Schritt übereinander rollten und der Dieb schließlich auf ihm zum liegen kam. Gerade wollte er sich abstoßen um auf die Beine zu kommen, da traf ihn ein Schwertknauf  in die Seite und presste ihm die Luft aus den Lungen. Mit einem Schmerzensschrei rollte er sich zur Seite weg, aber die zwei Wachen, die ohnehin schon in einer günstigeren Position waren, standen nun je einer vor ihm und einer in seinem Rücken, so dass er unmöglich beide abwehren konnte. Ein zweiter Schlag traf ihn und ein dritter. Der Schmerz raubte ihm beinahe das Bewusstsein, als er unsanft gegen eine Wand der Gasse gestoßen wurde.
Er wollte sich wehren, als sie ihm Fesseln anlegten, aber er hatte genug Mühe nicht ohnmächtig zu werden, an Gegenwehr war nicht mehr zu denken.
Mittlerweile hatte der vierte Soldat aufgeschlossen und gab dem gefesselten jungen Mann einen Tritt. „So Bürschchen!“ er spuckte auf den Boden, sein Mundwinkel war blutig, vielleicht hatte er auch den einen oder anderen Zahn verloren, stellte Jin zufrieden fest. „Weisst ja sicher was Dieben hier blüht. Aber erstmal walk ich dich noch etwas durch!“ wieder spuckte der Soldat eine Mischung aus Speichel und Blut auf den staubigen Boden und ließ seine Knöchel knacken.
Seine Kameraden schienen nicht so recht zu wissen, was sie davon halten sollten. Für sie wäre das Ganze wohl trotz der Scherereien  an dieser Stelle beendet gewesen. Abführen, einbuchten, wieder auf die Straße und nach dem Rechten sehen.
„Nicht doch!“ erklang eine tiefe Stimme hinter den Gardisten, die sich daraufhin umdrehten, die Waffen immer noch kampfbereit in den Händen.
Der Fremde war fast zwei Schritt groß und seine Haare krochen in hellbraunen und grauen Strähnen unter seinem schwarzen Kopftuch hervor. Seine Augen waren stahlgrau und er trug eine für Maraskan typische Klinge auf den Rücken geschnallt, ein Tuzakmesser. „Herrje, was hat er denn nun wieder angestellt?“ fragte der Fremde in einer Mischung aus amüsiert und entnervt.
Die Gardisten entspannten sich ein wenig. „Kennt ihr diesen Jungen?“ fragte Zahnlücke den fremden Kämpfer misstrauisch.
„Ich wäre ja sonst nicht hier um wiedermal seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen.“ Kommentierte dieser knapp.
„Er hat Lebensmittel gestohlen und Männer der Stadtwache angegriffen.“ Übernahm jetzt ein anderer Soldat das Wort und steckte seine Waffe ein.
„Nun, ich denke die Lebensmittel liegen dort drüben, intakt, und ihr scheint auch alle wohlauf…könnten wir das Ganze vielleicht direkt hier ins Lot bringen? Das Erspart uns doch allen Ärger, nicht wahr?“ Bot der Kämpfer an und zog dabei einen Beutel hervor, in dem Münzen vielversprechend  ihr klingendes Lied sangen.
Jin sah die Gier in den Augen der Wachen aufblitzen und gleichzeitig wie der fremde Mann zufrieden den Mund zu einem Lächeln verzog, da er ganz genau wusste, dass die Wachmänner sich diesen Extraverdienst nicht entgehen lassen würden.
Der Beutel wechselte den Besitzer und die Gardisten zogen sich, ihren immer noch benommenen Gefährten stützend, aus der Gasse zurück ohne Jin allerdings die Fesseln abzunehmen.
Der Fremde überbrückte die Distanz zu Qaijin mit bedächtigen Schritten, als würde er abwägen ob er ein gutes Geschäft gemacht hätte.
Was auch immer der Fremde wollte, Jin war froh nicht im Kerker zu landen.
„Danke.“ Sagte er leise, den Blick zum Kämpfer gewandt.
Der rieb sich nur das Kinn „Du wirst dir vielleicht noch wünschen, sie wären weniger gierig gewesen…“ war alles was er lachend erwiderte.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast