Alte Bekanntschaften

von ItsAGirl
GeschichteAllgemein / P6
Drake Parker Josh Nichols
07.09.2010
17.02.2011
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Ich vermute, dass es fast dreieinhalb Jahre gewesen waren, seit ich das letzte Mal vor dieser hölzernen Haustür gestanden und darauf gewartet hatte, dass jemand meinem Klingeln folgte. Dreieinhalb Jahre, die ich immer nur Bilder von San Diego genießen konnte. Und die paar Bilder, die wir eine Woche vor meinem Umzug nach LA  geschossen hatten. Und jetzt – wo ich ich mittlerweile sechzehn war – stand ich wieder da.
     Und eine halbe Minute nach meinem Bimmeln öffnete mir genau der, nach dem ich gesucht hatte. Ich hätte Drake ohne die schokoladenbraunen Augen sicher nicht erkannt. Sicher, er hatte immer noch die feinen, einzigartigen Gesichtszüge, die aber viel erwachsener wirkten, als das letzte Mal, und die glatten dunkelbraunen Haare. Aber er hatte sich schon um einiges gewandelt – zum Besseren, wenn man das so sagen konnte. Er sah leicht verwirrt aus, als er mich entdeckte.
     „Was gibt’s?“, fragte er dann aber doch lässig und lächelte.
     „Du erkennst mich nicht, oder?“
     Er dachte scharf nach, schüttelte aber nach ein paar Sekunden den Kopf und betrachtete mich eindringlicher. Dann dachte er wieder nach, gab aber auch diesen Versuch wenig später wieder auf. Ich war ganz schön enttäuscht, wobei ich wirklich zugab, dass sich auch bei mir einiges getan hatte. Ich hatte meine blonden Wellen, die mir mit dreizehn noch bis zum Hosenbund reichten, kurz geschnitten, sodass sich bis knapp über die Schultern fielen und große volle Locken bildeten. Und ich schätze, dass auch ich ein wenig reifer aussah.
     „War ich mit dir im Kino?“, erkundigte er sich leise.
     „Drake, du Dummkopf. Ich bin's...“ Als er mich immer noch fragend ansah, seufzte ich, um mein breites Grinsen zu unterdrücken. „Gib mir deine Hand.“ Er hielt mir die Hand entgegen und ich machte unseren Handschlag. Er bestand aus allen möglichen Klatschmöglichkeiten, die wir so zusammengewürfelt hatten, dass es einen Rhythmus ergab, wenn man sie schnell genug ausführte. Da hellte sich seine Miene plötzlich auf.
     „Cayla!“
     „Ja!“ Ich trat auf ihn zu und umarmte ihn. Die Größenverhältnisse hatten sich auch ziemlich geändert. Damals war ich immer die Größere gewesen. Nicht besonders viel größer, aber durchaus erkennbar. Und jetzt – naja. Er überragte mich nun nicht um Meilen. Aber immerhin hätte ich mich auf Zehenspitzen stellen müssen, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein.
     Ich gab ihn wieder frei und sah ihn eindringlich an.
     „Das hat mir ein bisschen zu lang gedauert“, gab ich zu und ging an ihm vorbei. An Eingangsbereich, Wohnzimmer und Küche hatte sich wenig geändert. Alles holzvertäfelt. Alles warm. Und alles im genau gleichen gemütlichen Stil. Ich liebte dieses Haus – oder seine Einrichtung – noch genauso wie früher. Und diesmal wirkte das Alles noch viel besser...
     „Tut mir Leid. Du bist... sehr erwachsen geworden.“
     „Ja, ich weiß. Ich kann das nur zurückgeben. Ich mag deine Haare“, fügte ich mit einem Fingerwink auf seinen Pony zu. Früher trug er immer so einen typischen Gardinenpony, den ich irgendwie nicht leiden konnte. Jetzt war sein Pony schräg und rundete das Gesicht perfekt ab. Das wiederum gefiel mir. Er schloss die Tür hinter mir und folgte mir, als ich mich schrittweise vorwagte.
     „Du wohnst wieder in San Diego?“, fragte er nach einer Weile.
     „Aha.“ Ich drehte mich um und lächelte. „LA... naja. Es wird langweilig.“
     „Verstehe. Wollen wir hoch gehen?“
     „Klar. Ist dein Zimmer noch da, wo es früher war?“
     „Ja. Ich komm gleich nach. Willst du auch was?“
     „Ginger Ale mit Cola, wenn du das hinkriegst.“
     „Klar. Ähm... dann bis gleich.“
     Ich nickte und ging in den Flur links von mir, dann die schmale Treppe ins Obergeschoss rauf und schließlich zu den kleinen Raum an Ende des Korridors. Dieser Raum hatte sich jedenfalls verändert. Ich wusste, dass Drake jetzt einen Stiefbruder hatte, mit dem ich früher Geschichte hatte. Ein kleines Pummelchen. Nicht besonders beliebt. Josh Nichols. Dafür wirklich schlau und meistens sehr nett. Drake Stockbett stand noch an seinem Platz, aber anstelle des Schlagzeugs stand neben der Tür ein großes Doppelbett. Die alte braune Couch und der Fernseher in der Mitte des Raums hatten sich kaum verschoben. Und es waren noch ein paar Bücherregale und ein kleiner Kühlschrank unter dem Podest von Drakes Bett dazugekommen.
     Ich sah mich neugierig um und entdeckte etwas, das ich sofort als eine kirschrote Vintage-Gitarre identifizieren konnte. Ich wusste, dass mein Lieblingsgitarrist, Devon Malone, die genau gleiche hatte. Ich strich behutsam über den Kunststoff und lächelte. Die würde ich nicht weiter anfassen... Stattdessen nahm ich mir ein paar beschriebene Notenblätter und eine gewöhnliche Akustik-Gitarre, setzte mich auf Drakes Bett und begann ein bisschen zu spielen.
     Ich vermutete, dass das ein Song von Drake war. Er schrieb schon mit zwölf coole Songs. Dieser hier klang aber um einiges besser, als die Alten. Ich sang leise den Text, der über den Notenlinie stand und versuchte nicht zwischendurch loszukichern. Ich wusste, dass ich nicht jeden Ton richtig traf. Naja – zumindest nicht so, wie er da stand.
     So saß ich da auf dem Bett und spielte etwas Musik, als plötzlich ein großer, kräftiger Junge mit rabenschwarzen kurzen Locken ins Zimmer stürmte und mir die Gitarre aus der Hand riss. Josh... Er sah erheblich besser aus – nicht mehr so dick und klein und kindlich. Eher wie ein gewöhnlicher High School-Schüler. Er starrte mich an, als wollte er mir das Leben retten.
     „Wirklich. Sei klug genug, niemals Drakes Sachen zu berühren, und sei nicht so lebensmüde, dich auf sein Bett zu setzen“, stammelte er viel zu schnell, als dass ich etwas dagegen sagen konnte.
     Ich wusste, wie sehr Drake es hasste, wenn sich irgendwer auf sein Bett setzte. Aber bei mir war das immer okay gewesen. Immer! Und das hätte sich in den letzten Jahren sich nicht geändert. Genauso wusste ich Dinge über ihn, die eine seiner willkürlich gewählten Freundinnen – ja, auch über die wusste ich Bescheid... - nie erfahren würde.
     Dass er, wenn es nachts zu warm wurde, seine Bettdecke bis zum Fußende hinunter strampelte. Dass er außer Mocha Cola, Ginger Ale und Rootbeer keine Sodas mochte. Dass er Bananen allen anderen Obstsorten vorzog und beinahe nichts anderes aß. Dass er am liebsten Orangensaft trank. Oder, dass er selbst in der größten Gluthitze an einem sonnigen Tag niemals ohne langärmliges Shirt das Haus verlassen würde, weil er der Meinung war seine Sommersprossen würden bei den Mädchen nicht gut ankommen.
     Ich sprang vom Bett und lachte leise.
     „Josh. Josh. Halt doch mal den Mund, Mensch!“ Ich nahm ihm die Gitarre wieder ab. „Es ist Alles okay. Ich bin keine von Drake Bekanntschaften, kapiert? Ich bin's, Micayla. Du weißt schon, Drakes einzige weibliche Nur-Freundin.“ Ich grinste und setzte mich wieder an meinen Platz.
     Josh begriff sofort und lächelte sein freundliches Lächeln, dass zwischen den nicht mehr so pausbäckigen Wangen richtig hübsch war. „Ach so. Ich dachte, du wohnst in Los Angeles oder so.“ Er setzte sich auf sein Bett und sah mich an.
     „Hab ich auch. Aber nun bin ich wieder da.“
     Drake kam endlich mit unserem Ginger Ale und stellte meines auf den Nachtisch. Dann lauschte er schweigend wie ich weiter spielte und schien nicht schlecht zu staunen über die Tatsache, dass ich jetzt bestimmt ebenso gut wie er Gitarre spielen konnte. Aber ich hatte in LA viel Freizeit gehabt und mir ein Hobby gesucht. Als ich fertig war reichte ich ihm seine geliebtes Instrument und nahm einen Schluck von meinem Ginger.
     „Du spielst Gitarre?“, stellte er fest.
     „Ja. Es hat sich einiges getan in den letzten Jahren.“
     „Offensichtlich. Was kannst du sonst so?“
     „Ich weiß nicht. Die meisten Jungs sagen, ich kann gut küssen.“
     „Starke Behauptung. Ich ich bin besser.“
     „Das riecht ganz schrecklich nach einer Wette.“
     Ich lächelte, kletterte wieder vom Bett und stellte mich vor ihn. Ich spürte Josh' verständnislosen Blick auf uns ruhen. Und ich hörte seine Zähne knirschen als mir Drake ein schiefes schelmisches Lächeln zuwarf, dass die anderen Mädchen sicher dazu brachte durchzudrehen. Aber ich hatte das auch drauf. Und nach einer Weile in der ich vor ihm stand, näherten wir uns langsam.
     Aber Josh funkte dazwischen!
     „Wartet mal. Auszeit!“ Wir sahen ihn gleichermaßen verwirrt an. „Ihr... ihr ward... seid beste Freunde... gewesen. Ach, was soll's. Und jetzt wollt ihr euch küssen, lediglich um festzustellen, ob der andere gut küsst oder nicht?“
     „Das trifft es“, sagte ich leichthin.
     „Was?!“ Josh hob fragend die Arme. „Man küsst doch nicht seine Freunde. Ich wiederhole: Freunde! F-R-E-U-N-D-E!!!“ Er sah beinahe wütend aus, als wir einen kurzen Blick tauschten und den Kopf schüttelten. Ich klopfte Drake auf die Schulter und wandte mich dann an Josh.
     „Wir werden auch hinter her noch... Freunde sein, okay? Ich will nur wissen, ob er ein Angeber ist, übertreibt oder einfach richtig liegt. Und ich schätze mal, bei Drake ist es das Gleiche.“ Ich warf einen Blick zu dem Kleineren der Beiden, der nur nickte.
     „Ja, aber du kennst Drake nicht, wie ich ihn kenne. Er macht das doch nur, um noch ein Mädchen zu küssen. Und nicht, um irgendwas zu beweisen. Danach lässt er dich wieder linksliegen und sucht sich das nächste. Ich... O Mann!“
     „Josh“, meldete sich jetzt Drake. „Du hast ja Recht. Aber Cayla und ich kennen uns seit wir so“ - er zeigte eine geringere Höhe an - „groß sind. Ich werd sie bestimmt nicht nur wieder küssen wollen, damit ich ein weiteres Mädchen abhaken kann. Ich mag sie doch... Da würde ich so was nicht machen.“ Er sah mich verständnisvoll an und seufzte.
     „Versprochen?“
     „Versprochen.“
     „Also gut. Dann... ähm. Viel Spaß.“
     Ich lachte leise und drehte mich wieder zu Drake. Seine schokoladenbraunen Augen waren auf mich gerichtet und ein durchdringender Blick ließ mich etwas schneller atmen. Er wusste jedenfalls wie er ein Mädchen dazu brachte, ihn überhaupt zu bemerken. Ob er nun ein guter Küsser war, würde ich gleich feststellen können.
     Diesmal näherten wir uns etwas schneller – vermutlich einfach um nicht wieder unterbrochen zu werden. Dann pressten wir unsere Lippen gegeneinander und ich spürte wie Drake sein Hand an meine Taille legte und mich näher an sich zog. Automatisch legte meine Hand in seinen Nacken und schloss die Augen. In mir breitete sich ein seltsames, aber angenehmes, Kribbeln aus. Naja. Und etwa zwanzig Sekunden später – mit durchgehendem Lippenkontakt versteht sich – wurden meine Knie langsam weich und ich hatte Mühe, nicht schlicht ein zu knicken. Drake schien das irgendwie zu merken und stützte mich ein bisschen.
     Und nach einem anderthalbminütigen Kuss al a Drake ließen wir voneinander ab und ich spürte die leichte Benommenheit in meinem Kopf. Ich wusste, dass man mir das wahrscheinlich ansah und setzte mich zurück aufs Bett, um mir ein wenig das Gefühl wieder abzugewöhnen. Und da war ich mir sicher, dass Drake ein brillanter Küsser war.
     „Beeindruckt?“, erkundigte er sich ziemlich selbstgefällig.
     „Also gut. Ich geb es ja zu!“ Ich lächelte. „Hast du gut gemacht.“
     „Naja. Gleichfalls.“
     „Danke. Wo wir das jetzt geklärt hätten, ähm. Steht im Premiere immer noch der Airhockey-Kicker?“
     „Ja“, meldete sich Josh und sah mich, immer noch etwas verwirrt, an.
     „Lass uns eine Runde spielen.“
     „Ich schlag dich sowieso“, bemerkte Drake trocken und wandte sich zum gehen. Ich schlug ihm  sanft, aber durchaus etwas schmerzhaft, auf die Schulter und zwang ihn so, sein übermäßiges Grinsen zu unterlassen. Das konnte ich an ihm manchmal nicht leiden. Wie konnte man so eingebildet sein... Gut, er hatte sicherlich Grund dazu. Trotzdem war das ziemlich überflüssig.
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