Er wollte nur helfen

GeschichteAbenteuer / P18
31.08.2010
31.08.2010
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Verzweifelt versuchte Liam seinen Freund bei Bewusstsein zu halten. Nachdem ihm eine Kugel den linken Oberschenkel zerrissen hat, hatte er viel Blut verloren. Das war ihm auch anzusehen. Seine Lippen wurden bereits blau und auch sein Gesicht war bleicher als sonst schon.
„Ghost, du musst wach bleiben! Wir werden hier gleich rausgeholt. Verdammt bleib wach.“, mit diesen Worten grub Liam seine Hände weiter in Neels Oberschenkel um die Blutung zu stoppen.
„SANI!!! SANIII!!! Tu mir das nicht an! Lass mich nicht alleine, hörst du? Du wirst das schaffen. Du musst nur wach bleiben!“
Mit blutunterlaufenen Augen schaute Neel in Liams Gesicht. „Ich bin so müde.“, sagte Neel schon mehr hauchend statt flüsternd.
„Nein, du darfst nicht einschlafen. SANI!“
Wieder hagelten Projektile auf den Jeep ein, hinter dem sie Deckung gesucht hatten. Eine erneute Detonation zerriss die Luft und wirbelte Unmengen von Sand und Gesteinsbrocken durch die Gegend. Prasselnd regnete der Dreck auf die Soldaten nieder.
Ein Soldat mit weißer Binde und rotem Kreuz, am Arm rannte über eine Düne zu ihnen, den steten Kugelhagel ignorierend sank er auf die Knie und fragte: „Wer ist der Verletzte und wie schwer?“
„Private Neel Pepperman. Schusswunde am linken Oberschenkel, sehr hoher Blutverlust.“
„Ok, ich seh’s. Halten Sie das und drücken sie es fest drauf!“, sagte er und reichte Liam einen Stapel Kompressen. Aus Angst seinen Kammeraden weiter zu verletzen löste er den Druck auf den Oberschenkel nur sehr zögerlich.
„Machen Sie schon, oder wollen Sie, dass er stirbt?“, herrschte ihn der Sanitäter an.
Eilig griff Liam nach den Kompressen und drückte Sie auf das Bein. Innerhalb weniger Augenblicke saugten sich die Kompressen voll mit Blut und färbten sich rot.
„Scheiße, so wird das nie was. Wir müssen ihn hier rausholen. Ungefähr 200 Meter südlich unserer Position ist ein leeres Gebäude.“
„Und?“
„Nehmen Sie die Trage und helfen Sie mit Ihren Kammeraden draufzulegen!“
Mit vereinten Kräften legten die Soldaten den Verwundeten auf die Trage und rannten zurück über die Düne. Grade als Liam dachte, seinen Kammeraden retten zu können  zischte etwas an seinem Kopf vorbei. Wie in Zeitlupe sah er, wie eine Kugel den Sanitäter in den Hinterkopf traf, der in einem rosa Nebel barst und dessen Inhalt großzügig vor ihm verteilt wurde. Der Feldarzt, oder zumindest das, was von ihm noch übrig war, geriet ins Taumeln und viel vornüber in den Sand und die Trage entglitt seinen Händen. Die Griffe bohrten sich in den Sand, bis sie auf irgendwas Hartes trafen und sich verkeilten. Liam stand noch zu sehr unter Schock um reagieren zu können. Der Ruck kam völlig überraschend. Liam ließ die Griffe los. Doch statt grade zu Boden zu fallen kam die rechte Hälfte der Liege schneller auf dem Boden an, als die andere. Ohne noch den Lauf bremsen zu können rannte Liam in den linken Griff, der sich unter lautem Knacken in seine Schulter fraß.
Schreiend sank er auf die Knie. Schmerzen durchzuckten seinen ganzen Leib, als er versuchte sich die Trage wieder aus der Schulter zu ziehen. Tränen schossen ihm in die Augen und er betete, dass die Schmerzen doch endlich aufhören sollen.
Eine Stimme, die ständig durch statisches Rauschen unterbrochen wurde sagte: „An alle Einheiten der 107.Infanterie: sofortiger Rückzug! Ich wiederhole: Sofortiger Rückzug! Ziehen sie sich zurück!!!“
Liam war zu benommen um zu verstehen, was man da von ihm wollte. Also zog er weiter an der Trage. Mit einem hässlich, reißendem Geräusch löste sich das Gummi vom Fleisch und aus den Überresten des Schultergelenks. Ein Schwall aus Blut ergoss sich über die Uniform und die Hände Liams. Er fing an zu schwanken, durch Schmerz überwältigt. Langsam wurde ihm schwarz vor Augen. Mit letzter Kraft versuchte er bei Bewusstsein zu bleiben. Die Gruppe aus Soldaten, die sich ihm näherten, nahm er nur noch schemenhaft wahr.
Eine Waffe wurde auf ihn gerichtet und der Soldat sagte was zu einem der anderen aus der Gruppe. Gedämpft drangen die Stimmen seiner Feinde in seinen Verstand vor. Doch er verstand sie nicht. Wieder sagte der Soldat etwas und deutete dabei mit dem Kopf auf seinen Freund Neel Pepperman. Ein anderer salutierte kurz und legte auf Neel an. Liam versuchte noch etwas zu sagen, um ihn aufzuhalten, doch seine Stimme versagte ihm den Dienst. Ein Knall ertönte und Neels Körper zuckte noch ein letztes Mal, als das Projektil seinen Helm und die Stirn durchschlug.
Wieder sprach der Soldat, doch nun scheinbar mit Liam selbst. Der Lauf, der auf Liam gerichtet war, wurde zu Boden gesenkt. Doch er nahm das nicht wahr. Zu tief saß der Schmerz des Verlustes. Neel war sein bester und wohl auch längster Freund. Immerhin waren sie schon seit ihrer Schulzeit befreundet. Damals ahnte keiner von ihnen, dass ihr Leben einen solchen Einschnitt erleben würde.
Liam wollte weinen, er wollte schreien. Denjenigen töten, der seinen Freund getötet hat. Aber er war zu ausgedörrt und geschwächt als, dass er hätte noch irgendetwas tun können.
Jemand machte sich an seinem Arm zu schaffen. Doch es war ihm egal. Nicht einmal die physischen Schmerzen konnten die Qual des Todes Neels überdecken.
Sein Kopf wurde hochgerissen und mit Wasser überschüttet. Liam blinzelte um das Wasser aus den Augen zu bekommen. Ein Paar eiskalte, blaue Augen, die wohl schon viel Leid und Elend gesehen haben, blickten ihn an. Der Soldat sagte etwas zu dem, der seinen Arm versorgte. Die Antwort kam nur zögerlich. Der Soldat mit den blauen Augen lächelte. Dann traf ihn ein Kolben am Kopf. Liam sank ohnmächtig zu Boden.

Als er wieder erwachte hatte Liam Kopfschmerzen und seine linke Schulter brannte wie Feuer. Doch sehr zu seinem Erstaunen lag er nicht mehr in der Wüste. Und auch seine Schulter und sein Arm schienen medizinisch versorgt worden zu sein. Als er die erste Verwunderung überwunden hatte, stellte er fest, dass er sich in einem kleinen Raum befand. Das einzige Licht kam von einer flackernden Lampe an der Decke. Boden und Wände bestanden aus blankem Beton. Die Einrichtung setzte sich nur aus einem Brett, das an die Wand geschraubt wurde und einem Eimer zusammen.
Jetzt erst wurde ihm bewusst, wo er war. Nicht viel besser als die Wüste, aber er war immer noch am Leben und das trotz seiner Verletzung. Es grenzte an ein Wunder und ließ ihn hoffen. Doch die kommenden Ereignisse sollten ihn bald eines Besseren belehren…
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