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Das Gold des alten Mannes

von Jadda
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Chris Larabee Vin Tanner
23.08.2010
02.09.2010
7
9.145
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23.08.2010 2.382
 
Mary stand am Ufer des kleinen blaugrünen Sees. Der Dunst lag noch über dem Wasser und sie dachte an Billys Vater. Er hatte ihr an einem solchen See einen Heiratsantrag gemacht. Ihre Erinnerungen an ihn begannen immer mehr zu verblassen und das erschreckte sie.

„Etwas Kaffee?“ Erschrocken drehte sie sich zu dem Mann um, der sie von der ersten Sekunde an fasziniert hatte. Chris Larrabee war ein charismatischer Mann mit wunderbaren Augen. Oft fühlte sie sich zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem toten Ehemann und dem Prickeln, dass Chris in ihr auslöste. Doch sie kam nicht an ihn heran, immer blockte er sie ab. Auch Larrabee hatte jemanden verloren und dieser Verlust fraß ihn innerlich auf. Nur wenn er mit Billy zusammen war, kam seine warmherzige Seite zum Vorschein.

„Gerne!“ Sie zog ihren Schal enger um die Schultern. Noch lag der Rest der Nachtkälte in der Luft, aber bald würde die Sonne an Kraft gewinnen und schon in wenigen Stunden würde die Luft vor Hitze flirren. Sie nahm den dampfenden Becher entgegen und lächelte. „Danke Chris!“

„Wir sollten bald aufbrechen.“ Chris nahm seine eigene Tasse an die Lippen. Sie waren seit drei Tagen mit Vin Tanner und ihrem Sohn Billy unterwegs und hatten in Fort Downing den Nachlass ihres ehemaligen Schwiegervaters geregelt. Der alte Mann hatte seinem Enkel hier oben in den Bergen eine alte Mine hinterlassen, die sie gestern erkundet hatten. Doch auf den ersten Blick hatten sie und die Männer keine Werte im brüchigen Stollen entdeckt. Sie hatten einige Proben eingesammelt um sie untersuchen zu lassen und wollten sich heute auf den Heimweg nach Four Corners machen.

„Ja. Brechen wir auf. Diese Gegend ist einfach zu trostlos.“

„Das täuscht, laut Vin gibt es hier in der Nähe ein verstecktes Indianerdorf. Weiter oben in den Bergen leben einige Trapper und einen Tagesritt in diese Richtung liegt zwar die Wüste, aber direkt dahinter befindet sich eine große Ranch.“ Für Chris Larabee ein regelrechter Wortschwall. Sie sah ihn verwundert an und er sah irritiert zurück. „Was?

„Nichts, Chris. Gehen wir lieber zum Lager zurück. Billy wird Vin sicher schon nerven mit seiner ständigen Fragerei.“

Der kleine Mann war über alle Maßen neugierig und fragte jedem in seiner Umgebung Löcher in den Bauch. J.D. oder Ezra hätten damit kein Problem, aber Vin und Chris gehörten einfach eher zur wortkargen Sorte Mensch. Sie sah sich noch einmal in dieser Einsamkeit um, in der ihr Schwiegervater vor Jahrzehnten nach Gold geschürft hatte. Wie musste es sein ganz allein in dieser Einöde? Sie konnte sich glücklich schätzen zwei so umsichtig Männer dabei zu haben, die sie und ihren Sohn beschützten. Sie fühlte sich sicher.

***

Vin Tanner saß müde auf einem Baumstumpf. Er hatte die halbe Nacht Wache gehalten und sie würden noch einen weiten Ritt vor sich haben. Mindestens zwei Tage brauchten sie bis Four Corners. In der Stadt war es die letzten Wochen sehr ruhig gewesen und Vin hatte die Gelegenheit für einen Ausritt gerne angenommen.

Marys Schwiegervater hatte nach dem Tod seines Sohnes keinen Kontakt mit ihr gehabt und war einsam gestorben. Er hatte sich wohl aus dem Ertrag der Mine einen Laden gekauft und gut verdient. Billy und Mary hatten damit ausgesorgt. Ein Makler würde für sie das Geschäft veräußern.  

„Vin! Was ist das?“ Billy rannte aufgeregt auf ihn zu und hielt ihm seine kleinen Hände entgegen. Vin erwartete ein weiteres kleines Insekt, doch was er dieses Mal in den Händen des Jungens sah verblüffte ihn. Ein Stein auf den ersten Blick, aber sah man genauer hin, erkannte man einen metallischen Glanz. „Wo hast du das her?“

„Dahinten bei den Felsen, wo die Pferde stehen.“ Billy war ganz aufgeregt. „Ist das Gold?“

Vin drehte den Stein in seiner rechten Hand. Spuren von Gold, aber mühsam freizulegen. „Ich glaube schon Billy, aber nicht viel. Vermutlich Schürfreste von deinem Grandpa.“

„Wenn ich groß bin werde ich auch Goldgräber wie er!“

„Ich dachte du wolltest Sheriff werden?“ Vin lachte als er das nachdenkliche Gesicht des kleinen Kerls beobachtete. „Ich schürfe erst nach Gold und werde der reichste Sheriff des Westens.“

„Große Pläne kleiner Mann!“ Doch Billy rannte bereits wieder zu den Pferden zurück um seine erste Goldader auszubuddeln. Vin streckte seine Beine. Es wurde Zeit das Chris und Mary wieder kamen, die Sonne stieg bereits höher.

Etwas irritierte ihn. Was? Die Pferde. Sie waren unruhig. Zu unruhig. Irgendetwas schien ihnen Angst zu machen. Chris` Pferd wieherte aufgeregt und zerrte an seiner Halterung.
Auch die anderen Pferde, alle schon für den Ritt fertig gepackt, begannen nun wild zu tänzeln, die erschrockenen Augen weit aufgerissen.

„Billy! Komm hierher! Sofort!“ Der Junge stand direkt hinter den nervösen Tieren und wenn eines von ihnen stieg konnte er verletzt werden. Doch Billy war viel zu sehr in seine Suche vertieft, als das er merkte, was um ihn herum vorging. Vin sprang auf und rannte los. Was hatte die Pferde nur so erschreckt?

„Billy!“ Er schob die aufgeschreckten Tiere zur Seite und näherte sich dem Jungen von hinten. Seine Instinkte warnten, er wusste nur nicht wovor. Doch dann hörte er das leise Rasseln. Er sah wie Billy auf der Suche nach seinem Gold einen Stein zur Seite rollte und eine angriffslustige Klapperschlange freilegte. Die Pferde hinter Vin wieherten aufgeregt und Vin handelte schnell. Er musste soviel Distanz zwischen dem Jungen und der Schlange bringe, wie es ging.

Er griff von hinten Billy und riß ihn von der Schlange weg in dem er sich um die eigene Achse drehte und zwischen die Pferde sprang. Den Jungen presste er an sich und schütze ihn vor den wirbelnden Hufen mit seinem Körper. Er spürte wie die Pferde sich aufbäumten und dann spürte er den Schlag und alles wurde schwarz um ihn.

***

Chris half Mary über einen Felsen hinweg. „Danke!“

Chris wollte eigentlich gar nicht so schnell zurück, er genoß die stille Gemeinsamkeit mit Mary und die Einsamkeit hier draußen. Sie waren fast am Lager als er plötzlich wildes Hufgetrappel hörte. Die Pferde! Im gleichen Moment musste er Mary zurückreißen, als ihre Pferde an ihnen vorbei aus dem Tal stürmten. Entsetzt sah Mary den Pferden hinterher. Ohne sie würden sie hier festsitzen.

„Chris. Was hat das zu bedeuten? Können wir sie wieder einfangen?“

Zu viele Fragen und eine weitere, die ihn viel mehr beschäftigte. „Mich würde eher interessieren, was sie so aufgeschreckt hat.“

„Oh Gott! Billy!“ Sie rannte los in Richtung Lager und Chris überholte sie kurz davor. „Warten sie Mary!“

Chris sah sich um und bei den Felsen, wo zuvor die Pferde angebunden gewesen waren sah er Vin Tanner am Boden liegen. Billy lag halb unter ihm und weinte bitterlich. „Kommen Sie Mary.“

„Billy!“ Sie hockte sich neben die beiden und zog den weinenden Jungen hervor. Vin blieb leblos liegen und Chris drehte ihn vorsichtig herum. An seiner Stirn hatte er eine klaffende Platzwunde, vermutlich von den Hufen der Tiere. Er fühlte seinen Puls und war erleichtert das leise Pulsieren unter seinen Fingern zu spüren. „Er lebt!“

Mary drückte noch immer den Jungen an sich, der sich gar nicht beruhigen wollte. „Chris. Was ist hier passiert?“

„Ich weiß nicht.“ Er stützte Vin. „Mary, ich brauche etwas zum Verbinden.“

Mary schien sich wieder zu fangen. Sie griff zu ihrem Unterrock und riss ein Stück davon ab und reichte es ihm. Sie erschrak, als Chris plötzlich die Waffe zog und ihre Hand ergriff. „Nicht bewegen Mary.“ Dann ging alles ganz schnell. Die Schlange bäumte sich hinter Mary auf und rasselte bedrohlich und mit einer Bewegung riss er Mary zur Seite und feuerte.

„Aaaahhh!“ Atemlos blieb Mary, ihren Sohn noch immer an sich gedrückt sitzen und starrte auf den schlaffen Körper der Klapperschlange. „Großer Gott.“

„Das wird die Pferde verschreckt haben.“ Chris steckte die Waffe wieder ein und wandte sich Vin zu, der langsam wieder zu sich kam. Er nahm den Stoffstreifen von Mary und versuchte die Blutung stillen. „Ganz ruhig Vin, alles in Ordnung. Dem Jungen geht es gut und dich kriegen wir auch wieder hin.“

„Chris… die Schlange… musste den Jungen schützen…“ Vin stöhnte und wand sich in seinen Armen, schien aber immer mehr das Bewusstsein wiederzuerlangen.

„Ist in Ordnung Vin. Es geht ihm gut. Ich hab die Schlange erwischt.“ Vin schlug die Augen auf und sah ihn aus verwirrten Augen an.

„... und sie mich.“  Vin deutete zu seinem Bein. „Ich glaube sie hat mich erwischt.“

Verflucht. Chris beugte sich vor und riss das Hosenbein hoch. Knapp oberhalb des Knöchels zeichneten sich zwei Löcher einer Bisswunde ab. Darum bildete sich bereits eine Rötung. Sie würden schnell handeln müssen. Er zog sein Messer und sah Vin an.

„Tu es!“ Vin Tanner wusste was zu tun ist und würde es aushalten.

„Mary. Sie müssen mir helfen. Halten sie das Messer ins Feuer. Wir müssen uns beeilen.“

Sie setzte Billy neben sich ab, der mit verweinten Augen beobachtete, wie Chris das Hosenbein weiter aufriss und sein Halstuch nutzte um Vins Bein unterhalb des Knies abzubinden. Mary kam mit der heißen Klinge zurück und reichte sie ihm. „Bitte halten sie ihn fest, Mary.“ Er blickte noch einmal zu seinem Freund, der nach einem kleinen Stock griff und ihn sich zwischen die Zähne schob. „Tu es!“

***

Mary zuckte zusammen, als Chris in die Bisswunde schnitt. Zwei tiefe glatte Schnitte. Dann beugte er sich herab und begann das Gift auszusaugen und auszuspucken. Immer wieder und wieder. Vin stöhnte leise, rührte sich aber kaum. Die Prozedur schien endlos anzudauern bis Chris seine kleine Whiskeyflasche hervorzog und die brennende Flüssigkeit über die Wunde laufen lies. Jetzt bäumte der Fährtensucher sich auf und stöhnte. „Alles klar Vin, alles in Ordnung. Ist schon vorbei. Hörst du?“

Chris spülte sich mit dem Whiskey den Mund aus und steckte das Messer weg. „Wir müssen die Wunde verbinden.“ Mary nickte und riss weitere Streifen ihres Unterrocks ab. Sie legte ihm einen Verband über die Wunde, während Chris an einem Baumstumpf vor dem Eingang zur Mine eine Decke ausrollte. Das meiste ihrer Ausrüstung hatte sich bereits auf den Pferden befunden, sie würden mit dem auskommen was ihnen blieb. „Wir müssen ihn aufrecht lagern, damit das Gift nicht den Körper hinauf wandern kann. Helfen sie mir.“

Vin biss sich auf die Lippen, als sie ihn herübertrugen. „Danke! Ich…“

„Schhht. Ruh dich aus.“ Vin lies sich erschöpft zurücksinken und schloss die Augen. Chris nickte ihr zu und gemeinsam standen sie auf und gingen ein paar Schritte zur Seite. „Wird er es schaffen?“

„Schwer zu sagen. Das Gift wird seinen Körper vergiften, wenn er stark genug ist wird er das überstehen.“ Chris sah sich um. „Wir brauchen die Pferde zurück. Reiten kann er nicht, aber wir könnten eine Bahre bauen.“

„Ich würde mich auch wohler fühlen, wenn Nathan sich um ihn kümmert.“

„Viel würde er auch nicht machen können. Aber die Pferde brauchen wir in jedem Fall.“

Mary sah sich nach ihrem Sohn um, der seit der ganzen Sache still auf der Seite gesessen hat. Nun sah sie auch die Tränen in seinen Augen. „Ach Billy…“ Sie ging zu ihm herüber und nahm ihn in den Arm. Es war als würde ein Damm brechen, denn der Junge schluchzte laut auf und lies seinen Tränen freien Lauf. „Ist gut Billy. Ist doch gut.“

„Nein. Das ist meine Schuld!“ Billy schluchzte erneut.

„Aber warum denn? Billy, das stimmt doch nicht.“ Sie drückte ihren Sohn eng an sich.

„Doch. Ich habe bei den Felsen nach Gold gesucht und die Schlange gestört. Vin hat mich weggerissen und dabei ist er verletzt worden. Und das die Pferde weg sind ist auch meine Schuld.“

„Hör zu Billy!“ Mary sah sich überrascht zu dem hageren Mann hinter sich um. Chris Larrabee hatte einen guten Draht zu Billy. Vermutlich weil sein Sohn in einem ähnlichen Alter gewesen war. „Das ist nicht deine Schuld! Die Schlange hätte die Pferde in jedem Fall nervös gemacht und wenn überhaupt bin ich Schuld, weil ich die Pferde nicht gut genug fest gemacht habe.“

„Wirklich?“ Der Junge sah ihn misstrauisch an und nickte dann. Sein Blick wanderte zum Verletzten. „Wird Vin sterben?“

Mary musste schlucken. Ein Junge in Billys Alter sollte nicht mit dem Tod konfrontiert werden, doch er hatte sogar mit ansehen müssen, wie sein Dad erschossen worden war. Wieder war es Chris, der die richtigen Worte fand.

„Ein Schlangenbiss ist sehr gefährlich. Wir werden uns gut um ihn kümmern.“ Er hob den Jungen hoch. „Ich werde jetzt versuchen unsere Pferde zu finden und du passt auf Vin und deine Mutter auf. Würdest du das für mich tun?“

Ein leichtes Nicken ihres Sohnes erfüllte sie mit Stolz. Sie nickte Chris dankend zu, der wieder zu Vin zurückging.

***

„Hey. Wie fühlst du dich?“ Vin öffnete die Augen.

„Noch ganz gut, bis auf die höllischen Kopfschmerzen.“ Er nahm die Hand an den blutigen Verband. „Das Bein brennt wie Feuer.“

„Ich muss es neu abbinden.“ Er schob das Hosenbein hoch. Oberhalb der Bisswunde war das Bein stark geschwollen und bläulich angelaufen. Er lockerte das Tuch und schob es höher und zog den Knoten dann wieder fest zu. Sein Freund stöhnte schmerzerfüllt auf.

„Ich muss los.“ Chris legte Tanners Gewehr neben ihn. „Wird eine Weile dauern.“

Doch Vin schien die letzten Worte schon nicht mehr gehört zu haben, denn Augen hatten sich wieder geschlossen. Kalter Schweiß schien sich auf seiner Stirn zu bilden, das Gift breitete sich langsam in ihm aus.

Chris erhob sich und trat zu Mary. „Sie müssen ihn viel trinken lassen und regelmäßig neu abbinden. Ich werde vor Einbruch der Nacht zurück sein.“

Eine Stunde später hatte er den Talausgang erreicht und wandte sich gen Osten. Die Spuren der Pferde trennten sich hier und er überlegte einen Moment welcher er folgen sollte. Die Sonne brannte bereits vom Himmel und er hatte kein gutes Gefühl dabei Mary, Vin und Billy so schutzlos zurückzulassen.

Er machte sich Sorgen um den Kopfgeldjäger, mehr als er sich eigentlich eingestehen wollte. Doch sie arbeiteten jetzt schon so lange zusammen und verstanden sich gut. Er vermied Bindungen. Doch in den letzten Monaten hatte sich seine Einstellung dazu geändert. Daran war Mary nicht ganz unschuldig. Er schüttelte die Gedanken ab und wandte sich nach links in ein weiteres Tal. Eines der Tiere schien dorthin gelaufen zu sein und im Tal konnte es nicht weg. Seine beste Chance und hatte er erst mal ein Pferd, wäre es leichter die anderen zu finden.

Er sah nicht die Reiter, die sich im Osten näherten
 
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