Die Hülle

GeschichteThriller / P18
17.08.2010
17.04.2013
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47
Dieses Kapitel
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Die Userin MissFoxtv war so lieb, mir ein Cover für diese Geschichte zu basteln. Danke dafür!

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"Oh Mann, ich zerfliesse", ächzte Rowenna, als sie vor dem Waldfreibad ihr Fahrrad neben das ihrer besten Freundin Celine in den Ständer zwängte und es dann abschloss. "Was für eine krasse Hitze! Ich kann`s kaum abwarten, endlich ins Wasser zu kommen."

"Wem sagst du das", meinte Celine zustimmend und schwang ihre fliederfarbene Badetasche über die rechte Schulter. Die Tasche war so vollgestopft mit Handtüchern, Sonnencremetuben und Getränken, dass der Riemen unangenehm in die Haut der Sechzehnjährigen einschnitt.

"Jetzt müssen wir uns auch noch da anstellen", murrte Rowenna mit einem bösen Blick auf die lange Schlange vor dem Kassenhäuschen. "Bestimmt sind die anderen schon ewig drin und haben Spass. Was für eine Gemeinheit aber auch! Nur weil Französisch ausgefallen ist, hatten die nach der vierten Stunde frei, und wir durften bis zwei Uhr in Latein schwitzen."

Celine kramte nach ihrem Portemonnai. "Ach, naja", wiegelte sie ab. "So toll ist das Waldfreibad nun auch wieder nicht", versuchte sie ihren eigenen Ärger zu kaschieren. "Wusstest du, dass statistisch gesehen jeder fünfte Badegast ins Wasser pinkelt? Bei den Menschenmassen, die heute hier sind, bedeutet das..."

"Igitt, pfui! Du elende Spassbremse!" schalt Rowenna die Freundin mit angeekeltem Gesichtsausdruck. "Ich will gar nicht wissen, was das bedeutet! Und ich würde an deiner Stelle gleich nicht nochmal mit so einem Thema anfangen. Ich glaube nämlich kaum, dass du so bei Alexis punkten kannst!" Listig beäugte sie Celine, welche hektisch rote Flecken im Gesicht bekam.

"Alexis ist da?" vergewisserte sie sich, während eine gewisse Panik, vermengt mit Freude, in ihr aufkeimte.

"Oh ja", bestätigte Rowenna zufrieden. "Das ist heute also deine Chance. Vermassel es nicht, ok? Ansonsten wird Lea ihn dir mit tausendprozentiger Sicherheit wegschnappen."

Celines Mut sank. "Wie soll ich denn bitte gegen Lea ankommen?" klagte sie verdrossen.

Rowenna schnaubte geringschätzig. "Was hat Lea schon zu bieten, ausser dicken Titten? Du brauchst eindeutig mehr Selbstbewusstsein", tadelte sie. "Sei einfach nett und lustig. Eben ganz du selbst."

Du hast gut reden, dachte Celine wehmütig. Rowenna schien mit einem riesigen Ego geboren worden zu sein, und die Herzen flogen ihr nur so zu. Dabei hatte sie einen zu großen Mund, viele Sommersprossen und war eindeutig zu mager. Objektiv betrachtet war Celine auf jeden Fall die Hübschere von beiden, doch Rowennas Ausstrahlung und ihre lebendige, aufgeschlossene Persönlichkeit wirkten unwiderstehlich auf Vertreter des anderen Geschlechts, so dass die ruhigere, schüchterne Celine oft nicht recht wahrgenommen wurde.

Inzwischen hatten die beiden Teenager das Kassenhäuschen erreicht. Celine strich ihre dicken, schulterlangen blonden Haare hinter die Ohren und schob drei Euro zu der Kassiererin hinüber.

Das Freibad quoll vor Besuchern beinahe über, und es war eine Herausforderung, überhaupt einen freien Liegeplatz zu finden.

"Wie sollen wir hier denn die anderen finden?" stöhnte Celine. "Da kann man ja gleich eine Stecknadel im Heuhaufen suchen!"

"Mareike hat mir vorhin geschrieben, dass sie am Volleyballfeld liegen", erklärte Rowenna und wedelte mit ihrem Handy, ehe sie, Slalom um unzählige Handtücher laufend, auf den Volleyballplatz zusteuerte.

Tatsächlich hatten ihre Freunde dort einen Platz im Schatten eines Baumes ergattern können. Erleichtert ließen die zwei Mädchen sich nieder.

"Auch schon da? Besser spät als nie, was?" frotzelte Mareike, auf deren Schultern es bereits einen beachtlichen Sonnenbrand zu bestaunen gab.

"Du blöde Kuh", witzelte Rowenna und stürzte sich auf die kreischende Freundin.

Celine setzte sich vorsichtig auf ihr mit bunten Blumen bedrucktes Strandlaken und streifte ihr Top sowie die kurze Hose ab. Sie trug den roten Bikini mit den weißen Sternen, welchen sie vor einigen Tagen im Schlussverkauf erstanden hatte. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie verstohlen Alexis, doch dessen Blick ruhte leider nicht auf ihr, sondern versank regelrecht in Leas eindrucksvollem Dekollete.

"Einen knapperen Bikini hat sie nicht finden können, die Schlampe", zischte Rowenna verächtlich. "Wahrscheinlich extra zu klein gekauft." Leas pinkfarbener Triangel- Bikini bedeckte nur das Allernötigste und ließ sogar den oberen Rand ihrer Brustwarzen sehen.

"Mag ja sein, aber wie es aussieht, steht Alexis darauf", erwiderte Celine unglücklich.

"Klar guckt er hin. Er ist ein Kerl. Aber ne Beziehung mit so einer? Im Leben nicht", lästerte Rowenna weiter. "Kommt, lasst uns in Wasser gehen", sagte sie laut.

"Schon wieder? Wir waren eben erst drin, und gerade hab ich mich neu eingecremt..." nörgelte Lea, während Alexis sich schon erhoben hatte.

"Du musst ja nicht mit. Zwingt dich schliesslich keiner", meinte Mareike spitz.

Kurz darauf warfen sie sich johlend in das Wasser des Badesees. Nach einer Wasserschlacht mit viel Gekreische und Gespritze schlugen die Jungs vor, zum Sprungturm hinüberzuschwimmen.

Rowenna und Celine zogen es vor, sich an die schwimmende Absperrung zum Springerbereich zu hängen und die anderen beim Springen zu beobachten. Mareike tat es ihnen gleich.

"Er steht auf dich, ganz sicher", beteuerte Rowenna. "Ich seh doch, wie er dich anschaut."

"Mir ist nichts aufgefallen", entgegnete Celine fast trotzig. Ihre Augen folgten Alexis, der nun auf dem Fünfmeterturm stand und wenige Sekunden später per elegantem Kopfsprung ins Wasser tauchte.

Rowenna ging nicht darauf ein. "Diese Lea, das ist eine richtige Tussi", fuhr sie fort. "Sie hat sich gerade eingecremt", imitierte sie Lea mit künstlich hoher Stimme.

"Sie ist eine fürchterliche Zicke", pflichtete Mareike Rowenna bei.

Alexis, Roman und Jasper sprangen nun zu dritt und wurden vom Bademeister ermahnt, doch ließen sie sich davon nicht beeindrucken, sondern kletterten flugs wieder aus dem Becken, um die Leiter zum Zehnmeterturm zu erklimmen.

"Hey, da auf dem Siebeneinhalber steht Clemens!" rief Rowenna plötzlich hingerissen aus. Clemens war ihr aktueller Schwarm.

"Da sind auch die anderen aus der Zwölften", juchzte Mareike entzückt.

"Los, lasst uns rüberschwimmen", schlug Rowenna vor. Ihre braunen Augen funkelten unternehmungslustig, während sie schon dabei war, sich über die Absperrung zu schwingen.

"Durch das Springerbecken? Ich weiss nicht, das ist doch verboten", wandte Celine zaghaft ein.

"Wenn der Bademeister uns was zuruft, wird Clemens wenigstens aufmerksam", erklärte Rowenna und war schon zwei Schwimmzüge voraus. Mareike schloss sich ihr wortlos an. Celine zögerte nur für Sekundenbruchteile, dann tat sie es ihren Freundinnen gleich. Sie bemühte sich, Rowenna und Mareike einzuholen, doch schnelles Schwimmen war ihre Stärke nicht und als die beiden anderen Mädchen das Becken durchquert hatten, befand Celine sich noch immer in dessen Mitte. Ihr war mulmig zumute; der Bademeister hatte schon mehrfach in sein Megaphon gebrüllt, und um sie herum klatschten Körper schwer ins dunkle Wasser. Sie bekam einen Schwall Wasser ins Gesicht und zappelte desorientiert herum, machte blind hektische kurze Schwimmstöße in die Richtung, in welcher sie das Ufer vermutete.

Da krachte etwas, tonnenschwer, auf sie hernieder, presste ihr die Luft aus den Lungen und drückte sie unter die Wasseroberfläche. Celine sah rote und schwarze Sterne vor Augen, während sie unaufhaltsam versank. Sie konnte sich nicht rühren, ihr ganzer Körper war wie gelähmt. Als sie auf dem schlammigen Grund des Sees auftraf, klärte sich ihre Sicht ein letztes Mal, und sie sah weit, weit über sich Helligkeit. Doch für sie gab es nur noch Kälte und Finsternis. Dann gab es gar nichts mehr.
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