Elfenleben

von Heindal
GeschichteAbenteuer / P16
15.08.2010
02.02.2012
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Das Erwachen

Feine Risse zogen sich durch das graue Gestein der Höhle. Fast hätte man die Gestalt nicht erkannt, die sich inmitten der Höhle niedergelassen hatte.  Ausgemergelt und hager war ihr Alter schwer auszumachen. Grauer Staub hatte Kleidung, aber auch Haar und Haut bedeckt und fast schien es als ob man eine Statue mitten in dieser Höhle errichtet hatte. Sie saß im Schneidersitz und hatte die Hände offen auf die Oberschenkel gelegt. Ein seltsam unförmiger mit drei Strichen Stein hing an einer groben Schnur und ruhte in der Körpermitte.

Ab und an hob und senkte sich die Brust der Gestalt und man vermeinte ein kurzes Einatmen zu vernehmen.  Aufstehen? Wozu?  Die erste und einzige Frau die er wahrhaft geliebt hatte liebte war unerreichbar. Rache? An jenen die ihm und seinen Volk soviel angetan hatten?

Dies war ebenso kindisch wie albern. Nur die Marionetten waren übrig und sie waren schwach. Einst hatte er sich bemüht seine Vergangenheit zu verdrängen, doch die Dämonen hatten ihn eingeholt. Die Tjuredkirche strebte wie eine hungrige Spinne in einem Netz immer nach neuer Beute und der Fanatismus war schon längst der Gier gewichen.  So waren sie in die neue Welt gekommen. Fjordländer immerhin, aber dennoch im Glauben an Tjured und seine "Werte". Dort sah er sie, die Frau am Bug jenes Schiffes und eine alte Wehmut hatte ihn erfasst. Er hatte den Bogen gesenkt, mit dem Pfeil der auf ihr Herz gezielt hatte. Seine Mandriden sandte er in die Wälder zurück. Eine Schwäche, doch warum sollte er eine Fremde dafür bestrafen, was ihm seinerzeit widerfahren war?  Sie hatten sich kennen und lieben gelernt. Doch das Glück mit einer Menschenfrau war nur von kurzer Dauer. Doch ihre Liebe legte den Grundstein für eine neue Bewegung die die alte Welt für immer verändern würde. Die wahre Liebe seiner Geliebten aber war das Meer gewesen. Und diese Liebe hatte sie mit dem Leben bezahlt.

Er atmete schneller.

Plötzlich war dort ein Gefühl das er nicht zuordnen konnte. Angst unbeschreibliche Angst. Für einen kurzen Moment meinte man, den Stein an seiner Brust leuchten zu sehen. Jemand war in Schwierigkeiten. Jemand der ihm nahe Stand. Konnte es sein? Langsam öffneten sich seine Augen, wie viele Jahre waren vergangen?


Die Bruderschaft

Die schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, nahm er den Platz in der Mitte seiner Brüder ein.  Francois schmunzelte und war erleichtert, dass man ihm diese Mimik unter der Maske nicht ansah. Er erinnerte sich an alte Jugendsünden, die er mit einer Maske begangen hatte und irgendwann hatte er in seiner Studienzeit von einer Geheimorganisation erfahren. Nach endloser Speicherleckerei, einigen Versprechungen, Zusagen und Intrigen war er nun im inneren Kreis der Bruderschaft. Als Teil der höheren Verwaltung der Stadt Ancians, die er vermutlich ohne seine Verbindungen nie erhalten hätte, war er als jüngstes Mitglied der Bruderschaft ein viel versprechender Kandidat. Es war wie in jeder Gruppierung, je länger man mitspielte, desto höher war der Rang innerhalb der Gruppe.  Vorausgesetzt man erkannte und ergriff die Chancen die sich einem boten.

Der alte Mann ließ auf sich warten. Er wollte schon vor Langeweile mit dem Fuß aufstampfen, verkniff es sich jedoch im letzten Moment. Nicht negativ auffallen. Schon unauffällig, harmlos wirken. Wie ein in Seide gewickelter Dolch, unauffällig, harmlos, lauernd auf die Chance wartend.

Ihr Plan würde aufgehen. Der Anschlag wurde den Mandriden angelastet, die Attentäter waren entweder tot oder unauffindbar, was so ungefähr das gleiche bedeutete. Schlurfend trat ein alter Mann in die Mitte des Kreises. Er trat ohne Maske mitten in den Kreis, denn jeder kannte ihn. Der Gründer, der Urvater der Bruderschaft, trug eine schwarze Augenbinde, die beide Augen bedeckte. Er hatte Geschichten über die Verletzungen gehört die sich jenseits dieser Augenbinde befanden. Der Mann war blind, aber dennoch sehr gefährlich.

Seine Erscheinung indes mit den notdürftig gekämmten krausen Haar, der eher hageren Erscheinung und einer schlichten grauen Gewandung ließen ihn harmlos wirken. Seine Verbindungen innerhalb von Kirche und Heer sowie seine ihm loyal ergebenen Spione und Speichellecker, zu denen Francois sich ebenso zählte, verliehen diesem Mann eine Macht jenseits aller Vorstellungskraft.  Der Grund war augenscheinlich. Wenn er zu sprechen anfing hörten die Menschen zu. Alle! Jeder! Selbst ein zu Tode verurteilter Mandride würde von diesem Mann zum wahren Glauben bekehrt werden.

Es war nicht nur wie er Dinge aussprach oder wie er sich ausdrückte, sondern vielmehr was er sagte. Er hatte Ihnen im Geheimen, Wissen über geheime Kulte und die Historie des Tjuredkonvents offenbart, die manche Schriftgelehrte und Historiker nicht einmal erahnten. So über den alten Anführer der Kirche Therdavan, Details über Bruder Jules oder den weißen Ritter. Bücher hätte man mit diesem Wissen füllen können, doch der alte Fuchs wusste wie man die Menschen bei der Stange hielt. Meinte man alles gehört zu haben, gab er die nächste ungeheuerliche Information preis. Es würde schwer werden den alten Mann zu beseitigen ... aber vielleicht musste er das gar nicht.

Es gibt schlechte Nachrichten ... einer unserer Mitarbeiter hat sich nicht so verhalten wie es wünschenswert wäre. Bruder, er nickte in seine Richtung. Findet diesen Mann. Seht dies als eure Bewährungsprobe an.

Er nickte demütig. Innerlich war er aufgewühlt. Verfluchte Scheiße! Wenn er die Aussage des Alten richtig deutete, war einer der Attentäter vom Pulverturm noch am Leben. Er musste beseitigt werden. Fast schon wollte er fragen wie dem Attentäter zu verfahren sei, doch er biss sich auf die Zunge.

Ihr vermutet richtig, erwiderte der alte Mann seine Gedanken und öffnete seinen Mund zu einem grotesken Lächeln. Francois hasste ihn dafür und fragte sich, woher er das wusste. Wieder so eine Sache die den alten Mann unheimlich machte. Man erkannte, dass der Alte es mit der Zahnpflege nicht gerade übertrieb. Wozu auch, er hätte in einem pinken Brautkleid vor die Bruderschaft treten können. Die Mitglieder wären dennoch vor Angst wie gelähmt und würden jedem seiner Anweisungen folgen.

Noch ...

Er verneigte sich erneut wortlos zum "Dank". Einige der Brüder wendeten sich zum Gehen als die Stimme des Alten erneut ertönte und die Männer in den Kapuzengewändern wie erstarrt stehen blieben und sich umwandten.

Eine Kleinigkeit noch,  sprach der alte Mann leise, ... Einer unser alten Feinde ist erwacht meine Brüder.  Noch weiß ich nicht ob es sich um ein Albenkind handelt und ob eines dieser Geschöpfe diese Welt betreten hat, doch bitte ich euch wachsam zu sein.

Die Brüder nickten betreten und wandten sich um. Kein Wort der Begrüßung, kein Wort zum Abschied. Schnell und effizient. Ohne die eigene Identität preis zu geben. So waren es immer gewesen, dass hatte ihn auch anfänglich gereizt.

Die letzten Worte hatten ihn verunsichert - ein Albenkind - wollte er ihnen Angst machen? Sie waren doch keine kleinen Kinder mehr, doch was wenn er Recht hatte? Er nagte an seiner Oberlippe. Soviel war ungewiss.


Therdavans Schatten

Pierre genoss die wärmende Nähe des prasselnden Kamins. Das Feuer erhellte den Wachraum mit orangenem Licht und ließ flackernd, sich bewegende Schatten wie Wesen aus einer anderen Welt  auf den Wänden erscheinen. Mit seinen Zähnen zog er den Korken aus der dunklen Flasche und ließ den billigen, wohlschmeckenden Wein seine Kehle hinunterlaufen.

Entspannte Momente wie diese ließen ihn die Banalität und die Anstrengung des Tages vergessen.  Auch seine Einheit hatte bei den Löscharbeiten mitgeholfen, denn die Explosion des Pulverturms hatte weite Teile von Aniscans in Brand gesetzt. Fast wäre das Feuer auf die Bereiche des hohen Klerus übergegriffen, doch glücklicherweise waren jetzt die meisten Brände gelöscht.  Man munkelte das es die Mandriden waren, doch das war nicht zu beweisen.

Sein Blick wanderte im Raum hin und her. Sein schwarzes Barett mit dem Emblem lag auf einem Stuhl neben ihm. Das Emblem zeigte einen roten dreieckigen Schild, in dessen mitte ein schwarz-grauer Baum hervorragte, das Symbol der Bewahrer.  Er war stolz zu den Bewahrern zu gehören, auch wenn er als Stadtwache nur zu den untersten Rängen gehörte.  Eigentlich hätte sein Barett auf seinem Kopf sitzen müssen, aber er war zu müde sich zu strecken und sie aufzusetzen und trank schulterzuckend noch etwas Wein. Wozu auch, das dumme Ding aufsetzen, schließlich war er außer Dienst und er dachte gar nicht daran das zu ändern. Ob aus einem letzten Funken von Pflichtbewußtsein oder einfach aus schlichter Gewohnheit hatte er seinen Halfter mit der neuartigen Pistole noch nicht abgelegt.

Diese Waffe war aber auch ein Schmuckstück und er und seine Einheit gehörten zu den wenigen die solche Waffen besaßen. Bisher waren diese nur dem hohen Klerus und oberen Heerführern verfügbar gewesen. Doch die Zeiten ändern sich bisweilen. Unruhe und der Geist der Freiheit hatte die Herzen des Volkes entflammt,  selbst einfachere Schusswaffen waren fast für Jedermann bezahlbar geworden - da hieß es aufrüsten.

Er konnte die einfachen Menschen verstehen. Die Gewinne aus den Kolonien, gingen primär in die Tasche der Händler und des hohen Klerus, dies sorgte für Unmut. Der organisierte Widerstand der Ureinwohner war ärgerlich, aber es gab hier und dort ein paar Ecken, in denen man mit geschickten Handel große Gewinne erzielen konnte.  Die Korruption erreichte eine neue Blüte, aber auch Armut und Ausbeutung hatten zugenommen. Man munkelte gar das in einige Landstrichen die Sklaverei geduldet wurde, besonders in der Neuen Welt. Doch es gab eine Sache die die Machthaber fürchteten.

Die Gedanken von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit geisterten in diesen Tagen in den tjuredgläubigen Ländern wie ein düsteres Gespenst, das selbst den Kirchenobersten, den Heptarchen, das Fürchten lehrte.

Er seufzte und nahm noch einen Schluck. Auch er kam aus einfachen Verhältnissen, doch nun war er immerhin Leutnant der Stadtwache in Aniscans.  Es ging ihm nicht schlecht und vielleicht sollte man sich mit dem begnügen was man hatte?

Als wollte das Feuer auf sich aufmerksam machen, knackte es lautstark und Pierre sah, dass es drohte herunterzubrennen. Ächzend erbarmte sich der Wachmann und angelte ohne aufzustehen einen dicken Ast von einem Stappel und warf ihn ins Feuer. Prasseln erfüllte den Raum und sein Capitano schmunzelte ihm zu und erhob nun seinerseits eine dunkle Flasche billigen Weins und prostete ihm zu.

Salute!

Salute, hörte man die gemurmelte Antwort aus den Kehlen der Anwesenden. In solchen Momenten konnte der den Capitano mit dem roten Vollbart fast leiden. Der Drusnier konnte ein ziemliches Arschloch sein, einer verdammter Sklaventreiber. Aber es gab bei weitem Schlimmere.

Das Leben war schön ... und als würde das Schicksal es ihnen missgönnen, knarrte die Eingangstür und eine in einen dunklen Umhang gehüllte Gestalt trat ein.

Arbeit, er seufzte innerlich. Doch sein Capitano erbarmte sich und stand auf. Pierre hätte ihn hierfür küssen können und reckelte sich gemütlich auf seinem Stuhl.

Was kann ich für euch tun, Monsieur?, fragte sein Vorgesetzter mit seinem drusnischen Akzent.

Wortlos stellte die Gestalt etwas ab und es ertönte ein metallisches "Ksang". Verwundert spähte Pierre mit einem Auge und erkannte, dass dort ein Farbeinmer abgestellt wurde. Ein neuer Anstrich, so so. Gelangweilt schloss er die Augen, als ein metallisches "Plong" ihn aus seinen Träumen riss. Die immernoch schweigende Gestalt hatte eine metallene Scheibe neben sich fallen lassen. Pierre wurde gewahr, dass sein Capitano langsam seine Hand auf seine Waffe legte.

Was kann ich für euch tun, Monsieur?, wiederholte jener seine Frage mit Nachdruck.

Wortlos schlug die Gestalt seinen Umhang zurück. Anstatt eines Gesichtes war nur Schwärze zu erkennen und ein Waffengurt wurde sichtbar, der von den beiden Schultern zu den Hüften hinabführte und sich auf der Brust überkreuzte.

Dieser Typ war eindeutig bewaffnet! Reaktionsschnell zog sein Capitano die Waffe und legte an.
Während Pierre seinerseits aufsprang, schienen seine Sinne geschärft und alles schien plötzlich unendlich langsam abzulaufen. Die Gestalt beschrieb eine herrische Geste und die Bewegungen des Capitano kamen zum erliegen, ohne das er einen Schuss abgefeuert hatte.

Einzig ein beängstigendes Röcheln war zu vernehmen als der Drusnier langsam in die Knie ging. Für einen kurzen Moment starrten die übrigen Wachleute wie gelähmt auf ihren Vorgesetzten. Dann stürmten zwei der Wachen mit Gewehren und aufgesetzten Bajonetten auf den Mörder zu.
Fast lässig wich die Kapuzengestalt den Stößen der Bajonette aus, zog innerhalb eines Augenschlages zwei kurze Schwerter hervor, drehte sich sich um seine eigene Achse und traf die beiden Angreifer in Höhe der Kehle.

Pierre schoss. Wie ein Berserker er legte die Hand an den Abzugshahn und feuerte sechs mal. Das Klicken der leeren Waffe hallte noch mehrmals im Raum. Die Gestalt krümmte sich unter den Geschossen. Das konnte er nicht überlebt haben!

Jetzt geb ich dir den Rest, er fingerte nach einer Patrone an seinem Gurt und lud die Pistole. Ein letzter Schuss würde es beenden. Dieser verfluchte Mörder ... er hatte sie einfach ... nicht daran denken, Pierre.

Er legte an und zielte. Ein leises Sirren drang an sein Ohr und plötzlich hatte er einen metallischen Geschmack auf der Zunge und ging in die Knie. Er versuchte die Hand zu heben und abzudrücken!

Doch sein Arm hing leblos an seiner Seite. Mit den Augen erfasste er Etwas silbernes, das aus seinem Hals ragte. Er konnte nicht richtig atmen! Langsam wurde sein Blick rot. Nicht nach vorne fallen, waren seine letzten Gedanken und mit seiner letzten Kraft, schaffte er es auf die Seite zu fallen. Stille setzte ein, dann erklangen leise Schritte. Scharren. Etwas wurde aufgehoben. Pierre wagte nicht zu atmen. Dann sah er einen braunen ledernen Stiefel, so nah vor ihm. Er schloss die Augen. Die Schritte entfernten sich. Der Mörder musste nun an der großen Wand, am Ende des Raumes angekommen sein. Erneut ein leises Scharren.

"Schatten" legte die Schablone auf die Wand am äußersten Ende es Raumes. Hier würden es alle sehen! Er ergriff den breiten Pinsel und strich mit der roten Farbe über die Schablone. Dann nahm er die metallene Scheibe von der Wand und betrachtete sein Werk. Das Symbol zeigte zwei sich verkeilende Äxte, die gemeinsam eine Rose bildeten. Die Blutrose, das Symbol der Mandriden!


Die Schritte entfernten sich, dann knarrte die Tür. Pierre wagte wieder zu atmen. Röcheln drang aus seiner Kehle und sein Mund fühlte sich mit Blut, doch wenigstens bekam er Luft. Verdammt, er war noch am Leben. Schlecht gezielt, dachte er bei sich, ein bitteres Lächeln auf den Lippen.

Dann wurde es schwarz.